Aufgeweckt & Naiv: Alternative Medien und Berichterstattung einmal anders

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Christian Jakob
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Aufgeweckt & Naiv: Alternative Medien und Berichterstattung einmal anders
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Aufgeweckt & Naiv

Alternative Medien und Berichterstattung einmal anders

YouTube, Twitter, Podcast, Facebook - diese Verbreitungs-Plattformen zu nutzen ist das eine. Sie gezielt und positiv an den (Des)-Interessierten zu bringen eine andere. Aufgrund der vielen Anbieter in alternativen Medienbereichen verliert man schnell den Überblick, besonders hinsichtlich Qualität, Themen und Aufmachung. Wer sich in diesem Sammelsurium behaupten möchte, muss hervorstechen, auffallen, originell sein.

jung_und_naiv_tilo_jung_alexander_theiler_hans_huett_kritisches_netzwerk_alternative_medien_podcast_politik_fuer_desinteressierte_malchin_crowdfunding_naive_fragen_gespraechstaktik.pngTilo Jung, im Oktober 1985 in Malchin (Mecklenburg-Vorpommern) geboren, ist jemand, der mit seinen verschiedenen Formaten auffällt und dabei "unterhaltend und informativ" heraussticht. Und das auf eine Art und Weise, die einzigartig erscheint.

Angefangen hat alles im Jahr 2011. Nach abgebrochenem Studium in Betriebswirtschaft und Jura trat Jung als freier Mitarbeiter bei Radio Eins (RBB) zum ersten Mal in Erscheinung. Als Radioreporter war er für Interviews und Reportagen über Social Media und internationale Politik zuständig. Hier benutzte Jung schon sein typisches Frageformat, in dem er seinem Motto folgte: “Fragt Deutschlands VIPs alles”. Ob es nun um politische Einstellungen, um den Beruf, Gedanken zu gesellschaftlichen Themen oder um die Ausbildung des jeweiligen "Prominenten" geht - die Art und der Umfang solcher Fragestellungen in Interviews ist einfach eine andere.

Aus dieser Idee machte Jung zusammen mit Alexander “Tyler” Theiler und dem freien Autor Hans Hütt ein eigenständiges Format. Unter dem ursprünglichen Titel "Jung & Naiv - Politik für Desinteressierte" startete die erste Sendung auf der Plattform YouTube im Februar 2013. Erster Interviewgast war Falk Steiner vom Deutschlandfunk. Schon Ende Februar begrüßte man die ersten bekannteren Politiker in der Interviewreihe. Mit Dorothee Bär (CSU) behandelte man das Thema Betreuungsgeld und mit Volker Beck (Bündnis90/die Grünen) unterhielt man sich über die Homo-Ehe.

Das Format wurde schnell ausgeweitet und verlängert. Dauernden Interviews aufgrund technischer Defizite anfangs nur 10 - 12 Minuten, sind mittlerweile Gespräche von 60 Minuten keine Seltenheit mehr. Beim ersten Besuch auf einem Parteitag der FDP konnte man Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Wolfgang Kubicki als auch Frank Schäffler für Gespräche begrüßen. Als erstes politisches Schwergewicht und gleichzeitiger Kanzlerkandidat konnte man Peer Steinbrück (SPD) für ein Interview gewinnen.

► Wer bist du und was machst du?

Sämtliche Interviews setzen sich allerdings in ihrer Durchführung von "politischen Gesprächen" in den anderen Medien ab. Jung führt die Gespräche aus Sicht eines naiven und unvoreingenommenen 14-jährigen, verzichtet dabei bewusst auf sämtliche räumliche und sprachlich formale Distanz, in dem er alle Gäste formlos “duzt”. Ebenso wurde es zur Auflage gemacht, auf Fremdworte zu verzichten und Fachbegriffe von Grund auf durch den Gast erklären zu lassen, sofern er solche benutzt. Somit ergibt sich in erster Linie ein viel (barriere-)freieres Gespräch.

Besonders bei den professionellen Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Medien führt diese Gesprächstaktik zum umdenken, weil einstudierte formale Sätze in ihrer ganzen Art aufgebrochen werden und neu sortiert werden müssen. Dadurch geraten einige Vertreter das ein oder andere Mal leicht aus ihrem “einstudierten” Konzept, was sich allerdings mit jedem weiteren Fortschritt im Gespräch bemerkbar verändert und die Gäste zum Ende hin das Gefühl haben, überhaupt nicht in einem "Interview" zu sein, sondern in einem unbeschwert lockeren zwischenmenschlichen "Gespräch". Somit kommen auch schon mal kleinere "Geheimnisse" und amüsante Anekdoten über die Gäste zu Tage, wenn sie ins Plaudern geraten.

Das Konzept Jung & Naiv geht allerdings noch einen Schritt weiter, in dem sie teilweise vor Ort Interviewpartner zu Gast haben. Im März 2014 reiste das Team erstmalig 16 Tage in die Ukraine, um sich ein eigenes Bild von den Maidan-Protesten und der Krimkrise zu machen. Zu Wort kamen unter anderem Andrij Sadowyj (Bürgermeister von Lwiw), Artem Skoropadskyj (Rechter Sektor), Anton Davidchenko (Anti-Maidan-Bewegung), Yuriy Syrotyuk (Swoboda Partei), als auch Vertreter der Krimtataren und des Krankenhauses am Maidan.

Anlässlich der Europawahl 2014 reiste man nach Griechenland, Spanien und Italien und berichtete über die dortigen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Probleme. Während des Gaza-Konfliktes 2014 wurde eine weitere Interviewreihe in Israel und Palästina aufgenommen. Dort traf das Team auf Vertreter der israelischen Politik und des Militärs, aber auch auf Aktivisten beider Seiten und Stellvertreter palästinensischer Organisationen. Weitere international bekannte Interviewpartner waren unter vielen weiteren Yanis Varoufakis (Ex-Finanzminister Griechenlands), Oliver Bäte (Vorstandsvorsitzender Allianz), Glenn Greenwald (US-Journalist, Blogger und Hauptautor der publizistischen Website The Intercept und Noam Chomsky (Professor am MIT, Buchautor und einer der weltweit bekanntesten linken Intellektuellen und seit den 1960er Jahren einer der prominentesten Kritiker der US-amerikanischen Politik).  

Und so war es auch nur eine Frage der Zeit, bis das Format "Jung & Naiv" mit seiner erste Auszeichnung gewürdigt wurden. 2014 erhielten Tilo Jung, Alexander Theiler und Hans Hütt in der Kategorie “Information” den begehrten Grimme Online Award. Der Grimme Online Award ist eine vom Adolf-Grimme-Institut seit 2001 vergebene Auszeichnung für publizistische Qualität im Internet. Der Preis wurde zunächst in wechselnden Kategorien vergeben, seit 2005 gibt es drei Standardkategorien: „Information“, „Wissen und Bildung“ und „Kultur und Unterhaltung“. Moderator Jörg Thadeusz bezeichnet Thilo Jung in seiner Laudatio scherzhaft als hinterhältigen, bösen Kinderreporter. In einigen Ausschnitten aus den geführten Interviews wird beleuchtet, warum das Format so anders ist. Ob Frau Merkel in einer BPK gefragt wird “warum sind sie noch Kanzlerin?”, oder ein Peer Steinbrück gefragt wird “warum bist du Kanzlerkandidat?”.

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Im April 2015 wurde das Konzept um ein weiteres Thema erweitert. Unter dem Titel “Aufwachen!” produziert Tilo Jung zusammen mit dem Soziologen, Publizisten und Journalisten Stefan Schulz einen mehrstündigen Podcast. Zweimal wöchentlich diskutieren die beiden Moderatoren über die Berichterstattung in den öffentlich-rechtlichen Medienanstalten, vorrangig über das Nachrichten-Flaggschiff der ARD, den Tagesthemen. In diesem Podcast, der als Audioformat über RSS-feed, Spotify und iTunes, oder als Videoformat auf YouTube empfangen werden kann, begrüßen Jung und Schulz in regelmäßigen Abständen auch Georg Restle (Monitor) oder Hans Jessen (Radio Bremen & ARD-Hauptstadtstudio).

Ein schönes und lustiges Gimmick in dieser Sendung sind die beiden Soundboards von Jung und Schulz, die einzelne Schlagwörter mit in die Unterhaltung fließen lassen, die in den Berichterstattungen der ARD oder den Interviews von Jung & Naiv von den jeweiligen Gästen entnommen wurden. Darunter finden sich sogenannte "Catchphrases" (Schlagworte) von Angela Merkel (“Wichtig und richtig”), Winfried Kretschmann (“Es gibt den sauberen Diesel, dass ist gar keine Frage”) oder Andrea Nahles (“Und ab morgen kriegen sie in die Fresse”).

tilo_jung_und_naiv_medienportal_alternative_freie_kritische_medien_nachrichtenportale_kritisches_netzwerk_podcast_podcaster_crowdfunding_alexander_theiler_hans_huett_kinderreporter.jpgFür ein Novum in der deutschspr. Medienberichterstattung, welches bis heute gilt, sorgte Jung & Naiv, als man im September 2015 zum 1. Mal eine komplette Bundespressekonferenz in Bild und Ton aufzeichnete u. als Video online stellte. Seitdem findet diese Aufzeichnung regelmäßig mehrmals in der Woche statt, wobei dort auch von Tilo Jung Fragen an die Pressesprecher der jeweiligen Ministerien gestellt werden. Hier bedient man sich allerdings der üblichen Förmlichkeit und Distanz in der Anrede. Aufgrund der teilweise direkten Fragestellung Jungs sorgt dies das ein oder andere Mal für Augenrollen, Kopfschütteln oder Erstaunen in den Gesichtern der befragten Vertreter. Tilo Jung als journalistische Person ist dabei keinesfalls unangenehm, dafür umso mehr seine z.T. nachbohrenden Fragen. In einzelnen Fällen sorgt dies auch schon mal dafür, das sich Pressesprecher der Ministerien untereinander den Ball zuzuspielen und somit versuchen, einer konkreten Beantwortung der Frage aus dem Weg zu gehen.

Das gesamte Konzept von Jung & Naiv wird durch Crowdfunding, sprich Spenden, finanziert und betrieben. Je nach Höhe der finanziellen Unterstützung besteht für jeden die Möglichkeit, entweder im sogenannten 1%-Club als Präsentator oder als Produzent genannt zu werden. Im Abspann der Interviewreihe Jung & Naiv werden sämtliche Unterstützer namentlich aufgelistet, im Audio-Podcast Aufwachen! wird vor Beginn der Sendung jeder Spender namentlich als Danksagung erwähnt. Ziel war und ist es, jüngere Menschen für Medien, Nachrichten und Politik abseits der großen Medienportale und Sendungen zu begeistern. Dabei schaut man den Protagonisten der ARD nicht nur peinlich genau auf die Finger, sondern nimmt sich auch kritisch deren Rhetorik und dem redaktionellen Teil an, was in Verbindung der erwähnten Soundboards manchmal zu sehr amüsanten und lustigen Passagen führt.

Fazit: Die genialen Macher von Jung & Naiv liefern eine sehr kompetente und sehr ehrliche Arbeit, die sich zwischen Mainstream und außerhalb der allgemeinen Berichterstattung wiederfindet. Durch die Vielzahl prominenter Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Medien zeigt sich, das die Arbeit des Teams auch ein gewisses Ansehen genießt. Alle Interviews werden ungeschnitten veröffentlicht, wenn nicht gerade äußere wetterbedingte oder persönliche Umstände wie ein kurzer Besuch des stillen Örtchens für einen Cut sorgen. So naiv und aufgeweckt die Jungs auch vorgehen, betreten sie dabei nie den Bereich des Klamauk oder der Unseriösität. Erfrischend anders, und in einem teilweise ganz anderem Licht kann der Zuschauer bzw. Zuhörer dabei erfahren, wie die Denker und Lenker der oberen Riege ticken. Weiter so, und um es mit den Worten von Innenminister Thomas De Maiziere zu sagen “Das ist gut für unser Land”.

Christian Jakob

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► Bild- und Grafikquellen:

1. Jung & Naiv ist eine regelmäßig ausgestrahlte politische Interview-Sendung. Die erste Folge erschien unter dem ursprünglichen Titel Jung & Naiv – Politik für Desinteressierte am 7. Februar 2013 bei YouTube. Seit 28. Mai 2013 werden Inhalte des Formats auch auf Facebook veröffentlicht. ACHTUNG: Die Verwendung der Abbildung (LOGO, Profilbild b. Facebook) im Kritischen Netzwerk dient nur zu dokumentarischen Zwecken, die Bildrechte daran verbleiben beim Rechteinhaber! Quelle: Flickr-Account von Jung & Naiv >> https://www.facebook.com/jungundnaiv .

2. Grimme Online Award 2014 - Roter Teppich. Empfang vor der Preisverleihung zum Grimme Online Award 2014. Alexander Theiler, Tilo Jung und Hans Hütt (v.l.) - das Team unseres Preisträgers Jung & Naiv. Foto: Grimme-Institut / Jens Becker. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 2.0 Generic (CC BY-NC-ND 2.0). Foto zur Berichterstattung im Zusammenhang mit dem Grimme Online Award und über seine Nominierten / Preisträger bei Nennung des Rechteinhabers kostenfrei verwendbar. Eine technische Bearbeitung des Fotos (Größenänderung / Beschnitt) ist gestattet, Verfremdung nicht. Webseite des Grimme-Instituts >> http://www.grimme-institut.de/ .

3. Tilo Jung (Jung & Naiv) hinter den Kulissen der Jugendmedientage 2015. Foto: Fabian Jäger. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung 2.0 Generic (CC BY 2.0).