Das deutsche Wirtschaftswunder und die Mont-Pelerin-Gesellschaft (MPS)

1 Beitrag / 0 neu
Bild des Benutzers Christian Jakob
Christian Jakob
Offline
Beigetreten: 18.02.2017 - 20:24
Das deutsche Wirtschaftswunder und die Mont-Pelerin-Gesellschaft (MPS)
DruckversionPDF version

Das deutsche Wirtschaftswunder

und die Mont-Pèlerin-Gesellschaft (MPS)

ludwig_erhard_wohlstand_fuer_alle_neue_soziale_marktwirtschaft_wirtschaftswunder_wettbewerb_massenkaufkraft_ordoliberalismus_kritisches_netzwerk_mont_pelerin_society_die_waage.jpgHitler-Deutschland lag in Schutt und Asche. Die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg war geprägt von Armut, Hunger und Arbeitslosigkeit. In dieser Zeit wurde ein Mann zur Symbolfigur für das Wirtschaftswunder in der noch jungen Republik. Ludwig Erhard (CDU) war Wirtschaftsfachmann und blickte auf eine hervorragende Ausbildung in diesem Bereich zurück. Durch sein Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Frankfurter Universität promovierte er unter Franz Oppenheimer und bekam den Doktortitel.

Zur damaligen Zeit war Erhard besonders von den Wirtschaftstheorien Walter Eucken angetan und kam somit zum ersten Mal mit dem gedanklichen Gut der bis dato noch nicht gegründeten Mont Pèlerin Society (MPS) in Berührung. Ebenso wie seine späteren Berater Wilhelm Röpke, Leonhard Miksch und Alfred Müller-Armack, die er alle in der MPS wieder treffen würde.

Nach der Bundestagswahl 1949 wurde er von Bundeskanzler Konrad Adenauer in die Position des Wirtschaftsministers beordert. Zu der Zeit war Erhard ebenso wie seine damaligen Brüder im Geiste Miksch und Müller-Armack Mitglied bei der MPS [1] geworden, nachdem diese von Eucken und Röpke 1947 in der Schweiz unter der Führung vn Friedrich August von Hayek und Milton Friedman mitgegründet wurde. Aufgrund der weit verbreiteten Skepsis in der deutschen Bevölkerung gegenüber dem neuen Wirtschaftsmodel der sozialen Marktwirtschaft, suchte man in den Arbeitgeberverbänden nach Lösungen. Weg von der weitaus viel besser akzeptierten und angewendeten Planwirtschaft.

Es dauerte keine 3 Jahre bis Ludwig Erhard seine Unterschrift unter ein Schreiben setzte, das an damalige Unternehmer gerichtet war um eine neue Ära in der bis dato immer noch maroden deutschen Wirtschaft einzuläuten. Aus den Reihen des "Bund Katholischer Unternehmer" (BKU) wurde Erhards Vorstellung von einer sozialen Marktwirtschaft gezielt als Initiative verbreitet und so verständigte man sich 1952 auf die Gründung des Vereins „Die Waage“.

Von Anfang an befanden sich Geschäftsführer und Firmenbesitzer aus den Bereichen Chemie-, Pharma-, Tabak- und Energie in diesem auserwählten Kreis der Unterstützer. So unter anderem Unternehmer und Manager der Firmen BAYER, HOECHST, BASF, weiter über REEMTSMA und BRINKMANN bis zum Generaldirektor der RHEIN-ENERGIE. Lediglich die Unternehmer aus der Bergbau- und Schwerindustrie blieben dieser Initiative fern. Da Erhard durch frühere Zusammenarbeit mit der amerikanischen Besatzungsmacht sich mit dem neuen Prinzip von US-Werbekampagnen auskannte und diese zu nutzen wusste, suchte man für die Verbindung „die Waage“ dementsprechende Fachleute.

ludwig_erhard_cdu_konrad_adenauer_wohlstand_fuer_alle_soziale_marktwirtschaft_wirtschaftswunder_massenkaufkraft_ordoliberalismus_kritisches_netzwerk_mont_pelerin_society_die_waage.jpgIn der Person von Elisabeth Noelle-Neumann fand man genau die richtige Person, die durch Meinungsumfragen Daten zusammentragen und auswerten konnte. Sie gründete 1947 mit ihrem Ehemann das "Institut für Demoskopie in Allensbach" (IfD Allensbach), und führte dieses Institut bis zu ihrem Tod 2010. Durch diese Zusammenarbeit erschuf man eine bis heute unvergleichbar angelegte Werbekampagne für das Model der sozialen Marktwirtschaft, die ganze 13 Jahre lang, von 1952 bis 1965, durch den Verein „die Waage“ andauerte. Sie gilt bis heute zur größten und längsten politischen Kampagne in Deutschland.

Unter anderem bediente man sich bei diesen Kampagnen durch Kurzfilme, die in Kinos und Fernsehen ausgestrahlt wurden. Die Frankfurter Werbeagentur „Gesellschaft für Gemeinschaftswerbung“ (GfG) wurde beauftragt, mit Handzeichnungen von Vicco von Bülow (Loriot) und textlich in Reimform durch Eugen Roth verfasst und gesprochene Filme zu produzieren. Dabei zielte man in einem Belehrungsstil auf das Publikum ab, das fast indoktriniert immer wieder die gleichen Wortspiele und Aussagen zu hören und zu sehen bekam.

So ist der Mensch, wie man hier sieht, stets selber seines Glückes Schmied. Anstatt mit leerer Hand zu trollen, schöpft er nun aus dem Vollen. Schafft was er will, aus eigener Kraft, in der sozialen Marktwirtschaft“. [2] Die Botschaft der Filme lautete immer in etwa: Konzentriere dich auf die Schule (Bildung), wähle danach den Beruf, den du möchtest, der ist am Anfang vielleicht nicht gut bezahlt, aber mit Fortbildungen, Sparsamkeit und Bodenständigkeit schaffst du es letztlich, wohin du nur willst. Fernhalten hingegen sollte man sich vom Glücksspiel und jeglicher Form von „Organisation“.

Dieses gebetsmühlenartige Mantra der Industrie wurde rauf und runter gespielt, bis die deutsche Bevölkerung überzeugt davon war, das diese neue Wirtschaftsform Sinn machen würde. Der Grundstein für das deutsche Wirtschaftswunder war gelegt und nahm seinen Lauf, während man gleichzeitig gegen Gegner wie die SPD und den DGB schoss. Nebenbei gründete sich 1953 durch das damalige MPS-Mitglied Alexander Rüstow, der ein weitaus größerer liberaler Anhänger der Lehren Hayeks war als Erhard, die "Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft" (ASM). Somit bekam die von „die Waage“ verbreitete Kampagne noch weiteren Rückenwind, wobei die ursprüngliche Intention der ASM nur darin lag, den Wahlkampf zur Bundestagswahl 1953 und 1957 von Erhard zu unterstützen. Den Umstand nahm man natürlich gerne mit und baute die Propaganda der sozialen Marktwirtschaft weiter aus.

Die anfänglichen Erfolge gaben Erhard ja auch augenscheinlich Recht. Die Arbeitslosigkeit sank, ebenso wie die Armut, Häuser wurden gebaut, die Wirtschaft boomte, was aber zur damaligen Zeit auch nicht verwunderlich gewesen ist, da Deutschland wieder aufgebaut werden musste und es somit jede Menge Möglichkeiten von Beschäftigung gab. Die Durchsetzung der sozialen Marktwirtschaft brachte als Nebeneffekt Reformen mit sich, die in den Augen Erhards alles andere als vorteilhaft gewesen sind. Zwischen Adenauer und Erhard kam es immer mehr zum offenem Streit, weil Erhard unter anderem das Umlageverfahren der Rente für absolut falsch hielt und dies auch so oft er konnte in der Öffentlichkeit äußerte.

ludwig_erhard_konrad_adenauer_neue_soziale_marktwirtschaft_wirtschaftswunder_kritisches_netzwerk_wohlstand_fuer_alle_mont_pelerin_society_die_waage_allensbach_bund_katholischer_unternehmer.jpg

Nachdem Adenauer 1963 wegen der „Spiegel-Affäre“ zurücktrat, wurde der „Macher“ Erhard zum Bundeskanzler gewählt. Ab da ging es mit der politischen Karriere Erhards steil nach unten. Die Rezession von 1965/66 und die damaligen von US-Präsident Lyndon B. Johnson eingeforderten Besatzungskosten gegenüber Deutschland, führten die deutsche Wirtschaft in eine tiefe Krise, mit stark ansteigenden Arbeitslosenzahlen. Aufgrund der Situation musste die CDU bei den Landtagswahlen herbe Verluste hinnehmen, und dies sorgte letzten Endes dafür, das selbst die Bundestagsfraktion der Union sich gegen Erhard und für Kurt Georg Kiesinger entschied. Im Dezember 1966 trat Ludwig Erhard dann als Bundeskanzler zurück.

Durch die steigenden Belastungen der Sozialkassen sah man sich von Seiten der Politik, Industrie und Wirtschaft gezwungen, liberalere Wege einzuschlagen. Um diese Idee umzusetzen, musste erneut eine Kampagne her. Dies geschah unter anderem mit dem Grundsatz- und Aktionsprogramm der BKU [3] im Jahr 1971, indem man sich zur Weiterentwicklung der sozialen Marktwirtschaft äußerte und verfolgte. Die BKU beteiligte sich auch 1976 während der diktatorischen Führung unter Augusto Pinochet in Chile an Seminaren und Weiterbildungen im Sinne der sozialen Marktwirtschaft mit Unterstützung der "Konrad-Adenauer-Stiftung" (KAS) [4], die man als Erfolgsmodell nach Südamerika exportiert hatte. Die ASM wurde das inoffizielle Sprachrohr der Wirtschaft und erweiterte seinen Einfluss über den "Bundesverband der deutschen Industrie" (BDI) bis in die heutige Zeit.

gerhard_schroeder_agenda_2010_hartz_iv_altersarmut_kinderarmut_bedingungsloses_grundeinkommen_mindestlohn_sozialabbau_neoliberalismus_kriegsverbrecher_jugoslawien_voelkerrecht.jpgDas Konzept solcher Kampagnen wie die „der Waage“, hatte sich bewährt und durch die Verflechtungen unter den einzelnen Interessenverbänden und Vereinen wurde auf diesen Erkenntnissen und Basis „der Waage“, die man in diesem Sinne als Vorreiter-Organisation betrachten kann, im Jahr 1999 die berolino.pr GmbH gegründet, die die Reform „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ (INSM) ins Leben rief. Alleingesellschafterin der berolino.pr/INSM GmbH ist das "Institut der deutschen Wirtschaft Köln e.V." (IW) [5]. Eine neue Kampagne, mit fast den gleichen Vertretern aus Erhards Zeiten.

Neben dem Arbeitgeberverband der Metall- und Elektroindustrie fanden sich Vertreter der BKU, des ASM als auch der früheren „die Waage“ und MPS-Mitgliedern wie Randolf Rodenstock, Karl-Heinz Paqué (FDP), Joachim Starbatty (ASM) oder Gerhard Fels (IW) in dieser Kampagne wieder, mit dem Ziel, einen neuen Vertreter dieser neoliberalen Wirtschaftsform auf dem Kanzlerstuhl zu beraten und zu beeinflussen – Gerhard Schröder (SPD).

Als Zusammenschluss für eine weitere Wirtschaftskampagne wurde 2008 die Jenaer Allianz gegründet. Und auch hier ergibt sich wieder das gleiche Bild. Darin befinden sich ebenso Vertreter aus BKU, ASM und INSM wieder, unterstützt und in Zusammenarbeit mit Vertretern der Wilhelm-Röpke-Stiftung, der Ludwig-Erhard-Stiftung, der "Konrad-Adenaur-Stiftung", der "Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft e.V." und dem "Institut für Wirtschaftspolitik" der Leipziger Universität. Wieder eine Wirtschaftskampagne, dieses Mal für die Einflussnahme auf Kanzlerin Angela Merkel (CDU). Und bei allen Kampagnen ist ein Verhältnis gleich geblieben. Von 1952 bis heute beziehen diese Kampagnen, wer hätte es gedacht, immer noch demoskopische Daten und Umfragewerte vom "Institut für Demoskopie Allensbach".

Christian Jakob

_______________

pin_green.gif  Lesetipps:

"Vor hundert Jahren wurde der spätere erste Kanzler der BRD zum Kölner OB gewählt" von Werner Rügemer >> weiterlesen.

"Die offenen Feinde und ihre Gesellschaft - Eine hegemonietheoretische Studie zur Mont Pèlerin Society"  v. Bernhard Walpen >> PDF-Anhang weiter unten.



► Quellenangaben: 

[1] Frankfurter Allgemeine 30.08.2008 (Philip Plickert)

[2] Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv Köln

[3] Webseite der BKU

[4] Webseite der BKU

[5] Lobbycontrol

► Bild- und Grafikquellen:

1. Dr. Ludwig Erhard sein Buch "Wohlstand für Alle". Es erschien 1957. In diesem populärwissenschaftlich geschriebenen Titel legte der damalige Bundeswirtschaftsminister der regierenden CDU seine Vorstellungen zur Sozialen Marktwirtschaft dar. >> weiterFotograf: Doris Adrian. Bundesarchiv, B 145 Bild-F004204-0003. Quelle: Wikimedia Commons. Dieses Bild wurde im Rahmen einer Kooperation zwischen dem Bundesarchiv und Wikimedia Deutschland aus dem Bundesarchiv für Wikimedia Commons zur Verfügung gestellt. Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland“ lizenziert.

2. Bundeskanzler Konrad Adenauer und Wirtschaftsminister Dr. Ludwig Erhard auf einem CDU-Plakat zur Bundestagswahl 1961. Urheber: CDU. Genehmigung: Archiv für Christlich-Demokratische Politik (ACDP).  Künstler_Grafiker: Werbeagentur Dr. Hegemann GmbH. Objekt-Signatur: 10-001: 955. Quelle: Wikimedia Commons. Diese Datei wurde Wikimedia Commons freundlicherweise von der Konrad-Adenauer-Stiftung im Rahmen eines Kooperationsprojektes zur Verfügung gestellt. Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland“ lizenziert.

3. Ludwig Erhard (links) und Konrad Adenauer (rechts) im Gespräch beim 10. CDU-Bundesparteitag, 24.04.1961 - 27.04.1961. Urheber: CDU, Fotograf: Paul Bouserath. Genehmigung: Archiv für Christlich-Demokratische Politik (ACDP). Quelle: Wikimedia Commons. Diese Datei wurde Wikimedia Commons freundlicherweise von der Konrad-Adenauer-Stiftung im Rahmen eines Kooperationsprojektes zur Verfügung gestellt. Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland“ lizenziert.

4. Altkanzler Gerhard Schröder: 15 Jahre nach dem Überfall der NATO auf Jugoslawien gesteht der deutsche Kriegskanzler Gerhard Schröder Völkerrechtsbruch ein. Und jetzt? Die Verantwortlichen nach Den Haag! Doch nichts passiert. Dieser Lump läuft noch immer frei herum. Auf der Grundlage des Tribunalstatutes dürfen US-Präsident William Clinton, Bundeskanzler Gerhard Schröder, Außenminister Joseph Fischer und Verteidigungsminister Rudolf Scharping sowie die anderen über 600 Angeklagten »Kriegsverbrecher« genannt werden, erklärte Norman Paech gegenüber junge Welt. Beim Krieg der NATO gegen Jugoslawien handelte es sich Norman Paech zufolge um eine Aggression gegen einen souveränen Staat. Diese Aggressionshandlung habe gegen internationales Recht und Normen verstoßen und sei zu keinem Zeitpunkt gerechtfertigt gewesen. >> weiter

Mit der Agenda 2010 und 'Hartz IV' wurde Schröders Name vor allem aber zum Synonym für den sozialen Abstieg von Millionen Menschen. Cartoon: DemokrateZ. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung-Keine Bearbeitung 2.0 Generic (CC BY-ND 2.0).