Erdogan im Erdowahn: Der Unterschied zwischen Schmähung und Schmäh

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Wolfgang Blaschka
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Erdogan im Erdowahn: Der Unterschied zwischen Schmähung und Schmäh
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Erdoğan im Erdowahn

Der Unterschied zwischen Schmähung und Schmäh

Jan Böhmermann hat es versucht zu verdeutlichen, doch scheint es ihm nicht wirklich gelungen: Den Unterschied zwischen Kritik und Schmähkritik zu verdeutlichen ist intellektuell halbwegs anspruchsvoll. Der Kurdenschlächter hat es nicht kapiert und gibt sich beleidigt. Ein Despot fühlt sich gekränkt. Der notorische Unterdrücker der Meinungs- und Pressefreiheit klagt. Der Verächter selbst der Justiz im eigenen Lande nimmt für sich das deutsche historische Relikt des Majestätsbeleidigungs-Paragrafen im Strafgesetz, den verstaubten § 103 StGB in Anspruch, um sich an einem Kabarettisten zu rächen, der ihm zunächst vorhielt, die Presse zu gängeln und missliebige Journalisten einzusperren, die über heimliche Waffenlieferungen seines Geheimdienstes an IS-Terroristen berichtet hatten, der Demonstrationen mit Wasserwerfern und Tränengas auseinanderknüppeln lässt, dessen Gattin generell Frauen im Harem gut aufgehoben wähnt, der die kurdische Bevölkerung im Osten seines Landes bombardiert, aushungern und massakrieren lässt, der gezielt die Islamisierung der Türkei befördert und vorantreibt.
 

Seine von ihm mitgegründete Partei "Adalet ve Kalkınma Partisi" (kurz AKP oder AK Parti) träumt von einer Renaissance osmanischer Verhältnisse. Zu denen gehörte ein bis heute uneingestandener Völkermord an Armeniern samt deutsch-kaiserlicher Komplizenschaft zu Anfang des letzten Jahrhunderts. Der kam in dem Lied "Erdo-wie, Erdo-wo, Erdo-Wahn" noch nicht einmal vor. Weil er nicht in die Amtszeit Erdoğans fiel, sondern in die des letzten Sultans, des sprichwörtlich "kranken Mannes am Bosporus".
 
Dagegen konnte er nichts einwenden, dazu steht er wohl auch. Denn dafür steht Recep Tayyip Erdoğan tatsächlich auch ein: Eine klare Kante von harter Hand gegen jegliche grundsätzliche Opposition, speziell gegen Linke und Kurden. Die Liste seiner Vergehen an der Menschlichkeit und seiner Verbrechen ist so lang wie sein ohne Baugenehmigung ins Naturschutzgebiet gepflanzter Palast überdimensioniert groß ist. Sein Größenwahn wurde ins unermessliche gesteigert durch die Hofierung durch die Europäische Union.
 
Speziell der Kniefall der Kanzlerin vor seiner Macht beflügelte ihn zusätzlich noch zum Menschenhandel unter dem Decknamen des "Flüchtlings-Deals". Sein Ansehen schien ins Unermessliche zu wachsen, seine Selbstherrlichkeit ebenfalls. Das allergrößte ist ihm aber das "Türkentum". Wer das Türkentum beleidigt oder auch nur ankratzt, verschwindet im Kerker. Es gibt tatsächlich ein "Gesetz gegen die Beleidigung des Türkentums" ( Türkisches Strafgesetzbuch - Artikel 301). Man stelle sich vor, in Deutschland existierte ein ähnliches Gesetz wider die Beleidigung des "Deutschtums"! Die Nazis würden jubeln, die USA wären ernsthaft besorgt, Israel zurecht empört.
 

Erdoğan fühlt sich als der oberste Repräsentant der Türkei wohl nicht nur als Privatperson, als Politiker, als Staatsoberhaupt in seiner Ehre gekränkt, sondern vor allem als Türke, als Mann noch dazu, vielleicht auch als Unterhosenträger, wer weiß. Jedenfalls als einer, dem Ehre über alles geht, noch vor der Ehrhaftigkeit. Mit Würde mag das weniger zu tun haben, mit Menschenwürde noch weniger. Den Kurden lässt er sie jedenfalls nicht; deren Menschenwürde tritt er mit Füßen, und nicht nur deren Würde, sondern auch ihre Leiber, ihre Existenz.
 
Es ist allein die Ehre des türkischen Mannes, die für ihn zählt, dessen Ehrwürdigkeit als Oberhaupt der Familie, in der Gesellschaft. Erdoğan ist sauer, dass man in Deutschland und andern Ländern (noch) ungestraft Kritik üben darf an seinem demokratiefeindlichen und menschenrechtswidrigen Treiben. Schon vor dem Strafverfolgungs-Ersuchen auf staatlicher Ebene hat er daher als Privatperson Anzeige erstatten lassen nach der Devise: Doppelt genäht hält besser. Hätte die Bundesregierung anders entschieden, hätte er den Böhmermann eben eine Etage tiefer an den Eiern gekriegt. So aber darf die Staatsanwaltschaft nun zu einem zwischenstaatlichen Politikum ermitteln. Ist "schwul" nach deutscher Rechtslage eine Beleidigung oder vielleicht eine "Ehrabschneidung" für Homophobe?
 
Muss in Deutschland nach deutschem Recht geurteilt werden oder nach türkischem Rechtsverständnis? Alles so Fragen, die nun aufkommen. Kann ein deutsches Gericht über etwas urteilen, von dem gesagt wurde, dass es nicht gesagt werden dürfe, weil es sich dabei nämlich um eine unzulässige Schmähkritik handeln könnte? Beispielsweise der "Ziegenficker": Niemand würde ernsthaft ohne Beweis behaupten wollen, dass Erdoğan der Sodomie huldige. Böhmermann hat es auch nicht getan. Vielmehr wies er darauf hin, dass eben eine solche Unterstellung unstatthaft sei. Erdoğan klagt gegen angebliche Behauptungen, die nie aufgestellt wurden.
 

Erdoğan ist alles andere als ein "Ziegenficker". Das wäre eine unzulässige Verharmlosung bei allem Schmäh. Er vergreift sich an Menschen, sperrt sie ein, lässt sie verurteilen, lässt sie töten. Alles wesentlich schlimmer als die Vorstellung, er schliche sich hin und wieder heimlich auf eine Weide oder in den Ziegenstall. Das würden ihm allenfalls Tierschützer ankreiden. Auch wenn das viele Leute nicht nur unappetitlich, sondern auch moralisch verwerflich finden, bliebe es seine Privatsache. Da es jedoch anscheinend nicht so ist, könnte er da locker drüber stehen, denn auch berechtigte Kritik prallt an ihm ab.

  • Wieso dann nicht eine Wortspielerei, die ausschließlich zu dem Zweck betrieben wurde, den Unterschied zwischen Kritik und Schmähkritik aufzuzeigen?
  • Ist Erdoğan nur "beleidigt", um Druck auf die Bundesregierung auszuüben?
  • Will er zu den 6 Milliarden bis 2018 noch mehr?
  • Schämt er sich nicht, schutzsuchende Syrer an der Grenze abzuweisen oder gar bereits Eingereiste ins verelendete Bürgerkriegsland zurückzuschieben?

Von den zahllosen Verbrechen im Namen des türkischen Staates und seines Präsidenten gar nicht erst im Einzelnen zu reden. Er mag in seiner Eitelkeit angekratzt sein, in seiner Selbstgerechtigkeit ist er es nicht. Sein Motto: Ich herrsche, also bin ich. Ich dulde keinen Widerspruch, also verklage ich. Zwar nehme ich klaglos alle zutreffenden Tatsachen-Vorhaltungen ungerührt hin, doch hier sehe ich mich nun doch geschmäht, wenn einer erklärt, was man nicht unwidersprochen sagen sollte. Ob der das darf, ist mir egal.
 
Erdoğan ist keine "beleidigte Leberwurst", sondern ein Machthaber mit Kalkül. Er klagt gegen alles, was er nicht ist. Nur das, was er ist und was er tut, was er zu verantworten hat als Mann, als Mensch, als Politiker und Staatsoberhaupt, das beklagt er nicht. Dazu müsste er sich nämlich des Erdowahns entledigen, also in letzter Konsequenz seinerselbst. Für einen Möchtegern-Sultan und Hilfs-Kalifen vielleicht etwas zuviel, um seine undemokratische Praxis und seine menschenfeindliche Staatsraison in Frage zu stellen.
 
Wir sollten es allerdings tun, zusammen mit den Kurden und allen Völkern und Volksgruppen, mit allen Menschen, die unter seinem Terrorregime zu leiden haben, gemeinsam nicht zuletzt mit den Türken, selbst mit denen, die im ersten Affekt dem "starken Mann" noch die Stange gehalten haben mochten. Denn auch ihre Menschenwürde ist unteilbar, sowohl hier als auch in der Türkei.

Den antiquierten Ehrbegriff, der sogar Mord im Namen der "Familienehre" zulässt, gilt es zu überwinden und auf den Misthaufen der Geschichte zu werfen wie auch das reaktionäre Erdoğan-Regime. Frei zu denken und zu reden wird auch durch noch so brutale Militär- und Polizeigewalt nicht auf Dauer unterdrückt werden können, sofern die EU die grausige Politik der türkischen Regierung nicht noch zusätzlich befördert und belohnt.

Erdoğan wird vor Gericht vermutlich abblitzen. Denn es ging ausschließlich um das eigentlich Ungesagte, nicht jedoch um das Unsägliche, das man offen herausschreien muss: Der türkische Präsident lässt ehrlos wehrlose kurdische Städte und Dörfer bombardieren, führt erbarmungslos Krieg gegen die Bevölkerung seines Staates. Sein Land bietet dem IS Rückzugsraum und Rekrutierungsfeld, finanziert durch Erdöl-Schwarzhandel den Terror im Nachbarstaat. Sein Militär schießt russische Flugzeuge ab, die gegen den sogenannten Islamischen Staat im Einsatz sind. Die syrisch-kurdische Grenzstadt Kobanê ließ er von den IS-Dschihadisten ungerührt in Trümmer und Asche legen. Erdoğans Despotie ist Gift für die Türkei und für Europa gleichermaßen! Mit ihm über das unwürdige Hin- und Herschieben von Menschen zu verhandeln grenzt an vorsätzliche Verächtlichmachung der Rechtsstaatlichkeit. Dagegen kam Jan Böhmermanns satirischer Erklärungs-Versuch einfach nicht an.

Wolfgang Blaschka, München
 



Lesetipps:

Darf die Türkei als „sicherer Drittstaat“ eingestuft werden? - weiter.

Türkei unterstützt den sogenannten Islamischen Staat (Daesch)

Bericht des russischen Geheimdienstes - Teil I. (datiert vom 10. Februar 2016)

Rekrutierung von ausländischen Terroristen Kämpfern für Syrien, Erleichterung ihrer grenzüberschreitenden Bewegung in dieses Land und Lieferung von Waffen an terroristische Gruppen, die in seinem Hoheitsgebiet operieren
bitte bei Voltairnet.org weiterlesen.

Bericht des russischen Geheimdienstes - Teil II. (datiert vom 18. März 2016)

Lieferungen von Waffen und Munition aus der Türkei in das von Daesh kontrollierte syrische Staatsgebiet
bitte bei Voltairnet.org weiterlesen.

Bild- und Grafikquellen:

1. Die Türkei unterstützt den sogenannten Islamischen Staat (Daesch) durch Lieferungen bzw. Begünstigung von Waffen- und Munitionslieferung aus der Türkei in das von Daesh kontrollierte syrische Staatsgebiet. - El presidente turco masacra a los kurdos en su país mientras arma y organiza al Estado Islámico. Karikatur: Comité chileno-mapuche de Solidaridad con Kurdistán. Quelle: Correo de los Trabajadores > Artikel mit Karikatur.

2. Karikatur: Erpressungsversuch von Erdoğan weil er in der verfehlten Flüchtlingspolitik Deutschlands und der EU am längeren Hebel ist. "10 Milliarden Euro und EU-Mitgliedschaft sofort, Angela, oder du erfährst einmal, was HOHE PFORTE wirklich bedeutet." Karikatur: © Götz Wiedenroth. Zur Person: Götz Wiedenroth wurde 1965 in Bremen geboren und arbeitet seit 1995 als freier Karikaturist, Cartoonist, Illustrator und Zeichner in Flensburg. Wiedenroths gezeichnete Kommentare erscheinen in Tageszeitungen, Wochenzeitungen, diversen Magazinen und von 2002 bis 2010 auf der deutschen Nachrichtenseite des Internetportals Yahoo!. Herzlichen Dank für die Freigabe zur Veröffentlichung im Kritischen Netzwerk. zur Webseite von Herrn Wiedenroth: www.wiedenroth-karikatur.de/.

3. Sodomie (vom neulateinischen Sodomia) ist ein religiöses, christliches Konstrukt für sündiges Sexualverhalten, das nicht der Fortpflanzung in der Ehe dient (nichtregenerativ). Der Begriff ist angelehnt an die biblische Sodom-Überlieferung. Abhängig von der vorherrschenden Sexualmoral der jeweiligen Zeit und Kultur wurden und werden Formen der Sodomie strafrechtlich verfolgt.

Sculpture: God Pan ed una capra - Hirtengott Pan und eine Ziege. You can find this in the "Gabinetto Segreto" of the "Museo Archeologico Nazionale" in Naples. it collects the erotica dug up in pompeii and herculaneum (as was this here masterpiece). it used to be accessible only to people "of mature years and known morality" and was opened to a, well, wider public in 1967. > Museumsseite. Ein Foto der Skulptur gibt es auch bei Wikipedia. Foto: Cher Amio. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung - Nicht-kommerziell - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 Generic (CC BY-NC-SA 2.0).

4. SULTAN ERDOGAN OF GREATER TURKEY. Kurdenschlächter Recep Tayyip Erdoğan war bis 2014 Vorsitzender der muslimisch-konservativen Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP).  Seit dem 28. August 2014 ist er Präsident der Türkei. Sein faschistischer, Menschenrechte verachtender Führungsstil ist ein Paradebeispiel für einen blutigen Staatsterrorismus, da er Krieg gegen das eigene Volk führt. Urheber der ursprünglichen Erdoğan-Karikatur: The Economist Newspaper, June 8th - 14th 2013. In dieser Ausgabe war die Original-Karikatur zuerst veröffentlicht. Die hier im KN-Artikel verwendete bearbeitete Darstellung ist ein Netzfund.

5. Assimilation ist ein Verbrechen an der Menschlichkeit. Ich verstehe sehr gut, dass ihr gegen die Assimilierung seid. Man kann von euch nicht erwarten, euch zu assimilieren… Die türkische Gemeinschaft und der türkische Mensch, wohin sie auch immer gehen mögen, bringen nur Liebe, Freundschaft, Ruhe und Geborgenheit mit sich. Hass und Feindschaft können niemals unsere Sache sein. Wir haben mit Streit und Auseinandersetzung nichts zu schaffen. Zitat von Recep Tayyip Erdoğan, am 10. Februar 2008 in der Köln-Arena vor 20.000 Türkischstämmigen. Offensichlich hat Erdoğan ein Problem mit der Wahrnehmung der Folgen seiner Politik was nach Meinung des KN-Admins H.S. auf Kognitive Dissonanz schließen läßt.

Kognitive Dissonanz bezeichnet in der (Sozial-)Psychologie einen als unangenehm empfundenen Gefühlszustand, der dadurch entsteht, dass ein Mensch mehrere Kognitionen hat – Wahrnehmungen, Gedanken, Meinungen, Einstellungen, Wünsche oder Absichten –, die nicht miteinander vereinbar sind.

Originalfoto: Flickr-user Recep Tayyip Erdoğan. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz  CC0 1.0 Universell (CC0 1.0) Public Domain Dedication - Kein Urheberrechtsschutz.