Russland als Bestandteil Europas

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Peter Weber
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Beigetreten: 23.09.2010 - 20:09
Russland als Bestandteil Europas
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Russland als Bestandteil Europas

Russland, seine europäisch geprägte Kultur, Geschichte und Religion aus persönlicher Perspektive

Ich muß meinem Bericht vorausschicken, daß es ein eher persönlicher ist und daher die erste Person Einzahl öfter vorkommt, weil ich mich nicht in das verallgemeinernde „man“ flüchten will.

Bis vor ein paar Jahren war für mich Russland und alles, was damit zusammenhängt, ziemlich diffus und mit Vorurteilen aus der kommunistischen Zeit zugepflastert. Die erste Beziehung hatte ich durch meine Schwiegermutter, die in Odessa, der am Schwarzen Meer gelegenen und wichtigsten Hafenstadt der heutigen Ukraine, groß geworden ist. Ihre Geschichte ist symptomatisch für Russlanddeutsche, die schon vor Jahrhunderten aus Deutschland ins Zarenrussland ausgewandert sind.

Im speziellen Fall meiner Schwiegermutter war es die elsässische Heimat, die damals verlassen wurde. Sie hat es nach dem Krieg geschafft, nach Deutschland zu emigrieren und einen Deutschen zu heiraten. Der Rest der Sippe wurde nach dem Krieg nach Sibirien deportiert und hat sich in den 80er Jahren wieder auf den Weg nach Deutschland gemacht. Selbst die fast 90jährige Mutter meiner Schwiegermutter hat sich dazu aufraffen können. Erstaunlich war, daß die gesamte Sippe nach Jahrhunderten noch den originalen Elsässer Dialekt beherrschte. Sie brauchten also keinen deutschen Schäferhund.

Dies ist nur die Vorgeschichte meiner Abhandlung über östliche Kontakte und Versuche einer Einfühlung eines Wessis wie mir, der in seinem ganzen Leben nur im äußersten Westen Deutschlands angesiedelt war und sozialisiert wurde. In den letzten Jahren beschäftigte ich mich natürlich auch mit dem Ost-West-Konflikt. Dabei überwogen bei mir noch einseitige Vorbehalte gegenüber der russischen Gesellschaft, ihrer Kultur und deren aktuelle Machthaber. Diese waren nicht immer unbegründet, aber angesichts der politischen Machtspiele und Ränkespiele in West und Ost ist eine einseitige Sichtweise nicht zielführend. Die Informationsgesellschaft kann zwar behilflich sein, sich eine unabhängige Ansicht zu verschaffen, aber die Vielfalt der Meinungen, Möglichkeiten und vor allem der Voreingenommenheiten erschwert eine Betrachtungsweise, die allen gerecht wird. Die heutige Medienlandschaft ist leider eher auf Anpassung an herrschende Verhältnisse ausgerichtet als auf unabhängigen und recherchierenden Journalismus. Siehe z. B. folgenden Beitrag des KN: "Deutschen Medien steigern Kriegshetze gegen Russland."

Aber in den letzten zwei oder drei Jahren wurden mir die einseitigen Russlandbashings des Westens, der Medien sowie der Politiker immer mehr bewußt. Ehemalige Angehörige oder Vasallenstaaten der Sowjetunion wie die baltischen Staaten, Polen, Ukraine, Polen, die Tschechoslowakei, Ungarn oder die Länder des Balkan haben sich von Russland losgesagt. Die Machtpolitik des Westens hat viele dieser Länder durch Bindung an die NATO und/oder der EU in eine Konfrontationshaltung zu Russland gebracht, die unrational angelegt ist und der Geschichte und Entwicklungen dieser Länder widerspricht. Es ist verständlich, daß dort durch die stalinistische Schreckensherrschaft Ablehnungen und Vorurteile gegen Russland aufgebaut wurden. Die militaristische Politik der Sowjetunion der Nachkriegszeit während der Zeit des Kalten Krieges hat zu einem Bruch zwischen diesen Ländern geführt. Allerdings solle man auch nicht die antikommunistische Hetze des Westens dieser Zeit außer acht lassen.

Europakarte, welche Mitgliedschaften in EU und NATO zeigt

Europakarte, welche Mitgliedschaften in EU und NATO zeigt.

   Nur Mitglied der EU.    Nur Mitglied der NATO.    Mitglied von beiden.

 

Aber in der heutigen Zeit erscheinen mir Ängste, wie sie in der Ukraine oder Polen gegenüber Russland geschürt werden, völlig unangebracht und phobisch. Sie sind eindeutig gesteuert von Kreisen innerhalb dieser Länder und aus dem Westen, die ihr eigenes Süppchen kochen wollen, wobei ihnen das Wohl der betroffenen Bevölkerungen ziemlich schnurz ist. Hier übernehmen machtpolitische und militärische Interessen die Führung, die nicht vor unangemessenen und gefährlichen militärischen Konfrontationen bzw. Provokationen zurückschrecken.

Natürlich kann auch ein Putin als russischer Dominator nicht umhin, entsprechend zu reagieren und seine nicht unberechtigten Ansprüche zu verteidigen. Wer will es ihm verübeln, daß er russische Interessen vertritt und es auch seine Pflicht ist, diese zu verteidigen, was die russischen Bürger auch von ihm erwarten. Aber dabei macht er nichts Anderes, was seine Kontrahenten auf der anderen Seite ebenfalls praktizieren. Deshalb sollten wir uns alle mal in eine beobachtende und kritische Haltung gegenüber allen Seiten zurückziehen, bevor wir vorschnell urteilen und darauf einwirken, daß wir ein gemeinsames Europa mit Russland schaffen. Wir sollten uns nichts vormachen – unsere realen Gemeinsamkeiten mit Russland sind größer als die mit den USA.

Ein paar Anmerkungen zur Situation der Russlanddeutschen:

Man nimmt an, daß heute ca. 3.2 Millionen Aussiedler aus Russland oder anderen östlichen Staaten in Deutschland beheimatet sind. Diese Einwanderer waren nicht überall willkommen und hatten bei ihrer Integration nicht mit wenig Widerstand zu kämpfen – ebenso wie die deutschen Vertriebenen aus dem Osten Deutschlands nach dem Weltkrieg von den deutschen Etablierten nicht immer freundlich aufgenommen worden.

Heutzutage zeigt sich, daß ein Teil der Russlanddeutschen ins rechte Lager tendiert und nationalistisch bzw. fremdenfeindlich eingestellt ist. Sie lassen sich gerne von einschlägiger russischer Propaganda instrumentalisieren und sind damit genau wie Nichtrussland-Deutsche anfällig gegenüber der AfD und anderen rechtslastigen Rattenfängern. Das verwundert eigentlich, weil sie doch selbst ursprünglich Flüchtlinge oder Immigranten sind, die eher Verständnis gegenüber Flüchtlingen aufbringen müßten. Verallgemeinern sollte man das aber gewiß auch nicht. Menschen sind eben zwiespältig und lassen sich oft weniger von der Ratio als von Emotionen, die oftmals fremdbestimmt sind, beeinflussen. Damit sind die Einwanderer aus dem Osten grundsätzlich nicht anders zu bewerten als wir Altwessis. Man kann davon ausgehen, daß sich die meisten dieser Einwanderer in Deutschland gut integriert haben. Wenn sie  trotzdem ihre Sprache und alte russische Traditionen pflegen, dann sollte das kein Hindernis sein, sondern eine Selbstverständlichkeit, an der sich viele Alteingesessene ein Beispiel nehmen sollten.

Mein Kommentar verlagert sich nun in den eher persönlichen Teil. Erst in diesem Jahr wurde ich mit der Nase auf russische Kultur, Geschichte, gesellschaftliche Gegenwart, die russische Seele und den davon nicht zu trennenden russisch-orthodoxen Glauben gestoßen und so ergab es sich, mich damit auseinander zu setzen. Das kam dadurch, daß ich einen Menschen kennenlernte, der seine Heimat und Indentifaktion in Russland hat und trotzdem den Einfluß der süd- und westeuropäischen Kultur des Mittelalters und der Neuzeit auf Russland berücksichtigt. Ein Mensch, der die Putin-Regierung kritisiert und ständig ins westliche Ausland reist, um sich ein Bild vor Ort zu machen. Durch diese Frau wurde ich das erste Mal konkret mit dem aktuellen russischen Leben konfrontiert, ohne mir aus der Ferne eine theoretische Sicht der Gegebenheiten anzueignen. Deshalb habe ich nach einem Besuch ihrerseits in Deutschland auch eine Reise in ihre Heimat unternommen, um mir ein lebendiges Bild vom aktuellen Leben in Russland zu machen - zumindest von dem Teil, den ich besuchte.

Diese Freundin, die in Geschichte, Gesellschaft, Kultur und Kunst sehr bewandert ist, hat mich erst einmal auf das Wesentliche gebracht, das was menschliches Zusammenleben, gemeinsame Geschichte und Zukunft ausmacht. All die Konflikte, die zur Zeit in Osteuropa aufgebauscht werden, sind hausgemacht bzw. auf der anderen Seite fremdbestimmt von den Machthabenden auf der einen wie der anderen Seite. Die USA, die NATO und die EU betreiben provozierende Polit- und Militärspielchen gegenüber Russland. Die lokalen Machthaber in Ukraine, Polen & Co. nutzen die Situation aus, um NATO & Co. für ihre persönlichen Machogelüste zu mißbrauchen. Putin kann selbstverständlich nicht tatenlos zusehen, wie man ihm vors Bein pinkelt, denn es ist seine Aufgabe, die russischen nationalen Belange zu wahren. Eigentlich ist das nur ein Sandkastenspiel von männlichen Kindern, aber wenn wir nicht aufpassen, kann das leicht eskalieren. Wie wäre es mal mit Entgegenkommen, Verständnis und einem lockeren Austausch? Es gibt mehr Gemeinsamkeiten als wir vermuten.

Ein Mittelpunkt, um den sich die derzeitige Konfrontation zwischen der Westallianz und Russland dreht, ist der Zankapfel Ukraine. Wenn man sich allerdings die historischen Hintergründe und Zusammenhänge zwischen Russland und der Ukraine vergegenwärtigt, muß man die vorgeschobenen Gründe für die Zwietracht stark in Zweifel ziehen. Denn die Ukraine ist keinesfalls wie z.B. Weißrussland ein Anhängsel oder eine Kolonie Russlands – ganz im Gegenteil. Die Ukraine war im frühen Mittelalter der Mittelpunkt des frühen russischen Reiches, der Russ bzw. der Kiewer Russ, die bis ins 9. Jahrhundert zurückgeht.

Zur Verständlichung der russischen Geschichte hier nur eine kurze Zusammenfassung:

  • die Periode der Kiewer Russ dauerte von 980 - 1210
  • darauf folgte die Periode der Moskauer Fürstentümer und des Zarentums mit der zentralen Rolle Moskaus bis 1721
  • Zar Peter I., der Große, begründete das russische Kaiserreich, das andauerte bis zur Oktoberrevolution 1917. Hauptstadt dieser Periode war St. Petersburg. Peter I. stampfte in mit St. Petersburg eine Stadt aus dem Boden, die mit ihrem bombastischen Bauwerken an mittel- und südeuropäischen Vorbildern ausgerichtet war.
  • seit den Zeiten der Oktoberrevolution wurde Moskau wieder als Hauptstadt der Sowjetunion aktiviert
  • seit 1992 existiert als Nachfolgestaat die Russische Föderation, ebenfalls mit Moskau als Hauptstadt

Kiew war die Hauptstadt des alten russischen Reiches und die Wiege Russlands. Bis heute wird Kiew noch die Mutter aller russischen Städte bezeichnet. Wenn man sich in Kiew umschaut, dann begegnet man unablässig Kunst- und Baudenkmälern sowie phantastischen Kathedralen aus der russischen Gründerzeit mit beeindruckenden Kunstdenkmälern, die die gemeinsame Vergangenheit untermauern. Die Ukraine, Weißrussland und das heutige Russland besitzen traditionelle, kulturelle und religiöse Bindungen, die nicht zu leugnen sind. Wenn man eine gemeinsame Sprache besitzt und zudem auch noch der gemeinsame Glaube, das russisch-orthodoxe, immer mehr an Gewicht gewinnt, dann frage ich mich, welchen Sinn die derzeitigen politischen Verirrungen haben sollen. Man kann sicher sein, daß die Mehrzahl der Bürger dieser Länder lieber auf Kooperation als auf Konfrontation setzen möchte. Es sind nur die manipulativen Machenschaften bestimmter politischer, wirtschaftlicher und medialer Kreise, die die Spaltung der Gesellschaften vorantreiben.

Peter Weber, Klotten



► Bild- und Grafikquellen:

1. Grenzen Europas - Karte. Jekaterinburg ist eine wichtige Industrie- und Universitätsstadt am Uralgebirge in Russland. Jekaterinburg liegt am Fluss Isset nur knapp 40 Kilometer östlich der imaginären Trennlinie zwischen Europa und Asien, welche im Westen bei der Stadt Perwouralsk verläuft. An dieser Stelle steht eine Europa-Asien-Säule.

Die natürliche Grenze wird vom Ural gebildet, ein bis 1895 m hohes und knapp 2400 km langes Gebirge, das sich in Nord-Süd-Richtung durch den mittleren Westen Russlands erstreckt. Den Rest der asiatisch-europäischen Grenze bilden die Meeresengen der Dardanellen und des Bosporus, das Schwarze Meer, das Kaspische Meer und die Wasserscheide des Ural. Die nördlich einer Verlängerung der Uralkette liegenden russischen Inseln der Gruppe Nowaja Semlja werden als zu Europa gehörend angesehen, nordöstlich des Ural liegende sibirische Inseln als zu Asien zählend.

Karte / Quelle: HuW/2 = Heimat und Welt Weltatlas, Bd. 2: Europa. Braunschweig: Westermann 1994. (Fotoscan)

2. Europakarte, welche Mitgliedschaften in EU und NATO zeigt. Urheber: Joebloggsy. Quelle: Wikimedia Commons. Der Urheberrechtsinhaber veröffentlichte dieses Werkes als gemeinfrei. Dies gilt weltweit.

3. Feindbild böser Russe: Putin and the Russian bear vs. USA, NATO and EU. Wladimir Putin vertritt die Interessen der Russischen Föderation, einem Vielvölkerstaat großen Ausmaßes. Es ist schon von Amts wegen seine Pflicht, diese zu verteidigen. Selbst bei der teilweise zurecht geäußerten Kritik an ihm zur Durchsetzung seiner inländischen Politik steht die deutliche Mehrheit der Russen in außenpolitischen Fragen hinter ihm. Dabei macht Putin ja auch nichts Anderes, was seine politischen Kontrahenten ebenfalls praktizieren, allerdings ohne ganze Regionen oder Staaten zu verwüsten wie es die westliche terroristische Kriegsallianz NATO unter Führung der USA auch tun. Grafik: David Deese, commercial artist, Oregon/USA. > Webseite > Infos zu David Dees .

4. Buchcover "Feindbild Russland. Geschichte einer Dämonisierung" von Hannes Hofbauer; 303 Seiten, 19,95 Euro; © Promedia Druck- und Verlagsgesellschaft mbH, Wien 2016; - zur ausführlichen Buchvorstellung.