Vom geschätzten Zeitzeuge zum kognitiven Störfaktor
Achtung: Der alte weiße Mann!
!! Staatsfeind Nr. 1 !!
Von Bernd Volkmer
Wenn Lebenserfahrung zum Ausschlusskriterium wird, dann lebst Du im besten Deutschland aller Zeiten (ibDaZ).
In einer durchoptimierten Moderne, in der historische Zusammenhänge bevorzugt auf die Länge eines TikTok-Videos komprimiert werden, wirkt ein intaktes Langzeitgedächtnis wie eine illegale Datenerhebung. Denn wer Mauerbau, SED-Diktatur, Mangelwirtschaft, Wiedervereinigung und die wilde Freiheit der 90er noch persönlich erlebt hat, gilt heute keineswegs mehr als geschätzter Zeitzeuge – sondern als kognitiver Störfaktor.
► Zeitzeugenschaft und Geschichtsbewusstsein als Störung
Ich bin im Januar 1956 geboren und inzwischen 70 Jahre alt. Wer sich heute an den 13. August 1961 oder den schleichenden Niedergang der DDR erinnern kann, gefährdet die tagesaktuelle Wohlfühl-Erzählung.
Wer Parallelen zwischen sozialistischen Planungsphantasien und heutigen Regelungsorgien zieht, während der Staat mit Rekordsteuereinnahmen von über 900 Milliarden Euro hantiert, begeht ein feierliches Sakrileg.
Nur mit Erfahrungswissen schlägt man heutige Floskeln. Die Aufbruchsenergie der 90er-Jahre im wiedervereinten Deutschland verleitet zu der unzulässigen Annahme, dass Wohlstand erst durch Wertschöpfung entsteht, bevor man ihn dann per Dekret umverteilen kann.
Nur wer weiß, wie sich echte Transformation anfühlt, bleibt gegenüber Sonntagsreden seltsam immun. Ich habe den ökonomischen Realitätssinn behalten.
Wer DDR-Mark, D-Mark, Euro-Einführung und Finanzkrise überstanden hat und nun zusehen muss, wie die Industrieproduktion schwächelt, Konzerne ins Ausland abwandern und die Deindustrialisierung als Etappensieg verkauft wird, neigt zu chronischem Kopfschütteln. 
Ein klarer Fall von mangelnder Einsicht.

⭐⭐⭐⭐⭐
► Gedächtnisverlust als neue Bürgerpflicht
Die Lösung für den beschwerlichen Ballast der Erinnerung liegt auf der Hand: die kollektive Amnesie. Eins muss man sagen: die ÖR-Medien geben sich große Mühe, alte Nachrichten verschwinden zu lassen, wenn sie nicht mehr in die Zeit passen.
Wer vergessen hat, dass Züge einmal pünktlich fuhren, die Energieversorgung in Deutschland weltweit zur sichersten gehörte und Brücken nicht wegen Einsturzgefahr gesperrt werden mussten, lebt schlicht entspannter und erlebt die heutigen Zustände als normal.

Neue Belastungswellen, die als Reform verkauft werden und die Selbstbedienung im politischen Betrieb erscheinen dann nicht mehr als Dekadenz, sondern als historisch alternativloser Aufbruch.
► Der „Alte weiße Mann“ als Ultima Ratio der Anklage
Besonders schwer wiegt der Makel, wenn der Träger dieser Erinnerungen noch dazu das Pech hat, ein „Alter weißer Mann“ zu sein.
Er hat schlicht zu viel gesehen: den Aufstieg, die Blüte und das folgende Leben von der Substanz. Er kann die heutigen Kapriolen mühelos in den Kontext der letzten sechzig Jahre einordnen – und genau das macht ihn zur ultimativen Provokation.

Sollten Sie also immer noch in der Lage sein, die Gegenwart an der Vergangenheit zu messen, lassen Sie das vorsichtshalber untersuchen. Denn wo Amnesie als Fortschritt gilt, ist ein funktionierendes Gedächtnis die letzte verbliebene Form von zivilem Ungehorsam.
Eine Anekdote zum Schluß.
• Frage: Was ist Glück? – Antwort: Im besten Deutschland aller Zeiten (ibDaZ) zu leben!
• Frage: Was ist Pech? – Antwort: So viel Glück zu haben!
Bernd Volkmer

► Quelle: Dieser Artikel wurde am 16. August 2026 erstveröffentlicht auf ANSAGE.org >> Artikel und QPRESS.de >> Artikel.
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1. Wappen der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Foto: rauter25. Quelle: Flickr. Namensnennung-Nicht kommerziell 2.0 Generic (CC BY-NC 2.0).
2. Karikatur: Farm der Tiere: Worauf warten wir eigentlich noch? Bildunterschrift: Errichten wir endlich den totalen Schweinesozialismus, von dem wir seit 1968 immer geträumt haben . . bevor es zu spät ist.
Karikatur: Copyright ©️ Götz Wiedenroth. Zur Person: Götz Wiedenroth wird 1965 in Bremen geboren, beginnt seine berufliche Laufbahn als Industrie- und Diplomkaufmann. Kaufmännische Ausbildung bei der Daimler-Benz AG, Niederlassung Hamburg. Es folgten ein Studium der Wirtschaftswissenschaften / Betriebswirtschaftslehre an der Nordischen Universität Flensburg und der Universität Kiel, Abschluß dortselbst 1995.
Beschäftigt sich während des Studiums als Kleinunternehmer mit der Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Kunst, organisiert Seminare, Ausstellungen und Kongresse zum Thema Kulturmanagement auf Schloß Glücksburg in Glücksburg. Arbeitet in Flensburg seit 1995 als freier Karikaturist, Cartoonist, Illustrator und Zeichner.
Seine ersten Karikaturveröffentlichungen erscheinen 1989 in der Flensburger Tagespresse. Von 1995 bis 2001 zeichnet er täglich für den Karikaturendienst von news aktuell, einer Tochtergesellschaft der Deutschen Presse-Agentur (dpa) in Hamburg. Von 1996 bis 2016 erscheinen landes- und lokalpolitische Karikaturen aus seiner Feder in den Tageszeitungen des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlags, Flensburg.
Der von Kindheit an passionierte Zeichner erhält 1997, 2001 und 2008 Auszeichnungsurkunden des "Deutschen Preises für die politische Karikatur", verliehen durch die Akademie für Kommunikation in Baden-Württemberg, Stuttgart. >> weiterlesen.
Herzlichen Dank für die Freigabe zur Veröffentlichung Ihrer Arbeiten im Kritischen Netzwerk. Quelle: Flickr und HIER.
⇒ Götz Wiedenroth (Karikaturist, Cartoonist, Illustrator und Zeichner): wiedenroth-karikatur.de/.
3. Gedächtnisverlust, Erinnerungslücke, Erinnerungslöcher, Merkfähigkeit, Vergesslichkeit, Geschichtsvergessenheit: Illustration: geralt / Gerd Altmann, Freiburg (user_id:9301). Quelle: Pixabay. Alle Pixabay-Inhalte dürfen kostenlos für kommerzielle und nicht-kommerzielle Anwendungen, genutzt werden - gedruckt und digital. Eine Genehmigung muß weder vom Bildautor noch von Pixabay eingeholt werden. Auch eine Quellenangabe ist nicht erforderlich. Pixabay-Inhalte dürfen verändert werden. Pixabay Lizenz. >> Illustration.
4. Alter weißer Mann: Sündenbock der Nation. Der „Alte weiße Mann“ als Ultima Ratio der Anklage. Alter weißer Mann: pauschalisierender oder diskriminierender Kampfbegriff, der Menschen auf Stereotype reduziert. Foto OHNE Textinlet: magnific / Freepik. >> https://de.freepik.com/ . Freepik-Lizenz: Die Lizenz erlaubt es Ihnen, die als kostenlos markierten Inhalte für persönliche Projekte und auch den kommerziellen Gebrauch in digitalen oder gedruckten Medien zu nutzen. Erlaubt ist eine unbegrenzte Zahl von Nutzungen, unbefristet von überall auf der Welt. Modifizierungen und abgeleitete Werke sind erlaubt. Eine Namensnennung des Urhebers (Freepik) und der Quelle (Freepik.com) ist erforderlich. >> Foto. Achtung: Freepik ist jetzt Magnific. Der Text wurde von Helmut Schnug in das Foto eingearbeitet.
5. Emil Erich Kästner (* 23. Februar 1899 in Dresden; † 29. Juli 1974 in München) war ein deutscher Schriftsteller, Publizist, Drehbuchautor und Kabarettdichter. Erich Kästners publizistische Karriere begann während der Weimarer Republik mit gesellschaftskritischen und antimilitaristischen Gedichten, Glossen und Essays in verschiedenen renommierten Periodika dieser Zeit. Das Foto zeigt Kästner am 28. August 1961. Empfehlenswert sind Kästners frühe Lyrikbände wie 'Herz auf Taille' (1928), 'Lärm im Spiegel' (1929) und 'Ein Mann gibt Auskunft' (1930), in denen er mit beißender Schärfe Snobismus, verlogene Spießermoral, Militarismus und Faschismus bekämpft.
Erich Kästner Zitat: 'An allem Unfug, der passiert, sind nicht etwa nur die schuld, die ihn tun, sondern auch die, die ihn nicht verhindern.' Bildbeschreibung: Barbara Niggl Radloff, Erich Kästner im Münchner Herzogpark, 1962. Aus dem Archiv des Münchner Stadtmuseums, Sammlung Fotografie, Archiv Barbara Niggl Radloff, Inventarnr. FM-2019/1.1.16.1. Foto OHNE Inlet: Barbara Niggl Radloff (1936–2010). Quelle1: Münchner Stadtmuseum. Quelle2: Wikimedia Commons. Diese Datei ist lizenziert unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international“ (CC BY-SA 4.0). Folgende Änderungen sind durch Helmut Schnug vorgenommen wurden: Textinlet eingearbeitet, Bildausschnitt verändert.