Wettbewerb als Gerechtigkeitskonzept. Kritik des Neoliberalismus (ULRICH THIELEMANN)

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Wettbewerb als Gerechtigkeitskonzept. Kritik des Neoliberalismus (ULRICH THIELEMANN)
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Wettbewerb als Gerechtigkeitskonzept.  Kritik des Neoliberalismus


Autor: Ulrich Thielemann

Verlag: Metropolis-Verlag, Marburg (November 2010), Verlag für Ökonomie, Gesellschaft und Politik.

ISBN: 978-3-89518-833-6

broschiert, 491 Seiten, Preis: 38,00 EUR


► Klappentext:

Das Prinzip Markt, die Rechtfertigung unbedingten, wechselseitig vorteilhaften Vorteilsstrebens zwischen Homines oeconomici, ist ethisch gescheitert: Der Ökonomismus, der das Prinzip Markt als Moralprinzip auszuweisen versucht, markiert eine Ethik ohne Moral und läuft auf eine Antiethik des Rechts des Stärkeren hinaus. Doch gibt es ein weiteres marktapologetisches Rechtfertigungsmuster, welches dem Generaleinwand gegenüber dem reinen Ökonomismus, eine Ethik ohne Moral zu repräsentieren, nicht unterliegt: Diese Position lässt sich als "Neoliberalismus" fassen. Dieser setzt, statt am Vorteilstausch, am Epiphänomen des Wettbewerbs an. Die Pflicht, die er uns auferlegt, ist dabei eine einzige: für wettbewerbliche Verhältnisse zu sorgen. Denn der Wettbewerb neutralisiere Macht, beseitige Diskriminierung und sorge für einen wachsenden Wohlstand für alle, wozu "Chancengleichheit" herzustellen sei. Überdies werden ihm - als einem "Entdeckungsverfahren" - normative Erkenntnisfunktionen zugesprochen.

Die Arbeit fußt auf den Grundannahmen einer integrativ verstandenen Wirtschaftsethik, die die bislang in der Regel bloß implizite Normativität ökonomischer Theorien kritisch klären will. Dabei wird nicht nur eine basale, dem Anspruch nach klarere Theorie des Wettbewerbs entwickelt (die eher an den Austrians als am Mainstream anknüpft), sondern auch der Wettbewerb als untaugliches Konzept der Gerechtigkeit erwiesen. Auch eine Marktapologetik qua Wettbewerbsapologetik scheitert. Der Wettbewerb taugt nicht zum Prinzip des ethisch Richtigen. Die Frage nach dem Wettbewerb ist vielmehr eine Frage des Maßes. Dieses Maß zu bestimmen ist Aufgabe demokratischer Politik. Dieser will die Arbeit Orientierung bieten.

► Inhaltsverzeichnis:

Einleitung ……………11

Kapitel I

Eine elementare, ethisch fokussierte Theorie des Marktes ……………25

1  Der Markt als Geflecht von Tauschbeziehungen ……………27

Markt als Tausch und Wettbewerb ……………31

3  Der systematische Stellenwert marktfremder Gesichtspunkte ……………34

4  Der systemische Charakter des Marktprozesses und die Eliminierung marktfremder Gesichtspunkte ……………44

5  Die Idee der Marktbegrenzung ……………50

Die Problemstellung: Wettbewerbsethische Gegenargumente ……………55


Kapitel II

Zum Verhältnis von Wirtschaftstheorie und Wirtschaftsethik – Die Frage der „Wertfreiheit“ der Sozialwissenschaften und die Grundidee integrativer Wirtschaftsethik ……………59

1  Die möglichen Aufgaben ‚wissenschaftlicher‘ Wissenschaft im Wissenschaftskonzept Max Webers ……………62

Die Verdinglichung des sozialwissenschaftlichen Gegenstandes als Implikation ‚wertfreier‘ Wissenschaft ……………64

2.1 Das Problem des ‚Durchschlagens‘ des verdinglichten Gegenstandes auf die normative Gültigkeit als Implikation eines ‚wertfreien‘ Theorie-Praxis-Verhältnisses ........69
2.2 Vollständige Reversibilität als Bedingung der Möglichkeit gültiger sozialwissenschaftlicher Aussagen ……………79

3  Die Parteilichkeit ‚wertfreier‘ Sozialforschung und Praxisberatung – erläutert am Beispiel der Betriebswirtschaftslehre als Beratungswissenschaft …87

4  Die Normativität der Begriffswahl und die Aufgaben integrativer Wirtschaftsethik ……………104

4.1 Versuche der Zurückweisung der Normativität der Sprache ……………106
4.2 Das hermeneutische, uneingestanden normative Wissenschaftskonzept Max Webers – Der Sinn der Idealtypen ……………114
4.3 Die Aufgabe einer kritisch-hermeneutischen Sozialwissenschaft: Werterhellung statt Wertentscheidung ……………124

5  Die beiden Aufgaben integrativ verstandener Wirtschaftsethik: Werterhellung und transzendentale Kritik ……………130

6  Das Verhältnis von (positiver) Wahrheit und (normativer) Richtigkeit – am Beispiel der Frage: Was ist Wettbewerb? ……………134


Kapitel III

Wettbewerbstheorie: Was ist Wettbewerb? ……………143

Markt als triadische Beziehung: Der für den Markt konstitutive Zusammenhang von Tausch und Wettbewerb ……………147

1.1 Wettbewerb als Resultante des Wechsels des Tauschpartners ……………148
1.2 Wettbewerb als Handlungstypus? – Der Status von „Rivalität“ ……………154
1.3 Der unvermeidliche Zusammenhang von ‚Schöpfung‘ und ‚Zerstörung‘……………160

2  Sind Wettbewerbsbeschränkungen durch Tauschhandlungen möglich? ……………165

2.1 Das Monopol als Kandidat für Wettbewerbsverhinderungen ……………166
Exkurs: Berücksichtigung des Umstandes der Identität von Kosten und Einkommen ……………174
2.2 Latente Konkurrenz als Garant des Wettbewerbs? ……………179

3  Verhinderung latenter Konkurrenz durch Property Rights und andere Barriers to Entry? ……………182

3.1 Property Rights als Kandidaten eines wettbewerbsbeschränkenden ‚Monopols‘……………182

a) John Locke und die laboristischen Wurzeln des Eigentums ……………187
b) Property Rights – einschließlich Patenten – als bloß formale, unspezifische Voraussetzung von Wettbewerb ……………196
c) Privatrecht als notwendige Bedingung für Wettbewerb – Öffentliches Recht als Verhinderung von Wettbewerb ……………203

3.2 Barriers to Entry und Unternehmertum ……………206

a) Die Leichtigkeit des Eintritts als Indiz für Wettbewerb ……………207
b) Die Schwere des Eintritts als Indiz für Wettbewerb ……………209
c) Die Irrelevanz von Eintrittsbarrieren ……………213
d) Die logische Rolle des Unternehmertums für den Wettbewerb ……………214

4  Die konstitutive Wettbewerblichkeit des Marktprozesses ……………224

4.1 Der allumfassende Charakter des Wettbewerbs: Die Gesamtmarktthese ……………224
4.2 Preiserhöhungen und Konsumentenwettbewerb ……………229

Exkurs: Konsumentenwettbewerb – Das Beispiel der Nahrungsmittelkrise 2008 ……………239

4.3 Sonderfall Ressourcenmonopol? ……………257
4.4 Kartelle als marktkonforme Form der Wettbewerbsbeschränkung? ……………261

5  Die Möglichkeit der Wettbewerbspolitik ……………270

5.1 ‚Wettbewerbspolitik‘ für wettbewerbsfremde Ziele ……………271
5.2 Wettbewerbspolitik als Politik zusätzlicher Intensivierung des Wettbewerbs ……………274

Kapitel IV

Wettbewerbsethik: Begründungen für Wettbewerb ……………277

1  Weichenstellungen: Wettbewerb als Pflicht oder als Ergebnis eigeninteressierten Handelns – Fallstricke und Paradoxien einer affirmativen Wettbewerbsethik ……………278

Aspekthafte (substantielle) Wettbewerbsethiken ……………290

2.1 Utilitaristische Positionen ……………291

a) Weltnutzenmaximierung und ‚Effizienz‘……………292
b) Utilitarismus ohne Subjekt: Der Wettbewerbsutilitarismus Hayeks ……………296
c) Was tun mit den Wettbewerbsverlierern? Die utilitaristische Aufrechnungslogik ……………300
d) Eine Rettung des Utilitarismus durch das Kaldor-Hicks Kompensationskriterium? ……………303
e) Fazit: Die Sinnlosigkeit der Weltnutzenmaximierung ……………307

2.2 ‚Wohlstand für alle‘ durch Wettbewerb? ……………310

a) ‚Wohlstand für alle‘ als Konsumwohlstand ……………313
b) Die konstitutive Verkürzung des Konsumentenarguments ……………315
c) Utilitaristische Rettungsversuche ……………320
d) Das Wohlstandsargument als Anmaßung des Wissens ……………323
e) Der Rückfall in Pareto-Ökonomik ……………324
f) Fazit: Wettbewerb im Dienste der Wettbewerbsfähigen ……………327

2.3 Unternehmertum – Die ‚Kosten‘ des Wettbewerbs ……………329

a) Die teleologische Dimension: Welche Werte setzt der Wettbewerb aufs Spiel? ……………336
b) Die deontologische Dimension: Wer zwingt zum Unternehmertum? ……………352
Exkurs: Die Erklärung des Wachstums ……………357

2.4 Die These der Machtneutralisierung durch Wettbewerb ……………369

a) Die wettbewerbskonstitutive Rolle von Marktmacht ……………370
b) ‚Machtneutralisierung‘, ‚Machtgleichgewicht‘ und ‚Schlafmützenkonkurrenz‘……………373
c) ‚Macht oder ökonomisches Gesetz‘? – Welche Macht wird beseitigt? ……………375
d) Macht oder Leistung? ……………378
e) Machtlosigkeit als Freiheitsverlust: Das Beispiel ‚unmöglicher‘ Geschäftsintegrität ……………380

3  Prinzipienorientierte (formale) Wettbewerbsethiken ……………383

3.1 Transzendentale Wettbewerbstheorie: Wettbewerb als ‚Entdeckungsverfahren‘……………383

a) ‚Entdeckung‘ als performativ gespaltenes Konzept: Moralische Heteronomie als Programm ……………385
b) Systemische Werttheorie als metaphysische Erkenntnistheorie ……………389
c) ‚Kontraproduktivität‘, ‚Durchschlagen‘ und das Recht des Stärkeren ……………392

3.2 Regelethische Positionen ……………397

a) Gerechtigkeit als negative Gerechtigkeit ……………400
b) Gerechtigkeit als Abwesenheit von ‚Diskriminierung‘……………405
c) Gleichheit als Chancengleichheit ……………422


Ausblick: Die Zukunft des Wettbewerbs und die ethische Unausweichlichkeit der Wettbewerbsbegrenzung ……………435

Literaturverzeichnis ……………453


► Rezension von Dr. Thomas Mirbach, wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg.

Sowohl in der ökonomischen Theorie wie in der politischen Ideengeschichte liberaler Provenienz stellt der Begriff des Wettbewerbs eine zentrale Kategorie dar. Dieser herausgehobene Status gilt dabei teils in explanatorischer Hinsicht, so bei der Erklärung von Fehlfunktionen in Marktprozessen, und teils unter normativen Aspekten, wenn Einschränkungen des Wettbewerbs als gesellschaftsschädlich behauptet werden. Auch in der politischen Theorie wird vielfach von einem internen Zusammenhang zwischen Freiheit und Wettbewerb ausgegangen, weil der - unverzerrte - Wettbewerb die Anpassungsfähigkeit von Systemen steigere und Monopolbildungen verhindere. Auf Basis dieser dem Wettbewerb zugeschriebenen Eigenschaften werden dann - explizit in neoliberaler Perspektive - (wirtschafts-)ethische Konsequenzen gezogen, die dieses Interaktionsmuster zum übergreifenden Vorbild nicht nur in Marktbezügen erklären.

Mit beiden Ansprüchen, der ökonomischen Erklärungslogik und dem impliziten Normativismus der Wettbewerbsverfechter, setzt sich der Autor ebenso gründlich wie kritisch auseinander. In einem ersten Schritt entwickelt er die begriffliche Basis einer Tausch und Wettbewerb differenzierenden Markttheorie. Gegen das Standardpostulat der Wertfreiheit von Sozialwissenschaften setzt er in methodologischer Hinsicht das normative Konzept einer integrativen Wirtschaftsethik und unternimmt dann eine dezidierte Kritik der affirmativen Voraussetzungen gängiger Wettbewerbstheorien.

Im abschließenden, umfangreichsten Kapitel befasst er sich mit unterschiedlichen, auch in der politischen Theorie vertretenen Spielarten ökonomistischer Markt- bzw. Wettbewerbsethiken. Im Kern geht es dem Autor um die Formulierung einer Ethik des Wettbewerbs, die wesentlich auf Begrenzung zielt. Diese Begrenzung sollte zum einen sektoral als Entökonomisierung gesellschaftlicher Bereiche ansetzen, die - wie die Bildung - mehr und mehr unter Marktdruck geraten sind. Zum anderen argumentiert er ebenso für innerökonomische Wettbewerbsbegrenzungen durch Strategien der Entschleunigung und systematischen Berücksichtigung von Fairnessprinzipien.