Kann ökologische Landwirtschaft die Welt ernähren?

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Kann ökologische Landwirtschaft die Welt ernähren?
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Derzeit leben knapp über 7 Milliarden Menschen auf unserer Welt. Bis 2050 werden es etwa 9 Milliarden Menschen sein. Ressourcen wie Land, Wasser, Saatgut oder Futtermittel zur Herstellung landwirtschaftlicher Produkte werden knapper und teurer. Der Fleischkonsum weltweit steigt.

Wie sieht eine nachhaltige Landwirtschaft aus, die ressourcenschonend organisiert ist und auch in Zukunft alle satt macht – und das zu für alle erschwinglichen Preisen?

Ökologische Landwirtschaft kann und muss die Welt ernähren, sagt Dr. Felix Prinz zu Löwenstein, Betreiber eines ökologisch wirtschaftenden Hofes in Hessen, Vorsitzender des Bundes für Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) und Autor des Buches „Food Crash. Wir werden uns ökologisch ernähren oder gar nicht mehr“.

Hier sein Statement:
 



Kann ökologische Landwirtschaft die Welt ernähren?

Ernährungssouveränität heißt die Herausforderung, nicht „Welternährung“


von Dr. Felix Prinz zu Löwenstein


Die Formulierung dieser Frage lädt zu einem Missverständnis ein, weil sie ein Bild entstehen lässt, das mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat: ein Bild, auf dem ein großer Topf zu sehen ist, aus dem die gesamte Welt löffelt und den es nur bis an eine bestimmte Marke zu füllen gilt, um sieben oder schon bald neun Milliarden Menschen zu ernähren.

So falsch sie ist, so sehr kommt diese Vorstellung denjenigen entgegen, die die Mittel zur Verfügung stellen wollen, mit denen sich der Topf schnell und immer wieder füllen lässt. Denen also, deren These ist: es gibt ein Welternährungsproblem, es beruht auf einer zu geringen Produktivität der Fläche und deshalb muss man die Effizienz je Hektar steigern. Dafür braucht man Pestizide, Düngemittel und gentechnisch optimiertes Saatgut.

Das Bild ist deshalb falsch, weil es reale Töpfe gibt, die es zu füllen gilt. Und die stehen in den Häusern und Hütten der Menschen. Je abhängiger sie vom Weltmarkt sind (durch den Verkauf eigener Erzeugnisse) und je größer der Anteil ihres Einkommens ist, den sie für ihre Ernährung aufwenden müssen, desto verwundbarer sind sie. Was sie brauchen, ist Ernährungssouveränität. Dies umso mehr, als zwei Drittel der Hungernden auf dem Land leben. Es sind Menschen, die dort leben, wo Lebensmittel produziert werden. Sie brauchen Zugang zu Land, soziale Gerechtigkeit und wirtschaftliche Unabhängigkeit.

Wer seine Ernte bei den Händlern verpfändet hat, von denen er Kleidung und Maschinen, aber auch die landwirtschaftlichen Betriebsmittel bezieht, besitzt keine Souveränität über seine Ernährung. Er muss in der Ernte billig abgeben, was er erzeugt hat, und anschließend teuer einkaufen, was der Markt ihm anbietet.


Die Ursache der Hungerkrise ist nicht mangelnde Produktivität

Ehe es um die Frage geht, wie die Landwirtschaft aussehen muss, die unter diesen Prämissen geeignet ist, weltweit Ernährungssicherheit und Ernährungssouveränität herzustellen, muss geklärt werden, welche Rolle die Flächenproduktivität dabei spielt. Trifft die im ersten Absatz formulierte These der Agrarindustrie zu, dass es darauf ankommt, auf der vorhandenen Agrarfläche mehr zu erzeugen?

Ein Blick auf die tatsächlichen Ursachen des Skandals, dass jeder siebte Erdenbürger sich jeden Abend hungrig schlafen legt, ohne zu wissen, wie er sich und seine Familie am nächsten Tag ernähren soll, zeigt, dass sie nicht stimmt. Es sind miserable Regierungen, Kriege sowie ungerechte Verteilung von Land und Einkommen, die Menschen in Afrika und anderswo daran hindern, Nahrungsmittel zu erwerben oder Vorräte für Dürrezeiten anzulegen.

Dass die Wetterextreme in Folge des Klimawandels zunehmen, ist ein ebenso von Menschen verursachtes Phänomen wie Erosion oder Versalzung, die jedes Jahr 10 Millionen Hektar fruchtbaren Bodens vernichten – fast so viel wie die gesamte Ackerfläche Deutschlands. Der Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur deutet auf den Zusammenhang mit uns, den Energie fressenden Bewohnern der Nordhalbkugel. Dass ausgerechnet in Äthiopien Millionen Hektar Ackerland an Investoren aus den Industrienationen verkauft oder verpachtet wurden, lässt uns ahnen, dass unser Lebens- und Ernährungsstil mit der düsteren Lage der Welternährung und ihrer Zukunft zu tun hat.


Dr. Felix Prinz zu Löwenstein


Offenbar verbrauchen wir mehr als uns zusteht. Aber auch das liegt nicht an zu geringer Produktivität. Dass die Hälfte unserer Agrarerzeugnisse im Müll landen, zeigt, wo die wirklichen Reserven liegen. Übrigens ist auch in den Ländern des Südens der Anteil der Ernte, der auf dem Teller landet, ähnlich gering. Dort ist aber nicht verschwenderischer Umgang mit dem Essen die Ursache, sondern Defizite in Lagerung, Verarbeitung und Transport – die wiederum in mangelnder Kapitalbildung in der Landwirtschaft ihre Ursache haben und für deren Behebung ebenfalls gutes Regierungshandeln erforderlich wäre.

Ähnlich steht es mit unserem Fleischkonsum. Wer auf die Weltbevölkerung hochrechnet, was für den bei uns üblichen Fleischkonsum von 80 kg/Jahr an Futter benötigt wird, stellt fest, dass dafür mehr als die gesamte Getreideproduktion des Erdballs erforderlich wäre. Kein noch so produktives System agrarischer Erzeugung könnte das leisten, denn schließlich müssten ja auch noch für unser Brot ein paar Körner übrig bleiben.


Industrielle Landwirtschaft ist kein zukunftsfähiges Modell

So wenig wie mangelnde Produktivität die Hauptursache des Hungers ist, so wenig ist ein System industrieller Landwirtschaft, wie es die Vertreter von BASF und Monsanto im Sinn haben, zukunftsfähig. Es verbraucht mehr Ressourcen, als uns zur Verfügung stehen. Und das kann nicht mehr lange gut gehen.

Spätestens die absehbare Explosion der Energiekosten wird zeigen, dass es zu teuer ist, mit enormen Energiemengen hergestellten Stickstoff zur Grundlage des Pflanzenanbaus zu machen. Dies umso mehr, als der Teil des künstlich gewonnenen Minerals, der versickert oder als Stickoxide in die Luft aufsteigt, Gewässer verunreinigt und den Treibhauseffekt verstärkt. Ähnlich sieht es mit Phosphat aus, das nicht synthetisiert, sondern aus Lagerstätten gewonnen wird, die in wenigen Jahrzehnten erschöpft sein werden.

Aber auch die Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten, an Nahrungspflanzen, Nutztier-Rassen und Pflanzensorten sind Ressourcen, deren dramatische Verringerung schlimme Folgen mit sich bringt. Auch hier ist eine Landwirtschaft als Verursacher beteiligt, die mit rationalisierten Produktionsverfahren billig große Nahrungsmengen erzeugt. Am Weitesten über die Grenzen des nachhaltig Möglichen ist die „Tierproduktion“ geraten, die aus Mitgeschöpfen Fabrikgüter für die Massenherstellung macht. Sie verursacht Probleme für Umwelt und Tierschutz.

Sie bedroht unsere Gesundheit nicht nur, weil billiges Fleisch zu übermäßigem Konsum verführt, sondern auch durch den weiterhin exzessiven Einsatz von Antibiotika in den Ställen. Und sie funktioniert nur, weil Millionen von Hektaren einstiger Regenwald besonders in Südamerika mit Sojabohnen bebaut werden, die als Eiweißfuttermittel in europäischen Viehtrögen landen. Urwald für Schnitzel, sozusagen.


Ökologische Intensivierung als nachhaltiges Gegenmodell

Diese Diagnose führt zu einer unumgänglichen Therapie: Unsere Landwirtschaft muss ökologisch werden und unsere Ernährungsweise dazu. Das Gegenmodell ist die Ökologische Intensivierung. Diesen Begriff verwende ich, um einem Missverständnis vorzubeugen: Wenn in diesem Zusammenhang von Ökolandbau die Rede ist, dann bezeichnet das weder eine Landwirtschaft, die eigentlich konventionell ist, der aber – z.B. mangels Kaufkraft – keine chemisch-synthetischen Pflanzenschutz- und Düngemittel zur Verfügung stehen, noch die Rückkehr zu einer vorindustriellen Form der Landbewirtschaftung. Auch der zertifiziert ökologische Landbau nach den Richtlinien der entsprechenden Europäischen Verordnung ist nur bedingt gemeint. Er zeigt zwar den Pfad auf, um den es geht, ist aber in erster Linie ein Zertifizierungsstandard für einen konkreten Markt und damit nur beschränkt für alle denkbaren Verhältnisse geeignet.

Was gemeint ist, ist die intelligente Nutzung der Natur und ihrer Regelungsmechanismen bei möglichst geringem Einsatz von außen hinzuzufügender und Kapital bindender Betriebsmittel. Eine Landwirtschaft, deren Grundlage eine Kombination aus modernster wissenschaftlicher Erkenntnis und dem reichen Erfahrungswissen bildet, das insbesondere in traditionellen Gesellschaften noch vorzufinden ist. Sie nutzt, erhält und fördert die ungeheure Vielfalt an Pflanzenarten, Sorten und Tierrassen, soweit sie in der industriellen Landwirtschaft noch nicht untergegangen ist.

Beispiele in Haiti oder auf den Philippinen, in Kenia oder Äthiopien zeigen, was im weltweiten Maßstab darunter zu verstehen ist. Sie zeigen überdies, dass dort, wo heute Menschen Hunger leiden – in den ländlichen Regionen des Südens – Ertragssteigerungen und Einkommenssicherung möglich ist. Und zwar ohne dass die Bauern ihre Einkünfte für den Kauf von Chemikalien aus den Industriestaaten verwenden müssen und ohne dass sie in die Abhängigkeit jener Patente geraten, mit denen die Gentechnikindustrie ihre Saaten versieht.

In den letzten Jahren sind ausreichend Daten erhoben und ausgewertet worden, um die Effizienz dieses Systems zu belegen. So verwundert es nicht, dass immer mehr Organisationen der Entwicklungshilfe oder der Vereinten Nationen darauf drängen, auf eine ökologische Intensivierung der Landwirtschaft zu setzen und nicht auf eine Industrialisierung nach westlichem Vorbild.

Es ist deshalb längst die Zeit gekommen, nicht mehr das „ob“, sondern das „wie“ zu diskutieren. Wie schaffen wir die Transformation hin zu einer ökologischen Landwirtschaft, die auch künftigen Generationen ihre Lebenschancen lässt? Der Schlüssel dafür liegt in dem, was die Ökonomen „Kosteninternalisierung“ nennen. Es muss Schluss damit gemacht werden, dass ein erheblicher Teil der Produktionskosten von der Umwelt gezahlt wird, statt damit den Preis der Produkte zu belasten.

Wenn sich Kosten, wie sie durch die Ausschwemmung von Nährstoffen in Gewässer, durch Klimawandel, Verlust der Artenvielfalt oder den Rückgang von Bienen verursacht werden, im Preis des Schnitzels wiederfinden würden, zöge das eine Reihe von Auswirkungen nach sich: So wäre die Produktion mit den geringsten Allgemeinkosten konkurrenzfähig. Das ist der ökologische Landbau auch dann, wenn man berücksichtigt, dass er auf vielen Feldern noch weiter entwickelt werden muss, um dem Ziel einer vollkommenen Nachhaltigkeit näher zu kommen. Und unser Ernährungsverhalten würde sich ändern – zum Nutzen aller: Denn halb so viel gutes Fleisch zum doppelten Preis erhöht die Lebensmittelausgaben nicht, ist gesünder und bildet einen Beitrag zur Sicherung der Welternährung.

Damit die Politik es wagt, dafür Maßnahmen zu ergreifen, muss der Bewusstseinswandel bei uns Bürgerinnen und Bürgern, Wählerinnen und Wählern voranschreiten. Die Zeit dafür ist günstig!
 



Quelle:  Friedrich Ebert Stiftung (FES) Online Akademie, 53175 Bonn  
 

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Peter Weber
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Ernährungssouveränität und Agrarökologie

Ernährungssouveränität und Agrarökologie

 

A. Einführung in die Thematik
 
Ernährungssouveränität heißt die globale Herausforderung, nicht „Welternährung“ – so lautet die Prämisse von Felix von Löwenstein. Sein Buch „FOOD CRASH: Wir werden uns ökologisch ernähren oder gar nicht mehr“ und seine obigen Ausführungen zu dieser Problemstellung sowie die kürzlich gesendete ARTE-Dokumentation „Die Zukunft pflanzen“, deren Aufzeichnung ich  mir gestern angesehen habe, haben mich zu einer ausführlicheren Erörterung des Themas veranlaßt. Bei ARTE lautet die Einführung in diesen Film wie folgt:
 
DIE ZUKUNFT PFLANZEN - ARTE-Dokumentation vom 16.10.2012
 
„Ein Sechstel der Weltbevölkerung leidet gegenwärtig Hunger. Aber das ist kein unabwendbares Schicksal. Anhand von Beispielen aus Mexiko, Japan, Malawi, Kenia, Senegal, den USA und mehreren europäischen Ländern veranschaulicht Filmemacherin Marie-Monique Robin (von der auch die Dokumentationen stammen: „Unser täglich Gift“ und „Monsanto, mit Gift und Genen“, Anm. d. Verf.), daß radikales Umdenken gefordert ist und daß die Lebensmittelkette anders verwaltet und organisiert werden muß - und kann, um dem Hunger in der Welt Abhilfe zu schaffen. 
 
Mittlerweile beweisen weltweit aktive Initiativen, dass ökologische Landwirtschaft, die umweltgerecht und ressourcenschonend verfährt, nicht nur möglich, sondern auch ertragreicher ist als die industrielle Produktion von Nahrungsmitteln. Voraussetzung dafür ist allerdings auch, daß den Bauern - und nicht nur den Großproduzenten unter ihnen - wieder eine Schlüsselrolle in der für die Zukunft der Menschheit unabdingbaren Entwicklung zugebilligt wird.“
 
Bitte beachten – sehr sehenswert: Wiederholung: Donnerstag, 8. November 2012, 14:10 h
 
Die grundsätzlich gestellte Frage, ob die die Weltbevölkerung mit ökologisch ausgerichteter Landwirtschaft und ohne Anwendung von Pestiziden sichergestellt werden kann, muß eindeutig mit „ja“ beantwortet werden. Das möchte ich schon einmal einleitend feststellen, obwohl die Vertreter der Agrochemie, der industriellen Landwirtschaft, der Nahrungsmittelindustrie und der davon gesponserten und beeinflußten Politiker das Gegenteil behaupten.
 
Wir haben uns zu im Grunde genommen zu Kannibalen zurück entwickelt, die sich selbst auffressen. Zu dieser Auffassung muß man gelangen, wenn man die weltweiten selbstzerstörerischen Praktiken der industriellen Landwirtschaft und Nahrungsmittelproduktion betrachtet. In einer kapitalistischen marktradikalen Gesellschaft sind die Erträge alles – die Zerstörung unserer Umwelt und Gesundheit wird dabei wissentlich in Kauf genommen.
 
 
B. Problematiken
 
Reis, Mais, Weizen, Kartoffeln sind die Grundlebensmittel der Welt, mit denen die Ernährungssituation global steht und fällt. Die Herstellung und Verteilung dieser existenziell notwendigen Güter darf nicht noch weiter in die Hände von Globalplayern fallen und als Objekt zur Finanzspekulation dienen. Nahrungs- und Lebensmittel dürfen nicht mehr als  Grundlage für eine Spritproduktion mißbraucht werden.
 

 

© Klaus Stuttmann Karikaturen, Berlin - klick

 
Die industrielle extensive Landwirtschaft wird von der Politik gehätschelt und mit Subventionen überschüttet. Dadurch entstehen Wettbewerbsverzerrungen, die dem ökologischem Landbau eine Versorgung der Masse der Bevölkerung verunmöglichen und den bäuerlichen Mittelstand aushungern. Die Agrokonzerne können fast schalten und walten, wie sie wollen, da sie als fleißige Lobbyisten die Politik im Griff haben. Monokulturen beherrschen zunehmend das Landschaftsbild weltweit und tragen zur Erosion und Verseuchung der Böden bei. Urwälder werden abgeholzt und abgefackelt, Moore trockengelegt – nur um Treibstoff zu erzeugen oder Futtermittel für billige Fleischproduktion in Massentierhaltung anzubauen, die dann auch noch über zigtausende Kilometer mit Schiffen und LKWs transportiert werden müssen, die wiederum fossile Energien verbrauchen und Emissionen verursachen. Also eine irrsinnige Kette ohne Ende!

Genetisch veränderte Pflanzen werden systematisch und unwiderruflich eingeführt, obwohl über Folgeschäden und gesundheitliche Beeinträchtigungen noch keine langfristigen Forschungen vorliegen. Die Abhängigkeit der Bauern von der Beschaffung patentierter transgener Saaten und der damit gekoppelten Pestiziden wird mit Unterstützung der Politik immer weiter vorangetrieben, so daß diese Menschen ruiniert, ausgehungert und von ihren Äckern vertrieben werden. Es handelt sich hier um eine groß angelegte organisierte Unverantwortlichkeit, die mit krimineller Energie voran getrieben wird.
 
Landraub und großflächige Verpachtung von landwirtschaftlichen Gebieten (insbesondere in Afrika) an ausländische Investoren, die zur Vertreibung der Kleinbauern führt, kommen immer mehr in Mode. Korrupte Politiker unterstützen diese unverantwortlichen Machenschaften. In diesen Regionen werden umweltschädliche Monokulturen unter Einsatz von industriellen Anbaumethoden angelegt, deren Erzeugnisse gewinnbringend an die Meistbietenden verhökert werden. Der einheimischen Bevölkerung wird auf diese Weise die Nahrungsgrundlage entzogen, so daß sich Unterernährung weiter ausbreitet.
 
Die wirtschaftlichen Kartelle der Agrochemie, Landwirtschafts- und Nahrungsmittelindustrie bestimmen Umfang, Qualität und Preis des Nahrungsangebots auf den Märkten. Dabei liegt die Präferenz auf der Herstellung billiger Nahrungsmittel auf Kosten von Qualität, Ökologie und Gesundheit, die dann mit immensem Marketing- und Werbeaufwand und unnützen oder schädlichen Zusatzstoffen versehen als der Gesundheit förderliche Topprodukte angepriesen und überteuert an den Endverbraucher abgegeben werden.
 
Die NAFTA oder andere Freihandelsabkommen begünstigen in der Regel die subventionierten Landwirtschaftsprodukte der westlichen Staaten für den Export und führen zu Ruinierung der Kleinbauern, zu Hungersnot, Landflucht und (illegaler) Immigration weltweit. Externe Kosten werden ausgelagert und sozialisiert und nicht in die Preise der industriellen landwirtschaftlichen Erzeugnisse einkalkuliert, so daß eine Verzerrung der Wettbewerbsfähigkeit entsteht, die Kleinbauern und ökologische Produkte benachteiligt.
 
Stabile landwirtschaftliche Strukturen zum Nutzen von Mensch und Umwelt stehen nicht auf der Geschäftsordnung der Konzerne und Gesundheitsschäden durch Pestizide, die eindeutig für Krebserkrankungen verantwortlich sind, werden einfach ignoriert. Willkürlich festgelegte Grenzwerte dienen der Rechtfertigung, obwohl sie keine Gewähr gegen Schädigungen leisten und es an der Effizienz der Überwachung mangelt. Kein Mensch kennt die langfristigen Auswirkungen von Eingriffen in die Natur, und es ist unmöglich die potenziellen unzähligen Kombinationswirkungen abzuschätzen und dafür eine Verantwortung zu übernehmen. Trotzdem wird so getan, als ob keine Gefahr im Verzug wäre und der Verbraucher wird in Sicherheit gewiegt
 
Landwirtschaft bedeutet für die industriellen Anwender ausschließlich Produktion von Nahrungsmitteln, obwohl ihre Aufgabe weit darüber hinausgehen sollte. So besitzt sie noch andere wichtige Funktionen wie Landschaftspflege, Wasserbewirtschaftung, Forstwirtschaft und die Verpflichtung, für eine intakte Umwelt zu sorgen. Bei der Beackerung des Bodens steht bei der industriellen Landwirtschaft aus ökonomischen Gründen der Kahlschlag im Vordergrund.  Der Wichtigkeit des Erhalts der Artenvielfalt, von verschiedenen Wildkräuter sowie die fundamentale Bedeutung der Bäume im Gesamtsystem wird nicht oder in nicht ausreichendem Maße Rechnung getragen. Leben hat in einem ökonomisch ausgerichteten System eben keinen geldwerten Vorteil, so daß es bedenkenlos zertrampelt wird.
 
 
C. Abhilfe
 
Die globale Einführung einer Agrarökologie wäre die Lösung für den unwürdigen Umgang unserer Gesellschaften mit allem Lebendem, als wäre es ein totes Ding. Anfangs bezog sich die Agrarökologie nur auf Pflanzenproduktion und -schutz, in den letzten Jahrzehnten kamen umweltbezogene, soziale, ökonomische, ethische und entwicklungsbezogene Aspekte hinzu. Die Etablierung einer Agrarökologie kann nur dann eine Ernährungssouveränität herstellen, wenn sie mit der Schaffung einer autarken und autonomen Landwirtschaft verbunden ist, die auf regionaler Basis agiert.
 
Eine weitere wichtige Voraussetzung ist  die Schaffung bzw. Erhaltung von Eigentum an Grund und Boden für die Kleinbauern, damit gerechte und menschenwürdige Lebensbedingungen vorherrschen können. Im- und Exporte von landwirtschaftlichen Erzeugnissen müssen durch Abbau von Agrarsubventionen drastisch verringert werden, notfalls mit Hilfe von Restriktionen der betroffenen Länder, um wieder funktionsfähige nationale ländliche Strukturen aufzubauen. Die Schaffung oder Erhaltung einer kleinbäuerlichen Landwirtschaft bedeutet keinen Rückschritt ins Mittelalter, sondern sie kann und muß auf der Basis neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse sowie unter Berücksichtigung von traditionellem Erfahrungswissen und Verwendung von alten Kultursorten angebahnt werden.
 
Wir müssen uns bewußt werden, daß wir sämtliche Funktionsabläufe in allen Wirtschaftsbereichen in selbstregulierenden Systemen managen müssen, damit die Welt, wie wir sie lieben, überleben kann. Unter diesem Aspekt ist auch das Kreislaufsystem für jeden einzelnen landwirtschaftlichen Betrieb zu verstehen, in dem es keinen Abfall gibt und auch von außen keine Stoffe hinzu gefügt werden. Dort werden wie in einem kleinen geschlossenen Kosmos Humus, Kompost und organischer Dünger aus eigener begrenzter Tierhaltung gewonnen. Auch die uralte Kulturtechnik Terra Preta, die von südamerikanischen Indianern schon vor Jahrtausenden erfunden wurde, um den Urwald fruchtbar zu gestalten und die mittlerweile vergessen wurde, gehört zu den Instrumentarien, die uns bei der Lösung unser Ernährungsproblematik helfen können. 
 
Wie auch im zwischenmenschlichen Umgang müssen wir im Landbau auf Integration setzen: auf die Integration von Pflanzen, Tieren und Boden. Nur so kann eine Artenvielfalt und Ausgewogenheit an Pflanzen erreicht werden. Dazu gehört selbstverständlich die Ächtung und Verbannung von Monokulturen. Dies beinhaltet den Verzicht auf Verwendung und Ankauf von Pestiziden, Herbiziden, Fremdfuttermitteln, Futtermittelzusätzen, Antibiotika oder anderen Tierarzneimitteln und Gensaaten. Sie sind nicht die Voraussetzung für die Ernährung der Weltbevölkerung sondern der Hauptgrund für Hunger und Mißwirtschaft. Es muß endlich Schluß sein mit der Profitmaximierung von Nahrungs- und Lebensmitteln. 
 
Praktische Erfahrungen und Berechnungen von japanischen Bauern beweisen, daß selbst im dichtbesiedelten Japan eine komplette nationale Versorgung aus ökologischem Landbau realisierbar ist. Um dies umzusetzen, fehlt nur die politische und gesellschaftliche Akzeptanz. Dies gilt auch für Deutschland und den Rest der Welt.
 
Hier noch einige Richtlinien, die für Deutschland, die EU, aber auch global eine Relevanz besitzen:
  • Verbot von Genpflanzen
  • grundlegende Änderung der EU- und nationalen Subventionsstrukturen mit dem Ziel einer Subventionsstreichung für die Agrarindustrie
  • Förderung von kleinen, mittelständischen und ökologischen Betrieben durch Subventionen und gesetzliche Regelungen
  • Belastung der Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse mit externen Kosten, so daß eine Wettbewerbsgerechtigkeit hergestellt wird, die die den Verbraucher eine wirkliche Wahlmöglichkeit anbietet
  • Abschaffung der Massentierhaltung und Reduzierung des Fleischkonsums

 

D. praktische Beispiele:
 
 
1. Milpa-System, Mexiko
 
Die Milpa ist ein Landwirtschaftssystem, das auf der Symbiose von Mais, Bohnen und Kürbissen aufbaut und das in Mexiko eine lange Tradition aufweisen kann.
 
So binden die Bohnen beispielsweise Luftstickstoff und geben ihn an die Wurzeln der Maispflanze weiter. Der Mais selbst dient der Bohne als Kletterhilfe. Die großen Blätter des Kürbis bedecken den Boden und schützen ihn vor Austrockung. In Kombination mit weiteren „Un“-Kräutern bildet sich eine optimale Lebensgemeinschaft, die gegen Schädlinge resistent ist, wenig Bewässerung benötigt und einen überdurchschnittlichen Ertrag erbringt. 
 
Die Milpa stellt auch ein Modell dar, das in der übrigen Welt kopiert werden könnte und einen Beitrag zur globalen Umstrukturierung der Landwirtschaft abgeben könnte. 
 
2. Push-Pull-System, Afrika
 
Beim Push-Pull-System handelt es sich um eine Strategie zur biologischen Schädlingsbekämpfung, die Ertragssteigerungen von mehr als 100 % möglich macht.
 
Der Kleinstrauch Desmodium wird als Vergrämungsmittel zwischen die Reihen von Getreide oder Mais gepflanzt, während Napiergras , auch Elefantengras genannt, als Falle in einem Gürtel um das Feld gepflanzt wird. So werden die Stengelbohrermotten vom Getreide weg zum Napiergras hin gelockt, um dort ihre Eier statt auf den Blättern des Getreides abzulegen. Die Blätter des Elefantengrases sind klebrig, sodaß die schlüpfenden Raupen  haften bleiben, absterben und keinen Schaden mehr anrichten können.
 
Abstoßende als auch anziehende Wirkung beruhen auf so genannten Blatt-Volantilen, die mit Geruchsstoffen verglichen werden können und den Insekten zur Orientierung und zum Auffinden der Wirtspflanze dienen. Napiergras als auch Desmodium sind mehrjährig und können problemlos über zehn Jahre bestehen bleiben. Ist das Getreide geerntet, werden die Getreidereihen gehackt oder gepflügt, während die Reihen von Desmodium und Napiergras vor der erneuten Aussaat lediglich zurückgestutzt werden.
 
Desmodium- und Napiergrasblätter wiederum werden als Viehfutter benutzt und stellen in Trockenzeiten, in denen kein normales Gras wächst, eine ideale Futterquelle dar. Darüber hinaus sind in Afrika sog. Düngerbäume bekannt und bilden Elemente einer zukunftsfähigen Landwirtschaft. Dieser Baum heißt Faidherbia albida, ein Hülsenfruchtbaum. Es ist der einzige Baum, der seine Blätter in der Regenzeit verliert. Er beschattet die Feldfrüchte also nicht. Die Blätter enthalten viel Stickstoff und die Wurzeln holen Nährstoffe aus großer Tiefe. Die Methode besteht darin, diese sog. Leguminosen zwischen jungen Mais zu pflanzen. Da die Bäume langsam wachsen, konkurrieren sie nicht mit dem gepflanzten Mais. Wenn der Mais abgeerntet ist, läßt man die Bäume die nachfolgende Trockenperiode über weiter wachsen. Am Ende der Trockenperiode und vor dem nächsten Anpflanzen von Mais fällt man die Bäume, so daß die Stämme, Wurzeln und Blätter verfaulen, so daß der sich einstellende Verfaulungsprozeß mit den angesammelten Nitraten den Boden anreichert. Unter diesem Baum kann der Bauer auskömmliche Erträge von Mais oder Hirse ganz ohne Dünger und Pestizide erreichen. Weiterer positiver Effekt: Schutz vor Erosion und Wasserspeicherfunktion.
 
Wie man sieht, existiert eine Palette von biologischen Anbaumethoden, die bereits über eine lange Tradition verfügen und die äußerst wirksam sind. Wir müssen verhindern, daß sie im Namen des sog. Fortschritts durch Chemie und industrielle Anbauverfahren ersetzt werden.
 
3. Teikei-System, Japan
 
Das Teikei-System ist ein auf Partnerschaft ausgerichtetes System von Gemeinschaftshöfen, denen eine persönliche Beziehung zwischen Erzeuger und Verbraucher zugrunde liegt. Es existiert kein festgelegter Verkaufspreis für die erzeugten Lebensmittel, so daß im eigentlichen Sinn kein Verkauf stattfindet – jeder Verbraucher kann entsprechend seinen finanziellen Verhältnissen eine Spende abgeben. Wir haben es also mit einem Versorgungssystem zu tun, das auf dem Prinzip der Solidarität beruht und das die beteiligten Menschen, sowohl den Erzeugern als auch den Verbrauchern, ihre Zugehörigkeit zur Natur bewußt macht sowie ein Gemeinschaftsgefühl erzeugt.
 
Bauern, die das Teikei-System praktizieren, betreiben z. T. auch eine Selbstversorgung mit Energie, in dem sie aus dem Faulgas Methan und dem Recycling von Altölen Treibstoff Treibstoff und Heizenergie herstellen. Interessant ist auch  im Hinblick auf den Reisanbau die Einbeziehung der Mitarbeit von Enten, die die Reisplantagen vor der Einpflanzung der jungen Triebe von Unkraut säubern und für Düngung sorgen.
 
Das Teikei-System findet mittlerweile weltweit Nachahmer und bildet ein hoffnungsvolles Modell, mit dem wir eine Wirtschaft im Sinne des Humanismus einrichten könnten.
 
4. Kartoffelanbau in den Anden, Südamerika
 
Die Kartoffeln stammen bekanntlich aus Südamerika. Die Indios verfügen noch über eine reichhaltige Auswahl an urwüchsigen und  resistenten Kartoffelsorten, die von Agrarwissenschaftlern gesichtet und gekreuzt werden. Kartoffeln wachsen in hohen Lagen der Anden wild, und es werden immer wieder noch unentdeckte Arten gefunden. Durch gezielte Züchtungen versucht man, besonders widerstandsfähige und anspruchslose Sorten mit geringem Wasserbedarf heraus zu finden, die helfen können, andernorts in wasserarmen Gegenden zur Nahrungsmittelversorgung beizutragen.
 
5. ökologischer Landbau und Forstwirtschaft in Deutschland
 
Sowohl bei Feldfrüchten, beim Gemüseanbau als auch z. B. beim Weinbau hat sich gezeigt, daß auf Pestizide und extensive Düngung verzichtet werden kann, ohne daß der Ertrag wesentlich darunter leidet. Aber wie bereits erwähnt, ist der Ertrag und der Verbraucherpreis nicht das einzige maßgebliche Kriterium, das beim Vergleich mit dem konventionellen Anbau herangezogen werden darf. Aber dazu bedarf es noch eines gewaltigen Umdenkungsprozeßes in Politik und bei den Konsumenten.
 
Ökologische Anbauweisen verzichten z. B. auf ein Umpflügen des Ackers und bringen eine Direktsaat direkt zwischen die vorhandene Vegetation ein. Dadurch wird die Bildung von kahlen Ackerflächen verhindert, so daß keine Erosion mehr entstehen kann. Außerdem wird die Bodenstruktur verbessert und gefestigt und die Lebensbedingungen von Mikroorganismen begünstigt.
 
Projektbeispiel Forstwirtschaft
 
In einem vom BMBF geförderten Verbundprojekt  "LATERRA" untersucht das Fraunhofer IME in wie weit die so genannte "Terra Preta"-Technologie die Bodenfruchtbarkeit verbessern und einen Beitrag zur Kohlenstoffbindung in Böden leisten kann. Als "Terra Preta" werden Böden bezeichnet, die im Amazonasgebiet von vorkolum¬bianischen Indianern erzeugt wurden, in dem Holzkohle mit organischen Abfällen vermischt und in den Boden eingear¬beitet wurde. Diese Böden sind dadurch sehr fruchtbar und verfügen über eine hohe Kapazität zur Speicherung von Nährstoffen und Wasser. Außerdem sind in den Böden große Mengen an Kohlenstoff gespeichert.
 
Diese alte Technik der Bodenverbesserung soll im Schmallenberger Sauerland die Wiederaufforstung von Fichten auf großflächigen Windwurfflächen unterstützen. Die Böden sollen dabei durch die Zugabe von in Deutschland nachge-bildetem Terra Preta-Substrat stabilisiert werden, so daß Nährstoffverluste verringert und die Anzuchtleistungen verbessert werden.

Erste Ergebnisse nach einem Jahr nach der Pflanzung der Jungfichten haben zwar noch keine signifikanten Ergebnisse hinsichtlich des Wachstums der Pflanzen ergeben, aber die analysierten Bodenproben zeigten eindeutig ein Verbesserung der Bodenqualität und einen Anstieg der Mikroorganismen. Es wird damit gerechnet, daß sich in den nächsten Jahren auch ein eindeutiger Wachstumsimpuls bei den Fichten einstellen wird.
 
Auch ich beabsichtige, im nächsten Frühjahr in meinem Garten ein Versuchsbeet mit Terra Preta anzulegen, um einen Test mit verschiedenen Pflanzen durchzuführen.
 
 
E. Fazit
 
Das 20. Jhd. war das Jahrhundert der Chemie - das 21. Jhd. wird das Jahrhundert der Biologie in der Landwirtschaft werden. Das heißt, daß wir zu einer nachhaltigen globalen Landwirtschaft durch Einsatz von biologisch-ökologischen Anbaumethoden unter Berücksichtigung der Artenvielfalt gelangen müssen. Dies ist verbunden mit dem Aufbau von lokalen Systemen mit einem „low cost“-Faktor, die die einheimischen Bevölkerungen unabhängig von teuren Importen machen und ihre Selbstversorgung sichern, so daß Hunger und Unterernährung der Vergangenheit angehören könnten.
 
Diese Umstellung ist ein radikaler Wandel, der auf Nachhaltigkeit und Produktivität beruht, der jedoch regional und nicht global organisiert werden darf. Außerdem heißt dies nichts anderes als eine Demontage der bisher am Spiel beteiligten Großkonzerne und eine Reduzierung des Zwischenhandels, der den Erzeugern den ihnen zustehenden Erlös verschafft. Mit anderen Worten: Das Vorhaben stellt eine fundamentale Revolution unter Schaffung einer neuen Rolle und einem gehobenen Status des Kleinbauern dar.
 
Der Behandlung von Mensch und Natur als reine Manipuliermasse zum Geldschöpfen muß endlich beendet werden. Wir müssen uns bewußt machen, daß die zu ergreifenden Maßnahmen nicht nur flächendeckende, nachhaltige und ökologische Anbaumethoden betreffen,  sondern auch ein Kampf auf politischer und kultureller Ebene ausgefochten werden muß, denn die herrschenden Eliten und Profiteure werden ihre materiellen Vorteile nicht freiwillig hergeben.
 
In diesem Sinne: Ein gutes Gelingen, Mensch!
 
 
Peter A. Weber
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