Schönes neues Geld: Uns droht eine totalitäre Weltwährung.

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Helmut S. - ADMIN
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Schönes neues Geld: Uns droht eine totalitäre Weltwährung.
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Schönes neues Geld: PayPal, WeChat, Amazon Go

Uns droht eine totalitäre Weltwährung

Buchbesprechung von Patrick Schreiner

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Um es vorweg zu sagen: Anders, als der Titel vermuten lässt, ist dies in erster Linie kein Buch über Geld. Norbert Häring hat ein Buch über den schleichenden Verlust unserer Privatsphäre geschrieben, über die drohende totale Überwachung – und über die Rolle, die die Digitalisierung des Geldes dabei spielt.

Norbert-Haering-Schoenes-neues-Geld-PayPal-WeChat-Amazon-totalitaere-Weltwaehrung-Kritisches-Netzwerk-Abschaffung-des-Bargelds-Bargeldabschaffung-bargeldlose-TransaktionenEinleitend schreibt er:

"Die Abschaffung der Privatsphäre in Finanzdingen [wird] fernab der Parlamente in einem diffusen transnationalen Nirgendwo beschlossen, von Gruppen, die sich demokratischer Kontrolle gekonnt entziehen."

Diese These belegt Häring anhand zahlreicher Beispiele. Er zeigt, wie Entwicklungshilfe genutzt wird, um digitale Bezahlsysteme in Entwicklungsländern durchzusetzen – nicht zuletzt unter dem schön klingenden Schlagwort der »finanziellen Inklusion«. Die Ärmsten der Armen, die sich nicht wehren können, werden so zu globalen Versuchskaninchen. Er zeigt, wie man in den westlichen Industriestaaten auf sehr viel subtilere Weise das gleiche Ziel verfolgt.

Er zeigt, wie digitale Bezahlsysteme mit biometrischen Technologien verknüpft werden. Er zeigt, welche Rolle Regierungen, Zentralbanken, Geheimdienste, Wirtschaftsverbände, Banken und die großen Technologiekonzerne wie Google, Amazon, Facebook oder WeChat bei alldem spielen. Und er zeigt, wie sich diese Akteure vernetzen, wie sie Hand in Hand agieren, dabei die Grenzen zwischen »staatlich« und »kommerziell« verschwimmen lassen und die Demokratie aushebeln.

Nicht zuletzt zeigt Häring an vielen Beispielen, dass digitale Bezahlsysteme stets auch digitale Überwachungssysteme sind. So etwa, um ein besonders eindrückliches und erschreckendes Beispiel herauszugreifen, in Passagen über den Zahlungsdienste-Anbieter PayPal. Häring beschreibt detailliert, an wen PayPal unsere persönlichen Daten (wie Name, Adresse, Geburtsdatum, Telefonnummer, Ergebnisse von Kreditwürdigkeitsprüfungen, verwendete Computertechnologien, gekaufte Produkte usw.) weitergibt.

Es sind insgesamt etwa 30 Unternehmen – überwiegend solche, die Profile über uns anlegen, um sie zu Marketing-, Kontroll- und sonstigen Zwecken zu nutzen oder an Dritte weiterzuverkaufen. Eine Zweckbindung gibt es bei alldem nicht. Und auch eine Begrenzung der Speicherdauer gibt PayPal nicht vor. Wir werden gläsern, ohne es zu merken – nicht zuletzt auch dadurch, dass auch Geheimdienste und andere staatliche Behörden Zugriff auf die gespeicherten Daten haben.

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Wenn in Europa Datenschützer und EU-Kommission die im Mai 2018 (nach einer zweijährigen Übergangszeit) endgültig in Kraft getretene Datenschutz-Grundverordnung (DGSVO) feiern, dann erscheint dies doch reichlich naiv. Nach Lektüre von »Schönes neues Geld« drängt sich ein Verdacht auf: Hält man die europäische Öffentlichkeit zum Narren? Gewiss, wir wissen nun, wie PayPal mit unseren Daten umgeht. Und wir können die Herausgabe der über uns gespeicherten Daten verlangen. Mehr Transparenz also.

Die äußerst fragwürdigen Geschäftsmodelle der (vorwiegend, aber nicht ausschließlich US-amerikanischen) Digitalkonzerne jedoch hat man nicht unterbunden. Das war und ist kein Ziel der Datenschutz-Grundverordnung. Sie können fröhlich weiter unsere Daten sammeln, verkaufen und auswerten. Dafür brauchen sie nun zwar im Regelfall unser Einverständnis. Das werden wir ihnen aber geben müssen, je monopolistischer die digitalen Bezahlsysteme und Plattformen geworden sind. Denn ohne unser Einverständnis, mit unseren Daten Schindluder zu treiben, lassen sie uns ihre Dienstleistungen nicht nutzen. Hier entpuppt sich die Vorstellung vom selbstverantwortlichen Individuum als kürzester Weg in die freiwillige totale Überwachung. Und der ach so gefeierte europäische Datenschutz erweist sich als zahnloser Tiger.

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Norbert Häring nennt Namen und Fakten. Er beschreibt Zusammenhänge und Hintergründe, die erschrecken. Er hat ein gelungenes und beängstigendes Buch geschrieben – das aufrütteln soll und das hoffentlich auch tut. Sein Plädoyer, wenn's um Geld geht: Wir sollten mehr Bargeld verwenden. Denn nur Bargeld ist anonym, nur Bargeld produziert keine Daten.  

Bibliografische Angaben:

Norbert Häring: Schönes neues Geld. PayPal, WeChat, Amazon Go - Uns droht eine totalitäre Weltwährung. Campus-Verlag 2018, ISBN 978-3-593-50914-3, 256 Seiten, 19,95 Euro. Das Buch ist auch als PDF-Format erhältlich, ebenso im EPUB-Format und MOBI/Kindle-Format, ISBN 978-3-593-43930-3, 256 Seiten, 16,99 Euro.

Patrick Schreiner
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Patrick Schreiner ist Gewerkschafter und Publizist aus Bielefeld/Berlin. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören Wirtschaftspolitik, Verteilung, Neoliberalismus und Politische Theorie. Er ist Herausgeber und verantwortlich für den Inhalt auf Blickpunkt WiSo.

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Norbert Häring (Jahrgang 1963) ist seit 1997 Wirtschaftsjournalist. Vorher arbeitete der promovierte Volkswirt einige Jahre für eine große deutsche Bank. Er engagiert sich in der der internationalen Ökonomenvereinigung "World Economics Association" (WEA) für eine weniger einseitige u. dogmatische Ökonomik. Er ist Träger des Publizistik-Preises der Keynes-Gesellschaft u. des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises von getAbstract (Ökonomie 2.0). >> Lebenslauf >> Härings Blog.

► Norbert Häring: Schönes neues Geld - Der Vortrag (Dauer 1:15:56 Min.)

► Lesetipps:

Der gläserne Bürger: In seinem neuen Buch „Schönes neues Geld“ seziert Norbert Häring die Bargeldabschaffung von Jörg Gastmann, veröffentlicht auf RUBIKON >> weiter.

World Payments Report 2018: Digitale Zahlungsmöglichkeiten boomen - Pressemitteilung von Capgemini >> weiter.

World Payments Report 2018: Digitale Zahlungsmöglichkeiten boomen - 14te Ausgabe - 56 Seiten >> weiter.


► Quelle: Der Artikel wurde am 06. September 2018 veröffentlicht auf der Webseite Blickpunkt WiSo > Information und kritische Analyse zu Wirtschafts-, Sozial- und Verteilungspolitik. >> Artikel. Der Artikel ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte, einschließlich der Vervielfältigung, Veröffentlichung, Bearbeitung und Übersetzung, bleiben vorbehalten. Die Wiederveröffentlichung ins Kritische Netzwerk wurde vom Herausgeber der Seite Blickpunkt WiSo, Patrick Schreiner, authorisiert. Nähere Informationen: webmaster@blickpunkt-wiso.de.

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► Bild- und Grafikquellen:

Norbert-Haering-Schoenes-neues-Geld-PayPal-WeChat-Amazon-totalitaere-Weltwaehrung-Kritisches-Netzwerk-Abschaffung-des-Bargelds-Bargeldabschaffung-bargeldlose-Transaktionen1. Buchcover: »Norbert Häring: Schönes neues Geld. PayPal, WeChat, Amazon Go - Uns droht eine totalitäre Weltwährung«. Campus-Verlag 2018, ISBN 978-3-593-50914-3, 256 Seiten, 19,95 Euro. Das Buch ist auch als PDF-Format erhältlich, ebenso im EPUB-Format und MOBI/Kindle-Format, ISBN 978-3-593-43930-3, 256 Seiten, 16,99 Euro.  

Norbert Häring: Wir bezahlen mit der Freiheit

In unserer Bezahlwelt tobt ein Krieg gegen das Bargeld. Es geht um kommerzielle Interessen und um die technologiegetriebenen Geschäftsmodelle von Mastercard, Microsoft, Apple und Co. Und es geht um die Freiheit des Individuums.

Der Wirtschaftsexperte Norbert Häring belegt, wie eine Allianz aus großen Technologie- und Finanzkonzernen, reichen Stiftungen, Regierungen und Organisationen an einem umfassenden System der digitalen finanziellen Überwachung und Kontrolle baut:

Wir sind auf dem Weg in ein (vertragsungebundenes) Pay-as-you-go-System, das mittels Gesichtserkennung und Fingerabdrücken aktives Bezahlen überflüssig macht und einer globalen Weltwährung den Weg bahnt. Wer das Buch von Häring liest, weiß, warum das keine Verheißung ist. (Klappentext)

2. Der gläserne Beschäftigte. Foto: geralt / Gerd Altmann, Freiburg Quelle: Pixabay. Alle bereitgestellten Bilder und Videos auf Pixabay sind gemeinfrei (Public Domain) entsprechend der Verzichtserklärung Creative Commons CC0. Das Bild unterliegt damit keinem Kopierrecht und kann - verändert oder unverändert - kostenlos für kommerzielle und nicht kommerzielle Anwendungen in digitaler oder gedruckter Form ohne Bildnachweis oder Quellenangabe verwendet werden. >> Grafik.

3. DSGVO vs. sammelwütige Datenkraken wie Facebook und Google.(Meinungsfreiheitsbekämpfungsgesetz > Video). Karikatur von Kostas Koufogiorgos. Koufogiorgos wurde 1972 in Arta, Griechenland geboren, studierte nach dem Abitur 1989 Wirtschaftswissenschaften an der Universität von Athen und begann zeitgleich als Karikaturist für verschiedene griechische Zeitungen und Magazine zu arbeiten.

Seit dem Umzug 2008 nach Deutschland veröffentlicht er seine Karikaturen in verschiedenen Tages-, Wochen- und Online-Zeitungen, z.B. im Handelsblatt, in den Ruhrnachrichten, im Hamburger Abendblatt, im Weser Kurier, der Fuldaer Zeitung, der Neuen Osnabrücker Zeitung, im Flensburger Tageblatt, den Lübecker Nachrichten, der Passauer Neuen Presse, der Ostsee-Zeitung, der Magdeburger Volksstimme, der Freien Presse, der Mainpost, dem Westfälischen Anzeiger, dem Tageblatt (Luxemburg), der Neuen Rheinischen Zeitung  u.a. Des Weiteren findet man seine Arbeiten in Magazinen (z.B. „Nebelspalter“, „Der Spiegel“), Fachzeitungen (z. B. „vida“), Onlineportalen (z.B. „web.de“, „gmx.de“, "msn.com"), und zahlreichen Bildungsmedien.

2008 wurde sein Buch „Minima Politika“ (mit Wolfgang Bittner) veröffentlicht, 2011 folgte „Frau Schächtele will oben bleiben“ (mit Monika Spang)  sowie 2016 "S(tuttgart) 21 - Karikaturen" und das "Jahr 2017 in bunten Bildern". 2012 erhielt er eine Auszeichnung beim Deutschen Preis für die politische Karikatur „Mit spitzer Feder“. 2016 folgten eine Auszeichnung beim Deutschen Preis für die politische Karikatur und ein 3. Preis des BJV zum Tag der Pressefreiheit. In Griechenland ist er der Karikaturist der Athener Tageszeitung „Eleftherotypia“.

Kostas Koufogiorgos lebt mit Ehefrau und Kater in Stuttgart- Bad Cannstatt. >> www.koufogiorgos.de  >> www.facebook.com/koufogiorgos . Direktlink zur Karikatur.