Thüringen bezahlt halbe Reparatur von Elektrogeräten

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Thüringen bezahlt halbe Reparatur von Elektrogeräten
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Thüringen bezahlt halbe Reparatur von Elektrogeräten

von Daniela Gschweng, Lörrach, für die Online-Zeitung INFOsperber

Elektroschrott-Overdose-Overconsumption-Elektroschrottberg-Muellberge-Ueberflussgesellschaft-Wegwerfgesellschaft-Wegwerfindustrie-Kritisches-Netzwerk-ElektrogeraeteWer in Thürigen lebt, kann seit Mitte Juni 50 Prozent der Reparaturkosten für Elektrogeräte erstattet bekommen.

Viele Elektrogeräte wären noch zu gebrauchen, landen aber dennoch auf dem Müll oder im Recycling, weil sie einen kleinen Schaden haben. Oft wäre es möglich, Geräte reparieren zu lassen, statt neue zu kaufen, doch der Eigentümer scheut Aufwand und Kosten.

Die Einwohner des deutschen Bundeslands Thüringen haben seit einigen Wochen einen Grund mehr, kaputte Elektrogeräte wieder instand setzen zu lassen – Thüringen bezahlt in einem einmaligen Projekt seit 15. Juni die Hälfte der Reparaturrechnung für gängige Elektrogeräte wie Küchenmaschinen, Handys, Fernseher und Gefriertruhen.

► Kleine Zahlung überwindet große Trägheit

Jeder Erwachsene kann sich so maximal 100 Euro Bonus pro Jahr auszahlen lassen, wenn er die Reparaturrechnung und einen Zahlungsnachweis bei der Verbraucherzentrale Thüringen (vzth) einreicht und online einen Antrag stellt.

Der Reparaturbonus war wohl der Implus, den die Thüringerinnen und Thüringer noch brauchten, um aktiv zu werden. Etwas über 1000 Anträge habe man bisher genehmigt, sagt Stefan Eisentraut von der Verbraucherzentrale Thüringen auf Nachfrage.

► Am häufigsten repariert wurden Handys und Waschmaschinen

Davon entfielen besonders viele, nämlich 191, auf kaputte Handys. Geflickt werden konnten außerdem 133 Waschmaschinen, 113 Geschirrspülmaschinen, 96 Kaffeevollautomaten und 52 Fernseher, listet Eisentraut die «Top 5» auf. Und nicht alle Reparaturen waren kostspielig, der durchschnittliche Bonus betrug 70 Euro, nur 25 Anträge wurden bisher abgelehnt.

Etwa 1000 Anträge warten noch auf Bearbeitung. Wer noch keinen Bonus bekommen hat, muss allerdings Daumen drücken. Der Reparaturbonus ist ein einmaliges Projekt des Thüringer Umweltministeriums und der Verbraucherzentrale Thüringen, für das im Haushalt 150‘000 Euro reserviert wurden. Sind diese verbraucht, gebe es erst einmal keinen Bonus mehr, bestätigt Eisentraut.

► In Österreich ein alter Hut

Der Landesverband für Elektrohandwerk begrüßte die Idee, machte aber auf Einschränkungen aufmerksam. So sei es in manchem Fällen umweltfreundlicher, ein neues Gerät zu kaufen, das sparsamer mit Resourcen umgeht, als ein altes zu reparieren. Für einige Geräte gebe es auch kaum Ersatzteile.

Reparaturbewegung Reparaturcafe Reparaturhilfe Reparaturinitiativen Kritisches Netzwerk Konsumkritik Obsoleszenz Ueberflussgesellschaft Wegwerfgesellschaft Nachhaltigkeit Konsumverzicht

Der Versuch lief jedoch so gut, daß nun auch andere deutsche Bundesländer Interesse zeigen, berichtet das «Redaktionsnetzwerk Deutschland» (RND). Abgeschaut hat sich das Thüringer Umweltministerium die Reparatur-Idee in Österreich. Dort wurde der Reparaturbonus zunächst für einen begrenzten Zeitraum in einzelnen Bundesländern erprobt. Schon 2019 startete beispielsweise Niederösterreich das Projekt «NÖ». Von 2022 an werden Reparaturen in ganz Österreich mit maximal 200 Euro gefördert.

Daniela Gschweng, Lörrach >> Kontakt: dgschweng@web.de 


Weiterführende Infos: (bitte lesen und weiterverteilen!)

«Thüringen bezahlt halbe Reparatur von Elektrogeräten. Wer in Thürigen lebt, kann seit Mitte Juni 2021 fünfzig Prozent der Reparaturkosten für Elektrogeräte erstattet bekommen». Von Daniela Gschweng, Lörrach, für die Online-Zeitung INFOsperber, im KN am 05. August 2021 Mai 2021 >> weiter.

«Elektroschrott: Deutschlands mutloses Recyclinggesetz. Das Schweizer System gilt als vorbildlicher». Von Daniela Gschweng, Lörrach, für die Online-Zeitung INFOsperber, im KN am 13. Mai 2021 >> weiter.

«Bundestag beschliesst Gesetz gegen Elektroschrott ohne wechselbare Akkus», elektrogesetz.de/ >> weiter.

«Discounter müssen künftig alte Handys, Taschenlampen und Rasierer zurücknehmen», Pressemeldung des deutschen Bundesumweltministeriums >> weiter.

Reparaturanleitung-Reparaturcafes-Reparaturhilfe-Reparaturinitiativen-Entschleunigung-Massenkonsum-Kritisches-Netzwerk-Konsumkritik-Obsoleszenz-Muellvermeidung «Austauschbare Akkus: Samsung warnt vor klobigen Smartphones. Versiegelte Handy-Gehäuse können flacher gebaut werden und gehen seltener kaputt. Das erklärte ein Samsung-Manager bei einer Anhörung zu Elektroschrott.» von Stefan Krempl, 25. März 2021, heise.de >> weiter.

«Liberté, Égalité, Réparabilité: Elektroschrott-Berg wächst jedes Jahr», von Daniela Gschweng, Lörrach, für die Online-Zeitung INFOsperber, im KN am 17. Januar 2021 >> weiter.

«Global E-Waste Monitor: Schon wieder mehr Elektroschrott. Die Welt produziert immer mehr Elektromüll, vor allem in reichen Ländern. Die pro Kopf grösste Menge fällt in Europa an», von Daniela Gschweng, Lörrach, für die Online-Zeitung INFOsperber, 21. Juli 2020 >> weiter.

»Postwachstumsökonomie (Degrowth). Wie eigentliche Probleme ausgeblendet werden.« von Christian Jakob, 20. Mai 2019 >> weiter.

»Repair Cafés gegen die Kultur des Wegwerfens. Kulturen des Reparierens: Dinge – Wissen – Praktiken.« von Sigrid Kannengießer. 6. November 2018 >> weiter.

»Werbung und Konsum: Zwei Seiten einer Medaille. Sind wir uns bewusst, dass wir mit Konsum künstlich erzeugte Begehrlichkeiten stillen?« von Peter Frey >> weiter.

»Kulturen des Reparierens. Dinge, Wissen, Praktiken«, ein Buch von Stefan Krebs, Gabriele Schabacher, Heike Weber - 410 Seiten >> weiter. (PDF)

pin_green.gifNetzwerk Reparatur-Initiativen (Dauer 4:12 Min).

Reparatur-Initiativen (Reparatur-Treffs, Repair Cafés etc.) organisieren Veranstaltungen, bei denen defekte Alltagsgegenstände in angenehmer Atmosphäre gemeinschaftlich repariert werden. Elektrische und mechanische Haushaltsgeräte, Unterhaltungselektronik, aber auch Textilien, Fahrräder, Spielzeuge und andere Dinge. Diese Treffen sind nicht-kommerzielle Veranstaltungen, deren Ziel es ist, die Nutzungsdauer von Gebrauchsgütern zu verlängern und dadurch Müll zu vermeiden, Ressourcen zu sparen und nachhaltige Lebensweisen in der Praxis zu erproben. Interessierte und Tüftelerinnen können dort Erfahrungen austauschen und eine gute Zeit miteinander verbringen. Daher sind Kaffee und Kuchen ebenso wichtiger Bestandteil wie Schraubenzieher und Lötkolben.

repaircafe.org/de/

reparatur-initiativen.de/ .

pin_green.gif Kaufen für die Müllhalde: Geplante Obsoleszenz - arte Thema auf arte vom 15.02.2011 (Dauer 1:14:52 Std.)

Heute gekauft und morgen schon Schrott? Die Haltbarkeit technischer Produkte ist oft kurz. Teilweise ist dies von den Herstellern gewollt, doch auch die Haltung vieler Verbraucher hat sich verändert. ARTE schaut auf die Wegwerfgesellschaft. Glühbirnen, Nylonstrümpfe, Drucker, Mobiltelefone - bei den meisten dieser Produkte ist das Abnutzungsdatum bereits geplant. Die Verbraucher sollen veranlasst werden, lieber einen neuen Artikel zu kaufen, als den defekten reparieren zu lassen.

Die bewusste Verkürzung der Lebensdauer eines Industrieerzeugnisses, um die Wirtschaft in Schwung zu halten, nennt man "geplante Obsoleszenz". Bereits 1928 schrieb eine Werbezeitschrift unumwunden: "Ein Artikel, der sich nicht abnutzt, ist eine Tragödie fürs Geschäft".

Gestützt auf mehr als drei Jahre dauernde Recherchen, erzählt die Dokumentation die Geschichte der geplanten Obsoleszenz. Sie beginnt in den 20er Jahren mit der Schaffung eines Kartells, das die Lebensdauer von Glühbirnen begrenzt, und gewinnt in den 50er Jahren mit der Entstehung der Konsumgesellschaft weiter an Boden. Heute wollen sich viele Verbraucher nicht mehr mit diesem System abfinden.

Als Beispiel für dessen verheerende Umweltfolgen zeigt die Dokumentation die riesigen Elektroschrottdeponien im Umkreis der ghanaischen Hauptstadt Accra. Neben diesem schonungslosen Blick auf die Wegwerfgesellschaft stellt Filmemacherin Cosima Dannoritzer auch die Lösungsansätze von Unternehmern vor, die alternative Produktionsweisen entwickeln. Und Intellektuelle mahnen an, die Technik möge sich auf ihre ursprüngliche Aufgabe zurückbesinnen, auf die dauerhafte Erleichterung des Alltags ohne gleichzeitige Verwüstung des Planeten.

Indice de réparabilité >> weiter. (frz.)

Halte à l’Obsolescence Programmée (HOP) >> weiter. (frz.)

Factsheet französischer Reparaturindex, Germanwatch (PDF) >> weiter. (deutsch)

Runder Tisch Reparatur e.V.: Zusammenschluss zivilgesellschaftlicher, wissenschaftlicher Organisationen und Handwerksbetriebe, die sich für die Förderung von Reparatur einsetzen. Kontakt: Katrin Meyer, runder-tisch-reparatur.de/.


► Quelle: Der Artikel von Daniela Gschweng wurde am 27. Juli 2021 erstveröffentlicht auf INFOsperber >> Artikel.

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► Bild- und Grafikquellen:

1. OVERCONSUMPTION- Overdose: Too much seems to be never enough. - Überkonsum / Überverbrauch und vorzeitiges Kaputtgehen (Geplante Obsoleszenz) führen weltweit zu Elektroschrottmüllbergen: Zu viel scheint nie genug zu sein. Grafik: Christopher DOMBRES, a French Artist born in 1968 in Sète. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz CC0 1.0 Universell (CC0 1.0) Public Domain Dedication  - Kein Urheberrechtsschutz.

2. Das Repair Café ist ein freundlicher Ort, an dem sich ehrenamtliche Spezialisten mit Besuchern treffen, die ihre Gegenstände mitbringen, um sie zusammen zu reparieren. Foto: Isabelle Verdickt / Repair Café Brussels. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 2.0 Generic (CC BY-NC-ND 2.0).  

3. Buchcover: »Kulturen des Reparierens. Dinge – Wissen – Praktiken«, von Stefan Krebs / Gabriele Schabacher / Heike Weber (Hg.). transcript-verlag 2018, 410 Seiten, Print-ISBN: 978-3-8376-3860-8. Printausgabe 39,99 €.

PDF-ISBN 978-3-8394-3860-2. Dieses Werk ist lizenziert unter der Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivs 4.0 Lizenz (CC BY-NC-ND 4.0). Diese Lizenz erlaubt die private Nutzung, gestattet aber keine Bearbeitung und keine kommerzielle Nutzung.  

Reparieren und Instandhalten sind ökonomisch wie kulturell zentrale Praktiken im »Leben« technischer Dinge und Infrastrukturen.

Der Band rückt diese bislang wenig untersuchten Tätigkeiten in den Vordergrund und fragt nach den Wissensformen der unterschiedlichen Kulturen des Reparierens. Die Expertisen und politischen Ambitionen menschlicher Akteure finden dabei ebenso Berücksichtigung wie die Eigendynamik der Dinge. Die Beiträge untersuchen Praktiken wie die Uhr- oder Computerreparatur sowie Räume wie die Wohnung und das Krankenhaus, das Repair Café und die Stadt des Globalen Südens. Nicht zuletzt geht es um die Frage, inwiefern Reparieren und reparaturfreundliches Design zu mehr Nachhaltigkeit beitragen können. (Klappentext)

Inhalt

Kulturen des Reparierens und die Lebensdauer der Dinge
Stefan Krebs, Gabriele Schabacher und Heike Weber . . . . . . . . . 9

Dringlichkeit des Reparieres

Made to Break?

Lebensdauer, Reparierbarkeit und Obsoleszenz in der Geschichte des Massenkonsums von Technik
Heike Weber . . . . . . . . . 49

Elektroschrott und die Abwertung von Reparaturpraktiken

Eine soziologische Erkundung des Recyclings von Elektronikgeräten in Indien und Deutschland
Stefan Laser . . . . . . . . . 85

Das ›zweite Leben‹ von Mobiltelefonen und Fahrrädern

Temporalität und Nutzungsweisen technischer Objekte in Westafrika
Hans Peter Hahn . . . . . . . . . 105

Zwischen Überfluss und Mangel

Infrastrukturen am Beispiel der Wasserversorgung in Daressalam
Pia Piroschka Otte . . . . . . . . . 121

Technische Kulturen des Uhrenreparierens

Wissen, Produktion und Materialität (1700-1850)
Gianenrico Bernasconi . . . . . . . . . 141

Reparaturwissen und Akteure

Von Mühlenärzten, Turbinenwärtern und Eiswachen

Instandhaltungen am Technikensemble Wasserkraftanlage um 1900
Christian Zumbrägel . . . . . . . . . 165

Zwischen Kunst, Low-Budget und Nachhaltigkeit

Kleidungsreparatur in Zeiten von Fast Fashion
Heike Derwanz . . . . . . . . . 197

Reparaturwissen und Paratextualität
Jens Schröter . . . . . . . . . 225

Wissens-Appa/Repa/raturen

Ein epistemologisch-archäologischer Werkstattbericht von der Reparatur eines frühen Mikrocomputers
Stefan Höltgen und Marius Groth . . . . . . . . . 239

Bühnen der Alternativ-Industrie

Reparaturkollektive und das Vermächtnis der amerikanischen Gegenkultur der 1960er Jahre
Daniela K. Rosner und Fred Turner . . . . . . . . . 265

Praktiken des Reparierens

Repair Cafés

Orte gemeinschaftlich-konsumkritischen Handelns
Sigrid Kannengießer . . . . . . . . . 283

»Tansanier mögen keine unversehrten Sachen«

Reparaturen und ihre Spuren an alten Schuhen in Daressalam, Tansania
Alexis Malefakis . . . . . . . . . 303

Medizinische Reparaturkulturen

Zum Umgang mit (nicht) funktionierender Technik im laufenden Betrieb
Cornelius Schubert . . . . . . . . . 327

»Dann müssen wir es so lassen«

Reparatur ist (immer) mehr als die Wiederherstellung des Normalzustandes
Ignaz Strebel und Alain Bovet . . . . . . . . . 347

Reparieren nach der Revolution

Kulturtechniken der Un/Ordnung auf den Pariser Straßen des 19. Jahrhunderts
Tom Ullrich . . . . . . . . . 373

Autorinnen und Autoren . . . . . . . . . 401