Zur Politischen Ökonomie Deutscher Medien

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Helmut S. - ADMIN
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Beigetreten: 21.09.2010 - 20:20
Zur Politischen Ökonomie Deutscher Medien
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Zur Politischen Ökonomie Deutscher Medien

Eine Konzentrations- und Netzwerkanalyse

von Daniel Grabner, Benjamin Ferschli und Hendrik Theine

Zu einem Forschungsvorhaben des isw

Unter dem Arbeitstitel Pravda – die Wahrheit – räsonierte der Unternehmer und Investor Elon Musk kürzlich über seine neueste Idee: eine Online-Plattform, die es ermöglicht, kritisch die Glaubwürdigkeit von Artikeln, JournalistInnen oder gar ganzer Medien auszuleuchten. Ein eigenwilliger Ansatz gegen Fake-News – vor allem Fake-News, die es zufälligerweise wagen, Marken wie Tesla in Verruf zu bringen.[1] Ähnliche Fälle finden sich auch diesseits des Atlantiks: Dietrich Mateschitz, Red Bull-Gründer und wohl der reichste Österreicher, etwa monierte in einem für Aufregung sorgenden Interview öffentliche “Meinungsdiktate” und gründete kurzerhand die, laut Eigenverständnis unabhängige, Rechercheplattform Quo vadis veritas – Wohin gehst du, Wahrheit?

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Solche Nachrichten erregen natürlich Aufsehen. Einerseits weil sich beide – Mateschitz wie Musk – Hype und Aura des (post-)modernen Unternehmers zu eigen gemacht haben. Andererseits weil beide versuchen, auf die Medien – eine der demokratischen Grundinstitutionen –  einzuwirken. Eine derartige Einflussnahme durch zwei so wohlhabende Individuen wirkt nicht gerade unproblematisch – auch wenn beide sich zur Legitimation die Begriffe Wahrheit, Unabhängigkeit und Fremdsprachenkenntnissen an die Fahne geheftet haben.

Sich aber isoliert über solche Sachverhalte zu echauffieren und dabei das etablierte Mediensystem aus der Kritik zu nehmen, scheint fehl am Platz. Man denke an die Gründung der FAZ – finanziert von einem Kreis aus Industriellen mit dem auserkorenen Ziel, den ideologischen Unterbau für eine liberale Wirtschaftsordnung im Nachkriegsdeutschland zu liefern. Dies betrifft natürlich nicht nur eine Zeitung, sondern das Gros des Mediensystems in Deutschland. Die meisten Medienunternehmen Deutschlands erwecken zwar dank ihrer Besitzstrukturen – zumeist sind sie ja in Familienbesitz – einen etwas romantischen, etwas altmodischen Eindruck. Tatsächlich handelt es sich bei ihnen aber natürlich um Unternehmen, die nach der Logik der kapitalistischen Produktionsweise agieren. Wer demnach mit Unbehagen betrachtet, dass Musk, Mateschitz, Jeff Bezos und Konsorten ihr Vermögen als Sprachrohr nutzen, sollte sich gleichzeitig fragen, was für einen Einfluss Springer, Mohn und Jahr ausüben und seit Jahrzehnten ausgeübt haben.

Dass man den EigentümerInnen deutscher Medienunternehmen mit diesem Vergleich wenig Unrecht tut, zeigt ein kurzer Blick in Reichenlisten zu Deutschland. Die untenstehende Grafik zeigt die Vermögen der größten MedieneigentümerInnen Deutschlands für das Jahr 2018.

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Quellen: forbes.com (1, 2, 3, 4, 5, 6)

Angesichts dieser Zahlen scheint die vielbeschworene Krise der Medien aus den reichsten deutschen Medienunternehmern noch keine armen Kirchenmäuse gemacht zu haben. Und auch wenn in manchen Fällen Vermögen geschrumpft zu sein scheinen, liegt der Verdacht nahe, dass das Kapital sich nicht über Nacht in Luft aufgelöst hat, sondern in steuerschonenden Stiftungen geparkt wurde. Darüber hinaus ist natürlich der direkte Schluss vom Privatvermögen diverser Medieneigentümer auf die Konstitution des Medienmarktes insgesamt nicht zulässig, da zum einen diese Vermögen wohl nicht ausschließlich in Medienunternehmen zu verorten sind, sowie sicherlich Anteile von Personen und Unternehmen gehalten werden, die hier nicht abgebildet sind.

Der relevante, zugrunde liegende  Widerspruch besteht jedenfalls in der idealisierten Rolle der Presse als demokratische Institution und ihrer ökonomischen Fundierung im Privateigentum. Ein Widerspruch, der sich seit geraumer Zeit in der zunehmenden Tendenz zur Eigentumskonzentration im Pressebereich zugespitzt hat. So veranschaulicht alleine eine Betrachtung der ungefähr im Zweijahrestakt erscheinenden Studien Horst Röpers zum deutschen Tageszeitungsmarkt eine sich selbst überholende Tendenz zur weiteren Konzentration:

1997: Leichte Steigerung der Konzentration. >> weiter.

2000: Konsolidierungsphase beendet? >> weiter.

2002: Wirtschaftliche Krise und steigende Konzentration. >> weiter.

2004: Bewegung im Zeitungsmarkt 2004. >> weiter.

2006: Probleme und Perspektiven des Zeitungsmarktes. >> weiter.

2008: Konzentrationssprung im Markt der Tageszeitungen. >> weiter.

2010: Rangverschiebungen unter den größten Verlagen. >> weiter.

2012: Konzentration erreicht Höchstwert. >> weiter.

2014: Erneut Höchstwert bei Pressekonzentration. >> weiter.

2016: Pressekonzentration erneut leicht angestiegen. >> weiter.

2018: Pressekonzentration wächst rasant. >> weiter.

Die Studien Röpers beschränken sich dabei wohlgemerkt auf die Entwicklung am Tageszeitungsmarkt. Größere Studien, die eine holistischere Perspektive auf die Eigentumsstrukturen in der deutschen Medienlandschaft werfen, sind aber aufgrund der miserablen Datenlage äußerst rar gesät.

Diese schlechte Datenlage wird dabei von der Politik willentlich in Kauf genommen: Bis 1994 waren auf Basis der Pressestatistik des Statistischen Bundesamtes zuverlässige und breite Tendenzen im Mediensektor leicht recherchierbar. Diese wurde allerdings durch einen Kabinettsbeschluss der damaligen Bundesregierung ausgesetzt, was zu einem erheblichen Mangel an validen Daten im Bereich des Zeitungs- und Verlagswesen sowie im Rundfunkbereich führte, der nach wie vor gegeben ist. Dieser Umstand wird zwar immer wieder problematisiert (z.B. in einem Antrag der SPD und Grünen Fraktion vom 27. März 2012 oder im Gutachten des Hans-Bredow-Instituts von Februar 2017), allerdings sind bisher keine Verbesserungen zu erkennen.

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Die wenigen Studien, Berichte und Forschungen im Bereich der Medienkonzentration sind damit aufgrund des fehlenden zentralen, umfassenden Datenangebots gezwungen, auf eine Vielzahl von fragmentierten Einzeldaten zurückzugreifen, was nicht nur mühsam ist, sondern die Forschenden auch vor Schwierigkeiten bei der Vergleichbarkeit und Analysierbarkeit der unterschiedlichen Quellen stellt.

Um dieser Schieflage in der Struktur und der Analyse des deutschen Medienmarkts beizukommen, unternimmt das isw München eine Studie zur Verfasstheit der Politischen Ökonomie der deutschen Medien. Dabei versuchen wir, die oben aufgeworfenen Problematiken zu behandeln und den Schwächen bisheriger Analysen beizukommen. Im Sinne der kritischen Kommunikationsforschung ist damit das zentrale Ziel, die spezielle Position und Bedeutung von Medien unter der kapitalistischen Produktionsweise aufzuzeigen sowie konkrete Aussagen über die Existenz von Eigentums- und damit Machtverhältnissen im deutschen Medienmarkt zu treffen.

Vor diesem Hintergrund versucht das vorliegende Forschungsvorhaben eine Aktualisierung der Frage nach “ownership and control” in Deutschland. Folgende Bereiche werden dabei berücksichtigt:

- Makroebene: Analyse genereller Entwicklungen am deutschen Medien- und Werbemarkt (Stichwort Medienkrise und Digitalisierung).

- Unternehmensebene: Eine vertiefende Analyse der größten Medienunternehmen. (hinsichtlich Eigentümerverhältnisse, finanzielle Kennzahlen und Konzentration)

- Personenebene: Die Aufschlüsselung der zugrunde liegenden Eigentumsstrukturen im Rahmen einer “power structure analysis”, um Verflechtungen in medienfremde Bereiche offenzulegen. (Verflechtungen zwischen Kapitalfraktionen)

Da es sich hierbei um eine sehr umfassende Tätigkeit handelt, hoffen wir Interessierte dazu bewegen zu können, unser Vorhaben zu unterstützen und es uns zu ermöglichen, in gebotener Tiefe mit diesen Fragestellungen auseinandersetzen zu können. Diese Arbeit reiht sich in Ihrem Selbstverständnis in bereits bestehende Forschung der kritischen Kommunikationswissenschaft, wie etwa von Christian Fuchs, Hartmut Rosa, Manfred Knoche, Michael Meyen, Renatus Schenkel, Rudolf Stumberger, Sebastian Sevignani, Thomas Allmer, Uwe Tröger und vielen anderen, ein.

- Daniel Grabner ist Forschungsassistent am "Institut für Institutionelle und Heterodoxe Ökonomie" (wörtlich „abweichende Wirtschaft“) an der Wirtschaftsuniversität Wien (WU Vienna) sowie Doktoratsstudent und Gastlektor an der WU. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen der kritischen Politischen Ökonomie der Medien sowie der Firma der Theorie der Firma.

- Benjamin Ferschli ist Forschungsassistent am "Institut für die Gesamtanalyse der Wirtschaft" (ICAE) an der "Johannes Kepler Universität Linz" (JKU), sowie Doktoratsstudent an der Wirtschaftsuniversität Wien. Er forscht zu Fragen der Vermögensschätzung und Ungleichheitsmessung. Darüber hinaus hat er besonderes Interesse für Fragen und Methoden der Politischen Ökonomie sowie den Wandel von Arbeit.

- Hendrik Theine ist Universitätsassistent (prae-doc) am "Institut für Institutionelle und Heterodoxe Ökonomie" der Wirtschaftsuniversität Wien. Er promoviert im Bereich der Kritischen Politischen Ökonomie der Medien sowie der cultural political economy. Außerdem ist er Gründungsmitglied und Obmann der "Gesellschaft Plurale Ökonomik Wien" sowie im Vorstand des BEIGEWUM, dem Beirat für gesellschafts-, wirtschafts- und umweltpolitische Alternativen.

► Spenden für die isw-Studie „Politische Ökonomie Der Medien“

Wer das oben vorgestellte Projekt unterstützen will, spendet bitte an die im Spendenaufruf des isw angegebenen Daten, den wir hier wiedergeben:

isw e.V.

Konto-Nr. 983420

BLZ 70090500 Sparda-Bank München

IBAN: DE49 7009 0500 0000 9834 20

BIC: GENODEF1S04

Kennwort: Medien

Daniel Grabner, Benjamin Ferschli und Hendrik Theine



► Quelle: Erstveröffentlicht am 20. Juni 2018 bei isw-München >> Artikel. Die Bilder sind nicht Bestandteil des Originalartikels und wurden von KN-ADMIN Helmut Schnug eingefügt. Für sie gelten ggf. andere Lizenzen, s.u..

Mehr Informationen und Fragen zur isw:

isw – Institut für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung e.V.

Johann-von-Werth-Straße 3, 80639 München

Fon 089 – 13 00 41
Fax 089 – 16 89 415

isw_muenchen@t-online.de

www.isw-muenchen.de  /  https://www.facebook.com/iswmuenchen


[1] Anm. KN-ADMIN H.S.: Und das nicht zu Unrecht! Stichw.: teilweise grobe Verarbeitungsmängel, Designfehler, enormer Arbeitsdruck, inder Folge hohe Unfallhäufigkeit bei Angestellten in den Produktonsstätten, Niedriglöhne, zahlreiche Unfälle (u.a. mit Todesfolge) nach Auslieferung, etc. etc.

► Bild- und Grafikquellen:

1. Tageszeitungen im Verkaufsständer. Foto: MichaelGaida / Michael Gaida, Düsseldorf. Quelle: Pixabay. Alle bereitgestellten Bilder und Videos auf Pixabay sind gemeinfrei (Public Domain) entsprechend der Verzichtserklärung Creative Commons CC0. Das Bild unterliegt damit keinem Kopierrecht und kann - verändert oder unverändert - kostenlos für kommerzielle und nicht kommerzielle Anwendungen in digitaler oder gedruckter Form ohne Bildnachweis oder Quellenangabe verwendet werden. >> Foto.

2. Vermögen der größten MedieneigentümerInnen Deutschlands für das Jahr 2018 - Quellen: forbes.com (1, 2, 3, 4, 5, 6).

3. "WIR SIND BILDfrei" - #BILDboykott. Grafikbearbeitung: Wilfried Kahrs (WiKa).

4. Alte Zeitungen zusammengeschnürt. Foto: Pexels. Quelle: Pixabay. Alle bereitgestellten Bilder und Videos auf Pixabay sind gemeinfrei (Public Domain) entsprechend der Verzichtserklärung Creative Commons CC0. Das Bild unterliegt damit keinem Kopierrecht und kann - verändert oder unverändert - kostenlos für kommerzielle und nicht kommerzielle Anwendungen in digitaler oder gedruckter Form ohne Bildnachweis oder Quellenangabe verwendet werden. >> Foto.