Vom Saulus zum Paulus, von Helden und Terroristen

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Vom Saulus zum Paulus, von Helden und Terroristen
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Vom Saulus zum Paulus, von Helden und Terroristen

von Bernd Volkmer

So mancher Leser wird meinen, „hat der noch alle Tassen im Schrank“, weil dieser Artikel gegen Tabus verstößt und allgemein anerkannte Kausalitäten in Abrede stellt. Aber es geht um die Betrachtung vorherrschender Doppelmoral, anhand von Helden und Terroristen, nicht nur in der Politik, sondern auch in unserem Alltagsdenken, welches zu einer zunehmenden Polarisierung unserer Gesellschaft führt.

Am 20. Juli 2019 begingen wir, mit großem Pomp, den 75 Jahrestag des Hitler-Attentats durch Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Bundespräsident Steinmeier hat zum 75. Jahrestag des gescheiterten Attentats auf Adolf Hitler den Widerstand gegen das NS-Regime gewürdigt. So sagte er u.a. „Wir alle wissen: Es gab zu wenig Widerstand. Aber es gab die Mutigen, die nicht weggeschaut haben, die Mitmenschlichkeit bewahrt haben, die andere vor Verfolgung geschützt haben und die Naziverbrechen vereitelt haben.“ (> Pressemitteilung) Heute ist klar und ganz selbstverständlich, die Tat war moralisch gerechtfertigt, richtete sie sich doch gegen einen der größten Verbrecher, in der Geschichte der Menschheit.

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Diese Einsicht gab es aber nicht zu jeder Zeit. Unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg und in der jungen Bundesrepublik galten die „Personen des 20. Juli“ um Claus Schenk Graf von Stauffenberg und Henning von Tresckow, noch als Vaterlandsverräter. Die DDR betrachtete sie als Teil des faschistischen Systems und nicht als Teil des Widerstandes gegen den Faschismus. Ja, die Verschwörer hatten mit einem Bombenattentat gegen den „Führer“ und einem vorbereiteten Putsch einen Umsturz herbeiführen wollen. Dabei ging es ihnen aber nicht darum, den Nationalsozialismus zu beseitigen, sondern den bereits verloren geglaubten Krieg zu beenden, um Deutschland in eine bessere Verhandlungsposition gegenüber den Kriegsgegnern zu bringen.

► Die Attentäter waren keine Demokraten

Sowohl von Stauffenberg, als auch von Tresckow und die anderen späteren Verschwörer waren keine Demokraten, sondern einst glühende Verehrer des Nationalsozialismus. Sie alle begrüßten 1933 die Machtergreifung Adolf Hitlers. Von Stauffenberg empfand den Beginn des Zweiten Weltkrieges, den er als Berufssoldat begann, als „Erlösung“. Er wurde in der 1. leichten Division (später 6. Panzer-Division) im Polenfeldzug 1939 eingesetzt. Von hier schrieb er an seine Frau Nina:

Die Bevölkerung ist ein unglaublicher Pöbel, sehr viele Juden und sehr viel Mischvolk. Ein Volk, welches sich nur unter der Knute wohlfühlt. Die Tausenden von Gefangenen werden unserer Landwirtschaft recht gut tun. In Deutschland sind sie sicher gut zu gebrauchen, arbeitsam, willig und genügsam.“ – Claus Schenk Graf von Stauffenberg … [> Wikipedia].

Terror-selber-Terrorismus-Terroristen-Terroranschlag-Islamisten-Islamismus-Selbstmordattentaeter-Attentat-Attentaeter-Widerstand-Widerstandskaempfer-Kritisches-NetzwerkNoch kurz vor dem Attentat, am 1. Juni 1944 wurde von Tresckow mit 43 Jahren zum Generalmajor ernannt. Das also sind die „Helden“, die wir heute als Vorbilder betrachten. Waren sie nicht eigentlich feige Terroristen, die um ihre Zukunft nach einem verlorenen Krieg fürchteten und die Flucht nach vorn antraten?

Ich will keineswegs die verbrecherischen Taten des Nationalsozialismus rechtfertigen, aber Widerstandskämpfer mit unterschiedlicher Herkunft beziehungsweise weltanschaulicher Prägung und Motivation gab es im gesamten Herrschaftsbereich des Nationalsozialismus schon bedeutend früher. Ein Umdenken hinsichtlich der „Personen des 20. Juli“ begann in der Bundesrepublik erst in den 1950er Jahren, vor allem nach dem Remer-Prozess 1952. Ab 1963 wurden öffentliche Gebäude zum Gedenken am 20. Juli beflaggt.

Die geteilte deutsche Sicht auf die Dinge

Vom Saulus zum Paulus, von Helden und Terroristen. In der DDR wurde der antifaschistische Widerstand ausschließlich aus der Sicht der Arbeiterklasse betrachtet. Eine Neubewertung des Hitler-Attentats fand erst Anfang der 1980iger Jahre statt. „Höhepunkt der Auseinandersetzung mit dem 20. Juli war das Kolloquium aus Anlass der Würdigung des 40. Jahrestages des Umsturzversuches, das am 13. Juli 1984 in Ost-Berlin durchgeführt wurde.

Unsere Sicht rechtfertigt heute einen terroristischen Akt, aus moralischen Gründen. Ich halte diese Betrachtung für nicht ganz unproblematisch, da sie auf dem Grundsatz „Der Zweck heiligt die Mittel“ fußt und letztlich auch Selbstjustiz toleriert. Aus rechtlicher Bewertung wäre somit ein terroristischer Anschlag gerechtfertigt, wenn er sich gegen Verbrecher richtet. Sind es aber nicht gerade islamistische Selbstmordattentäter, die ihre Taten genau damit begründen? Sie bomben im Namen Allahs, gegen die Verbrechen der westlichen Welt und das dadurch verursachte Elend nicht nur in ihren Herkunftsregionen.

Terror-Terrorismus-Terroristen-Selbstmordattentaeter-Attentat-Attentaeter-Verschwoerer-Widerstand-Widerstandskaempfer-Kritisches-Netzwerk-Terroranschlag-Islamisten-Islamismus-Messerattacke

Unsere Doppelmoral heißt das eine „gut, lobenswert, vorbildlich“ und verurteilt das andere als „terroristisch, islamistisch und mörderisch“. Eine kritische Auseinandersetzung mit der anderen Seite derselben Medaille, in Bezug auf das Hitler-Attentat, findet nicht mehr statt. Terror darf kein legitimes Mittel der politischen Auseinandersetzung sein, egal auf welcher Seite und für welchen Zweck. Terror ist kein Instrument einer Demokratie. Die Geschichte hat genügend Beispiele dafür, dass mit friedlichem Protest auch Diktaturen stürzen können, ohne dass nur ein Schuss fällt. Der Herbst 1989 ist dafür ein immer wieder gern angeführter Beleg in der jüngsten deutschen Geschichte.

Bernd Volkmer (. . der Mobilfunk-Guru).


► Quelle: Dieser Artikel wurde erstveröffentlicht am 22. Juli 2019 auf dem Blog QPress.de des Kollegen Wilfried Kahrs >> Artikel. Die Bilder und Grafiken im Artikel sind nicht Bestandteil des Originalartikels und wurden von KN-ADMIN Helmut Schnug eingefügt. Für sie gelten ggf. andere Lizenzen, s.u..

► Bild- und Grafikquellen:

1. Hitler´s Eagle - Spuren der Vergangenheit: Reichsadler 1935–1945. Foto: Thomas Strosse, Tielt / Belgien. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 Generic (CC BY-SA 2.0).

2. Schriftzug "SELBER TERROR" auf Gehweg. Foto: Karsten Suehring. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung-Nicht kommerziell 2.0 Generic (CC BY-NC 2.0).

3. Messerattacke: Unsere Sicht rechtfertigt heute einen terroristischen Akt, aus moralischen Gründen. Sie fußt auf dem Grundsatz „Der Zweck heiligt die Mittel“ fußt und letztlich auch Selbstjustiz toleriert. Aus rechtlicher Bewertung wäre somit ein terroristischer Anschlag gerechtfertigt, wenn er sich gegen Verbrecher richtet. Sind es aber nicht gerade islamistische Selbstmordattentäter, die ihre Taten genau damit begründen? Sie bomben im Namen Allahs, gegen die Verbrechen der westlichen Welt und das dadurch verursachte Elend nicht nur in ihren Herkunftsregionen. Grafik: Clker-Free-Vector-Images. Quelle: Pixabay. Alle bereitgestellten Bilder und Videos auf Pixabay sind gemeinfrei (Public Domain) entsprechend der Verzichtserklärung Creative Commons CC0. Das Bild unterliegt damit keinem Kopierrecht und kann - verändert oder unverändert - kostenlos für kommerzielle und nicht kommerzielle Anwendungen in digitaler oder gedruckter Form ohne Bildnachweis oder Quellenangabe verwendet werden. >> Grafik.

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Harry Popow
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Beigetreten: 18.05.2013 - 13:52
Friedlicher Protest?


Friedlicher Protest?

Wie soll man einen friedlichen Verlauf einer Protestbewegung als revolutionär, also als Fortschritt betrachten, als Erfolg, wenn damit die alte antikommunistische kapitalistische Ordnung einem vom System her friedlichen sozialisierten wie der DDR übergestülpt wird?

DDR-EAT-THE-RICH-Kritisches-Netzwerk-DDR-Armut-arm-durch-Arbeit-Arbeitsarmut-Einkommensarmut-Altersarmut-Ausbeutung-soziale-Ungerechtigkeit-Troika-EinkommensungleichheitDas Ergebnis entspricht einer völligen Umwälzung aller persönlichen, politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Lebensverhältnisse und ist demzufolge vom Ende her als Konterrevolution zu betrachten, ohne dass die Ostdeutschen je gefragt wurden, ob sie wieder im politischen Sumpf des Kapitalismus landen wollen.

Wäre friedvoller Protest eine verändernde Kraft, den es heute im Jahre 2019 tausendfach in der BRD und in anderen Ländern gibt, dann müssten die Geldeliten schon längst den Schwanz eingezogen und die Großkonzerne, vor allem der Militär-Industrie-Komplex, in Volkseigentum umgewandelt haben. Keiner kann mehr die Augen davor verschließen, dass der Westen mit allen verfügbaren Mitteln die Veränderungen in der DDR forciert, gelenkt und letztendlich frohlockend vereinnahmt haben, eben im Interesse des Großkapitals.

Heute dies auf den „friedlichen Protest“ zu reduzieren bedeutet, der Illusion nachzuhängen, gegenwärtige Konflikte wären durchs Beten für Veränderungen und für den Weltfrieden irgendwie von Nutzen. Das Gegenteil ist der Fall.

► Lesetipp: »Der Osten wird vom Westen verwaltet und beherrscht«

Ein Gespräch mit der Kulturphilosophin, Soziologin, Ethnographin sowie Kuratorin Yana Milev. (eigentlich Jana Elisabeth Milev; *1964 in Leipzig, DDR) über die kulturkoloniale Dominanz der BRD, die Mär von der »Wiedervereinigung« und die Ähnlichkeiten der DDR mit der Schweiz.«

Interview: Frank Schumann in der Tageszeitung junge Welt, 24. Juli 2019, Nr. 169. >> zum Artikel.

Gruß von Harry Popow
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Foto: Trabbi mit Schriftzug "EAT THE RICH". Foto: Henning Mühlinghaus, Wuppertal. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 2.0 Generic (CC BY-NC-ND 2.0).

 

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Pandora
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Beigetreten: 07.05.2019 - 12:14
Befreiung aus der Enge einer Diktatur


Befreiung aus der Enge einer Diktatur

Lieber Harry Popow,

auch ich bin auf der anderen Seite des "Eisernen Vorhangs" aufgewachsen. Ich habe den Mauerfall mit all seinen vorgelagerten Protesten, im Schutz der Kirche, vor allem bei den Montagsdemonstrationen, als Befreiung aus der Enge einer Diktatur empfunden.

So habe ich beim Sturz von Honnecker, aber besonders am 09. November 1989 "Rotz und Wasser" geheult - und zwar vor Glück!

Die Bürgerbewegung "Neues Forum" war die treibende politische Kraft in dieser Zeit. Sieht man mal von dem Sturm auf die Stasi-Zentrale in der Normannenstraße ab, war der Protest weitgehend friedlich. Gewalttätige Polizeiaktionen gab es ebenfalls kaum. Mir sind nur solche in Dresden bekannt.

Der Westen wurde von den Ereignissen genauso überrascht, wie die DDR Führung. Eine Steuerung aus dem Westen hat es nicht gegeben. Das ist ein Ammenmärchen und fällt unter die Kategorie "Verschwörungstheorie", wie sie im Nachhinein gerne von den alten SED-Funktionären benutzt wurde. Dazu zähle ich auch den Begriff "Konterrevolution".

Nur in einem Punkt gebe ich Dir Recht. Aus den Rufen "Wir sind das Volk" wurde schnell "Wir sind ein Volk". Ich hatte aber schon immer das innere Gefühl der Zusammengehörigkeit unserer Nation und somit kein Problem damit. Und ja, ganz klar, die Mehrheit hat bei der ersten freien Volkskammerwahl den Weg für eine Vereinigung bestimmt. Nichts geschah gegen den Willen des Volkes.

Berliner-Mauer-1961-1989-Berlin-DDR-Westdeutschland-Ostdeutschland-Wiedervereinigung-Kritisches-Netzwerk-Eiserner-Vorhang-Mauerfall-innerdeutsche-Grenze-Viersektorenstadt

Ob der Weg der Vereinigung der beiden deutschen Staaten so richtig war und ob vielleicht das eine oder andere hätte besser laufen können, steht außer Frage. Aber wer ist ohne Fehl und Tadel?

Nur eins ist klar, die Bürger der DDR haben eine Diktatur friedlich besiegt und Freiheit und Demokratie bekommen. In meinen ersten beiden verlinkten Artikeln, gehe ich darauf ein, dass Freiheit und Demokratie ein fragiles Gut sind, welches täglich verteidigt werden muss.

⇒ Deutschlands versemmelte Freiheit >> weiter.

⇒ Demokratie in Gefahr – die ideologische Abrissbirne >> weiter.

Wenn wir das nicht nachhaltig einfordern und natürlich auch konsequent umsetzen wie hier von mir nachfolgend beschrieben, werden wir wieder in einer Diktatur landen.

⇒ Deutschland auf dem Weg in die nächste Diktatur >> weiter.

Der Kapitalismus ist sicher nicht die ideale Form einer gerechten Gesellschaft. Deshalb braucht es Reglementierungen, die die Auswüchse des Kapitalismus begrenzen. Der Sozialismus ist dazu KEINE Alternative. Er hatte seine Chance und hat sie nicht nutzen können, weil die Menschen ihn nicht wollten.

Bernd Volkmer (. . der Mobilfunk-Guru).

Foto: Berliner Mauer 1961 - 1989, bleibende Erinnerung an die innerdeutsche Grenze im geteilten Berlin. Foto: Sarah_Loetscher / Sarah Lötscher, Zürich / Schweiz. Quelle: Pixabay.  Alle bereitgestellten Bilder und Videos auf Pixabay sind gemeinfrei (Public Domain) entsprechend der Verzichtserklärung Creative Commons CC0. Das Bild unterliegt damit keinem Kopierrecht und kann - verändert oder unverändert - kostenlos für kommerzielle und nicht kommerzielle Anwendungen in digitaler oder gedruckter Form ohne Bildnachweis oder Quellenangabe verwendet werden. >> Foto.

Der Kitt, der eine Gesellschaft zusammen hält, ist Identität, Sprache, Kultur, Freiheit, Werte, Gerechtigkeit und die Geschichte dieser Nation.

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Harry Popow
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Beigetreten: 18.05.2013 - 13:52
persönliche Sichtweise


Lieber Bernd,

ich bin der Letzte, der andere Sichten nicht tolerieren würde. Ob die Zukunft diesen oder jenen in seinen persönlichen Sichten korrigieren wird, bleibt abzuwarten.

Ich grüße Sie - Harry Popow

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