Die deutsche Kriegskamarilla

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Die deutsche Kriegskamarilla

Reframing: letzter Trost und Hoffnungsschimmer

by Gerhard Mersmann | NEUE DEBATTE

Jene Technik, mit der man Defizite oder Missstände in einen anderen Rahmen einfasst und daraus eine Stärke macht. Beispiel? Die Reaktion eines Teils des politischen Personals auf den Versuch des Ukrainers Wolodymyr Selenskyj, den Krieg gegen Russland zu einem NATO-Bündnisfall zu machen.

Appelle und Versuche des schillernden Präsidenten der an Russlands Grenze liegenden „liberalen Demokratie“ waren bis dato unerhört geblieben. Da lag es nahe, die nächste Stufe der Eskalation auszuprobieren und Raketen auf das NATO-Mitgliedsland Polen zu richten. Und kaum waren sie eingeschlagen, wussten nicht nur die ukrainischen Initiatoren, dass, wie sollte es anders sein, der Russe dahintersteckt, sondern auch die deutsche Kriegskamarilla.

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► Sogar dem Herren zu bissig

Dass die Bild-Zeitung gleich von einem russischen Raketenangriff sprach, wundert nicht. Und dass die Frau mit dem Kurzhaarschnitt aus der freidemokratischen Waffenlobby auf Twitter schon den Bündnisfall ausrief, ebenso wenig. [Marie-Agnes Strack-Zimmermann löschte zwar den Tweet, antwortete aber danach in einem ZDF-Interview auf die Frage, ob sie die verfrühte Aussage (volksverhetzende Vorverurteilung!) bereue, mit den Worten: »Nein, ich bereue gar nichts, [..] hab ich's gelöscht und grade gerückt. Ich glaube das ist das Mindeste was man tun kann«. Ergä. H.S.]. Dass allerdings die amtierende Außenministerin in den emotionalen Kriegszustand einstimmte, ohne zu wissen, was da eigentlich vor sich ging, ist ein Skandal, der den Staat ins Wanken bringt [1].

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Rücktritt wäre angebracht, was bei der Psychostruktur von Moralisten allerdings ausgeschlossen ist. Bliebe noch die Entlassung – aber lassen wir das! Jede Form der Hoffnung, dass sich in der bestehenden Gemengelage noch irgendwo die Vernunft durchsetzen könnte, scheint unbegründet.

Die zeitgleich auf der indonesischen Insel Bali stattfindende Tagung der G20 bot dem US-Präsidenten die wunderbare Gelegenheit, sehr schnell seinen folgsamen Kindern aus der EU zu sagen, dass momentan die Ausdehnung des lokalen Krieges in der Ukraine auf die NATO-Staaten kein Thema sei.

Quasi zeitgleich mit den Raketeneinschlägen in dem polnischen Grenznest betonte Biden, dass es sich wohl um ein Geschoss ukrainischer Herkunft handelte und nicht um eine Attacke der russischen Streitkräfte. Da ließ sich dann trotz aller Bereitschaft nicht mehr viel machen und die Lakaien mussten feststellen, dass sie zumindest zu diesem Zeitpunkt dem Herrn zu bissig erschienen.

► Reframing, letzter Trost und Hoffnungsschimmer

Dass hierzulande weder in der Presse noch aus den Reihen der geschäftsführenden Politik ein Aufschrei zu vernehmen war, weil deutlich wurde, wie schnell durch die teils selbst produzierte, immer und überall honorierte und nie geahndete Kriegsgeilheit der Fall eines heißen Krieges in Sekundenschnelle eintreten kann, zeigt, wie sehr das Gemeinwesen auf den Hund gekommen ist.

Wer angesichts ukrainischer Todeslisten, auf denen deutsche Bundestagsabgeordnete und freie Journalisten ebenso stehen wie Künstlerinnen und Künstler, wer nach der bewussten Provokation des ukrainischen Staates durch den Raketenangriff à la Gleiwitz 1939 [2] noch die Märchen von der liberalen Demokratie erzählt, die über die längst durch Westkonzerne aufgekaufte Kornkammer immer wieder in Umlauf sind, begibt sich bereits in die Gesellschaft von Kriegsverbrechern. Das sei auch jenen Journalisten gesagt, die sich derweil über Orden freuen, die der ukrainische Staat ihnen allen Ernstes ans Revers heftet und die sie mit stolzgeschwellter Brust entgegennehmen [3].

Summa summarum haben die letzten Tage gezeigt, um endlich zum Reframing zu kommen, dass die Bundesrepublik Deutschland über Bombenpersonal verfügt. Das Ergebnis ist, bleiben wir bei der Übung, dass dieses elende Konglomerat von Besserwissern deutscher Zunge in nicht allzu langer Zeit endgültig der Geschichte angehören wird. Vielleicht ist das der letzte Trost, der jetzt noch gespendet werden kann.

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In Europa hingegen, und damit ist etwas anderes gemeint als das Ensemble aus dem Sanktions- und Waffen-Casino, da glimmen noch Hoffnungsschimmer von denen, wie sollte es anders sein, in unseren Gefilden nicht berichtet wird.

Als in Frankreich im Oktober die Arbeiter der Raffinerien streikten, das Land lahmlegten und große Demonstrationen organisierten, war neben den Lohnforderungen immer auch der Ruf zu hören, die NATO verlassen zu wollen. Und aus Italien ist zu hören, dass die Arbeiter am Flughafen Pisa und im Hafen von Genua die Verfrachtung von Waffen an die Ukraine verhindern [4]. Wenn die Institutionen versagen, kommt die Straße zurück.

Gerhard Mersmann
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Quellen und Anmerkungen:

[1] ntv (16.11.2022): Raketeneinschlag in Polen – Baerbock sieht Russland in der Verantwortung. (n-tv.de/ticker/Baerbock-sieht-Russland-in-der-Verantwortung)

[2] Der Überfall auf den Sender Gleiwitz am 31. August 1939 gehörte zu mehreren von der SS fingierten Aktionen vor Beginn des Zweiten Weltkrieges mit dem Tarnnamen 'Unternehmen Tannenberg'. Diese Vorfälle dienten als propagandistischer Vorwand für den Überfall auf Polen am 1. September 1939 und damit den Beginn des Zweiten Weltkrieges.

Außerdem wurden im Zusammenhang mit dem Unternehmen Tannenberg Einsatzgruppen aus Mitgliedern vor allem von SS, Kripo und Polizei aufgestellt, die beim Überfall auf Polen hinter den deutschen Linien Tausende Menschen ermordeten. Die Einsatzgruppen verübten im weiteren Verlauf des Krieges schlimmste Verbrechen (insgesamt bis zu einer Million Menschen wurden ermordet), insbesondere auf dem Balkan und in der UdSSR.

Im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher 1946 erklärte der 'Internationale Militärgerichtshof' die Waffen-SS wie auch die allgemeine SS und die Totenkopfverbände wegen ihrer Kriegsverbrechen und 'Verbrechen gegen die Menschlichkeit' zu verbrecherischen Organisationen. Polizei und Kriminalpolizei wurden nicht zu verbrecherischen Organisationen erklärt.

[3] Cicero (16.11.2022): „Lieber Ulf“: Orden für Hofberichterstattung. >> weiter.

[4] Labournet (29.9.2022): Flughafenbeschäftigte in Pisa weigern sich als ‚humanitäre Hilfe‘ getarnte Waffen in die Ukraine zu verladen, Blockaden im Hafen von Genua. >> weiter.


Quelle: Dieser Artikel von Gerhard Mersmann wurde am 17. November 2022 unter dem Titel "Reframing: Bombenpersonal“ erstveröffentlicht auf der Webseite NEUE DEBATTE - "Journalismus und Wissenschaft von unten" >> Artikel.

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Gerhard Mersmann, Dr. phil., (Jahrgang 1956), gebürtiger Westfale, ist studierter Politologe und Literaturwissenschaftler. Er arbeitete in leitender Funktion über Jahrzehnte in der Personal- und Organisationsentwicklung. In Indonesien beriet er die Regierung nach dem Sturz Soehartos bei ihrem Projekt der Dezentralisierung. In Deutschland versuchte er nach dem PISA-Schock die Schulen autonomer und administrativ selbständiger zu machen. Er leitete ein umfangreiches Change-Projekt in einer großstädtischen Kommunalverwaltung und lernte dabei das gesamte Spektrum politischer Widerstände bei Veränderungsprozessen kennen.

Die jahrzehntelange Wahrnehmung von Direktionsrechten hielt ihn nicht davon ab, die geübte Perspektive von unten beizubehalten. Publizistische Aktivitäten durchziehen seine gesamte Biographie. Seine Erkenntnisse gibt er in Form von universitären Lehraufträgen weiter. Sein Blick auf aktuelle gesellschaftliche, kulturelle wie politische Ereignisse ist auf seinem Blog M7 sowie bei Neue Debatte regelmäßig nachzulesen. Mersmanns persönliches Blog >> https://form7.wordpress.com/ .


► Bild- und Grafikquellen:

1. #NichtMeinKanzler Olaf Scholz: "[..] und wir wissen natürlich gleichzeitig, daß das alles egal von wem die Rakete abgeschossen wurde und welches Ziel sie eigentlich hatte, nicht stattfinden würde, wenn es nicht den furchtbaren Krieg Russlands gegen die Ukraine gäbe und auch die furchtbare Kriegsführung." Zitat-Quelle: ZDFheute live, zu hören ab 1 Std. 00 Min. 34 Sekunden >> weiter. Foto OHNE Textinlet: Kai Schwerdt, freier Fotojournalist. Anfragen zu Bildlizenzen: kaischwerdt@posteo.de . Der Begleittext zum Originalfoto: 18.03.2022 – Kanzlerauftritt bei SPD-Landtagswahlkampf in Neunkirchen (Saar). Quelle: Flickr. Die Datei ist mit der CC-Lizenz Namensnennung-Nicht kommerziell 2.0 Generic (CC BY-NC 2.0) lizenziert. ACHTUNG: Das Textinlet wurde von Helmut Schnug in das Foto eingearbeitet. Die Lizenz bleibt natürlich erhalten!!

2. Karikatur: »Das Zusammenspiel von finanziellen Anreizen und propagandistischen Beiträgen: Aufrüstungsspielchen und Kriegshetze – leider zeitlos. Die Deutschen an die Front!!! Bildunterschrift: Input-Output-Mechanismus. The Germans to the front!!! Input-output mechanism.«

Die offensichtlich russophobe und kriegslüsterne Marie-Agnes Strack-Zimmermann, geb. Jahn (* 10. März 1958 in Düsseldorf) ist Mitglied des FDP-Bundesvorstandes und des Vorstands der FDP-Bundestagsfraktion. Seit der Bundestagswahl 2017 ist sie Mitglied des Deutschen Bundestages und seit seit 2021 Vorsitzende des Verteidigungsausschusses des Deutschen Bundestages.

Wie dpa meldet, forderte Strack-Zimmermann am 31. Mai 2022 im Interview mit der Leiterin des RND-Hauptstadtbüros Eva Quadbeck, dass die Bundeswehr neu ausgerichtet werde mit einer konfrontativen Stellung gegenüber Russland als Feindbild: „Sie brauchen ein Bild eines möglichen Feindes, der unsere Freiheit und Demokratie beseitigen will.

Karikatur: © Götz Wiedenroth. Zur Person: Götz Wiedenroth wird 1965 in Bremen geboren, beginnt seine berufliche Laufbahn als Industrie- und Diplomkaufmann. Kaufmännische Ausbildung bei der Daimler-Benz AG, Niederlassung Hamburg. Studium der Wirtschaftswissenschaften/ Betriebswirtschaftslehre an der Nordischen Universität Flensburg und der Universität Kiel, Abschluß dortselbst 1995. Beschäftigt sich während des Studiums als Kleinunternehmer mit der Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Kunst, organisiert Seminare, Ausstellungen und Kongresse zum Thema Kulturmanagement auf Schloß Glücksburg in Glücksburg. Arbeitet in Flensburg seit 1995 als freier Karikaturist, Cartoonist, Illustrator und Zeichner.

Seine ersten Karikaturveröffentlichungen erscheinen 1989 in der Flensburger Tagespresse. Von 1995 bis 2001 zeichnet er täglich für den Karikaturendienst von news aktuell, einer Tochtergesellschaft der Deutschen Presse-Agentur (dpa) in Hamburg. Von 1996 bis 2016 erscheinen landes- und lokalpolitische Karikaturen aus seiner Feder in den Tageszeitungen des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlags, Flensburg.

Der von Kindheit an passionierte Zeichner erhält 1997, 2001 und 2008 Auszeichnungsurkunden des "Deutschen Preises für die politische Karikatur", verliehen durch die Akademie für Kommunikation in Baden-Württemberg, Stuttgart. >> weiterlesen. Herzlichen Dank für die Freigabe zur Veröffentlichung Ihrer Arbeiten im Kritischen Netzwerk. Quelle: Flickr und HIER.

zur Webseite von Herrn Wiedenroth: wiedenroth-karikatur.de/.

3. Schultafel: Know your enemy - Kenne Deinen Feind. Der tatsächliche Feind ist näher, als es aus allen Kanälen suggeriert wird. So hat das von den Herrschaftseliten & Cliquen zusammengeschusterte neoliberale, menschenverachtende, antidemokratische, die Völker gegeneinander aufwiegelnde Projekt namens Europäische Union die Ukraine-Krise in erheblichem Umfang mitzuverantworten. Foto: geralt / Gerd Altmann, Freiburg. Quelle OHNE Zusatztext: Pixabay. Alle Pixabay-Inhalte dürfen kostenlos für kommerzielle und nicht-kommerzielle Anwendungen, genutzt werden - gedruckt und digital. Eine Genehmigung muß weder vom Bildautor noch von Pixabay eingeholt werden. Auch eine Quellenangabe ist nicht erforderlich. Pixabay-Inhalte dürfen verändert werden. Pixabay Lizenz. >> Foto. Zusätzliche Textzeile von Helmut Schnug eingebaut.