Ein Leben in Stress: Notizen gegen Staat und Politik

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Helmut S. - ADMIN
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Ein Leben in Stress: Notizen gegen Staat und Politik
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Ein Leben in Stress

Notizen gegen Staat und Politik

Lorenz-Glatz-Geldvermehrung-Kapitalverwertung-Hybris-Streifzuege-Neoliberalismus-Transformation-Kritisches-Netzwerk-Systemverdrossenheit

von Lorenz Glatz / Streifzüge 2019-75

„Politik“ ist griechisch und meint die „Technik“, das Leben der politai/Bürger in der polis/dem (Stadt-)Staat zu regeln. In den Politai wie den Bürgern steckt die Mauer, die der Stadt, die der Burg. Verteidigung und Angriff, Gewalt und Krieg. Konstitutiv für „Politik“ ist der Stress des Fremden und des Feinds. Er begründet die Komplizenschaft der bewaffneten „Bürger“ und die Bereitschaft zu Feindschaft. Den Mitbürger unterscheidet vom Feind und Konkurrenten, dass er mit einem auf derselben Seite kämpft, nicht aber dass er konkurriert und, wenn es sich ergibt, haut, sticht und schießt.

1.

Heike-Leitschuh-Ich-zuerst-Gesellschaft-Ego-Trip-Ichlinge-Konkurrenzdenken-Neoliberalismus-Unmenschlichkeit-Kritisches-Netzwerk-Ruecksichtslosigkeit-Egoismus-Egotismus-Egoisten ElitenNach über zweitausend Jahren hat sich dieses Muster in den Alltag durchgeätzt. Er ist Politik geworden. Der Feind ist in „Wettbewerb“ und „Ranking“ überall, Konkurrenz belebt schließlich das Geschäft. Wir haben ein Leben im Gerangel mit Geld, mit Kaufen und (sich) Verkaufen. Mit „Tausch“ halt. Als „Tauschgegner“ sind wir umso besser dran, je mehr wir täuschen können. So ein Leben stellt uns regelmäßig gegeneinander auf. Getauscht wird, wenn nehmen / rauben sich nicht rentiert. Das erste ist die gebremste Form des zweiten. Die Relation hat mit Macht zu tun. Politik und Staat regeln beides, unter den Bürgern und mit ihnen gegen andere.

Von Kampf, Konkurrenz und Wettbewerb zu Bürgern gemachte Menschen tun sich schwer, sich als Freunde arglos und fürsorglich aufeinander einzulassen, leichter geht es als (Banden von) Subjekte(n) auf Objekte. Statt um Lust und Freundschaft miteinander geht es darum, wozu wir einander benutzen können und wer nutzlos oder schädlich ist. Bürgerliches Recht regelt den Umgang von Gegnern, um deren Feindschaft latent zu halten.

2.

Politik gilt als souverän, an allem schuld und zu allem im Gutem wie im Bösem fähig. Sie hängt an Geldvermehrung per Kapitalverwertung. Politik kann deren Widerpart nicht sein, sie ist die andere Seite der Medaille, Ausdruck desselben Stresses. Sie formiert und verwaltet, ob demokratisch oder diktatorisch, die Staaten als „Standorte“ des konkurrenzfundierten Kapitals. Sie treibt die Bürgerinnen gegen die Konkurrenz der andern Staaten, drückt unter diesen die schwachen nieder, sucht Anschluss an die starken, geht Bündnisse ein, führt Kriege oder vermeidet sie, betreibt alles, was sich „rentieren“ kann.

Als „business as usual“ funktioniert nichts mehr. Die Verwertung scheint dauerhaft zu stocken, die fünfte große Welle von Kapitalverwertung, die Informationstechnologie, entwertet seit über dreißig Jahren mehr variables Kapital, d.h. Arbeit, als sie neues schafft. Verwertung gelingt in Summe nicht mehr über Arbeit in Produktion und Verkauf, sondern fiktiv als Vorgriff auf die Zukunft, als ungedeckte Spekulation. Der [neoliberal verseuchte; H.S.] Kapitalismus mutiert zu einer aggressiven Glaubensgemeinschaft für die wunderbare Wiederkehr des fetten Mehrwerts. Zugleich setzt eine Flucht in Realien ein, die für Menschen unverzichtbar und kaum vermehrbar sind: Grund und Boden, um davon sich zu ernähren und darauf zu wohnen. Auch die Infrastruktur wird vom großen Geld weltweit monopolisiert. Es will „auf der sicheren Seite sein“, was immer mit der Geldvermehrung durch Arbeit auch geschieht.

neoliberalismus-endstation-dead-end-marktradikalismus-sozialdarwinismus-ausbeutung-kritisches-netzwerk-Butterwegge-verteilungsfrage-verteilungsgerechtigkeit-sackgasse.jpgAn den sozialen Rändern schmilzt der industrielle Kapitalismus, er setzt seinen Gewaltkern frei. [siehe Fußnote 1]. Das treibt zig Millionen Menschen in die Flucht. Die Politik als Verwalterin der Krise wird auch im Zentrum zu einer Mischung von ratlos, wundergläubig, verrückt, brutal und blutig. Ob liberal und reformerisch oder nationalistisch, faschistoid und rassistisch, die Illusion, dass es mit Markt und Geld, mit Kapital und Arbeit weitergehen kann, ist zäh. Der Lohn der Arbeit fällt, die Schere zwischen reich und arm klafft immer weiter.

3.

Die „mehr als menschliche Welt“, die „Natur“, „die Erde“ ist von uns „untertan zu machen“, das ist die Berufung der „Krone der Schöpfung“, der „Ebenbilder Gottes“, das gilt schon als biblisch und ist weithin unbestritten. Es ist pure Hybris. Die Mitwelt ist dem Menschen nicht untergeordnet. Es sind Wesen sui generis in ihrer lebendigen, organischen und anorganischen Vielfalt, mit denen wir vor- und rücksichtsvoll im Wissen um unseren Zusammenhang und die Beschränktheit unseres Wissens umgehen müssten. Keines ihrer Geschöpfe kann die Erde beherrschen. Ihre Reaktion auf die Lebensweise des dominanten Teils der Menschheit zeigt das deutlich – Artensterben, Rückgang der Bodenfruchtbarkeit, Erschöpfung von Ressourcen usw.

Entweder wird die Lebensweise schleunig geändert, oder ein Großteil der Menschheit wird an der Reaktion der Erde zugrundegehen, absaufen, verhungern oder im Kampf ums Überleben sterben. Die Wirtschaftsweise, die Mensch und Welt zum Rohstoff und Mittel für den Zweck grenzenlosen Geldwachstums macht, fährt gegen die Wand. Für diesen absurden Zweck werden wir einem wahnsinnigen Konkurrenzkampf unterworfen, wird unsere Lebenszeit verschwendet, zahllose Lebewesen gemordet und die Ressourcen der Erde für eine Produktion verschwendet, die zu einem Großteil Ramsch und Gift ist und uns bestenfalls mit Surrogaten [Ersatzstoffe; H.S.] eines guten Lebens abspeist.

Konsumismus_Konsumgesellschaft_Triebbefriedigung_homo_consumens_Konsumkritik_Konsum_Wegwerfgesellschaft_Konsumzwang_Konsumdenken_Kritisches_Netzwerk_Kapitalismuskritik

4.

Dieser Gang menschlicher Entwicklung der letzten paar tausend Jahr war nie unbestritten. Bessere Lebensweisen wurden mit Gewalt erstickt. Von der Luxus-Kritik der Kyniker und (vor allem) häretischer Teile des Christentums und der Mystik über die franziskanische Geschwisterlichkeit der ganzen Welt bis zur Konsum- und Zivilisationskritik der Beatniks, Hippies und Kommunen, der Kritischen Theorie, der Versuche solidarischen Wirtschaftens und der Verteidigung der Subsistenz liegen Gedanken und Praktiken zum Entwickeln an. Eins muss sich bloß umschauen, die Versuche sind unterwegs und haben Bedarf an Mittun und auch an jeder Menge Korrektur.

Der Widerspruch und Widerstand gegen das üble Alte und der Lernprozess mit den Experimenten, für das Neue Boden zu gewinnen, werden sich angesichts der heraufziehenden multiplen Katastrophen noch sehr verdichten, und es wird noch viel dafür zu lernen sein, wie eins die Gewalttätigkeit der Verteidiger des tief gestaffelten Systems von Herrschaft unterlaufen kann. Wenn uns das vorgefundene Leben schon stressen muss, dann sollten wir uns doch lieber dafür stressen, da heraus zu kommen. Das könnte auf dem Weg auch lustvoll sein.

Lorenz Glatz
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Lorenz Glatz, geb. 1948, zugezogener Wiener. Nach 6 Jahren Studium diverser Fächer 32 Jahre Latein- und Griechischlehrer, seither Pensionist, praktizierender Großvater, Leser, Schreiber und Webmaster. Nach vielen Jahren Marxismus und Engagement in der Antikriegsbewegung seit 2001 Mitglied der Redaktion der Streifzüge.

[1] Anm. KN-ADMIN H.S.: Wie fast immer bei Marxisten, Kommunisten, Sozialisten und Linken im Allgemeinen fehlt die Brandmarkung des Neoliberalismus als eigentliche Ursache für menschenfeindliche und -verachtende Ausbeutung, rigide Sparpolitik, Sozialabbau, Privatisierung, Deregulierung und Marktradikalismus. Neoliberale sind solche Kapitalisten, welche aufgrund ihrer Ideologie und der damit einhergehenden Verblendung die tatsächlichen Wirkungprinzipien des kapitalistischen Wachstumsprozesses fundamental nicht verstanden haben. (siehe zum Beispiel auch die Ideen des britischen Ökonomen John Maynard Keynes ).

Lesetipps:

pin_green.gif  Kapitalismus und Neoliberalismus - ein wesensmäßiger Vergleich >> weiter.

pin_green.gifDas kapitalistische Manifest - das wahre kapitalistische Manifest. Was Kapitalisten, Kommunisten und insbesondere Neoliberale endlich begreifen sollten! >> weiter.

pin_green.gifPostwachstumsökonomie (Degrowth). Wie eigentliche Probleme ausgeblendet werden. von Christian Jakob >> weiter.


► Quelle: Erstveröffentlicht am 28. Mai 2019 in Streifzüge 2019-75 >> Artikel. "Streifzüge - Magazinierte Transformationslust" ist eine Publikation des Vereins für gesellschaftliche Transformationskunde in Wien. Verbreitung: COPYLEFT. „Jede Wiedergabe, Vervielfältigung und Verbreitung der Publikationen in Streifzüge ist im Sinne der Bereicherung des allgemeinen geistigen Lebens erwünscht." (Kritischer Kreis. Verein für gesellschaftliche Transformationskunde, Wien.). Achtung: Die Bilder und Grafiken im Artikel sind nicht Bestandteil des Originalartikels und wurden von KN-ADMIN Helmut Schnug eingefügt. Für sie gelten ggf. andere Lizenzen, s.u..

Stefan-Meretz-Streifzuege-Commoning-Commons-Exklusionslogik-Transformation-Kritisches-Netzwerk-Antipolitik-Systemverdrossenheit-Politikverdruss-Politikverdrossenheit-Machtspiele

► Bild- und Grafikquellen:

Heike-Leitschuh-Ich-zuerst-Gesellschaft-Ego-Trip-Ichlinge-Konkurrenzdenken-Neoliberalismus-Unmenschlichkeit-Kritisches-Netzwerk-Ruecksichtslosigkeit-Egoismus-Egotismus-Egoisten Eliten1. Buchcover: »Ich zuerst! Eine Gesellschaft auf dem Ego-Trip« von Heike Leitschuh. Westend Verlag GmbH, Frankfurt/M. Erschienen am 2. Oktober 2018. Klappenbroschur 256 Seiten. ISBN 978-3-86489-228-8, Preis 19,00 € [D]. Auch als EPUB erhältlich, 978-3-86489-721-4, Preis 14,00 € [D].

Die Ichlinge kommen – bedroht das ständige Konkurrenzdenken unsere Gesellschaft?

Neoliberales Gedankengut schadet unserer Gesellschaft und lässt die Solidarität und den Respekt der Menschen untereinander schwinden. Immer mehr Menschen denken nur noch an sich, an die Karriere und die eigenen Bedürfnisse und behandeln ihre Mitmenschen deshalb mitunter wie den letzten Dreck. In der Politik und den Medien wird das Problem vernachlässigt und in seiner ganzen Tragweite bislang überhaupt nicht erkannt. Höchste Zeit also, umzudenken und gegenzusteuern, sowohl mit einer anderen Politik, als auch bei jedem Einzelnen von uns. Denn keiner will in einem Land leben, in dem jeder nur noch sich selbst der Nächste ist und nur noch das zählt, was sich rechnet.

2. ENDSTATION NEOLIBERALISMUS. Foto ohne Textinlet: nick, New Haven (CT). Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 2.0 Generic (CC BY-NC-ND 2.0).

3. Wandgraffito: "Wir machen Jobs die wir hassen und kaufen dann Scheisse, die wir nicht brauchen." Foto: Flickr-user redhope. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung-Nicht kommerziell 2.0 Generic (CC BY-NC 2.0).