Wider die akustische Hörigkeit

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Helmut S. - ADMIN
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Wider die akustische Hörigkeit
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Wider die akustische Hörigkeit

Dauerlärmwurst als Nahrung & Exkrement permanenter Vermarktung & Vernutzung

von Maria Wölflingseder / Streifzüge 2019-76

Streifzuege-Kritisches-Netzwerk-Oesterreich-Wien-Guenther-Anders-Die Antiquiertheit des Menschen-Dauerlaermwurst-Zwangsbeschallung-Laermdosis-Laermniveau-Laermpegel-Reizueberflutung

Höchst verblüffend, von wie wenigen Menschen die „akustische Leine“, an der wir hängen, heute überhaupt noch wahrgenommen wird. Oder wahrgenommen werden möchte. Günther Anders hat sie bereits in den 1950er Jahren in den beiden Werken „Die Antiquiertheit des Menschen" (>Band 1 und >Band II) ausführlich beschrieben. Wir werden nicht nur gezwungen, „in einer von Tag zu Tag lauter lärmenden Welt zu leben“. Sondern dieser „Schürzenbandzustand“, der Günther Anders genauso peinigte wie mich, führt auch zu einer „akustischen Freiheitsberaubung“.

Dalmatiner-Noise-Cancelling-Kopfhoerer-Tinnitus-Kritisches-Netzwerk-Guenther-Anders-Antiquiertheit-industrielle-Revolution-Schizotopie-Laermberieselung-Schallberieselung-Laermbelastung Wir müssen nicht nur hören, sondern dieses Müssen gilt sogleich als Sollen. Das heißt, „dass der Lärm nicht nur ein Ärgernis ist, sondern eine Funktion hat, eine Aufgabe; und zwar die, das Seinige zu leisten in dem Prozess unserer Deprivatisierung, dass er eines der Hauptinstrumente des Konformismus darstellt“. Für Anders war „das Erschreckendste an dieser ,Konformismus‘ genannten Variante des Totalitarismus“, dass sie „ohne Terror vor sich geht“.

Günther Anders ist 1992 neunzigjährig gestorben. Ein Jahrzehnt vorm Handy-Zeitalter. Seine „philosophische Anthropologie im Zeitalter der Technokratie“ hat die heutigen Verhältnisse präzise vorweggenommen. Er hat zwar gehofft, seine Voraussagen würden sich nicht bewahrheiten, jedoch haben sie sich auf noch drastischere Weise erfüllt. Aus der „akustischen Leine“ Radio, Juke Box und Fernsehen ist via Handy, Internet und Kopfhörer geradezu ein akustischer Käfig geworden. Unter „Zeitalter der Technokratie“ versteht er den Umstand, dass Technik nun zum Subjekt der Geschichte geworden ist, mit der wir nur noch „mitgeschichtlich“ sind.

Noch verblüffender: Wie aus regelmäßigen Umfragen hervorgeht, fühlt sich ein Großteil der Menschen durch Lärm gestört. Lärm, der nicht nur Schwerhörigkeit und Tinnitus verursachen kann, sondern vielfach zu Stress führt, der wiederum die Konzentration, den Schlaf, das Wohlbefinden stört und zu Bluthochdruck, Herzinfarkt u.v.a. führen kann. Aber dennoch ist Lärm kein großes Thema. Es gibt wenig Literatur dazu und in die Medien schaffen es Umweltmediziner und Psychologinnen, die auf die damit verbundenen Gesundheitsgefahren hinweisen, höchst selten.

Sonderbar, auf welche Themen sich die Gesundheitsbehörden und ihre Fürsprecher, die Medien, hingegen eingeschossen haben. Beiträge über die – recht fragwürdige – aber als unumstößlich propagierte Ernährungspyramide sind zahllos. Und dass Rauchen in allen öffentlichen Räumen verboten werden muss, ist auch nirgends zu überhören. Aber über Lärm als weitreichender Krankheitsverursacher herrscht Schweigen. Freilich, es gibt Lärmschutzgesetze, aber diese bewirken ebenso wenig wie Sozialgesetze gegen Armut. Sie dienen letztlich der Legalisierung des Lärms.

Höchst befremdlich, dass die Bevölkerung staatlicherseits stets zu gesundem Lebensstil motiviert wird, gleichzeitig aber viele unbeeinflussbare Lebensbedingungen immer ungesünder werden.

Warum wird gesundheitliche Verantwortung stets individualisiert und gleichzeitig gesundheitliche Gefährdung generalisiert?

Warum wird jeder kleinste Kratzer im Lack der Blechkiste anderer rechtlich verfolgt, aber massenhafte Gesundheitsgefährdung durch Zwangsbeschallung nicht einmal problematisiert?

Ist die „akustische Unterwerfung“, die Günther Anders beschreibt, unausweichlich?

Warum haben die Lauten recht und warum sind die Beschallten ohnmächtig?

Schallintensitaet-Hoergrenze-Belastung-Kritisches-Netzwerk-dezibel-geraeuschpegel-laermbelaestigung-laermbelastung-laermempfindlichkeit-Beschallung-Dauerbeschallung

► Hören – „Dimension der Unfreiheit“

Als Hörende sind wir unfrei“, stellt Günther Anders fest. Fortzuhören ist weit schwieriger als wegzusehen. Phänomenologisch gesprochen, gründet diese Schwierigkeit darin, „dass im Unterschied zur sichtbaren Welt, die hörbare ungefragt, indiskret, aufdringlich, ohne unserer ausdrücklichen intentionalen Zuwendung zu bedürfen, in uns eindringen und uns, ob wir wollen oder nicht, zur Teilnahme zwingen kann“. Da der Schall stets von anderswo kommt als von dort, wo der Hörende sich aufhält und ihn hört, zwingt er ihn, immer an zwei Orten gleichzeitig zu sein. Hier, wo der Hörende sich befindet und dort, wo der Ton entsteht. So wird „die Dimension des Akustischen“ zur „Dimension der Unfreiheit“ und eignet sich hervorragend als „Unterwerfungsgerät“.

Erstaunlich, was Günther Anders im Kapitel „Die Antiquiertheit der Privatheit“ bereits 1958 erkannt hat. Es tritt heute im Handy- und Online-Zeitalter noch erheblich stärker zu Tage.

In demjenigen Augenblick, in dem ein Individuum dazu verurteilt ist, in einer Welt zu leben, in der es, weil ihm kein stiller Platz übrigbleibt, hören muss, bleibt ihm auch nichts anderes übrig, als dieser Welt zuzugehören, ihr gehorsam oder gar hörig zu werden. Wenn es dem Menschen versagt wird, seiner akustischen Erreichbarkeit und Greifbarkeit zu entrinnen, dann ist es ihm bald auch versagt, d.h.: dann ist er bald auch außerstande, Erreichbarkeit und Greifbarkeit überhaupt zu entrinnen. Erreichbarkeit und Greifbarkeit werden dann zu seiner zweiten Natur. Und am Ende wird er dann diese Versklavung sogar kultivieren, sodass er sich, wenn er zufälligerweise einmal nicht greifbar ist, verloren fühlen wird.

Hier schließt sich übrigens der Kreis zum ersten Antilärm-Verein in Deutschland, den Theodor Lessing 1908 gegründet hat (siehe Götz Eisenberg „Vom Recht auf Stille“ in diesem Heft). Günther Anders hat den Text dieses Kapitels nämlich erstmals unter dem Titel „Akustische Nacktheit“ im Oktober 1958 auf Einladung der Lessing-Gesellschaft in Hannover der Öffentlichkeit präsentiert.

Guenther-Anders-2018-Band-I-Die-Antiquiertheit-des-Menschen-Ueber-die-Seele-im-Zeitalter-der-zweiten-industriellen-Revolution-Kritisches-Netzwerk-Annihilation-Nihilismus      Guenther-Anders-2018-Band-II-Die-Antiquiertheit-des-Menschen-Ueber-die-Zerstoerung-des-Lebens-im-Zeitalter-der-dritten-industriellen-Revolution-Kritisches-Netzwerk

Die Dosis macht den Lärm

In meine Klangwelt haben sich erst um die Jahrtausendwende die ersten bedrohlichen Geräuschkulissen geschoben. In den Jahrzehnten davor wurde kein Greißler beschallt, kein Bekleidungsshop wurde zugedröhnt, Gedudel gab’s weder am Postamt noch in der Apotheke, keine Sphärenklänge in der Sauna und auch nicht auf den Toiletten. Schuld an meiner plötzlichen Hellhörigkeit war nicht gelegentliches Feiern von Nachbarn, nicht das Viola-Üben in der Wohnung über mir, nicht das Sirenen-Heulen von Einsatzfahrzeugen, auch nicht der Verkehrslärm – obwohl sich dieser in Wien vervielfacht hat, nachdem der Eiserne Vorhang vor den Toren Wiens gelüftet wurde. (Trotzdem ist es aus vielerlei Gründen unumgänglich, LKWs und Autos drastisch zu reduzieren! Erstmals gibt es in Österreich über fünf Millionen Autos bei knapp neun Millionen Einwohnern; vor 50 Jahren waren es eine Million Autos.)

Sieglinde-Geisel-Nur-im-Weltall-ist-es-wirklich-still-Kritisches-Netzwerk-Vom-Laerm-Sehnsucht-nach-Stille-Laermgeplagte-Schallpegel-Laermempfindlichkeit-ReizueberflutungSchuld an meinem Tinnitus und meinem chronisch erhöhten Stresspegel sind nie dagewesene Geräusche. Also ihre Qualität und die kontinuierliche Steigerung ihrer Quantität. Dem Prinzip des Immer-Höher-Schneller-Weiter der kapitalistischen Verwertung fehlt auch das „Immer-Lauter“ nicht. Es ist die Begleitmusik der steten Steigerung des Zwangs zur Inwertsetzung bzw. der Vernutzung all der Must-haves. Das verursacht immer mehr Dauerlärm. Aber das vegetative Nervensystem des Menschen ist dafür nicht geschaffen. Lärm – eine völlig unterschätzte Variante von Umwelt- und Gesundheitsbelastung!

Meine Wohnung, in der ich auch arbeite, liegt zwar in einer relativ ruhigen Gasse, aber genau in der Einflugschneise zum Flughafen, die 1999 durch Wien geschlagen wurde. Vorbei war’s mit der Geruhsamkeit. Im Ein- bis Drei-Minutentakt donnern die Maschinen über meinen Kopf hinweg. Die zahlreichen Bürgerinitiativen, die dagegen zehn Jahre lang unermüdlich tätig waren, haben, wie wohl alle Antilärm-Initiativen, kaum etwas erreicht.

Ergebnis nach 20 Jahren: mehr Flüge denn je und kontinuierliche Ausweitung der Flugzeiten. Und da es immer öfter Wind aus der östlichen Hälfte gibt (wenn dieser weht, wird über die Stadt geflogen), konnten auch die vereinbarten maximal 11,5 Prozent aller Landungen, nicht eingehalten werden, bedauert die Austro Control. Zuletzt waren es 16 Prozent. Aber was kümmern die Lärmgeplagten Prozentzahlen. Mit der dritten Piste, die nach zahlreichen Verhinderungsversuchen nun bald gebaut wird, werden die absoluten Zahlen weiter steigen. Es gibt in Wien zwar sogenannte Ruhezonen, in denen der Lärm nicht über 50 Dezibel betragen darf, aber Flugzeuglärm ist davon ausgeschlossen.

Apropos Dezibel: Schall kann gemessen werden, Lärm jedoch nicht. Auch leise und tieffrequente Geräusche stören, etwa von haustechnischen Anlagen wie Heizungen, Kühlungen, Lüftungen, Pumpen. Und Geräusche, die in unregelmäßigen Abständen kurz aufflammen, schrecken auf: Handys, Gekrache und Gewummer aus digitalen Geräten oder Musikanlagen in Autos. Zudem ist die Dezibel-Skala keine lineare, sondern eine logarithmische. Das heißt, zehn Dezibel mehr bedeutet eine Verzehnfachung der Schallenergie. Dezibelbeschränkungen beziehen sich außerdem auf einen Durchschnittswert pro bestimmter Zeiteinheit. Das heißt, es kann in dieser Zeit mehrmals wesentlich lauter sein.

Ich wurde in den letzten 20 Jahren aber nicht nur von einer dreiviertel Million tieffliegender Flugzeuge beschallt, sondern in den letzten zwölf (!) Jahren fast durchgängig auch von Baulärm im und vorm Haus. Darunter viele Jahre von wahrem Höllenbaulärm. Sechs Tage die Woche von früh bis spät. Eine Ein- bis Zweijahres-Baustelle löste die nächste ab. Kaum waren die Kräne abgebaut und die Betonsockel, auf denen sie gestanden haben, mit Riesenpressluftbohrern eine Woche lang zerbröselt worden, wurde schon die nächste Abrissbirne gepflanzt. Schallschutzfenster hat meine Wohnung keine.

Als Lärm noch Musik in meinen Ohren war

Das waren Zeiten, als Lärm – weil wohldosiert – noch Musik in meinen Ohren war! Wenn ich mich an jenen Ort erinnere, an dem ich meine Kindheit in den 1960er Jahren verbracht habe, rauscht da nicht nur der Sommerwind durch das Kornfeld, zirpen da nicht nur die Grillen, sondern genauso wohltuend klingt die Tischkreissäge von einem der verstreuten Thalgau-Egger Bauernhöfe und das gelegentliche Brummen eines kleinen Propellerflugzeugs über dem Fuschlsee. Seltene Geräusche unterstreichen die Ruhe geradezu!

Erhart Kästner schreibt mit Bezug auf Paul Carus in „Aufstand der Dinge – Byzantinische Aufzeichnungen“, dass Stille nicht Stillstand bedeuten muss. „Mit Stille kann ja nicht die Totenstille gemeint sein; es ist Stille in Spannung. Bach-Rauschen ist, was die Stille erst hörbar macht, wie die Zikaden die Mittag-Stille im Süden.

Bach-Bachrauschen-Wasserrauschen-Wasserplaetschern-Entspannung-Lebensqualitaet-Kritisches-Netzwerk-Wahrnehmung-fliessendes-Wasser-Geraeuschkulisse

Immer öfter beschweren sich Touristen in der Provence über die Zikaden und verlangen, diese mit Insektiziden zu vernichten. Könnte es sein, dass sie eigentlich die Ruhe nicht aushalten? Und das gemächliche Tuckern des Motors der kleinen Fischerboote im Mittelmeer macht Männer wohl auch so nervös, dass sie es mit Jet-Ski-Motormonstern namens „Tsunami“ oder „Master of Desaster“ übertönen müssen.

Gleichzeitig mit dem Fluglärm in meiner Wohnung begann um die Jahrtausendwende auch die digitale Aufrüstung jedes Staatsbürgers mit Handys und anderen digitalen Geräten. Seit dem ist der Äther erfüllt von ständigem Gepiepse, von Klingeltönen aller Art und Lautstärke. Und von bis dahin im wahrsten Sinn des Wortes unsäglichem Dauergelaber. In Konzerten vergeht mir mittlerweile Hören und Sehen und jeglicher Genuss, weil trotz Verbots mein Blick- und Hörfeld voll klickender Fotoapparate und leuchtender Screens ist, auf denen herumgefummelt wird.

Von Traumhaftem zum Alptraum

Juergen-Hellbrueck-Rainer-Guski-Lauter-Schall-Wie-Laerm-in-unser Leben-eingreift-Kritisches-Netzwerk-Fluglaerm-Schienenlaerm-Laermrichtlinien-Laermbekaempfung-ZwangsbeschallungMassenhafter Flugverkehr über bewohntem Gebiet, die Handynutzung in der Öffentlichkeit, die Beschallung nahezu aller Verkaufsräume und vor allem die neueste Errungenschaft an Lärmbewaffnung, das ultimative Must-have Bluetooth-Box haben die Geräuschkulisse im öffentlichen Raum so stark verändert wie seit der Industrialisierung bzw. der Automobilisierung in den Nachkriegsjahrzehnten nicht. Ganz zu schweigen von der Epidemie Ballermann an den einst geruhsamen Gestaden des Mittelmeers. Heute terrorisiert hier der grölende und dröhnende Party-Vollrausch-Sound die Einheimischen und die Ruhesuchenden. Jeden Tag, jede Nacht während der ganzen Saison.

Seit auch meine jahrzehntelangen Refugien zugedröhnt werden, wird es ganz und gar unerträglich. Am und im Wasser, wo ich mich am besten erholen kann – an der Unteren Alten Donau genauso wie in einer ganz besonderen, abgelegenen mediterranen Felsenbucht – herrschen nie dagewesene Disko-Klänge, die die fahrenden oder ankernden Boote absondern. Es braucht nicht mehr als einen entsprechenden Schall – heute überall digital verfügbar –, um die zauberhaftesten Plätze zu ruinieren! – Nie mehr Siesta? Nie mehr friedvolle Buchten?

Traditionelle Zeiten und Orte der Ruhe, die es in jedem Kulturkreis gab, fallen immer mehr dem Verwertungszwang zum Opfer. Das Geschäftige und Laute dehnt sich zeitlich und räumlich immer mehr aus. Alles Leise und Zarte wurde längst unter den ekeligen Klangteppich gekehrt. Und je mehr wir zu hören kriegen, desto weniger wird einander zugehört.

Musik gehört zum Allerschönsten! Wenn ich aber permanent mit Getöse zwangsernährt werde, kommt das einer Vergewaltigung gleich. Als ob ich auf Schritt und Tritt Junkfood in den Mund gestopft bekommen würde. Dieses könnte ich wenigstens wieder ausspucken. Aber meine Ohren und mein Gehirn können die Misstöne nicht wieder loswerden.

Rhythmische Musik macht Lust auf Bewegung, deshalb kann sie mich beim Sporteln am Trampolin ganz schön motorisieren. Dass sie aber auch Autos antreiben kann, überrascht mich. Neuerdings ist ja kaum mehr ein „geladenes Geschoß“ ohne weithin hörbares, Herz attackierendes Bass-Gewummer unterwegs. Gestern fuhren sie mit einem orientalischen Gemisch, bei dem noch Melodiöses mitklang. Heute ist weitaus härterer Stoff im Einsatz.

Hans Magnus Enzensberger fragt in seiner trefflichen Polemik „Ein musikalisches Opfer“, warum Allergiker gegen musikalischen Dauerlärm verhöhnt werden, während allen anderen volles Verständnis entgegengebracht wird. „Der Schallallergiker sieht sich einem brutalen Kesseltreiben ausgesetzt. Die Vorkehrungen, die er treffen muss, um sich dem allgegenwärtigen Musikantenstadl aus Heavy Metal, Vivaldi, Techno, Blaskapelle und Tic Tac Toe zu entziehen, kommt einer Behinderung gleich.

Ich frage mich jedes Mal, wenn ich einen Supermarkt oder sonst eine lärmende Anstalt betrete: Es gibt zigtausend Lieder und Musikstücke, die mich weniger stören oder gar erfreuen würden. Aber die verkaufsfördernden Hits sind allesamt jenseits meiner Schmerzgrenze. Wenn wenigstens Neil Diamond erklingen würde: „What a beautiful noise / … Goin’ on everywhere / … And it’s sound that I love / And it’s fit me as well / As a hand in a glove / Yes it does, yes it does / What a beautiful noise.

Von der „Schizotopie“ …

Geschäfte, Apotheken, Postämter, Fitness- und Beauty-Studios, alle, die etwas verkaufen wollen, scheuen keine Kosten und Mühen, um alle Sinne optimal anzusprechen – sei es lautstark oder ganz unbemerkt. Alle psychischen und physischen Mechanismen müssen ausgenützt werden, um noch einen Euro mehr aus dem Kunden zu pressen, und um die Konkurrenz auszustechen. Umsatz ist alles!

Gerhard-Paul-Ralph-Schock-Sound-der-Zeit-Geraeusche-Toene-Stimmen-1889-bis-heute-Kritisches-Netzwerk-entartete-Musik-Fluglaerm-Werbejingles-ZwangsbeschallungAuf verarbeitete Lebensmittel, denen Stoffe zugesetzt werden, die regelrecht süchtig machen, wird von Ärztinnen und Konsumentenschützern immer wieder hingewiesen. [korrekt wäre der Begriiff Nahrungsmittel; H.S.] Dass aber in Verkaufsräumen aller Art – vom Supermarkt bis zum Wettbüro – nichts dem Zufall überlassen wird, um süchtig zu machen, zeigt kaum jemand auf. Ganze Branchen sind damit beschäftigt, nicht nur Geräusche, auch Licht, Gerüche und Einrichtungen verkaufsfördernd auszuklügeln. Diese Methoden aufzuzeigen, ist nichts für investigative Journalisten. Auch Psychologinnen schreiben keine erhellenden Berichte darüber. Sie werden ja von den Firmen dafür bezahlt, Geheimagenten gleich zu tüfteln. Manchen tut sich obendrein die neue Einkommensquelle, Kauf- und Spielsüchtige zu therapieren, auf.

Die Beschallung von Verkaufsräumen soll Heimeligkeit vermitteln. Die Konsumierenden sollen sich ungezwungen fühlen oder gar enthemmt. Einfach wie zu Hause. Günther Anders beschreibt die veränderten Verhältnisse am Beispiel der ersten Juke Boxes, die in den USA in den frühen 1940er Jahren in Drugstores aufgestellt wurden.

So wie die Außenwelt durch die Medien ins Haus gebracht wurde, so wird umgekehrt die Zuhause-Mentalität in die Außenwelt mit hinaus genommen. Die oft gemachte Beobachtung, dass sich seit einigen Jahrzehnten der Unterschied zwischen ,privat‘ und ,öffentlich‘ verwischt hat, hat in dieser ,Doppelbewegung‘ ihren Grund.

Als „Schizotopie“ bezeichnet Anders diese räumliche Doppelexistenz. – Wohin hat sich diese in den letzten 70 Jahren entwickelt? Heute leben wir längst nicht nur im globalen Dorf, sondern im globalen Supermarkt. Von jedem Ort aus zu konsumieren, heißt das oberste Gebot. Von zu Hause oder unterwegs in der ganzen Welt zu shoppen. Oder sich an jedem Ort Musik und Filme via digitaler Geräte reinzuziehen. „Stream dich frei“, steht auf dem aktuellen Werbeplakat eines Streaming-Dienstes. Es zeigt ein junges Paar, das sitzend über einem langen Holzsteg schwebt, der in einen See hinausführt, dem verfärbten Himmel und der untergehenden Sonne entgegen. Diese Naturkulisse sieht das Pärchen aber nicht, weil es in die entgegen gesetzte Richtung, auf den Bildschirm des Laptops blickt.

► … zur globalen Pipe-&Peep-Show

Ohrstoepsel-ear-plugs-ohropax-gehoerschutz-plastikstoepsel-wachsstoepsel-laermbelaestigung-laermbelastung-laermempfindlichkeit-kritisches-netzwerk-Zwangsbeschallung Apropos Naturkulisse: Heute lässt selten jemand die Umgebung – Natur, Stadt, Menschen – einfach auf sich wirken. Man hat dauernd busy zu sein. Mal leiser, meist lauter. Wenn die Aufmerksamkeit überhaupt einmal vom Screen auf etwas anderes gelenkt wird, dient es entweder der Selbstoptimierung oder um Aufsehen und Aufhören zu erregen. Jogger mit zugestöpselten Ohren blicken ständig auf den Fitness-Tracker am Handgelenk. Auto-, Motorrad-, Quad- und Jet-Ski-Piloten verpesten zu Land und zu Wasser die Luft – und vor allem darf niemandem ihr brünftiges Motorengeheul entgehen.

Zur Zeit auch besonders beliebt: das Fotografieren und Posten des verbotenen Eindringens in abgelegene Naturschutzgebiete, um Partys zu feiern, zu übernachten und Zerstörung zu hinterlassen. Und in Wien haben neuerdings Mountainbiker den alten verfallenen jüdischen Teil des Zentralfriedhofs als ihr Trainingsgelände entdeckt. Die breite Masse begnügt sich mit Krach aus den Bluetooth-Boxen, die faustfeuerwaffengleich in der einen Hand und die Bierdose in der anderen vor sich hergetragen werden.

Die Umgebung wird hauptsächlich zweidimensional, verkleinert, ausschnitthaft durch den Screen wahrgenommen. Sie mutiert zur Fototapete und verkommt zum Mittel der Selbstdarstellung. Worauf es ankommt, ist nicht die Umgebung selbst, nicht der Sonnenuntergang, nicht das Bergpanorama, nicht die Sehenswürdigkeit, nicht das Konzert, sondern die Digitalisierung. Also ein – meist künstlich geschöntes – Abbild der Realität. Selbst das Essen muss nicht gut schmecken [Erg. "und nicht mal gesund sein"; H.S.], sondern gut aussehen. Es geht nicht um das sinnliche Erleben, sondern um die Herstellung einer Ware. Erst wenn ich meine Ware Food, meine Ware gewagtestes Motiv, meine Ware Körper digital und global vermarkten kann, beginne ich zu existieren und bekomme Aufmerksamkeit. Befriedigung verschafft nicht das Hier und Jetzt, sondern die Likes im Dort. Zu Hause bin ich nicht bei mir und in meiner Umgebung, sondern via Selfie in der digitalen Welt.

Warum wird für all jene, die diese Art der Weltwahrnehmung und der Kommunikation bevorzugen, nicht ein Welt-Duplikat geschaffen? Mit Echtheitszertifikat. Ein Disneyland ohne störendes Zikadenzirpen und ohne störende Ruhesuchende. Hier führen bequeme Wege zu den perfekten Selfie-Locations. Hier dürfen sie alles niedertrampeln oder sich aufgeilen an Katastrophen-Szenen. Hier gibt es sogar ein Sicherheitsnetz gegen die tödlichen Gefahren. Bei der Hetzjagd nach der aufregendsten Selbstdarstellung versagt ja oft sogar der Selbsterhaltungstrieb.

Megafon-Megaphon-Kampfansage-Kritisches-Netzwerk-Aufmerksamkeit-Marktschreierei-Wahlkampf-Wahlpropaganda-Wahlslogans-Wahlsprueche-Effekthascherei-Parteiwerbung Aus der „Schizotopie“, die Günther Anders in den 1950er Jahren festgestellt hat, ist mittlerweile eine globale digitale Pipe-&Peep-Show geworden. – Folgendes Hörbeispiel versinnbildlicht geradezu, genauer vertont das alltäglich und allumfassend gewordene Porn-Prinzip. Der Lokführer eines South-Western-Railway-Zuges schaute sich auf einer Fahrt zwischen den Londoner Stadtteilen Wandsworth und Clapham einen Porno am Handy an. Da das Mikrofon irrtümlich eingeschaltet war, wurden alle Fahrgäste Ohrenzeugen des sexuellen Treibens. Das musste prompt aufgenommen, ins Netz gestellt und sogleich 1,83 Millionen Mal aufgerufen werden.

„Akkumulation der Geräte“

Die digitale Revolution hat sicherlich viel Gutes gebracht. Aber unter den gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen des real existierenden Kapitalismus dient sie nicht nur hervorragend dazu, Vermarktung und Vernutzung ad infinitum [lat. „bis ins Unendliche“; H.S.] zu führen, sondern auch dazu, den von Günther Anders festgestellten Konformismus und die Selbstversklavung auf die Spitze zu treiben. Als nächster großer Entwicklungsschritt wird nicht nur die Technik der Robotik, der Drohnen und der selbstfahrenden Autos massiv ausgebaut, sondern auch die Überwachung und Steuerung des Menschen. Was diesbezüglich etwa in China bereits umgesetzt ist, geht wohl mitnichten in Richtung Befreiung.

Dagegen nehmen sich folgende zwei Beispiele harmlos aus. Wie nützlich, wenn aus allem Unbill, das die Verbreitung der Technik mit sich bringt, neues Kapital geschlagen werden kann. Die Möglichkeiten sind grenzenlos. In Zeiten, da Ruhe rar wird, kommt ein Gerät zur Erzeugung von Stille auf den Markt. Kopfhörer zur Active Noise Cancelling, kurz ANC. Dabei wird Schall mit gegenphasigem Schall unterdrückt, mit sogenannter destruktiver Interferenz. Oder in Zeiten, da die Fachwelt bei vielen Menschen „Technostress“ durch die Handhabung oft störungsanfälliger digitaler Geräte diagnostiziert hat, wird vorsorglich ein „Technostresssensor“ entwickelt.

Günther Anders: „Je größer das Elend des produzierenden Menschen wird, je weniger er seinen Machwerken gewachsen ist, um so pausenloser, um so unermüdlicher, um so gieriger, um so panischer vermehrt er das Beamtenvolk seiner Geräte, seiner Untergeräte und Unteruntergeräte; und vermehrt damit sein Elend auch wieder …“ Bis schließlich „seine Misere eine Akkumulation der Geräte, und diese wiederum die Akkumulation seiner Misere zur Folge hat. – Gute Zeiten, da die Idylle der Hydra noch als Schrecksage galt!“ – Von der ökologischen Belastung durch die Massenproduktion der Geräte ganz zu schweigen.

Haben diese technischen Errungenschaften den Alltag erleichtert?

Sind die Menschen dadurch glücklicher, freier und entspannter geworden?

Warum haben sich Nervosität, Unruhe, Hektik, Aggression, genauso wie der Lärm, seit der Jahrtausendwende rapide vermehrt?

Wo ist der funkelnde Charme geblieben?

Die Leichtigkeit, der Schalk, die Phantasie und die Sinnlichkeit? Ich vermisse sie furchtbar!

theodor_lessing_der_laerm_eine_kampfschrift_gegen_den_laerm_kritisches_netzwerk_psychologie_betaeubung_geraeusche_laermbelaestigung_laermbelastung_laermempfindlichkeit.jpg Viele haben den Prometheus-Mythos aufgegriffen, wenn es um die Kritik an der Herrschaft der Technik über den Menschen geht. Günther Anders prägte den Begriff der „prometheischen Scham“. Der Mensch sei zum „Hofzwerg seines eigenen Maschinenparks“ geworden und schäme sich seiner Unzulänglichkeit angesichts der Perfektion seiner Apparaturen.

Auch Albert Camus ruft im Buch „Hochzeit des Lichts“, in seinem kleinen Essay „Prometheus in der Hölle“, dazu auf, Geist und Seele nicht zugrunde gehen zu lassen. Der antike Held hat den Menschen „Feuer und Freiheit, Technik und Kunst“ geschenkt. Aber „die heutige Menschheit glaubt einzig an die Technik. In ihren Maschinen entdeckt sie ihre Stärke …"

François-René Chateaubriand rief dem nach Griechenland aufbrechenden Ampère zu: „Sie werden kein Blatt der Olivenbäume, keine Traubenbeere wiederfinden, die ich in Attika sah. Ich trauere selbst dem Gras meiner Zeit nach.“ Camus fügt hinzu: „… wir trauern manchmal den Grashalmen aller Zeiten nach, den Olivenzweigen, die wir für uns nicht mehr sehen werden, und den Trauben der Freiheit. Der Mensch ist überall, überall sein Schrei, sein Schmerz und sein Drohen. Inmitten so vieler zusammengedrängter Kreaturen bleibt kein Ort für das Zirpen der Grillen.

Aber woher nehmen wir heute Camus’ Zuversicht, für den „ein Abend in der Provence, die vollkommene Linie eines Hügels, der Geschmack von Salz genügt, um zu erkennen, dass alles neu zu schaffen ist“?

Maria Wölflingseder
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Maria Wölflingseder, geb. 1958 in Salzburg, seit 1977 in Wien. Studium der Pädagogik und Psychologie. Arbeitsschwerpunkt: Kritische Analyse von Esoterik, Biologismus und Ökofeminismus; zahlreiche Publikationen. Bei den Streifzügen seit Anbeginn. Mitglied der Redaktion der Streifzüge, Mitherausgeberin von "Dead Men Working - Gebrauchsanweisungen zur Arbeits- und Sozialkritik in Zeiten kapitalistischen Amoklaufs", Münster 2004 (2. Auflage 2005). Nicht nur in der Theorie zu Hause, sondern auch in der Literatur, insbesondere in der slawischen. Veröffentlichungen von Lyrik sowie Belletristik-Rezensionen.

pin_green.gif Literatur über Lärm

Sieglinde Geisel: "Nur im Weltall ist es wirklich still. Vom Lärm und der Sehnsucht nach Stille". Das Lese- und Trostbuch für Lärmgeplagte. Verlag Galiani Berlin, ISBN: 978-3-86971-015-0. Berlin 2010, lieferbar. >> weiter.

Jürgen Hellbrück, Rainer Guski: "Lauter Schall. Wie Lärm in unser Leben eingreift", Verlag wbg Academic, ISBN: 978-3-534-27041-5. Darmstadt 2018, auch als ePub und PDF lieferbar. >> weiter.

Gerhard Paul, Ralph Schock (Hg.): "Sound der Zeit – Geräusche, Töne, Stimmen, 1889 bis heute", Wallstein Verlag, Göttingen 2014. ISBN: 978-3-8353-1568-6. lieferbar, 607 S., 77 Abb., auch als E-Book >> weiter.

Hans Magnus Enzensberger: "Ein musikalisches Opfer", in: Kursbuch 129 „Ekel und Allergie“, Berlin 1997, >> weiter.

Theodor Lessing: "Der Lärm" - Text der Kampfschrift im Projekt Gutenberg, siehe auch PDF_Symbol.gif  zum Download (ergänzt durch H.S.)


► Quelle: Erstveröffentlicht am 26. Juli 2019 in Streifzüge >> Artikel. "Streifzüge 2019-76 - Magazinierte Transformationslust" ist eine Publikation des Vereins für gesellschaftliche Transformationskunde in Wien. Verbreitung: COPYLEFT. „Jede Wiedergabe, Vervielfältigung und Verbreitung der Publikationen in Streifzüge ist im Sinne der Bereicherung des allgemeinen geistigen Lebens erwünscht." (Kritischer Kreis. Verein für gesellschaftliche Transformationskunde, Wien.). Die Bilder und Grafiken im Artikel sind nicht Bestandteil des Originalartikels und wurden von KN-ADMIN Helmut Schnug eingefügt. Für sie gelten ggf. andere Lizenzen, s.u..

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► Bild- und Grafikquellen:

1. Dalmatiner Archie mit Kopfhörer - CANT FUCKING HEAR YOU! Foto: Christian Mayrhofer. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 2.0 Generic (CC BY-NC-ND 2.0). Hund Archie - hauptberuflich Dalmatiner und FlickR-Star.

2. Grafik Schall-Intensität: Ab wann Lärm schadet. Infografik zum Thema Lärm. Jede Dauerbelastung, egal ob laute Musik, Verkehrs- oder Fluglärm, die einen Schallpegel von 80 Dezibel (dB) überschreitet, schadet dem Gehör. Diese Infografik kann für redaktionelle Zwecke und mit dem Hinweis "Grafik: Techniker Krankenkasse" honorarfrei verwendet werden. Eine Nutzung zu Werbezwecken ist ausgeschlossen. Quelle: Flickr. Verbreitung mit Lizenz Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 2.0 Generic (CC BY-NC-ND 2.0). Weitere TK-Grafiken bei Flickr.

3. Buchcover: "Die Antiquiertheit des Menschen Bd. I: Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution" Günther Anders, C.H.Beck, München; ISBN: 978-3-406-72316-2; erschienen im Mai 2018 in 5., durchgesehener Auflage, 2018; Klappenbroschur, 397 S., Broschur; Preis: 19,95 €, auch als e-Book erhältlich.

Anders' Hauptthema ist aktueller denn je: die Zerstörung der Humanität und die mögliche physische Selbstauslöschung der Menschheit. Der bisherige Mensch ist überholt, "antiquiert"?, der gegenwärtige und auch der zukünftige sind gekennzeichnet durch die Diskrepanz zwischen der noch immer wachsenden Kapazität der Technik und dem Unvermögen der Phantasie, sich die katastrophalen Folgen der Technik vorzustellen.

«Die drei Hauptthesen: daß wir der Perfektion unserer Produkte nicht  gewachsen sind; daß wir mehr herstellen, als wir uns vorstellen und verantworten können; und daß wir glauben, das, was wir können, auch zu dürfen: diese drei Grundthesen sind angesichts der im letzten Vierteljahrhundert offenbar gewordenen Umweltgefahren leider aktueller und brisanter als damals.» (-Günther Anders im Jahr 1979)

Klappentext:

«Dieses Plädoyer für den Weiterbestand einer menschlicheren Welt, nein: leider, bescheidener: für den Weiterbestand der Welt, habe ich geschrieben, als manche meiner eventuellen Leser noch nicht das gleißende Licht unserer düsteren Welt erblickt hatten. Sie werden erkennen, daß die revolutionäre, oder richtiger: katastrophale Situation, in die sie hineingeboren wurden und in der zu leben sie leider allzusehr gewohnt sind, nämlich die Situation, in der die Menschheit sich selbst auszulöschen imstande ist – daß dieses wahrhaftig nicht ehrenvolle Imstandesein schon vor ihrer Geburt eingesetzt hat, und daß die Pflichten, die sie haben, schon die ihrer Väter und Großväter gewesen sind. Ich schließe mit dem leidenschaftlichen Wunsche für sie und ihre Nachkommen, daß keine meiner Prognosen recht behalten werde.»

Auszug aus dem Vorwort zur 5. Auflage: (Wien, Oktober 1979)

Dieser Band, den ich vor mehr als einem Vierteljahrhundert abgeschlossen habe, scheint mir nicht nur noch nicht antiquiert, sondern heute aktueller als damals. Das beweist aber nichts zugunsten der Qualität meiner damaligen Analysen, alles dagegen zu Ungunsten der Qualität der analysierten Welt- und Menschsituation, da diese sich seit dem Jahre 1956 im Grundsätzlichen nicht verändert hat, sich nicht hatte verändern können.

Meine damaligen Schilderungenwaren keine Prognosen, sondern Diagnosen. Die drei Hauptthesen: daß wir der Perfektion unserer Produkte nicht gewachsen sind; daß wir mehr herstellen als vorstellen und verantworten können; und daß wir glauben, das, was wir können, auch zu dürfen, nein: zu sollen, nein: zu müssen – diese drei Grundthesen sind angesichts der im letzten Vierteljahrhundert offenbar gewordenen Umweltgefahren leider aktueller und brisanter als damals. Ich betone also, daß ich vor 25 Jahren über keinerlei «seherische» Kräfte verfügt  hatte, daß vielmehr damals 99 % der Weltbevölkerung sehunfähig waren, nein: methodisch sehunfähig gemacht worden waren – was ich ja damals schon durch die Einführung des Ausdrucks «Apokalypseblindheit» angezeigt habe.

4. Buchcover: "Die Antiquiertheit des Menschen Bd. II: Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution". Günther Anders, C.H.Beck, München; ISBN: 978-3-406-72317-9; erschienen im Mai 2018 in 4., durchgesehener Auflage, 2018; Klappenbroschur, 526 S., Broschur; Preis: 19,95 €, auch als e-Book.

«Es genügt nicht, die Welt zu verändern. Das tun wir ohnehin. Und weitgehend geschieht das sogar ohne unser Zutun. Wir haben diese Veränderung auch zu interpretieren. Und zwar, um diese zu verändern. Damit sich die Welt nicht weiter ohne uns verändere. Und nicht schließlich in eine Welt ohne uns.» (-Günther Anders)

Klappentext:

Nach beinahe einem Vierteljahrhundert, in dem sich Günther Anders mehr praktisch und publizistisch gegen die aktuellen Bedrohungen engagierte, hat er den zweiten Band seines philosophischen Hauptwerks folgen lassen. Das Thema ist aktueller denn je: die Zerstörung der Humanität und die mögliche physische Selbstauslöschung der Menschheit. Die «Endzeit», das Zeitalter der «Technokratie », ist unwiderruflich angebrochen. Die Technik ist zum Subjekt der Geschichte geworden, der Mensch ist nur noch «mitgeschichtlich». Der bisherige Mensch ist überholt, antiquiert», der gegenwärtige und auch der zukünftige sind gekennzeichnet durch die Diskrepanz zwischen der noch immer wachsenden Kapazität der Technik und dem Unvermögen der Phantasie, sich die katastrophalen Folgen der Technik vorzustellen.

Auszug aus dem Vorwort:

Dieser zweite Band der «Antiquiertheit des Menschen» ist, ebenso wie der erste, eine Philosophie der Technik. Genauer: eine philosophische Anthropologie im Zeitalter der Technokratie. Unter «Technokratie» verstehe ich dabei nicht die Herrschaft von Technokraten (so als wäre es eine Gruppe von Spezialisten, die heute die Politik dominierten), sondern die Tatsache,  daß die Welt, in der wir heute leben und die über uns befindet, eine technische ist – was so weit geht, daß wir nicht mehr sagen dürfen, in unserer geschichtlichen Situation gebe es u. a. auch Technik, vielmehr sagen müssen: in dem «Technik» genannten Weltzustand spiele sich nun die Geschichte ab, bzw. die Technik ist nun zum Subjekt der Geschichte geworden, mit der wir nur noch «mitgeschichtlich» sind.

Das Buch behandelt nun die Veränderungen, die sowohl die Menschen als Individuen als auch die Menschheit als Ganze durchdieses Faktum durchgemacht haben und weiter durchmachen. Diese Veränderungen betreffen alle unsere Aktivitäten und Passivitäten, Arbeit wie Muße, ebenso unsere intersubjektiven Beziehungen, sogar unsere (angeblich apriorischen) Kategorien. Wer heute noch die «Veränderbarkeit des Menschen» proklamiert (wie es Brecht getan hatte), ist eine gestrige Figur, denn wir sind verändert. Und diese Verändertheit des Menschen ist so fundamental, daß, wer heute noch von seinem «Wesen» spricht (wie es z. B. Scheler noch getan hatte), eine vorgestrige Figur ist.

5. Bildcover "Nur im Weltall ist es wirklich still. Vom Lärm und die Sehnsucht nach Stille" von Sieglinde Geisel. Verlag: Kiepenheuer & Witsch eBook; 176 Seiten, gebunden mit SU; ISBN: 978-3-86971-015-0; erschienen im März 2010 - lieferbar, auch als e-Book.

Klappentext:

Das Lese- und Trostbuch für Lärmgeplagte.

Wer kennt ihn nicht, den Ärger mit den lauten Nachbarn, der vielbefahrenen Straße und dem Geschrei der Nachtigallen. Schopenhauer, Proust und Kafka klagten über Lärm, Carlyle ließ sich ein schallisoliertes Studierzimmer errichten, bei Kant landete ein zu lauter Hahn im Suppentopf. Doch freilich: Nichts ist persönlicher als die Geräuschempfindung. Was für den einen schön ist, ist für den anderen Tortur.

Angeblich kommt eine medizinische Studie zu dem Schluss, dass bei einem Umgebungslärm von 65 Dezibel das Herzinfarktrisiko um über 30 % höher ist als bei 60 Dezibel – allerdings nur bei Männern, bei Frauen nicht. Warum das so ist, weiß niemand. Lärm muss nicht laut sein – auch ein tickender Wecker oder ein tropfender Wasserhahn können einen in den Wahnsinn treiben, während das ohrenbetäubende Brüllen eines Gebirgsbachs als natürlich und damit schön empfunden wird. Nur wer mit Geräuschen umzugehen weiß, kann sie ertragen.

Nur im Weltall ist es wirklich still ist ein grundlegendes und dabei höchst unterhaltsames Geräuschbuch, in dem das Verhältnis des Menschen zur Akustik seiner Umwelt über die letzten 2000 Jahre hinweg betrachtet wird. Zahlreiche Ohrenzeugen von Horaz über Lichtenberg, Schopenhauer, Kurt Tucholsky bis John Cage und Hans Magnus Enzensberger kommen zu Wort. Sieglinde Geisel beschreibt auch, was die Menschheit mit und gegen Lärm so alles tut: von der turbulenten Geschichte der Anti-Lärm-Vereine und der Anti-Lärm-Gesetze bis zu dem Paradox, dass die Welt immer lauter wird, weil immer mehr in ihren Autos aus den Städten in die Stille fliehen.

Textstellen aus dem Buch:

„Doch nicht die Ursache allein bestimmt, ob wir ein Geräusch als Lärm empfinden. Auch unsere innere Einstellung zur Quelle des Geräuschs spielte eine Rolle, denn Lärm ist eine Beziehungsangelegenheit. ‚Geräusche anhören ist: an fremdem Leben teilnehmen‘, stellt, mit einem Seufzer, Kurt Tucholsky fest. Können wir die Nachbarin nicht ausstehen, heult ihr Rasenmäher in unseren Ohren lauter, als wenn wir ein freundschaftliches Verhältnis pflegen. Und: Je weniger Kontrolle man über ein Geräusch hat, umso stärker ist die Qual.“

„Als Lärmbekämpfer macht man sich nicht beliebt, das Anliegen mag noch so berechtigt sein. Wer vom Lärm genervt ist, nervt ebenfalls, darin besteht die Crux in der Lärmbekämpfung. Die Empfindlichkeiten des Lärmbekämpfers wirken kleinlich, seine Rhetorik ist aufdringlich, und mit seinem Vorbehalt gegenüber der Ausgelassenheit wird er rasch zum Spielverderber.“

„Während wir den Umgebungslärm unserem Hören einverleiben können, ist es bei der Hintergrundmusik umgekehrt. Sie unterwirft uns, indem sie uns das Raster des Viervierteltakts und die Gleichgültigkeit ihres Plätscherns aufzwingt.“

6. Bachrauschen: Bach-Rauschen ist, was die Stille erst hörbar macht.  Foto: fill / Florian Pircher. Quelle: Pixabay. Alle bereitgestellten Bilder und Videos auf Pixabay sind gemeinfrei (Public Domain) entsprechend der Verzichtserklärung Creative Commons CC0. Das Bild unterliegt damit keinem Kopierrecht und kann - verändert oder unverändert - kostenlos für kommerzielle und nicht kommerzielle Anwendungen in digitaler oder gedruckter Form ohne Bildnachweis oder Quellenangabe verwendet werden. >> Foto.

7. Buchcover: "Lauter Schall. Wie Lärm in unser Leben eingreift" von Hellbrück, Jürgen / Rainer Guski. Verlag wbg Academic, ISBN: 978-3-534-27041-5. Darmstadt 2018, 264 Seiten, 15 Illustrationen, schwarz-weiß; Preis 49,95 € - 39,96 € für Mitglieder. Auch als ePub und PDF lieferbar.

Klappentext:

Das Thema »Lärm« ist ein Dauerbrenner. Die Hauptemittenten Straßen-, Schienen- und Luftverkehr werden auch in den kommenden Jahren spürbar zunehmen. Lärm ist und bleibt damit ein gesellschaftspolitischer Konfliktbereich, der sehr viele Menschen betrifft und in dem unterschiedliche Interessengruppen agieren.

Um das Phänomen des Lärms verstehen zu können, stellt uns der Autor das Organ der Superlative – das Ohr – vor. Anhand von Brennpunkten wie dem Frankfurter Flughafen oder dem Schienenlärm im mittleren Rheintal werden physiologische, psychologische, gesundheitliche und sozioökonomische Wirkungen des Lärms diskutiert und mögliche Lösungen vorgestellt. In Bezug auf das Thema Hören wecken die Autoren Faszination hinsichtlich der ungewöhnlichen Leistungen des menschlichen Gehörs und sensibilisieren gleichermaßen für dessen Verletzlichkeit.

8. Buchcover: "Sound der Zeit – Geräusche, Töne, Stimmen, 1889 bis heute." von Gerhard Paul, Ralph Schock (Hg.); Wallstein Verlag, Göttingen 2014. ISBN: 978-3-8353-1568-6. lieferbar, 607 S., 77 Abb., auch als E-Book.

Buchbeschreibung:

Der Klang der Geschichte zwischen den Medienrevolutionen des beginnenden und des endenden 20. Jahrhunderts.

Wie klangen Städte und Fabriken zu Beginn und am Ende des 20. Jahrhunderts? Wie entwickelten sich Aufzeichnungsmedien? Wie unterscheiden sich der Erste und der Zweite Weltkrieg akustisch? Wie wurde und wird mit Tönen Politik gemacht? Welche Schlager, Kampflieder und Hymnen haben sich in unserem Gedächtnis verewigt? Hatte die DDR einen anderen Klang als die BRD? Welche Lieder und Melodien bestimmen das Selbstverständnis von Menschen, Gruppen und Nationen? Wie entwickelte sich die akustische Überwachung?

Einen Großteil unserer Orientierung in der Welt gewinnen wir über das Hören. Das Ohr nimmt vor allem den emotionalen Aspekt einer Information auf. Manche Geräusche sind lebenslang im Unterbewusstsein gespeichert. Klänge können Erinnerungsorte sein und Identität stiften. Musik kann aufwühlen und erregen, sie kann Widerstand erzeugen, mit ihr kann aber auch gefoltert werden.

Dieser Band thematisiert die Verfolgung sogenannter »entarteter Musik«, unvergessliche Rundfunkreportagen und zentrale Ansprachen des Jahrhunderts ebenso wie die Geschichte des Hörspiels, musikalische Schlüsselwerke der Moderne, Werbejingles, Filmmusiken, Fluglärm und den verführerischen Klang von Stöckelschuhen.

9. Bunte Ohrstöpsel der Fa. Ohropax. Foto: Mattes. Quelle: Wikimedia Commons. Der Urheberrechtsinhaber veröffentlicht dieses Werkes als gemeinfrei. Dies gilt weltweit.

10. Mann am Megafon. Wo viele schreien, werden nur wenige gehört. Aufmerksamkeit ist ein knappes Gut. Um sie zu erheischen – und sei es nur für einen Augenblick – wird in Bild und Schrift gebrüllt, aufgeregt geblinkt und hemmungslos Krach geschlagen. Foto: Karl-Heinz Laube. Quelle: Pixelio.de , frei für redaktionelle Nutzung! >> Foto.

11. Originalcover: "Der Lärm – Eine Kampfschrift gegen die Geräusche unseres Lebens", aus: Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens Bd.9, Hft 54; Wiesbaden, J. F. Bergmann - 1908.