Wolfsburg: Direktor des Kunstmuseums Dr. Ralf Beil gefeuert

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Wolfsburg: Direktor des Kunstmuseums Dr. Ralf Beil gefeuert
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Wolfsburg: Direktor des Kunstmuseums Dr. Ralf Beil gefeuert

VW-Aufsichtsrat sorgt für Rauswurf eines kritischen Museumsdirektors

Von Sybille Fuchs

hired_fired_moderne_sklaverei_leiharbeit_leiharbeiter_leiharbeitnehmer_kuendigung_entlassung_zeitarbeit_arbeitnehmerueberlassung_kritisches_netzwerk_equal_pay_treatment.png Weder chronisch erfolglose Ausstellungen noch die Verschwendung von Museumsgeldern oder sonstige Fehlleistungen haben Dr. Ralf Beil, den Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg, kurz vor Weihnachten sein Amt gekostet. Vielmehr wurde er mitten in den Vorbereitungen auf das 25-jährige Jubiläum des Museums offenbar auf Druck des Aufsichtsrats des Volkswagenkonzerns entlassen, obwohl sein Vertrag noch bis Ende 2020 lief.

Das Museum und sein Kuratorium gaben in ihrer mageren Pressemitteilung keine nähere Auskunft über die wirklichen Gründe für die Entlassung des renommierten Kunsthistorikers. Er hatte sich bei seinen Geldgebern wohl unbeliebt gemacht, weil die von ihm kuratierten Ausstellungen auch kritische Aspekte der Geschichte und der gegenwärtigen Politik des Autoriesen behandelten.

Die Autostadt Wolfsburg war zusammen mit dem Konzern 1938 in der Zeit des Nationalsozialismus gegründet worden. Von Beginn an waren die Stadt, ihr Schicksal, ihre Politiker, ihre Einrichtungen, ihre Bewohner und ihr Wohlergehen auf Gedeih und Verderb mit dem Autoriesen verknüpft. Das Kunstmuseum wird von der Kunststiftung Volkswagen getragen. Sein Kuratorium steht unter der Leitung von Hans Dieter Pötsch, dem Aufsichtsratsvorsitzenden des VW-Konzerns.

Seit seiner Eröffnung im Jahr 1994 hat sich das Kunstmuseum Wolfsburg durch vielbeachtete Ausstellungen moderner und zeitgenössischer Kunst einen Namen gemacht, die auch den Schwerpunkt seiner Sammlung bildet. Es verfügt über eine riesige Halle, in der die Werke großzügig und flexibel je nach Bedarf präsentiert werden können.

Ralf Beil, der das Museum seit 2015 geleitet hatte, bedauerte nach seinem Rauswurf in einer Mail, dass er zwei geplante Ausstellungen nicht mehr betreuen könne. Er stellte klar, dass seine Entlassung erfolgt sei, weil er einigen Leuten auf die Füße getreten sei. So habe es ihm Pötsch vermittelt.

Beil schildert den Vorgang der Entlassung folgendermaßen: Er habe das Gespräch mit Pötsch gesucht, um über die Verlängerung seines Vertrags zu reden. Doch der habe ihm erklärt, man werde seinen Vertrag nicht verlängern und suche bereits einen Nachfolger. Beil solle bis auf Weiteres im Amt bleiben und einen goldenen Handschlag erhalten, sobald der neue Direktor gefunden sei.

Dieser ist inzwischen gefunden worden. Es ist der derzeitige Leiter des Ludwig Forums für Internationale Kunst in Aachen, Andreas Beitin.

vw_volkswagen_bonus_boni_abgasaffaere_dieselaffaere_abgasskandal_wolfsburg_martin_winterkorn_hans_dieter_poetsch_matthias_mueller_kritisches_netzwerk_dieselabgaswerte Beil wurde nahegelegt, einen Aufhebungsvertrag, das heißt eine Lösung des Arbeitsverhältnisses in gegenseitigem Einvernehmen, zu unterschreiben, was dieser ablehnte. Daraufhin habe Pötsch wort- und grußlos den Raum verlassen und die Kündigung mit sofortiger Freistellung eingeleitet, wie Ralf Beil gegenüber der Süddeutschen Zeitung erklärte. Auf Nachfrage erklärte der Sprecher von Pötsch, Michael Brendel, die Entlassung sei kein „Hauruck“-Verfahren gewesen, vielmehr habe das Kuratorium des Museums sich schon länger mit dem Vorgang beschäftigt.

Im Kuratorium, das für Beils Rauswurf mitverantwortlich ist, sitzen auch der Bürgermeister und der Kulturdezernent von Wolfsburg. Normalerweise spielen schwindende Besucherzahlen oder schlechte Wirtschaft mit den Haushaltsmitteln eine Rolle, wenn ein Museumsleiter oder Theaterdirektor entlassen wird, was ziemlich selten vorkommt. Aber bei Beil war nichts davon der Fall. Die Besucherzahl lag 2015 bei 66.500, 2016 bei 70.230 und 2017 bei 65.000, und es waren keine negativen Zahlen zu vermelden, wie der kaufmännische Geschäftsführer und jetzige Interims-Direktor des Museums, Otmar Böhmer, gegenüber der Süddeutschen erklärte. Der einzige Kündigungsgrund war offenbar, dass sich Beil in seiner Ausstellungspraxis zu kritisch mit dem VW-Konzern auseinandergesetzt hatte.

Kdf-Wagen-Sparkarte-Volkswagen-Kaefer-Kritisches-Netzwerk-Zwangsarbeiter-Josef-Ganz-Ferdinand-Porsche-Beil erklärt in seiner Mail, am Kunstmuseum Wolfsburg sei „künstlerische Freiheit“ nicht mehr gegeben. Bei seinem Amtsantritt 2015 seien ihm noch „kuratorische Freiheit und Unabhängigkeit fest zugesichert worden“, doch nun habe er von dritter Seite erfahren, dass „das Museum den Konzern unterstützen sollte“.

2016 hatte Beil seine erste große Ausstellung unter dem Titel „Wolfsburg unlimited“ kuratiert. Sie legte den Schwerpunkt auf die Stadt, ihre internationale Bedeutung aber auch ihre Geschichte. Sie setzte sich kritisch mit der Geschichte des Volkswagenwerks auseinander.

Der von Ferdinand Porsche konstruierte KdF-(Kraft-durch-Freude)Wagen, der spätere VW-Käfer, sollte nach Hitlers Vorgaben ein erschwingliches Auto für alle sein, wurde aber nie ausgeliefert. Obwohl viele Menschen darauf gespart hatten, wurde seine Technik, die Porsche mitentwickelt hatte, ausschließlich für Kübelwagen und Schwimmwagen der Wehrmacht verwendet.

Beils Ausstellung thematisierte u. a. auch die Rolle Porsches und seiner Familie im Dritten Reich. Ferdinand Porsche war ab 1938 nicht nur führender Konstrukteur, sondern zusätzlich auch Hauptgeschäftsführer und Mitglied des Aufsichtsrats der Volkswagen GmbH. Er wurde vielfach ausgezeichnet. Seinen Schwiegersohn, den Wiener Rechtsanwalt Anton Piëch, machte Porsche als Werksleiter zu seiner rechten Hand. Die Familien Porsche und Piëch sind noch heute größte Anteileigner des VW-Konzerns und Verfügen im Aufsichtsrat über die Stimmenmehrheit.

klaus_joerg_siegfried_ruestungsproduktion_und_zwangsarbeit_im_volkswagenwerk_1939_1945_zwangsarbeiter_kriegsgefangene_kritisches_netzwerk_massensterben_volkswagen_ruestungsindustrie.jpg Besonders kritisch beleuchtete Beils Ausstellung den Umgang Porsches mit seinem jüdischen Kollegen, Josef Ganz [1], sowie den Einsatz von Zwangsarbeitern im Krieg und von Gastarbeitern nach 1945. In der Fotoschau „Robert Lebeck“ (2018) waren unter anderem die Wolfsburg-Aufnahmen des berühmten Fotoreporters zu sehen.

Mit großem Bedauern muss Beil jetzt die von ihm geplante Ausstellung „Oil – Schönheit und Schrecken des Erdölzeitalters“ einem ungewissen Schicksal überlassen. Offenbar befürchteten die VW-Manager, dass dieses Thema den Museumsmann ebenfalls zu einiger Kritik an der Rolle des Konzerns – nicht zuletzt auch im Hinblick auf den Dieselskandal – veranlassen könnte.

Viele seiner Kollegen sind von der Entlassung Beils schockiert. Der Kunsthistoriker und Museumsdirektor Ulrich Krempel hält sie für keinen Einzelfall, sondern für einen auch andernorts zu beobachtenden Trend, Kulturschaffende zu „kujonieren“, die in ihrer Arbeit kritische Fragen stellen. Er meinte: „Das ist eine großartige Blamage für Leute, die noch nicht einmal ihre eigene Blamage aufgearbeitet haben. Das wird Wolfsburg auf die Füße fallen.

Die Entlassung Beils wurde von einem Konzern entschieden, der gerade dabei ist, Tausende vor Arbeitsplätzen zu vernichten. Sie ist Teil eines umfassenderen Trends, unliebsame Ansichten zu unterdrücken. Soziale Ungleichheit und wachsender Militarismus vertragen sich weder mit unabhängiger Kunst noch mit freier Meinungsäußerung. Vor allem im Internet zensieren Facebook, Google, Twitter und andere Dienste unter dem Vorwand, es handle sich um „Fake News“, zunehmend unabhängige Auffassungen, insbesondere wenn sie links oder sozialistisch sind. Alle VW-Beschäftigten sollten die Entlassung Beils entschieden zurückweisen.

Der Vorgang wirft auch ein Licht auf die Kommerzialisierung der Kunst, die wie alle anderen gesellschaftlichen Bereiche der Bereicherung einiger Weniger unterworfen wird. Viele „Kunstevents“ können nur noch durch große Spenden privater Sponsoren verwirklicht werden, viele Museen nicht mehr unabhängig arbeiten. Der Kunstmarkt wird nicht nur vom Kommerz beherrscht, Kunstwerke dienen als Kapitalanlagen und werden Besuchern nur gezeigt, wenn sich potente Geldgeber finden, denen die Werke gefallen.

Sybille Fuchs

Lesetipps: Kunstmuseum Wolfsburg: Ölmalerei in der Dieselmoderne >> FAZ-Artikel.

[1] Anmerkung ADMIN H.S.: Im Artikel wird - wie häufig in den Medien und Büchern - Ferdinand Porsche als der Konstrukteur genannt, jedoch sollten überaus wichtige Vordenker, Visionäre und technische Entwickler des VW-Käfers nicht unerwähnt bleiben.

Paul-Schilperoord-Die-wahre-Geschichte-des-VW-Kaefers-Nazis-Josef-Ganz-Patente-Kritisches-Netzwerk-Kaefer-VolkswagenDa wären z.B. der in Budapest geborene Ingenieur Josef Ganz. Der niederl. Ing. und Autor Paul Schilperoord (hier seine Seite) stieß bei seinen Recherchen für sein leider inzw. vergriffenes Buch (engl. Ausgabe aber noch erhältlich!) auf nie zuvor veröffentlichtes Bildmaterial und auf unzählige Dokumente. Er beschreibt, wie Josef Ganz, von der Gestapo verfolgt, in der Schweiz landete. Wie sich die Nazis nicht nur den Besitz von Josef Ganz unter den Nagel rissen, sondern auch seine Patente. Und er zeigt, wie Ferdinand Porsche im Volkswagen wesentliche Entwicklungen weiterführte.

Hitler, der die Forderungen und Arbeiten des prominenten Motor-Kritikers und Entwicklers Josef Ganz kannte, machte nach der Machtübernahme kurzen Prozess. Er diktierte der Automobilindustrie das Projekt "Volkswagen". Aber anders, als Josef Ganz erhoffte, wurde nicht er Chef eines firmenübergreifenden Entwicklerteams. Diesen Posten bekam Ferdinand Porsche. Denn Josef Ganz war Jude.

Der Konstrukteur Béla Barényi, der als einer der Begründer der passiven Sicherheit im Automobilbau gilt, ist hier ebenfalls zu nennen. 1953 setzte Barényi seine Ansprüche auf die von Ferdinand Porsche angemeldeten Patente vor Gericht durch. Barényi konnte nachweisen, dass er bereits in den 1920er Jahren das Konzept des Käfers detailliert dargelegt, aber nicht ausreichend durch Patente abgesichert hatte.

1955 verklagte Barényi die Volkswagenwerk G.m.b.H., heute VW AG). auf Urheberrechtsverletzung, woraufhin seine Urheberschaft am VW Typ 1 gerichtlich anerkannt wurde.

Unbedingt genannt werden muß auch der in Niederösterreich geborene Hans Ledwinka, wichtiger Chefkonstrukteur für die Automobilproduktion. Siehe hierzu auch weiterführende Informationen auf den folgenden Seiten: KdF-Wagen, TATRA Typ V 570, Typ 77 und Typ 87 und Typ 97.


Quelle: WSWS.org > WSWS.org/de > Erstveröffentlicht am 3. Januar 2019 >> Artikel. Die Bilder im Artikel sind nicht Bestandteil des Originalartikels und wurden von KN-ADMIN Helmut Schnug eingefügt. Für sie gelten ggf. andere Lizenzen, s.u..

Dank an Redakteur Ludwig Niethammer für die Freigabe zur Veröffentlichung.

► Bild- und Grafikquellen:

1. YOU´RE FIRED. Foto: geralt  / Gerd Altmann  •  Freiburg. Quelle: Pixabay. Alle bereitgestellten Bilder und Videos auf Pixabay sind gemeinfrei (Public Domain) entsprechend der Verzichtserklärung Creative Commons CC0. Das Bild unterliegt damit keinem Kopierrecht und kann - verändert oder unverändert - kostenlos für kommerzielle und nicht kommerzielle Anwendungen in digitaler oder gedruckter Form ohne Bildnachweis oder Quellenangabe verwendet werden.

2. VW-Skandal: Der Streit um die Millionen-Boni für die superreiche Vorstandselite bei Volkswagen zeigte exemplarisch, wie die Führung des Autokonzerns auf den Abgasbetrug und die damit verbunden massiven Verluste und weitere noch zu erwartenden Strafzahlungen reagiert: Nicht der Vorstand und die Kapitaleigner, sondern die Beschäftigten und ihre Familien sollen für die Krise bezahlen. Grafik: Wilfried Kahrs (WiKa) / QPress.de .

3. Dein KdF-Wagen. [Hrsg. vom Volkswagen Werk Berlin. Deckelillustration von Axster-Heudtlaß. Werbebroschüre bzw. Sparer-Prospekt] - Moes, Eberhard; Verlag der Deutschen Arbeitsfront, o.J.[1938], 1. Auflage. Der KdF Wagen der NS Organisation "Kraft durch Freude" konnte durch ein Sparsystem erworben werden, das in der Broschüre vorgestellt wird. Außerdem werden auf 38 Seiten Ausstattung und Technik des Wagens dargestellt. Die einzelnen Seiten dieser Broschüre sind hier eingescannt >> kdf-wagen.de/ >>Broschüre.

4. Buchcover: "Rüstungsproduktion und Zwangsarbeit im Volkswagenwerk 1939-1945" von Klaus-Jörg Siegfried; Verlag Campus 1986; ISBN 3-593-33765-7; 239 Seiten. Buch nur noch antiquarisch zu bekommen, z.B. bei booklooker.de > weiter.

Die wissenschaftliche Monografie thematisiert Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie bei Volkswagen. Besonders beachtet werden Polen, Ostarbeiter, KZ-Häftlinge, Westeuropäer, Italiener/italienische Militärinternierte und Kriegsgefangene. Das Buch enthält einen ausführlichen Text, Fotos und Bilder, Zeitzeugenberichte und Archivdokumente.

5. Buchcover: "Die wahre Geschichte des VW-Käfers. Wie die Nazis Josef Ganz die VW-Patente stahlen" von Paul Schilperoord; Verlag: Huber, Frauenfeld  - ein Imprint von Orell Füssli, Zürich 2011, ISBN 978-3-7193-1565-8. (komplett ausverkauft, selbst gebraucht extrem selten zu bekommen!).

6. Der-Kaefer-Ferdinand-Porsche-Entwicklung-des-Volkswagens-Kritisches-Netzwerk-Chris-Barber-Josef-Ganz Buchcover: "Der Käfer - Ferdinand Porsche und die Entwicklung des Volkswagens", von Chris Barber, Verlag Delius Klasing, 2. überarbeitete Auflage, ISBN 978-3-7688-1582-6. Antiquarisch bei Booklooker.de (Nehmt nur die 2. Auflage von 2010!)

Über zwanzig Jahre Recherche, unter anderem in den sehr frühen Archiven von Volkswagen und Porsche, eine Vielzahl von bislang unveröffentlichten Fotos und Entwicklungsplänen sowie die Kompetenz eines der renommiertesten internationalen Motor-Journalisten und ausgewiesenen Käfer-Kenners verdichten sich in „Der Käfer“ zu einer faszinierenden Auto-Biografie.

Zahlreiche Bücher haben bislang den Werdegang des Käfers beleuchtet, doch alle streifen nur sehr vage seine Entwicklungsgeschichte. Autor Chris Barber konzentriert sich hingegen exakt auf diese Epoche des Kultautos aus Wolfsburg. Er geht noch einmal über siebzig Jahre zurück und begleitet den genialen Autoentwickler Ferdinand Porsche und seine Mannschaft auf ihrer Mission, ein Fahrzeug zu bauen, das den Automobil-Markt revolutionieren sollte.

Der Volkswagen sollte einfach zu bedienen sein, einer fünfköpfigen Familie ausreichend Platz bieten, robust sowie in Großserie zu produzieren sein und er sollte extrem preiswert sein. Ferdinand Porsche gelang dieses Kunststück in einem politisch diffusen und gefährlichen Umfeld. Chris Barbers souveränem Blick ist es zu verdanken, dass aus der Beschreibung des technischen Bravourstückes keine blinde Laudatio auf den Führerstaat Deutschland wird. Vielmehr schafft er es, die einzigartige Entwicklungsgeschichte des Käfers ohne Pathos in die herrschenden Zeitläufte einzuordnen.