Die Auslöschung des Jemen: Größte Katastrophe der Gegenwart

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Die Auslöschung des Jemen: Größte Katastrophe der Gegenwart
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Die Auslöschung des Jemen: Größte Katastrophe der Gegenwart

Die Stellvertreterkrieger

von Friedhelm Klinkhammer, Volker Bräutigam

+++Für die „größte Katastrophe der Gegenwart“, die Auslöschung des Jemen in fremdem Auftrag, ist auch Deutschland mitverantwortlich.+++

Endlich Friedensaussichten für den fast völlig zerstörten Jemen? Die Tagesschau verströmte am 6. Dezember eine große Portion Optimismus in einem noch größeren Paket Falschinformation. Die Aufnahme von Friedensgesprächen in Stockholm unter Leitung des UN-Vermittlers Martin Griffiths bot ausreichend Gelegenheit, das mörderische Geschehen im Jemen und die ihm zugrunde liegenden Interessen wieder einmal gründlich zu vernebeln [1].

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Freilich, lieber Nachbar, man soll von unserer Qualitätsjournaille nicht verlangen, den „Nachrichtenwert“ eines Vorberichts über einen anstehenden CDU-Parteitag für weniger wichtig zu halten als den längst und dringend erwarteten Beginn von Jemen-Friedensverhandlungen. Zwar sollte in Hamburg erst am Folgetag die Merkel-Nachfolge geregelt werden, aber: Was für die Kanzlerinnenpartei wichtig ist, hat selbstverständlich auch schon 24 Stunden vorher für ARD-aktuell Vorrang vor allem anderen. Wo kämen wir sonst hin?

Inzwischen wissen wir‘s: Dem Sprechblasenautomat im einreihig geknöpften Hosenanzug folgt ein zweireihig geknöpfter. Der Rest ist Jacke wie Hose.

Bleiben wir lieber bei dem Ereignis in Stockholm. O-Ton Tagesschau, 20 Uhr:

Nach jahrelangem Krieg im Jemen haben heute Friedensgespräche in Schweden begonnen. UN-Vermittler Griffiths sprach zum Auftakt der Beratungen von Regierung und Huthi-Rebellen von einem Meilenstein. Erst im Herbst waren Friedensverhandlungen in Genf geplatzt. 2015 hatten die Kämpfe im Jemen begonnen. Die Regierung wird von einer saudisch geführten Koalition unterstützt. Sie kämpft gegen Huthi-Rebellen, die mit dem Iran verbündet sind. Bislang wurden allein etwa 9.500 Zivilisten getötet“ [2].

Sprecherin Linda Zervakis liest nur vom Teleprompter ab, was ihr die ARD-aktuell-Redaktion aufgeschrieben hat: Bockmist, Neudeutsch: Bullshit.

Teleprompter_Prompter_Kamerateleprompter_Nachrichtensprecher_Kritisches_Netzwerk_Medienhuren_Systemhuren_Tagesschau_Tagesthemen_Kai_Gniffke_Meldungstexte_news_anchor_Kommentatoren

1. Video- TV-Kamera - 2. Umhüllung - 3. Videomonitor - 4. Halbreflektiver Spiegel - 5. Aufgenommenes Bild - 6. Gespiegelter Text

Immerhin wird im Reporterbericht, der sich an die Studiomeldung anschließt, etwas Hoffnung generiert, sogar hinsichtlich Tagesschauqualität: Nämlich, dass sie eines schönen Tages doch noch seriös über diesen Völkermord berichten könnte. Reporter Christian Stichler zelebriert die objektiv richtige Neuigkeit, dass gleich zu Beginn der Gespräche in Stockholm ein Gefangenenaustausch vereinbart worden sei.

Du fragst dich, was an der Studiomeldung zuvor so falsch war? Komm, lieber Nachbar, setz dich erst mal. Dann sagen wir dir das Schlimmste zuerst: In diesem Krieg sind in den vergangenen drei Jahren nicht „etwa“ 9.500 Zivilisten getötet worden. Von mindestens 56.000 Kriegstoten schreibt TELEPOLIS [3], die Los Angeles Times meldetzehntausende Kriegstote“ [4], und in Information Clearing House ist gar von „mehr als 85.000 getöteten Kindernzu lesen [5].

Nur: Die Tagesschau greift nicht auf solche Informationen zurück. Ihre Redakteure recherchieren nicht eigenständig, sondern müssen mit dem rechnergestützten Redaktionssystem „OpenMedia“ der ANNOVA Systems GmbH arbeiten. In die Tagesschau-Variante der OpenMedia werden lediglich folgende Agenturen eingespeist: Deutsche Presseagentur (dpa), Agence France-Presse (AFP), Reuters (amerikanisch-britisch), Associated Press (AP, amerikanisch) und der Sport-Informations-Dienst (sid): reinste, US-verbundene Atlantikbrücke.

Andere, nicht-westliche Agenturen bleiben mit voller Absicht außen vor. Chefredakteur Dr. Kai Gniffkes weltanschauliche Einäugigkeit bestimmt das Programm — und damit, in welche Richtung das Publikum des Ersten Deutschen Fernsehens zu blicken hat.

2015 hatten die Kämpfe im Jemen begonnen“, behauptet die Tagesschau und lässt einfach weg, dass der Bürgerkrieg im Jemen schon länger als ein Vierteljahrhundert andauert; sie unterschlägt zum Beispiel, dass die USA schon vor acht Jahren mit Kampfflugzeugen mitgemischt hatten [6]. Begonnen hatte am 26. März 2015 lediglich eine weitere Militäroperation. Ihr Name: „Decisive Storm“ (deutsch etwa: „Sturm der Entscheidung“).

Auf die Hintergründe des Gemetzels kommen wir gleich, lieber Nachbar. Aber gestatte, dass wir zunächst die oben zitierte Falschdarstellung weiter zerpflücken:

Die Regierung wird von einer saudisch geführten Koalition unterstützt. Sie kämpft gegen Huthi-Rebellen, die mit dem Iran verbündet sind.

Diese „Regierung“ gibt es gar nicht. Jedenfalls nicht, wenn man darunter ein legales, funktionierendes Staatsorgan versteht. Derzeit ist keine jemenitische Repräsentanz dieser Art vorhanden, geschweige denn in irgendeiner nachvollziehbaren Weise legitimiert.

Was die Tagesschau unter der Bezeichnung „Regierung“ fälschlich als Staatsführung ausgibt, schmückt sie manchmal sogar noch mit dem Attribut „international anerkannte Regierung“. Darunter ist ein Herrenclub zu verstehen, der 2015 mit seinem Präsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi voran formell zurückgetreten war und es sich seither im Saudi-Exil wohl sein lässt [7]. Die Vereinten Nationen haben ihn mangels anderer Masse zu einem Adressaten ihrer Befriedungsversuche aufgewertet.

Aber was bringen Qualitätsjournalisten nicht an Formulierungskünsten auf, wenn einem wüsten Krieg des Westens Scheinlegitimation verschafft werden soll? Als Krieg, den eine „international anerkannte“ Regierung gegen wilde „Rebellen“ führen muss?

Der Kotzkübel steht rechts neben deinem Sessel, lieber Nachbar! Lass mal sehen, was du gefrühstückt hast. Gekochtes Ei dabei?

Arabisches_Rotes_Meer_Arabian_Red_Sea_Persischer_Golf_von_Aden_Oman_Strasse_von_Hormus_Strait_of_Hormuz_Iran_United_Arab_Emirates_VAE_Irak_Kritisches_Netzwerk_Meere Aber weiter im Tagesschau-Text: „(...) von einer saudisch geführten Koalition unterstützt“, heißt es da. Fakt ist, dass die Saudis Flugzeuge, Artillerie, Kriegsschiffe und Söldner stellen. Die „Führung“ haben sie aber nur dem Anschein nach. Tatsächlich sind sie lediglich mörderische Handpuppen, vor allem der USA, aber auch Großbritanniens, dessen aktive Rolle als führende Kriegspartei die Tagesschau grundsätzlich unterschlägt [8]. Und jetzt leitet ausgerechnet ein Brite die Friedensgespräche ...

Ob es Frieden im Jemen geben wird? Auch das bestimmen am Ende nicht die Saudis. Die Entscheidung liegt bei den USA und hängt ab von deren Bereitschaft, auf weitere Konfrontationen mit dem Iran — und mit Russland — zu verzichten. Wieder einmal zeigt die Tagesschau, wie man mit oberflächlicher Formulierung und Weglassen wesentlicher Zusammenhänge aus einer Nachricht ein propagandistisches Machwerk herstellt.

Die Saudis kriegen für das Abschlachten der jemenitischen Huthi Waffen, Militärberater, Geheimdienstinformationen und massive politische Unterstützung der USA. Das dient dazu, die Kaste der Saud vor einem Umsturz und den Petro-Dollar vor dem Verfall zu bewahren [9].

Selbst diese Betrachtung bleibt vordergründig, wenn man den Blick auf den historischen Kontext verstellt: Die USA versuchen seit Jahren eine „arabische NATO“ gegen den Iran zu organisieren. Sie drängen die Länder des Golf-Kooperationsrates (GCC) dazu: Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain, Oman, Katar und Kuwait, außerdem die Nachbarn der arabischen Halbinsel, Jordanien und Ägypten [10].

Der den Eingang des Roten Meeres beherrschende Jemen würde das Projekt vervollständigen, aber seine Widerständler blockieren das bisher. Die USA also sind die Herren dieses Krieges, sie wollen die absolute Kontrolle über den Seeweg vom Indischen Ozean durch das Arabische Meer, das Rote Meer und den Suezkanal bis ins Mittelmeer. Die Kontrolle über die öl- und gasreichste Region der Erde plus zugehörige Seewege.

Gulf_of_Aden_Red_Sea_Oman_Persischer_Golf_Yemen_Somalia_Indian_Ocean_Indischer_Ozean_Kritisches_Netzwerk_Meerenge_Jemen_Saudi_Arabien_Sanaa_Eritrea_Ethopia_Socrota

In der „von den USA unterstützten, saudisch geführten Koalition“ mischen übrigens Terrorverbände der „Al-Qaida auf der arabischen Halbinsel“ (AQAP) mit, weiterhin Dschihadisten eines der Ableger des Islamischen Staates [11].

Die USA sind im Bunde mit al-Qaida und IS. „Sage mir, mit wem du gehst, und ich sage dir, wer du bist“, ne? „Gleich und gleich gesellt sich gern“, gelle? Das stimmt, lieber Nachbar: Politik und Amoral sind so eng miteinander verwandt wie die Filzlaus mit der Sackratte. Sogar die stets transatlantisch akzentuierte Wikipedia macht kenntlich, welcher der Kriegsparteien im Jemen wir mit etwas Verständnis begegnen sollten:

Die Huthi-Rebellen gelten im Jemen als diejenige Kraft, die dem organisierten Terror am entschiedensten entgegengetreten ist. (...) die einzigen Akteure im Jemen, die bereit waren, sich al-Qaida mit Waffengewalt entgegenzustellen.

Lieber Nachbar, hast du dich nicht auch schon gefragt: Warum eigentlich — und gegen wen — rebellieren die Huthi? Und warum informiert die ARD-aktuell darüber nicht schlüssig?

Wenn du gestattest, wollen wir zuerst den zweiten Teil mit einer Gegenfrage beantworten: Seit wann ist es ein Anliegen der Tagesschau, die schmutzige Wäsche der "Westlichen Wertegemeinschaft" vorzuführen, die Schandtaten der WWG?

Die Motive der Huthi sind nicht nur in den traditionellen Stammesfehden auf der arabischen Halbinsel zu suchen. Sie wurzeln auch in der Kolonialgeschichte des Jemen. Da schwangen sich erst die Briten, dann die Türken, dann die Saudi-Araber zu Herren auf. Das Land wurde nach dem Zweiten Weltkrieg geteilt in einen sozialistischen Südstaat und den „prowestlichen“ Nordjemen.

Nach der Wiedervereinigung 1992 gingen die Stammeskämpfe weiter. Es gab ja auch noch die Islam-eigenen konfessionellen Differenzen: Rund 55 Prozent der Bevölkerung gehören diversen sunnitischen Glaubensschulen an, 45 Prozent sind Schiiten, zumeist Huthi.

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Seit 2004 leisten die Huthi verstärkten Widerstand gegen eine Staatsführung, die sie nicht von ungefähr als Erfüllungsgehilfen der saudi-arabischen Fremdherrschaft empfinden. 2012 war der ferngelenkte Präsident Hadi ohne Gegenkandidaten „gewählt“ worden. Mit 99,8 Prozent der abgegebenen Stimmen! Sein Amt hatte er vor allem dem Druck der königlichen Knochensäger in Riad zu verdanken. Halten konnte er sich nur zwei Jahre; 2015 trat er zurück, setzte sich mit seiner Entourage von Ministern ins Exil Saudi-Arabien ab und hinterließ den Jemen im Chaos.

Kurz darauf begannen die Saudis ihre Operation „Decisive Storm“ mit massiven Luftangriffen. Ihr Kommandeur war Prinz Mohammed bin Salman. Damals noch Verteidigungsminister, heute Kronprinz und starker Mann in Riad. Berühmt als grundgütiger und ehrenwerter Mann, der seinem Kritiker Jamal Khashoggi im saudischen Generalkonsulat von Istanbul nur herzliche Gastfreundschaft gewähren wollte. Davon waren wir alle doch sehr beeindruckt, erinnerst du dich? Ist ja noch gar nicht lange her.

Dass Kronprinz Mohammed bin Salman im Jemen außer sunnitisch-konfessionellen Dingen seine eigenen und die Interessen der Westlichen Wertegemeinschaft verfolgt, versteht sich von selbst. Und nun die Antwort auf die von der Tagesschau ebenfalls unbeachtete Frage: Wer ist noch dabei in diesem zweifelsfrei völkerrechtswidrigen Krieg? In alphabetischer Reihenfolge: Ägypten, Bahrain, Jordanien, Katar, Kuwait, Marokko, Senegal, Sudan, Saudi-Arabien, Vereinigte Arabische Emirate; federführend, wie gesagt, sind jedoch die USA und Großbritannien. Logistische Unterstützung leisten Frankreich und — sieh an, sieh an, lieber Nachbar! — unser geliebtes Deutschland [12][13].(SZ-Artikel und Tagesspiegel)

Im vorigen Jahr hat Deutschland — haben wir! — Waffen im Gesamtwert von 1,27 Milliarden Euro in den Jemen verhökert. Waffen für 1,27 Milliarden Euro.

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Die Information, dass auch die Bundesrepublik in das Geschehen verstrickt ist, unterschlagen Tagesschau & Co. allerdings konsequent. Begreiflich wird das nur, wenn man den regierungsfrommen Konformismus der ARD-aktuell bedenkt. Die Bundesregierung verstößt mit den fortgesetzten Waffenlieferungen eindeutig gegen die Jemen-Resolution 2216 des Weltsicherheitsrates [14]. Aber Qualitätsjournalisten verlautbaren eben nur, was im Sinne des Berliner Schießbudenkabinetts ist: Der Kampf gegen die Huthi sei ein „Stellvertreterkrieg“ zwischen Saudi-Arabien und dem Iran.

Bockmist, wie gesagt. Kein Stellvertreter-Krieg, denn die USA machen mit — höchstselbst. Kommandotruppen wie die „Navy Seals“ sind dabei [15]. Die Häufigkeit der US-Drohnenbombardements war bereits im ersten Amtsjahr des Präsidenten Trump ums Doppelte höher als zu Obamas Zeiten [16].

Der Völkerrechtsbruch per Drohne ist technisch nur deshalb möglich, weil Deutschland den USA erlaubt, von ihrer Basis in Ramstein aus die Mordmaschinen zu steuern [17]. Wir sind Komplizen, lieber Nachbar. Mittäter beim Massenmorden. Zu danken unserer großartigen Regierenden, ihrer Unterwürfigkeit gegenüber den USA und der Bereitschaft, der Rüstungswirtschaft Profite zuzuschustern.

Auf Deutsch, übersichtlich und schön flüssig lesbar, sind Informationen über den Jemen-Krieg auch auf der Seite „Stop The War in Yemen“ zu finden, herausgegeben von deutschen Sachkennern und Friedensbewegten [18].

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Was könnte einen saudischen Kronprinzen dazu bewegen, Menschenleben, Waffen und Milliarden Dollar in die Militärintervention „Decisive Storm“ zu investieren? Das „erzkonservative Königshaus“ (Tagesschau-Schönsprech und Gniffke-„Wording“) der Familie Saud, dieser Bande von blutrünstigen Kopfabschneidern, herrscht zwar unumschränkt, aber längst nicht mehr unbeeinträchtigt.

Vereinzelter Widerstand formiert sich überwiegend bei den konfessionellen Minderheiten Saudi-Arabiens, vor allem bei den Schiiten. Und dieser Widerstand wächst. Auch wenn die Saudis die Widerspenstigen reihenweise öffentlich köpfen lassen.

Weit größere Gefahr droht der Herrscherfamilie aus ökonomischen Maleschen. Ihr Reichtum basiert allein auf dem Öl. Die saudischen Lagerstätten sind jedoch bereits erheblich abgezapft. Und es gibt weltweit reichliche Konkurrenz; Preisverfall ist jederzeit möglich. Saudi-Arabien braucht dringend Ersatzfundamente für seine Wirtschaft. Versuche, das Land in ein globales Hochtechnologiezentrum umzuwandeln, sind noch im Anfangsstadium und bieten keine Erfolgsgarantie.

Jetzt werden wir, zugegeben, spekulativ. Mit einem Blick auf die Landkarte können wir zwar objektiv feststellen, dass Saudi-Arabiens Nachbar Jemen durchaus nicht so „bettelarm“ sein müsste, wie er normalerweise beschrieben wird: Er verfügt über viele Tiefsee-Häfen entlang seiner Küsten am Roten Meer und am Golf von Aden. Gut ausgebaut und in geostrategisch hervorragender Lage, einige sogar mit modernen Terminals für Flüssiggas ausgestattet [19]. Diese Häfen aber werden derzeit allesamt von der „saudisch geführten Kriegskoalition“ blockiert.

Du fragst dich deshalb mit Recht, wie denn die Huthi „vom Iran unterstützt“ werden können. Über die blockierten Häfen geht nichts. Über Land können keine umfangreichen Waffentransporte zu den Huthi gelangen, denn eine gemeinsame Grenze gibt es nicht. Saudi-Arabien und Oman liegen dazwischen, guck dir die Karte an. Per Luftpost? Ebenfalls ausgeschlossen, denn die Saudi-Koalition hat dank US-Hilfe die absolute Lufthoheit über den Jemen. Wie also werden die Huthi — O-Ton Tagesschau — „vom Iran unterstützt“?

Tja, lieber Nachbar, frag doch mal die Qualitätsjournalisten von ARD-aktuell. Die können dir sicher weiterhelfen.

Ein geostrategisches Interesse des Kronprinzen „MbS“ wird immerhin schon mal sichtbar: Herrschaft über Jemens bedeutende Tiefseehäfen. Und unter dem jemenitischen Wüstensand könnte noch mehr Erdöl liegen. Die Wochenzeitung al-Ahram schreibt,

dass im Gebiet von al-Jauf nahe der Grenze zu Saudi-Arabien ein riesiges Ölvorkommen entdeckt wurde. Es wird geschätzt, dass es größer ist als die Felder von Saudi-Arabien, Kuwait und den VAE zusammen“ [20].

Es wäre nicht das erste Mal, dass die USA für den Zugriff auf Ressourcen eines fremden Landes Krieg führen (lassen). Ein einmaliger Fortschritt wäre es aber, wenn die ARD-aktuell endlich ihrem gesetzlichen Auftrag nachkäme. Sie hat

(...) die Grundsätze der Objektivität und Unparteilichkeit der Berichterstattung (...) zu berücksichtigen. Der Auftrag zur Information (...) umfasst auch die Darstellung geschichtlicher Zusammenhänge (...)“,

heißt es in den „Richtlinien gemäß §11e des Rundfunkstaatsvertrages“ [21]. In den Nachrichtensendungen der ARD-aktuell

(...) dürfen keine Tatbestände unterdrückt werden, die zur Urteilsbildung nötig sind“ (ebenda).

ARD-aktuell hätte den Jemen-Krieg nie zum regionalen Stellvertreterkrieg herunterlügen und damit eine weitere Propagandastory der USA versenden dürfen. Die Tagesschau verletzt ihre Objektivitätspflicht grundlegend, indem sie den historischen Zusammenhang des grausamen Geschehens verschweigt.

Die USA waren ein Imperium, bevor sie überhaupt ihre eigene Unabhängigkeit erlangt hatten“, schreibt der US-Amerikaner Danny Sjursen in seinem äußerst faktenreichen Essay „Der tragische Beginn des US-Imperialismus — Wir leben noch im Schatten von 1898“, jüngst auf Deutsch publiziert im „Kritischen Netzwerk“ [22]. >> weiter.

Jetzt also setzen sie im Jemen ihren Imperialkrieg fort, dessen vorige Schlachtfelder in Korea, Vietnam, Indonesien, Afghanistan, Irak, Somalia, Libyen und Syrien liegen, um nur einige der blutigsten zu nennen. Der Krieg im Jemen ist lediglich Auftakt für den nächsten großen US-Krieg — gegen Iran [23].

Volker_Braeutigam_Kritisches_Netzwerk_Medienkritik_Medienhuren_Gesinnungsjournalismus_pressitude_Programmbeschwerde_ARD_Systemmedien_SchmierenjournalismusDie globale Strategie der USA heißt nicht nur „teile und herrsche“, sondern „zerstöre, um alle und alles zu beherrschen“. Mag sein, dass Qualitätsjournalisten das begreifen. Aber sie schreiben es nicht.

Friedhelm Klinkhammer und Volker Bräutigam (17 Quellen der Fußnoten sind oben bereits eingearbeitet, H.S.)

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Friedhelm_Klinkhammer_Kritisches_Netzwerk_Medienkritik_Medienhuren_Gesinnungsjournalismus_pressitude_Programmbeschwerde_ARD_Systemmedien_SchmierenjournalismusFriedhelm Klinkhammer, Jahrgang 1944, Jurist. 1975 bis 2008 Mitarbeiter des NDR, zeitweise Vorsitzender des NDR-Gesamtpersonalrats und des ver.di-Betriebsverbandes sowie Referent einer Funkhausdirektorin.

Volker Bräutigam, Jahrgang 1941, Redakteur. 1975 bis 1996 im NDR, zunächst in der Tagesschau, von 1985 an in der Kulturredaktion für N3 (Nord 3). Danach Lehr- und Forschungsauftrag an der Fu-Jen-Uni in Taipeh.

Anmerkung der Autoren: Unsere Beiträge stehen zur freien Verfügung. Wir schreiben nicht für Honorar, sondern gegen die „mediale Massenverblödung“ (in memoriam Peter Scholl-Latour).

Die Texte werden zumeist auf der Seite publikumskonferenz.de dokumentiert.


► Quelle: Dieser Artikel wurde am 18. Dezember 2018 erstveröffentlicht bei RUBIKON >> rubikon.news/ >> Artikel. RUBIKON versteht sich als Initiative zur Demokratisierung der Meinungsbildung, vertreten durch den Geschäftsführer Jens Wernicke. RUBIKON unterstützen >> HIER.

Dieses Werk ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International lizenziert. >> CC BY-NC-ND 4.0). Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen dürfen Sie es verbreiten und vervielfältigen. ACHTUNG: Die Bilder und Grafiken im Artikel sind nicht Bestandteil des Originalartikels und wurden von KN-ADMIN Helmut Schnug eingefügt. Für sie gelten ggf. andere Lizenzen, s.u..

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1. Yemenis walk past rubble after deadly airstrikes in and near the presidential compound, in Sanaa - May 7th, 2018. Quelle/Source: Flickr-account of Felton Davis. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung 2.0 Generic (CC BY 2.0).

2. Schematische Darstellung eines Teleprompters auf einer TV-Kamera: (1) Videokamera (2) Umhüllung (3) Videomonitor (4) Halbreflektiver Spiegel (5) Aufgenommenes Bild (6) Gespiegelter Text. Der Prompter, auch Teleprompter ist ein technisches Hilfsmittel, das vor allem bei Fernsehproduktionen sowie Vorträgen und Reden verwendet wird, um beim Zuschauer den Eindruck von Blickkontakt und freiem Sprechen zu erwecken. Urheber: Made by grm_wnr with Inkscape. Inspired by en:Image:Teleprompter.PNG by Dhodges. Quelle: Wikimedia Commons.  Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“ lizenziert.  

3. Dr. Kai Gniffke (* 20. November 1960 in Frankfurt am Main) ist ein deutscher Politikwissenschaftler und Journalist. Er ist seit 2006 Chefredakteur von ARD-aktuell und somit auch der Tagesschau und der Tagesthemen. Gniffke lebt in Hamburg und ist als Erster Chefredakteur für ARD-aktuell tätig. Dieses Foto entstand während der re:publica 18 (2.–4. Mai 2018) in Berlin. Urheber: © Sandro Halank. Quelle: Wikimedia Commons. Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“ lizenziert. Die Herstellung oder Freigabe dieser Datei wurde durch das Community-Budget von Wikimedia Deutschland unterstützt.

4. Das Arabische Meer ist ein Randmeer des Indischen Ozeans zwischen der Arabischen Halbinsel und Indien. Es hat eine Flächenausdehnung von 3,9 Millionen km². Seine größte Tiefe von 4481 Metern liegt im Süden.

Im Nordwesten grenzt es an den Golf von Oman, der wiederum mit dem Persischen Golf verbunden ist. Im Südwesten verbindet der Golf von Aden das Arabische Meer mit dem Roten Meer. Im Südosten grenzt das Arabische Meer an die Lakkadivensee. Die meisten Ozeanographen betrachten die Lakkadivensee als Teil des Arabischen Meeres. Weiter im Osten grenzt diese, bzw. das Arabische Meer im erweiterten Sinn, an den Golf von Bengalen.

Länder mit Küstenabschnitten am Arabischen Meer sind die Malediven, Indien, Pakistan, Oman, Jemen und Somalia. (Text: Wikipedia).

Urheber: Wiki-User Norman Einstein, derivative work: Hämbörger. Quelle: Wikimedia Commons. Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“ lizenziert.

5. Der Golf von Aden ist der trichterförmige Meeresgolf zwischen dem Horn von Afrika und der arabischen Halbinsel und damit zwischen Afrika und Asien. An ihn grenzen die Staaten Jemen, Dschibuti und der Norden Somalias (bzw. das faktisch unabhängige Somaliland und die autonome Region Puntland). Neben der namensstiftenden Hafenstadt Aden im Jemen sind Dschibuti-Stadt, Berbera und Boosaaso weitere bedeutende Häfen am Golf.

Der Golf von Aden ist bis zu 1.000 km lang und 150 bis 440 km breit. Seine östliche Abgrenzung ist die Luftlinie zwischen dem Kap Guardafui in Somalia und dem Kap Fartak im Jemen. Im Westen ist er bis zu 874 m und in der Mitte 3.478 m tief. Im Osten geht er in den offenen Indischen Ozean über, wo das Meer bereits auf 5.029 m Meerestiefe abfällt. (Text: Wikipedia).

Urheber: Wiki-User Norman Einstein. Quelle: Wikimedia Commons. Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“ lizenziert.

6. Funeral for the Children: Houthi demonstrators denouncing an offer by the Saudi-led coalition to pay compensation for victims of an airstrike in Yemen in early September 2018. - Beerdigung von Kindern: Houthi-Demonstranten, die ein Entschädigungsangebot der saudi-geführten Koalition für die Opfer eines Luftangriffs Anfang September im Jemen verurteilen. Credit: Naif Rahma/Reuters. Quelle/Source: Flickr-account of Felton Davis. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung 2.0 Generic (CC BY 2.0).

7. Kleiner Junge in Jemen: Achtzig Prozent der jemenitischen Bevölkerung benötigen humanitäre Hilfe oder Schutz. Foto: © European Union 2018 photo by: Peter Biro. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 2.0 Generic (CC BY-NC-ND 2.0).

8. Arabische Kriegskoalition gegen Yemen -  Arab war coalition against Yemen. Saudi Arabiens Kriegskoalition bzw. Helfer, ein illegaler Krieg und Genozid im Jemen inkl. tagtäglichen Verbrechen an der Menschlichkeit. Dieser Krieg ist nach internationalem Recht illegal: Keiner dieser Staaten hat einen Grund zur Selbstverteidigung! Urheber: © Mathias Tretschog - Sprecher der NGO Stop the WAR in Yemen. Quelle: NGO Stop the WAR in Yemen >> https://www.krieg-im-jemen.de/. Herzlichen Dank an M. Tretscog für die freundl. Genehmigung, diese Grafik im KN veröffentlichen zu dürfen.

Stop the WAR in Yemen hat sich zur Aufgabe gemacht, Abgeordnete von Parteien und die Menschen in Deutschland über den völkerrechtswidrigen Krieg - den Saudi Arabien und dessen Kriegskoalition seit 26. März 2015 gegen den Jemen führt, zu informieren, aufzuklären und verstärkt in die Öffentlichkeit zu bringen. Saudi Arabien mit seiner Kriegskoalition und die Beihilfe zum Völkermord im Jemen durch die NATO/EU-Mächte USA, Großbritannien, Frankreich, Deutschland etc., muss sofort gestoppt werden!

Mathias Tretschog: Gründer Stop the WAR in Yemen - Betriebswirt mit Wirtschaftsdiplom, Marketing- und Vertriebs-Ökonom und Sachbuchautor. Am 25.02.2017 war Mathias Tretschog zu Gast bei der "Berlin Konferenz - Die vergessenen Kriegsverbrechen im Jemen", die ihn an ein Schlüsselerlebnis in seiner frühen Kindheit erinnerte. Bis 1975 war Saleh Shamli - ein junger Student aus Aden, oft zu Gast im Elternhaus seiner Familie und hinterließ zahlreiche wunderschöne Kindheitserinnerungen einer kurzen aber sehr intensiven Zeit. >> bitte weiterlesen und auch unterstützen.

9. Volker Bräutigam, 1941 in Gera geboren, war zwölf Jahre Lokal- beziehungsweise Regionalredakteur bei süddeutschen Tageszeitungen, von 1975 bis 1985 »Tagesschau«-Redakteur beim NDR in Hamburg, später freigestellter Personalrat und Mitarbeiter in der NDR-Kulturredaktion. Foto: © Anke Westermann, Bonn >> https://dieanke.wordpress.com/. Der DSGVO wegen erfolgt die Veröffentlichung des Fotos mit Zustimmung der abgebildeten Person, Volker Bräutigam.

10. Friedhelm Klinkhammer, Jahrgang 1944, Jurist. Foto: © Anke Westermann, Bonn >> https://dieanke.wordpress.com/. Der DSGVO wegen erfolgt die Veröffentlichung des Fotos mit Zustimmung der abgebildeten Person, Friedhelm Klinkhammer.