Es gibt viel zu verdrängen – packen wir es an!

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Franz Witsch
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Beigetreten: 18.07.2013 - 17:22
Es gibt viel zu verdrängen – packen wir es an!
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Es gibt viel zu verdrängen – packen wir es an!

erde_earth_weltkugel_kollaps_zerstoerung_destruction_katastrophe_erderwaermung_klimaschutz_klimawandel_treibhauseffekt_treibhausgas_glashauseffekt_kritisches_netzwerk.pngDie Welt zerfällt vor unseren Augen“. So zitiert Telepolis-Autor Roland Benedikter gleich zu Beginn eines Artikels den französischen Botschafter in den USA, Gérard Araud, als bekomme die Aussage ihren Tatsachenwert dadurch, dass sie aus dem Munde eines Repräsentanten des politischen Systems kommt. Das muss nicht für analytische Substanz sprechen, auch wenn er Recht hat: die Symptome, dass die Welt am Ende ist, drängen sich selbst schlichten und naiven Gemütern auf.

Und lassen die Menschen nicht gleichgültig; sie spüren den Niedergang zu ihrem Leidwesen, vermögen ihn kaum mehr zu verdrängen und tun es dennoch, sozusagen durch die Hintertür, durch die Art, wie sie ihr Leiden, ihre Angst kommunizieren. Das beginnt mit der Ursachenfindung: die meisten Bürger verwechseln Symptom und Ursache in Übereinstimmung mit den Eliten aus Mainstream-Medien, Wirtschaft und Politik. Symptome beschleunigen zweifellos den Niedergang, mehr oder weniger, ohne indes eigentliche oder tiefere Ursache zu sein.

Das schließt die Behandlung von Symptomen keineswegs aus, z.B. Bemühungen um uneingeschränkte Ächtung von Kriegen oder die Vermeidung von Finanzkrisen oder Schuldenblasen, welche, wenn sie denn platzen, Konjunktureinbrüche zu Monster-Einbrüchen verstärken würden.

Man macht es sich zu einfach, Symptome, sie mögen noch so schmerzhaft sein, zu tiefergehenden Ursachen des Niedergangs zu stilisieren. Genau das machen Politiker und Wirtschaftsführer, Repräsentanten des Systems zusammen mit der veröffentlichten Meinung. Und genau das macht der Telepolis-Autor Roland Benedikter in seinem viel zu langen Artikel.

Andere Telepolis-Autoren arbeiten, was die Differenz von Ursache und Symptom betrifft, sorgfältiger; z.B. Stephan Schleim in seinem ArtikelMisophonie: Die nächste psychische Störung?“. „Forscher kreieren ihre Welt“, wenn sie „psychisches Leiden“ abweichend von der sogenannten „Normalität“ oder der Norm, resp. als „krank“, ergo behandlungsbedürftig beschreiben. Schleim illustriert das an zahlreichen Beispielen. Seine Analyse legt den Verdacht „tautologischer Forschung“ nahe, wobei die meisten Forscher das Ergebnis ihrer beobachtenden Beschreibung (sozialer Sachverhalte) mit den Voraussetzungen dessen, was sie beschreiben, verwechseln oder gleichsetzen.

Dabei definieren sie sich ihre Welt zurecht, wie sie gerne sehen – tautologisierend, wie dies am Beispiel von Wolfgang Detels „Geist und Verstehen“ (GuV) vielleicht deutlich wird; nicht nur er neigt dazu, „aus dem, was sich nicht vermeiden lässt“ (Leiden), „messerscharf auf Erklärungen“ in einem umfassenderen Kontext zu schließen. Die Tautologie bestehe darin, dass Forscher anhand eines Kriteriums Menschen in Gruppen einteilen, anhand eines „Faktors“, wie Schleim sagt, dazu angetan, z.B. kriminelle von nicht-kriminellen Handlungen, psychisch krankes Denken und Verhalten von psychisch gesundem Denken und Verhalten zu trennen.

► Doch was ist krank oder gesund?

erich_fromm_wege_aus_einer_kranken_gesellschaft_kritisches_netzwerk_eine_sozialpsychologische_untersuchung_psychoanalytiker_sozialphilosoph_konsumgesellschaft_nachdenken.jpgVielleicht ist es ja krank, wenn in den sozialen Medien Wut nicht zum Ausdruck käme. Das Kranke wird gewöhnlich zuvor definiert, um hernach, anhand des Definitionskriteriums, festzulegen, woran sich die forschende Beobachtung orientieren soll.

Man könnte wie gesagt wachsende Aggressionen in den Online-Medien als krank klassifizieren, wogegen man im Interesse „gesunder“ sozialer Strukturen vorgehen müsse. Das gleiche gilt für sogenannte Fake-News. Hingegen ließe sich mit dem gleichen Recht sagen, dass der wachsende aggressive Ton vieler Bürger vielleicht nur von ihrer Verzweiflung her rührt, weil sie sich von den Eliten in Wirtschaft und Politik nicht ernst genommen fühlen, eine Verzweiflung, die sich freilich im aggressiven Ton auflöst, also ein quasi-souveränes Denken und Verhalten vorspiegelt, das tatsächlich nicht existiert, letztlich aber dem Bedürfnis, ernst genommen werden wollen, geschuldet ist, worauf wiederum die Eliten (in den Mainstream-Medien) zunehmend überempfindlich reagieren. Kurzum: es gibt verdammt viel zu verdrängen – packen wir es an!

Man könnte in der Tat die Überempfindlichkeit, mithin das „konzentrierte Gejammer“ der Eliten darüber, beim Bürger nicht mehr anzukommen, mit dem gleichen Recht als von der Norm abweichend oder „krank“ beschreiben wie den wachsenden aggressiven Ton in den sozialen Medien. In beiden Fällen haben wir Symptome des Niedergangs vor uns, die den Niedergang nur sehr begrenzt, wenn überhaupt erklären.

Aggressives Denken, Verhalten, wachsende Gewalt, auch (Angriffs-)Kriege mögen den Niedergang beschleunigen, freilich nur in dem Sinne, wie immer höheres Fieber irgendwann zum Tod führen muss, ohne freilich die tiefere Ursache für den Tod zu sein. Das schließt fiebersenkende Wadenwickel nicht aus, darf aber nicht dazu führen, tieferliegende Ursachen nicht zu reflektieren.
 
Indes ist eine schichtübergreifende Gedankenlosigkeit mittlerweile in jeder Pore des gesellschaftlichen Kontextes präsent. Ganz unerträglich wird es, wenn das ZDF in „heute+“ die Verwendung von Ausdrücken wie „Merkel, Schulz – Marionetten eines kaputtes System“ in die Nähe rechtsradikaler Hass-Tiraden – noch dazu gegen Flüchtlinge – rückt. Über diese Form öffentlich-rechtlicher Hetze vermag die unaufgeregte Analyse eines zur Sache sich äußernden Kommunikationswissenschaftlers nicht hinwegzutäuschen. Dennoch ist auch dieser Wissenschaftler lediglich Symptom (Marionette) des Niedergangs, nicht seine Ursache. Das sage ich unaufgeregt, mit Angst, aber ohne Hass.

gorilla_planet_der_affen_elend_gesellschaft_gesellschaftskritik_planet_apes_kritisches_netzwerk_egoismus_neid_gier_verdraengung_konsumgesellschaft_simulacrum_fremdenhass.jpg

Warum sollte ich einen Politiker oder Wissenschaftler, der dummes Zeug absondert, hassen? Zumal sich der Hass bis zu einem gewissen Grad gefühlskontrollierend im Kontext analytischer Bemühungen (beim Schreiben) auflöst, auch weil man, jedenfalls ich, den Niedergang des Gesellschaftssystems akzeptiert; akzeptiert, dass Menschen, auch enge FreundeInnen, nun mal sind wie sie sind.

Herzliche Grüße

Franz Witsch / www.film-und-politik.de



 Jedenfalls habe ich um dieses und andere Probleme herum einiges in meinen Büchern geschrieben, welche hier im Kritischen Netzwerk bereits ausführlich vorgestellt wurden und über mich bezogen werden können - weiter. Nachfolgend eine kurze Zusammenfassung:

Die Politisierung des Bürgers, 1.Teil: Zum Begriff der Teilhabe

'Die Politisierung des Bürgers' ist bemüht, dem Paradoxon einer Entpolitisierung bei um sich greifender Armut auf die Spur zu kommen, indem sie einmal mehr das Subjekt, resp. den einzelnen Bürger ins Zentrum des Interesses rückt, ohne ihn - wie traditionell üblich - auf einen Sockel zu heben. Dort ist er nicht als ein der Analyse zugänglicher sozialer Sachverhalt begreifbar. An einer zureichenden Analyse ist die herrschende Politik freilich nicht interessiert, gedeiht diese doch als Geschäft am besten auf dem Rücken eines entpolitisierten Bürgers.

Verlag: Books On Demand (Februar 2015, überarbeitete Neuauflage) - ISBN 978-3-8370-4369-3

Die Politisierung des Bürgers, 2.Teil: Mehrwert und Moral

Der zweite Teil führt den ersten weiter im Bemühen, das Verhältnis von Moral und Ökonomie zu entziffern - zumal im Kontext einer Theorie der Gefühle, ist jenes Verhältnis doch hochgradig emotional besetzt. Indes liegt es im Kapitalismus im Mehrwertzwang verborgen; dieser treibt das Subjekt in die Atomisierung, der es mit Gefühlen auf Gegenstände der Verheißung zu entrinnen sucht. Dieser einer Analyse zugängliche Sachverhalt findet in der veröffentlichten Meinung wie in der Sozialtheorie keine zureichende Würdigung. Sie wäre aber die wesentliche Voraussetzung einer wirksamen antikapitalistischen Politik, die auf die Abschaffung des Kapitalismus zielen muss und nicht, wie von Keynesianern und der PDL betrieben, auf seine Fortführung im veränderten Gewand; was die Zerstörung überlebenswichtiger sozialer wie ökonomischer Strukturen zusätzlich beschleunigt.

Verlag: Books On Demand (Mai 2017, zweite korrigierte Auflage) - ISBN-13: 978-3-8482-5273-2

Die Politisierung des Bürgers, 3.Teil: Vom Gefühl zur Moral

Die beschleunigte Zerstörung ökonomischer wie sozialer Strukturen liegt, wie im zweiten Teil untersucht, in der wachsenden Unfähigkeit des Subjekts, Mehrwert zu erzeugen, begründet, die wiederum seine emotionalen und moralischen Fähigkeiten begrenzt. Der dritte Teil bemüht sich um die Folgen: die emotional-moralischen Modalitäten der Zerstörung. In diesen ist das Subjekt gehalten, Zerstörungen aktiv zu begleiten, mehr noch, zu exekutieren in Anlehnung eines sozialen Sachverhalts, den Hannah Arendt die Banalität des Bösen genannt hat: Das Subjekt fühlt sich unbeteiligt, gar unschuldig, zurecht, denn es gibt einen Weg vom Gefühl zur Moral, den zu beschreiten das Gefühl nicht umhinkommt. Allerdings ist die moralische Verantwortung des Subjekts in dem Maße rekonstruierbar wie es im Kontext seiner (Re-)Sozialisierung gelingt, die Moral der heutigen Gesellschaft im Innenleben als krank freizulegen.

Verlag: Books On Demand (Mai 2017, zweite korrigierte Auflage) - ISBN-13: 978-3-8482-5231-2

Die Politisierung des Bürgers, 4.Teil: Theorie der Gefühle

Nachdem es im dritten Teil um die emotional-moralischen Modalitäten der Zerstörung sozialer Strukturen sowie um die psychosozialen Bedingungen einer Rekonstruktion der moralischen Verantwortung des Subjekts ging, ist der vierte Teil bemüht zu zeigen, dass und auf welche Weise Gefühle eine tragende Rolle im Hinblick auf eine sozialverträgliche Ausbildung sozialer wie ökonomischer Strukturen spielen; sie spielen genau dann eine tragende Rolle, wenn es dem Subjekt (1.) gelingt, Gefühle als Ressourcen der Verständigung zu begreifen, wenn (2.) die Externalisierung des Gefühls nicht nachhaltig scheitert: der externe Objektbezug des Gefühls gewahrt bleibt, wenn (3.) negative Gefühle nicht ausgegrenzt werden aus Verständigungsbemühungen, und wenn (4.) - bezugnehmend auf den zweiten Teil - die Mehrwertfähigkeit des Subjekts nicht mehr als das entscheidende Kriterium seiner sozialen Existenz gilt.

Verlag: Books On Demand (August 2015, zweite korrigierte Auflage) - ISBN-13: 978-3-7322-4461-4

     


 

► Bild- und Grafikquellen:

1. „Die Welt zerfällt vor unseren Augen“. Grafik: Noupload - Andy  •  Halbinsel Eiderstedt/German. Quelle: Pixabay. Alle bereitgestellten Bilder und Videos auf Pixabay sind gemeinfrei (Public Domain) entsprechend der Verzichtserklärung Creative Commons CC0. Das Bild unterliegt damit keinem Kopierrecht und kann - verändert oder unverändert - kostenlos für kommerzielle und nicht kommerzielle Anwendungen in digitaler oder gedruckter Form ohne Bildnachweis oder Quellenangabe verwendet werden.

2. Jiddu Krishnamurti: "Es ist kein Anzeichen seelischer Gesundheit sich an eine zutiefst gestörte Gesellschaft anpassen zu können." Grafik: Wilfried Kahrs / QPress. Jiddu Krishnamurti (* 12. Mai 1895 in Madanapalle, Indien; † 17. Februar 1986 in Ojai, Kalifornien) war ein indischer Philosoph, Autor, Theosoph und spiritueller Lehrer. Krishnamurtis Lehre geht von der Möglichkeit vollständiger „geistiger“ Freiheit aus, indem durch aufmerksame Beobachtung des eigenen Geistes und seiner Reaktionen in dem Moment, in dem diese geschehen, seine „Natur“ erkannt wird. Beziehungen zum Taoismus und zum Zen-Buddhismus (mit dessen psychologischen Aspekten sich Erich Fromm beschäftigte).

3. Buchcover: "Wege aus einer kranken Gesellschaft. Eine sozialpsychologische Untersuchung." von Erich Fromm. Originaltitel: The Sane Society, 1955.  dtv, Deutscher Taschenbuch Verlag, 9. Auflage 2016; ISBN 978-3-423-34007-6; Preis 9,90 € [D].

Der große humanistische Denker Erich Fromm nimmt die westliche Konsumgesellschaft in kritischem Augenschein.

»Glücklich sein heißt immer neuere und bessere Waren konsumieren, sich Musik, Filme, Vergnügen, Sex, Alkohol und Zigaretten einverleiben ... Jedermann ist >glücklich< - nur fühlt er nichts, kann er nicht mehr vernünftig denken und kann er nicht mehr lieben.«

Diese ernüchternde Diagnose des »Patienten« Gesellschaft aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts könnte zugleich Befund der heutigen Zeit sein. In seiner sozialpsychologischen Untersuchung unterzieht Erich Fromm die westliche Konsumgesellschaft einer kritischen Bestandsaufnahme und erkennt in der Entfremdung des Menschen von sich selbst und seinen Produkten die Wurzel für eine immer schlimmere seelische Erkrankung. Doch es führen auch Wege zur Genesung, die Fromm in seinen Vorschlägen für wirtschaftliche, politische und kulturelle Neugestaltung konkretisiert.

4. "UM »PLANET DER AFFEN« ZU SEHEN MUSS ICH NICHT INS KINO GEHEN. EINFACH HAUSTÜR AUFMACHEN UND DAS ELEND GEHT LOS." Originalbild ohne Inlet: TConger. Quelle: Flickr. CC-Lizenz CC BY-NC-ND 2.0 .

5. "WIR LEBEN IN EINER WELT, WO SICH HASS AUF LIEBE REIMT". Zitat von Prinz Pi, bürgerlich Friedrich Kautz. Grafik: Wilfried Kahrs (WiKa), QPress..

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