Israel: Seit März 45 Palästinenser erschossen und Tausende verwundet

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Israel: Seit März 45 Palästinenser erschossen und Tausende verwundet
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Seit März 45 Palästinenser erschossen und Tausende verwundet

von Georg Polikeit

Erneut wurden bei den Protestaktionen der Palästinenser im Gazastreifen am letzten Freitag mehrere Dutzend Menschen von israelischen Scharfschützen verwundet u. viele weitere durch Schüsse mit Tränengaspatronen verletzt. 69 Personen mussten wegen Schussverletzungen in Krankenhäusern bzw. provisorischen Lazaretten behandelt werden.

Insgesamt sind nach Angaben des palästinensischen Sanitätsdienstes von Ende März bis Ende April, also in nur einem Monat, 45 Palästinenser von israelischen Scharfschützen erschossen und rund 5.500 verletzt worden. Mehr als 1500 hatten Schussverletzungen, der Rest war durch das Einatmen von Tränengas so stark geschädigt, dass die Betroffenen medizinisch behandelt werden müssten.

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Das war am letzten Freitag (04.05.), die sechste Runde der palästinensischen Demonstrationen, die seit dem 30. März jeweils freitags von den Palästinensern entlang des Grenzstreifens zu Israel veranstaltet werden. Sie laufen unter der Bezeichnung „Marsch der Rückkehr“, um damit das Recht auf Rückkehr der seit der Gründung des Staates Israel vor 70 Jahren (1948) aus Israel vertriebenen Palästinenser einzufordern.

no_wall_can_hide_your_shame_apartheid_genocide_jerusalem_west_bank_resolution_2334_palaestina_palestine_boycott_israel_zionismus_zionism_kritisches_netzwerk_voelkerrecht.jpg Rund 700 000 Palästinenser waren damals durch militärische Gewalt aus ihren Wohnsitzen innerhalb Israels vertrieben und/oder durch die Beschlagnahme ihres Landes und ihres anderen Eigentums zur Flucht ins Exil getrieben worden, vor allem in die Flüchtlingslager Jordaniens.

Die Organisation der Vereinten Nationen (UNO) hat das Recht auf Rückkehr der Vertriebenen und ihrer Nachfahren in ihren Resolutionen mehrfach bekräftigt- Das hinderte die israelischen Regierungen allerdings nicht, diese Resolutionen wie alle UNO‑Resolutionen zur Palästina-Frage hemmungslos zu missachten und damit das Völker- und die Menschenrechte zu verletzen.

Der „Marsch der Rückkehr“ richtet sich außerdem gegen die seit 2008 praktizierte totale Abschnürung und Blockade des Gazastreifens durch Israel, die aus dem Gazastreifen ein Notstandsgebiet und großes Freiluft-Gefängnis für 1,8 Millionen dort lebende Bewohner gemacht haben.

Nach dem Gaza-Krieg von 2008, als die israelische Armee den Gazastreifen mit schweren Luftangriffen und schnellen Panzervorstößen überrannte und drei Wochen lang militärisch besetzte („Operation Gegossenes Blei“), installierte das israelische Militär entlang der rund 50 km langen Grenze einen hohen Stacheldraht-Grenzzaun und eine einseitig deklarierte „Pufferzone“ von ca. 300 m Breite jenseits des israelischen Staatsgebiets auf palästinensischem Territorium, die von Palästinensern nicht betreten werden darf.

An den Demonstrationen entlang dieser Grenze beteiligen sich jeweils mehrere zehntausend Palästinenser. Sie agieren von mehreren Sammelpunkten aus, wo sich Teilnehmer der Aktion in 400 – 600 Meter Entfernung von der Sperrzone oft mit Frauen und Kindern versammeln, Zelte aufstellen und mit Picknick-Angeboten sowie mit Musik, Theatervorführungen, Gedichtlesungen und Reden eine Art „Familienfeier“-Atmosphäre entstehen lassen. Die Aktionen sollen noch bis zum 15. Mai, dem offiziellen Gründungsdatum des Staates Israel andauern, das von den Palästinensern als „Nakba“ („großes Unglück“) bezeichnet wird. (hier und hier)

Die israelische Armee behauptet nun allerdings, dass von diesen Punkten aus militante Vorstöße gegen die Sperrzone und den Grenzzaun unternommen werden und versucht werde, den Zaun zu beschädigen und nach Israel einzudringen. Deshalb sind jenseits der Grenze israelische Scharfschützen (Snipers) positioniert. Die palästinensischen Demonstranten sind aber grundsätzlich unbewaffnete Zivilisten. Dennoch geben die „Snipers“, hinter Erdwällen liegend, aus 300 m Entfernung von jenseits der Grenze aus gezielte scharfe Schüsse auf unbewaffnete Menschen ab. Zugleich werden massenhaft Tränengaspatronen verschossen, und zwar nicht nur direkt auf die Demonstrationsgruppen an der Sperrzone, sondern auch auf die weiter entfernt liegenden Sammelpunkte, wo auch Frauen und Kinder getroffen wurden.

Eine ernsthafte Bedrohung für Israel und den Grenzzaun ist durch die Protestaktionen aber nie entstanden. Einige wenige Teilnehmer haben vielleicht tatsächlich versucht, in die Sperrzone einzudringen oder mit Gummischleudern Steine in Richtung Grenze zu schleudern. In Reaktion auf die Schüsse und Tränengasangriffe wurden an einigen Stellen auch Autoreifen in Brand gesetzt, um Rauchwände als Schutz zu erzeugen und teilweise auch brennende Autoreifen in Richtung Grenze ins Rollen gebracht. Vereinzelt wurden auch Drachen mit angehängten brennenden Stofffetzen in Richtung Israel eingesetzt.

Obwohl also für den israelischen Staat und seine Soldaten nie eine ernsthafte Gefahr bestand, sind 45 gezielt erschossene und weit über 5000 verwundete Palästinenser das Ergebnis der israelischen Reaktion auf die zivilen Protestaktionen im Grenzstreifen. Von der Armeeführung ist ein entsprechender Schießbefehl erlassen worden. Laut Wiedergabe in der regierungskritischen israelischen Tageszeitung „Haaretz“ vom 4. Mai ließ die Armeeführung erklären, die palästinensischen Protestaktionen fielen „in die Kategorie eines Kriegszustands“, wo die Gesetze über Menschenrechte „auf die Einsatzregeln nicht anwendbar“ seien. Angeblich sollte zwar nur auf die „unteren Körperteile“ geschossen und auf „die Anführer“ gezielt werden. Unter den von den Scharfschützen erschossenen Palästinenser waren aber dennoch mehrere, die durch glatte Kopfschüsse ums Leben kamen.

Zu den Opfern gehören auch zwei Jugendliche, der 15-jährige Azzam Hilal Uweida und der 19-jährige Anas Shawqi Abu Asser, die beide durch Schüsse in den Kopf getroffen worden sind und trotz ärztlicher Intensiv-Behandlung ihren Verletzungen erlagen.

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Ärzte-Teams der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ (MSF), die seit dem 1. April im Gazastreifen Verwundeten medizinische Hilfe leisten, berichteten laut der Homepage der Organisation, dass sie „Patienten mit verheerenden Verletzungen von ungewöhnlicher Schwere“ eingeliefert bekamen, „die sehr komplex zu behandeln sind“. Wörtlich heißt es weiter:

Die große Mehrheit der Patienten – vor allem junge Männer, aber auch einige Frauen und Kinder – haben ungewöhnlich schwere Wunden an den unteren Extremitäten. Die medizinischen Teams von Ärzte ohne Grenzen stellen fest, dass die Verletzungen ein extremes Ausmaß an Knochen- und Weichteilzerstörungen und große Austrittswunden von der Größe einer Faust haben können. ‚Die Hälfte der mehr als 500 Patienten, die wir in unseren Kliniken aufgenommen haben, haben Verletzungen, bei denen das Geschoss Gewebe buchstäblich zerfetzt und den Knochen pulverisiert hat‘, sagte Marie-Elisabeth Ingres, Leiterin der Mission von MSF in Palästina. ‘Diese Patienten werden sehr komplexe chirurgische Eingriffe benötigen und die meisten von ihnen werden lebenslang behindert sein.‘

benjamin_netanjahu_netanyahu_bibi_israel_mass_murderer_facist_faschist_war_criminal_palaestina_palestine_zionismus_zionism_aipac_gaza_strip_kritisches_netzwerk_iran.jpg  Israel_Antizionismus_Palaestina_Palestine_Palestinian_children_Israeli_Occupation_troops_Hebron_Gaza_strip_Gazastreifen_Westjordanland_Fatah_Hamas_Schin_Bet_Netanjahu_Voelkerrecht.jpg  genozid_genocide_benjamin_bibi_netanyahu_netanjahu_israel_palaestina_palestine_gazastreifen_gaza_strip_zionismus_zionist_voelkermord_internationaler_strafgerichtshof.png

Mittlerweile hat der UNO-Hochkommissar für Menschenrechte (UNHCHR), Said al-Hussein, die israelischen Streitkräfte aufgefordert, die Anwendung von „exzessiver Gewalt“ gegen die Demonstranten einzustellen und die Verantwortlichen dafür zur Rechenschaft zu ziehen. „Ich bin sehr besorgt darüber, dass heute wieder – und nächsten Freitag und übernächsten Freitag – immer mehr unbewaffnete Palästinenser, die morgens noch am Leben waren, getötet werden, einfach, weil sie in Ausübung ihres Rechts auf Protest am Grenzzaun sich diesem näherten oder in anderer Weise die Aufmerksamkeit der Soldaten auf der anderen Seite auch sich zogen“.

Israels Versagen, die Verursacher der schweren Verletzungen zu verfolgen, ermutige die Soldaten, tödliche Gewalt gegen unbewaffnete Mitmenschen einzusetzen, auch wenn diese keine Bedrohung darstellen.

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Die Vorgänge werfen die Frage auf, wie lange die internationale Staatengemeinschaft, insbesondere die Regierungen der EU‑Staaten einschließlich der deutschen Bundesregierung diese ungerechtfertigten rechtswidrigen Tötungen von Palästinensern und die skrupellose Verletzung des Völkerrechts und der Menschenrechte durch die extrem rechte israelische Regierung noch unwidersprochen hinnehmen wollen. Bei getöteten und schwer verwundeten Demonstranten in manchen anderen Staaten, zum Beispiel in Nicaragua oder Venezuela, waren die EU und die Bundesregierung sowie die vorherrschenden deutschen Medien mit Verurteilungen weit schneller zur Stelle.

Georg Polikeit



► Quelle: Erstveröffentlicht am 07. Mai 2018 bei isw-München >> Artikel. Georg Polikeit ist Gastautor bei isw-München. Die Bilder im Artikel sind nicht Bestandteil des Originalartikels und wurden von KN-ADMIN Helmut Schnug eingefügt. Für sie gelten ggf. andere Lizenzen, s.u..

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► Bild- und Grafikquellen:

1. Gazan Protestors near Karni Crossing on 4 May 2018. Foto / Urheber: IDF Spokesperson's Unit. Originalquelle: IDF @ Twitter. Quelle: Wikimedia Commons. [Das Foto wurde nachträglich entfernt!] Diese Datei war unter der Creative-Commons-Lizenz „CC0 1.0 Verzicht auf das Copyright“ zur Verfügung gestellt. This photograph was taken by the Israel Defense Forces and released to Public domain by the Israeli Defence Forces Spokesperson's Unit.

2. NO WALL CAN HIDE YOUR SHAME! Never Before Campaign for Palestine. Palestine: Never Before has a people suffered such an injustice, yet displayed resilience and resistance - like Never Before. The Never-Before-Campaign for Palestine is a Beirut-based campaign launched by individuals of different professional backgrounds, including sociologists, political scientists and communications experts. The Never-Before-Campaign calls for a new approach to support Palestine, and its people, their cause and their resistance movements. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung-Nicht kommerziell 2.0 Generic (CC BY-NC 2.0).

3. Buchcover "Nakba – die offene Wunde. Die Vertreibung der Palästinenser 1948 und ihre Folgen" von MARLENE SCHNIEPER, Rotpunktverlag., Zürich/CH. >> zur ausf. Buchvorstellung. >> Interview mit der Autorin M. SCHNIEPER - weiterlesen.

4. Palestinian protests - March of Return, Marsch der Rückkehr, Marche du retour. Palestinians with their faces painted like characters from the movie "Avatar" take part in a protest demanding the right to return to their homeland, at the Israel-Gaza border in the southern Gaza Strip, May 3, 2018.

Foto / Urheber: REUTERS/Ibraheem Abu Mustafa - RC1A9AE36E00. Quelle: Flickr. Nutzung: CC0 1.0 Universal (CC0 1.0) Public Domain Dedication - Öffentliche Domäne. Kein Urheberrechtsschutz. Die Person, die ein Werk mit dieser Deed verknüpft hat, hat dieses Werk in die Gemeinfreiheit - auch genannt Public Domain - entlassen, indem sie weltweit auf alle urheberrechtlichen und verwandten Schutzrechte verzichtet hat, soweit das gesetzlich möglich ist.

5. NETANYAHU is a CRIMINAL: Washington DC, Monday November 9, 2015. The American Enterprise Institute is giving Israeli Prime Minister Benjamin Netanyahu an "humanitarian" award this evening. The formal, $1,000.00 per plate event was staged at the beautiful and historic National Building Museum. Around one hundred protesters from Answer Coalition, Code Pink and other peace groups rallied noisily nearby. Foto: Stephen D. Melkisethian, a Washington DC native residing in East Bethesda, Maryland. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 2.0 Generic (CC BY-NC-ND 2.0).

6. Tafel "ANTIZIONISMUS ist nicht ANTISEMITISMUS". Grafik: Wolfgang Blaschka (WOB), München.

7. "WANTED FOR GENOCIDE" - Benjamin Netanjahu (auch Binyamin Netanyahu, in Israel landläufig Bibi genannt; * 21. Oktober 1949 in Tel Aviv) ist ein israelischer Politiker des konservativen Likud-Blocks und Israels amtierender Ministerpräsident. Mit seinem Namen und seiner zionistischen und totbringenden Politik sind Kriegsverbrechen und Völkermord zu nennen, weshalb er längt vor den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag gehört. Grafik gefunden bei meraatnews.com, www.pinterest.com/ und vielen anderen Seiten. Urheber nicht ermittelbar.

8. Grafitti on the wall at Abu Dis: "Brought to you by Zionism". Foto: Ted Swedenburg. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung-Nicht kommerziell 2.0 Generic (CC BY-NC 2.0).

9. Graffito: 'Love Palestine, Hate Racism, 1 People 1 World' in Nablus, West Bank. Bildautor: Guillaume Paumier > Webseite. Quelle: Wikimedia Commons. Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung 3.0 nicht portiert“ lizenziert.

10 + 11. Boycott, Divestment and Sanctions (dt. Boykott, Kapitalabzug und Sanktionen, kurz BDS) ist eine internationale wirtschaftliche und akademische Kampagne, die am 9. Juli 2005 auf den Aufruf von über 170 palästinensischen Nicht-Regierungsorganisationen hin ins Leben gerufen wurde. Diese fordern „Boykott, Kapitalabzug und Sanktionen gegen Israel, bis es das Völkerrecht und die universellen Menschenrechtsprinzipien respektiert“. Die Organisation fordert das Ende der militärischen Besatzung des Westjordanlandes, die Aufgabe der israelischen Sperranlagen im Westjordanland und eine Lösung des palästinensischen Flüchtlingsproblems. Sie setzen sich zudem für die Rechte arabischer Israelis ein.

Die Kampagne hat international einiges Aufsehen erregt und hat prominente Befürworter, aber auch viele Kritiker. KN-ADMIN H.S. unterstützt BDS ausdrücklich!

12. "THE WORLD STOPPED NAZISM. THE WORLD STOPPED APARTHEID. THE WORLD MUST STOP ZIONISM." Grafik = Netzfund, kein Urheber ermittelbar.