Digitale Revolution: Existenz in einer Scheinwelt
Illusion des Perfekten und hartes Brot
»Eine Welt der Klicks, der Mobilität, der Fluididät, der Horizontalität,
der digitalen Revolution, die zur digitalen Zivilisation wurde.«
»Das ständige Ineinander von Web und Welt
ist uns längst zur Normalität geworden.«
Von Dr. Gerhard Mersmann | Forum-M7.com
Der 1958 in Turin geborene italienische Schriftsteller und Journalist Alessandro Baricco hatte in einer längeren Artikelserie in der Zeitschrift 'la Repubblica' das Thema der Digitalisierung unserer Welt unter verschiedenen Aspekten beleuchtet. Was Tiefe und Verständnis anbetrifft sind die daraus entstandenen Bücher unbedingt eine Empfehlung wert. [Vorstellung zweier Werke unter den Zitaten und in den Bildquellen! H.S.]

Alessandro Baricco, Ernennung zum Ehrenbürger von Montevideo, 17. Oktober 2022
Die epistemologische Abwendung von der Tiefe und die Hinwendung zur Oberfläche ist die eine Dimension, die man sich noch einmal unbedingt vor Augen führen muss. Die andere, ebenfalls erhellende Perspektive, ist der Blick auf das Süchtigmachende der technisch durch die digitalen Medien möglich gewordenen Selbstoptimierung.
Man kann seine eigenen Bilder so lange neu einspeisen oder modellieren, bis das Ergebnis herauskommt, mit dem man zufrieden ist, die Stimme kann verändert werden, bis der gewünschte ideale Klang entsteht und man kann sich so positionieren, dass ein sozialer Status entsteht, der mit der realen Welt des Produzenten nichts zu tun hat. Das Individuum ist in der Lage, die Illusion über sich selbst in den Medien für eine bestimmte Zeit gerinnen zu lassen. Der Wunsch, sich ständig und immer wieder neu zu optimieren beschäftigt den Menschen in seiner Eitelkeit bis zum Exzess.
Nicht, dass der Eindruck entstünde, die Möglichkeiten der digitalen Revolution nur durch ein negatives Sieb sichtbar machen zu wollen! Jeder, der noch in den Tagen vor dieser tatsächlichen Zeitenwende analog vor allem im intellektuell gestalterischen wie auch im körperlich schweren oder im ökologisch riskanten Bereich hat arbeiten müssen, kann sein Gedächtnis bemühen:
• da tauchen Skripte auf, die verloren gingen,
• da liegen Wartelisten in Bibliotheken auf dem Tisch,
• da misslingen technische Zeichnungen,
• da wird Material verpulvert.
Das Kostbarste - die Lebenszeit der agierenden Menschen - wurde durch Leerläufe und Wartezeiten oder durch obsolete Arbeiten in einer Dimension vergeudet, die sich die Nachgeborenen der Digitalisierung nicht mehr vorstellen können.
Zwei Problemfelder sind allerdings bei aller Wertschätzung nicht auszublenden: Das eine bezieht sich auf den intellektuellen Totentanz, der aus der gewonnen Zeit resultierte. Und der andere ist in den Besitzverhältnissen zu suchen. Die digitalen Mogule haben zudem das gesamte Wissen, mit dem sie operieren, in einem gewaltigen Akt geraubt. Dem von ihnen annektierten Weltwissen konnten keine Urheberrechte Paroli bieten.
Zum anderen steuern sie den konsumistischen Plebs mit ihren Algorithmen so, dass außer dem ständigen Replizieren des eigenen Elends in der Illusion des Perfekten nichts als eine große Leere entsteht, die komplett vom gesellschaftlichen Sein ablenkt.
Bis auf wenige Ausnahmen findet der mentale Aufenthalt in der illusorischen Perfektionierung statt, und zwar in nahezu allen Gesellschaftsschichten, führt zu einer kollektiven Ausblendung der gesellschaftlichen Realität. Und sieht man sich die Produkte der politischen Klasse an, wie sie sich in der digitalen Welt explizit bewegt und ihre Auftritte zu verschönern sucht, verwundert es nicht mehr, dass es auch dort zu einem systemisch bedingten Verlust der Sicht auf die profane gesellschaftliche Wirklichkeit gekommen ist. Und da schließt sich der Teufelskreis.

Die Existenz in einer Scheinwelt ist die andere Möglichkeit, die die digitale Revolution hervorgebracht hat. Und sie führt unweigerlich, besonders in Zeiten rascher Veränderungen, zu einer Kollision der schönen neuen individuellen Welt mit dem harten existenziellen Sein im Hier und Jetzt. Es handelt sich, und jetzt schreien die Idealisten auf, um einen antagonistischen Widerspruch.
Es ist der zwischen Illusion und hartem Brot.
Dr. Gerhard Mersmann
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»Ich denke, dass es weltweit einen Markt für vielleicht fünf Computer gibt.«
(-Thomas Watson, Chairman von IBM im Jahr 1943)
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»Das Fernsehen verändert die Bedeutung von "informiert sein",
indem es eine Art von Information schafft, die man als Desinformation bezeichnen könnte.
Desinformation bedeutet nicht falsche Information. Es bedeutet irreführende Informationen
- falsche, irrelevante, bruchstückhafte oder oberflächliche Informationen
- Informationen, die die Illusion erwecken, etwas zu wissen,
die einen aber in Wirklichkeit vom Wissen wegführen.«
(-Neil Postman - Wir amüsieren uns zu Tode, 1985)
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»Die Unkenntnis darüber, dass eine Technologie mit einem Programm für den
sozialen Wandel ausgestattet ist, die Behauptung, dass Technologie neutral ist,
die Annahme, dass Technologie immer ein Freund der Kultur ist, ist zu dieser
Stunde schlicht und einfach Dummheit.«
(-Neil Postman - Wir amüsieren uns zu Tode, 1985)
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»Die Menschen werden die Technologien lieben, die ihnen die Fähigkeit zu denken nehmen«.
(-Neil Postman - Wir amüsieren uns zu Tode, 1985)
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»Wenn sie einen scheiß Prozess digitalisieren, haben Sie einen scheiß digitalen Prozess!«
(-Thorsten Dirks)
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»Die Digitalisierung gibt denen, die an den Schalthebeln der Informationstechnologie sitzen,
denen, die die Regeln für Google, Facebook, Twitter, WhatsApp, Instagramm usw. bestimmen,
die Macht über das, was wir sagen dürfen, die Macht, uns in unserem Sagen und Denken so zu konditionieren,
dass wir uns gar nicht mehr der Regeln bewusst sind, denen wir zu folgen haben.
Soweit wir uns darauf einlassen, diese Technologie zu nutzen, sind wir den Interessen derer,
die die Bedingungen festlegen, mehr als wir gemeinhin glauben, ausgeliefert«.
(-Wolfgang Teubert)
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»Die zunehmende Digitalisierung von immer mehr Aktivitäten,
lässt viele Menschen gar nicht mehr auf den Gedanken kommen,
dass man sich gegen die Zumutungen von sich digital verhaltenden Behörden und Online-Händlern
oder ganz allgemein gegen eine durchalgorithmisierte Umwelt wehren müsste.
Vielleicht ist das aber auch schon die Folge davon, dass sich unsere Kreativität allmählich abbaut.«
(-Wolfgang Teubert)
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»Die Fabrik der Zukunft wird zwei Angestellte haben, einen Menschen und einen Hund.
Der Mensch ist dazu da, den Hund zu füttern.
Der Hund, um den Menschen davon abzuhalten, die Geräte anzufassen.«
(-Prof. Warren Gameliel Bennis, US-amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler )
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Gerhard Mersmann, Dr. phil., (Jahrgang 1956), gebürtiger Westfale, ist studierter Politologe und Literaturwissenschaftler. Er arbeitete in leitender Funktion über Jahrzehnte in der Personal- und Organisationsentwicklung. In Indonesien beriet er die Regierung nach dem Sturz Soehartos bei ihrem Projekt der Dezentralisierung. In Deutschland versuchte er nach dem PISA-Schock die Schulen autonomer und administrativ selbständiger zu machen. Er leitete ein umfangreiches Change-Projekt in einer großstädtischen Kommunalverwaltung und lernte dabei das gesamte Spektrum politischer Widerstände bei Veränderungsprozessen kennen.
Die jahrzehntelange Wahrnehmung von Direktionsrechten hielt ihn nicht davon ab, die geübte Perspektive von unten beizubehalten. Publizistische Aktivitäten durchziehen seine gesamte Biographie. Seine Erkenntnisse gibt er in Form von universitären Lehraufträgen weiter. Sein Blick auf aktuelle gesellschaftliche, kulturelle wie politische Ereignisse sind auf seinem persönlichen Blog M7 regelmäßig nachzulesen. >> https://form-7.com/ .
► Quelle: Dieser Beitrag wurde am 09. Mai 2026 erstveröffentlicht auf https://form-7.com/ >> Artikel. Eigentümer, Herausgeber und für den Inhalt verantwortlich ist Gerhard Mersmann.
ACHTUNG: Die Bilder, Grafiken, Illustrationen und Karikaturen sind nicht Bestandteil der Originalveröffentlichung und wurden von KN-ADMIN Helmut Schnug eingefügt. Für sie gelten folgende Kriterien oder Lizenzen, siehe weiter unten. Grünfärbung von Zitaten im Artikel und einige zusätzliche Verlinkungen wurden ebenfalls von H.S. als Anreicherung gesetzt, ebenso die Komposition der Haupt- und Unterüberschrift(en) geändert.
► Bild- und Grafikquellen:
1. Alessandro Baricco (* 25. Januar 1958 in Turin) ist ein italienischer Schriftsteller und Journalist. Alessandro Baricco studierte Philosophie und Musikwissenschaft und war Schüler Gianni Vattimos und schloss sein Studium 1983 mit einer Arbeit über Theodor W. Adorno ab. Es folgten Veröffentlichungen in verschiedenen Gebieten, so über Adorno, Walter Benjamin, Gioachino Rossini und die Neue Musik. Das 1984 entstandene Drehbuch zu einem Kurzfilm Una vita spericolata (Ein waghalsiges Leben) wurde mit Förderpreisen ausgezeichnet. Baricco arbeitet lange Zeit als Musikkritiker. Er schrieb unter anderem für die Tageszeitungen La Repubblica und La Stampa. Seine journalistischen Artikel und Essays wurden in mehreren Sammelbänden veröffentlicht.
Das Foto zeigt Alessandro Baricco während einer Veranstaltung am 17. Oktober 2022 zur Ernennung Bariccos zum Ehrenbürger von Montevideo. Foto/Autor: lt. Wikimedia unbekannt. Quelle: Wikimedia Commons. Diese Datei ist lizenziert unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international“ (CC BY-SA 4.0).
2. Selbstüberhebung / Selbstüberschätzung: Ich . . ich . . ich bin der Beste, Größte, Schönste, Erfolgreichste. Man kann seine eigenen Bilder so lange neu einspeisen oder modellieren, bis das Ergebnis herauskommt, mit dem man zufrieden ist, die Stimme kann verändert werden, bis der gewünschte ideale Klang entsteht und man kann sich so positionieren, dass ein sozialer Status entsteht, der mit der realen Welt des Produzenten nichts zu tun hat. Das Individuum ist in der Lage, die Illusion über sich selbst in den Medien für eine bestimmte Zeit gerinnen zu lassen. Der Wunsch, sich ständig und immer wieder neu zu optimieren beschäftigt den Menschen in seiner Eitelkeit bis zum Exzess.
Foto/Illustration: gpointstudio / Anna Bizon. Quelle: Magnific (vormals Flickr!)
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3. Spruchblase „Digitalisierung“: »Wir brauchen die Digitalisierung! Schon wegen der Digitalisierung. Wo denken Sie denn hin?« Urheber: CLEANPNG > cleanpng.com >> transparentes PNG (ohne Text). Alle transparenten Bilder in cleanpng sind kostenlos und unbegrenzt zum Download. Sie müssen nicht Ihre E-Mail registrieren, müssen sich nicht mit Ihrem sozialen Konto anmelden.
»Digitalsierung bedeutet ja zunächst einmal nichts anderes, als dass man analoge Informationen, die den menschlichen Sinnen ohne technische Hilfsmittel zugänglich sind, mittels technischer Verfahren in einen binären (lateinisch) oder digitalen (ebenfalls lateinisch) Code überträgt, der dann mittels technischer Verfahren den menschlichen Sinnen wieder zugänglich gemacht werden kann.« (-Egon W. Kreutzer, Elsendorf in seinem Artikel: "Die große Spruchblase „Digitalisierung“ >> weiter).
4. Existenz in einer Scheinwelt: Die Existenz in einer Scheinwelt ist eine der Möglichkeiten, die die digitale Revolution hervorgebracht hat. Und sie führt unweigerlich, besonders in Zeiten rascher Veränderungen, zu einer Kollision der schönen neuen individuellen Welt mit dem harten existenziellen Sein im Hier und Jetzt.
Bis auf wenige Ausnahmen findet der mentale Aufenthalt in der illusorischen Perfektionierung statt, und zwar in nahezu allen Gesellschaftsschichten, führt zu einer kollektiven Ausblendung der gesellschaftlichen Realität. Und sieht man sich die Produkte der politischen Klasse an, wie sie sich in der digitalen Welt explizit bewegt und ihre Auftritte zu verschönern sucht, verwundert es nicht mehr, dass es auch dort zu einem systemisch bedingten Verlust der Sicht auf die profane gesellschaftliche Wirklichkeit gekommen ist. Und da schließt sich der Teufelskreis.
Foto/Illustration (mit KI erstellt): freepik. Quelle: Magnific (vormals Flickr!). Freepik/Magnific-Lizenz: Die Lizenz erlaubt es Ihnen, die als kostenlos markierten Inhalte für persönliche Projekte und auch den kommerziellen Gebrauch in digitalen oder gedruckten Medien zu nutzen. Erlaubt ist eine unbegrenzte Zahl von Nutzungen, unbefristet von überall auf der Welt. Modifizierungen und abgeleitete Werke sind erlaubt. Eine Namensnennung des Urhebers (freepik) und der Quelle (Magnific.com/de) ist erforderlich. >> Foto/Illustration.
5. Alessandro Baricco: The Game - Topographie unserer digitalen Welt - Geschichte unseres digitalen Lebens - Ineinander von Web und Welt
ISBN 978-3-455-00635-3, Pappband mit SU, 320 Seiten, HOFFMANN UND CAMPE VERLAG, Erscheinungsdatum 04.11.2019, neu nur noch als EBOOK/EPUB für 22,99€, ISBN 978-3-455-00636-0.
Die Geschichte unseres digitalen Lebens - kurzweilig und kritisch erzählt.
Fast jeder von uns regelt mit dieser oder jener App einen Teil seines Lebens; durch geschickte Nutzung des Netzes lassen sich Wahlen gewinnen; bei Tinder können wir computerspielartig den/die reale/n Richtige/n finden. Das ständige Ineinander von Web und Welt ist uns längst zur Normalität geworden.
In seinem neuen Buch zeichnet Alessandro Baricco die Geschichte der Digitalisierung auf heiter-essayistische Weise nach und lädt uns ein, ungezwungen über unsere eigene Verflechtung mit der digitalen Welt und ihre kritischen Entwicklungen nachzudenken. >> Verlagsangebot.
6. Alessandro Baricco: Die Barbaren - Über die Mutation der Kultur
ISBN 978-3-455-00478-6, HOFFMANN UND CAMPE VERLAG, Erscheinungsdatum 14.08.2018, nur als Ebook - EPUB, 256 Seiten, 18,99€
Stecken wir mitten in einem epochalen Umbruch ähnlich dem der Aufklärung, jetzt, da die Computerisierung und Kommerzialisierung fast aller Lebensbereiche unsere kulturellen Errungenschaften nach und nach verschlingen? Ja, meint Alessandro Baricco und nimmt diesen Befund zum Anlass, so unvoreingenommen wie originell darüber nachzudenken, was die weitgreifende Popularisierung von Kulturphänomenen und unser tägliches Eintauchen ins Netz für unsere Art, die Welt zu erfahren, bedeuten. Geistreich, humorvoll und unterhaltsam entfaltet er eine hellsichtige Analyse unserer Zeit, die zum Weiterdenken anstiftet. >> Verlagsangebot.

