Trumps Triumph. Ein von Putin gefaktes Faktotum?

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Wolfgang Blaschka
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Trumps Triumph. Ein von Putin gefaktes Faktotum?
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Trumps Triumph

Ein von Putin gefaktes Faktotum?

Immer, wenn Machteliten und ihr williges Gefolge nicht mehr glauben mögen, was so alles um sie herum geschieht, erfinden sie ihre nach außen gekehrte Haltung neu und waren schon immer dafür, hatten nie mit etwas anderem gerechnet und konnten daher auch gar nicht überrascht sein. Nicht von der Wende, nicht von Fukushima, nicht von so vielen Kriegsflüchtigen. Vor allem Ereignisse, die ihnen so überhaupt nicht in den Kram passen, müssen mühsam ins Weltbild integriert werden. Dazu bedarf es einer gewissen geistigen Wendigkeit, um die stabile innere Haltung mit der frisch modifiziert geäußerten in Übereinklang zu bringen.

Nur sehr schlichte Gemüter wollen einfach nicht wahrhaben, dass Elvis seit Jahren nicht mehr lebt. Die intellektuelleren Nasen richten ihren Rüssel entweder nach dem Wind, oder sie schnauben wütend wider die Widerwärtigkeiten, schnäuzen sich kurz und heftig und finden eine Erklärung für ihre unbegreifliche Erkältung. Hauptsache, die Malaise hat einen Namen. Jetzt dieser Trump! Bevor der Unsägliche tatsächlich die Wahl gewann, machten sie tapfer Wahlkampf aus dem Off für Hillary Clinton. Nun schwenken sie um.

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Nachdem das leider Unabwendbare eingetreten ist und der rotzfreche Rohling zum Chef der westlichen Welt gekürt wird, raunzen sie etwas von den ersten hundert Tagen, die man doch jedem Gewählten im neuen Amt gewähren müsse, auf dass der sich bewähre, und dass dieses neu eroberte Amt den brutalsten Wahlkampf-Berserker doch bändige, zumindest zähme, und dass es so schlimm schon nicht werde. Doch das schier Unglaubliche erheischt allemal eine Erklärung. Und die heißt in Zeiten wie diesen: Putin!

donald_trump_wladimir_vladimir_putin_riding_on_horseback_republicans_republikanische_partei_bright_talented_election_wahlkampfhilfe_relationship_finanzoligarchie_kritisches_netzwerk.jpgPutin ist an allem schuld. An Aleppo, an der Ukraine-Krise, letztlich auch am Weltklima. Ein Wunder, dass Wirbelstürme noch nicht nach ihm benannt werden. Putin hat den Wahlkampf in den USA beeinflusst und wird auch die Bundestagswahl manipulieren, heißt es ernsthaft aus Falkenkreisen. Seine professionellen Trolls, seine subversiven Fernsehsender und vor allem seine willigen "Versteher" hierzulande, die einfach nicht mehr jede subtile Nachrichten-Lüge oder skandalöse Informations-Unterlassung hinnehmen wollen.

Die Ungläubigen bekommen dafür nun das Wort des Jahres gewidmet: Postfaktisch. Das bedeutet nicht, dass man von DHL tatsächlich mal ein Paket bekommen hat, sondern dass man sich angeblich nicht an Fakten hielte, sondern einer vorgefassten, noch schlimmer einer eigenen Meinung anhinge, die man wie in einem "Echoraum" nur eigenredundant verstärke. Das geht gar nicht unter Freunden.

Seriöse Meinungsbildung hat hierzulande in der Hand von zuverlässigen Parteien, der offiziellen Medien und des autorisierten Regierungssprechers zu liegen. Wenn nach der Evakuierung von Ost-Aleppo mehrere Dutzend westlicher Militärs in trauter Eintracht mit solchen aus Saudi-Arabien, Israel und der Türkei gefangen genommen werden, die dort ein Hauptquartier zur Steuerung der Geiselnahme von hunderttausend Zivilisten durch Dschihadisten über Monate betrieben, dann kommt das in den Nachrichten ganz einfach nicht vor. Weil es nicht in den Kram passt. Dabei kam zupass, dass gleichzeitig der russische Botschafter in der Türkei erschossen und in Berlin der Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz angegriffen wurde. Da war einfach keine Zeit mehr für die höchst brisante Enttarnung in Syrien.

Die NATO-Staaten als Terror-Komplizen, das hätte den Adventsfrieden empfindlich gestört. Wie sollte sich das betroffene Publikum über die antiweihnachtliche Ruchlosigkeit noch ehrlich empören, wenn vor der UNO die Namenslisten der Inhaftierten von einem Botschafter jener syrischen Regierung übergeben werden, die man ja presseamtlich weghaben will?!

Das Geschäft mit den Fakten ist ein knallhartes, und so gewinnt der Kampfbegriff des "Postfaktischen" an Schlagkraft. Peinlich ist nur, dass der Begriff zuerst 2004 auftauchte, nämlich zur Branntmarkung der Kriegslügen, mit denen die "Koalition der Willigen" über den Irak herfiel, also jener, die das flächenbrandgefährliche Militärdebakel geradezu herbei gebetet hatten, welches am blutigen Ende den Islamischen Staat hervorbrachte.

Angela Merkel war eine von denen, die am liebsten auch offiziell dabei gewesen wären, um die nicht existenten Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins zu suchen, wohl wissend, dass es sie nicht gab. Nun werfen die wütenden Kriegsapologeten die kontaminierte Keule zurück auf all jene, die nicht mehr blind und taub hinter ihnen her marschieren wollen.

Ach, wie waren sie doch gemütlich, die prä-postfaktischen Zeiten, als noch alles geglaubt wurde, was in der Zeitung stand und von den Kanzeln gepredigt wurde! Es waren reine Fakten, die pure Wahrheit, offensichtliche und unumstößliche Tatsachen: Dass "der Russe binnen 48 Stunden am Rhein" stünde, galt als logisch. Dass "die Juden unsern Herrn Jesus ans Kreuz geschlagen" haben, war unter Christen Allgemeingut. Dass es, wenn schon, die römische Besatzungsmacht war, spielte dabei keine Rolle. Heute lügt man sich lieber eine jüdisch-christliche Traditionslinie zurecht, die sich freilich nur in regelmäßig geschürten Pogromen darstellt.

Die "gelbe Gefahr" war in aller Munde, die Verderbtheit der Sowjets wahlweise jenseits der Elbe, der Oder oder gar erst hinter der Memel zeigte sich offenkundig in den bayerischen Schulatlanten: Ohne sowjetisch oder polnisch besetzte "deutsche Ostgebiete" ging es da nicht ab. Bis 1990 nicht. Stattdessen war klar, dass der freundliche Ami (französisch: Amie) unser selbstloser Freund war, und den kommunistischen Vietkong (der noch schlimmer erschien als King Kong, bevor sich der am Empire State Building hochhangelte) in den Dschungel stampfte. Auf dass die Domino-Steine nicht reihenweise umfielen! Erwachsene Menschen glaubten an die "unsichtbare Hand des Marktes", die alles zum Guten wendet und nichts Böses vermag, wo sie doch nur objektiv wirke. Nie wäre jemand von den Bankenchefs auf die Idee gekommen, das als "postfaktisch" abzutun, was 2008 an der Börse krachte. Obwohl es ja nur virtuelle Zahlen auf den Computerbildschirmen waren. Die Beinahe-Pleiten waren reell, und die Rettungsgelder real.

Auch eine über den Kopf gehaltene Aktenmappe konnte einen notfalls den Atomkrieg überleben lassen, wenn man nur rechtzeitig in einer Raumecke unter den Tisch gekrabbelt die Augen fest geschlossen hielte. Noch in jüngster Zeit galt der Werbespruch der "Bunten für Männer" als markiges Wort: Bloß noch "Fakten, Fakten, Fakten". Das "und immer an die Leser denken" war Helmut Markworts fokussierte Wortmarke, mit der er Glaubwürdigkeit suggerieren wollte. Von diversen "Ehrenworten" politischer Größen nicht zu reden: Nicht die freche Lüge ist neu, sondern dass sie immer weniger Menschen bereit sind als Wahrheit abzukaufen.

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Jedenfalls nicht von den Etablierten. Eher noch von Scharlatanen, die kein Gewese darum machen, ob ihr Geseiere als Fakt oder Fake zu verstehen sei. Soweit ist es gekommen, dass von den Anti-Postfaktischen unumstößliche Tatsachen ignoriert, beschönigt und verharmlost werden, nur um zu verhindern, dass "Teile dieser Information die Öffentlichkeit verunsichern" könnten, ohne dass jemand ernsthaft den Geisteszustand des Innenministers anzweifelt. Oder dass Trumps Gruselkabinett nun plötzlich nicht mehr als Bedrohung wahrgenommen werden soll: Wo hemdsärmelige Militärs und hirnärmliche Monopolmagnaten den unmittelbaren Zugriff auf die Staatsgeschäfte vorbereiten.

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Wo die Oligarchen kurzerhand höchstselbst die Regierung übernehmen, da erinnern sich einige vielleicht an Lenin, der in den Zwanzigern des zwanzigsten Jahrhunderts vom Imperialismus als höchstem Stadium des Kapitalismus geschrieben hat, was kapitaltreue Fakten-Fans natürlich rundum als kommunistische Verschwörungstheorie abtaten.

Nun wird es offensichtlich, dass es sich, wenn schon, dann um eine kapitalistische Verschwörung handelt. Zumindest um eine trübe Tatsache. Dabei zelebrieren sie ihren Selbstbedienungs-Coup am Staatsapparat ganz offen, weder klandestin noch verklausuliert. Die Post ist faktisch abgefahren. Mal sehen, wo sie ankommt im neuen Jahr. Und wann uns das nächste Päckchen um die Ohren fliegt.

Wolfgang Blaschka, München

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► Bild- und Grafikquellen:

1. TWO FACED HILLRY - die Frau mit den 2 Gesichtern Hillary Diane Rodham Clinton. In ihrer Amtszeit als Außenministerin hatte Clinton insgesamt rund 30.000 dienstliche E-Mails über einen privaten Server und ein privates E-Mail-Konto verschickt. Dies wurde insbesondere während ihrer Präsidentschaftskampagne 2016 stark in der Öffentlichkeit thematisiert und bot vor allem den Republikanern immer wieder Anlass zu scharfer Kritik an Clinton. Urheber: ThisIsCommonSense.com / James Gill. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung - Nicht-kommerziell - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 Generic (CC BY-NC-SA 2.0).

2. Vladmir Putin and Donald Trump on Horseback. Man darf gespannt sein, wie sich das Verhältnis dieser beiden Staatspräsidenten entwickeln wird. Quelle: imgflip > Template ID 74428193. > Foto. Imgflip is a simple and fast website for creating and sharing images.

3. "Es lässt sich schlecht beweisen, was es nicht gibt bzw. dass es das, was es nicht gibt, tatsächlich nicht gibt." Zitat und Foto: Wolfgang Blaschka. Grafikerstellung: Wilfried Kahrs / QPress.

4. DONALD TRUMP am Megaphone. Urheber: James Gill. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung - Nicht-kommerziell - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 Generic (CC BY-NC-SA 2.0).

5. ELECTION 2016 - ENJOY YOUR MEAL! Die US-Bürger hatten eine Wahlalternative zwischen vergammeltem Brot (Donald Trump) oder vergammelter Pizza (Hillary Clinton). Urheber: ThisIsCommonSense.com / James Gill. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung - Nicht-kommerziell - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 Generic (CC BY-NC-SA 2.0).

6. Donald Trump: Does The Dark Side Wins In United States Of America? Foto: Daniel Arrhakis. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung-Nicht kommerziell 2.0 Generic (CC BY-NC 2.0).