Was der Begriff "Orwellsche" wirklich bedeutet

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Helmut S. - ADMIN
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Was der Begriff "Orwellsche" wirklich bedeutet
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Was der Begriff "Orwell'sche" wirklich bedeutet

Banaler Sprachmissbrauch kann unsere Denkweise beeinflussen!

By Noah Tavlin, mULTI media artist aus Queens, NY.

Wenn Sie die Nachrichten sehen oder die Politik verfolgen, haben Sie wahrscheinlich schon einmal den Begriff "Orwell" in dem einen oder anderen Zusammenhang gehört. Aber haben Sie jemals darüber nachgedacht, was er wirklich bedeutet oder warum er so oft verwendet wird? Noah Tavlin nimmt den Begriff unter die Lupe.

Warnung-Tatsachen-Neusprech-Doppeldenk-Wahrheitsministerium-Politsprech-Framing-Kritisches-Netzwerk-Sprachmacht-Sprachmanipulation-Sprachmissbrauch-ZwiedenkenWenn man die Nachrichten sieht oder die Politik verfolgt, hat man sehr wahrscheinlich den Begriff "Orwell'sche" in dem einen oder anderen Kontext schon mal gehört. Aber hast du mal darüber nachgedacht, was er wirklich bedeutet oder warum er so oft benutzt wird?

Der Begriff bezieht sich auf den britischen Autor 'Eric Arthur Blair', der unter seinem Künstlernamen George Orwell bekannt ist. Da sein berühmtestes Werk, der Roman "1984", eine repressive Gesellschaft unter einer totalitären Regierung beschreibt, wird "Orwell'sche" oft einfach im Sinne von autoritär benutzt. Den Begriff auf diese Weise zu benutzen, vermittelt aber Orwells Botschaft nicht vollständig und birgt das Risiko, genau das zu tun, wovor er gewarnt hat.

Orwell setzte sich gegen alle Formen von Tyrannei ein, kämpfte einen großen Teil seines Lebens gegen anti-demokratische Kräfte sowohl von linker wie von rechter Seite. Er war zutiefst besorgt darüber, wie sich solche Ideologien ausbreiten. Eine seiner tiefsten Erkenntnisse war die Bedeutung der Sprache beim Prägen unserer Gedanken und Meinungen.

Die Regierung von Ozeanien in "1984"  steuert die Handlungen und Aussagen der Menschen teilweise ganz offensichtlich. Jede ihrer Bewegungen wird beobachtet und jedes Wort belauscht und die Bedrohung für diejenigen, die aus der Reihe tanzen, hängt ständig wie ein Damoklesschwert über ihnen.

Andere Formen der Lenkung sind nicht so offensichtlich. Die Bevölkerung ist einer anhaltenden Propagandaflut ausgesetzt, die aus historischen Fakten und Statistiken besteht, die das Wahrheitsministerium fabrizierte. Das Friedensministerium ist das Militär. Arbeitslager werden "Lustlager" genannt. Politische Gefangene inhaftiert und foltert man im Ministerium der Liebe. Diese absichtliche Ironie ist ein Beispiel für Doppelzüngigkeit: Die benutzten Wörter vermitteln keine Aussage, sondern untergraben sie und ihre Grundbedeutung wird verdreht.

► Die Sprache wird vom Regime noch stärker gesteuert

George-Orwell-Eric-Arthur-Blair-1984-totalitaerer-Ueberwachungsstaat-Totalitarismus-Neusprech-Doppeldenk-Dystopien-Farm-der-Tiere-Zukunftsvision-Kritisches-Netzwerk Aus dem Englischen werden Wörter beseitigt um den offiziellen Dialekt "Neusprech" zu erschaffen, eine stark beschnittene Sammlung von Kurzworten und schlichten, konkreten Hauptwörtern, der Wörter fehlen, die komplex genug sind, um differenziertes und kritisches Denken zu fördern.

Ihre Wirkung auf die Psyche nennt Orwell "Zwiedenken" [Doppeldenk, engl. doublethink; H.S.], ein hypnotischer Zustand kognitiver Dissonanz, der einen dazu zwingt, die eigene Wahrnehmung zugunsten der offiziell verordneten Version der Ereignisse zu verwerfen, die den Einzelnen vollkommen abhängig von der staatlichen Definition der Wirklichkeit zurücklässt. Das Ergebnis ist eine Welt, in der sogar die Privatheit des eigenen Denkvorgangs verletzt wird, wo man bei Reden im Schlaf eines "Gedankenverbrechens" beschuldigt werden kann und das Führen eines Tagebuchs oder eine Liebesaffäre einem subversiven Akt der Rebellion gleicht.

Das klingt vielleicht, als könne das nur in totalitären Regimen vorkommen, aber Orwell warnte uns vor der Möglichkeit des Auftretens sogar in demokratischen Gesellschaften. Deshalb heißt "autoritär" für sich alleine noch nicht "Orwell'sche".

In seinem Essay 1946 verfassten Essay "Politics and the English Language" [>engl.-spr. Volltext als HTML und PDF-Version; H.S.] beschreibt er Techniken wie den Einsatz hochtrabender Worte um Autorität zu vermitteln oder Abscheulichkeiten annehmbar klingen zu lassen, in dem man sie beschönigt und in verschachteltem Satzbau verbirgt.

► Banaler Sprachmissbrauch

Aber auch banaler Sprachmissbrauch kann unsere Denkweise beeinflussen. Die Worte, die man in alltäglicher Werbung sieht und hört, wurden gestaltet, um uns anzusprechen und unser Verhalten zu beeinflussen, genauso wie die Schlagwörter und Themen politischer Kampagnen, die selten eine vielschichtige Sichtweise auf die Probleme darstellen. Die eigene Verwendung von Formulierungen und fertigen Antworten aus Medienberichten oder dem Internet erleichtert es, nicht zu tiefschürfend über Annahmen nachzudenken oder sie in Frage zu stellen.

Wenn jemand das nächste Mal das Wort "Orwell'sche" benutzt, dann pass gut auf. Spricht er über die irreführende und manipulative Verwendung von Sprache, ist er auf dem richtigen Weg. Spricht er über Massenüberwachung und eine aufdringliche Regierung, beschreibt er etwas Autoritäres, aber nicht unbedingt "Orwell'sches". Wenn er es als Allzweck-Wort für jegliche missliebige Vorstellung benutzt, sind seine Aussagen möglicherweise "Orwell'scher" als das, was er kritisiert.

Worte haben die Macht Gedanken zu prägen. Sprache ist die Währung der Politik und gestaltet die Grundlage der Gesellschaft, von einfachsten Alltagsgesprächen bis zu höchsten Idealen. Orwell drängt uns unsere Sprache zu schützen, weil letztendlich unsere Fähigkeit klar zu denken und zu kommunizieren zwischen uns und einer Welt steht, in der gilt:

Krieg ist Frieden und Freiheit ist Sklaverei.

Noah Tavlin, mULTI media artist

Übersetzung ins Deutsche durch Johannes Duschner, Münster. Überprüft von Johanna Pichler, Österreich.

What "Orwellian" really means. Deutschsprachige Untertitel einstellbar! (Dauer 5:31 Min.)

♦ ♦ Ergänzung durch Helmut Schnug ♦ ♦

"Politics and the English Language" (1946) ist ein Essay von George Orwell, in dem er das "hässliche und ungenaue" geschriebene Englisch seiner Zeit kritisiert und den Zusammenhang zwischen politischen Orthodoxien und der Entwertung der Sprache untersucht. Nachfolgend ein paar übersetzte Zitate aus dem Essay:

»In unserer Zeit besteht das politische Reden und Schreiben größtenteils aus der Verteidigung des Unhaltbaren. Dinge wie die Aufrechterhaltung der britischen Herrschaft in Indien, die russischen Säuberungen und Deportationen, der Abwurf der Atombomben auf Japan können in der Tat verteidigt werden, aber nur mit Argumenten, die für die meisten Menschen zu brutal sind und die nicht mit den erklärten Zielen der politischen Parteien übereinstimmen. So muss die politische Sprache größtenteils aus Euphemismus, Fragerei und schierer Unklarheit bestehen.

George Orwell, 1984, Neusprech, AltsprechWehrlose Dörfer werden aus der Luft bombardiert, die Bewohner aufs Land getrieben, das Vieh mit Maschinengewehren beschossen, die Hütten mit Brandgeschossen in Brand gesetzt: Das nennt man Befriedung.

Millionen von Bauern werden ihrer Höfe beraubt und mit nichts als dem, was sie tragen können, auf die Straßen geschickt: Das nennt man Bevölkerungstransfer oder Grenzbereinigung.

Menschen werden jahrelang ohne Gerichtsverfahren inhaftiert, in den Nacken geschossen oder zum Sterben an Skorbut in arktische Holzfällerlager geschickt: Das nennt man Eliminierung unzuverlässiger Elemente.

Eine solche Phraseologie ist notwendig, wenn man Dinge benennen will, ohne dass man sich ein Bild von ihnen macht. Der große Feind der klaren Sprache ist die Unaufrichtigkeit. Wenn zwischen den tatsächlichen und den erklärten Zielen eine Lücke klafft, greift man gleichsam instinktiv zu langen Worten und erschöpften Redewendungen, wie ein Tintenfisch, der Tinte verspritzt.

Ein Mann kann zum Alkohol greifen, weil er sich als Versager fühlt, und dann umso mehr versagen, weil er trinkt. Genauso verhält es sich mit der englischen Sprache. Sie wird hässlich und ungenau, weil unsere Gedanken töricht sind, aber die Schlampigkeit unserer Sprache macht es leichter, törichte Gedanken zu haben.« (Eric Arthur Blair aka George Orwell, * 25. Juni 1903; † 21. Januar 1950 in London).

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Noah Tavlin ist Autor, Comedian und Künstler. Er arbeitet arbeite hauptberuflich in der Animationsproduktion, derzeit als Produktionskoordinator bei Blacksmith. Seine Arbeiten wurden u. a. von TED, VICE, Noisey und POP Montreal veröffentlicht. Geboren und aufgewachsen ist Noah Tavlin in Hoboken, New Jersey und lebt jetzt in Queens, NY. Wenn Sie für Noah einen Job als freiberuflicher Autor oder Illustrator haben, sagen Sie Hallo und senden Sie ihm eine Email. Kontakt: noahtavlin [at] gmail.com >> persönliche Webseite: https://noahtavlin.tumblr.com/

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1. Warnung: Dieser Artikel beruht vermutlich auf Tatsachen! Grafik: Wilfried Kahrs (WiKa).

2. George Orwell (* 25. Juni 1903 in Motihari, Bihar, Britisch-Indien als Eric Arthur Blair; † 21. Januar 1950 in London) war ein englischer Schriftsteller, Essayist und Journalist. Er schrieb Romane, wie Eine Pfarrerstochter (1935) und Auftauchen, um Luft zu holen (1939), Sozialreportagen, wie 'Erledigt in Paris und London' (1933) und 'Der Weg nach Wigan Pier' (1937), und Essays. Durch seine Dystopien 'Farm der Tiere' (1945), eine satirische Fabel über den Sowjetkommunismus, und '1984' (1949) [>ganzes Buch], eine Zukunftsvision von einem totalitären Staat, wurde Orwell weltberühmt. Er gilt heute als einer der bedeutendsten Schriftsteller der englischen Literatur. Foto: Cassowary Colorizations. Quelle: Flickr. Die Datei ist mit der CC-Lizenz Namensnennung 2.0 Generic (CC BY 2.0) lizenziert.

3. Orwell: Schon vergessen? Grafik: Wilfried Kahrs (WiKa).

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