Rentenlücke: Wenn der Altersruhestand zum Überlebensabend wird

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Helmut S. - ADMIN
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Rentenlücke: Wenn der Altersruhestand zum Überlebensabend wird
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Rentenlücke:

Wenn der Altersruhestand zum Überlebensabend wird

von Markus Krüsemann

Unstete Erwerbsbiografien, Phasen der Arbeitslosigkeit, nur mäßig entlohnte Arbeit - auch jenseits der Erwerbsarmut und der dauerhaft prekären Beschäftigung verdüstern sich für eine zunehmende Zahl von abhängig Beschäftigten die Aussichten auf einen materiell auskömmlichen Ruhestand.

Die Zahl der RentnerInnen, die Grundsicherung im Alter erhalten, steigt bereits seit Jahren an. Und das ist erst der Anfang: Bei einem großen Teil der jetzt 55- bis 64-jährigen Erwerbstätigen ist die zu erwartende Rentenhöhe nicht ausreichend, um damit allein den aktuellen Lebensstandard zu halten. Würden sie jetzt in den Ruhestand gehen, so könnten 58 Prozent von ihnen ihren Konsum nicht aus Anwartschaften aus der gesetzlichen und betrieblichen Altersvorsorge oder Beamtenpensionen decken. Bei Erwerbstätigen, die allein Anwartschaften aus der Gesetzlichen Rentenversicherung haben, läge der Anteil sogar bei 69 Prozent. Zu diesem Ergebnis kommt eine von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Studie des "Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung" (DIW).

Weniger dramatisch sieht es naturgemäß aus, wenn die Erwerbstätigen der untersuchten Altersgruppe nicht sofort in den Ruhestand gingen, sondern noch bis zum durchschnittlichen Rentenzugangsalter von 64 Jahren so weiterarbeiten würden wie aktuell. Unter Betrachtung aller Rentenanwartschaften sänke der Anteil der Personen, die ihren Konsum nicht decken können, von 58 Prozent auf 50 Prozent. Das aber wäre immer noch ein beunruhigend hoher Prozentsatz.

Per Arbeit oder anderweitig angehäuftes Vermögen kann, wie immer, nicht schaden. Wer darüber verfügt, hat gute Aussichten, seinen Lebensstandard im Alter aufrecht erhalten zu können. Dumm nur, dass die privaten Vermögen so schrecklich ungleich verteilt sind. Bleiben noch private Versicherungen wie Lebens- und Rentenversicherungen. Auch sie tragen einen Teil dazu bei, die drohende Versorgungslücke zu verkleinern. Der ist aber überraschend gering, denn er lässt den oben errechneten Anteil nur von 58 auf 56 Prozent bzw. von 50 auf 48 Prozent sinken.

► Statt Teilprivatisierung Stärkung der gesetzlichen Rente

Wieder mal zeigt sich, dass die groß propagierte dritte Säule der Alterssicherung ihren Zweck nicht erfüllen kann und nur die Taschen der Versicherer füllt. Mehr noch: In einem Interview mit der Augsburger Allgemeinen spricht Christoph Butterwegge von einer „Demontage der gesetzlichen Rentenversicherung“, für die er die „Teilprivatisierung der Altersvorsorge durch Einführung der Riester-Rente“ verantwortlich macht. Wer wollte da ernsthaft widersprechen. (>>Interview)

Auch wenn die staatliche Altersrente grundsätzlich nicht so konzipiert ist, dass die Leistungen der gesetzlichen Rentenversicherung das weggefallene Erwerbseinkommen vollständig ersetzen sollen, so dürfte dennoch deutlich geworden sein, dass nach all den Rentenkürzungen der letzten Jahrzehnte die gesetzliche Rente allein heute vielfach nicht mehr ausreicht, um ohne erhebliche Abstriche in den Ruhestand zu gehen. Die betriebliche Altersvorsorge kann die Versorgungslücke teilweise füllen, doch ist ihre Verbreitung gerade unter den Geringverdienern oder den prekär Beschäftigten relativ gering.

Die Schlussfolgerung des Forscherteams kann daher nicht überraschen: Das System der Alterssicherung muss reformiert werden. So soll die erste Säule, die gesetzliche Rente, wieder mehr Gewicht erhalten, etwa durch eine Ausweitung des Kreises der Versicherten. Auch gelte es, ein weiteres Absinken des Rentenniveaus zu begrenzen. Und noch etwas stellen die Wissenschaftler zur Diskussion. Gerade Geringverdienern wäre im Alter sehr geholfen, wenn von dem bisher angewendeten Äquivalenzprinzip, wonach die Höhe der Beitragszahlung allein die Höhe der Rentenleistung bestimmt, abgewichen werden würde. Damit liegt der Ball im Feld der Politik.

Markus Krüsemann
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Quellen:

DIW-Pressemitteilung vom 12.09.2018. >> weiter.

Pressemitteilung der Hans-Böckler-Stiftung vom 12.09.2018. >> weiter.

Überlebensabend“, FR online vom 13.10.2018. >> weiter.

Stefan Sell: "Von Lücken und tiefen Löchern beim verfügbaren Geld im Ruhestand". Aktuelle Sozialpolitik, Blogeintrag vom 12.09.2018. >> weiter.

Christoph Butterwegge: "Die Altersarmut wird sogar noch zunehmen", Augsburger Allgemeine vom 13.09.2018. >> weiter.

Weiterlesen:

Grabka, M./ Bönke, T. u.a. (2018): "Rentennahe Jahrgänge haben große Lücke in der Sicherung des Lebensstandards". In: DIW Wochenbericht, 85. Jg., Nr. 37, S. 810-818. >> weiter.

Stuth, S./ Schels, B./ Promberger, M. (u.a.) (2018): "Prekarität in Deutschland ?!", WZB Discussion Paper P 2018–004, Berlin. >> weiter.


► Quelle: Erstveröffentlicht durch Markus Krüsemann am 14. September 2018 auf dessen Infoportal miese-jobs.de >> Artikel. Verbreitung des Textes unter der CC-Lizenz Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0).  Die Bilder und Grafiken sind NICHT Bestandteil des Originalartikels und wurden von KN-ADMIN Helmut Schnug eingefügt, für sie gelten ggf. andere CC-Lizenzen. (s.u.). Unterstreichungen im Text und Grünfärbung von Zitaten wurden ebenfalls von H.S. gesetzt.

► Bild- und Grafikquellen:

christoph_butterwegge_armut_in_einem_reichen_land_reichtum_problem_verharmlost_verdraengt_verarmung_hartz_iv_kritisches_netzwerk_grundsicherung_armutsbekaempfung.jpg1. Butterwegge-Zitat: »Aus zwei Gründen wird die Altersarmut sogar noch zunehmen, wenn die verantwortlichen Politiker nicht gegensteuern: Der erste ist die Deregulierung des Arbeitsmarktes. Entstanden ist der breiteste Niedriglohnsektor in Europa, in dem fast ein Viertel aller Beschäftigten arbeitet. Er bildet das Haupteinfallstor für Erwerbs-, Familien- und Kinderarmut sowie spätere Altersarmut. Der zweite ist die Demontage der gesetzlichen Rentenversicherung, also die Teilprivatisierung der Altersvorsorge durch Einführung der Riester-Rente. Zuletzt hat die Große Koalition auch noch die Betriebsrenten gestärkt, wovon wieder hauptsächlich Versicherungskonzerne und Banken profitieren, nicht aber jene Beschäftigten, die in Kleinbetrieben arbeiten und wenig verdienen.« (Prof. Dr. Christoph Butterwegge, Politikwissenschaftler und Armutsforscher). >> Zitatquelle.

Foto o. Textinlet: © Christoph Butterwegge. Quelle: www.christophbutterwegge.de/ . >> Originalfoto. Bildbearbeitung: Wilfried Kahrs nach einer Idee von KN-ADMIN Helmut Schnug.

2. Butterwegge-Zitat: »Um die Altersarmut zu bekämpfen, reicht es beispielsweise nicht, das Rentenniveau bei 48 Prozent zu stabilisieren. Denn das Problem bei denjenigen, die prekär beschäftigt und von Altersarmut bedroht oder betroffen sind, ist ja, dass sie gar nicht genügend Rentenanwartschaften erworben haben. Es wäre zwar notwendig, das Sicherungsniveau vor Steuern wieder auf 53 Prozent anzuheben, um den Lebensstandard derjenigen zu sichern, die lange gearbeitet haben. Aber um Altersarmut zu verhindern, würde auch dies nicht ausreichen. Gut ist, dass in dem [geplanten] Rentenpaket die Zurechnungszeit für die Erwerbsminderungsrente erhöht wird. Allerdings kommen nur Neurentner in den Genuss dieser Verbesserung, während die armen Bestandsrentner nichts davon haben.« (Prof. Dr. Christoph Butterwegge, Politikwissenschaftler und Armutsforscher). >> Zitatquelle.

Foto o. Textinlet: © Raimond Spekking, Software-Berater und freier Fotograf >> https://www.mediawiki-beratung.de/. Quelle: Wikimedia CommonsBildbeschreibung: MAISCHBERGER am 24. Januar 2018 in Köln. Produziert vom WDR. Thema der Sendung: »Ganz unten: Wie schnell wird man obdachlos?« Diese Datei ist lizenziert unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international“ (CC BY-SA 4.0). Bildbearbeitung (Inlet): Wilfried Kahrs nach einer Idee von KN-ADMIN Helmut Schnug.

3. Butterwegge-Zitat: »Was wir bräuchten, ist eine Erwerbstätigen- oder Bürgerversicherung, in die alle Bevölkerungsgruppen einzahlen – auch Selbstständige, Freiberufler, Beamte, Abgeordnete und Minister. Alle Einkommen müssten verbeitragt werden, nicht nur Löhne und Gehälter, sondern auch Kapitaleinkünfte wie Zinsen und Dividenden. Warum sollen nur Arbeitnehmer in den Sozialstaat einzahlen?« (Prof. Dr. Christoph Butterwegge, Politikwissenschaftler und Armutsforscher). >> Zitatquelle.

Foto o. Textinlet: © Christoph Butterwegge. Quelle: www.christophbutterwegge.de/ . >> Originalfoto. Bildbearbeitung: Wilfried Kahrs nach einer Idee von KN-ADMIN Helmut Schnug.

4. Prof. Dr. Butterwegge. »Mittlerweile ist der Neoliberalismus eine Weltanschauung, ja eine politische Zivilreligion geworden, welche die Hegemonie, das heißt die öffentliche Meinungsführerschaft, erobert hat. Globalisierung fungiert als Schlüsselkategorie und darüber hinaus – neben dem demografischen Wandel und der Digitalisierung – als dritte große Erzählung unserer Zeit, die Neoliberale benutzen, um ihre marktradikale Ideologie zu verbreiten und den Um- bzw. Abbau des Sozialstaates zu legitimieren.« (Prof. Dr. Christoph Butterwegge)

Foto o. Textinlet: © Christoph Butterwegge. Quelle: www.christophbutterwegge.de/ . >> Originalfoto. Bildbearbeitung d. Wilfried Kahrs nach einer Idee von KN-ADMIN Helmut Schnug.

5. Buchcover: "Armut in einem reichen Land. Wie das Problem verharmlost und verdrängt wird." Autor: Prof. Dr. Christoph Butterwegge. Verlag: Campus Verlag - vierte und erweiterte Ausgabe, erschienen am 13.10.2016. ISBN-13:  978-3-593-50642-5; 400 Seiten.


pin_green.gifChristoph Butterwegge: Soziale Ungleichheit im Alter. (Dauer 29:12 Min.)

Spaltungslinien, Altersarmut und demographischer Wandel. Die gesellschaftlichen Imperative eines aktiven, produktiven, gesunden und optimierten Alter(n)s sind auf dem sozialen Auge blind – wachsende Ungleichheiten in der Ausstattung mit finanziellen, gesundheitlichen und Bildungsressourcen spielen in der gesellschaftlichen Neuverhandlung des höheren Lebensalters kaum eine Rolle. Eine privilegierte Minderheit wohlhabender, gut gebildeter Senioren/­innen wird zum Maßstab einer anerkannten Altersaktivität erkoren, den die mit weniger ökonomischem und kulturellem Kapital gesegneten Älteren nur verfehlen können.