Worum es letztlich geht: Menschlichkeit

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Rudolf Kuhr
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Worum es letztlich geht: Menschlichkeit
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Worum es letztlich geht: Menschlichkeit

Gedanken über das eigentlich Selbstverständliche

Menschlichkeit wird leider meist erst dann zum Thema, wenn sie entbehrt wird. Jeder braucht sie, aber den wenigsten ist sie überhaupt bewußt. Da die Probleme auf unserem Planeten fast ausschließlich von Menschen verursacht werden und trotz des ungeheuren Wissens und des vorhandenen, wenn auch sehr ungleich verteilten Reichtums ein zunehmender Mangel an Menschlichkeit besteht, erscheint es sinnvoll und not-wendig zu sein, sich mit diesem Thema mehr als bisher direkt zu befassen.

Um in Wörterbüchern eine Definition des Begriffs Menschlichkeit zu finden, wird, wenn das Wort überhaupt enthalten ist, auf das Fremdwort Humanität verwiesen. Hier heißt es dann beispielsweise: Menschlichkeit im Sinne eines idealisch gedachten Menschentums: harmonische Ausbildung der dem Menschen eigentümlichen wertvollen Anlagen des Gemütes und der Vernunft (so schon von Cicero bestimmt); höchste Entfaltung menschlicher Kultur und Gesittung und dementsprechendes Verhalten gegenüber den Mitmenschen, ja aller Kreatur. Seine eigentliche Begründung und Ausgestaltung erfuhr der Humanismusgedanke im 18. Jahrhundert, im Zeitalter des deutschen Klassizismus, besonders durch Lessing, Herder, Schiller, Goethe, W. von Humboldt. Für Kant ist Humanität 'der Sinn für das Gute in Gemeinschaft mit anderen überhaupt; einerseits das allgemeine Teilnehmungsgefühl, andererseits das Vermögen, sich innigst und allgemein mitteilen zu können, welche Eigenschaften zusammen verbunden die der Menschheit angemessene Geselligkeit ausmachen, wodurch sie sich von der tierischen Eingeschränktheit unterscheidet'. ...

In einem anderen Wörterbuch heißt es: Humanität, im weiteren Sinn die Summe alles rein Menschlichen im Gegensatz zum Tierischen, im engeren Sinn das voll entfaltete edle Menschentum, das in der harmonischen Ausbildung der menschlichen Kräfte und in der Herrschaft des Geistes über die eigenen Leidenschaften gründet und sich besonders in Teilnahme und Hilfsbereitschaft für den Mitmenschen, in Verständnis und Duldsamkeit für seine Lebensart äußert. In diesem Sinn ist Humanität besonders seit Lessing, Herder, Goethe, Schiller, W. von Humboldt zum Inhalt einer der höchsten sittlichen Ideen des Abendlandes geworden (Humanitäts-Idee).

Es wird aber auch auf die negative Seite von Menschlichkeit hingewiesen, die ja wohl leider viel häufiger wirksam ist als die positive. Darüber heißt es unter anderem: Mit der Entartung des Menschen stellt sich vielfach eine Entartung der Humanität ein, ein Zerrbild wahrer Humanität, so daß, in Reaktion darauf, die Humanität nunmehr als verderblich gebrandmarkt und verworfen wird; besonders, wenn und insofern sie den körperlich, geistig und moralisch Minderwertigen zum Schaden der Allgemeinheit schont; man sollte aber 'die Dekadenz-Instinkte nicht mit der Humanität verwechseln' (Nietzsche).

Der Begriff Humanität oder Menschlichkeit wird wohl allgemein als positiv empfunden, auch wenn er beides, sowohl das Negative, als auch das Positive enthalten kann. Eine deutliche Kennzeichnung des Negativen erfolgt denn auch meist in Bezeichnungen wie inhuman oder unmenschlich.

Um nun der Menschlichkeit in unserer Gesellschaft und in der Menschheit insgesamt wieder mehr Geltung zu verschaffen, wird es nötig sein, über die Forderung nach Einhaltung von Menschrechten und über humanitäre Maßnahmen als Reaktion auf die Symptome vorhergegangener inhumaner Aktionen hinaus, bewußt und zielgerichtet an einer Förderung, Bildung und Stärkung positiver Menschlichkeit zu arbeiten.


Wie entsteht verantwortliche Menschlichkeit?

Menschlichkeit entsteht nicht schon aus einem religiösen Glauben. Wie uns Geschichte und Gegenwart mit vielen Beispielen religiös motivierter, oft sogar im Namen Gottes verübter Verbrechen gegen die Menschlichkeit zeigen, ist eher das Gegenteil anzunehmen.

Menschlichkeit ist auch nicht automatisch ein Abfallprodukt zunehmenden materiellen Wohlstandes, auch hier ist eher das Gegenteil der Fall. Das Bemühen um das Erreichen und den Erhalt des materiellen Wohlstandes erfordert neben ökologisch bedeutenden Ressourcen sehr viel an Zeit und menschlicher Energie, die meist auf Kosten der Menschlichkeit gehen. Hier könnten sich die hochtechnisierten Gesellschaften an manchen von diesen so genannten Entwicklungsländern ein Beispiel nehmen. Nicht selten empfinden Angehörige oder Besucher solcher Länder unser hiesiges menschliches Klima vergleichsweise als kalt. Eine ganz bewußte, direkte Orientierung am Ideal der Menschlichkeit wäre deshalb heute mindestens ebenso dringend, wenn nicht wichtiger als die am Wirtschaftswachstum und an internationaler, wirtschaftlicher Konkurrenzfähigkeit.

Um befriedigendere und nachhaltigere Ergebnisse an positiver Menschlichkeit zu erreichen erscheint es sinnvoll, in ganzheitlicher und an Wahrhaftigkeit orientierter Weise nicht nur die Ideale, sondern auch die naturgegebenen - oft negativen - Voraussetzungen des Menschseins mit einzubeziehen und jegliche mythischen und mystischen Vorstellungen beiseite zu lassen.

Auf eine anschauliche Formel gebracht:

 Menschlichkeit besteht aus

  • den naturgegeben Anlagen,  
  • den ethischen Idealen

  • und dem Verhalten.

 

In den Anlagen sind neben den Fähigkeiten zum selbständigen Denken vor allem sehr viele instinktähnliche Triebe vorhanden, die bisher zu wenig beachtet werden und deshalb immer wieder zu Problemen und Konflikten führen. Wenn es beispielsweise bei der Beschreibung des Menschenbildes idealerweise heißt: Der Mensch ist eine selbständig denkendes und bewußt handelndes Lebewesen, so kann realistischerweise genauso gesagt werden: Der Mensch ist ein selbständig denkendes und unbewußt handelndes Lebewesen, denn die meisten Handlungen werden letztlich vom Gefühl her bestimmt, und die meisten Menschen denken - ohne es zu wissen - fremdbestimmt, weil sie zur Anpassung erzogen und zu wenig zur Selbstreflexion und Eigenständigkeit ermutigt wurden.

Vergewissern Sie sich, was Sie glauben, und wissen Sie, warum Sie es glauben,

denn wenn Sie Ihren Glauben nicht wählen, können Sie sicher sein, dass

irgendein Glaube - und wahrscheinlich kein sehr rühmlicher - Sie wählen wird.

Robertson Davies

 
Nachfolgend einige Begriffe, die dazu beitragen können, uns mit den Merkmalen positiver Menschlichkeit auseinanderzusetzen, um unsere Möglichkeiten zu ihrem Entstehen zu erkennen, sie zu praktizieren und so schließlich wieder mehr Menschlichkeit in der Gesellschaft und in der Welt entstehen zu lassen. Die Sammlung enthält auch einander sehr ähnelnde Begriffe, um die Fülle und Vielfalt des vorhandenen Angebotes zu verdeutlichen, und sie ist in alphabetischer Reihenfolge geordnet, um den Lesern ein Finden und Ergänzen zu erleichtern.

Achtsamkeit, Achtung, Akzeptanz, Anerkennung, Anmut, Anregung, Anstand, Anständigkeit, Anteilnahme, Auffassungsgabe, Aufgeschlossenheit, Aufklärung, Aufmerksamkeit, Aufrichtigkeit, Ausdauer, Ausgeglichenheit, Begabung, Begleitung, Beharrlichkeit, Behutsamkeit, Bekräftigung, Beschaulichkeit, Bescheidenheit, Besinnlichkeit, Besinnung, Besonnenheit, Beständigkeit, Bestärkung, Bewußtsein, Bildung, Dankbarkeit, Demokratie, Demut, Denkvermögen, Distanz, Duldsamkeit, Durchblick, Durchsetzungsvermögen, Echtheit, Edelmut, Ehre, Ehrerbietung, Ehrgefühl, Ehrlichkeit, Eigenständigkeit, Eigenverantwortlichkeit, Einfühlung, Einsichtigkeit, Empfindsamkeit, Entgegenkommen, Entschlossenheit, Erbarmen, Erfahrung, Erkenntniswille, Erlebnisfähigkeit, Ermutigung, Ethik, Feierlichkeit, Feingefühl, Festigkeit, Festlichkeit, Folgerichtigkeit, Freiheit, Freizügigkeit, Freude, Freundlichkeit, Freundschaft, Friedlichkeit, Ganzheitlichkeit, Geduld, Gefühl, Gegenseitigkeit, Geist, Geistesfreiheit, Gemeinnützigkeit, Gemeinsamkeit, Gemüt, Genügsamkeit, Gelassenheit, Genossenschaft, Gerechtigkeit, Gesetz, Gesinnung, Gesprächsbereitschaft, Gespür, Gestaltungskraft, Gewissen, Gewissenhaftigkeit, Gewißheit, Glaube, Glaubwürdigkeit, Großherzigkeit, Großmut, Großzügigkeit, Güte, Gütekraft, Herzlichkeit, Hilfsbereitschaft, Hoffnung, Identität, Innerlichkeit, Interesse, Klugheit, Konsequenz, Konstruktivität, Kommunikationsfähigkeit, Kompromißbereitschaft, Kooperation, Kreativität, Kritik, Kritikfähigkeit, Kühnheit, Kunstverständnis, Lauterkeit, Lernbereitschaft, Lernfähigkeit, Liebe, Liebesfähigkeit, Liebenswürdigkeit, Logik, Lust, Menschenrechte, menschliche Größe, - Reife, Menschlichkeit, Milde, Mitgefühl, Mitmenschlichkeit, Moral, Mündigkeit, Musikalität, Muße, Mut, Nachdenklichkeit, Nachsicht, Nähe, Natürlichkeit, Offenheit, Offenherzigkeit, Ordnung, Ordnungswille, Recht, Realitätssinn, Redlichkeit, Religiosität, Respekt, Reue, Risikobereitschaft, Rückbindung, Rücksichtnahme, Sanftheit, Schätzung, Selbstachtung, Selbständigkeit, Selbstbehauptung, Selbstbeherrschung, Selbstbeobachtung, Selbstbeschränkung, Selbstdisziplin, Selbsteinschätzung, Selbstkontrolle, Selbstkritik, Selbstsicherheit, Selbstüberwindung, Selbstverantwortung, Selbstvertrauen, Selbstwahrnehmung, Sicherheit, Sinn, Sinnerkenntnis, Sitte, Solidarität, Stabilität, Standhaftigkeit, Strebsamkeit, Takt, Toleranz, Trauerfähigkeit, Treue, Tugend, Überblick, Unabhängigkeit, Unbefangenheit, Unternehmensgeist, Unterstützung, Unvoreingenommenheit, Urteilsvermögen, Verantwortlichkeit, Verbindlichkeit, Verbundenheit, Verläßlichkeit, Vernunft, Verschwiegenheit, Versöhnlichkeit, Versöhnungsbereitschaft, Verständnis, Verständigung, Vertrauen, Vertrauensvorschuß, -würdigkeit, Vision, Vorausschau, Vorsicht, Vorstellungskraft, Wärme, Wagemut, Wahrhaftigkeit, Wahrnehmungsfähigkeit, Wandlungsfähigkeit, Warmherzigkeit, Weisheit, Weitherzigkeit, Wert, Wertschätzung, Wesentlichkeit, Wissen, Witz, Wohlwollen, Würde, Zivilcourage, Zusammenarbeit, -gehörigkeit, Zuverlässigkeit, Zuversicht, Zuwendung,  ...

 

  Menschlichkeit  >

braucht / ermöglicht                braucht / ermöglicht

          Freiheit                              Verbundenheit

 braucht / ermöglicht                                                           braucht / ermöglicht

Aufklärung                                     Frieden        

   braucht / ermöglicht                                                           braucht / ermöglicht

    Mündigkeit                            Gerechtigkeit

 braucht / ermöglicht                        braucht / ermöglicht

<  Demokratie  <

 

In diesem Kreis von einigen Grund-Werten sind die wesentlichen, zusammengehörenden Aufgaben für eine humanistische Orientierung und Verbesserung der Menschlichkeit enthalten, ihre Verbindung miteinander beugt einem Sichverlieren in untergeordneten Aufgabenbereichen vor und führt stets wieder zur Menschlichkeit hin.

Rudolf Kuhr

Menschsein als Beruf

In der natürlichen Ordnung sind alle Menschen gleich; ihre gemeinsame Berufung ist: Mensch zu sein. Wer dafür gut erzogen ist, kann jeden Beruf, der damit in Beziehung steht, nicht schlecht versehen. Ob mein Schüler Soldat, Priester oder Anwalt wird, ist mir einerlei. Vor der Berufswahl der Eltern bestimmt ihn die Natur zum Menschen. Leben ist ein Beruf, den ich ihn lehren will. Ich gebe zu, dass er, wenn er aus meinen Händen kommt, weder Anwalt noch Soldat noch Priester sein wird, sondern in erster Linie Mensch. Alles, was ein Mensch zu sein hat, wird er genau so sein wie jeder andere auch; und wenn das Schicksal ihn zwingt, seinen Platz zu wechseln, er wird immer an seinem Platz sein.

Aus : J. J. Rousseau: Emile oder über die Erziehung, Paderborn 1994 (3. Aufl.), S. 12

*

Menschliches Sein ist, wo sein Selbstbewußtsein wirklich erwacht ist, immer auch Suche nach Gesichtspunkten für

ein sinnvolles persönliches Verhalten, Streben nach einer Sinn- und Wertorientierung.

Hubertus Mynarek, Orientierung im Dasein

 



► Quelle: Humanistische AKTION für verantwortliche Menschlichkeit > Webseite > Artikel

► Buchtitel: "Wachstum an Menschlichkeit. Humanismus als Grundlage" > zur Vorstellung meines Buches

► Grafik: Wilfried Kahrs / QPress.de