Die weltweite Ungleichheit: immer exzessiver, immer unerträglicher.

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Die weltweite Ungleichheit: immer exzessiver, immer unerträglicher.
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Die weltweite Ungleichheit: immer exzessiver, immer unerträglicher.

von Conrad Schuhler / Leiter der Redaktion des Instituts für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung e.V.

thomas_piketty_facundo_alvaredo_lucas_chancel_emmanuel_saez_gabriel_zucman_die_weltweite_ungleichheit_world_inequality_report_2018_kritisches_netzwerk_vermoegensungleichheit.jpgDer „Weltungleichheitsbericht 2018“ der Ungleichheitsforscher Facundo Alvaredo, Lucas Chancel, Thomas Piketty, Emmanuel Saez und Gabriel Zucman: Die „soziale Frage“ ist global und sie wird immer dringlicher!

Dem neuen World Inequality Report ist ein Motto Thomas Pikettys vorangestellt: „Ungleichheit ist immer dann ein Problem, wenn sie exzessiv wird.“ Und exzessiv schwellen die Ungleichheiten von Einkommen und Vermögen global wie in den einzelnen Regionen und Nationen an. Das oberste 1% der Einkommensbezieher hat seit 1980 weltweit doppelt so stark vom Wachstum profitiert wie die unteren 50% der Weltbevölkerung.

Dennoch sind die Einkommen dieser ärmeren Hälfte vor allem dank des hohen Wachstums besonders in China und Indien deutlich gestiegen. Personen mit einem Einkommen zwischen den weltweit unteren 50% und dem oberen 1% erlebten ein schleppendes Einkommenswachstum und sogar ein Nullwachstum – zu dieser Gruppe zählen alle unteren und mittleren Einkommensgruppen in Nordamerika und Europa. Der Anteil des weltweit obersten 1% am Gesamteinkommen stieg zwischen 1980 und 2016 von 16 auf 22%. Die weltweit unteren 50% erzielen seit 1980 rund 9%. (A.a.O., S. 19)

Die Einkommensungleichheit entwickelt sich innerhalb der einzelnen Regionen in unterschiedlicher Geschwindigkeit. Im „Westen“ weisen die USA heute mit Abstand die größte soziale Ungleichheit auf. Noch 1980 erzielte das oberste 1% der Einkommensbezieher sowohl in Nordamerika wie in Westeuropa knapp 10% des Gesamteinkommens. In Westeuropa stieg er seitdem leicht auf 12%, in den USA schoss er auf 20% empor. In derselben Zeit sank der Anteil der unteren 50% der USA von gut 20 auf 13%. (15)

Klassifiziert man die einzelnen Regionen nach dem Anteil der oberen 10% am Gesamteinkommen, kommt man auf folgende Liste:

Europa 37%
China 41%
Russland 40%
USA / Kanada 47%
Subsahara - Afrika 54%
Brasilien 55%
Indien 61%
Naher Osten 61%
   
Quelle: Alvaredo u.a., S. 14

 

In Europa stieg der Anteil der Top-10 von 1980 bis 2016 von 33 auf 37%; in China von 28 auf 41%; in Russland von 21 auf 40%; in USA/Kanada von 34 auf 47%; in Indien von 31 auf 55%. Es bestätigt sich die relativ langsamere Zunahme der Ungleichheit in Europa; die große Zuspitzung in Nordamerika; die scharfe Vertiefung der sozialen Ungleichheit in Russland, die etwas Geringere, aber doch erhebliche Zunahme der Spaltung in China und Indien.

club_rich_geldadel_geldelite_geldherrschaft_milliardaere_multimillionaere_neofeudalismus_obere_zehntausend_plutarchie_plutokratie_reichenliste_reichtum_reichtumsherrschaft_kritisches_netzwerk.jpgGegen den Befund des Piketty-Teams einer wachsenden sozialen Ungleichheit läuft die neoliberale Publizistik Sturm. Im Handelsblatt weisen ifo-Chef Clemens Fuest und Andreas Peichl die Schlussfolgerungen jedenfalls für Deutschland zurück. (HB, 22.7.2018) Deutschland sei „ein Land mit moderater Einkommensungleichheit und einem stark ausgebauten Sozialstaat, der viel Geld umverteilt“. Diesem neoliberalen Propagandasatz stehen die Fakten entgegen: seit 1983 hat sich der Einkommensanteil des obersten 1% in Deutschland um 33% erhöht, der der unteren 90% um 12% verringert. (A.a.O., S. 161).

Die Kernaussagen des Ungleichheitsberichts gelten mithin für den Exportüberschuss-Weltmeister Deutschland genauso wie für die globale Wirtschaft. Dass sich das oberste 0,1% der Einkommensverteilung seit 1980 einen genauso großen Anteil am globalen Einkommenszuwachs gesichert hat wie die untere Hälfte der erwachsenen Weltbevölkerung, wirft nicht nur Fragen der Nachfrageentwicklung auf, sondern vor allem solche der Moral, der politischen Stabilitäten und Mobilisierungen. Würden die produktiven Möglichkeiten global sinnvoll genutzt und die Ergebnisse gerecht verteilt, könnten alle Menschen ihren Anlagen und Bedürfnissen entsprechend leben, sich entfalten, einander zuwenden. Ziehen aber die Reichen und Super-Reichen immer mehr des Einkommens an sich, dann wird das absolute und das relative Elend der zahlreichen Armen immer größer. Das steckt letzten Endes hinter der Formel von der „wachsenden Einkommensungleichheit“.

Alvaredo, Piketty und Co. gehen anhand ihrer Langzeit-Reihen davon aus, dass die weltweite Einkommensungleichheit weiter zunimmt: den Konvergenzkräften (rasches Wirtschaftswachstum in den Schwellenländern) stehen stärkere Divergenzkräfte (zunehmende Ungleichheit in den Ländern) gegenüber. (A.a.O., S. 435)

Die Autoren schlagen Maßnahmen zur Verringerung der Ungleichheit vor. Erstens wiederholen sie, dass eine progressive Besteuerung der Einkommen ein Mittel im Kampf gegen eine wachsende Einkommens- und Vermögensungleichheit ist. Umso schwerwiegender, dass die Steuerprogressivität seit den 1970er Jahren in den reichen Ländern deutlich verringert worden ist.

Zweitens soll es um die Bekämpfung der Steuervermeidung gehen. Gegenwärtig liegen in Steuerparadiesen Vermögen mit einem Wert von mehr als 10% des globalen BIP. Diese Offshore-Vermögen wachsen seit den 1970er Jahren deutlich. Auch wird es immer schwieriger, die Eigentümer finanzieller Vermögenswerte zu ermitteln. Ein globales Finanzregister müsse her, in dem Eigentümer von Aktien, Anleihen und anderen finanziellen Vermögenswerten festgehalten werden.

Drittens müsse der Zugang der unteren Hälfte der Bevölkerung zu Bildung und gut bezahlten Arbeitsplätzen erleichtert werden. In den USA erhalten von 100 Kindern, deren Eltern zu den unteren 10% der Einkommensverteilung gehören, nur 20 bis 30% eine Hochschulausbildung, während der entsprechende Anteil bei Kindern, deren Eltern den oberen 10% der Verteilung angehören, bei 90% liegt. Soziale Ungleichheit vererbt sich.

Viertens verweisen Piketty (siehe Foto) und Kollegen darauf, dass Investitionen in die Zukunft immer schwerer zu finanzieren sind, weil die öffentliche Hand in den reichen Ländern verarmt ist. Die Schwarze Null ist die Gewähr für die Zuspitzung der „sozialen Frage“.

thomas_piketty_3_weltweite_ungleichheit_weltungleichheitsbericht_world_inequality_report_verteilungsfrage_vermoegensverteilung_kritisches_netzwerk_neoliberalismus.jpg

Alle Vorschläge der internationalen Experten, wie die Ungleichheit zu bekämpfen wäre, laufen auf die Frage hinaus: Wem gehört der Staat? Nach wessen Interessen wird entschieden? Er ist heute in der Hand der großen Kapitale, dem Rendite-Fundament der Superreichen. Maßnahmen gegen die Ungleichheit sind nur zu erwarten, wenn deren Einfluss zurückgedrängt wird. Das ist einerseits banal – andererseits aber fundamental. Die Gegenüberstellung heißt: Hier die Monopolkapitale, dort die vielen, abhängig von ihrer Arbeit.

Conrad Schuhler
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"Die weltweite Ungleichheit: Der World Inequality Report 2018", herausgegeben von den Ungleichheitsforschern Facundo Alvaredo, Lucas Chancel, Thomas Piketty, Emmanuel Saez und Gabriel Zucman. C.H.Beck, München 2018. Klappenbroschur. 456 S., mit zahlreichen Grafiken und Tabellen. ISBN 978-3-406-72385-8. Broschur 20,00 €, e-Book 15,99 €.

Facundo Alvaredo ist Professor an der Paris School of Economics. Lucas Chancel ist Dozent an der Sciences Po und Kodirektor des World Inequality Lab.

Thomas Piketty ist Professor an der École des Hautes Études en Sciences Sociales. Piketty hat zuletzt als Autor des Beststellers «Das Kapital im 21. Jahrhundert» weltweite Aufmerksamkeit erlangt.

Emmanuel Saez und Gabriel Zucman arbeiten an der University of California, Berkeley.

► Kurzfassung (Quelle: https://www.chbeck.de/)

Einleitung

Teil I Das WID.world-Projekt und die Messung wirtschaftlicher Ungleichheit
 
Teil II Trends der globalen Einkommensungleichheit

1. Dynamiken der globalen Einkommensungleichheit
2. Trends der Einkommensungleichheit zwischen den Ländern
3. Trends der Einkommensungleichheit innerhalb der Länder
4. Einkommensungleichheit in den USA
5. Einkommensungleichheit in Frankreich
6. Einkommensungleichheit in Deutschland
7. Einkommensungleichheit in China
8. Einkommensungleichheit in Russland
9. Einkommensungleichheit in Indien
10. Einkommensungleichheit im Nahen Osten
11. Einkommensungleichheit in Brasilien
12. Einkommensungleichheit in Südafrika

Teil III Die Entwicklung von öffentlichem und privatem Kapital

1. Die Vermögens-Einkommens-Relationen weltweit
2. Die Entwicklung der aggregierten Vermögens-Einkommens-Relationen in den Industrieländern
3. Die unterschiedlichen Erfahrungen der ehemals kommunistischen Länder
4. Kapitalakkumulation, Privateigentum und wachsende Ungleichheit in China
5. Der Aufstieg des Privateigentums in Russland

Teil IV Die globale Entwicklung der Vermögensungleichheit

1. Globale Vermögensungleichheit: Trends und Projektionen
2. Trends der Vermögensungleichheit im weltweiten Vergleich
3. Vermögensungleichheit in den Vereinigten Staaten
4. Vermögensungleichheit in Frankreich
5. Vermögensungleichheit in Spanien
6. Vermögensungleichheit in Großbritannien

Teil V Maßnahmen gegen die wirtschaftliche Ungleichheit

1. Wie wird sich die Einkommensungleichheit in Zukunft weltweit entwickeln?
2. Maßnahmen gegen die zunehmende Ungleichheit an der Spitze: Die Schlüsselrolle einer progressiven Besteuerung
3. Steuerpolitik in einer globalen Wirtschaft: Argumente für ein globales Finanzregister
4. Maßnahmen gegen die Ungleichheit an der Basis: Wir brauchen einen gleichberechtigten Zugang zu Bildung und gut bezahlten Arbeitsplätzen
5. Eine Botschaft aus der Vergangenheit: Die Staaten sollten in die Zukunft investieren

Schluss
Anhang
Anmerkungen



► Quelle: Erstveröffentlicht am 21. Juli 2018 bei isw-München >> Artikel. Die Bilder u. Grafiken sind nicht Bestandteil des Originalartikels und wurden von KN-ADMIN Helmut Schnug eingefügt. Für sie gelten ggf. andere Lizenzen, s.u..

Mehr Informationen und Fragen zur isw:

isw – Institut für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung e.V.

Johann-von-Werth-Straße 3, 80639 München

Fon 089 – 13 00 41
Fax 089 – 16 89 415

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► Bild- und Grafikquellen:

thomas_piketty_facundo_alvaredo_lucas_chancel_emmanuel_saez_gabriel_zucman_die_weltweite_ungleichheit_world_inequality_report_2018_kritisches_netzwerk_vermoegensungleichheit.jpg1. Buchcover: "Die weltweite Ungleichheit: Der World Inequality Report 2018", herausgegeben von den Ungleichheitsforschern Facundo Alvaredo, Lucas Chancel, Thomas Piketty, Emmanuel Saez und Gabriel Zucman. Verlag C.H.Beck, München 2018. Klappenbroschur. 456 S., mit zahlreichen Grafiken und Tabellen. ISBN 978-3-406-72385-8. Broschur 20,00 €, e-Book 15,99 €.

In Paris wurde im Dezember 2017 der erste „World Inequality Report“ veröffentlicht, Ergebnis eines international einzigartigen Projekts zur Erfassung der Ungleichheit von Einkommen und Vermögen weltweit. Es ist ein gemeinschaftliches Großprojekt, das die Ungleichheitsforscher Thomas Piketty, Emmanuel Saez, Facundo Alvaredo, Gabriel Zucman und andere mit der World Wealth and Income Database (WID) ins Leben gerufen haben. Über 100 Ungleichheitsforscherinnen und –forscher weltweit bauen die Datenbank kontinuierlich aus und entwickeln sie weiter. Mittlerweile finden sich Daten zu Einkommen und Vermögen aus über 70 Ländern in der Datenbank – ein Meilenstein der ökonomischen Ungleichheitsforschung.

2. CLUB RICH - WE OWN YOU, WE OWN YOUR MONEY, WE RULE YOU - SERVE US. Grafik: johnhain / John Hain  •  Carmel/United States. Quelle: Pixabay. Alle bereitgestellten Bilder und Videos auf Pixabay sind gemeinfrei (Public Domain) entsprechend der Verzichtserklärung Creative Commons CC0. Das Bild unterliegt damit keinem Kopierrecht und kann - verändert oder unverändert - kostenlos für kommerzielle und nicht kommerzielle Anwendungen in digitaler oder gedruckter Form ohne Bildnachweis oder Quellenangabe verwendet werden. >> Grafik.

3. Thomas Piketty (* 7. Mai 1971 in Clichy-la-Garenne) breit angelegte Studie über das "Kapital im 21. Jahrhundert" wird gefeiert wie kein anderes Sachbuch in den vergangenen Jahren. Die Medien reißen sich um den 47-jährigen Wissenschaftler, der an der Paris School of Economics lehrt. Ausgebuchte Vorträge, Talkshows und Livestreams, Rezensionen in allen bedeutenden Zeitungen und Zeitschriften dieser Welt, von Science bis zur New York Times, vom Stern bis zur FAZ - das Interesse der Öffentlichkeit ist enorm. Die Financial Times nannte ihn den "Rockstar" unter den Ökonomen, das Wirtschaftsmagazin Business Week sprach von "Pikettymania“.

Pikettys Thema ist die Ungleichheit, über die er seit zwei Jahrzehnten forscht. Mit 22 Jahren schrieb der 1971 im Pariser Vorort Clichy geborene Piketty seine Doktorarbeit zur Verteilung des Wohlstands in Frankreich, die zur besten des Jahres 1993 in Frankreich gekürt wurde. Zwischen 1993 und 1995 lehrte er in den USA am prestigereichen Massachussetts Institute of Technology (MIT). Seit 2000 unterrichtet Piketty in der "École des Hautes Études en Sciences Sociales" in Paris und gehörte 2006 zu den Gründern der "Pariser School of Economics", an der er bis heute lehrt und forscht.

Foto aufgenommen im "Auditório Araújo Vianna", Porto Alegre - RS, 90035-191, Brasilien - 28. September 2017. Urheber / Photo Credit / Crédito das imagens: Fronteiras do Pensamento / Luiz Munhoz. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 Generic (CC BY-SA 2.0).