Lehrerzimmer: „Verwahrlosungspädagogik“
schadet Kindern und der Wirtschaft
»Schulen sind nicht mehr rein für die Bildung zuständig,
sondern letztlich als Sozialamt, Integrationsbehörde, Therapiezentrum.«
»Schule verlieren ihren Kernbereich aus den Augen.
Der Kernbereich von Schule ist Unterricht und da
sollte bildungspolitisch der Fokus drauf gelegt werden.«
»Schulen und Ausbildungsbetriebe werden zunehmend
als gesellschaftlicher Reparaturbetrieb wahrgenommen.«
Kerstin Kramer im Gespräch mit Prof. Bernhard Krötz und Jens-Peter Mickmann
– mit einem Beitrag von Rommy Arndt
Mit interessanten Gästen und Menschen aus der Praxis sprechen wir hier darüber, was in unseren Schulen und Kindergärten so los ist und wir geben Einblicke in die neuesten Entwicklungen rund um Erziehung, Pädagogik und Bildungspolitik in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Lesen, Schreiben und Rechnen werden zunehmend zur schulischen Nebensache, verdrängt von immer neuen pädagogischen Moden. Die Folge: Schulabgänger, die trotz Abschluss nicht ausbildungsfähig sind.
Ausbilder klagen über fehlende Grundkompetenzen im Schreiben, Rechnen und Lesen der Schulabgänger. Gleichzeitig werden die Leistungsstandards in den Schulen immer weiter abgesenkt. Jüngstes Beispiel: Die geplante Abschaffung des schriftlichen Dividierens in niedersächsischen Grundschulen, die bundesweit für Diskussion gesorgt hat. Ist das eine notwendige Modernisierung oder ein weiteres Signal des Anspruchsverlusts? Mit Prof. Bernhard Krötz sprechen wir über die jüngste Idee in Niedersachsen.

Der Wirtschaftspädagoge Jens-Peter Mickmann zeigt, welche Auswirkung diese Bildungsnivellierung für den Arbeitsmarkt hat.
»Die Schüler kommen mit multiperspektiven Problemen in die Schule. Das können soziale Probleme sein, das können familiäre Probleme sein. Da sind Probleme, dass sie im psychischen Bereich möglicherweise labil sind, dass sie aus Elternhäusern kommen, die so wie man sich das grundlegend vorstellt, eben nicht strukturiert sind, sprachliche Probleme, kulturelle Probleme – alles das findet sich im Klassenzimmer und muss dann von den Lehrkraften und auch von den Mitschülerinnen und Mitschülern kompensiert werden. Und das ist schon eine enorme Aufgabe, die eben nicht zielführend dafür ist, guten Unterricht zu praktizieren. Die Bildungspolitik betreibt hier eine Symbolpolitik, indem sie Programme auflegt, aber nicht auf den Kern des Problems blickt und das ist eben die Organisation eines funktionierenden und guten Unterrichts. [..]

Es muss die Priorität auf den Unterricht selbst gelegt werden, dass die Stoffvermittlung stattfindet, dass die Lehrer den pädagogischen Freiraum bekommen, ihre pädagogischen Kompetenzen und guten Unterricht zu organisieren – auch selbstbestimmt organisieren können, ohne zusätzlich von außen über Verwaltung, über Schulleitung, über Verwaltungsaufgaben weiter an der Stelle eingeengt zu werden.
Bildungspolitik sollte den Fokus drauf legen, den Unterricht in den Fokus zu stellen und nicht Bildungspolitik als Haushaltspolitik begreifen, wo Einsparpotentiale möglich sind, im haushaltischen Bereich, wo zum Teil auch politisch-ideologisch-motivierte Konzepte, Gesamtschulen und Einheitsschulen und eben nicht die Differenzierung der Schülerinnen und Schüler in den Fokus zu nehmen, sondern dass man tatsächlich Bildung als Bildung in Schule mit gutem Unterricht begreift.[..]

»[..] Eine Unterrichtsstunde hat 45 Minuten. Die Schule ist kein lebensferner Raum, sondern in Schule findet natürlich die gesamte Gesellschaft statt. Sie haben das angedeutet. Das heißt, im Klassenzimmer in den 45 Minuten prallen Kulturen aufeinander. Also letztlich in den Aufgaben soziale Aufgaben, dann integrative Aufgaben, dann Fragen der Kompensation von Problemen aus den Elternhäusern, dann die Frage Werte und Normen, der Umgang, der zwischenmenschliche Umgang miteinander.
Alles das reduziert die 45 Minuten in einem hohen Maße und diese Zeit, die fehlt also zur Stoffvermittlung und damit auch zur Entwicklung von Basiskompetenzen und von Kompetenzen, die im dualen System oder auch an Universitäten gefordert sind.« [..]

Die Grundschule, deswegen heißt sie auch Grundschule, soll auch die grundlegenden Kompetenzen erstmal darlegen und das heißt für mich lesen, schreiben, rechnen, Konzentrationsfähigkeiten, die Frage der Selbstorganisation, bringe ich meine Schulsachen mit, die ganz einfachen Dinge, bin ich pünktlich, wie verhalte ich mich im Unterricht störend oder nicht störend, – all diese Dinge, die müssen grundlegend in Grundschulen gelegt werden, um dann in den weiterführenden Schulen auch erfolgreich sein zu können.[..]«

Kontrafunk-Moderatorin Rommy Arndt gibt einen Einblick in ihre Schulzeit. (Komplette Sendung - Gesamtdauer 55:32 Min.) >> weiter.
00:00 Moderation Kerstin Kramer
02:07 Bernhard Krötz: Mathematik braucht Substanz, nicht Vereinfachung
25:52 Jens-Peter Mickmann: Fachkräftemangel beginnt im Klassenzimmer
42:17 Rommy Arndt: Schule früher
48:51 Verabschiedung Kerstin Kramer
Hier die hörenswerten (!) Einzelbeiträge:
Prof. Bernhard Krötz: Mathematik braucht Substanz, nicht Vereinfachung (Dauer 23:27 Min.) >> weiter.
Dipl.-Hdl. Jens-Peter Mickmann: Fachkräftemangel beginnt im Klassenzimmer (15:49 Min.) >> weiter.
Rommy Arndt: Schule früher (Dauer 6:01 Min.) >> weiter.
Hinweis: Logo des Alternativmediums KONTRAFUNK: Copyright ©️ KONTRAFUNK. Die Veröffentlichung des Logos auf dieser Seite erfolgt aus redaktionellem Grund, nämlich der Verbreitung von einem der zahllosen hörenswerten Rundfunkbeiträgen. Die alleinigen Rechte verbleiben selbstverständlich bei "KONTRAFUNK" >> https://kontrafunk.radio/de/.
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1. Gestresster, überforderter Lehrer. Engagierte Lehrkräfte und Schulleitungen werden verschlissen, weil von ihnen die entsprechenden konzeptionellen Überlegungen zusätzlich zu ihrer normalen Arbeit erwartet werden. Der Lehrerberuf ist für viele längst kein Traumberuf mehr. Foto: stockking. Quelle: freepik >> https://de.freepik.com/ . Freepik-Lizenz: Die Lizenz erlaubt es Ihnen, die als kostenlos markierten Inhalte für persönliche Projekte und auch den kommerziellen Gebrauch in digitalen oder gedruckten Medien zu nutzen. Erlaubt ist eine unbegrenzte Zahl von Nutzungen, unbefristet von überall auf der Welt. Modifizierungen und abgeleitete Werke sind erlaubt. Eine Namensnennung des Urhebers (stockking) und der Quelle (Freepik.com) ist erforderlich. >> Foto.
2. Bildungsrepublik Deutschland? Was die Kultusministerkonferenz (KMK) gegen den grassierenden und in solchen Ausmaßen nie dagewesenen Lehrermangel an Deutschlands Schulen zu unternehmen gedenkt, ist Widersinn im Quadrat. Die Devise: Alles, was die Misere herbeigeführt hat, soll jetzt aus der Misere führen. Foto OHNE Textinlet: stockking. Quelle: freepik >> https://de.freepik.com/ . Freepik-Lizenz: Die Lizenz erlaubt es Ihnen, die als kostenlos markierten Inhalte für persönliche Projekte und auch den kommerziellen Gebrauch in digitalen oder gedruckten Medien zu nutzen. Erlaubt ist eine unbegrenzte Zahl von Nutzungen, unbefristet von überall auf der Welt. Modifizierungen und abgeleitete Werke sind erlaubt. Eine Namensnennung des Urhebers (stockking) und der Quelle (Freepik.com) ist erforderlich. >> Foto. Der Text wurde von Helmut Schnug in das Foto eingearbeitet.
3. Bier statt Bildung: »Wer nur auf Leistung setzt, produziert Bildungsidioten. Gelernt wird nur für die Prüfung, Zusammenhänge interessieren nicht. Sozialkompetenz mangelhaft, Selbstdenken ist unerwünscht. Deshalb: Bildung ist gut, aber kühles Bier ist guter!« (H.S.). Foto OHNE Textinlet: jlamping / Jay Lamping, Honolulu/USA (user_id:8437383). Quelle: Pixabay. Alle Pixabay-Inhalte dürfen kostenlos für kommerzielle und nicht-kommerzielle Anwendungen, genutzt werden - gedruckt und digital. Eine Genehmigung muß weder vom Bildautor noch von Pixabay eingeholt werden. Auch eine Quellenangabe ist nicht erforderlich. Pixabay-Inhalte dürfen verändert werden. Pixabay Lizenz. >> Foto. Der Text wurde von Helmut Schnug in das Bild eingearbeitet.
4. Lehrerberuf heute: Die Arbeitsbelastung ist hoch, das Gehalt häufig nicht. Man trägt viel Verantwortung für die Kinder und muss sich trotzdem mit nervigen Eltern herumschlagen. Kein Wunder, dass einige Lehrer ihren Dienst innerlich längst quittiert haben.
Im Regelfall sieht jeder nur die Schulstunden, die Lehrkräfte leisten. Die Arbeit drumherum, die Vorbereitung und die Nachbereitung geschehen ja in Abwesenheit der Öffentlichkeit. Immer wieder weisen Lehrer und Professoren darauf hin, dass das Schulstundenkontigent massiv steige — und kaum noch sorgfältig gearbeitet werden könne. 20 Schulstunden in der Woche gelten bereits als hohe Belastung — insbesondere an höheren Schulen —, weil man mindestens nochmal 20 Stunden an flankierender Zeit rechnen muss. An Grundschulen kommen sogar Stundenkontingente von 28 Stunden vor.
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5. Genervte Lehrerin: Ich bin Lehrerin und mag meinen Beruf. Ich liebe die meisten Kinder, aber ich verfluche die vielen bekloppten Eltern. Wenn ich einem Schüler sage "Ich weiß, dass du das besser kannst", meine ich das nicht immer so. Ich will nur, dass das Kind an sich selbst glaubt und aufhört, mir durch dessen Eltern ständig Ärger zu machen.
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