ANF NEWS (Firatnews Agency) - kurdische Nachrichtenagentur

ANF NEWS (Firatnews Agency) - kurdische Nachrichtenagentur  Feed abonnieren
ANFDeutsch
Aktualisiert: vor 38 Minuten 4 Sekunden

Ilham Ehmed und Mazlum Abdi reisen nach Damaskus

24. August 2026 - 16:00

Ilham Ehmed, Ko-Außenbeauftragte der Demokratischen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien (DAANES), und der Oberkommandierende der Demokratischen Kräfte Syriens (QSD), Mazlum Abdi, reisen heute zu Gesprächen nach Damaskus.

Nach vorliegenden Informationen werden Ehmed und Abdi mit Vertretern der syrischen Übergangsregierung zusammentreffen. Im Mittelpunkt der Gespräche sollen verschiedene Fragen im Zusammenhang mit dem laufenden Integrationsprozess stehen.

Weitere Einzelheiten zu den geplanten Gesprächen wurden zunächst nicht bekannt.

https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/mazlum-abdi-integration-der-institutionen-tritt-in-neue-phase-52480 https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/ruckkehr-nach-serekaniye-von-angriffen-uberschattet-52414 https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/rojava-und-damaskus-integration-stosst-an-ihre-grenzen-52460

 

Kategorien: Externe Ticker

„Unser Schmerz ist groß, aber wir tragen den Kopf hoch“

24. August 2026 - 11:00

Drei Tage lang saßen Frauen hinter dem mit Blumen geschmückten Bild von Şervan Partîzan (Bawer Arşimet), dessen Tod vor wenigen Tagen bekanntgegeben worden war. Sie nahmen Beileidsbekundungen entgegen, sprachen mit den Menschen, die in den Koşuyolu-Park in Amed (tr. Diyarbakır) kamen, und hielten den Platz frei, an dem eigentlich seine Mutter hätte sitzen können.

Fatma Arşimet konnte nicht kommen. Die ehemalige Ko-Bürgermeisterin von Payas (Kayapınar) befindet sich in Haft und verbüßt eine sechsjährige Gefängnisstrafe. Damit konnte sie weder an der Trauerfeier für ihren Sohn Şervan Partîzan noch zuvor an der für ihre Tochter Berjîn teilnehmen.

Berjîn hatte sich 2014 der kurdischen Freiheitsbewegung angeschlossen und kam 2023 bei Gefechten in der Zap-Region ums Leben. Ihr Bruder folgte ihr später in die Guerilla. Nach den jetzt veröffentlichten Angaben kam er 2024 bei Auseinandersetzungen in Şêlazê bei Metîna ums Leben.

Während der dreitägigen Trauerfeiern für die kürzlich bekanntgegebenen Gefallenen übernahmen deshalb Mitglieder der Initiative der Friedensmütter die Rolle Fatma Arşimets. Für sie war dies keine Vertretung im eigentlichen Sinne. „Kein Gefallener Kurdistans ist ohne Angehörige“, sagt die Friedensmutter Kudret Eryılmaz.

„Weder ihr Sohn noch ihre Tochter sind allein“

„Weil Fatma heute nicht draußen ist, haben wir ihren Platz eingenommen. Weder ihr Sohn noch ihre Tochter sind allein. Sie sind nicht nur ihre Kinder, sondern Kinder des gesamten kurdischen Volkes. Sie soll deshalb unbesorgt sein“, sagt Eryılmaz. Auch sie selbst hat zwei Kinder im Krieg verloren. „Wir haben unseren Kindern ein Versprechen gegeben: Bis zu unserem letzten Blutstropfen werden wir hinter ihnen und ihrer Sache stehen. Was auch geschieht – wir haben ihnen dieses Versprechen gegeben.“

Die vergangenen Tage im Koşuyolu-Park seien schwer gewesen. Zugleich habe die große Beteiligung gezeigt, wie sehr die Familien gesellschaftlich getragen werden. Tausende Menschen aus Amed und anderen Städten besuchten die Gedenkfeiern. „Diese Trauer ist für uns sehr schwer, aber wegen unserer Kinder tragen wir trotzdem den Kopf hoch“, sagt Eryılmaz. „Die Menschen in Amed haben sich ihrer Gefallenen und ihrer Kinder angenommen. Sie waren hier und haben die Familien nicht allein gelassen.“ Besonders an die kurdischen Mütter richtet sie den Appell, zusammenzustehen: „Wir müssen uns die Hände reichen und gemeinsam handeln. Keinen unserer Menschen dürfen wir allein lassen.“

„Sonst würde heute niemand über die kurdische Frage sprechen“

Für Eryılmaz stehen die Verluste zugleich in unmittelbarem Zusammenhang mit der heutigen politischen Situation und der erneuten Suche nach einer Lösung der kurdischen Frage. „Wenn die kurdischen Jugendlichen sich nicht vor dieses Feuer gestellt hätten, würde heute auch die kurdische Frage nicht am Tisch verhandelt“, sagt sie. Dass die kurdische Bevölkerung und ihre Forderungen inzwischen international wahrgenommen werden, sei Ergebnis dieses jahrzehntelangen Kampfes. Insbesondere nach dem Widerstand von Kobanê habe die Welt die Kurd:innen und ihre Forderungen wahrgenommen. „Unser Schmerz ist groß, aber zugleich sind wir voller Hoffnung und tragen den Kopf hoch“, sagt Eryılmaz.

Hoffnung auf Frieden

Am Ende ihrer drei Tage im Koşuyolu-Park richtet die Friedensmutter Kudret Eryılmaz den Blick auf den gegenwärtigen Friedensprozess. Was über Jahrzehnte hinweg immer neue Familien in Trauer gestürzt habe, müsse nun ein Ende finden. „Möge dieser Prozess zu etwas Gutem führen und erfolgreich sein. Möge Frieden in dieses Land kommen und der Schmerz in den Herzen der Mütter enden. Die Tränen sollen aufhören zu fließen. Unsere Kinder, die noch leben, sollen in einem freien und friedlichen Land leben können. Das ist unser größter Wunsch.“

https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/arkas-der-heutige-friedensprozess-ist-auch-das-vermachtnis-der-gefallenen-52505 https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/veysi-aktas-bei-gefallenengedenken-wir-werden-sie-niemals-vergessen-52502 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/trauernde-in-amed-wir-wollen-keine-weiteren-trauerfeiern-52492

 

Kategorien: Externe Ticker

Newala Qesaba ist unser Gedächtnis, Egîd unsere Geschichte des Widerstands

24. August 2026 - 11:00

Als wir bei Nûmedya24 lasen, dass auf dem Gelände von Newala Qesaba erneut Baumaschinen im Einsatz sind, dachten wir: Es gibt kaum ein Bild, das die Zeit, in der wir leben, deutlicher beschreiben könnte.

Auf der einen Seite ist von Frieden, einer Lösung, einer demokratischen Gesellschaft und einem neuen politischen Abschnitt die Rede; den Kurd:innen wird ein neuer rechtlicher und politischer Rahmen in Aussicht gestellt. Auf der anderen Seite arbeiten Baumaschinen an einem der bedeutendsten Erinnerungsorte der Kurd:innen.

Und das ausgerechnet in den Tagen, in denen sich die historische Bedeutung des 15. August mit voller Wucht in Erinnerung ruft.

Wir können nicht beweisen, dass dies bewusst auf dieses Datum gelegt wurde. Das müssen wir auch nicht. Denn das politische Bild, das dadurch entsteht, spricht für sich.

Zu glauben, ein Staat, der über eine jahrhundertealte Regierungstradition, institutionelles Gedächtnis, umfangreiche Archive und einen mächtigen Sicherheitsapparat verfügt und genau weiß, welche Bedeutung Symbole besitzen, wisse nicht, was Newala Qesaba für die Kurd:innen bedeutet, wäre naiv.

1989 ging der Journalist Günay Aslan dem ersten Hinweis nach, den er von dem damaligen Vorsitzenden der SHP in Sêrt, Rechtsanwalt Zübeyir Aydar, erhalten hatte. Er sprach mit Zeug:innen, sammelte Dokumente und machte Newala Qesaba in der Zeitschrift 2000’e Doğru erstmals einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Später veröffentlichte er das Buch Üniformalı Kasaplar („Die uniformierten Metzger“) und hielt die Geschichte des Ortes fest. Musa Anter griff Newala Qesaba in seiner Lyrik auf, Ilkay Akkaya machte sie mit ihrer Stimme zur Totenklage einer ganzen Generation. Murat Kocaman und seine Mitstreiter:innen drehten den Dokumentarfilm Mirî û Jî Sax (Tot und doch lebendig).

Bei den ersten Ausgrabungen im Jahr 1989 wurden die sterblichen Überreste von acht Menschen geborgen, bevor die Arbeiten eingestellt wurden. Familien verlangten über Jahre hinweg die Herausgabe der Gebeine ihrer Angehörigen. Menschenrechtsorganisationen recherchierten, dokumentierten und veröffentlichten Berichte. Gerichtsverfahren wurden angestrengt. 2011 protestierten Menschen dagegen, dass die Gräber mit Baggern geöffnet werden sollten. 2014 wurden bei Straßenbauarbeiten erneut menschliche Gebeine freigelegt.

Dort liegt auch Egîd

Auch im Jahr 2026 sprechen wir wieder über Bagger. Das zeigt: Das Problem ist nicht, dass Newala Qesaba vergessen wurde. Das Problem ist vielmehr, dass ein Ort, der nicht vergessen wurde, vergessen gemacht werden soll.

Die IHD-Sektion Sêrt hat erneut unmissverständlich formuliert, was jetzt geschehen muss: Das Gelände muss unter Schutz gestellt, sämtliche Bauarbeiten eingestellt und seine Grenzen eindeutig festgelegt werden. Auf Grundlage des Minnesota-Protokolls müssen unabhängige und wissenschaftlich begleitete Ausgrabungen erfolgen. Die geborgenen sterblichen Überreste müssen mittels DNA-Analysen identifiziert und ihren Angehörigen übergeben werden.

Es gibt also keine unbekannte Wahrheit. Auch darüber, was zu tun wäre, besteht Klarheit. Die eigentliche Frage lautet vielmehr, warum trotz all dieses Wissens noch immer Bagger nach Newala Qesaba fahren.

Denn unter dieser Erde liegen nicht nur Knochen. Dort ruhen die Erinnerungen der Armenier:innen und Chaldäer:innen. Dort liegen die unvollendeten Geschichten jener Kurd:innen, die nach ihrer Festnahme verschwanden, getötet wurden oder nach ihrem Tod in den Kämpfen hierhergebracht worden sein sollen. Dort warten Familien, die seit Jahrzehnten darauf hoffen, die Gebeine ihrer Angehörigen berühren und an einem Grab trauern zu können.

Und dort liegt auch Egîd.

Die Familie von Egîd Mahsum Korkmaz, Zeitzeug:innen und Menschenrechtsorganisationen weisen seit Jahren darauf hin, dass auch er dorthin gebracht worden sein soll. Seine Angehörigen warten bis heute darauf, die sterblichen Überreste Egîds und seines jüngeren Bruders Veysi, der in Sason gefallen ist, in Empfang nehmen und bestatten zu können.

Egîd ist nicht irgendein Name. Er gehört zu den prägenden Symbolfiguren der kurdischen Widerstandsgeschichte der vergangenen fünfzig Jahre. In der Erinnerung einer ganzen Generation steht er nicht nur für einen Menschen, sondern für einen historischen Einschnitt, für einen politischen Willen und für eine entscheidende Phase, in der die Kurd:innen den Anspruch erhoben, ihre eigene Zukunft selbst zu gestalten.

Auch der 15. August ist nicht irgendein Datum. Deshalb kann niemand erwarten, dass wir den Bagger, der nach Newala Qesaba fährt, lediglich als eine Baumaschine betrachten.

Heute erleben wir eine Phase, in der die historischen Grundlagen der Ersten Republik unter dem Druck globaler und regionaler Entwicklungen neu geordnet werden. Der Staat versucht erneut, die historische Last der kurdischen Frage beim Übergang in eine neue politische Ordnung den Kurd:innen aufzubürden. Zugleich wird eine umfassende Politik der Liquidierung vorangetrieben, die darauf abzielt, die politischen, organisatorischen und erinnerungskulturellen Grundlagen der Kurd:innen zu untergraben.

Liquidierung bedeutet nicht nur die Zerschlagung von Menschen oder Organisationen. Auch das Gedächtnis eines Volkes kann ausgelöscht werden. Die Bedeutung seiner Symbole kann entleert, historische Orte können beseitigt und die Verbindung eines Volkes zu den Begriffen, mit denen es seine eigene Geschichte erzählt, geschwächt werden. Es kann dazu gedrängt werden, sich von seiner Vergangenheit zu distanzieren, seine Toten zurückzulassen und seine Geschichte im Vokabular anderer neu zu lesen.

Und all dies kann als Erfordernis einer „neuen Epoche“ präsentiert werden.

Genau hier setzt unser Widerspruch an. Ein Ansatz, der die gesamte historische Last der Lösung der kurdischen Frage den Kurd:innen aufbürdet, die Verantwortung des Staates jedoch weitgehend aus der Debatte ausklammert, der von den Kurd:innen Veränderung, Anpassung und Verzicht verlangt, dieselben Fragen aber nicht an den Staat richtet, wird keinen Frieden hervorbringen.

Frieden heißt nicht vergessen

Das kurdische Volk muss nicht erneut beweisen, dass es Frieden will. Dieses Volk weiß, was Krieg bedeutet. Es kennt den Tod. Es kennt Gefängnisse, Exil, niedergebrannte Dörfer, ungeklärte Morde und das Schicksal der Verschwundenen. Es weiß auch, wie Prozesse, die unter dem Versprechen des Friedens begonnen haben, enden können. Gerade deshalb will es Frieden.

Aber Frieden heißt nicht vergessen. Frieden heißt nicht, sich der eigenen Vergangenheit zu schämen. Frieden heißt nicht, die Toten zurückzulassen. Und Frieden heißt erst recht nicht, eine Straße über das historische Gedächtnis eines Volkes zu bauen.

Genau hier richtet sich unser Wort an den Staat: Lest uns nicht falsch. Glaubt nicht, dass unser Wunsch nach Frieden bedeutet, wir seien bereit zu vergessen. Interpretiert nicht unsere Bereitschaft, über die Zukunft zu sprechen, als Bereitschaft, unsere Vergangenheit aufzugeben. Verwechselt Schweigen nicht mit Zustimmung. Verwechselt Besonnenheit nicht mit Unterwerfung. Und verwechselt die Suche nach politischen Lösungen nicht mit Gedächtnislosigkeit.

Vor allem aber reduziert all dies nicht auf eine emotionale Reaktion. Wir sehen, dass sich die Welt verändert. Wir sehen, dass sich die Region verändert. Wir sehen, dass sich Machtverhältnisse und geostrategische Konstellationen neu ordnen. Gerade weil wir all das sehen, weigern wir uns, uns von unserer eigenen Wirklichkeit zu entfernen oder unser Gedächtnis preiszugeben. Die Welt zu verstehen, ist das eine. Die Veränderungen in der Welt zum Vorwand zu nehmen, um sich der eigenen Geschichte zu entfremden, etwas völlig anderes.

Wir wissen, was Newala Qesaba ist. Wir kennen die Zeugnisse darüber, wer unter dieser Erde liegt. Wir wissen, was die Familien fordern. Wir wissen, was Egîds Familie seit Jahren sagt. Und ihr wisst es ebenfalls.

Es geht also längst nicht mehr darum, etwas zu wissen. Es geht darum, was ihr tut, obwohl ihr all das wisst.

Ihr steht keiner gedächtnislosen Gesellschaft gegenüber

Dieses Volk hat die Logik staatlicher Herrschaft nicht aus Büchern gelernt. Es hat sie in seiner eigenen Geschichte erfahren. Es hat Verleugnung und Assimilation erlebt, Vertreibung, Gefängnisse, zerstörte Dörfer, außergerichtliche Hinrichtungen und das gewaltsame Verschwindenlassen von Menschen. Ihr steht also keiner gedächtnislosen Gesellschaft gegenüber. Nehmt das zur Kenntnis.

Doch heute müssen wir auch auf uns selbst blicken. Wir dürfen weder die Orientierungslosigkeit ignorieren, die sich im kurdischen politischen Raum ausbreitet, noch die Art und Weise, wie wir uns gegenseitig aufreiben. Ebenso wenig dürfen wir hinnehmen, dass wir einander lieber aus einzelnen Sätzen Vorwürfe konstruieren, als gemeinsam neue Ideen zu entwickeln.

Die sozialen Medien sind zum hässlichsten Spiegel dieser Entwicklung geworden. In einem Klima, in dem Unterschiede allzu schnell in Feindschaft umschlagen und Menschen wegen weniger Sätze zu Verräter:innen, Kapitulant:innen, Nationalist:innen oder Kollaborateur:innen erklärt werden, können wir einer historischen Phase wie der gegenwärtigen nicht gerecht werden.

Dass Staaten auf psychologische Kriegsführung, Desinformation, Manipulation, Agentenführung und die gezielte Vertiefung gesellschaftlicher Spaltungen setzen, ist keine neue Erkenntnis. Die Antwort darauf kann jedoch nicht darin bestehen, hinter jeder abweichenden Meinung eine dunkle Macht zu vermuten.

Die Antwort heißt politische Reife. Sie heißt strategisches Denken. Sie heißt Perspektive. Denn manchmal genügt es, ein Volk gegeneinander aufzubringen – man muss es nicht einmal besiegen, um es zu schwächen.

Gerade deshalb müssen wir heute aufhören, unsere Kräfte gegeneinander zu richten, und den Blick auf das Wesentliche richten. Newala Qesaba ist eines dieser zentralen Themen.

Auch die kurdische Politik muss sich hier einer unbequemen Frage stellen. Es wäre falsch zu behaupten, für Newala Qesaba sei nichts getan worden. Im Gegenteil: Menschen haben gekämpft, Familien haben Widerstand geleistet, Journalist:innen haben recherchiert und geschrieben, Künstler:innen haben ihre Stimmen erhoben, und Menschenrechtsverteidiger:innen haben den Fall über Jahrzehnte hinweg begleitet.

Wenn dennoch siebenunddreißig Jahre später erneut Bagger nach Newala Qesaba fahren können, dann müssen wir uns der politischen Tragweite dieser Tatsache stellen. Newala Qesaba muss wieder auf die Tagesordnung der kurdischen Politik gesetzt werden – nicht als Erklärung für einen einzigen Tag, nicht als kurzfristiges Thema in den sozialen Medien, sondern mit dem ganzen historischen Gewicht, das dieser Ort trägt.

Wenn der Staat tatsächlich von einer neuen Epoche und gesellschaftlichem Frieden spricht, dann ist der erste Schritt denkbar einfach: Die Baumaschinen müssen gestoppt werden. Die Forderungen der IHD-Sektion Sêrt müssen umgesetzt und der Weg für die Aufklärung der Wahrheit freigemacht werden.

Niemand soll erwarten, dass wir Egîds Geschichte aufgeben

Denn manchmal gibt es einen Maßstab, der stärker ist als alle großen Friedenstheorien: Wenn eine Mutter die Gebeine ihres Kindes zurückfordert, kann der Staat ihr keinen Asphalt entgegenhalten.

Wir werden über den Frieden sprechen. Über unsere Zukunft. Wir werden über unsere eigene Politik diskutieren – über unsere Fehler ebenso wie über unsere Irrwege. Auch über jene Sprache, mit der wir uns gegenseitig aufreiben.

Über eines aber werden wir nicht diskutieren: darüber, dass unsere Toten vergessen werden sollen. Denn der Preis des Friedens kann nicht das Gedächtnis sein. Ihr könnt Straßen darüber bauen, Erde darüber schütten, Karten neu zeichnen und Bebauungspläne beschließen. Aber ihr werdet uns nicht zum Vergessen bringen.

Niemand soll erwarten, dass wir Newala Qesaba vergessen. Niemand soll erwarten, dass wir Egîds Geschichte aufgeben. Niemand soll glauben, der Preis des Friedens sei unser Gedächtnis. Und kein politischer Prozess, kein Gesetz und kein politisches Kalkül darf von uns verlangen, auf die Werte zu verzichten, die unser Widerstand hervorgebracht hat.

Davon werden wir keinen einzigen Schritt abrücken.

Das solltet ihr über uns wissen.

https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/-47716 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/-50637 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/-31676

 

Kategorien: Externe Ticker

Kerem Gök: Dortmund soll gemeinsames Zeichen für Kultur, Identität und Frieden setzen

24. August 2026 - 9:00

Wenige Tage vor dem 34. Internationalen Kurdischen Kulturfestival in Dortmund hat der Ko-Vorsitzende von KON-MED, Kerem Gök, die kurdische Gemeinschaft und ihre Organisationen in Europa zur breiten Teilnahme aufgerufen. Das seit 1992 veranstaltete Festival habe in diesem Jahr angesichts des von Abdullah Öcalan angestoßenen Prozesses für Frieden und eine demokratische Gesellschaft eine besondere Bedeutung.

Gök verwies auf die politischen Umbrüche im Nahen Osten und bezeichnete eine demokratische und friedliche Lösung der kurdischen Frage als einen entscheidenden Faktor für die Zukunft der Region. Der von Öcalan eingeleitete Prozess betreffe deshalb nicht allein die Türkei, sondern die kurdische Bevölkerung insgesamt und den gesamten Nahen Osten.

 


„Wir durchlaufen heute einen historischen Prozess. Die demokratische und friedliche Lösung der kurdischen Frage ist eine der grundlegenden Fragen, die den Weg für dauerhaften Frieden und ein demokratisches Leben in der Region öffnen können“, erklärte Gök. Es gehe nicht darum, die Entwicklung lediglich zu verfolgen: „Unser Ziel ist es, darauf mit einem starken gesellschaftlichen Willen zu antworten.“

Festival seit 34 Jahren gegen Assimilation und Verleugnung

Das Internationale Kurdische Kulturfestival zählt zu den größten regelmäßigen Zusammenkünften der kurdischen Diaspora in Europa. Gök erinnerte daran, dass es seit 34 Jahren einen Raum biete, in dem sich die kurdische Bevölkerung gegen Assimilation, kulturelle Verleugnung und die Negierung ihrer Identität behauptet. Das diesjährige Treffen in Dortmund habe vor diesem Hintergrund eine besondere Aufgabe. Kultur und die Forderung nach Frieden könnten nicht voneinander getrennt betrachtet werden. Gleichzeitig seien die kulturellen Inhalte ausgebaut und neue Möglichkeiten geschaffen worden, kurdische Sprache und Identität sichtbar zu machen.

Gök rief insbesondere dazu auf, die Vielfalt Kurdistans auf dem Festival abzubilden: „Von Bakur über Başûr und Rojava bis Rojhilat müssen alle Farben Kurdistans in Dortmund sichtbar werden. Der Reichtum und die Stärke des kurdischen Volkes liegen gerade darin, dass diese Unterschiede in einem gemeinsamen demokratischen Willen zusammenkommen.“ Kinder, Jugendliche, Frauen und alle anderen gesellschaftlichen Gruppen sollten mit ihrer Sprache, ihrer Kleidung und ihrer Kunst sowohl auf den Bühnen als auch auf dem Festivalgelände präsent sein.

„Das Festival gemeinsam tragen“

Der Vorsitzende des Dachverbands wandte sich zugleich an kurdische Institutionen, politische Strukturen sowie Frauen- und Jugendorganisationen in Deutschland. Das Festival dürfe nicht als Veranstaltung einzelner Organisationen verstanden werden, sondern müsse von der kurdischen Gemeinschaft in Europa gemeinsam getragen werden. „Lasst uns am 5. September in Dortmund zusammenkommen. Lasst uns die Kultur, Sprache und Identität des kurdischen Volkes gemeinsam lebendig halten und unsere Unterstützung für den Prozess für Frieden und eine demokratische Gesellschaft kraftvoll zum Ausdruck bringen“, so Gök.

https://deutsch.anf-news.com/kultur/-52456 https://deutsch.anf-news.com/kultur/-52368 https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/-52422 https://deutsch.anf-news.com/kultur/-52325 https://deutsch.anf-news.com/kultur/-52173

 

Kategorien: Externe Ticker

Örhan: Kampf gegen Drogenabhängigkeit ist gemeinsame Aufgabe

23. August 2026 - 22:00

Im historischen Stadtbezirk Sûr von Amed (tr. Diyarbakır) wächst die Sorge über Drogenkonsum und Abhängigkeit. Besonders Kinder und Jugendliche geraten nach Angaben der Stadtverwaltung zunehmend in den Einflussbereich von Drogennetzwerken. Der Ko-Bürgermeister von Sûr, Adnan Örhan, fordert deshalb ein gemeinsames Vorgehen von Kommunen, staatlichen Stellen und Gesellschaft. Prävention müsse ebenso Teil des Kampfes sein wie soziale und wirtschaftliche Maßnahmen. Örhan bezeichnete Drogenabhängigkeit gegenüber ANF als eine der „blutenden Wunden“ der Gesellschaft. Seit der Übernahme der Kommunalverwaltung durch die DEM-Partei bei den Wahlen 2024 habe sich gezeigt, dass insbesondere die Situation von Kindern und Jugendlichen zu den drängendsten Problemen im Bezirk gehöre.

Soziale Räume unter Zwangsverwaltung geschlossen

Die Entwicklung sei nicht unabhängig von der Politik der vergangenen Jahre zu betrachten. Örhan verwies insbesondere auf die Einsetzung staatlicher Zwangsverwalter ab 2016 und die Schließung kommunaler Angebote für Kinder, Jugendliche und Frauen. „Als die Bereiche für Kinder, Frauen und Jugendliche vollständig geschlossen wurden und die Gesellschaft durch eine repressive Form der Verwaltung keine Luft mehr bekam, haben leider einige böswillige Banden, Gruppen oder Einzelpersonen versucht, Jugendliche und Kinder in Drogennetzwerke hineinzuziehen“, sagte Örhan. Drogenabhängigkeit dürfe daher nicht allein als gesundheitliches Problem behandelt werden. Fehlende soziale Möglichkeiten, wirtschaftliche Not und die Ausbreitung von Bandenstrukturen wirkten zusammen.

‚Familien können abends nicht mehr auf die Straße‘

Besonders angespannt sei die Situation in einzelnen Straßen von Sûr. Bei Begegnungen im Bezirk berichteten vor allem Mütter, Frauen und Kinder immer wieder von ihrer Unsicherheit. „Sie sagen uns: ‚Ab einer bestimmten Uhrzeit können wir abends nicht mehr auf die Straße.‘ Gerade in Sûr hat das wirklich ein sehr schlimmes Ausmaß angenommen.“

 


Ein zusätzliches Problem sei die mangelhafte Straßenbeleuchtung. Seit rund zwei Jahren führe die Kommune dazu Gespräche mit dem Stromversorger DEDAŞ. Auch bei einem Treffen mit Vertretern des Gouverneursamts und des Unternehmens sei die Situation angesprochen worden, eine Lösung stehe jedoch weiterhin aus. Wenn Familien, Frauen und Kinder sich nach Einbruch der Dunkelheit aus dem öffentlichen Raum zurückziehen, werden Straßen zunehmend Menschen überlassen, die dort Drogen konsumieren, so Örhan. „Wir sehen, dass dies auch Prostitution, Belästigung und Vergewaltigung sowie Bandenbildung mit sich bringt.“

Armut erleichtert Drogennetzwerken den Zugang

Besonders sichtbar seien diese Entwicklungen in ärmeren Vierteln. Wo Menschen weder soziale noch wirtschaftliche Perspektiven hätten, könnten Drogennetzwerke mühelos Jugendliche und Kinder erreichen. „Sie können sich insbesondere in Stadtvierteln, die ökonomisch schlecht dastehen, leichter bewegen. Das kann man mit eigenen Augen sehen“, sagte Örhan. Deshalb müsse auch die Zentralregierung soziale und wirtschaftliche Maßnahmen entwickeln.

Armut, Drogenabhängigkeit und Bandenbildung könnten nicht voneinander getrennt betrachtet werden. Örhan verwies in diesem Zusammenhang auch auf bewaffnete Überfälle auf Juweliergeschäfte in Amed. Erst vor wenigen Monaten seien mehrere Geschäfte angegriffen worden, zuletzt habe es erneut einen bewaffneten Überfall gegeben. „Armut bringt Bandenbildung mit sich und damit auch Entwicklungen wie Töten und Getötetwerden. Dafür gibt es konkrete Beispiele“, sagte Örhan. Die Verbindung von Armut und Bandenstrukturen entwickle eine Dynamik, die Menschenleben, öffentliche Sicherheit und das Zusammenleben bedrohe.

Beratungs- und Rehabilitationsangebote ausgebaut

Die Kommunen versuchen unterdessen, ihre Arbeit gegen Drogenabhängigkeit auszubauen. Örhan verwies auf die seit mehr als einem Jahr laufenden Aktivitäten der Plattform „Şiyar Be!“ sowie auf Rehabilitations- und Beratungsangebote. „Wir arbeiten ernsthaft daran, Amed so weit wie möglich von dieser Drogenabhängigkeit zu befreien und insbesondere die Jugendlichen daraus herauszuholen“, sagte der Ko-Bürgermeister. Zu den eröffneten Rehabilitationszentren und Beratungsstellen kämen öffentliche Versammlungen hinzu, bei denen über Abhängigkeit informiert und um gesellschaftliche Unterstützung geworben werde. Örhan zeigte sich überzeugt, dass auf diesem Weg Fortschritte erzielt werden können. Entscheidend sei jedoch, dass die Verantwortung nicht allein bei einzelnen Institutionen liege.

„Niemand darf die Zukunft unserer Jugend verdunkeln“

Notwendig sei ein gemeinsames Vorgehen gegen Drogenabhängigkeit und Bandenstrukturen, das bis in die Stadtviertel und Familien hineinreiche. „Wenn Einzelne, Familien, Straßen und ganze Viertel ihre Verantwortung wahrnehmen, können wir diese schädlichen Entwicklungen zurückdrängen.“ Die Kommune werde ihre Arbeit fortsetzen: „Wir werden tun, was in unserer Verantwortung liegt. Wir werden für eine Gesellschaft und eine Jugend mit ethischen Werten arbeiten. Wir werden niemals zulassen, dass jemand die Zukunft unserer Jugendlichen verdunkelt.“

https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/-52284 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/-52473 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/-52369 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/-52335 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/-52013

 

Kategorien: Externe Ticker

Arkaş: Der heutige Friedensprozess ist auch das Vermächtnis der Gefallenen

23. August 2026 - 22:00

Mit einer Großveranstaltung ist in Amed (tr. Diyarbakır) das mehrtägige Gedenken an gefallene Guerillakämpfer:innen der Volksverteidigungskräfte (HPG) und Verbände freier Frauen (YJA Star) zu Ende gegangen. Tausende Menschen aus Amed und umliegenden Städten kamen am Sonntag im Koşuyolu-Park im Stadtteil Rezan (Bağlar) zusammen. Die Trauer- und Gedenkveranstaltungen hatten dort in den vergangenen Tagen auf Initiative des Angehörigenvereins MEBYA-DER stattgefunden.

Hintergrund ist die Bekanntgabe der Identitäten zahlreicher Guerillakämpfer:innen, deren Tod teilweise bereits Jahre zurückliegt. Die HPG hatten in den vergangenen Tagen die Namen von Dutzenden Gefallenen veröffentlicht.

Bei der Abschlussveranstaltung waren neben den Angehörigen zahlreiche Vertreter:innen politischer Parteien und zivilgesellschaftlicher Organisationen anwesend. Auf dem Gelände waren die Porträts der Gefallenen mit Blumen und Kerzen aufgestellt. Nach einer Schweigeminute und dem gemeinsamen Singen von „Çerxa Şoreşê“ wurden ihre Namen verlesen.

Uçar: „Uns bleibt, über das Kommende zu sprechen“

Die Ko-Vorsitzende der Partei DBP, Çiğdem Kılıçgün Uçar, wandte sich zunächst an die Familien der Gefallenen. Es sei schwer, über die Menschen zu sprechen, die verloren wurden. „Uns bleibt, über das Kommende zu sprechen“, sagte sie. Der bis heute geführte Kampf und das Vermächtnis der Gefallenen müssten bewahrt werden: „Wir werden die Revolutionär:innen Kurdistans so sehr in Ehren halten, dass man sich auch nach Jahren an sie erinnern wird.“ In der neuen Phase werde das kurdische Volk mit Abdullah Öcalan zusammenkommen, das übernommene Vermächtnis weitertragen und für Demokratie und Freiheit stehen.

Arkaş: „Wir haben unsere Kampfmethode verändert, nicht unser Ziel“

Der frühere Mitgefangene Öcalans, Çetin Arkaş, erinnerte in seiner Rede daran, dass sich mittlerweile nahezu drei Generationen am kurdischen Freiheitskampf beteiligten. Während der Trauerfeiern sei ihm das Foto zweier Gefallener gezeigt worden, die ihn als Kinder vor 28 Jahren im Gefängnis besucht hatten. „Später haben sie sich selbst dem Kampf angeschlossen und sind gefallen.“ Dass das kurdische Volk heute an einem unumkehrbaren Punkt angelangt sei und mit Selbstbewusstsein auf die eigene Identität blicke, sei diesen Menschen zu verdanken, sagte Arkaş. Nach 50 Jahren des Kampfes sei die Entscheidung für einen friedlichen Weg weder aus Angst noch aus Ausweglosigkeit oder Erschöpfung getroffen worden: „Wir haben die Option des Friedens ins Spiel gebracht, weil dieses Land jetzt Frieden braucht.“

Dabei müsse eines klar sein: „Wir haben unsere Kampfmethode verändert, aber nicht unser Ziel. Die Kurd:innen haben ihre Würde und ihre Ehre nicht aufgegeben und werden niemals auf ihre Freiheit verzichten.“ Arkaş erinnerte zugleich an das Leid auf beiden Seiten des jahrzehntelangen Konflikts. „Wenn wir ein neues Leben aufbauen wollen, müssen alle die Sprache des Friedens sprechen, einander respektieren und die Empfindlichkeiten des jeweils anderen berücksichtigen.“

„Es geht nicht um Sieg, Niederlage oder Kapitulation“

Die gegenwärtige Situation dürfe nicht in Kategorien von Sieg und Niederlage oder als Kapitulation verstanden werden, betonte Arkaş. „Das kurdische Volk hat seine Hand zum Frieden ausgestreckt. Es verzichtet nicht auf seine Freiheit, seine Würde und seine Werte. Der Kampf von drei Generationen ist der Beweis dafür.“ Insbesondere seit 2015, als der türkische Staat den damaligen Dialogprozess mit Öcalan einseitig beendete und ein militärisches und politisches Vernichtungskonzept gegen die kurdische Gesellschaft hervorbrachte, sei eine äußerst schwere Phase durchlaufen worden. Es habe große Verluste und viel Leid gegeben, ohne dass die Kurd:innen ihre Würde aufgegeben hätten. „Der Punkt, an dem wir angekommen sind, ist der Tisch, der auf Imrali eingerichtet wurde“, sagte Arkaş. „Wenn heute auf Imrali ein Friedenstisch steht, dann ist das diesen jungen Frauen und Männern zu verdanken.“

„Die Sprache der Vergangenheit der neuen Phase entsprechend verändern“

Mit Blick auf einige während des Gedenkens gerufene Parolen rief Arkaş dazu auf, auch die politische Sprache an die neue Phase anzupassen. Nicht Parolen machten die Gefallenen unsterblich, sagte er. „Wir brauchen keine Rufe nach Rache mehr. Von nun an werden wir gemeinsam über Frieden und Aufbau, gemeinsames Leben und gesellschaftliche Befreiung sprechen.“ Auch „die Sprache, die Parolen und die Mittel der Vergangenheit“ müssten entsprechend der neuen Phase neu gestaltet werden. Arkaş ging zudem darauf ein, dass die Todesfälle einiger Guerillakämpfer:innen aufgrund des Krieges und der schwierigen Bedingungen erst mit erheblicher Verzögerung bekanntgegeben wurden. Er bat die Familien dafür um Verständnis und räumte zugleich ein, dass es Kritik von Angehörigen gebe.

Appell an die kurdischen Institutionen

Zum Ende seiner Anpsrache dankte Arkaş den Zehntausenden Menschen, die während der drei Tage die Trauerfeiern in Amed besucht hätten. Die Solidarität dürfe jedoch mit dem Ende der Veranstaltungen nicht aufhören. An die kurdischen Institutionen appellierte er, die Familien der Gefallenen auch künftig nicht allein zu lassen: „Hört euch ihre Sorgen an, helft ihnen im Rahmen eurer Möglichkeiten und steht ihnen zur Seite. Zeigt durch eure Praxis, dass diese Menschen nicht nur die Kinder ihrer Familien, sondern die Kinder dieses Volkes sind.“ Sollten die Institutionen dabei Versäumnisse begangen haben, bitte er die Familien der Gefallenen in ihrem Namen um Entschuldigung, sagte Arkaş. Zum Abschluss wurden Aufnahmen und Bilder der Gefallenen sowie Äußerungen Abdullah Öcalans über die im Freiheitskampf ums Leben gekommenen Menschen gezeigt.

https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/veysi-aktas-bei-gefallenengedenken-wir-werden-sie-niemals-vergessen-52502 https://deutsch.anf-news.com/frauen/tja-wir-werden-den-kampf-der-gefallenen-in-die-zukunft-tragen-52503 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/trauernde-in-amed-wir-wollen-keine-weiteren-trauerfeiern-52492 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/amed-trauerfeiern-fur-49-gefallene-der-freiheitsbewegung-52486

 

Kategorien: Externe Ticker

Erneuter rassistischer Angriff auf kurdische Saisonarbeiter:innen

23. August 2026 - 17:00

Nach den Angriffen auf kurdische Saisonarbeiter:innen in Zonguldak ist es auch in Düzce zu einem rassistischen Übergriff gekommen. Arbeiter:innen aus Mêrdîn (tr. Mardin) wurden an ihrer Unterkunft bedroht und aufgefordert, die Region zu verlassen. Aus Angst vor weiteren Angriffen erwägen sie nun ihre Abreise.

Die Betroffenen waren für Saisonarbeit in die Landkreise Cumayeri und Gümüşova in der westlichen Schwarzmeerprovinz Düzce gekommen. Gegenüber der Nachrichtenagentur Mezopotamya (MA) berichteten sie, dass am Abend eine Gruppe vor ihrer Unterkunft aufgetaucht sei. Einer der Männer habe ein Messer gezogen, sie beschimpft und ihnen gesagt, sie sollten verschwinden.

Düzce’nin Cumayeri ve Gümüşova ilçelerinde çalışmak için Mêrdîn’den bölgeye giden Kürt işçiler, bir grubun ırkçı saldırısına uğradı.https://t.co/ylOIPN9rGz pic.twitter.com/PbEXmxpOwI

— Mezopotamya Ajansı (@MAturkce) August 23, 2026

Der Vorfall ereignet sich kurz nach den Angriffen auf mehr als 70 kurdische Saisonarbeiter:innen und ihre Familien im zur Provinz Zonguldak gehörenden Landkreis Alaplı. Sie waren für die Haselnussernte aus Şirnex (Şırnak) in die Schwarzmeerregion gekommen und innerhalb von zwei Tagen mehrfach angegriffen worden.

Aus Sicherheitsgründen wollten die Arbeiter:innen in Düzce ihre Namen nicht nennen. Sie hätten am Abend im Garten ihrer Unterkunft gesessen, als sich ihnen die Gruppe näherte. „Plötzlich kamen mehrere Personen zu unserem Garten. Einer der Männer zog ein Messer, beschimpfte uns und sagte, wir müssten von hier verschwinden, sie wollten uns hier nicht haben“, berichteten die Arbeiter:innen. Aus Angst hätten sie die Polizei gerufen. Diese sei anschließend gekommen und habe den Mann mitgenommen.

Trotz des Polizeieinsatzes fühlen sich die Saisonarbeiter:innen nicht mehr sicher. „Jetzt haben wir wirklich Angst, dass es jeden Abend zu einem neuen Angriff kommen könnte. Deshalb überlegen wir, von hier wegzugehen.“ Die Arbeiter:innen waren nach Düzce gekommen, um mit der Saisonarbeit ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Nach dem Angriff befürchten sie nun weitere Übergriffe und erwägen, ihre Arbeit abzubrechen und die Region zu verlassen.

https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/kurdische-saisonarbeiter-innen-in-zonguldak-rassistisch-angegriffen-52500

 

Kategorien: Externe Ticker

TJA: Wir werden den Kampf der Gefallenen in die Zukunft tragen

23. August 2026 - 17:00

Nach der Veröffentlichung der Identitäten zahlreicher gefallener Guerillakämpfer:innen durch die Volksverteidigungskräfte (HPG) und den derzeit in Amed (tr. Diyarbakır) und Istanbul stattfindenden Trauerfeiern hat die Bewegung Freier Frauen (TJA) der Gefallenen des kurdischen Freiheitskampfes gedacht. In einer Erklärung betonte die Frauenbewegung, das Vermächtnis der Gefallenen zu bewahren und ihren Kampf in die Zukunft zu tragen, gehöre zu den wichtigsten revolutionären Aufgaben:

„Die Gefallenen unseres Kampfes zu würdigen, ihrer zu gedenken und die Erinnerung an sie an kommende Generationen weiterzugeben, gehört zu unseren bedeutendsten und zugleich schwersten revolutionären Aufgaben. Sie haben im Widerstand des kurdischen Volkes den schwersten Schmerz durchgestanden, den gemeinsamen Schmerz unserer Völker auf sich genommen, sind auf der Suche nach Wahrheit und Freiheit bis in die tiefsten Bereiche vorgedrungen und haben uns auf dem Weg zur Freiheit den Weg gewiesen.

Es ist nicht leicht, die höchsten Werte menschlichen Lebens in Worte zu fassen. Jeder Versuch, von ihnen zu erzählen, bleibt zwangsläufig in irgendeiner Hinsicht unvollständig. Denn angesichts einer solchen Hingabe und Opferbereitschaft können Worte, die Feder und jede Form der Darstellung unzureichend bleiben. Die Wahrheit zu begreifen – eine der großen Bestrebungen der Menschheit – und für sie zu leben, gehört zu den schwierigsten Kämpfen.

Unsere Partei- und Widerstandsgeschichte ist geprägt von großen Kämpfen, von Opferbereitschaft und Gefallenen, die den Willen eines Volkes und einer Nation zu Existenz und Freiheit gestärkt haben. Der Satz „Das richtige Leben sind die Gefallenen selbst“ bringt den Maßstab des Lebens und die Wahrheit zum Ausdruck, die sie uns hinterlassen haben.

Bei der Überwindung all der Schwierigkeiten und Hindernisse, vor denen wir heute stehen, schöpfen wir aus der Kraft und dem kämpferischen Vermächtnis unserer Gefallenen. Ihre Klarheit des Bewusstseins, ihre innere Widerstandskraft, ihre Größe, die Tiefe ihres Fühlens und Denkens, ihre Entschlossenheit und ihre Klarheit im Handeln sind grundlegende Werte, die uns den Weg weisen. Ihre Beharrlichkeit und ihr Einsatz gehören zu den wichtigsten Quellen, aus denen wir die Kraft schöpfen, unseren Kampf weiterzuentwickeln.

Diejenigen, die ihr Leben dem Kampf gewidmet haben, haben nicht nur ihr eigenes Leben eingesetzt, sondern auch ihre Überzeugungen, ihre Hoffnungen und ihre Sehnsucht nach Freiheit. Dadurch erhielt ihr Leben seine tiefste Bedeutung. Unsere Aufgabe ist es, den Werten, die sie hinterlassen haben, verbunden zu bleiben, ihren Kampf in seiner wirklichen Bedeutung zu verstehen und zu starken Stimmen ihrer Wahrheit zu werden, die diese an kommende Generationen weitertragen.

Unsere Gefallenen sind nicht lediglich Menschen eines Kampfes, der der Vergangenheit angehört. In ihrem Leben hat der Wille unseres Volkes zu Freiheit und zum Sieg konkrete Gestalt angenommen. Selbst in den schwersten Zeiten, unter Bedingungen, in denen Verrat und Verleugnung immer weiter vertieft wurden, standen sie auf der Seite der Wahrheit. Wenn es notwendig war, blieben sie allein und verteidigten das, was sie als wahr erkannt hatten. In diesem Sinne sind sie nicht nur durch ihr individuelles Leben, sondern auch durch die Werte, die sie verkörperten, Teil des gemeinsamen Gedächtnisses und des Kampfes unseres Volkes.

Wir sind uns bewusst, wie unzureichend unsere Worte und unsere Kraft bleiben, wenn wir von unseren Gefallenen erzählen. Doch die Erinnerung an sie lebendig zu halten, ihren Kampf zu verstehen und das von ihnen hinterlassene Vermächtnis in die Zukunft zu tragen, gehört zu unseren grundlegendsten Verantwortungen. Wir werden den Willen weiterleben lassen, den sie für Freiheit, Würde und Wahrheit gezeigt haben, und ihren Kampf in die Zukunft tragen.

Wir gedenken mit Respekt und Dankbarkeit all unserer Gefallenen, die in diesem bedeutungsvollen Kampf ihr Leben verloren haben. Wir sprechen Abdullah Öcalan, unseren patriotischen Familien und den Angehörigen sowie dem gesamten kurdischen Volk, das ihren Schmerz teilt, unser Beileid aus.“

https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/veysi-aktas-bei-gefallenengedenken-wir-werden-sie-niemals-vergessen-52502 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/tausende-besuchen-trauerfeier-in-amed-52497 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/trauernde-in-amed-wir-wollen-keine-weiteren-trauerfeiern-52492 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/amed-trauerfeiern-fur-49-gefallene-der-freiheitsbewegung-52486

 

Kategorien: Externe Ticker

Veysi Aktaş bei Gefallenengedenken: „Wir werden sie niemals vergessen“

23. August 2026 - 17:00

In Istanbul haben zahlreiche Menschen mehrerer in unterschiedlichen Jahren gefallenen Kämpfer:innen der Volksverteidigungskräfte (HPG) und Verbände freier Frauen (YJA Star) gedacht. Bei Gedenkveranstaltungen in Bağcılar und Sancaktepe erinnerten Angehörige, Vertreter:innen politischer Parteien und zivilgesellschaftlicher Organisationen an die Toten des kurdischen Befreiungskampfes. Die Veranstaltungen wurden auf Initiative des Angehörigenvereins MEBYA-DER in den Bezirksbüros der DEM-Partei organisiert. In Bağcılar waren die Porträts der Gefallenen mit Nelken und Kerzen aufgestellt worden. Unter den Teilnehmenden waren auch Veysi Aktaş, Mitglied des Imrali-Sekretariats, und der Ko-Vorsitzende der DBP Keskin Bayındır.

Nach einer Schweigeminute wurde gemeinsam das Lied „Çerxa Şoreşê“ gesungen. Es folgten Filmvorführungen und Gedichte zum Gedenken an die Gefallenen. Die kurdische Aktivistin Ardıl Çeşme, die im April nach mehr als 30 Jahren aus türkischer Haft entlassen wurde, erklärte: „Wir versprechen, dem Andenken der Gefallenen für immer verbunden zu bleiben.“

 


Aktaş: Sie haben uns unsere Identität erkennen lassen

Veysi Aktaş bezeichnete den Tag als schwer und verwies auf die hohen Verluste des kurdischen Freiheitskampfes. Zugleich habe dieser Kampf die gesellschaftliche und politische Situation der Kurd:innen grundlegend verändert. „Heute gibt es eine Identität und eine Existenz. Und es gibt einen Ansprechpartner“, sagte Aktaş. Abdullah Öcalan habe über die Anfänge des Kampfes gesagt: „Als wir damit begannen, gab es Kurd:innen, aber es waren tote Kurd:innen.“ Dies habe sich verändert: „Es waren unsere Gefallenen, die die Erde des Todes von uns genommen haben. Sie haben uns geweckt und uns die Augen geöffnet. Ihr Widerstand hat dazu geführt, dass wir unsere Identität erkannt haben.“ Die Gefallenen dürften deshalb niemals vergessen werden, sagte Aktaş. Auch der gegenwärtige Prozess sei Ergebnis ihres Kampfes und Widerstands. „Wir versprechen, dass wir sie niemals vergessen werden.“

Bayındır: „Wir werden diesen Prozess zum Erfolg führen“

Keskin Bayındır erklärte, die heutige Situation sei dem Kampf unzähliger Menschen zu verdanken, die dabei ihr Leben verloren hätten. „Wir verneigen uns vor ihrem Andenken.“ Den Prozess für Frieden und eine demokratische Gesellschaft, hinter dem Millionen Menschen stünden, wolle man zum Erfolg führen. „Wir versprechen, gemeinsam mit unserem Volk den Kampf für eine friedlichere und hellere Zukunft weiterzuführen“, sagte Bayındır. „Das Gedenken ist keine Trauer, sondern das Teilen einer Last, ein Ausdruck von Geschichte und Verbundenheit.“

Nach den Redebeiträgen wurden Gebete gesprochen. Zahlreiche Besucher:innen sprachen den Angehörigen ihr Beileid aus.

 


Gedenken auch in Sancaktepe

Auch im DEM-Parteibüro in Sancaktepe kamen Angehörige, Vertreter:innen politischer und zivilgesellschaftlicher Organisationen sowie zahlreiche weitere Menschen zu einer von MEBYA-DER organisierten Gedenkveranstaltung zusammen. Nach der Schweigeminute und „Çerxa Şoreşê“ wurde mit „Şehîd namirin“ der Gefallenen gedacht. Da nicht alle Teilnehmenden im Veranstaltungsraum Platz fanden, versammelten sich Menschen auch auf der Straße und riefen „Bijî Serok Apo“ und  erneut „Die Gefallenen sind unsterblich“. Im Anschluss an eine Filmvorführung ergriffen Angehörige der Gefallenen das Wort und nahmen die Beileidsbekundungen der Besucher:innen entgegen.

[album=22623]

https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/tausende-besuchen-trauerfeier-in-amed-52497 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/trauernde-in-amed-wir-wollen-keine-weiteren-trauerfeiern-52492 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/amed-trauerfeiern-fur-49-gefallene-der-freiheitsbewegung-52486

 

Kategorien: Externe Ticker

DEM-Delegation warnt vor angeblichen Gesprächsprotokollen aus Imrali

23. August 2026 - 17:00

In sozialen Medien kursieren derzeit Texte, die als Gesprächsnotizen oder Protokolle aus Gesprächen mit dem kurdischen Repräsentanten Abdullah Öcalan auf Imrali ausgegeben werden. Die Imrali-Delegation der DEM-Partei warnt davor, diesen Veröffentlichungen Glauben zu schenken. Die Texte seien nicht autorisiert und enthielten teilweise Ergänzungen und Auslassungen sowie Aussagen über einzelne Personen, deren Herkunft unklar sei.

In einer am Sonntag veröffentlichten Erklärung teilte die Delegation mit, dass in den vergangenen Tagen erneut verschiedene Texte unter Berufung auf Öcalan verbreitet wurden. Einige würden als „Gesprächsnotizen“, andere als „Protokolle“ bezeichnet.

„In den als ‚Gesprächsnotizen‘ verbreiteten Texten, deren Kontext und Grundlage im Unklaren bleiben, werden Ergänzungen und Auslassungen vorgenommen. Erneut ist festzustellen, dass darin bestimmte Formulierungen über einzelne Personen eingefügt wurden“, erklärte die Delegation. Auch bei anderen Veröffentlichungen, die als „Protokolle“ ausgegeben würden, handle es sich um Behauptungen, die darauf zielten, die Öffentlichkeit irrezuführen und den laufenden Prozess zu provozieren.

Die Imrali-Delegation wertet die Verbreitung der Texte als gezielten Angriff auf Öcalan und den von ihm initiierten Prozess für Frieden und eine demokratische Gesellschaft. Dieser habe inzwischen eine wichtige Schwelle erreicht. „Wir betrachten diese Versuche als eine gefährliche Aktivität, die unmittelbar darauf abzielt, Herrn Öcalan und den Prozess, der einen wichtigen Wendepunkt erreicht hat, zu sabotieren. Wir stellen ausdrücklich fest, dass dies unter keinen Umständen hinnehmbar ist.“

Die Delegation rief dazu auf, ausschließlich Informationen aus autorisierten Quellen zu berücksichtigen. Dokumenten, Notizen oder Angaben, die weder von der Imrali-Delegation noch von Öcalans Angehörigen oder seinen Anwält:innen stammten und keine offizielle Grundlage hätten, dürfe kein Glauben geschenkt werden.

https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/imrali-delegation-trifft-erdogan-friedensprozess-soll-entschlossen-fortgesetzt-werden-52434 https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/-52458 https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/-52347

 

Kategorien: Externe Ticker

Gewaltberatung in Istanbul: Kurdisch bleibt dem Zufall überlassen

23. August 2026 - 9:00

In Istanbul können kurdischsprachige Frauen Beratungs- und Hilfsangebote bei geschlechtsspezifischer Gewalt vielfach nicht in ihrer Muttersprache in Anspruch nehmen. Eine Untersuchung des Vereins „Zeit der Frau“ (Kadın Zamanı) zeigt, dass Kurdisch in den Kommunen bislang kaum als institutionelle Dienstleistungssprache verankert ist. Vereinsvorständin Derya Aslan fordert verbindliche Strukturen statt Lösungen, die vom Sprachvermögen einzelner Beschäftigter abhängen. Der Verein hat für seinen Bericht „Monitoring des muttersprachlichen Zugangs zu kommunalen Angeboten gegen Gewalt an Frauen in Istanbul“ die Angebote der 39 Bezirkskommunen sowie der Stadtverwaltung Istanbul untersucht. Im Mittelpunkt standen bestehende Hilfsangebote, ihre kurdischsprachigen Kapazitäten und die Frage, ob kurdische Frauen diese tatsächlich erreichen können. Die Untersuchung gehört zu den ersten, die den muttersprachlichen Zugang kurdischer Frauen zu kommunalen Unterstützungsangeboten gegen Gewalt in Istanbul systematisch erfassen.

Derya Aslan

Ein vorhandenes Angebot ist nicht automatisch zugänglich

Aslan warnt davor, allein aus der Existenz von Beratungsstellen auf einen gleichberechtigten Zugang zu schließen. „Ein Angebot kann vorhanden sein, ohne deshalb für alle zugänglich zu sein. Wenn Sprache, Identität oder gesellschaftliche Stellung einer Frau zu einem Hindernis werden, kann von Gleichheit keine Rede sein.“ Das Problem erhält bei geschlechtsspezifischer Gewalt besonderes Gewicht. Frauen müssten über traumatische Erfahrungen, Ängste sowie körperliche, psychische oder sexualisierte Gewalt sprechen können. Gerade in einer solchen Situation sei die Sprache entscheidend, in der sich eine Frau sicher und präzise ausdrücken könne. „Die Sprache, in der sich eine Frau am stärksten ausdrücken kann, ist ihre Muttersprache“, sagt Aslan. Dass kurdische Frauen keine Unterstützung in ihrer eigenen Sprache erhalten können, sei deshalb nicht lediglich ein Kommunikationsproblem. „Muttersprache ist für uns nicht nur ein Mittel der Verständigung, sondern Trägerin von Identität, Erinnerung, Kultur und gesellschaftlicher Existenz.“ Werde einer Frau die Möglichkeit genommen, in ihrer eigenen Sprache zu sprechen, werde auch ihre Möglichkeit eingeschränkt, selbst das Wort zu ergreifen und als handelndes Subjekt aufzutreten.

Kurdisch hängt von einzelnen Beschäftigten ab

Besonders deutlich wurde bei der Untersuchung nach Angaben Aslans das Fehlen institutioneller Strukturen. Einige Kommunen hätten sich zudem nicht an der Erhebung beteiligt oder keine Informationen zur Verfügung gestellt. Daraus lasse sich nicht bei jeder Kommune dieselbe Motivation ableiten. Entscheidend sei vielmehr, welchen Stellenwert die Bedürfnisse kurdischer Frauen überhaupt in der kommunalen Politik hätten. „Eines der wichtigen Probleme, die wir festgestellt haben, ist, dass beim Thema Muttersprache keine ausreichend entwickelte institutionelle Perspektive besteht“, sagt Aslan. Kurdisch werde vielerorts nicht als regulärer Bestandteil kommunaler Dienstleistungen geplant. Ob eine Frau Unterstützung in ihrer Muttersprache erhalten könne, hänge stattdessen davon ab, ob zufällig eine kurdischsprachige Person beschäftigt sei. „Demokratische Kommunalpolitik darf aber nicht von einzelnen Personen abhängen, sondern muss auf Rechten und institutionellen Strukturen beruhen.“

Kurdisch in Haushalten und strategischen Planungen verankern

Der Verein Zeit der Frau fordert deshalb, muttersprachliche Angebote ausdrücklich in den strategischen Planungen, Haushalten und frauenpolitischen Konzepten der Kommunen zu verankern. In Frauenberatungsstellen müsse kurdischsprachiges Fachpersonal beschäftigt und Informationsmaterial auch auf Kurdisch bereitgestellt werden. Aslan betont, dass die Einstellung einiger weniger kurdischsprachiger Mitarbeiter:innen allein nicht ausreiche. „Kurdische Dienstleistungen dürfen nicht den persönlichen Fähigkeiten einzelner Beschäftigter überlassen werden. Sie müssen sich im Haushalt, im strategischen Plan, in der Frauenpolitik und in den Dienstleistungsstrukturen der Kommune wiederfinden.“ Dabei gehe es um mehr als die Verständigung zwischen einer kurdischsprachigen Frau und einer Beratungsstelle: „Es geht darum, dass eine kurdische Frau mit ihrer eigenen Sprache im öffentlichen Raum existieren und mit ihrer eigenen Identität als Subjekt anerkannt werden kann.“

Beratungsangebote vorhanden, aber sprachlicher Zugang fehlt

Grundsätzlich stehen Frauen in Istanbul verschiedene institutionelle und rechtliche Anlaufstellen zur Verfügung. Dazu gehören kommunale Frauenberatungszentren und Sozialdienste, die Zentren zur Prävention und Überwachung von Gewalt (ŞÖNİM), Frauenrechtsstellen der Anwaltskammern, Gesundheitseinrichtungen und die Solidaritätsstrukturen von Frauenorganisationen. Doch auch hier unterscheidet Aslan zwischen dem formalen Vorhandensein eines Angebots und seiner tatsächlichen Nutzbarkeit. Fehlendes Wissen über die eigenen Rechte und Anlaufstellen, mangelndes Vertrauen oder Isolation könnten den Ausstieg aus Gewaltverhältnissen zusätzlich erschweren. Deshalb müssten neben institutionellen Angeboten auch die Selbstorganisierung von Frauen und solidarische Netzwerke gestärkt werden. Selbstverteidigung bedeute dabei nicht ausschließlich körperliche Verteidigung: „Dass eine Frau Gewalt erkennt, über ihr eigenes Leben entscheiden kann, weiß, dass sie nicht allein ist, und Teil einer organisierten Kraft von Frauen wird, gehört ebenfalls zur Selbstverteidigung.“

Gewalt gegen Frauen als strukturelles Problem

Aslan wendet sich zugleich dagegen, Gewalt gegen Frauen auf einzelne Übergriffe oder Feminizide zu reduzieren. Körperliche, psychische, sexualisierte und ökonomische Gewalt seien Teil patriarchaler Herrschaftsverhältnisse. Dazu gehörten auch die Verdrängung von Frauen aus dem öffentlichen Leben, die Unsichtbarmachung ihrer Arbeit, Verarmung und gesellschaftliche Isolation. „Wir betrachten Gewalt nicht lediglich als eine Angelegenheit zwischen einzelnen Menschen“, sagt Aslan. Feminizide, Straflosigkeit, der Ausschluss von Frauen aus Entscheidungsstrukturen und wirtschaftliche Abhängigkeit seien Bestandteile einer Ordnung, in der diese Faktoren einander verstärkten. Für kurdische Frauen komme eine weitere strukturelle Ebene hinzu. Dass Kurdisch im öffentlichen Raum nicht selbstverständlich als Sprache staatlicher oder kommunaler Dienstleistungen behandelt wird, könne nicht losgelöst von der historischen Verleugnung und Assimilierung der kurdischen Sprache betrachtet werden.

Frauen wollen Beratung, Rechtshilfe und Informationen auf Kurdisch

Die Gespräche im Rahmen der Untersuchung zeigten zugleich sehr konkrete Bedürfnisse. Frauen wollten Gewalt in einer Sprache schildern können, in der sie sich sicher fühlten, ihre Rechte verstehen und bei der Suche nach Unterstützung nicht auf neue Barrieren stoßen. Zu den zentralen Forderungen gehören nach Angaben Aslans deshalb Beratung sowie rechtliche und psychologische Unterstützung auf Kurdisch, kurdischsprachiges Informationsmaterial und sichtbare, leicht erreichbare Anlaufstellen. Über entsprechende Angebote dürften Kommunen allerdings nicht ohne die betroffenen Frauen entscheiden. Aslan fordert ihre direkte Beteiligung an politischen Entscheidungs- und Planungsprozessen sowie dauerhafte Strukturen der Zusammenarbeit zwischen Frauenorganisationen und Kommunen.

„Wir betrachten den Zugang zu muttersprachlichen Angeboten nicht lediglich als eine Dienstleistungsfrage, sondern als Teil von Gleichheit, Freiheit und des Rechts von Frauen, Subjekte des städtischen Lebens zu sein.“ Der Verein Zeit der Frau werde sich deshalb weiter für muttersprachliche Angebote, eine stärkere Entscheidungsbefugnis von Frauen in den Kommunen und die Beteiligung von Frauenorganisationen einsetzen. „Für uns bedeutet Lösung nicht, Entscheidungen im Namen von Frauen zu treffen, sondern gemeinsam Strukturen zu schaffen, in denen Frauen über ihr eigenes Leben und ihre Städte mitentscheiden.“

https://deutsch.anf-news.com/frauen/frauen-in-amed-gewaltpravention-muss-bei-mannern-ansetzen-52465 https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/-51512 https://deutsch.anf-news.com/frauen/anwaltin-feminizide-sind-keine-einzelfalle-sondern-ausdruck-struktureller-gewalt-52343

 

Kategorien: Externe Ticker

Mahir Ergun: Die Kommune ist keine Etappe, sondern die Grundlage

23. August 2026 - 9:00

Mit der Neuausrichtung der kurdischen Freiheitsbewegung ist die Kommune erneut ins Zentrum sozialistischer Debatten gerückt. Während Teile der türkischen Linken darin eine Abkehr vom Sozialismus sehen, stellt der Politikwissenschaftler Mahir Ergun diese Kritik grundsätzlich infrage. Für ihn ist die Kommune weder ein neues politisches Modell noch eine historische Randerscheinung, sondern eine über Jahrtausende fortbestehende Form gesellschaftlicher Organisierung. Im Interview mit ANF zeichnet Ergun ihre Geschichte nach, untersucht ihr Verhältnis zu Sozialismus, Staat und kapitalistischer Entwicklung und erklärt, warum er Abdullah Öcalans Hinwendung zur Kommune als „epistemologischen Bruch“ begreift. Zugleich setzt er sich kritisch mit der Haltung der türkischen Linken auseinander und warnt davor, Öcalans Perspektiven lediglich zu wiederholen oder die Kommune auf einen neuen Organisationsbegriff zu reduzieren.

Woher stammt der Begriff „Kommune“?

Diese Frage lässt sich auf mindestens drei verschiedene Arten beantworten. Erstens etymologisch, indem man also die Herkunft des Wortes und seine sprachgeschichtliche Entwicklung betrachtet. Zweitens lexikalisch, indem man seine heutige Wörterbuchbedeutung erläutert. Und drittens politisch, indem man nach seiner politischen Bedeutung fragt.

Für eine fundierte Erörterung der Etymologie des Wortes bin ich nicht hinreichend qualifiziert, weshalb ich darauf nicht näher eingehen möchte. Was seine heutige lexikalische Bedeutung betrifft, können wir einen Blick in das Wörterbuch der Académie française („Dictionnaire de l’Académie française“) werfen, da „Kommune“ in der Form, in der wir das Wort im Türkischen verwenden, aus dem Französischen stammt. Dort finden sich zwei Arten von Definitionen: eine als Adjektiv und eine als Substantiv. Als Adjektiv bezeichnet es etwas, „das zwei oder mehreren Personen dient, zwei oder mehreren Personen gehört oder sie betrifft“. Es bedeutet also „gemeinsam“ oder „geteilt“.

Als Substantiv wird der Begriff wiederum folgendermaßen erläutert: Im 12. Jahrhundert wurde er im Sinne einer „Gemeinschaft des Volkes“ verwendet. Er leitet sich vom lateinischen communia ab und bezeichnet die „Zusammenkunft von Menschen, die miteinander leben“. Lexikalisch bezeichnet die Kommune somit entweder den Zustand, dass etwas gemeinsam ist beziehungsweise geteilt wird, oder die Gemeinschaft des Volkes.

Versuchen wir nun, den Begriff politisch zu betrachten. Zunächst lässt sich feststellen, dass Gemeinsamkeit, Teilen und das gemeinschaftliche Zusammenleben des Volkes als gesellschaftliche Realitäten bereits lange vor dem Begriff „Kommune“ existierten. Kropotkin zufolge kann der Mensch, der von Natur aus eine unbewaffnete Spezies ist, ohne gemeinschaftliches Leben und gegenseitige Hilfe nicht fortbestehen. Gemeinsamkeit, Teilen und gegenseitige Hilfe sind in diesem Sinne grundlegende Merkmale der menschlichen Spezies. Man kann sogar sagen, dass dies selbst unter Bedingungen von Ausbeutung und Hierarchie weiterhin der Fall ist.

In unserem früheren Gespräch haben wir über die Rolle von Eroberungen im Prozess der Staatsbildung gesprochen. Doch selbst die Eroberer hielten trotz ihres hierarchischen Verhältnisses zu den von ihnen unterworfenen Gemeinschaften untereinander lange an solidarischen Beziehungen fest. Sowohl das Land als auch die Tribute, aus denen später Steuern hervorgehen sollten, teilten sie untereinander auf.

Gibt es denn eine Geschichte, die wir als Geschichte der Kommune bezeichnen können?

Auch unter der Herrschaft einer dominierenden Macht hielten Gemeinschaften stets an ihren gemeinschaftlichen und auf gegenseitiger Hilfe beruhenden Beziehungen fest. Sklavenhaltergesellschaften oder feudale Epochen werden häufig als eine Art „dunkles Zeitalter“ betrachtet. Doch die Gemeinschaften bewahrten ihre gemeinschaftlichen, solidarischen und auf gegenseitiger Hilfe beruhenden Beziehungen, auch wenn ihre Mitglieder als Sklaven oder Leibeigene bezeichnet wurden.

Mahir Ergun

In der Feudalzeit gelang es den Feudalherren nicht, die Volksversammlungen der bäuerlichen Gemeinschaften abzuschaffen. Abgesehen von der Erhebung von Abgaben und der Rekrutierung für Kriegszeiten hatten diese herrschenden Mächte kaum politischen Einfluss auf die Gemeinschaft. Da der Feudalherr kein Mitglied der Gemeinschaft war, besaß er keinerlei Befugnisse in Angelegenheiten, die als gemeinschaftliche Belange galten. Die Rechtsprechung war zwischen der Volksversammlung und dem Feudalherrn aufgeteilt. Vergehen, die innerhalb der Gemeinschaft begangen wurden, wurden von dieser selbst verhandelt und gegebenenfalls geahndet; der Feudalherr hatte diesbezüglich keine Befugnisse.

Die Ländereien der Gemeinschaft gehörten zwar nominell dem Feudalherrn, blieben in der Praxis jedoch gemeinschaftliches Eigentum. Der Feudalherr besaß faktisch kein Recht, über dieses Eigentum zu verfügen. Häufig war es ihm sogar untersagt, bewaffnet in das Dorf zu kommen oder auf dem Gebiet der Gemeinschaft von seinem Pferd abzusteigen. Schickte ein Feudalherr einen seiner Männer in ein Dorf, empfingen ihn die Dorfbewohner mit einer Blume in der einen und einer Waffe in der anderen Hand und fragten ihn, welches Gesetz er wählen wolle.

Das Verhältnis zwischen Gemeinschaft und Feudalherr konnte sich je nach Kräfteverhältnis mal zugunsten der Gemeinschaft, mal zugunsten des Feudalherrn verschieben. Bis zur Entwicklung des modernen Kapitalismus lässt sich jedoch kaum davon sprechen, dass die Herrschaftsverhältnisse diese solidarischen Gemeinschaftsbeziehungen vollständig durchdringen konnten.

Wer sich eingehender mit diesen Fragen beschäftigen möchte, kann auf Pjotr Kropotkins Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt und die darin von ihm herangezogenen Primärquellen zurückgreifen. Das Buch liegt auch in türkischer Übersetzung vor. Daneben gibt es den Aufsatz Mittelalterliche Demokratie: Volksversammlungen, Kommune und Utopie („Démocratie médiévale : Assemblées d’habitants, commun et utopie“) von Francis Dupuis-Déri, der allerdings nicht ins Türkische übersetzt wurde und auf Französisch vorliegt.

Vom gemeinschaftlichen Leben zur politischen Kommune

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass kommunales Leben als Realität menschlicher Gemeinschaften und als Notwendigkeit zur Sicherung des Lebens stets existiert hat. Dass die „Kommune“ als politischer Begriff ihre heutige Bedeutung erhielt, hängt jedoch vor allem mit den Entwicklungen im Europa des 12. und 13. Jahrhunderts zusammen. In dieser Zeit begannen sich dörfliche und die sich entwickelnden städtischen Gemeinschaften gegen die Feudalherren und Geistlichen zu erheben, die sich ihrer bemächtigt hatten. Aufstände hatte es selbstverständlich auch zuvor gegeben. Doch die Erhebungen des 12. und 13. Jahrhunderts, die nahezu ganz Europa erfassten, waren aufgrund ihrer Folgen von entscheidender Bedeutung. In ihrem Ergebnis erlangten zahlreiche europäische Städte Autonomie und erklärten sich zu Kommunen.

Als typisches Beispiel lässt sich der Aufstand von Laon anführen. Laon ist eine Stadt in Nordfrankreich. Im Jahr 1112 erhob sich die Stadtbevölkerung gegen die despotische Herrschaft des Bischofs Gaudry, der die Stadt regierte. Unter den Rufen „Kommune, Kommune!“ kam es zum Aufstand, in dessen Verlauf Gaudry getötet wurde. Die Aufstände und Auseinandersetzungen in Laon dauerten etwa 16 Jahre an. Schließlich erkannte der französische König Ludwig VI. nach 16 Jahren die „Friedenseinrichtung“ an, womit die Kommune von Laon ihre Autonomie erlangte.

Bis ins 13. Jahrhundert hinein wurden in verschiedenen Teilen Europas weitere Kommunen ausgerufen. Dies geschah keineswegs immer infolge blutiger Aufstände. Die Mitglieder einer Kommune legten einen „Kommuneschwur“ ab, mit dem sie sich verpflichteten, die gegenseitige Hilfe und die gemeinsamen Interessen der Kommune zu schützen. Die Könige erkannten die Autonomie der Kommunen an, die Befugnisse der Feudalherren wurden eingeschränkt und die Zuständigkeit für die Selbstverteidigung der Städte der jeweiligen Kommune übertragen. Der Grad der Autonomie hing dabei von der Stärke der Zentralgewalt ab. In Frankreich war sie beispielsweise stärker begrenzt, während sie in Norditalien, wo eine zentrale Autorität kaum ausgeprägt war, wesentlich weiter reichte.

Warum war später von dieser im Mittelalter als Kommune bezeichneten Struktur kaum noch die Rede?

Dass sich diese Entwicklungen gerade im 12. und 13. Jahrhundert und nicht früher oder später vollzogen, hat zahlreiche Gründe, die hier im Einzelnen zu erörtern den Rahmen sprengen würde. Es gilt jedoch zu berücksichtigen, dass diese Epoche eine Phase zunehmender Zentralisierung im Prozess der Staatsbildung war. Dass die Zentralgewalt die Autonomie der Kommunen anerkannte, diente im Grunde dazu, den politischen Einfluss der lokalen Feudalherren und der Kirche zu brechen. Der König erkannte die Ausrufung von Kommunen also nicht deshalb an, weil er demokratisch gesinnt gewesen wäre. Im Gegenteil: Zugleich förderte er die Klassenunterschiede innerhalb der Gemeinschaften und begünstigte die Herausbildung einer wohlhabenden, an die herrschende Macht gebundenen Schicht, aus der später die kapitalistische Bourgeoisie hervorgehen sollte. Diese vom König geförderte wohlhabende Schicht öffnete später den kaiserlichen Heeren die Tore der Städte und beteiligte sich an der Aneignung des gemeinschaftlichen Landes. Dies führte schließlich zum Ende der mittelalterlichen Kommunen.

Doch der Untergang der mittelalterlichen Kommune bedeutete nicht das Ende der Kommune an sich. Der Begriff war inzwischen Bestandteil der politischen Sprache und zu einer zentralen Losung von Aufständen geworden. Auch im 19. Jahrhundert wurde der Begriff der Kommune keineswegs aufgegeben; im Gegenteil, er gewann weiter an Aktualität. Wie der französische Historiker Achille Luchaire in seinem 1880 erschienenen Werk Die französischen Kommunen schreibt, erschienen die heldenhaften Menschen, denen es durch den bloßen Akt eines eidlich bekräftigten Zusammenschlusses gelungen war, während der Revolutionen von 1830 den Feudalismus aus ihren Städten zu vertreiben und damit die engen Schranken zu durchbrechen, in denen Adel und Klerus ihre Gesellschaften jahrhundertelang gefangen gehalten hatten, wie die Vorläufer aller modernen Revolutionäre. Das wohl deutlichste Beispiel für die Bedeutung des Kommunebegriffs im modernen revolutionären Kampf ist selbstverständlich die Pariser Kommune.

Zusammenfassend ist die Kommune eine lokale Gemeinschaft, die auf Gemeinsamkeit, Teilen, gegenseitiger Hilfe, Selbstverwaltung und Selbstverteidigung beruht und unabhängig von Herrschaftsverhältnissen und dem Prozess der Staatsbildung besteht. In diesem Sinne entspricht sie im Grunde dem griechischen Begriff demos, der dem Wort Demokratie zugrunde liegt. Heute wird das Wort „Kommune“ in Frankreich und Italien – ähnlich wie demos in Griechenland – zur Bezeichnung lokaler Verwaltungseinheiten, also von Gemeinden, verwendet. Dabei handelt es sich jedoch lediglich um lokale Verwaltungsorgane des Staates. Mit dem, was Kommune und demos historisch und politisch bezeichnen, haben sie nichts zu tun.

Sind Kommune und Sozialismus voneinander zu unterscheidende Begriffe, oder in welchem Verhältnis stehen sie zueinander?

Zunächst einmal ist der Begriff des Sozialismus bei weitem nicht so alt wie der Begriff der Kommune. Er wurde erstmals in den 1820er Jahren von den Owenisten in England und in den 1830er Jahren von den Saint-Simonisten in Frankreich verwendet. Beim Sozialismus ging es ursprünglich im Wesentlichen um gesellschaftliche und ökonomische Reformen. Zu der Zeit, als der Begriff aufkam, orientierten sich die Revolutionäre in Europa stärker an der Kommune und bezeichneten sich selbst als „Kommunisten“. Dass der Begriff Sozialismus von Revolutionären in breitem Umfang übernommen wurde, geschah erst in der Zeit der Sozialistischen Internationale, die auch als Zweite Internationale bekannt ist.

In dieser Zeit begannen sich insbesondere in Westeuropa marxistische Bewegungen in Form sozialdemokratischer Parteien zu organisieren und an Wahlen teilzunehmen; in Ländern, in denen die Voraussetzungen dafür nicht gegeben waren, kämpften sie für das Wahlrecht. Zuvor hatten sich Marxisten nicht als Sozialisten bezeichnet. Engels geht darauf im Vorwort zur englischen Ausgabe des Manifests von 1888 ein. Er bezeichnet das Manifest als das am weitesten verbreitete und internationalste Erzeugnis der sozialistischen Literatur und schreibt sinngemäß: „Als es verfasst wurde, konnten wir es jedoch nicht ein sozialistisches Manifest nennen, denn die Revolutionäre bezeichneten sich als Kommunisten.“

Die Zweite Internationale wurde ein Jahr nach Erscheinen dieser englischen Ausgabe des Manifests gegründet. Mit ihr erfolgte eine Abkehr von jener Orientierung an der Kommune, die vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Pariser Kommune die grundlegende Linie von Revolutionären wie Babeuf, Blanqui und Weitling gebildet hatte und der auch die Marxisten, wenngleich kritisch, nahestanden. An ihre Stelle trat eine vollständig auf die Arbeiterschaft zentrierte Ausrichtung. Die Sozialisten begannen, gesellschaftlichen Fortschritt, wirtschaftliches Wachstum und die Entwicklung der Industrie als Voraussetzungen für die Stärkung der Arbeiterklasse zu vertreten.

Der Streit um die russischen Dorfkommunen

Während der Zeit der Zweiten Internationale wurde die Debatte über die Kommune vor allem von den damaligen russischen Revolutionären geführt, die als Narodniki bekannt sind. Diese Bewegung, zu deren maßgeblichen Persönlichkeiten Aleksandr Herzen und Vera Sassulitsch gehörten, vertrat die Auffassung, von den Dorfgemeinden ausgehen zu müssen. Im damaligen zaristischen Russland lebten demnach die Bauern, die rechtlich Leibeigene waren, in Kommunen. Der Zarismus und die Feudalherren hatten nur geringen Einfluss auf die inneren Beziehungen dieser Gemeinschaften und wurden von ihnen lediglich als äußere Unterdrückungsmächte wahrgenommen.

Die Position der Narodniki bestand, zusammengefasst, darin, dass der Kommunismus – also eine auf Teilen und Gemeinschaftlichkeit beruhende Lebensweise – in diesen Dorfgemeinden, in denen es kein Privateigentum gab, bereits gelebte alltägliche Realität sei. Würden die repressive Staatsmacht und die militärische Kaste beseitigt, die sich der Kommune bemächtigt hatte, könne unmittelbar der Übergang zum Kommunismus erfolgen. Die Gegenposition betrachtete die Dorfgemeinden hingegen als archaische, rückständige Überreste der Feudalzeit. Sie ging davon aus, dass zunächst gesellschaftlicher Fortschritt stattfinden müsse, also der Kapitalismus in Russland entwickelt werden müsse, damit ein Industrieproletariat entstehen und erstarken und auf diese Weise schließlich die notwendigen Voraussetzungen für den Sozialismus geschaffen werden könnten.

Das entspricht allerdings nicht Marx‘ Position. Insbesondere in seinen letzten Lebensjahren vertrat Marx vielmehr die gegenteilige Auffassung. So schreibt er beispielsweise im Ersten Entwurf einer Antwort auf den Brief von Vera Sassulitsch, dass sich die russische Dorfgemeinde unmittelbar zu einem Element der kollektiven Produktion entwickeln könne, ohne zuvor das „abscheuliche Abenteuer des Kapitalismus“ durchlaufen zu müssen. Dieser Text ist für die Diskussion über die Kommune von Bedeutung. Er liegt in türkischer Übersetzung vor und kann entsprechend nachgelesen werden.

Doch auch wenn Marx dies so formulierte, zeigen zahlreiche Beispiele, dass marxistische Sozialisten keineswegs grundsätzlich dieselbe Auffassung vertraten. Betrachtet man Russland, lässt sich sagen: Den Schlag gegen die Dorfgemeinden und kommunalen Gemeinschaften, den der Zarismus nicht zu führen vermocht hatte, führten schließlich die Sozialisten – im Namen der Entwicklung der Industrie, der Modernisierung und der Stärkung der Wirtschaft. Die Sowjets, also die Arbeiter- und Soldatenräte, die ein grundlegendes Element der Revolution in Russland bildeten, waren unmittelbar aus dem eigenen Willen der Basis heraus entstanden. Sie wurden nicht von den Bolschewiki gegründet. Erst wenige Monate vor der Oktoberrevolution wandten sich die Bolschewiki diesen Räten zu und begannen, dort Einfluss zu gewinnen. Nach der Revolution wiederum verschwanden diese Räte mit dem Fortgang des Prozesses der Staatsbildung in der Praxis.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Das Verhältnis jener fortschrittsorientierten, entwicklungs- und industriezentrierten, auf Arbeiter und Klasse ausgerichteten sowie etatistischen Theorien und Praktiken, die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts bis heute gemeinhin mit Sozialismus verbunden werden, zur Kommune ist auf deren Auflösung gerichtet.

Welche Position nahmen die Sozialist:innen bei der Auflösung der Kommune ein?

Die Entwicklung des Kapitalismus ist darauf angewiesen, dass der in kommunalen Beziehungen lebende Mensch in ein ‚Individuum, das seine Arbeitskraft verkauft‘, verwandelt wird. In diesem Zusammenhang lohnt es sich, den achten Abschnitt des ersten Bandes des Kapitals noch einmal zu lesen. Marx behandelt dort die ursprüngliche Akkumulation und spricht von der Proletarisierung der landwirtschaftlichen Bevölkerung. Dieser Prozess steht vollständig im Zusammenhang mit der Auflösung der Kommune. Der moderne Arbeiter entsteht dadurch, dass traditionelle, kommunale, solidarische und auf gegenseitiger Hilfe beruhende gesellschaftliche Beziehungen beseitigt werden und die Gesellschaft auf das Individuum reduziert wird.

Die revolutionären Bewegungen jener Zeit begegneten diesem Auflösungsprozess, indem sie ihre Traditionen und ihre kommunale Lebensweise verteidigten. Die sozialistische Ideologie hingegen betrachtete solche Bewegungen als rückständig oder kindlich. Engels bezeichnet den Kommunismus dieser Revolutionäre als eine rohe, unausgearbeitete, primitive Form des Kommunismus. An diesem Punkt steht der Sozialismus, insofern er fortschrittsorientiert ist und den Arbeiter ins Zentrum stellt, seinem Wesen nach im Widerspruch zur Kommune.

Darüber hinaus ist die Kommune, wie bereits erwähnt, demokratisch strukturiert, lokal und autonom; sie beruht auf Selbstverwaltung und Selbstverteidigung und steht deshalb außerhalb des Prozesses der Staatsbildung. Auch durch seine zentralistische und etatistische Ausrichtung steht der Sozialismus somit im Widerspruch zur Kommune.

Natürlich gibt es jedoch nicht nur einen einzigen Sozialismus. Wir haben bereits darauf hingewiesen, dass sich der Begriff Sozialismus mit der Zweiten Internationale verbreitete. Zu deren bekannten Mitgliedern gehörten Rosa Luxemburg, Jean Jaurès und Benito Mussolini – drei Persönlichkeiten mit höchst unterschiedlichen Auffassungen. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts bezeichnen sich aufgrund der weiten Verbreitung des Begriffs zahlreiche unterschiedliche revolutionäre Strömungen als sozialistisch. Diese Selbstbezeichnung beruht jedoch nicht unbedingt auf einer historischen Auseinandersetzung mit dem Begriff und einer daraus hervorgegangenen bewussten Entscheidung. In diesem Sinne lässt sich durchaus auch eine Auffassung von Sozialismus denken, die die Kommune zur Grundlage nimmt. Ebenso wäre es möglich, anstelle von Sozialismus den bereits bestehenden Begriff „Kommunismus“ zu verwenden. Dann wäre unmissverständlich, dass die Kommune den Ausgangspunkt bildet.

Wie verhält sich die Kommune zum nationalstaatlichen Sozialismus?

Das hängt davon ab, was wir unter Sozialismus verstehen. Wenn wir von einem nationalstaatlichen Sozialismus sprechen, der auf dem Industrieproletariat basiert, kann die Kommune für den Sozialismus lediglich eine Etappe sein, die überwunden werden muss. Verstehen wir unter Sozialismus hingegen demokratische, solidarische und gemeinschaftliche gesellschaftliche Beziehungen, die auf gegenseitiger Hilfe, Lokalität, Autonomie, Selbstverwaltung und Selbstverteidigung beruhen, dann ist die Kommune keine zu überwindende Etappe, sondern die Grundlage.

Vereinfacht gesagt können wir feststellen, dass Sozialisten zumeist von den Produktionsverhältnissen ausgehen und die Ausbeutung der Arbeit in den Mittelpunkt stellen. Sie treten dafür ein, dass der von der Arbeiterklasse produzierte Mehrwert nicht von einer parasitären Klasse angeeignet, sondern zum allgemeinen gesellschaftlichen Wohl verwendet wird. Damit verbunden ist die Forderung nach einem Wohlfahrtsstaat mit einer hoch entwickelten Industrie, einem gut ausgebauten Bildungs- und Gesundheitswesen sowie nach sozialer Gerechtigkeit. Die Frage des politischen Willens wird zwar nicht völlig außer Acht gelassen, bleibt jedoch meist nachrangig. Im Vordergrund steht die Ökonomie. Das in vielen sozialistischen Vorstellungen beschriebene System lässt sich, wenn auch nicht in seiner Gesamtheit, in mancher Hinsicht bereits in Ländern wie Kanada oder Schweden beobachten.

Demokratischer Wille statt Zentralismus

In einem an der Kommune orientierten Verständnis hingegen liegt der eigentliche Schwerpunkt auf dem demokratischen Willen, auch wenn Produktionsverhältnisse und Ökonomie weiterhin von Bedeutung sind. Im Vordergrund steht die Frage, wie die Mitglieder der Kommune ihren politischen Willen gesellschaftlich zur Geltung bringen können. Entscheidend ist, an die Stelle des Zentralismus die lokale Ebene zu setzen und solidarische Beziehungen zur Grundlage zu machen. Unter gemeinschaftlicher Organisation ist dabei nicht allein das Teilen von Eigentum zu verstehen, sondern ebenso das Teilen von Entscheidungsprozessen und die Gewährleistung einer möglichst breiten Beteiligung daran. Darüber hinaus darf dies nicht ausschließlich als Verhältnis zwischen Menschen begriffen werden, sondern muss auch die Verbundenheit mit der Natur einschließen, deren Bestandteil der Mensch selbst ist.

Aus einer an der Kommune orientierten Perspektive beschränkt sich die Frage der Ausbeutung nicht darauf, dass sich eine parasitäre Klasse den von den Arbeitern produzierten Mehrwert aneignet. Sie umfasst ebenso politische und kulturelle Ausbeutung sowie die Ausbeutung der Natur. Ein kommunalistisches Verständnis ist daher nicht fortschrittsorientiert. Es richtet sich gegen den Wohlfahrtsstaat und stellt die Selbstversorgung beziehungsweise Eigenständigkeit der Gemeinschaft in den Mittelpunkt. Sein Problem betrifft nicht die Verteilung des Mehrwerts, sondern bereits dessen Produktion. Es ist nicht konsumorientiert: Es befürwortet also nicht die Ausbeutung menschlicher Arbeit und der Natur, um eine Vielzahl unnötiger Konsumgüter hervorzubringen. Stattdessen tritt es dafür ein, weniger zu produzieren.

Aus dieser Perspektive betrachtet ähnelt das hier beschriebene Verständnis nicht jener sozialistischen Ideologie, wie wir sie seit dem 19. Jahrhundert kennengelernt haben. Deshalb sage ich: Nennen wir es Kommunismus. Wenn wir dies allerdings als Sozialismus bezeichnen, dann dürfte für uns ohnehin keine andere Organisationsform als die Kommune infrage kommen.

Was zeigen uns die bisherigen Erfahrungen mit Kommunen?

Es ist schwierig, pauschal von den „bisherigen Versuchen mit Kommunen“ zu sprechen. Denn jede Praxis weist ihre eigenen Besonderheiten auf. Jede Praxis, die sich untersuchen lässt, sollte für sich betrachtet werden, um daraus jeweils eigene Lehren zu ziehen. Darüber hinaus sollten wir die Kommune nicht als einen „Versuch“ begreifen. Sie ist nichts Künstliches, Synthetisches oder Experimentelles. Sie ist eine grundlegende Lebensform der menschlichen Spezies und hat über Jahrtausende hinweg bestanden. Seit einigen Jahrhunderten wird im Zuge des Prozesses der Staatsbildung versucht, sie aufzulösen. Vollständig verschwunden ist sie jedoch nicht. Deshalb gilt es, die bis heute fortbestehenden Spuren zu betrachten.

Wenn wir darüber sprechen, führen wir Beispiele aus Westeuropa an, weil dort umfangreiche Aufzeichnungen und historische Quellen vorhanden sind und gute Archive geführt wurden. Für den Nahen Osten lässt sich das nicht in gleicher Weise sagen. Wenn wir jedoch den Nahen Osten betrachten, sehen wir dort lebendige Kommunen. Kommunale Beziehungen bestehen in unterschiedlicher Form fort. Deshalb müssen wir hier nicht auf die Aufzeichnungen vergangener Versuche zurückgreifen; wir können unmittelbar aus dem gesellschaftlichen Leben lernen.

Die kurdische Gesellschaft verfügt in dieser Hinsicht beispielsweise über eine Fülle realer Quellen. Der Prozess der Staatsbildung hat sich in der kurdischen Gesellschaft nicht in derselben Weise vollzogen wie in Westeuropa. Die massiven Eingriffe, die auf die Beseitigung kommunaler Strukturen in der kurdischen Gesellschaft zielten, haben erst in vergleichsweise jüngerer Zeit eingesetzt. Deshalb müssen wir das gesellschaftliche Leben selbst betrachten und unsere Lehren daraus ziehen.

In jüngster Zeit wird insbesondere das Kommunenparadigma Abdullah Öcalans und der kurdischen Freiheitsbewegung intensiv diskutiert. Wie beurteilen Sie es vor dem Hintergrund der von Ihnen geschilderten historischen Entwicklungen?

Öcalan hat einen Weg eröffnet. Doch dieser Weg ist nicht frei von Hindernissen; es gibt Hürden, die überwunden werden müssen. Deshalb gilt es, daran weiterzuarbeiten. Zunächst muss festgestellt werden, dass die sozialistische Linke in der Türkei in diesen Fragen Defizite aufweist. Zum einen besteht ein Problem hinsichtlich der verfügbaren Quellen. Mahir Çayans These, wonach sich der Kapitalismus in der Türkei aufgrund äußerer Dynamiken entwickelt habe, lässt sich auch auf die sozialistische Ideologie übertragen.

Damit möchte ich nicht die verbreitete Kritik wiederholen, wonach die sozialistischen Ideologien in der Türkei lediglich Kopien bestimmter ausländischer Quellen seien. Mir geht es vielmehr um die begrenzten Möglichkeiten, die bestanden. Die ideologischen Quellen revolutionärer Bewegungen, die über viele Jahre unter schwierigen Bedingungen kämpften und hohe Opfer brachten, wurden durch die Übersetzungsentscheidungen von zwei oder drei Verlagen bestimmt. Und bei diesen Entscheidungen spielte der Realsozialismus selbstverständlich eine maßgebliche Rolle.

Von den Schriften der zuvor genannten Persönlichkeiten ist nur ein sehr geringer Teil ins Türkische übersetzt worden. Wir haben beispielsweise über Vera Sassulitsch gesprochen. Sie ist eine interessante Persönlichkeit: eine Revolutionärin des 19. Jahrhunderts, die für die Dorfgemeinden eintrat, eine Frau und zudem eine Vertreterin direkter Aktion – sie schoss auf den Gouverneur von St. Petersburg. In der sozialistischen Linken der Türkei ist sie entweder gar nicht oder nur wenig bekannt. Und wenn sie bekannt ist, dann häufig in einem negativen Sinne, weil sie keine Bolschewikin war.

Dasselbe gilt für die russischen Verfechter der Dorfkommune im 19. Jahrhundert oder etwa für Nestor Machno, den bekannten Guerillakommandeur, der während der Revolution von 1917 die landwirtschaftlichen Kommunen zur Grundlage nahm. Auch eine Persönlichkeit wie Wilhelm Weitling, einer der frühen Theoretiker des Kommunismus, keineswegs eine Randfigur und jemand, von dem Marx erheblich beeinflusst wurde, ist der türkischen Linken kaum bekannt. Selbst Kropotkins Bücher wurden erst in vergleichsweise jüngerer Zeit übersetzt und veröffentlicht. Wie viel sie tatsächlich gelesen wurden, ist unklar; schließlich gilt Kropotkin als Anarchist und wurde von Lenin kritisiert.

Dabei gibt es im Türkischen gerade im Bereich der linken Literatur eine Fülle übersetzter Quellen, wie sie in vielen anderen Sprachen kaum zu finden ist. Übersetzt wurden jedoch vor allem jene Quellen, „die den Sozialisten gefielen“. In diesem Sinne kann man sagen, dass die sozialistische Linke der Türkei ideologisch sehr einseitig geprägt wurde. Es war daher beinahe unvermeidlich, dass sie all jene Probleme des Sozialismus übernahm, die wir zuvor beschrieben haben.

Die türkische Linke und ihr Verhältnis zur Kommune

Die sozialistische Linke in der Türkei weist bereits seit den 1920er Jahren eine kommunefeindliche Tendenz auf. Der deutlichste Ausdruck dessen ist ihre Unterstützung des Staates gegen die kurdischen Aufstände. Der Kampf des Kemalismus gegen die Kurden ist im Grunde ein Kampf des Prozesses der Staatsbildung gegen die Kommune.

Tatsächlich ist das Verhältnis des türkischen Nationalstaatsdenkens und des türkischen Nationalismus zur Ethnizität keineswegs so eindeutig, wie es erscheinen mag. Es konstituiert sich im Wesentlichen über die Gegnerschaft zur Kommune. Während das kemalistische Nationalstaatsverständnis beispielsweise selbst die Hethiter und Sumerer zu Türken erklärte, betrachtete es nomadische turkmenische Stammesgemeinschaften als Feinde und setzte sie unter Druck, um sie zur Sesshaftigkeit zu zwingen.

Staat, Fortschrittsdenken und die kurdische Lebensweise

Wo stand die kurdische Freiheitsbewegung angesichts dieser kommunefeindlichen Tendenz der sozialistischen Linken in der Türkei?

Auch der Kampf des Staates gegen die Kurden ist im Grunde ein Kampf darum, die verbliebenen kommunalen Strukturen in den kurdischen Gemeinschaften zu beseitigen, die Gemeinschaft auf das Individuum zu reduzieren und sie auf diese Weise in den Prozess der Staatsbildung einzugliedern. Auch die kulturelle Assimilation der Kurden sowie der Kampf gegen ihre Sprache und Lebensweise stehen damit in Zusammenhang. Aussagen wie jene von den „kart-kurt-Lauten in den Bergen“ leugnen also nicht nur die Kurden, sondern zugleich das Unterwegssein in den Bergen und das Leben in den Bergen selbst. Schließlich trägt Kultur die Codes einer bestimmten Lebensweise in sich.

Der staatliche Formierungsprozess richtet sich gegen die Lebensweise der Kurden. Mit solchen Diskursen wird beispielsweise versucht, die nomadische Lebensweise der Koçer zu beseitigen. Denn deren kommunales Leben steht im Widerspruch zum Prozess der Staatsbildung. Sie sollen im Agrar- oder Industriekapitalismus dazu gezwungen werden, ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Wenn Kurden dies ablehnen, sogar die Grenzen des Nationalstaats ignorieren und beispielsweise als Kolbar ihren Lebensunterhalt bestreiten, reagiert der staatliche Prozess darauf mit Massakern, wie im Fall der „33 Kugeln“.

Die sozialistische Linke in der Türkei bewegt sich an diesem Punkt auf derselben Achse wie der Staat. Denn auch sie betrachtet diese kurdischen Gemeinschaften als archaisch, rückständig und als Überreste des Feudalismus. Sie tritt für die Entwicklung und Modernisierung der Türkei ein. In diesem Sinne überschneidet sie sich in der Praxis mit dem Kemalismus, auch wenn sie diesen häufig kritisiert. Denn sie hat keinen eindeutigen ideologischen Bruch mit Fortschrittsdenken und Etatismus hin zur Kommune vollzogen, sondern ist im Gegenteil der entgegengesetzten Linie verhaftet geblieben. Auch sie möchte also, dass Kurden nicht als Kolbar arbeiten, sondern Industriearbeiter werden, weil sie auf diese Weise Klassenbewusstsein entwickeln, sich organisieren und schließlich der sozialistischen Revolution zuwenden sollen.

Wie bereits erwähnt, handelt es sich dabei um die klassische orthodox-sozialistische Auffassung aus der Zeit der Zweiten Internationale und der darauffolgenden Epoche. Da die türkische Linke den Sozialismus aus diesen klassischen orthodoxen Quellen kennenlernte, wiederholte sie dieselben Argumente und entfernte sich bis 1971 kaum von den Grenzen dieser orthodoxen Vorstellungen.

1971 und die Grenzen des orthodoxen Sozialismus

Mit den 1960er Jahren entwickelte sich die linke Bewegung zu einer Massenbewegung. Junge Menschen, die aus verschiedenen Teilen Anatoliens und aus Kurdistan in die Metropolen kamen, begegneten an den Universitäten linken Ideen. Dabei erkannten sie, dass der orthodoxe Sozialismus auf ihre eigenen Probleme und Bedürfnisse keine Antworten bot. Diese jungen Menschen politisierten sich innerhalb kurzer Zeit und begannen ab 1971, die linken Eliten der Türkei zurückzuweisen. Besonders deutlich zeigt sich diese Abkehr bei Mahir Çayan. Çayan entfernte sich von der klassischen Auffassung, die die Arbeiterklasse als grundlegende Kraft der Revolution betrachtete. Er beschränkte ihre Führungsrolle im revolutionären Kampf auf die ideologische Führung und orientierte sich auf das Volk. Çayan sprach vom vereinten revolutionären Kampf. Den Staat definierte er nicht als kapitalistischen, sondern als oligarchischen Staat. Das waren eigenständige Positionen, die außerhalb der Denkmuster des orthodoxen Sozialismus lagen. Entsprechend wurde Çayan von orthodoxen Sozialisten vorgeworfen, den Marxismus zu verfälschen.

Bei Ibrahim Kaypakkaya wiederum ist ein Bruch mit dem Kemalismus zu erkennen. Dieser Bruch wurde nicht mit dem Etatismus des Kemalismus begründet, sondern damit, dass es sich bei ihm um eine bürgerliche Ideologie handele; dennoch war es ein Bruch. Dabei dürften höchstwahrscheinlich auch praktische Erfahrungen eine Rolle gespielt haben, denn es dürfte schwierig sein, in der Region Dersim revolutionär tätig zu sein und zugleich am Kemalismus festzuhalten. Sowohl bei Çayan als auch bei Kaypakkaya ist zudem ein Bewusstsein für die kurdische Realität zu erkennen. Hüseyin Cevahir führte politische Untersuchungen in Kurdistan durch. All dies sprengte die Grenzen des orthodoxen Sozialismus. Von einem vollständigen Bruch lässt sich jedoch nur schwer sprechen. Denn unter den Bedingungen der 1970er Jahre hätte es bedeutet, sich zu marginalisieren, wenn man sich gegen den Bolschewismus und den Realsozialismus positioniert, offen eine kommunalistische Auffassung vertreten und die Ansichten jener kritisiert hätte, die als die „Meister des Sozialismus“ bezeichnet wurden.

Der epistemologische Bruch

Auch die kurdische Freiheitsbewegung entstand in diesem Umfeld und schöpfte aus sozialistischen und linken Quellen. Entsprechend verwendete sie anfangs ähnliche Argumente und Formeln. Allerdings unterschied sich diese Bewegung in einigen grundlegenden Punkten von den übrigen Teilen der türkischen Linken. Dazu zählen, dass sich ihre Militanten in der Region niederließen, dass sie nicht auf eine Bewegung von Intellektuellen beschränkt blieb und dass sie über Jahrzehnte hinweg einen realen Krieg durchstand. Unter solchen Bedingungen entsprechen die aus Büchern übernommenen Theorien nicht immer den Anforderungen der objektiven Realität; im Gegenteil, sie können den Handlungsspielraum der Bewegung einengen. Solche Denkmuster lassen, so sehr man sie auch zu dehnen versucht, keine vollständige Befreiung zu. Es bedarf eines Bruchs. Öcalan hat diesen Bruch schließlich vollzogen. Es handelt sich um einen grundlegenden Paradigmenwechsel, der in der Politikwissenschaft als „epistemologischer Bruch“ bezeichnet wird. Das ist eine bedeutende Errungenschaft – nicht nur für die kurdische Freiheitsbewegung, sondern auch für die sozialistische Linke in der Türkei. Inwieweit dies allerdings auch so wahrgenommen wird, ist eine andere Frage.

Um auf die vorherige Frage zurückzukommen: Stellt die Kommunekonzeption der kurdischen Freiheitsbewegung heute eine Alternative dar?

Betrachtet man den jüngsten Prozess, fällt auf, dass die sozialistische Linke in der Türkei Öcalans Manifest überwiegend ablehnend aufgenommen hat. Bekanntlich wurde unter anderem der Vorwurf erhoben, damit werde der Sozialismus verraten. Eine solche Haltung als ideologischen Selbstmord zu bezeichnen, wäre nicht völlig verfehlt. Die sozialistische Linke in der Türkei verliert seit vielen Jahren an Kraft. Ursache dieser Blockade ist eine ideologische Krise, und offen gesagt ist sich dessen jeder bewusst, der über ein Mindestmaß an gesundem Urteilsvermögen verfügt. Dennoch wird eine weiterführende Debatte beharrlich vermieden; stattdessen werden auf konservative und resignative Weise Argumente wiederholt, die vor der Geschichte gescheitert sind. Ich sage damit nicht, dass alles, was Öcalan sagt, wortwörtlich übernommen werden müsse. Doch Verstehen und Diskutieren sind Voraussetzungen dafür, sich weiterzuentwickeln.

Wie ich bereits sagte, ist die Frage der Kommune keineswegs neu auf die Agenda des politischen Kampfes gelangt. Vor der Zweiten Internationale war sie eine grundlegende Forderung der Revolutionäre. Mit der Zweiten Internationale lässt sich eine Abweichung innerhalb der revolutionären Ideologie erkennen – oder, wohlwollender formuliert, ein Wechsel der politischen und ideologischen Richtung. Die türkische Linke hat sich aus den ideologischen Produkten dieser Abweichung gespeist. Aus bestimmten politischen Gründen mag man Öcalans Ansätze nicht akzeptieren wollen. Aus der Perspektive praktischer Politik ist das nicht unverständlich. In diesem Fall ließen sich jedoch andere Quellen zu dieser Frage heranziehen und die für eine fundierte Diskussion notwendigen Argumente entwickeln. Die ideologische Erneuerung, die aus einer solchen Debatte hervorgehen könnte, wäre für alle von Nutzen.

Nicht alles von Öcalan erwarten

Betrachtet man wiederum den Umgang der kurdischen Freiheitsbewegung mit dieser Frage, lässt sich sagen, dass dieser zwar positiv ist, zugleich aber Defizite aufweist. Offen gesagt ist eine Tendenz erkennbar, alles von Öcalan zu erwarten. Duran Kalkan schreibt in seinem Beitrag in der August-Ausgabe der Zeitung Komînal, das Wort Kommune sei inzwischen in aller Munde, und beinahe alle bestehenden Organisationen und Institutionen sollten offenbar umbenannt und zur „Kommune“ erklärt werden. Weiter führt er aus, der Begriff „Kommune“ sei zwar in Mode gekommen, werde jedoch in der großen Mehrheit der Fälle entweder seines Inhalts entleert oder verwendet, ohne verstanden worden zu sein. Selbst Personen und Institutionen, die Individualismus und Privateigentumsdenken bis zum Äußersten lebten, zögerten nicht, sich den Namen Kommune zu geben.

Kalkan zufolge ist die Situation gravierend, wenn dies geschieht, weil die Kommune nicht richtig und nicht hinreichend verstanden wurde. In diesem Fall müssten die notwendigen Anstrengungen unternommen werden, damit sie richtig und umfassend verstanden wird. Geschieht dies hingegen bewusst und als Ausdruck einer bestimmten Tendenz, sei die Lage noch wesentlich gravierender; dann müsse ein erfolgreicher ideologischer Kampf geführt werden. Damit wird auf ein wichtiges Problem hingewiesen: Offenbar ist der Begriff der Kommune, der als eine Art Losung der neuen Phase gilt, bislang nicht hinreichend verstanden worden. Andererseits treten in dem genannten Beitrag drei Namen besonders hervor: Marx, Engels und Öcalan. Der Grund dafür ist nicht schwer zu erkennen: Offenbar gilt es nach wie vor als unerlässlich, die „Meister des Sozialismus“ anzuführen. Man muss jedoch einräumen, dass sich weder bei Marx noch bei Engels besonders viele konkrete Erkenntnisse über die Kommune gewinnen lassen. Insbesondere Engels kann man in der Frage der Kommune eine nicht gerade wohlwollende Haltung attestieren.

Über Marx und Engels hinausdenken

An diesem Punkt könnte es eine sinnvolle Option sein, sich von der durch den orthodoxen Sozialismus vorgegebenen Gewohnheit zu lösen, bei jeder Frage auf Marx und Engels zu verweisen, und stattdessen anderen Quellen sowie – und dies ist am wichtigsten – den Erkenntnissen aus dem konkreten gesellschaftlichen Leben größere Bedeutung beizumessen. Andernfalls wird die gesamte ideologische und theoretische Verantwortung für diesen Prozess auf eine einzige Person übertragen.

Seit der Veröffentlichung des Manifests der demokratischen Gesellschaft lässt sich in einem Großteil der dazu verfassten Beiträge kaum mehr als bloße Wiederholung erkennen. Der Verfasser dieses Manifests befindet sich seit mehr als 27 Jahren in Haft und unter Isolationsbedingungen. Wir sprechen also von jemandem, der ungeachtet seiner politischen Wirkmacht und seiner Fähigkeiten keinen Zugang zu Quellen und, wie häufig betont wird, keine „Bedingungen für freies Arbeiten“ hat. Dennoch weist er einen Weg und eröffnet neue Perspektiven. Darüber hinauszugehen und diese Perspektiven weiterzuentwickeln, sollte die Verantwortung derjenigen sein, die frei arbeiten können. Lediglich Öcalans Aussagen zu wiederholen, ohne etwas Neues hinzuzufügen und ohne den Versuch, sie zu vertiefen, führt unter diesen Umständen in gewisser Weise dazu, den eröffneten Weg wieder zu versperren.

Die Kommune, die über eine bedeutende historische und politische Kraft verfügt, droht dann letztlich zu einem Begriff zu werden, dessen Bedeutung unklar ist, und ihre gesamte politisch-strategische Relevanz zu verlieren. Darin liegt eine ernsthafte Gefahr. Heute besteht die Chance, die ideologische Blockade zu überwinden, in der sich die sozialistische Bewegung seit vielen Jahren befindet. Wird die Frage jedoch nicht mit der gebotenen Ernsthaftigkeit behandelt, könnte diese Gelegenheit verpasst werden.

Nicht nur über die Kommune schreiben

In diesem Zusammenhang lohnt es sich, auf ein wichtiges Detail in Öcalans Botschaft an die Zeitung Komînal hinzuweisen. Er sagt: „Die Zeitung hätte auch Kommunarde heißen können.“ Als Kommunarde, im französischen Original communard, wurden Menschen bezeichnet, die selbst an der Pariser Kommune beteiligt waren. Anders als die mit dem Wort „Kommunist“ verbundene Bedeutung bezeichnet der Begriff also nicht lediglich jemanden, der die Idee der Kommune vertritt, sondern jemanden, der selbst an einer „aufständischen Kommune“ beteiligt und Teil dieser Kommune ist. Wenn Öcalan sagt, „die Zeitung hätte auch Kommunarde heißen können“, lässt sich dies im Grunde als Vorschlag verstehen, dass diejenigen, die über die Kommune nachdenken und schreiben, selbst organischer Bestandteil einer Kommune sein sollten. Damit wird die Kommune als konkrete gesellschaftliche Realität begriffen.

Können sich Kommunen angesichts der Vielzahl bestehender Nationalstaaten tatsächlich erfolgreich organisieren?

Auch diese Frage hängt wiederum davon ab, was wir unter Sozialismus verstehen. Man kann sich fragen, ob es überhaupt notwendig ist, uns auf den Begriff des Sozialismus zu beschränken. Wenn also ein Sozialismus ohne Staat nicht möglich sein sollte, bedeutet das dann, dass wir auf ewig dazu verdammt sind, mit dem Staat zu leben? Man könnte die Frage auch anders stellen: Ist ein freies Leben ohne Staat möglich? Ja, das ist möglich. Umgekehrt ist ein freies Leben mit dem Staat nicht möglich. Lässt sich ein freies Leben durch die Organisierung in Kommunen aufbauen? Ja, das lässt sich – mehr noch: Anders ist es gar nicht möglich.

Wie bereits erwähnt, sollten wir Kommunen nicht als künstliche, synthetische Gebilde betrachten. Die Kommune ist eine grundlegende Lebensform der menschlichen Spezies. Der Prozess der Staatsbildung versucht, die Kommunen durch seine Zentralisierung in Form des Nationalstaats zu beseitigen, ist damit jedoch nie vollständig erfolgreich gewesen. Selbst unter härtesten Repressionsbedingungen wendet sich der Mensch immer wieder der Kommune zu. Wir haben bereits über die Haltung der sozialistischen Linken in der Türkei zur Kommune und über den Einfluss des orthodoxen Marxismus auf diese Bewegungen gesprochen. Unter Haftbedingungen beispielsweise bestand eine der ersten Handlungen dennoch darin, eine Kommune zu gründen. Besonders deutlich war dies in den Jahren der Militärjunta zu beobachten.

Insbesondere im Nahen Osten, in Lateinamerika, Afrika und Südostasien bestehen Kommunen in unterschiedlichen Formen bis heute fort. Auch die gesellschaftliche Basis revolutionärer Bewegungen in diesen Regionen bilden nach wie vor vielfach Gemeinschaften, in denen kommunale Beziehungen fortbestehen. Anatolien und Kurdistan sind in dieser Hinsicht reich an solchen Strukturen. In der Türkei nimmt der Zentralstaat kommunale Beziehungen ins Visier – nicht nur in Kurdistan, sondern überall. Wenn er Staudämme und Straßen baut, sich dörfliche Weideflächen aneignet – bei denen es sich gerade um kommunales Gemeinschaftsland handelt – und dort die Industrialisierung vorantreibt, versucht er im Grunde, die Gesellschaft zu individualisieren und den gesellschaftlichen Menschen in jemanden zu verwandeln, der seine Arbeitskraft verkauft. Dennoch lässt sich beispielsweise nicht einmal behaupten, dass es ihm gelungen wäre, die Tradition der Imece, der gemeinschaftlichen und gegenseitigen Arbeitshilfe, vollständig zu beseitigen.

Es kommt also darauf an, im eigentlichen Sinne zur Gemeinschaft zurückzukehren, die bereits vorhandenen kommunalen Traditionen mit ideologischer Klarheit zu vertiefen und auf dieser Grundlage eine auf Lokalität beruhende freie und unmittelbare Politisierung sowie die politische Existenz der Gemeinschaft zu entwickeln. Wird dieser Weg eingeschlagen, lässt sich ein freies Leben aufbauen. Wird der Begriff der Kommune jedoch seines Inhalts entleert und erschöpft sich das Verständnis der neuen Phase darin, lediglich die Schilder von Vereinen und Kulturzentren auszutauschen, wäre es unnötiger Optimismus, davon irgendwelche Ergebnisse zu erwarten.

Beitragsbild: Colnate Group, 2026 (cc by nc)

https://deutsch.anf-news.com/hintergrund/mahir-ergun-der-staat-ist-kein-instrument-sondern-ein-prozess-50738 https://deutsch.anf-news.com/hintergrund/die-antwort-auf-gewalt-heisst-kommunalismus-iii-51923 https://deutsch.anf-news.com/hintergrund/kommunale-erfahrungen-iv-der-aufbau-der-kommune-beginnt-beim-menschen-52420 https://deutsch.anf-news.com/hintergrund/Ocalans-konzept-demokratie-durch-kommune-integration-durch-verhandlung-48792

 

Kategorien: Externe Ticker

Kurdische Saisonarbeiter:innen in Zonguldak rassistisch angegriffen

23. August 2026 - 8:00

Mehr als 70 kurdische Saisonarbeiter:innen und ihre Familien sind nach Angaben von Abgeordneten der DEM-Partei in der Provinz Zonguldak an der türkischen Schwarzmeerküste innerhalb von zwei Tagen wiederholt angegriffen worden. Die Abgeordneten fordern die Behörden auf, die Sicherheit der Betroffenen unverzüglich zu gewährleisten. Die Arbeiter:innen stammen aus den Landkreisen Cizîr (tr. Cizre) und Silopiya (Silopi) in der nordkurdischen Provinz Şirnex (Şırnak) und waren zur Haselnussernte in das Dorf Bektaşlı im Bezirk Alaplı gekommen.

Nachdem Aufnahmen der Angriffe in sozialen Medien verbreitet worden waren, schalteten sich DEM-Abgeordnete ein. Nach ihren Angaben hatten sie zunächst erfahren, dass die Gruppe am Freitag angegriffen worden war. Am Samstagmorgen nahmen die Arbeiter:innen selbst Kontakt zur Partei auf. Daraufhin führten die Abgeordneten Gespräche mit dem Gouverneursamt von Zonguldak und dem Landratsamt von Alaplı.

Zonguldakta Şırnak silopili mevsimlik işçilerine ırkçı saldırı taşla saldırıyorlar yemin ederim yazık hepsi çocuk genç diyecek söz yok.. #emekçileresaldırı pic.twitter.com/st7MVbOngk

— silopii73 (@silopii73) August 22, 2026

Erneuter Angriff trotz zugesicherter Sicherheit

Den Abgeordneten sei mitgeteilt worden, dass die Gendarmerie bei dem ersten Angriff eingeschritten und die Sicherheit der Erntehelfer:innen und ihrer teils minderjährigen Kinder gewährleistet worden sei. Am Abend wurde die Gruppe jedoch auf dem Rückweg von den Feldern erneut angegriffen. Auf den veröffentlichten Aufnahmen sei zu sehen, dass sich die Gendarmerie zu diesem Zeitpunkt am Ort des Geschehens befand, den Angriff jedoch nicht verhindern konnte, erklärten die Abgeordneten. Sie wandten sich daraufhin erneut an den Landrat von Alaplı und forderten wirksame Schutzmaßnahmen für die mehr als 70 Arbeiter:innen und ihre Familien. Nach Angaben der DEM-Partei prüfen die Behörden derzeit, die Betroffenen an einen nahe gelegenen sicheren Ort zu bringen oder zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen an ihrer derzeitigen Unterkunft zu treffen.

Staatsanwaltschaft leitet Ermittlungen ein

Die Staatsanwaltschaft von Alaplı hat nach Angaben der Abgeordneten Ermittlungen zu dem Angriff eingeleitet. Die Saisonarbeiter:innen seien Hunderte Kilometer nach Zonguldak gereist, um dort ihren Lebensunterhalt zu verdienen. „Die Gewährleistung der Sicherheit unserer Bevölkerung liegt in der Verantwortung der staatlichen Behörden“, erklärten die Abgeordneten. Sie kündigten an, sowohl die Schutzmaßnahmen für die Betroffenen als auch die Ermittlungen zu den Angriffen weiterzuverfolgen und sich dafür einzusetzen, dass sich vergleichbare Übergriffe nicht wiederholen.

https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/-47722 https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/-39820 https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/-33955 https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/-33790 https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/rassistischer-lynchmob-greift-kurdische-saisonarbeiter-an-27606

 

Kategorien: Externe Ticker

Tausende besuchen Trauerfeier in Amed

22. August 2026 - 23:00

Tausende Menschen haben am zweiten Tag die Trauerfeier für die im kurdischen Freiheitskampf ums Leben gekommenen Guerillakämpfer:innen im Koşuyolu-Park in Amed (tr. Diyarbakır) besucht. Die von der Angehörigenorganisation MEBYA-DER initiierte Trauerfeier wurde auch von Menschen aus umliegenden Städten besucht.

Auf den Tischen im Park standen die mit Nelken geschmückten Porträts der Gefallenen. Vor einigen Porträts hatten Angehörige zudem Şemamok (Duftmelonen) niedergelegt. Jugendliche, Frauen und Mütter kamen in größeren Gruppen unter der Parole „Şehîd namirin“ (Die Gefallenen sind unsterblich) auf das Gelände und blieben über den Tag bei den Familien. Wiederholt wurden auch die Parolen „Bijî Serok Apo“ und „Bê Serok jiyan nabe“ gerufen.

Der zweite Tag der Trauerfeier endete mit Gebeten. Am Sonntag werden im Koşuyolu-Park erneut Beileidsbesuche empfangen. Um 18 Uhr findet dort eine zentrale Gedenkveranstaltung statt.

https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/trauernde-in-amed-wir-wollen-keine-weiteren-trauerfeiern-52492 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/amed-trauerfeiern-fur-49-gefallene-der-freiheitsbewegung-52486

 

Kategorien: Externe Ticker

Zeynep Alpboğa bis zur geplanten Abschiebung in Haft

22. August 2026 - 20:00

Die seit 22 Jahren in Deutschland lebende kurdische Aktivistin Zeynep Alpboğa befindet sich in Abschiebungshaft. Das Amtsgericht Bielefeld ordnete am Freitag an, die 55-Jährige bis zum 26. August festzuhalten. Für diesen Tag ist nach Angaben ihrer Familie ihre Abschiebung von Frankfurt nach Istanbul vorgesehen. Gegen die Entscheidung wurde Rechtsmittel eingelegt.

Die Mutter von drei Kindern war am Donnerstagmorgen bei einer Razzia in ihrer Wohnung in Bielefeld festgenommen worden. Hintergrund sind nach bisherigen Informationen ihre früheren politischen Aktivitäten in der kurdischen Community. In der Türkei bestehen nach Angaben ihrer Familie weiterhin politische Verfahren gegen Alpboğa, weshalb die Angehörigen bei einer Abschiebung eine Festnahme befürchten.

Medizinischer Notfall während der Verhandlung

Die Verhandlung über die Abschiebungshaft begann am Freitag gegen 13 Uhr am Amtsgericht Bielefeld. Alpboğas Verteidigung nahm online daran teil. Gegen 17.30 Uhr erlitt die 55-Jährige während einer Verhandlungspause einen medizinischen Notfall und wurde in das Klinikum Mitte gebracht.

Als ihre Kinder und weitere Angehörige dort Informationen über ihren Gesundheitszustand erhalten wollten, griff die Polizei ein. Nach einer Auseinandersetzung wurden zusätzliche Beamt:innen zum Krankenhaus geschickt und Angehörige sowie Unterstützer:innen aus dessen Umfeld verwiesen. Nach der medizinischen Versorgung wurde Alpboğa zurück zum Gericht gebracht. Die Verhandlung dauerte bis kurz vor Mitternacht.

Alpboğas Tochter Roza kritisierte insbesondere, dass ihre Mutter trotz chronischer Erkrankungen nach dem Zusammenbruch erneut vor Gericht gebracht wurde. „Ist so etwas mit rechtsstaatlichen Grundsätzen vereinbar? Meine Mutter ist krank und hat chronische Erkrankungen. Wegen einer einzigen Frau haben sie so viele Polizisten zum Krankenhaus geschickt. Ohne sie richtig zu behandeln, haben sie sie wieder zum Gericht gebracht.“

Familie legt Rechtsmittel ein

Das Gericht ordnete schließlich Abschiebungshaft bis zum vorgesehenen Ausreisetermin an. Alpboğa wurde daraufhin in die Gewahrsamseinrichtung für Ausreisepflichtige in Ingelheim am Rhein gebracht. Die Familie hat die Entscheidung angefochten und wartet nun auf die Entscheidung der nächsten Instanz.

Roza spricht von „unverhältnismäßiger Gewalt und Rechtsverletzungen“ seit der Festnahme ihrer Mutter. Bereits während der Razzia seien die Telefone der Familienmitglieder beschlagnahmt und ihre Kommunikation untereinander sowie mit einem Anwalt zeitweise verhindert worden. Auch über den Aufenthaltsort ihrer Mutter habe die Familie zunächst keine Auskunft erhalten.

Die Kriminalisierung kurdischen politischen Engagements in Deutschland sei nicht hinnehmbar, erklärte Roza. Die Ereignisse bereiteten ihr „als Tochter und als kurdischer Frau“ große Sorge und zeichneten ein beunruhigendes Bild für die Zukunft von Kurd:innen in der Diaspora. „Deshalb müssen wir die Solidarität verstärken“, sagte sie.

Politische Aktivitäten als Hintergrund

Zeynep Alpboğa stammt aus Nisêbîn (tr. Nusaybin) und lebt seit 22 Jahren in Bielefeld. Gegen sie liefen seit längerer Zeit Ermittlungen im Zusammenhang mit ihrer früheren ehrenamtlichen Tätigkeit als Ko-Vorsitzende des Demokratischen Kurdischen Gesellschaftszentrums in Bielefeld. Dabei geht es nach bisherigen Informationen um den Vorwurf einer mutmaßlichen PKK-Mitgliedschaft beziehungsweise um „Terrorismus“. In der Folge wurde Alpboğas Aufenthaltsrecht entzogen.

Der Verband der kurdischen Frauen in Deutschland (YJK-E) hatte nach ihrer Festnahme gegen die drohende Abschiebung protestiert. Die Organisation verwies auf den laufenden Prozess für Frieden und eine demokratische Gesellschaft in der Türkei und kritisierte die fortgesetzte Kriminalisierung kurdischen politischen Engagements in Deutschland. „Friedensrhetorik und politische Kriminalisierung können nicht nebeneinander fortgeführt werden“, erklärte der YJK-E.

https://deutsch.anf-news.com/frauen/-52481 https://deutsch.anf-news.com/frauen/-52483

 

Kategorien: Externe Ticker

Strategische Persönlichkeit, die Kraft des Aufbaus und die Bedeutung des Gesetzes

22. August 2026 - 16:00

Der politische Gefangene und Autor Ergin Atabey setzt sich in einem Beitrag für das Magazin Özgür Halk mit den Debatten über den aktuellen Prozess und insbesondere mit der Bedeutung des gesetzlichen Rahmens auseinander. Atabey, der auf der türkischen Gefängnisinsel Imrali inhaftiert ist und dort der Sekretariatsgruppe um den kurdischen Repräsentanten Abdullah Öcalan angehört, kritisiert eine Verengung der Diskussion auf technische und rechtliche Fragen. Im Zentrum des Prozesses müsse vielmehr der Aufbau einer demokratisch-kommunalen Gesellschaft als strategische Aufgabe stehen. Wir dokumentieren den Beitrag in deutscher Übersetzung:

Betrachtet man die Debatten über den Prozess insgesamt, so zeigt sich leider, dass dieser vor allem unter technischen und eher zweitrangigen Gesichtspunkten diskutiert wird. Der psychologische Krieg des Regimes der Spezialkriegsführung trägt zwar dazu bei, doch die wesentlichen Dimensionen dieses Problems lassen sich damit nicht erklären. Insbesondere wir, die wir die Verantwortung für den Aufbau einer demokratisch-kommunalen Gesellschaft tragen, schaffen es aufgrund unserer eigenen Oberflächlichkeit nicht, uns von sekundären und technischen Fragen zu lösen und auf strategischer Ebene zu denken. Deshalb fehlt es unseren Diskussionen und unserer Arbeit an Substanz, und wir dringen nicht zu den eigentlichen Fragen vor. Infolgedessen bleiben selbst berechtigte Aussagen innerhalb der Grenzen des psychologischen Krieges. Damit entfernen wir uns vom eigentlichen Gegenstand der Debatte.

Strategisch denken statt Nebenschauplätze bestimmen lassen

Abdullah Öcalan sagt: „Ich arbeite strategisch.“ Die Grundlage strategischer Arbeit ist die strategische Persönlichkeit. Eines ihrer wichtigsten Merkmale besteht darin, Agenda, Diskussion und Arbeit am Wesentlichen auszurichten. Gegen Abdullah Öcalan wird der wohl ausgefeilteste psychologische Krieg der Geschichte geführt. Dieser Krieg zielt insbesondere darauf ab, Öcalans Agenda, Diskussionen und Arbeit nach den eigenen Vorstellungen zu lenken. Doch obwohl Öcalan einer Isolation und Abschottung ausgesetzt ist, für die es weder historisch noch gegenwärtig ein vergleichbares Beispiel gibt, gelingt es nicht, seiner Agenda, seinen Diskussionen und seiner Arbeit eine Richtung vorzugeben. Das Geheimnis liegt in der strategischen Persönlichkeit, die Öcalan in sich selbst herausgebildet hat.

Der entscheidende Nachteil für Öcalan besteht jedoch darin, dass es uns nicht gelungen ist, in uns selbst eine strategische Persönlichkeit auf demselben Niveau herauszubilden. Deshalb können wir nicht vollständig erfassen, was geschieht. Wir erkennen die Fallen nicht, die das Regime der Spezialkriegsführung stellt, indem es sekundäre und technische Fragen auf die Tagesordnung setzt. Im Allgemeinen geraten wir in genau diese Falle. Dadurch entfernen wir uns vom Kern der Sache. Die daraus entstehenden Folgen wirken sich wiederum negativ auf Öcalan aus. Damit sind wir objektiv nicht in der Lage, die von ihm entwickelte Strategie voranzubringen. Genau das ist mit dem genannten Nachteil gemeint.

Das Niveau strategischer Persönlichkeit erreichen

Im Allgemeinen werden die Bedingungen der Isolation und Abschottung, denen Abdullah Öcalan ausgesetzt ist, als Nachteil betrachtet. Zweifellos wäre die Situation ohne diese Bedingungen eine andere. Blickt man jedoch von der Vergangenheit bis in die Gegenwart, so zeigt sich, dass das eigentliche Problem bei uns liegt. Auch in früheren Zeiten waren wir nicht in der Lage, den Erfordernissen jener strategischen Phasen gerecht zu werden, die Öcalan mit seinen Vorstößen eröffnet hat. Zahlreiche Initiativen, die sich ungefähr alle zehn Jahre vollzogen, liefen weitgehend ins Leere, weil es uns nicht gelang, das erforderliche Niveau strategischer Persönlichkeit zu erreichen. Mit eben dieser Realität sind wir auch heute konfrontiert. Dass wir dieses Niveau strategischer Persönlichkeit nicht erreichen, ist für Öcalan der entscheidende Nachteil.

Ergin Atabey

Öcalan beschreibt seine strategische Perspektive mit den Worten: „Den Würgegriff von Genozid und Krieg durchbrechen, in dem die Kurd:innen gefangen gehalten werden, den Genozid verhindern und als freie Existenz den eigenen Raum aufbauen.“ Die strategische Ausrichtung, der Widerstand und die Arbeit eines halben Jahrhunderts sind in diesem Satz auf besonders prägnante Weise zusammengefasst. Zugleich bringt er die Bedeutung des gegenwärtigen Prozesses zum Ausdruck. Der genozidale Würgegriff gegen die Kurd:innen besteht fort. Auch wenn die Kurd:innen faktisch anerkannt sind, sind sie noch immer keine freie Existenz. Der jüngste strategische Vorstoß zielt auf die Überwindung dieses Zustands.

Betrachten wir vor diesem Hintergrund, was wir seit jenem „Tag“, an dem dieser Vorstoß eingeleitet wurde, getan haben. Unser Handeln zeigt sich am deutlichsten in unseren Äußerungen. Besonders deutlich wurde dies in den vergangenen ein bis eineinhalb Monaten. Was wir in dieser Zeit rund um das sogenannte „Gesetz“ gesagt haben, zeigt, wo wir im Verhältnis zu diesem strategischen Vorstoß stehen. Wir sind beinahe mit dem „Gesetz“ aufgestanden und mit dem „Gesetz“ ins Bett gegangen. Es wäre nicht ungerecht zu sagen, dass sich unsere Haltung gegenüber diesem strategischen Vorstoß genau in diesem „Aufstehen“ und „Zubettgehen“ ausdrückt. Tatsächlich liegt einer der wesentlichen Gründe dafür, dass wir das Niveau strategischer Persönlichkeit nicht erreichen, darin, dass wir mit diesem „Gesetz“ ins Bett gehen und mit ihm wieder aufstehen.

Dabei besteht das erste Problem darin, dass wir das Wesen des genozidalen Würgegriffs und des Krieges, die den Kurd:innen aufgezwungen werden, nicht vollständig verstehen. Zweitens liegt der Kern der Frage nicht im Gesetz. Die Bedeutung des Gesetzes kann nicht gänzlich bestritten werden; es stellt eine Etappe des Kampfes dar. Wenn hier jedoch von Kampf die Rede ist, ist damit kein ausgehöhlter Aktivismus gemeint, der keinerlei vorantreibende Kraft mehr besitzt, ebenso wenig eine Haltung, die sich in bloßer Reaktion erschöpft.

Der Aufbau der demokratisch-kommunalen Gesellschaft

Man kann nicht sagen, dass wir eines wirklich verstanden haben: Solange der Kampf nicht auf der Grundlage des Aufbaus entfaltet wird, lässt sich kein Ergebnis erzielen – ganz gleich, wie viele Aufrufe ergehen und wie sehr eine Rhetorik gepflegt wird, die über bloße Reaktion nicht hinauskommt. Stattdessen verharrt man bei bedeutungslosen Forderungen nach dem Muster „Wir wollen dies, wir wollen das“ und gibt damit die eigene Position als handelndes Subjekt auf.

Die Strategie des jüngsten Vorstoßes, den Abdullah Öcalan entwickelt hat, ist der Aufbau der demokratisch-kommunalen Gesellschaft. Der politische Weg, den wir eingeschlagen haben, verläuft jedoch genau in die entgegengesetzte Richtung. Wir haben das Strategische nahezu beiseitegeschoben und das Taktische zur eigentlichen Tagesordnung gemacht. In diesem Verständnis zeigt sich nicht nur eine Trennung von Strategie und Taktik, sondern auch eine Umkehrung des Verhältnisses von Zweck und Mittel. Dass wir sekundäre und technische Fragen auf die Tagesordnung setzen, ist genau Ausdruck jener Oberflächlichkeit, die wir an diesem Punkt erleben.

Hätten wir dagegen das Niveau strategischer Persönlichkeit erreicht, wäre es vor allem die Strategie, die wir auf die Tagesordnung setzen würden. Solange wir den Aufbau der demokratisch-kommunalen Gesellschaft nicht strategisch zum zentralen Gegenstand unserer gesamten Arbeit machen, sind wir nicht wirklich in den Prozess eingetreten und können unserer Verantwortung nicht gerecht werden. Die Träger:innen dieser Strategie wiederum sind die demokratischen Kommunalist:innen, die diese Gesellschaft aufbauen.

So wie die Taktik ein Mittel der Strategie ist, ist es auch das Gesetz. Mit der praktischen Verwirklichung des Aufbaus der demokratisch-kommunalen Gesellschaft als strategischer Arbeit wird auch das eigene Gesetz durchgesetzt und hervorgebracht. Das Gesetz kommt also nicht zuerst.

Gesellschaftliche Kraft entsteht durch Aufbau

Aus diesem Aufbau erwächst zugleich eine gesellschaftliche Kraft, die ihm Durchsetzungsfähigkeit verleiht. Ist es nicht genau das, was sich im vergangenen halben Jahrhundert in der Dialektik von Kampf und Widerstand vollzogen hat? Zu dieser Dialektik ist nun mit der Aufbauarbeit auch die Arbeitsweise der positiven Revolution hinzugekommen.

Was hat uns daran gehindert, was hindert uns heute daran? Wie bereits eingangs festgestellt, liegt das einzige Hindernis in unseren Defiziten, unserer Oberflächlichkeit und unseren Fehleinschätzungen hinsichtlich strategischer Persönlichkeit und strategischer Arbeitsweise. Wir müssen es uns dabei nicht einfach machen und die Schuld bei allen anderen suchen. Abdullah Öcalan sagt: „Wir werden unser Schicksal nicht den Gesetzen überlassen.“ Damit ist selbstverständlich nicht gesagt, dass das Gesetz völlig bedeutungslos wäre. Doch das Gesetz ist die ‚Schale‘ der eigentlichen Frage. Selbst ein vollkommenes Gesetz wird zur Falle, wenn es an strategischer Persönlichkeit und entsprechender Arbeitsweise fehlt.

An anderer Stelle sagt Öcalan: „Nicht das, was andere tun, sondern das, was wir tun, wird entscheidend sein.“ Ausgehend von dieser Perspektive ist es von existenzieller Bedeutung, Willen und Entschlossenheit freizusetzen und praktisch wirksam werden zu lassen. Es sind unser eigenständiges Denken, unser Wille und unsere Praxis, die sich auf der Grundlage dieser strategischen Persönlichkeit entfalten und uns zum Ziel einer demokratisch-kommunalen Gesellschaft führen werden.

Weder Rechtsablehnung noch Legalismus

In diesem Sinne ist es wichtig, weder in eine prinzipielle Ablehnung des Rechts noch in Legalismus zu verfallen. Wir dürfen das Recht weder negieren noch uns in seinen formalen Aspekten verlieren. Worauf wir uns vielmehr konzentrieren müssen, ist die strategische Dimension als der entscheidende Aspekt dieses Vorstoßes. In dem Maße, wie diese strategische Dimension die Freiheit der Existenz, die Freiheit der Frauen, die Freiheit, Denken und Ideologie zum Ausdruck zu bringen und sich zu organisieren, sowie systemische Freiheit verwirklicht, wächst ihre Kraft zur Lösung und entwickelt sich die Lösung selbst.

Dafür verfügen wir über ein erhebliches Potenzial. Auch die entsprechende Erfahrung und das nötige Wissen sind vorhanden. Niemand hat uns versprochen, dass es einfach sein würde. Im Gegenteil: Die positive Revolution ist die schwierigste aller Revolutionen. Aber Revolutionär:innen sind schließlich dazu da, das Schwierige zu vollbringen. Denken wir an die fehlenden Möglichkeiten der Vergangenheit, dürfte es angesichts der Möglichkeiten, über die wir heute verfügen, nicht schwieriger sein, erfolgreich zu handeln. Entscheidend ist, dass wir uns stärker mit der strategischen Persönlichkeit auseinandersetzen und das entsprechende Niveau und die entsprechende Arbeitsweise entwickeln.

https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/-52347 https://deutsch.anf-news.com/hintergrund/-52430 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/-52451

 

Kategorien: Externe Ticker

Ömer Akyol nach 30 Jahren aus Gefängnis entlassen

22. August 2026 - 15:00

Der kurdische politische Gefangene Ömer Akyol ist nach 30 Jahren Haft aus dem Gefängnis entlassen worden. Akyol war am 21. August 1996 in Ebex (tr. Başkale) in der Provinz Wan (Van) festgenommen worden. Drei Jahrzehnte später verließ er die geschlossene Haftanstalt Nr. 3 vom Typ T in Izmir.

Vor dem Gefängnis wurde Akyol von seinem Bruder sowie Vertreter:innen der DEM-Partei und des Angehörigenvereins EGE-TUHAYDER mit Blumen empfangen. Seine ersten Worte nach der Entlassung galten auch den politischen Gefangenen, die weiterhin inhaftiert sind.

Freude und Trauer eng beieinander

Freude und Trauer lägen an diesem Tag für ihn eng beieinander, sagte Akyol nach seiner Entlassung: „Heute habe ich genau 30 Jahre im Gefängnis vollendet. Nach 30 Jahren herauszukommen, macht mich glücklich und traurig zugleich.“ Glücklich sei er, „weil ich jetzt draußen bin und zumindest ein wenig Freiheit erfahren kann“. Gleichzeitig denke er an diejenigen, die er hinter den Gefängnismauern zurücklassen musste: „Ich bin traurig, weil meine Gefährt:innen noch immer dort sind.“

Nach seiner Festnahme war Akyol zunächst im H-Typ-Gefängnis von Antep (ku. Dîlok) inhaftiert und später in die T-Typ-Haftanstalt von Batman (Êlih) verlegt worden. Insgesamt verbrachte er 16 Jahre in den beiden Gefängnissen. Anschließend wurde er nach Izmir gebracht, wo er bis zum Ende seiner 30-jährigen Haftzeit festgehalten wurde.

Hoffnung auf den Friedensprozess

Während seiner Haft habe er den vom kurdischen Repräsentanten Abdullah Öcalan angestoßenen Prozess für Frieden und eine demokratische Gesellschaft aufmerksam verfolgt. Akyol zeigte sich überzeugt, dass der Prozess trotz möglicher Versuche, ihn zu sabotieren, erfolgreich sein könne. „Ja, dieser Prozess birgt einige Gefahren, manche werden versuchen, ihn zu torpedieren. Aber wir vertrauen unserer Führung“, sagte Akyol. Öcalan habe die kurdische Bewegung unter den schweren Isolationsbedingungen auf Imrali bis an den heutigen Punkt geführt.

Mit Blick auf die kommende Zeit erklärte Akyol: „Wir werden auf seinem Weg ein demokratisches Land schaffen. Die Freiheit wird den Kurd:innen gehören, die Freiheit wird Kurdistan gehören.“

https://deutsch.anf-news.com/menschenrechte/-52372 https://deutsch.anf-news.com/menschenrechte/-52331 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/-52438

 

Kategorien: Externe Ticker

YRJ erinnert an Gulistan Tara, Hêro Bahadîn und Necmedîn Sînan

22. August 2026 - 15:00

Der Verband der Journalistinnen in Nord- und Ostsyrien (YRJ) erinnert an die Medienschaffenden Gulistan Tara, Hêro Bahadîn und Necmeddîn Feysel Hec Sînan, die am 23. August 2024 beziehungsweise 2023 bei Angriffen des türkischen Staates in Südkurdistan und Rojava getötet wurden. Im Mittelpunkt der Erklärung steht das journalistische Vermächtnis der drei Medienschaffenden und die Entschlossenheit, ihre Arbeit für die freie Presse fortzuführen.

Gulistan Tara und Hêro Bahadîn wurden am 23. August 2024 bei einem Drohnenangriff in der Nähe von Silêmanî getötet. Sie hielten sich für eine Reportagereise im Bezirk Seyîdsadiq auf, als ihr Fahrzeug von einer Killerdrohne erfasst wurde. Der YRJ erinnert an die beiden Wegbereiterinnen der freien Presse „mit großem Stolz und großem Schmerz“.

Journalismus für diejenigen, deren Stimmen nicht gehört werden

„Gulistan und Hêro hatten ein Anliegen“, heißt es in der Erklärung. Sie wollten mitten im Geschehen sein und „zur Stimme derjenigen werden, die jahrelang nicht gehört wurden, ihre Anliegen nicht zur Sprache bringen und nicht über ihre Zukunft diskutieren konnten“. Einen besonderen Stellenwert nahm in ihrer journalistischen Arbeit der Kampf von Frauen ein. Tara und Bahadîn verstanden die Frauenfrage nicht allein als Gegenstand journalistischer Berichterstattung, sondern als Teil gesellschaftlicher und politischer Veränderung. Frauen hätten das Recht, selbst Entscheidungen zu treffen und ihre eigene Geschichte zu schreiben. Mit Kamera und Stift dokumentierten sie deshalb die Kämpfe von Frauen. „Sie waren überzeugt, dass die Kreativität und die Arbeit von Frauen es verdienen, gesehen, gehört und dokumentiert zu werden.“

Zwei tödliche Angriffe an einem 23. August

Der Frauenmedienverband erinnert auch an Necmeddîn Feysel Hec Sînan, der genau ein Jahr zuvor, am 23. August 2023, bei einem Angriff auf ein Team des Frauensenders Jin TV auf der Straße zwischen Qamişlo und Amûdê getötet wurde – ebenfalls durch eine türkische Killerdrohne. Delîla Egîd wurde bei demselben Angriff schwer verletzt. Für YRJ stehen die beiden Angriffe in einem Zusammenhang mit der gezielten Gewalt gegen die freie Presse. „Diese Ereignisse zeigen das Ausmaß, in dem Journalist:innen, die über die Wahrheit berichten, systematisch ins Visier genommen werden“, heißt es in der Erklärung. Die Angriffe zeigten zugleich, dass freie Stimmen weiterhin zum Schweigen gebracht und gesellschaftliche Realitäten unsichtbar gemacht werden sollen.

„Wir werden ihren Weg fortsetzen“

Der YRJ-Verband verbindet das Gedenken mit dem Versprechen, die Arbeit der Ermordeten weiterzuführen: „Wir erneuern unser Versprechen, dass die Linie unserer Gefallenen immer Grundlage unserer Arbeit sein wird. Dorthin, wo sie standen, werden wir unsere Kameras, unsere Stifte und unsere Stimmen tragen und ihren Weg fortsetzen.“ Gulistan Tara, Hêro Bahadîn und Necmedîn Sînan hätten einen festen Platz im Gedächtnis der freien Presse. Ihr Wirken erinnere daran, dass dieser journalistische Weg auch unter schwierigsten Bedingungen weitergegangen werden müsse. „Wir werden weiterhin die Wahrheit, die Stimmen der Frauen und ihre Kämpfe dokumentieren.“ Die Botschaft der freien Presse werde mit der Verantwortung gegenüber den Gefallenen weitergetragen.

https://deutsch.anf-news.com/pressefreiheit/-43829 https://deutsch.anf-news.com/pressefreiheit/-44726 https://deutsch.anf-news.com/frauen/-43475 https://deutsch.anf-news.com/pressefreiheit/-43356 https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/-38775

 

Kategorien: Externe Ticker

Trauernde in Amed: „Wir wollen keine weiteren Trauerfeiern“

22. August 2026 - 13:00

Bei den Trauerfeiern für Mitglieder der Volksverteidigungskräfte (HPG) und Verbände freier Frauen (YJA Star) in Amed (tr. Diyarbakır) steht neben der Erinnerung an die Gefallenen vor allem eine Forderung im Mittelpunkt: Der jahrzehntelange Krieg soll enden und niemand mehr sein Leben verlieren. Besucher:innen der im Koşuyolu-Park eingerichteten Trauerstätte verbinden ihre Hoffnung auf Frieden zugleich mit der Erwartung, dass der begonnene Prozess für eine Lösung der kurdischen Frage weitergeführt und die Rechte der kurdischen Bevölkerung abgesichert werden.

Unter Federführung des Vereins der Angehörigen von Gefallenen MEBYA-DER waren in Amed am Freitag an mehreren Orten dreitägige Trauerfeiern für Mitglieder der kurdischen Freiheitsbewegung eingerichtet worden, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten und in verschiedenen Regionen ums Leben gekommen sind. Im Koşuyolu-Park im Bezirk Rezan (Bağlar) wird gemeinsam der Toten gedacht. Neben Angehörigen kommen zahlreiche Menschen sowie Vertreter:innen politischer Parteien und zivilgesellschaftlicher Organisationen dorthin.

Gegenüber ANF sprachen Besucher:innen über ihre Erwartungen an den Prozess für Frieden und eine demokratische Gesellschaft. Immer wieder fiel dabei ein Satz: Es soll kein weiteres Blut vergossen werden.

 


„Wir müssen gleich sein und dieselben Rechte haben“

Sadık Tosun rief dazu auf, den begonnenen Prozess gesellschaftlich mitzutragen. In den vergangenen Jahrzehnten seien schwere Opfer gebracht worden. Damit daraus tatsächlich ein dauerhafter Frieden entstehen könne, müssten nun alle gesellschaftlichen Kräfte Verantwortung übernehmen. Die bisherigen gesetzlichen Schritte reichen Tosun jedoch nicht aus. Insbesondere der kurdische Repräsentant Abdullah Öcalan müsse unmittelbar am Prozess beteiligt sein und kommunizieren können. Auch die Rechte der Kurd:innen auf Sprache und Bildung müssten rechtlich abgesichert werden.„Wenn wir von Geschwisterlichkeit sprechen, müssen wir gleich sein und alle dieselben Rechte haben“, sagte Tosun. Die Forderungen der Kurd:innen seien Forderungen nach Gleichheit und Menschlichkeit. „Dazu gehört das Recht, in der eigenen Sprache, Kultur und Geschichte Bildung zu erhalten.“

„Weder Guerilla noch Soldaten sollen sterben“

Besonders eindringlich formulierte Maşallah Yıldeniz seine Hoffnung, künftig nicht mehr zu solchen Trauerfeiern zusammenkommen zu müssen. „Unsere Forderung ist Frieden. Wir wollen Frieden“, sagte Yıldeniz. Gleichzeitig forderte er die Freiheit Abdullah Öcalans: „Wir wollen, dass unser Repräsentant frei ist und zu uns kommt.“ Vor allem aber dürfe es keine weiteren Toten geben: „Wir kommen gerade von der Trauerfeier für 50 Gefallene. Wir wollen keine Trauerfeiern mehr. Weder Guerilla noch Soldaten sollen in diesen Tälern fallen oder getötet werden. Alle sollen endlich Frieden erleben.“

„Mütter sagen seit Jahren: Frieden“

Emine Özbek engagiert sich seit vielen Jahren bei den Friedensmüttern. Sie erinnerte daran, dass deren Forderung trotz jahrzehntelanger Verluste unverändert geblieben sei. „Wir Mütter wollen Frieden, wir wollen Demokratie. Die Mütter kämpfen seit Jahren. Sie verlor ihren Sohn und sagte trotzdem ‚Frieden‘, sie verlor ihre Tochter und sagte ‚Frieden‘. Keine Mutter wollte Krieg, jede Mutter wollte Frieden.“ Den begonnenen Prozess begrüßt Özbek, warnt jedoch davor, ihn bereits mit erreichtem Frieden gleichzusetzen. „Ein Anfang ist gemacht worden, aber das reicht nicht. Er muss ausgeweitet werden. Wir sollten uns nicht selbst täuschen und sagen: ‚Der Frieden ist gekommen.‘“ Dafür brauche es gesellschaftliche Stärke und eine starke politische Vertretung.

„Es soll kein Blut mehr fließen“

Auch Berivan Mızrak brachte ihre Erwartung auf einen einfachen Nenner: „Wir wollen, dass Frieden kommt. Es soll kein Blut mehr vergossen werden. Was wollen wir? Wir wollen Frieden.“ Die Trauerfeiern in Amed dauern noch bis Sonntag. Zum Abschluss ist eine gemeinsame Gedenkveranstaltung vorgesehen.

https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/amed-trauerfeiern-fur-49-gefallene-der-freiheitsbewegung-52486

 

Kategorien: Externe Ticker

Statue für Salih Muslim in Silêmanî geschaffen

22. August 2026 - 10:00

In Silêmanî (Sulaimaniyya) ist eine Statue des im März verstorbenen kurdischen Politikers Salih Muslim geschaffen worden. Das Werk stammt von dem kurdischen Bildhauer Chenar Nzar. Initiiert und unterstützt wurde das Projekt von Taha Resul, Kulturmäzen und Leiter des Kulturzentrums Cemal Îrfan in Silêmanî. Über den endgültigen Standort der Statue wird derzeit noch beraten.

Mit dem Kunstprojekt soll Muslims politische Rolle in Rojava gewürdigt und zugleich die Verbundenheit zwischen den verschiedenen Teilen Kurdistans zum Ausdruck gebracht werden. Muslim gehört zu den international bekanntesten politischen Vertretern Rojavas und wurde insbesondere während des Widerstands von Kobanê gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) zu einer der prägenden Stimmen der Region.

„Wir sind ein Volk“

Chenar Nzar erklärte, er habe nicht gezögert, als Taha Resul ihm vorgeschlagen habe, eine Statue Muslims anzufertigen. Für ihn gehe die Bedeutung des Projekts über die Würdigung einer einzelnen politischen Persönlichkeit hinaus. „Salih Muslim ist ein Politiker aus Westkurdistan. Für mich ist jedoch entscheidend, dass wir als Kurden diesen kulturellen und nationalen Wandel vollziehen“, sagte Nzar. „Wie wir immer sagen: Wir sind ein Volk. Wenn das kurdische Volk zusammensteht, kann uns keine Macht auseinanderreißen.“

Chenar Nzar und die damals noch unfertige Statue von Salih Muslim, Juni 2026 © privat

Kurd:innen hätten im Laufe ihrer Geschichte stets für Freiheit gekämpft. Daraus ergebe sich auch eine Verantwortung für Kunst und Kultur: „Jede Person hat die grundlegende Aufgabe, im eigenen Bereich der kurdischen Sache zu dienen und unsere nationale Identität in der Welt bekannt zu machen.“ Wo die Statue künftig stehen wird, ist noch nicht entschieden. Nzar zufolge laufen dazu Gespräche mit Taha Resul und weiteren Beteiligten. Vorgesehen ist ein prominenter und geeigneter Standort in Silêmanî.

„Symbol des Widerstands und von Kobanê“

Taha Resul begründete das Projekt mit der Bedeutung Muslims für den Widerstand in Rojava. Die Statue sei zugleich Ausdruck der Verbundenheit mit dessen jüngerer Geschichte. „Salih Muslim ist für mich ein Symbol des Widerstands und von Kobanê“, erklärte Resul. Er sei eine Persönlichkeit, die aus schwierigen Zeiten hervorgegangen sei. „Er hatte die Waffe in der Hand, aber in seinen Gedanken waren immer Frieden und Zusammenleben.“

Muslim habe Hoffnung vermittelt und mit seinem politischen Wirken Spuren im Kampf seines Volkes hinterlassen. Resul zeigte sich deshalb erfreut, dass Chenar Nzar dessen Statue geschaffen habe und Muslim damit auch künstlerisch als Teil der kurdischen Erinnerungskultur gewürdigt werde. Der Kulturförderer verwies zugleich auf die gemeinsame Geschichte der Kurd:innen über die bestehenden Grenzen hinweg. Trotz Verfolgung, Massakern und jahrzehntelanger Unterdrückung habe das kurdische Volk seine gesellschaftliche und politische Existenz behauptet. Die Erinnerung an diese Geschichte und den Widerstand müsse lebendig gehalten werden.

https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/-50673 https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/-50727 https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/-50716 https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/-50692

 

Kategorien: Externe Ticker