Meinungsfreiheit ist nicht nur das Recht, zu Allem seinen Senf dazu zu geben wie an einer Würstelbude. Es ist das Recht, Behauptungen der Mächtigen in Frage zu stellen, Erklärungen und Fakten einzuklagen und Alternativen einzufordern. Das mag unbequem sein, lästig, nerven, bremsen. Aber es ist der Motor des Fortschritts. Ohne Nörgler, Zweifler und Besserwisser kein Fortschritt. Zweifel ist eine gesellschaftliche Produktivkraft. Seine Diffamierung durch angeblich alternativlose Politik ist Rückschritt in vormoderne Zeiten. Deutschland braucht wieder einen Grundkurs in Debatte und Wiederbelebung der Streitkultur.» (- Roland Tichy, Journalist und Publizist)
ANF NEWS (Firatnews Agency) - kurdische Nachrichtenagentur
Feminizid an Studentin: Weitere Festnahmen im Fall Gülistan Doku
Im Zuge der wieder aufgenommenen Ermittlungen zum Verschwinden der kurdischen Studentin Gülistan Doku in Dersim (tr. Tunceli) ist es zu einer weiteren Festnahmewelle gekommen. Während sich bereits zahlreiche Personen wegen des Verdachts auf einen mutmaßlichen Feminizid und dessen organisierte Vertuschung in Untersuchungshaft befinden, führen neue Ermittlungsdaten nun zu weiteren Staatsbediensteten und Personen aus deren Umfeld.
Festgenommen wurden unter anderem Ali Kahraman, der zum Zeitpunkt von Dokus Verschwinden stellvertretender Kommandeur der Provinzgendarmerie beziehungsweise des Gendarmerieregiments von Tunceli war, und seine Ehefrau Burçin Hızlı Kahraman. Hinzu kommen drei Polizeitaucher, die an den damaligen Suchmaßnahmen beteiligt waren, sowie fünf weitere Personen.
Fahrzeug passiert Viadukt kurz nach Dokus letzter Aufnahme
Besondere Bedeutung kommt nach den neuen Ermittlungsergebnissen einem Fahrzeug zu, das am 5. Januar 2020 am Sarı-Saltuk-Viadukt unterwegs war. Dort war die damals 21-jährige Studentin Gülistan Doku gegen 12.25 Uhr letztmals von einer Überwachungskamera erfasst worden. Etwa zwei Minuten später passierte demnach ein von der Halkbank gemietetes Fahrzeug das Viadukt. Der Wagen soll Burçin Hızlı Kahraman zur Verfügung gestanden haben, die zu dieser Zeit als leitende Mitarbeiterin der Bank tätig war.
Ausgewertete Verbindungsdaten zeigen zudem, dass Kahraman ungefähr zur selben Zeit Handan Sonel – Ehefrau des damaligen Gouverneurs von Tunceli, Tuncay Sonel, und Mutter des Hauptverdächtigen Mustafa Türkay Sonel – anrief, die im Rahmen der aktuellen Ermittlungen inhaftiert ist. Für den Zeitraum von Januar 2019 bis Dezember 2022 wurden zwischen beiden insgesamt 536 Telefonkontakte festgestellt. Auch Ali Kahraman stand den Ermittlungen zufolge vielfach mit mehreren inzwischen inhaftierten Personen aus dem Verfahren in Kontakt. Eine direkte Telefonverbindung zwischen ihm und Gülistan Doku wurde dagegen nicht festgestellt.
Reise nach Dersim drei Tage vor dem Verschwinden
Weitere Erkenntnisse betreffen die Bewegungen des Ehepaars Kahraman unmittelbar vor Dokus Verschwinden. Den ausgewerteten Daten zufolge reisten beide am 2. Januar 2020 mit einem Fahrzeug aus Dîlok (Gaziantep) nach Dersim. Ali Kahraman war vom 3. bis 5. Januar allein im staatlichen Gästehaus für Lehrkräfte registriert. Am 5. Januar, dem Tag, an dem Doku zuletzt gesehen wurde, verließen Kahraman und seine Frau die Stadt wieder in Richtung Dîlok. Welche Bedeutung diese Bewegungs- und Verbindungsdaten für das Verschwinden der Studentin haben, ist Gegenstand der laufenden Ermittlungen.
Drei weitere Polizeitaucher festgenommen
Ausgeweitet wurden die Ermittlungen auch auf die damaligen Suchaktionen im Fluss Munzur. Nach den neuen Erkenntnissen waren insgesamt sechs Taucher an der Suche nach Doku beteiligt. Cengizhan Aydoğan und Necmi Acar waren bereits bei früheren Ermittlungsmaßnahmen inhaftiert worden, gegen Ramazan Karadeniz wurden gerichtliche Kontrollauflagen verhängt. Nun wurden mit Alaattin Kocamemik, Gürkan Gürdal und Vahit Ilgör drei weitere Polizeitaucher festgenommen. Welche konkreten Vorwürfe gegen die an den Sucharbeiten beteiligten Beamten erhoben werden, geht aus den bislang vorliegenden Angaben nicht hervor.
Zugriff auf Instagram-Account drei Tage nach dem Verschwinden
Eine weitere Spur betrifft Dokus Instagram-Account. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft von Erzurum (ku. Erzîrom) wurde am 8. Januar 2020 – drei Tage nach ihrem Verschwinden – von einem anderen Gerät und einer anderen IP-Adresse auf das Konto zugegriffen. Die Verbindung sei aus Dersim erfolgt und Perihan Benzer zugeordnet worden, die damals ebenfalls an der Munzur-Universität studierte. Der Zugriff begann den Ermittlungen zufolge um 8.47 Uhr und dauerte bis 18.18 Uhr. Kurz vor Ende der Sitzung wurden zwei Nutzerkonten blockiert.
Bei der weiteren Auswertung der Verbindungsdaten stellten die Ermittler:innen Kontakte zwischen einer auf Benzer registrierten Telefonnummer und Personen aus der Familie von Fatih Özmen fest, der bis zu seiner Verhaftung Ende Juli als Sicherheitswache arbeitete (früher als „Dorfschützer“ bekannt). Daraufhin wurden Benzer sowie Dilara Özmen (Öz), Sıla Özmen, Nurettin Mert Özmen und Sayime Özmen festgenommen.
Seit Januar 2020 verschwunden
Die aktuellen Festnahmen sind bereits Teil der fünften Festnahmeoperation seit der Wiederaufnahme der Ermittlungen zum Verschwinden von Gülistan Doku im Frühjahr. Inzwischen befinden sich zahlreiche Personen in Untersuchungshaft, darunter frühere und aktive Staatsbedienstete, Polizeibeamt:innen, Ärzt:innen und weitere Gesundheitsbedienstete. Zu den Inhaftierten gehört auch der damalige Gouverneur von Tunceli, Tuncay Sonel. Gegen ihn richtet sich der Verdacht, ein organisiertes System zur Vertuschung des mutmaßlichen Feminizids an Gülistan Doku aufgebaut zu haben.
Im Zentrum der Ermittlungen steht dabei der Verdacht gegen seinen Sohn Mustafa Türkay, der die damals 21-jährige Studentin vergewaltigt und später erschossen haben soll. Die Ermittlungen beschränken sich damit längst nicht mehr auf die Frage, was am 5. Januar 2020 am Sarı-Saltuk-Viadukt geschah. Untersucht wird auch, ob nach Dokus Verschwinden staatliche Strukturen genutzt wurden, um Spuren zu beseitigen, Ermittlungen in eine falsche Richtung zu lenken und Verantwortliche zu schützen. Die neuen Festnahmen und die Auswertung von Telefon-, Bewegungs- und digitalen Daten sind Teil dieser ausgeweiteten Ermittlungen.
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Samstagsmütter: Ohne Wahrheit und Gerechtigkeit kein wirklicher Frieden
Die Samstagsmütter haben in der 1118. Woche ihres Protestes an die Opfer des gewaltsamen Verschwindenlassens erinnert und die Aufklärung der staatlichen Verbrechen gefordert. Einen Tag vor dem Internationalen Tag der Verschwundenen am 30. August kamen Angehörige und Menschenrechtsverteidiger:innen erneut auf dem Galatasaray-Platz in Istanbul zusammen.
Eine Erklärung des Menschenrechtsvereins IHD verlas Sebla Arcan von der Kommission gegen das Verschwindenlassen. Der 30. August verbinde Angehörige auf der ganzen Welt in einer gemeinsamen Frage, sagte Arcan: „Wo sind sie? Auch wir fragen von Galatasaray aus: Wo sind unsere Verschwundenen?“
„Mit der Leugnung setzt sich das Verbrechen fort“
Gewaltsames Verschwindenlassen bedeute nicht allein, dass ein Mensch unter staatlicher Kontrolle verschwinde, betonte Arcan. Das anschließende Leugnen, die Verschleppung von Ermittlungen und der Schutz der Verantwortlichen seien Teil der Fortsetzung dieses Verbrechens. „Unsere Angehörigen wurden von Sicherheitskräften festgenommen und kehrten nie zurück. Statt ihr Schicksal aufzuklären, hat der Staat es geleugnet“, sagte Arcan. Ermittlungen seien wirkungslos gemacht, Beweise verschleiert und Täter geschützt worden.
Die Forderungen der Samstagsmütter gingen deshalb über die Suche nach den Verschwundenen hinaus: „Solange die Leugnung anhält, kann die Wahrheit nicht ans Licht kommen. Solange die Straflosigkeit anhält, kann es keine Gerechtigkeit geben. Und solange es keine Gerechtigkeit gibt, können neue Menschenrechtsverletzungen nicht verhindert werden.“
Aufarbeitung als Voraussetzung für Frieden
An die staatlichen Verantwortlichen gerichtet erklärte Arcan, Aufgabe des Staates sei es nicht, Verbrechen zu verbergen und Täter zu schützen, sondern die Wahrheit offenzulegen und Verantwortliche zur Rechenschaft zu ziehen. Eine demokratische und friedliche Zukunft könne nicht entstehen, ohne sich den staatlichen Verbrechen der Vergangenheit zu stellen. „Ohne die Aufarbeitung der schweren Verbrechen der Vergangenheit, ohne die Offenlegung der Wahrheit, die Anerkennung der Rechte der Betroffenen und die Beendigung der Straflosigkeit kann von wirklichem Frieden und Demokratie keine Rede sein.“ Die Samstagsmütter fordern die Aufklärung des Schicksals sämtlicher Verschwundener, wirksame Ermittlungen gegen Täter und Verantwortliche sowie die rechtliche Absicherung des Rechts der Angehörigen auf Wahrheit.
Angehörige kämpfen seit Jahrzehnten um Aufklärung
IHD-Vorstandsmitglied Eren Keskin erinnerte daran, dass die Türkei internationale Übereinkommen gegen das gewaltsame Verschwindenlassen nicht ratifiziert habe. Gleichzeitig drohe in zahlreichen Verfahren die Einstellung wegen Verjährung. Keskin forderte, dass die beim Justizministerium eingerichtete Kommission zu ungeklärten politischen Morden auch die Angehörigen der Verschwundenen anhört.
Hasan Karakoç, dessen Bruder Rıdvan Karakoç 1995 nach seiner Verschleppung tot aufgefunden wurde, erinnerte an die inzwischen jahrzehntelange Suche der Familien nach Gerechtigkeit. Einige Mütter und Väter seien gestorben, ohne jemals erfahren zu haben, was mit ihren Kindern geschehen sei. „Auch an ihrer Stelle führen wir diesen Kampf weiter“, sagte Karakoç.
Mikail Kırbayır, Bruder des 1980 in Gewahrsam verschwundenen Cemil Kırbayır, bezeichnete den Galatasaray-Platz als einen Ort des gesellschaftlichen Gedächtnisses: „Wir sind das Gedächtnis der Vergangenheit.“ Bis das Schicksal ihrer Angehörigen aufgeklärt und die Verantwortlichen vor Gericht gestellt seien, werde der Protest weitergehen.
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Frauen in Amed fordern Gerechtigkeit für ermordete Sultan Kara
In Amed (tr. Diyarbakır) haben Frauenorganisationen Gerechtigkeit für die ermordete Sultan Kara gefordert. Die 32-Jährige war am 26. August von Ersan Akdemir erschossen worden, von dem sie sich nach jahrelanger Gewalt scheiden lassen wollte. Gegen den Mann bestand nach Angaben der Frauenorganisationen eine Schutzanordnung.
Zu der Kundgebung im Stadtteil Şehitlik hatten das Netzwerk gegen Gewalt und die Frauenplattform Dicle Amed (DAKAP) aufgerufen. Beteiligt waren unter anderem Aktivistinnen der Bewegung freier Frauen (TJA), die Ko-Oberbürgermeisterin von Amed, Serra Bucak, Vertreterinnen kommunaler Frauenstellen und politischer Parteien. Die Teilnehmerinnen trugen ein Transparent mit der Aufschrift „Frauenmorde sind politisch“.
„Sultan Kara darf nicht zu einer Statistik werden“
Kara hatte sich vor zwei Monaten von Akdemir getrennt, die Scheidung eingereicht und war zu ihrer Schwester gezogen. Am Mittwochabend soll der Mann sie unter dem Vorwand, ihr gemeinsames Kind sehen zu wollen, in den Sümerpark gelockt haben. Dort schoss er auf die Frau. Sie wurde schwer verletzt in das Universitätsklinikum Dicle gebracht, wo sie trotz medizinischer Behandlung starb. Anschließend wurde sie auf dem Yeniköy-Friedhof beigesetzt.
Für die Frauenorganisationen zeigt der Feminizid erneut die Folgen unzureichender Schutzmechanismen. Ilknur Ayık erklärte im Namen der beteiligten Organisationen, Kara sei getötet worden, nachdem sie selbst die Entscheidung über ihr weiteres Leben getroffen und sich von einem gewalttätigen Mann getrennt habe. Feminizide könnten nicht als „Familienangelegenheit, Eifersucht oder spontaner Streit“ abgetan werden. Notwendig seien wirksame Schutzmechanismen für Frauen, eine konsequente strafrechtliche Verfolgung der Täter und ein Ende der Straflosigkeit. „Wir werden nicht zulassen, dass Sultan Karas Leben zu einer Statistik wird. Wir werden diesen Mord weiterverfolgen“, sagte Ayık.
„Jin, Jiyan, Azadî“
Auch Karas Tante Hamdiye Kızıltepe forderte Konsequenzen: „Wir wollen Gerechtigkeit. Wir werden bis an unser Lebensende für Gerechtigkeit kämpfen. Frauen sollen nicht getötet werden. Lasst uns gemeinsam kämpfen.“ Die TJA-Aktivistin Ayla Akat Ata forderte, bestehende Gesetze konsequent anzuwenden und Strukturen zu schaffen, die Frauen tatsächlich vor Gewalt schützen. „Von den Menschen ermordet zu werden, die uns am nächsten stehen, wird nicht unser Schicksal sein“, sagte sie. „Wir werden weiterkämpfen, bis wir ein gleichberechtigtes und freies Leben aufgebaut haben.“ Die Kundgebung endete mit der Parole „Jin, Jiyan, Azadî“.
https://deutsch.anf-news.com/frauen/sultan-kara-in-amed-ermordet-52546
PYD fordert verfassungsrechtliche Anerkennung der Kurd:innen in Syrien
Die Partei der Demokratischen Einheit (PYD) hat die jüngsten politischen Entwicklungen in Syrien als wichtige Schritte bezeichnet, zugleich aber weitergehende verfassungsrechtliche Garantien für die kurdische Bevölkerung gefordert. In einer schriftlichen Erklärung begrüßte die PYD insbesondere die Schritte zur Integration der Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) in staatliche Strukturen sowie die jüngsten Entscheidungen zur kurdischen Sprache. Diese Entwicklungen seien für den Aufbau eines neuen Syriens von Bedeutung, stellten jedoch noch keine umfassende Lösung der kurdischen Frage dar.
„Die kurdische Frage ist eine grundlegende Frage“
„Diese Entwicklungen sind positive und wichtige Schritte, aber sie reichen nicht aus“, erklärte die PYD. „Die kurdische Frage in Syrien ist eine grundlegende Frage, und die Rechte des kurdischen Volkes müssen untrennbarer Bestandteil der verfassungsrechtlichen und politischen Struktur des neuen Syriens sein.“ Die Beteiligung der Kurd:innen am Aufbau staatlicher Institutionen sowie am politischen, militärischen, administrativen und kulturellen Leben sei keine Gefahr für die Einheit des Landes. Im Gegenteil könne sie nach Auffassung der PYD die Stabilität und den gesellschaftlichen Zusammenhalt Syriens stärken.
Eigener Status der YPJ soll berücksichtigt werden
Besondere Bedeutung misst die PYD der Zukunft der Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) bei. Auch ihre Einbindung in offizielle Strukturen müsse geregelt werden, dürfe jedoch nicht losgelöst von der gesellschaftlichen und politischen Stellung der Frauen erfolgen. „Die Form der Integration muss die Rolle und den Status der Frauen beim Aufbau des neuen Syriens widerspiegeln“, erklärte die Partei. Die Forderung erhält vor dem Hintergrund der derzeitigen Verhandlungen über die Zukunft der YPJ zusätzliches Gewicht. Zuletzt war eine Eingliederung als besondere Einheit in staatliche Strukturen Gegenstand der Gespräche mit Damaskus; eine endgültige Regelung steht bislang aus.
Kurdische Rechte in neuer Verfassung verankern
Als entscheidenden nächsten Schritt nennt die PYD die neue syrische Verfassung. Darin müsse die Existenz des kurdischen Volkes ausdrücklich anerkannt werden. „Die neue Verfassung Syriens muss das kurdische Volk eindeutig als ein gemeinschaftliches Volk in Syrien anerkennen sowie die kurdische Sprache und die politischen, kulturellen und nationalen Rechte des kurdischen Volkes gewährleisten“, heißt es in der Erklärung. Auf dieser Grundlage müsse eine tatsächliche Partnerschaft aller gesellschaftlichen Bestandteile Syriens geschaffen werden. Die PYD fordert damit, die derzeitigen institutionellen Vereinbarungen durch dauerhafte verfassungsrechtliche Garantien abzusichern. Das neue Syrien müsse auf Demokratie, gesellschaftlicher Teilhabe und der Anerkennung seiner unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen beruhen. „Erst eine solche Ordnung kann die Grundlage für eine wirkliche Partnerschaft und ein starkes Syrien bilden, das durch seine Vielfalt und all seine Völker und Gemeinschaften bereichert wird.“
https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/mazlum-abdi-zum-berater-des-syrischen-prasidenten-ernannt-52542 https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/kurdischunterricht-erhalt-in-syrien-offiziellen-status-52541 https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/mazlum-abdi-verkundet-auflosung-der-qsd-als-eigenstandige-militarstruktur-52526 https://deutsch.anf-news.com/frauen/sonderstatus-fur-ypj-innerhalb-des-syrischen-innenministeriums-im-gesprach-52534
Sultan Kara in Amed ermordet
In Amed (tr. Diyarbakır) ist die 32-jährige Sultan Kara Opfer eines Feminizids geworden. Sie wurde am Abend des 26. August im Stadtteil Bajarê Nû (Yenişehir) von Ersan Akdemir erschossen, von dem sie sich nach vier Jahren Ehe scheiden lassen wollte. Der Tatverdächtige flüchtete anschließend mit dem gemeinsamen Kind und ist nach Angaben der Familie weiterhin nicht gefasst.
Kara hatte sich zwei Monate zuvor von Akdemir getrennt, die Scheidung eingereicht und war zu ihrer Schwester gezogen. Nach Angaben ihrer Familie hatte sie im Zusammenhang mit dem Scheidungsverfahren auch eine Schutzanordnung gegen ihren Ehemann beantragt. Am Mittwochabend soll Akdemir sie unter dem Vorwand, ihr gemeinsames Kind sehen zu wollen, in den Sümerpark im Stadtzentrum gelockt haben. Dort schoss er auf Kara. Sie wurde schwer verletzt in das Universitätsklinikum Dicle gebracht, wo sie trotz medizinischer Behandlung starb. Anschließend wurde sie auf dem Yeniköy-Friedhof beigesetzt.
„Jeden Morgen sagte sie: Er wird mich töten“
Karas Schwester Şehriban Kara berichtet von jahrelanger systematischer Gewalt und wiederholten Todesdrohungen. Ihre Schwester habe während der Ehe immer wieder befürchtet, von Akdemir getötet zu werden. „Sie war vier Jahre verheiratet. Jeden Morgen sagte meine Schwester: ‚Er wird mich töten‘“, berichtet Şehriban Kara. Zweimal habe Akdemir ihre Schwester schwer misshandelt. „Er bedrohte und schlug sie. Selbst als sie schwanger war, würgte er sie und versuchte, sie zu töten.“
Ersan Akdemir
Nach der Trennung hätten die Drohungen nicht aufgehört. Akdemir habe sowohl Sultan Kara als auch deren Schwester mit dem Tod bedroht. Zugleich sei Kara nach Angaben der Familie von Angehörigen des Mannes unter Druck gesetzt worden, keine Anzeige zu erstatten. Auch das gemeinsame Kind sei ihr zeitweise entzogen worden, um sie einzuschüchtern.
Familie erhebt Vorwürfe gegen Behörden
Die Familie wirft den Behörden vor, Sultan Kara trotz der bekannten Gewalt nicht geschützt zu haben. Während ihrer Ehe habe sie sich einmal an eine Polizeiwache gewandt. Dort sei ihr lediglich gesagt worden, sie solle zu ihrer eigenen Familie gehen. Nach ihrer Trennung habe Kara erstmals wieder Hoffnung geschöpft. „Ich bin sehr glücklich und erleichtert. Ich bin ihn los“, soll sie ihrer Familie gesagt haben. Zwei Monate später wurde sie getötet.
Für Şehriban Kara steht der Tod ihrer Schwester deshalb auch für das Versagen der staatlichen Schutzmechanismen. „Niemand hat etwas getan“, sagte sie. Ihre Schwester habe über Jahre von Gewalt und Todesdrohungen berichtet. Besonders bitter sei, dass der Tatverdächtige weiterhin nicht gefasst sei: „Meine Schwester ist tot, und dieser Mann läuft frei herum. Frauen werden ermordet und niemand kümmert sich darum. Ich will Gerechtigkeit. Es reicht.“
Vier Feminizide seit Jahresbeginn in Amed
Mit dem Tod von Sultan Kara ist nach Angaben von Frauenorganisationen bereits die vierte Frau seit Jahresbeginn in Amed durch einen Feminizid getötet worden. Drei weitere Frauen kamen unter ungeklärten beziehungsweise verdächtigen Umständen ums Leben. Der Fall von Sultan Kara reiht sich damit in eine bekannte Konstellation geschlechtsspezifischer Gewalt ein: Die Trennung von einem gewalttätigen Partner gehört für Frauen zu den besonders gefährlichen Phasen. Kara hatte sich entschieden zu gehen, die Scheidung eingereicht und Schutz beantragt. Zwei Monate später wurde sie ermordet.
https://deutsch.anf-news.com/frauen/feminizid-in-amed-tater-wurde-von-polizei-uber-anzeige-informiert-51849 https://deutsch.anf-news.com/frauen/-52490 https://deutsch.anf-news.com/frauen/-52499 https://deutsch.anf-news.com/frauen/frauen-in-amed-gewaltpravention-muss-bei-mannern-ansetzen-52465
Angehörige der Gefallenen: Dieser Schmerz soll sich nicht wiederholen
Die seit Mittwoch andauernde Trauerfeier in Cizîr (tr. Cizre) ist am Freitag mit einer großen Gedenkveranstaltung beendet worden. Tausende Menschen aus der Stadt und umliegenden Regionen kamen vor dem Bezirksbüro der DEM-Partei zusammen. Zuvor hatten Angehörige der Gefallenen eindringlich dazu aufgerufen, den Prozess für Frieden und eine demokratische Gesellschaft zu unterstützen. Auch in Mêrdîn (Mardin), Amed (Diyarbakır) und Sêrt (Siirt) wurden am Freitag weitere Trauerfeiern und Gedenkveranstaltungen abgehalten. Sie gelten Guerillakämpfer:innen, deren Tod von der kurdischen Freiheitsbewegung aufgrund der Kriegsbedingungen zum Teil erst Jahre später öffentlich bekanntgegeben werden konnte.
„Weder kurdische noch türkische Mütter sollen mehr weinen“
In Cizîr nahmen die Angehörigen am dritten Tag vor den Bildern ihrer Kinder und Familienmitglieder die Beileidsbekundungen entgegen. Mehrere von ihnen verbanden die persönliche Trauer mit der Hoffnung, dass der gegenwärtige Friedensprozess weitere Todesfälle verhindern wird. Behiye Pişkin, die Mutter von Baran Pişkin (Nîrvana Melek), sagte, der Verlust ihrer Tochter schmerze sie, zugleich sei sie stolz auf deren Kampf. „Weder kurdische noch türkische Mütter sollen mehr weinen“, erklärte sie. Sie forderte die Öffnung der Gefängnisse und gesellschaftliche Unterstützung für den Friedensprozess.
Ähnlich äußerten sich Makbule Başkurt, Mutter von Mustafa Başkurt (Cegerxwîn Cizîrî), und Müzeyyen Deniz, Mutter von Yusuf Deniz (Argeş Cîzre). Keine Mutter solle erneut ein Kind verlieren, erklärten sie. Salih Ertene, Vater von Ahmet Ertene (Serdem Êrîş), sprach von einem gemeinsamen Schmerz der Familien. Damit kein weiteres Blut vergossen werde, müsse der gegenwärtige Prozess von allen unterstützt werden.
Familie Arslan wartet bis heute auf Servet Arslan
Unter den Gefallenen, für die in Cizîr getrauert wird, ist auch Sezer Arslan (Agir Botan). Sein Bruder Servet Arslan war 2015 während der türkischen Militärbelagerung und Ausgangssperren in der Stadt getötet worden. Seine sterblichen Überreste wurden der Familie bis heute nicht übergeben. Sezer Arslan schloss sich später der Guerilla an. Seine Tante Hanife Arslan erklärte, die Familie werde sich weiter dafür einsetzen, dass die Opfer der Gefallenen nicht vergeblich gewesen seien. Sie forderte Freiheit für Abdullah Öcalan und die politischen Gefangenen. Auch Arslans Großmutter Xanim Arslan verband ihre Hoffnung auf einen erfolgreichen Friedensprozess mit der Forderung nach einem Ende von Tod und Inhaftierungen.
Aktaş: „Wir beginnen einen neuen Kampf“
Zum Abschluss der dreitägigen Trauerfeier fand am frühen Abend eine gemeinsame Gedenkveranstaltung statt. MEBYA-DER-Vertreterin Esmer Çıkmaz erklärte im Namen der Angehörigen: „Als Mütter haben wir ihnen ein Versprechen gegeben: Wir werden diesem Land Frieden und Freiheit bringen.“ An der Veranstaltung nahm auch Veysi Aktaş teil, der 31 Jahre inhaftiert war – unter anderem gemeinsam mit Abdullah Öcalan auf Imrali – und im vergangenen Jahr freikam. Aktaş erinnerte an Cizîr als Heimat der Geschichte von Mem û Zîn und verband deren unerfüllte Liebe mit dem Streben der Gefallenen nach Freiheit. „Unser Widerstand muss so groß sein wie ihre Träume“, sagte Aktaş. Mit dem Prozess für Frieden und eine demokratische Gesellschaft beginne zugleich eine neue Phase des Kampfes: „Wir beginnen einen neuen Kampf. Wir beginnen mit demokratischer Politik. Alle sollen darin ihren Platz einnehmen. Unser Schicksal liegt in unseren Händen.“
Die DEM-Abgeordnete Beritan Güneş Altın erklärte, das Andenken an die Gefallenen zu bewahren bedeute, für ihre Ziele und für Frieden einzutreten. „Wer fragt, was das kurdische Volk will, soll auf dieses Bild schauen. Das kurdische Volk will trotz seines Schmerzes Frieden und ein gemeinsames Leben.“
Weitere Trauerfeiern in Mêrdîn, Amed und Sêrt
Parallel fanden in mehreren Orten der Region weitere Trauerfeiern statt. In Barman bei Stewr (Savur) wurde Emel Güneş (Pîroz Mardîn), Fatih Aydın (Agir Mardin), Nevzat Fidan (Arat) und Vedat Aydın (Piling Barman) gedacht. Hunderte Menschen beteiligten sich an einem gemeinsamen Marsch zum Trauerzelt der Familien. In Qereşîkê bei Ertoqî (Artuklu) wurde eine Trauerfeier für Sevcan Bulut (Serhildan Serbaz) eingerichtet, in Kerboran (Dargeçit) wird Felek Yiğit (Arjîn Kerboran), Eshan Ağırman (Çekdar Serdar) und Hanife Cebe (Dicle) gedacht. Dort ist für Sonntag eine größere gemeinsame Gedenkveranstaltung angekündigt.
In Bismîl bei Amed ging unterdessen die dreitägige Trauerfeier mit einem Mevlit zu Ende. Unter den Teilnehmer:innen waren die DBP-Vorsitzenden Çiğdem Kılıçgün Uçar und Keskin Bayındır. In Sêrt wurde zudem Ferhat Kaya (Dilşad Herekol) gedacht, der am 10. Februar 2018 als YPG-Kämpfer in Efrîn ums Leben kam. Die von MEBYA-DER organisierte Gedenkveranstaltung begann mit einem gemeinsamen Marsch zum Haus seiner Familie.
https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/tausende-beteiligen-sich-an-trauerfeiern-fur-gefallene-52539 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/amed-die-gefallenen-durfen-nicht-vergessen-werden-52529 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/nach-neun-jahren-besuchen-familien-zerstorten-guerillafriedhof-in-besta-52527
Doğan: Öcalan muss seine historische Verantwortung wahrnehmen können
Die DEM-Partei erwartet nach der Verabschiedung des Rahmengesetzes eine zügige Umsetzung der darin vorgesehenen Mechanismen und konkrete Voraussetzungen für eine aktive Rolle Abdullah Öcalans im weiteren Friedensprozess. Parteisprecherin Ayşegül Doğan erklärte am Freitag in Ankara, die bisherigen Erfahrungen hätten gezeigt, dass der kurdische Repräsentant über kontinuierliche Kommunikationsmöglichkeiten verfügen müsse. Doğan äußerte sich nach einer Sitzung des Zentralen Exekutivrats der DEM-Partei. Im Mittelpunkt der Beratungen standen der Prozess für Frieden und eine demokratische Gesellschaft, die Umsetzung des Rahmengesetzes, die Entwicklungen in Syrien, die derzeitigen Trauerfeiern für Gefallene sowie der für den 6. September geplante Parteikongress.
Nicht auf einen bürokratischen Ablauf beschränken
Als wichtigen Schritt bezeichnete Doğan die erste Sitzung des neu geschaffenen Begleit- und Evaluierungsrats am 24. August. Unter dessen Dach wurden vier weitere Gremien für rechtliche Fragen, Monitoring und Feststellung, gesellschaftliche Integration sowie Entwaffnung und strategische Koordination eingerichtet. Entscheidend sei nun, dass diese Gremien koordiniert und dem Tempo des Prozesses entsprechend arbeiteten. Zugleich warnte Doğan davor, deren Tätigkeit auf staatliche Bürokratie zu beschränken. Zivilgesellschaft, erfahrene Fachleute und unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen müssten Möglichkeiten erhalten, sich einzubringen. „Wir sprechen von einem Aufbauprozess“, sagte Doğan. Deshalb müsse sich die gesellschaftliche Unterstützung für Frieden und Demokratisierung unmittelbar in den neu entstehenden Strukturen widerspiegeln.
Forderung nach Arbeitsbedingungen für Öcalan
Als eine der zentralen offenen Fragen bezeichnete Doğan die Bedingungen Abdullah Öcalans auf der Gefängnisinsel Imrali. „Er muss die Möglichkeit erhalten, die schwere und historische Verantwortung, die er in diesem Prozess übernommen hat, wahrnehmen zu können.“ Die bisherigen Phasen des Prozesses hätten gezeigt, warum Öcalan „unter Bedingungen einer effektiven und ununterbrochenen Kommunikation“ daran beteiligt sein müsse. Dabei gehe es nicht allein um die Koordination der Entwaffnung. Für die DEM-Partei sei es ebenso entscheidend, Öcalans Position im politischen Prozess klar zu bestimmen und ihm die Voraussetzungen zu geben, koordinierend tätig zu werden. Doğan verwies dabei auf dessen Ziel, das historische Zusammenleben von Kurd:innen und Türk:innen auf eine dauerhafte Grundlage zu stellen.
„Wir stehen mitten im Übergang von Konflikt zu Konfliktfreiheit“
Das Rahmengesetz bezeichnete Doğan erneut als wichtigen, aber nicht ausreichenden Schritt. Die DEM-Partei habe es nie lediglich als Regelung für aktuelle praktische Probleme betrachtet. „Wir stehen jetzt mitten im historischen Übergang von Konflikt zu Konfliktfreiheit“, sagte sie. Das Gesetz sei eine der entscheidenden Verbindungen zwischen Frieden und Recht. Für einen dauerhaften Frieden brauche es jedoch neben gesetzlichen Regelungen auch politischen Willen und weitere politische Entscheidungen.
Besondere Bedeutung maß Doğan den gegenwärtigen Trauerfeiern bei. Viele Mitglieder des Parteivorstands seien unmittelbar aus Trauerzelten und Trauerhäusern zur Exekutivratssitzung gekommen. Die nun bekanntgegebenen Todesfälle hätten erneut vor Augen geführt, welchen Preis das Scheitern früherer Friedensbemühungen gehabt habe. „Wenn wir es 2015 geschafft hätten, einen dauerhaften Frieden rechtlich abzusichern, müssten wir uns heute nicht von Tausenden Menschen verabschieden“, sagte Doğan. Die Stimmen der Mütter müssten gehört werden: von Frauen, die um Angehörige ohne Grab trauerten, nach den sterblichen Überresten ihrer Kinder suchten oder endlich deren Grabstätten erreichen wollten. Ihr gemeinsamer Wunsch sei, dass keine weitere Familie denselben Verlust erleben müsse.
Medienschaffende sollen direkt mit Öcalan sprechen können
Doğan nahm auch zu den zuletzt in sozialen Medien verbreiteten angeblichen Gesprächsprotokollen aus Imrali Stellung. Sowohl die Imrali-Delegation ihrer Partei als auch die kurdische Bewegung und Öcalan selbst hatten erklärt, dass die veröffentlichten Texte nicht authentisch seien. Die Kontroverse zeige zugleich, weshalb direkte Kommunikationskanäle zu Öcalan notwendig seien. Doğan forderte, Journalist:innen und Vertreter:innen unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen müssten künftig die Möglichkeit erhalten, mit ihm zu sprechen.
„Medienschaffende sollten ihre Fragen jetzt frei an Herrn Öcalan richten können, und er sollte die Fragen zum Prozess selbst beantworten können“, sagte sie. Dies könne sowohl das Risiko gezielter Provokationen verringern als auch Informationsdefizite in der Öffentlichkeit beseitigen. Doğan forderte zugleich eine Beschleunigung und möglichst große Transparenz des Prozesses. Für ein neues Treffen der Imrali-Delegation mit Öcalan gebe es derzeit allerdings noch keinen festgelegten Termin. Auch neue Gespräche mit MHP-Chef Devlet Bahçeli und anderen Parteivorsitzenden seien bislang nicht terminiert.
Doğan verbindet Entwicklungen in Rojava mit Friedensprozess
Ausführlich ging die Parteisprecherin auf die jüngsten Entwicklungen in Syrien ein. Die DEM-Partei betrachte die Prozesse in der Türkei und in Syrien nicht voneinander getrennt. Ein dauerhafter Frieden in der Türkei könne nach ihrer Einschätzung Auswirkungen auf den gesamten Mittleren Osten entfalten. Doğan bezeichnete die jüngsten Vereinbarungen in Syrien als bedeutende Entwicklung. „Die Demokratischen Kräfte Syriens (QSD), die im Kampf gegen die Terrororganisation ‚Islamischer Staat‘ (IS)schwere Verluste getragen haben, sind inzwischen in die syrische Armee integriert worden.“ Sie würdigte die Rolle von QSD-Generalkommandant Mazlum Abdi und der Außenbeauftragten der Selbstverwaltung, Ilham Ehmed, bei den Verhandlungen.
Abdis Entscheidung, die weitere Auseinandersetzung um die Zukunft Rojavas auf politischer und rechtlicher Ebene fortzuführen, sei von großer Bedeutung. Gleichzeitig erinnerte Doğan daran, dass Kurd:innen in Syrien jahrzehntelang elementare Rechte bis hin zur Staatsbürgerschaft vorenthalten wurden. Die derzeitigen Entwicklungen seien deshalb nicht als Abschluss zu verstehen. Auf die institutionellen Vereinbarungen müssten weitere Schritte folgen, darunter „verfassungsrechtliche Garantien und die Anerkennung der kollektiven Rechte der Kurd:innen“.
DEM-Partei fordert Einladung von Abdi und Ehmed
Doğan forderte die türkische Regierung außerdem auf, Mazlum Abdi und Ilham Ehmed offiziell in die Türkei einzuladen. „Sie sollten kommen, sie sollten eingeladen werden“, sagte sie. Es müsse möglich sein, direkte politische Beziehungen aufzubauen und darüber zu sprechen, wie der weitere Dialog gestaltet werden könne. Die DEM-Partei habe eine solche Öffnung bereits zuvor gefordert. Doğan stellte auch hier einen Zusammenhang mit Abdullah Öcalans politischem Ansatz her. Dieser versuche, den Mittleren Osten aus einer Region von Krieg und Konfrontation in einen Raum des gleichberechtigten Zusammenlebens zu verwandeln. Die Prozesse in der Türkei und in Syrien seien aus Sicht der DEM-Partei Bestandteile dieser Perspektive.
Kongress als Auftakt für größere Neuaufstellung
Zum für den 6. September in Ankara geplanten Parteikongress erklärte Doğan, dort seien zunächst keine grundlegenden personellen oder strukturellen Veränderungen zu erwarten. Der Kongress solle vielmehr den Auftakt für eine umfassendere politische und organisatorische Neuaufstellung bilden. Ein weiterer Kongress mit größeren Veränderungen sei innerhalb der folgenden Monate vorgesehen. Dabei stünden neben Programm und Organisationsstruktur auch die politische Sprache und Arbeitsweise der Partei zur Diskussion. Ob sich Parteiführung, Name oder Logo verändern werden, sei bislang nicht entschieden. Doğan ging zudem auf den Arbeitskampf der Beschäftigten von Doruk Madencilik und Eti Gümüş ein. Sie begrüßte die nach 18 Tagen erzielte Einigung über ausstehende Löhne und Abfindungen und forderte die Freilassung der in diesem Zusammenhang inhaftierten Gewerkschafter Gökay Çakır und Başaran Aksu.
Prozess soll an Tempo gewinnen
Für die kommende Phase forderte Doğan insbesondere eine rasche Arbeitsaufnahme der durch das Rahmengesetz geschaffenen Mechanismen. Diese seien auch notwendig, damit die angekündigten Rückkehrprozesse beginnen könnten. Eine weitere Verzögerung berge Risiken, sagte Doğan. „Gerade um Provokationen und Versuchen entgegenzuwirken, den Prozess zu unterlaufen, muss dieser rechtlich abgesichert werden und an Tempo gewinnen“, so die Parteisprecherin.
https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/-52533 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/-52530 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/-52511
Karayılan: Kriegsbedingungen verhinderten rechtzeitige Bekanntgabe der Namen der Gefallenen
Die kurdische Freiheitsbewegung befindet sich nach den Worten von Murat Karayılan, an einem historischen Wendepunkt. Der bewaffnete Kampf habe seine Rolle erfüllt, nun gehe es darum, den jahrzehntelangen Widerstand in eine neue Phase des politischen und gesellschaftlichen Kampfes zu überführen. „Wir haben die Strategie des bewaffneten Kampfes aufgegeben, aber wir haben den Kampf nicht aufgegeben“, erklärt das Mitglied des zentralen Hauptquartiers der Volksverteidigungskräfte (HPG) im ANF-Interview.
Ausführlich äußert sich Karayılan zugleich zu den in den vergangenen Tagen bekanntgegebenen Gefallenen der PKK und der großen Beteiligung an den Trauerfeiern. Er nennt erstmals zusammenhängende Zahlen zu den Verlusten der kurdischen Bewegung seit 1976, erklärt, warum zahlreiche Todesfälle erst Jahre später öffentlich gemacht wurden, und spricht über die Forderungen der Familien nach den sterblichen Überresten ihrer Angehörigen. Dabei stellt er das Gedenken in einen unmittelbaren Zusammenhang mit der neuen politischen Strategie: Die von den Gefallenen geschaffene Grundlage müsse nun in den Prozess für Frieden und eine demokratische Gesellschaft überführt werden.
„Die PKK ist die Partei der Gefallenen“
Eine der grundlegenden Quellen, aus denen die apoistische Bewegung von Beginn an ihre Kraft geschöpft hat, waren die Gefallenen. Abdullah Öcalan hat mit den Worten „Die PKK ist die Partei der Gefallenen“ deren Stellenwert im Kampf klar zum Ausdruck gebracht. Welche Bedeutung haben die Gefallenen aus Sicht Ihrer Bewegung?
Zunächst möchte ich allen Mitarbeiter:innen Ihrer Agentur sowie allen Zuschauer:innen meine Grüße und meinen Respekt übermitteln. In der vergangenen Woche wurde in Amed, Istanbul, Wan, Gever, Cizîr, Botan und Nisêbîn 230 gefallenen Weggefährt:innen gedacht. Ich gedenke all dieser Gefallenen mit großem Respekt und tiefer Dankbarkeit und verneige mich vor ihrem Andenken. Zugleich erneuere ich das Versprechen, das wir ihnen gegeben haben. Wir sagen: Möget ihr in Frieden ruhen. Eure Fahne wird immer hochgehalten werden und eure Ziele werden erreicht werden. Wir werden der Linie der Weggefährt:innen bis zum Ende treu bleiben und eure Sehnsüchte und Träume Wirklichkeit werden lassen.
Im Namen unseres Hauptquartiers und der gesamten Führung unserer Bewegung spreche ich den Familien all unserer Gefallenen mein Beileid aus. Unser Mitgefühl gilt allen Familien und dem gesamten kurdischen Volk. Besonders grüße ich die Mütter, die diese mutigen kurdischen Töchter und Söhne großgezogen haben, und verneige mich vor ihnen. Sie haben solch mutige Menschen mit Würde erzogen und großgezogen.
Die Aussage von Rêber Apo [Abdullah Öcalan], „Die PKK ist die Partei der Gefallenen“, bringt eine Realität zum Ausdruck. Denn tatsächlich wurde unsere Bewegung von Gefallenen aufgebaut. Sie ist mit den Gefallenen ihren Weg gegangen und mit ihnen gewachsen. In der Geschichte von Gesellschaften nehmen Held:innen, also Menschen, die Mut beweisen, einen bedeutenden Platz ein. Wenn wir auf die Geschichte blicken, sehen wir, dass Gesellschaften, die keine solchen Persönlichkeiten aus ihrer Mitte hervorbringen konnten, ihre Existenz nicht bewahren konnten. Gesellschaften, die keine eigenen Held:innen hervorbringen, zerfallen, werden assimiliert und verschwinden. Gesellschaften hingegen, die ihre eigenen Held:innen hervorbringen, schaffen gesellschaftliche und nationale Werte und können auf dieser Grundlage ihre Existenz bewahren.
Natürlich gab es auch in der Geschichte unseres Volkes mutige Persönlichkeiten. Doch über weite Strecken der Geschichte konnten sie nicht mit der Gesellschaft, mit dem Volk zusammenfinden. Einige von ihnen kennen wir heute überhaupt nur durch die Kilams der Dengbêj. Mutige Persönlichkeiten hatten also durchaus einen Platz in unserer Gesellschaft, doch ihre gesellschaftliche Wirkung blieb sehr begrenzt.
Das Hervortreten Rêber Apos stellte einen historischen Aufbruch dar. Die in den 1970er Jahren in Kurdistan betriebene Politik der Unterdrückung und Assimilation hatte das kurdische Volk an den Rand seiner Vernichtung gebracht. Insbesondere der Zusammenbruch der Bewegung in Südkurdistan im Jahr 1975 führte in ganz Kurdistan zu großer Hoffnungslosigkeit. Unter diesen Bedingungen wurde bereits in der ersten Phase der Arbeit Rêber Apos in Nordkurdistan ein starkes Fundament für den Geist der Weggefährt:innen gelegt. Freundschaft und Gefährtenschaft vertieften sich in unseren Reihen sehr stark.
Als die Gruppe angegriffen wurde und wir unseren ersten Gefallenen zu beklagen hatten, hinterließ dies bei allen Genoss:innen tiefe Spuren. Immer mehr Menschen beteiligten sich am Gedenken. Auf diese Weise standen sie sowohl für sich selbst als auch füreinander ein. Das Gedenken wurde zu einer Grundlage dafür, den Kampf auszuweiten und das Leben fortzuführen. Diese Haltung verankerte sich mit der Zeit immer stärker in unserer Bewegung. Schließlich wurde jeder neue Gefallene zur Grundlage eines neuen Aufbruchs, und die Bewegung gewann dadurch zunehmend an Kraft. Die Gefallenen haben unsere Bewegung also nicht geschwächt – im Gegenteil: Sie wurden zu einer Grundlage ihrer Stärkung.
„Die Gefallenen wurden zum Geist des Kampfes und der Beteiligung“
Die Gefallenen wurden damit zu einer Quelle der Kraft, zum Geist des Kampfes und der Beteiligung. Nach einiger Zeit übertrug sich dies auch auf unsere Gesellschaft. Wenn beispielsweise der Bruder einer Familie fiel, schloss sich anschließend seine Schwester an und sagte: „Ich werde die Waffe meines Bruders nicht am Boden liegen lassen.“ Auf diese Weise entwickelte sich diese Haltung auch innerhalb unserer Gesellschaft. Die Gefallenen erzeugten also eine Dynamik, sie stärkten die Bewegung und wurden selbst zu einer Kraft. Gerade deshalb wurde unsere Bewegung zu einer Bewegung, die nicht besiegt werden konnte. Sie hat äußerst schwierige und leidvolle Zeiten durchlebt und ist dennoch auf den Beinen geblieben. Diese Rolle haben die Gefallenen in der Geschichte unseres Kampfes gespielt. Sie haben eine Linie hervorgebracht und eine solche Verbundenheit und solche Werte geschaffen. Und je stärker der Widerstand der Gefallenen und der auf diesem historischen Widerstand beruhende Kampf wurden, desto dauerhafter konnte sich auch die strategische Führung verankern.
Für die Existenz und den Erfolg eines Volkes sind die Rolle und die Aufgabe seiner Held:innen von großer Bedeutung. Ebenso entscheidend sind die Herausbildung einer Strategie und damit einer strategischen Führung. In Kurdistan war eine solche strategische Führung entstanden. Doch es waren die Gefallenen, die sie dauerhaft verankert und zu einer gesellschaftlichen Realität gemacht haben. Zwischen den Gefallenen und der strategischen Führung besteht also ein Zusammenhang. Das hat es auch in anderen Ländern gegeben, doch in unserem Land hat es unter den konkreten Bedingungen unserer eigenen Realität diese Form angenommen.
Die Gefallenen wurden damit zum grundlegendsten Wert, zum eigentlichen Fundament, zur Wurzel der gesellschaftlichen Existenz. Unsere Gefallenen wurden zur Grundlage der Existenz unseres Volkes und seiner Entwicklung zu einer Nation. Deshalb bedeuten die Gefallenen für uns alles. Junge Menschen, kurdische Frauen, opfern sich für ihre Nation. Wenn es darauf ankommt, setzen sie sogar ihren eigenen Körper in Brand. Auf diese Weise hat sich ein starker Geist der Selbstaufopferung herausgebildet. Als die Gesellschaft dies sah, löste das Hervortreten solcher mutigen, entschlossenen und aufopferungsbereiten Held:innen eine große Dynamik aus und brachte die Gesellschaft in Bewegung. Auf diese Weise entstand die Revolution der Wiedergeburt.
Diese Revolution wiederum brachte den Prozess der Nationswerdung voran und schuf zahlreiche neue Werte. All dies wurde mit dem Blut der Gefallenen errungen. Auch das Hervortreten von Frauen als Heldinnen stellt sowohl für die Frauen weltweit als auch für die kurdische Gesellschaft einen großen Gewinn dar. Es handelt sich um eine äußerst bedeutende historische Entwicklung. Mit dem Hervortreten mutiger Frauen und Heldinnen in Kurdistan gewann das kurdische Volk als Gesellschaft einen eigenen Willen. Auf dieser Grundlage entwickelte es die Fähigkeit, als Gesellschaft mit eigenem Willen zu handeln.
Wie ist die große gesellschaftliche Solidarität zu bewerten, die sich in den vergangenen Tagen nach der Bekanntgabe zahlreicher Gefallener und in der starken Beteiligung an Gedenkveranstaltungen und Trauerfeiern gezeigt hat?
Wie unsere geschätzten Familien es selbst zum Ausdruck gebracht haben: Unsere Gefallenen sind unsere Existenz; sie haben die Grundlage für unsere Existenz geschaffen. Der Einsatz und der Widerstand unserer Gefallenen bilden das Fundament des heutigen Prozesses für Frieden und demokratische Politik. Dieser Prozess ist durch die Anstrengungen Rêber Apos und den Widerstand der Gefallenen möglich geworden. Zugleich haben die Gefallenen ein Fundament für die kurdische Gesellschaft geschaffen, auf dem sie nun ihren Weg zum Erfolg fortsetzen kann. Viele der Weggefährt:innen, deren Namen jetzt bekanntgegeben wurden, haben wir persönlich gekannt. Sie gehörten zu den aufrichtigsten, selbstlosesten und mutigsten jungen Menschen Kurdistans. Sie sind mit einer revolutionären Moral aufgewachsen und haben große Opfer für die Interessen ihres Volkes gebracht. Was diese Weggefährt:innen in dieser Zeit an Widerstand geleistet haben, lässt sich tatsächlich nicht mit wenigen Worten beschreiben.
Deshalb sollten die Familien, die diese mutigen jungen Frauen und Männer großgezogen haben, und insbesondere ihre Mütter und Väter immer stolz auf sie sein. Alle Angehörigen sollten vor allem Stolz auf diese Menschen empfinden. Denn diese revolutionären Militant:innen, diese jungen Menschen aus Kurdistan, haben ihr Leben gegeben, ohne etwas für sich selbst zu verlangen. Sie haben ihr gesamtes Leben in den Dienst der Zukunft der Gesellschaft gestellt. Ihre eigene Zukunft haben sie mit der Zukunft der Gesellschaft verbunden und für diese gelebt. Ihr Leben mag kurz gewesen sein, aber es war von großer Bedeutung. Vielleicht konnten sie kein langes Leben führen, doch sie haben intensiv gelebt, große Anstrengungen unternommen und Widerstand geleistet. Heute sind dieser Widerstand und dieser Einsatz für die kurdische Gesellschaft und das kurdische Volk zu einer Grundlage ihrer Existenz und ihres künftigen Erfolgs geworden. So lässt sich, kurz gesagt, die Rolle und Bedeutung der Gefallenen in unserem Kampf beschreiben.
Vom Gedenken zur gesellschaftlichen Organisierung
In anderen Gesellschaften entstehen große Volksaufstände häufig aufgrund wirtschaftlicher Interessen oder politischer Forderungen. Die Menschen gehen meist aus solchen Gründen auf die Straße. In Kurdistan verhält es sich anders. In einer der schwierigsten und leidvollsten Phasen, in den 1990er Jahren, gingen die Menschen auf die Straße. Warum? Um für ihre Gefallenen einzustehen. Bis dahin hatte der türkische Staat unsere Gefallenen verborgen und ihre Leichname verschwinden lassen. Niemand wusste, wo sie begraben worden waren. Die Menschen gingen auf die Straße, um die Leichname ihrer Gefallenen einzufordern und sie mit Zeremonien zu verabschieden. Der Staat griff die Menschen an, weitere Menschen fielen, doch die Bevölkerung ließ sich nicht davon abbringen. Sie bestand weiterhin darauf, für ihre Gefallenen einzustehen.
Das gehört zur kurdischen Soziologie. Die Bevölkerung war davon überzeugt, dass die Guerilla für sie, für die Interessen des Volkes gefallen war. Deshalb betrachtete sie es als ihre Aufgabe, für ihre Gefallenen einzustehen. So hat sich diese gesellschaftliche Beziehung entwickelt. Dasselbe erleben wir heute. Die kurdische Gesellschaft weiß, welche Bedeutung die Gefallenen haben. Sie sind für die nationale Sache gefallen, und deshalb steht die Gesellschaft für sie ein. Die Menschen, die sich heute auf den Plätzen versammeln und an den Trauerfeiern für unsere Gefallenen teilnehmen, bringen zugleich die Realität unserer Gesellschaft zum Ausdruck. Unsere Gesellschaft ist patriotisch und ihren Gefallenen und ihren eigenen Werten verbunden. Ich grüße alle, die an den Trauerfeiern und Gedenkveranstaltungen für unsere Gefallenen teilnehmen und ein solches Niveau patriotischen und nationalen Bewusstseins erreicht haben.
Diese Beteiligung ist von großer Bedeutung. Alle Patriot:innen und alle Menschen, die Demokratie und Freiheit wollen, sollten für die Held:innen Kurdistans einstehen. Diese Gefallenen mögen Töchter oder Söhne einer einzelnen Familie sein, doch sie sind die Gefallenen ganz Kurdistans. Sie sind nicht die Gefallenen einer Familie, sondern die Gefallenen eines Landes. Deshalb sollte jede:r so handeln, als wäre die eigene Tochter oder der eigene Sohn gefallen. Innerhalb unserer Bewegung ist das bereits so. Für uns sind sie nicht allein die Kinder einer Familie oder einer Stadt, sondern die Kinder eines Volkes, einer Nation. So sollten auch alle Patriot:innen an die Sache herangehen. Und wie Sie bereits gesagt haben, tun sie das auch. Doch auch künftig müssen sie in allen Bereichen noch entschlossener für ihre eigenen Werte einstehen, eine deutlichere Haltung entwickeln und selbst aktiv werden. Das ist wichtig und wertvoll. Denn es zeigt, dass wir inzwischen eine Gesellschaft, dass wir eine Nation geworden sind. Diese Realität müssen wir allen sichtbar machen.
Warum Gefallene erst Jahre später bekanntgegeben wurden
Einige Gefallene wurden erst mit großer Verzögerung bekanntgegeben. Was waren die Gründe dafür? Zudem gibt es weitere Gefallene, deren Tod bislang nicht bekanntgegeben wurde. Viele Menschen fragen sich, ob sich ihre eigenen Kinder darunter befinden. Was können Sie zu den noch ausstehenden Bekanntgaben sagen?
Wir haben unserem Volk und der Öffentlichkeit bereits zuvor einiges zu diesem Thema erklärt. Insbesondere in den vergangenen zehn Jahren war unsere Bewegung massiven Vernichtungsangriffen ausgesetzt. Wir befanden uns in einem äußerst schweren Krieg. Während dieser Krieg andauerte, mussten wir zum Schutz unserer Weggefährt:innen unsere Kommunikationssysteme abschalten. Deshalb erreichten die Informationen über den Tod vieler unserer Freund:innen das Hauptquartier nicht rechtzeitig. Die Informationen trafen verspätet ein, während der Krieg weiterging und täglich weitere Menschen fielen. Unter diesen Bedingungen ergab sich keine Möglichkeit, die bereits zurückliegenden Todesfälle öffentlich bekanntzugeben. Innerhalb unserer Bewegung waren diese Fälle jedoch bekannt. Über die Gefallenen, derer jetzt öffentlich gedacht wurde, haben wir beispielsweise intern zahlreiche Versammlungen abgehalten und Diskussionen geführt. Doch erst in der jetzigen Phase haben wir die Möglichkeit, ihre Namen auch gegenüber der Öffentlichkeit und den Familien bekanntzugeben.
Ich hoffe deshalb, dass unser Volk und insbesondere die geschätzten Familien unserer Gefallenen diese Situation verstehen. Ich bin überzeugt, dass sie dafür Verständnis haben werden. Denn die Bedingungen, unter denen sich unsere Bewegung befand, waren alles andere als normal. Die gesamte technologische Kriegsführung unserer Zeit wurde gegen uns eingesetzt. Dagegen wurde ein historischer, geradezu epischer Widerstand geleistet. Möglich war dies durch diese Menschen, die in diesem Kampf gefallen sind. Ich glaube, dass auch unser Volk diese Entwicklung aufmerksam verfolgt hat und die damaligen Bedingungen nachvollziehen kann.
Allerdings gab es in dieser Frage auch Versäumnisse, für die wir Selbstkritik üben. Möglicherweise hat es an einigen Stellen auch Fehler und Versäumnisse unserer Bewegung gegeben. Dennoch hoffen wir, wie gesagt, auf das Verständnis der Familien. In der jetzigen Phase werden wir sämtliche noch nicht bekanntgegebenen Gefallenen öffentlich machen und die entsprechenden Informationen mit der Öffentlichkeit und den Familien teilen. Aus Nordkurdistan stehen noch die Bekanntgaben von 520 Gefallenen aus. Auch aus den anderen Teilen Kurdistans gibt es noch Gefallene, deren Namen nicht bekanntgegeben wurden; ihre Zahl ist jedoch geringer. Wir werden versuchen, in den kommenden Wochen und Monaten alle Namen bekanntzugeben. Die entsprechenden Arbeiten unserer Bewegung und der zuständigen Institutionen laufen bereits. In nicht allzu ferner Zukunft wollen wir damit sämtliche Gefallenen dieser Revolution gegenüber der Öffentlichkeit und den Familien bekanntgemacht haben.
Karayılan nennt erstmals Gesamtzahlen
Hinter Ihnen liegen 50 Jahre Kampf. Können Sie Angaben dazu machen, wie viele Menschen aus Ihrer Bewegung in diesem Zeitraum gefallen sind?
Die vergangenen 50 Jahre sind tatsächlich als ein Epos in die Geschichte unseres Volkes eingegangen. Dieses Epos wurde zweifellos durch den Widerstand und das Blut unserer Gefallenen geschaffen. Wir haben sehr viele wertvolle Weggefährt:innen verloren. Als apoistische Bewegung sind wir keine Bewegung, in der die Führung im Hintergrund bleibt und die Kämpfer nach vorne schickt. So sind wir nicht. Kämpfer und Kommandierende handeln bei uns gemeinsam. Wir haben uns für die Freiheit dieses Volkes eingesetzt und dafür unser eigenes Leben aufs Spiel gesetzt. Wir sind eine Fedai-Bewegung, eine apoistische Bewegung der Selbsthingabe.
Natürlich müssen Kommandierende und führende Kader im Interesse der Organisation und der Nation geschützt werden. Doch auch das gilt nur bis zu einem bestimmten Punkt. Danach ist jede:r ein:e Kämpfer:in und ein:e Fedai. In vielen Bereichen ist es genau so gewesen. Deshalb hat sich in unserem Kampf eine einzigartige Form der Führung herausgebildet. Viele unserer Gebietskommandierenden haben persönlich an Angriffen teilgenommen und sind dabei gefallen. Niemand ist einen Schritt zurückgewichen. Sie haben bis zu ihrem letzten Atemzug Widerstand geleistet. Eine solche Bewegung sind wir.
Ich möchte unserem Volk dazu auch einige Zahlen vorlegen. Unter den Menschen, die wir bislang verloren haben, befinden sich sehr viele Kader und führende Persönlichkeiten. 99 dieser Weggefährt:innen waren Mitglieder des Zentralkomitees der PKK. Einige gehörten dem Exekutivkomitee an, andere waren Mitglieder des Zentralkomitees unserer Partei. Zugleich waren sie als Gebiets- und Regionalkommandierende tätig. An erster Stelle unserer gefallenen Führungspersönlichkeiten steht unser Weggefährte Haki Karer. Rêber Apo sagt über Haki Karer: „Er war meine verborgene Seele.“ Er war sein engster Mitstreiter. Auch Heval Fuat (Ali Haydar Kaytan) gehörte zu unseren führenden Gefallenen. Er war einer der ersten Weggefährt:innen Rêber Apos. Er verkörperte dessen Denken und Ideen.
Wir haben also nicht nur unsere Hand unter den Stein gelegt – wir haben alles eingesetzt, was wir hatten. So hat unsere Bewegung diesen Kampf geführt. Zwischen diesen beiden bedeutenden Gefallenen stehen zahlreiche weitere wertvolle Weggefährt:innen. Rıza Altun und Sakine Cansız gehörten zu den Gründer:innen dieser Partei. Zu ihren Gründungsmitgliedern zählten ebenso Kemal Pir, Hayri Durmuş, Mazlum Doğan und Ferhat Kurtay. Hinzu kamen Weggefährt:innen wie Egîd, Mahsum Korkmaz, Nurettin Sofi und Delal Amed, die sowohl zu den prägenden Persönlichkeiten der Bewegung gehörten als auch zentrale Kommandofunktionen übernahmen. Eine solche Bewegung sind wir.
25.922 Gefallene seit 1976
Vielleicht ist es das erste Mal, dass wir die Zahlen unserer Gefallenen in dieser Form zusammenhängend öffentlich machen. Unsere ersten Gefallenen hatten wir 1976. Zwischen 1976 und 1983 waren es 173. Von 1984 bis 2000 waren es 13.778 und von 2001 bis 2026 weitere 7.949. Hinzu kommen 760 Gefallene der YPS aus den Jahren 2015 bis 2026. Bei all diesen handelt es sich um Gefallene aus Nordkurdistan.
Wie bekannt ist, haben wir auch in den Kampf gegen den Islamischen Staat (IS) eingegriffen, insbesondere in Şengal und Kobanê sowie weiteren Teilen von Rojava. Auch in Kerkûk und Mexmûr gab es entsprechende Interventionen. Diese Gefallenen haben wir jedoch dem Norden zugerechnet. Im Kampf gegen den IS in Rojava und Şengal haben wir 3.262 Gefallene zu verzeichnen. Insgesamt beläuft sich die Zahl unserer Gefallenen in den 50 Jahren von 1976 bis 2026 auf 25.922.
Darüber hinaus gibt es Gefallene, die nicht registriert wurden. Insbesondere für den Zeitraum zwischen 1984 und 2000 gibt es Weggefährt:innen, die nicht in die Aufzeichnungen eingegangen sind. Wir gehen von etwa tausend Menschen aus, möglicherweise sind es auch mehr. Beziehen wir sie mit ein, liegt die Gesamtzahl unserer Gefallenen bei ungefähr 27.000.
Hinzu kommen selbstverständlich die getöteten Zivilist:innen. Leider konnten wir ihre genaue Zahl bislang nicht ermitteln. Wir gehen jedoch von 5.000 bis 10.000 Menschen aus. Mithilfe der entsprechenden Institutionen werden wir in der kommenden Zeit möglicherweise auch die Zahl der in Nordkurdistan getöteten Zivilist:innen genauer bestimmen können. Das sind im Wesentlichen die Angaben, die ich zu unseren Gefallenen machen kann.
Unbekannte Gräber und geraubte Erinnerung
In einem mehr als 50 Jahre währenden Freiheitskampf sind Gefallene zweifellos eine Realität des Krieges. Doch nur die sterblichen Überreste sehr weniger Guerillakämpfer:innen werden ihren Familien übergeben. Von zahlreichen Gefallenen ist nicht einmal bekannt, wo sie sich befinden. Von den Familien wird nachdrücklich gefordert, Zugang zu den sterblichen Überresten ihrer Angehörigen zu erhalten. Was können Sie dazu sagen?
Auch das ist für uns eine wichtige Frage. Bekanntlich wurde seit der Gründung der Republik versucht, unsere Gesellschaft, die kurdische Gesellschaft, zu vernichten. Deshalb sollten ihre Held:innen vergessen und ihrer nicht gedacht werden; das gesellschaftliche Gedächtnis sollte ausgelöscht werden. Man wollte, dass wir unsere Geschichte verlieren. Aus diesem Grund ist bis heute nicht bekannt, wo sich die Gräber der Menschen befinden, die bei den Aufständen in Kurdistan ums Leben kamen. Wir wissen nicht, wo Şêx Seîd oder Seyîd Riza begraben wurden, ebenso wenig kennen wir die Gräber der Gefallenen von Geliyê Zîlan oder des Widerstands am Ararat. Auch das Gedenken an unsere eigenen Gefallenen war bis in die 1990er Jahre hinein weitgehend verboten. Bis heute ist beispielsweise nicht bekannt, wo sich die sterblichen Überreste unseres Weggefährten Egîd (Mahsum Korkmaz) befinden. Auch die Grabstätten der anderen Weggefährt:innen aus jener Zeit sind unbekannt. Bis zum Jahr 2000 blieb die Situation weitgehend unverändert.
Wie bekannt ist, herrschte zwischen 2013 und 2015 eine Waffenruhe. In dieser Zeit haben wir sowohl im Norden als auch im Süden zahlreiche Friedhöfe für unsere Gefallenen angelegt und ihre sterblichen Überreste dort zusammengeführt. Als der Krieg erneut begann, wurden auch diese Friedhöfe angegriffen. Das ist bekannt, die Öffentlichkeit weiß davon. In Garzan wurden sogar die Gebeine unserer Gefallenen aus ihren Gräbern geholt und nach Kilyos in Istanbul verschleppt. Es geht darum, Geschichte verschwinden zu lassen und uns unserer Vergangenheit zu berauben. Jetzt aber gibt es einen Friedensprozess, wir befinden uns in einer neuen Phase. Wenn Frieden zwischen dem kurdischen Volk und dem Staat, zwischen Kurd:innen, Türk:innen und Araber:innen entstehen soll, darf niemandem auf diese Weise die eigene Vergangenheit genommen werden. Deshalb wollen wir die sterblichen Überreste all unserer Gefallenen zusammenführen. Diese Frage reicht weit zurück, bis zu Şêx Seîd, Seyîd Riza und Geliyê Zîlan. Auch sie muss im Rahmen dieses Friedens- und Lösungsprozesses geklärt werden. Von unseren Gefallenen insbesondere seit dem Jahr 2000 wissen wir bei den meisten, wo sich ihre sterblichen Überreste befinden. Wir müssen sie alle zusammenführen. Was die Gefallenen betrifft, deren Namen zuletzt bekanntgegeben wurden, können die Familien versichert sein: Mit vielleicht wenigen Ausnahmen befinden sich ihre sterblichen Überreste unter unserer Kontrolle.
Wir messen dieser Frage große Bedeutung bei. Gegenwärtig arbeiten wir daran, die sterblichen Überreste zusammenzuführen und sie auf den Friedhöfen für unsere Gefallenen beizusetzen. Wir werden nicht zulassen, dass auch nur einer unserer Gefallenen verloren geht. Dabei bitten wir selbstverständlich auch Menschen, die über entsprechende Informationen verfügen, um ihre Unterstützung. Wir wollen alle unsere Gefallenen zusammenführen. Sie sind Werte dieses Volkes, sie sind seine Geschichte. Sie müssen ihren Platz im gesellschaftlichen Gedächtnis erhalten, dürfen nicht verloren gehen und niemals vergessen werden. Auf diese Weise müssen wir für unsere Gefallenen einstehen. Das ist eine Aufgabe des gesamten Volkes. Wir aber sind die Weggefährt:innen dieser Menschen; wir leben für sie. Der Sinn unseres Lebens besteht darin, ihre Ziele zu verwirklichen. Deshalb besteht unsere vorrangige Aufgabe zweifellos darin, die sterblichen Überreste unserer Freund:innen zu schützen und dafür zu sorgen, dass sie ihren Platz in der Geschichte erhalten. Wir arbeiten an dieser Frage, sie steht auf unserer Tagesordnung. Das ist, kurz gesagt, der gegenwärtige Stand.
Keine klassische nationale Trauer
Es gibt Forderungen, eine nationale Trauer auszurufen. Wie stehen Sie zu diesen Forderungen?
Unser Volk und unsere Familien trauern und halten Trauerfeiern ab. Doch aus unserer Sicht und nach unserem Verständnis handelt es sich dabei nicht um eine klassische, von Dunkelheit bestimmte Trauer. Natürlich trauern wir, aber unsere Trauer hat einen anderen Charakter. Wir betrachten unsere Gefallenen niemals einfach als Verlust. Auch Rêber Apo hat die Gefallenen nie auf diese Weise betrachtet. Vielmehr müssen wir dies als Entwicklung und Erneuerung begreifen. Was bedeutet das? Wenn ein Volk auf seinem Weg zur Freiheit bereit ist, jedes Opfer auf sich zu nehmen, bringt dies einen großen Anspruch und einen starken Willen zum Ausdruck. Es bedeutet, dass dieses Volk die Kraft besitzt, sein Ziel zu erreichen. Wenn das kurdische Volk bereit ist, seine eigenen Kinder auf diesem Weg zu verlieren, markiert das eine neue Entwicklungsstufe und ist auf nationaler Ebene Ausdruck einer bedeutenden Haltung. Deshalb handelt es sich nicht um die klassische Trauer um einen Menschen, der gestorben ist und um den anschließend geweint wird. Darum geht es nicht. Diese Menschen haben sich für die Freiheit ihres Volkes und für den Aufbau der Zukunft ihres Volkes geopfert.
So müssen wir an diese Frage herangehen. Aus dieser Perspektive wäre es falsch, das Ganze lediglich als nationale Trauer zu betrachten. Nein. Stattdessen müssen wir für die Gefallenen einstehen, ihrer gedenken, den Kampf verstärken und ihr Gedenken zur Grundlage eines neuen Aufbruchs im Kampf machen. Wie ich bereits gesagt habe: Immer wenn sich in unserer Geschichte die Reihe der Gefallenen vergrößerte, wurde dies zur Grundlage großer Aufbrüche und neuer kraftvoller Initiativen. So müssen wir mit unseren Gefallenen umgehen. Wir sollten ihrer gemeinsam und in großer Zahl gedenken. In der gegenwärtigen Phase müssen wir ihr Gedenken zur Grundlage einer neuen Initiative machen: einer Initiative, mit der wir für uns selbst und unsere eigenen Werte einstehen, den von Rêber Apo eingeleiteten Prozess voranbringen und uns den Prozess für Frieden und demokratische Politik zu eigen machen. Diese Menschen haben sich für den Erfolg unseres Volkes geopfert. Jetzt müssen wir ihren Spuren folgen und diesen Kampf weiterentwickeln.
Gedenken als Ausgangspunkt neuer Organisierung
Wir sollten dies beispielsweise als eine Initiative zur Organisierung der Kommunen begreifen. Lasst uns demokratische Kommunen aufbauen und das Gedenken zu einer Grundlage dafür machen. Das gemeinsame und breite Gedenken an diese Gefallenen und die Organisierung demokratischer Kommunen überall sollten zur Grundlage einer umfassenden Organisierungsinitiative werden. So wäre es richtig, an diese Frage heranzugehen. Unsere Gefallenen hätten nicht gewollt, dass wir um sie weinen und den Mut verlieren. Nein. Sie hätten von uns erwartet, ihren Spuren mit noch größerer Entschlossenheit zu folgen. Wenn wir ihre Sehnsüchte und ihre Träume tatsächlich verwirklichen und das tun wollen, was sie von uns erwartet hätten, müssen wir ihr Gedenken zur Grundlage einer solchen Konzentration unserer Kräfte machen – für eine neue Organisierungsinitiative und eine Initiative, mit der wir für diesen Prozess einstehen.
Provokationen gegen den neuen Prozess
Einige marginale, der Freiheitsbewegung feindlich gegenüberstehende Kreise haben versucht, die Bekanntgabe der Gefallenen und die Gespräche auf Imrali zu nutzen, um Unruhe zu stiften und zu provozieren. Welche Haltung sollte ihnen gegenüber eingenommen werden?
Wie bekannt ist, gibt es in der Türkei bestimmte Kreise, die sich gegen den Prozess für Frieden und eine demokratische Gesellschaft stellen. Sie versuchen, Einfluss auf die Gesellschaft zu nehmen, und verfügen zugleich über Verbindungen innerhalb des Staates. Sie wollen diesen Prozess zum Scheitern bringen. Warum? Weil sie einen Frieden mit der kurdischen Gesellschaft nicht für notwendig halten. Sie wollen die kurdische Gesellschaft vernichten und ihres eigenen Willens berauben. Das ist ihr Ziel. Sie sind Befürworter des Krieges. Viele von ihnen profitieren vom Krieg. Unter dem Vorwand, „wir führen Krieg“, haben sie sich in zahlreichen Bereichen des Staates Positionen verschafft und ziehen daraus ihren Nutzen. Sie wollen diese Vorteile nicht verlieren und setzen deshalb alles daran, den Prozess zu verhindern. Solche Kreise gibt es in der Türkei nach wie vor, und es ist bekannt, dass sie gegen den Prozess arbeiten. Sie wollen die Beziehungen zwischen der kurdischen und der türkischen Gesellschaft beschädigen. Statt Geschwisterlichkeit wollen sie Feindschaft schaffen. Auch auf kurdischer Seite gibt es Kreise, die nicht wollen, dass dieser Prozess erfolgreich ist und vorankommt, sondern versuchen, ihn zu sabotieren. Das ist selbstverständlich ebenfalls eine Haltung, die sich gegen die Existenz der Kurd:innen und gegen ihre Fähigkeit richtet, mit eigenem Willen zu handeln.
Auf kurdischer Seite handelt es sich dabei zum Teil um Menschen, die unsere Reihen verlassen und sich in die Arme anderer Mächte begeben haben. Andere wiederum haben sich schon seit Langem gegen die Revolution, gegen die PKK und Rêber Apo positioniert. Sie verbergen sich innerhalb der Gesellschaft und geben sich den Anschein, lediglich Oppositionelle zu sein. Doch in schwierigen Zeiten haben sie weder in den Gefängnissen noch in den Bergen Widerstand geleistet. Sie sind geflohen. Sie sind nach Europa gegangen, kümmern sich dort um ihre eigenen Interessen und betreiben von dort aus ihre Feindseligkeit. Du hast diesem Volk nicht einmal 24 Stunden deines Lebens gewidmet. Andere Menschen geben offen ihr Leben und setzen Tag für Tag ihre eigene Existenz aufs Spiel. Warum stellst du dich gegen sie? Was willst du eigentlich?
Es ist offensichtlich, dass einige dieser Personen auch Verbindungen zu den Kräften auf türkischer Seite haben, die gegen den Prozess arbeiten. Andere richten ihr Handeln nach denjenigen aus, an deren Seite sie sich gestellt haben. Sie handeln also nicht unabhängig. Unser Volk sollte solchen Gerüchten kein Gehör schenken. Einige versuchen derzeit, unter der Bezeichnung „Gesprächsnotizen von Imrali“ Texte zu verbreiten, um Störgeräusche zu erzeugen und Schaden anzurichten. Warum tun sie das? Sie wollen provozieren und den Prozess sabotieren. Das ist ihr Ziel. Das ist keine gewöhnliche politische Absicht, das ist Feindseligkeit. Diese Angriffe richten sich gegen unsere Bewegung und unmittelbar gegen Rêber Apo. Auch Rêber Apo selbst hat sich dazu geäußert. Unser Volk und die Öffentlichkeit müssen gegenüber solchen Personen aufmerksam sein. Sie sind nicht zufällig aufgetaucht. Wie Sie selbst gesagt haben, handelt es sich um marginale Personen – marginal, aber mit der Absicht, Schaden anzurichten. Deshalb muss man ihnen gegenüber wachsam sein.
Rêber Apo führt seit Jahren einen Kampf. Auch wir als Bewegung tragen eine schwere Last und haben einen historischen Widerstand geleistet. Jetzt wollen wir eine neue politische Ebene erreichen. Rêber Apo sagt: „Ich möchte den Kurd:innen einen Platz verschaffen.“ Was aber ist das Ziel derjenigen, die nach Europa geflohen sind, sich in die Arme ausländischer Geheimdienste begeben haben, sich fortwährend gegen die Bewegung stellen und provozieren? Es ist offensichtlich, dass sie nichts anderes bezwecken, als Schaden anzurichten. Das ist respektlos gegenüber diesem Volk und würdelos gegenüber all den Werten, die geschaffen wurden. Eine neue Ebene ist erreicht worden. Alle kurdischen Aufstände endeten am Galgen. Mit den Worten Rêber Apos: „Vom Galgen sind wir an den Verhandlungstisch gelangt.“ Nun ist ein solches Ergebnis erreicht worden, und trotzdem versuchen sie, es schlechtzureden und zeigen sich darüber verstimmt. Deshalb sollte man ihnen überhaupt keine Beachtung schenken. Wir wollen ihnen ohnehin nicht antworten. Menschlich haben sie nichts zu bieten. Aber Sie haben danach gefragt, und es ist offensichtlich, dass sie lediglich Störgeräusche erzeugen wollen. Deshalb rufen wir unser Volk sowie alle patriotischen und demokratischen Kräfte dazu auf, solchen Störversuchen keine Beachtung zu schenken.
„Die Familien der Gefallenen sind unsere Familien“
Wie sollte die Solidarität mit den Familien der Gefallenen künftig aussehen? Und wie kann diese gesellschaftliche Solidarität und Einheit organisiert und dauerhaft fortgeführt werden?
Zunächst möchte ich die Vereinigung der Familien der Gefallenen MEBYA-DER sowie alle regionalen Ko-Vorsitzenden der Organisation grüßen und ihnen danken. Gerade in dieser Phase und insbesondere bei diesen umfangreichen Gedenkveranstaltungen haben sie enorme Arbeit geleistet. Auch unsere in diesem Bereich tätigen Weggefährt:innen haben entsprechende Arbeiten durchgeführt. Wir selbst stellen die Informationen auf den Internetseiten zur Verfügung. Doch dass die Gedenkveranstaltungen so geordnet und umfassend organisiert werden konnten, ist erkennbar vor allem dem Einsatz der Ko-Vorsitzenden und der Leitung von MEBYA-DER zu verdanken. Das verdient große Anerkennung. Natürlich ist es ihre Aufgabe, so wie es auch unsere Aufgabe ist. Aber sie leisten damit tatsächlich einen bedeutenden Dienst.
Die Familien der Gefallenen sind unsere Familien. Jede Familie, aus der ein Gefallener hervorgegangen ist, ist zugleich eine Familie dieser Bewegung. Die Familie selbst ist ein Wert. Unsere Aufgabe und die Aufgabe der Familien besteht darin, die Ziele der Gefallenen zum Erfolg zu führen – auf der Linie Rêber Apos den Spuren der Gefallenen zu folgen und den Kampf fortzuführen. Wir stehen diesen Gefallenen gegenüber in der Schuld. Wie können wir diese Schuld begleichen? Indem wir ihre Sache zum Erfolg führen und sie auf diese Weise unsterblich machen. Der Ruf „Şehîd Namirin“ – „Die Gefallenen sind unsterblich“ – ist nicht einfach eine emotionale Parole. Er mag auch eine emotionale Seite haben, doch in seinem Kern geht es nicht um Emotionalität. Er bringt eine Realität zum Ausdruck.
In unserem Kampf sind die Gefallenen eine Quelle der Kraft. Sie sind unsere Wegbereiter:innen, sie weisen uns den Weg. Sie haben dafür gesorgt, dass wir zusammenfinden und aufrecht stehen können. Mit ihrem Tod haben sie uns gewissermaßen eine Botschaft und einen Auftrag hinterlassen; auf diese Weise weisen sie uns weiterhin den Weg. Deshalb sind sie eine Kraft, deshalb sind sie unsterblich. Sie sind es tatsächlich. Natürlich sind sie physisch nicht mehr unter uns. Aber die Kraft, die sie hervorgebracht und geschaffen haben, treibt unsere Bewegung weiter voran und ermöglicht es ihr, selbst unter schwierigsten Bedingungen standzuhalten. Rêber Apo sagt dazu: „Für ein großes und heiliges Ziel zu sterben bedeutet Unsterblichkeit; es bedeutet, für immer zu leben.“ So verhält es sich auch mit unseren Gefallenen. Sie werden immer weiterleben, weil sie eine Kraft sind.
All diese Werte haben sie geschaffen. Sie haben ermöglicht, dass diese Bewegung ihren heutigen Stand erreicht hat und dieser Prozess auf diese Weise voranschreiten kann. Ihnen ist es zu verdanken, dass dieses Volk heute erhobenen Hauptes seinen Platz unter den Völkern der Welt einnehmen kann. Das kurdische Volk, die Menschen Kurdistans, die Frauen und die Jugend Kurdistans können heute stolz auf ihre Gefallenen sein. Das kurdische Volk ist zu einem Beispiel für die Welt geworden, und die Haltung, die es gezeigt hat, besitzt Vorbildcharakter. All dies ist durch die Gefallenen möglich geworden. Deshalb müssen wir ihre Sache weiterführen. Auch alle unsere Familien müssen sich dafür verantwortlich fühlen, die Werte dieser Bewegung und die von den Gefallenen geschaffenen Werte zu bewahren. Niemand muss ihnen dafür eigens einen Auftrag erteilen; diese Verantwortung tragen sie bereits. Sie sind Familien von Gefallenen. Dadurch haben sie einen besonderen Platz in diesem Kampf erhalten. Auch das ist eine Form der Beteiligung.
Aus eigenem Willen heraus sollten sie Verantwortung dafür übernehmen, diese Bewegung zu schützen. Wir alle haben uns dieser Bewegung angeschlossen, und diese Bewegung ist die Bewegung unserer Gefallenen. Wenn Rêber Apo sagt: „Die PKK ist die Partei der Gefallenen“, dann ist genau das der Kern dieser Aussage. Die eigentlichen Träger:innen dieser Bewegung sind die Gefallenen. Unsere Aufgabe besteht darin, ihnen und ihrer Sache zu dienen. Als ihre Weggefährt:innen haben wir erlebt, wie Hunderte Menschen an unserer Seite gefallen sind. Unsere Aufgabe ist es, ihre Sache zum Erfolg zu führen. Diese Verantwortung tragen auch die Familien der Gefallenen.
Natürlich können die Familien sagen: „Wir sind keine Militant:innen.“ Das ist richtig. Aber sie haben inzwischen einen Platz innerhalb dieser Revolution. Im Rahmen ihrer eigenen Möglichkeiten und Kräfte sollten sie Verantwortung übernehmen und sich organisieren. Vor allem können die Familien der Gefallenen ihre bestehenden Organisationen weiter stärken und noch stärker füreinander einstehen. Sie können eine Rolle und Verantwortung dabei übernehmen, den Kampf für die Sache der Gefallenen weiterzuentwickeln. Manche mögen vielleicht aus Unwissenheit zu falschen Haltungen gelangen. Doch niemand sollte in dieser Frage einen falschen Weg einschlagen. Unser aller Aufgabe besteht darin, der Sache der Gefallenen zu dienen und sie zum Erfolg zu führen. Auf diese Weise müssen wir die Gefallenen unsterblich machen und dafür sorgen, dass sie ihren Platz in der Geschichte erhalten. Unsere Familien der Gefallenen haben dabei bereits große Arbeit geleistet. Sie haben viel Einsatz gezeigt. Nun müssen sie sich noch stärker organisieren, noch mehr Verantwortung übernehmen und eine aktive Rolle bei der Weiterentwicklung der patriotischen und revolutionären Arbeit spielen.
„Der Kampf um die Existenz ist abgeschlossen“
Welche Aufgaben kommen dem Volk zu, um sich der Gefallenen würdig zu erweisen?
Die Gefallenen sind ein Wert des Volkes. Zuallererst muss jede patriotische Person wissen, welche Verantwortung ihr angesichts der Realität der Gefallenen zukommt. Unabhängig davon, aus welcher Familie ein:e Gefallene:r stammt, muss jede:r Patriot:in ihn oder sie als eigenen Wert begreifen. Das Wichtigste aber ist, den Kampf für ihre Sache weiterzuentwickeln. Unsere Gefallenen haben bis heute ein sehr starkes Fundament geschaffen. Durch ihren Widerstand konnte eine Strategie entwickelt und zugleich die strategische Führung dauerhaft verankert werden. Diese strategische Führung entwickelt die Freiheitsstrategie dieses Volkes, sie bringt ein kurdisches Denken hervor und ermöglicht die Herausbildung einer politischen Linie. Die Gefallenen bilden eine der grundlegenden Säulen dieser Entwicklung. Sie sind ein Wert, um den wir uns als Nation versammeln und der für unsere Zukunft von Bedeutung ist. Auf der Linie Rêber Apos und den Spuren der Gefallenen folgend werden wir nun den Weg zu Freiheit und Demokratie gehen. Die Grundlage dafür ist geschaffen.
Insbesondere Frauen und Jugendliche müssen als gesellschaftliche Vorreiter:innen noch stärker für diese Werte, für die Gefallenen und deren Linie einstehen. Auf dieser Grundlage müssen sie die Organisierung stärken. Wie wir bereits gesagt haben, muss überall die demokratische gesellschaftliche Organisierung weiterentwickelt werden. Wir müssen die Gesellschaft organisieren, sie zu einer Kraft mit eigenem Willen machen und ihre Handlungsfähigkeit stärken. Das ist die Aufgabe, die vor uns liegt. Wir müssen die Gefallenen weiterleben lassen. Doch wie tun wir das? Indem wir ihre Sache weiterentwickeln, ihre Linie stärken und den Kampf auf dieser Grundlage voranbringen. Wir müssen die Organisierung der Gesellschaft gewährleisten und sie in der kommenden Phase zu einer Kraft mit eigenem Willen machen, die in der Lage ist, erfolgreich zu sein. Jede und jeder muss sich dafür verantwortlich fühlen. Mit diesem Verständnis müssen wir zeigen, dass wir uns der Gefallenen würdig erweisen.
Diese Menschen haben sich ohne jede Erwartung einer Gegenleistung für die Interessen ihrer Gesellschaft und ihres Volkes geopfert. Einen solchen Kampf haben sie geführt. Zugleich haben sie Werte und ein starkes Fundament hinterlassen. Die heutige Jugend und alle Patriot:innen müssen den Wert dieses Erbes erkennen. Auf der Grundlage dessen, was geschaffen wurde, gilt es nun, die Freiheit abzusichern. Der Kampf um die Existenz ist abgeschlossen; jetzt gilt es, den Kampf für Freiheit und Demokratie zu verstärken und die Fahne der Gefallenen noch entschlossener weiterzutragen. Für die Gefallenen einzustehen bedeutet letztlich, für uns selbst einzustehen. Es bedeutet, für unsere Sache und damit für unsere Zukunft einzustehen. So müssen wir diese Frage begreifen und entsprechend handeln.
Vom bewaffneten zum politischen und gesellschaftlichen Kampf
Was wird Ihre Bewegung künftig tun, um das Andenken der Gefallenen zu bewahren und ihren Kampf zum Erfolg zu führen?
Wie bekannt ist, befinden wir uns in einer historischen, bedeutenden und kritischen Phase. Wir wollen die Methode unseres Kampfes verändern. Wir gehen von der Phase des bewaffneten Kampfes zu einer Phase des politischen und gesellschaftlichen Kampfes über. Wir befinden uns damit in einer äußerst wichtigen Übergangsphase. In dieser Zeit müssen alle aufmerksam und sich ihrer Verantwortung bewusst sein. Es gilt, noch stärker für die Sache der Gefallenen einzustehen und die von ihnen geschaffenen Werte zur Grundlage des neuen Prozesses zu machen. Wir führen seit 53 Jahren einen Kampf. 41 Jahre davon haben wir einen bewaffneten Kampf geführt. Innerhalb dieser 41 Jahre gab es Waffenruhen, die zusammengenommen elf Jahre dauerten. Das bedeutet, dass 30 Jahre lang Krieg geführt wurde. Es war ein äußerst schwieriger, historischer Kampf. Dieser Krieg wurde mit dem Einsatz und dem Blut der Gefallenen geführt und durch die Anstrengungen Rêber Apos aufrechterhalten und weiterentwickelt. Unsere heutige Aufgabe besteht darin, den strategischen Wandel mit großer Sorgfalt und Verantwortung zu vollziehen und zum Erfolg zu führen.
Wir haben die Strategie des bewaffneten Kampfes aufgegeben, aber wir haben den Kampf nicht aufgegeben. Im Gegenteil: In der neuen Phase ist ein noch breiterer und umfassenderer Widerstand notwendig. Wir treten in eine neue Zeit ein. Auch diese neue Phase verlangt erneut Opferbereitschaft, Aufrichtigkeit, Einsatz und Kampf. Möglicherweise werden die Herausforderungen sogar noch größer sein. Wir gehen von einer Phase in eine andere über. Das mit dem Blut der Gefallenen geschaffene Fundament müssen wir nun zur Grundlage des Erfolgs in der neuen Phase machen. Wir müssen in dieser neuen Phase, also in der Phase des Friedens und der demokratischen Politik, erfolgreich sein. Warum hat Rêber Apo diese Veränderungen auf unsere Tagesordnung gesetzt? Weil er davon überzeugt ist. Auch wir haben uns damit auseinandergesetzt und sind davon überzeugt. Wir sind zu der Einschätzung gelangt, dass der bewaffnete Kampf die Rolle gespielt hat, die er spielen musste, und die entsprechenden Ergebnisse hervorgebracht hat. Von nun an werden wir den Kampf mit politischen Mitteln und im Rahmen des Rechts fortsetzen und auf diesem Weg größere Erfolge erzielen.
Unser Paradigma gilt nicht allein für Kurdistan. Es gilt für die Türkei, für die Region und für die Welt. Heute gewinnen wir zunehmend an Stärke. Mit diesen neuen Strategien, mit der Strategie für Frieden und eine demokratische Gesellschaft und mit demokratischer Politik können wir die Sache der Gefallenen zum Erfolg führen. Die Möglichkeiten dafür sind vorhanden. Doch dafür müssen wir den Prozess richtig verstehen und entsprechend handeln. In einer solchen Phase darf es weder Selbstzufriedenheit noch ein Abweichen in die eine oder andere Richtung geben. Wir müssen entsprechend unserer Linie handeln. Jede:r muss den Erfordernissen, der Sensibilität und der Verantwortung dieser Phase entsprechend handeln. Das gilt zunächst für die Kader der Bewegung und anschließend für alle Patriot:innen. So können wir den politischen und gesellschaftlichen Kampf in der neuen Phase weiterentwickeln und stärken. Unser Ziel ist ein großes und für uns heiliges Ziel. Es geht nicht allein um das Ziel eines bestimmten Prozesses. Wir wollen einen Wandel für die Menschheit bewirken. Wir wollen einen Wandel in der Türkei schaffen. Wir wollen Gleichheit und Freiheit verwirklichen.
„Şehîd Namirin, Şehîd Namirin“
Vor allem müssen die Arbeiten für die Freiheit Rêber Apos und ein freies Kurdistan sowie für eine demokratische Republik und ein freies Kurdistan so schnell wie möglich Ergebnisse hervorbringen. Wenn wir auf dieser Grundlage den richtigen Weg verfolgen, bestehen die Möglichkeiten, unser Ziel zu erreichen. Daran müssen wir glauben. Wir müssen den Prozess richtig verstehen und bei jedem unserer Schritte umsichtig und wohlüberlegt handeln. Wir müssen einkalkulieren, dass auf diesem Weg auch Fallen auf uns warten können, und entsprechend vorgehen. Wenn wir unsere Schritte mit der notwendigen Vorsicht setzen, können wir die Sache der Gefallenen zum Erfolg führen. So können wir die Gefallenen unsterblich machen und ihre Sache mit Erfolg krönen. Das ist die Aufgabe, die uns zukommt. Und unsere Bewegung wird auch in der neuen Phase ihren Kampf erneut als Bewegung der Gefallenen führen. Wenn diese Phase erfolgreich abgeschlossen wird, werden die Waffen tatsächlich keine Rolle mehr spielen. Doch als Bewegung der Gefallenen müssen wir den Geist der Opferbereitschaft und den kommunalen und kollektiven Geist bewahren und auf der Grundlage der Freiheit der Frauen eine freie Gesellschaft aufbauen. Auch in dieser neuen Phase werden unsere Gefallenen für uns unsterbliche Wegbereiter:innen und eine dauerhafte Quelle der Kraft sein. Nur auf diese Weise können wir erfolgreich sein. Auf dieser Grundlage wünsche ich allen Erfolg und sage noch einmal: „Şehîd Namirin, Şehîd Namirin“ – die Gefallenen sind unsterblich.
https://deutsch.anf-news.com/hintergrund/-52508 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/nach-neun-jahren-besuchen-familien-zerstorten-guerillafriedhof-in-besta-52527 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/kck-die-gefallenen-haben-den-weg-fur-die-heutige-phase-geebnet-52520 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/was-der-krieg-zurucklasst-die-massengraber-mussen-geoffnet-werden-52536Mazlum Abdi zum Berater des syrischen Präsidenten ernannt
Mazlum Abdi ist zum Berater des syrischen Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa ernannt worden. Die Ernennung wurde am Freitag von der staatlichen syrischen Nachrichtenagentur SANA bekanntgegeben. In dem von al-Scharaa unterzeichneten Dekret heißt es: „Abdi wird zum Berater des Präsidenten der Arabischen Republik Syrien ernannt.“ Weitere Angaben zum konkreten Aufgabenbereich wurden zunächst nicht gemacht.
Die Ernennung erfolgt in einer Phase tiefgreifender Veränderungen der politischen und militärischen Strukturen in Nord- und Ostsyrien. Abdi hatte die Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) über Jahre als Generalkommandant geführt und war zugleich einer der zentralen Verhandlungspartner der kurdischen Seite gegenüber Damaskus.
Ernennung nach Ende der eigenständigen QSD-Struktur
Erst wenige Tage zuvor hatte Abdi erklärt, dass die QSD nicht länger als eigenständige militärische Kraft bestehen werden. Ihre Verbände seien im Zuge der mit Damaskus getroffenen Vereinbarungen in die syrische Armee eingegliedert worden. Grundlage dafür ist das am 30. Januar zwischen Abdi und al-Scharaa geschlossene Abkommen über die Integration militärischer, sicherheitspolitischer und administrativer Strukturen.
Die Verhandlungen darüber fanden vor dem Hintergrund der militärischen Offensive der islamistischen Truppen Anfang des Jahres und der dadurch grundlegend veränderten Kräfteverhältnisse in Syrien statt. Abdi hatte zugleich deutlich gemacht, dass mit der institutionellen Integration die politischen Forderungen der Kurd:innen nicht beendet seien. Im Mittelpunkt der kommenden Phase stehe insbesondere die verfassungsrechtliche Absicherung ihrer Rechte.
Barrack hatte politische Rolle für Abdi angekündigt
Der US-Sondergesandte für Syrien, Tom Barrack, hatte die jüngsten Vereinbarungen als „echte Integration“ bezeichnet. Zugleich hatte er erklärt, dass kurdische Persönlichkeiten, darunter Abdi, wichtige Funktionen innerhalb der künftigen staatlichen Strukturen übernehmen sollten. Eine konkrete Position für Abdi hatte Barrack zu diesem Zeitpunkt noch nicht genannt. Die nun bekanntgegebene Ernennung zum Präsidentenberater ist damit Abdîi erste offizielle Funktion innerhalb der staatlichen Strukturen in Damaskus. Welche politischen Kompetenzen und Zuständigkeiten mit dem Amt verbunden sein werden, ist bislang offen.
https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/mazlum-abdi-verkundet-auflosung-der-qsd-als-eigenstandige-militarstruktur-52526 https://deutsch.anf-news.com/frauen/sonderstatus-fur-ypj-innerhalb-des-syrischen-innenministeriums-im-gesprach-52534 https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/kurdischunterricht-erhalt-in-syrien-offiziellen-status-52541
Kurdischunterricht erhält in Syrien offiziellen Status
Das Bildungsministerium der syrischen Übergangsregierung in Damaskus hat am 27. August mit dem Beschluss Nr. 493 die administrativen Regelungen für den Kurdischunterricht festgelegt. Damit werden die entsprechenden Bestimmungen des Dekrets Nr. 13 von 2026 für den Bildungsbereich konkretisiert. Dem Beschluss zufolge wird Kurdisch als „nationale Sprache“ Bestandteil des anerkannten Lehrplans. Die Regelung gilt insbesondere für Gebiete, in denen Kurd:innen einen bedeutenden Teil der Bevölkerung stellen, und umfasst sowohl staatliche als auch private Schulen.
Drei Kurdischstunden pro Woche
Kurdisch soll in allen Bildungsstufen mit drei Unterrichtsstunden pro Woche neben Arabisch und Englisch gelehrt werden. Die Leistungen im Fach Kurdisch fließen nach den festgelegten Verfahren in die Abschlussnoten des jeweiligen Schulhalbjahres ein. Für das erste Schuljahr nach Einführung der Regelung ist darüber hinaus eine Übergangsbestimmung vorgesehen: Schüler:innen sollen Sozialwissenschaften, Geschichte, Geografie und Philosophie wahlweise auf Arabisch oder Kurdisch belegen können. Diese Möglichkeit ist nach dem derzeitigen Beschluss auf das erste Jahr der Umsetzung begrenzt. Das Nationale Zentrum für die Entwicklung von Bildungsmaterialien wurde damit beauftragt, Lehrmaterialien für den Kurdischunterricht sämtlicher Bildungsstufen auszuarbeiten. Bereits bestehende Materialien für schulische Aktivitäten sollen zudem ins Kurdische übertragen werden.
Lehrkräfte und Sprachprüfungen vorgesehen
Für die Umsetzung sollen die zuständigen Bildungs- und Aufsichtsbehörden Lehrkräfte innerhalb und außerhalb des bestehenden Bildungssystems gewinnen. Vorgesehen sind grundsätzlich Personen mit Hochschulabschluss oder einer Qualifikation aus einem Institut für Lehrkräftebildung und ausreichenden Kurdischkenntnissen. Bei Bedarf können auch andere Hochschulabsolvent:innen mit entsprechenden Sprachkenntnissen eingesetzt werden. Die sprachliche Qualifikation der Lehrkräfte soll durch schriftliche und mündliche Prüfungen festgestellt werden. Mit dem Beschluss werden damit erstmals konkrete Vorgaben für Kurdisch als reguläres Schulfach innerhalb des von Damaskus verantworteten Bildungssystems geschaffen. Für Rojava ist insbesondere von Bedeutung, wie diese Regelungen mit dem dort seit Jahren bestehenden kurdischsprachigen Bildungssystem und dessen Lehrplänen zusammengeführt werden.
https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/mazlum-abdi-verkundet-auflosung-der-qsd-als-eigenstandige-militarstruktur-52526 https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/sonderstatus-fur-ypj-innerhalb-des-syrischen-innenministeriums-im-gesprach-52534 https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/-51624
Bundesanwaltschaft erhebt Anklage gegen Yüksel Koç
Die Bundesanwaltschaft hat Anklage gegen den kurdischen Politiker und Aktivisten Yüksel Koç erhoben. Dem früheren Ko-Vorsitzenden des KCDK-E wird Mitgliedschaft in der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) nach Paragraf 129b Strafgesetzbuch vorgeworfen. Wie die Behörde am Donnerstag mitteilte, wurde die Anklage bereits am 6. August beim Staatsschutzsenat des Hanseatischen Oberlandesgerichts Hamburg eingereicht. Ob und wann das Hauptverfahren eröffnet wird, muss nun das Gericht entscheiden.
Die Vorwürfe beziehen sich auf Koç’ Tätigkeit als Ko-Vorsitzender des Kongresses der kurdischen demokratischen Gesellschaft in Europa (KCDK-E) zwischen Juni 2016 und Juli 2023. Die Bundesanwaltschaft wertet den europäischen Dachverband kurdischer Organisationen als Teil der Strukturen der PKK und beschuldigt Koç, während seiner Amtszeit der Führungsebene ihrer Europaorganisation angehört zu haben.
Nach Darstellung der Anklagebehörde soll Koç insbesondere für Öffentlichkeitsarbeit und die Koordination politischer Aktivitäten in Europa zuständig gewesen sein. Als belastend führt sie unter anderem öffentliche Auftritte als Redner sowie Kontakte zu verschiedenen kurdischen Organisationsstrukturen und Medien an. Auf dieser Grundlage wird ihm die Mitgliedschaft in einer „ausländischen terroristischen Vereinigung“ gemäß Paragraf 129b in Verbindung mit Paragraf 129a StGB zur Last gelegt.
Haftbefehl bereits im Mai aufgehoben
Koç war am 20. Mai 2025 festgenommen worden und anschließend mehrere Monate in der Justizvollzugsanstalt Bremen in Untersuchungshaft. Bei einer Haftprüfung am Bundesgerichtshof in Karlsruhe wurde der Haftbefehl am 1. August 2025 außer Vollzug gesetzt und Koç unter Auflagen freigelassen. Seine Rechtsanwältin Fatma Sayın hatte damals erklärt, die Entscheidung beruhe auf den persönlichen Lebensumständen ihres Mandanten. Koç lebe seit Jahrzehnten in Deutschland, verfüge über eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis und habe mit Familie, Wohnung und Arbeitsstelle seinen Lebensmittelpunkt in Bremen.
Am 7. Mai 2026 wurde der Haftbefehl auf Antrag der Bundesanwaltschaft schließlich vollständig aufgehoben. Das Ermittlungsverfahren wurde jedoch fortgesetzt und mündete nun in die Anklage vor dem Hamburger Oberlandesgericht. Die strafrechtlichen Vorwürfe betreffen einen Zeitraum, der vor der im Mai 2025 verkündeten Auflösung der PKK liegt. Im Zuge des von Abdullah Öcalan initiierten Prozesses für Frieden und eine demokratische Gesellschaft hatte die kurdische Arbeiterpartei auf ihrem 12. Kongress die Beendigung ihres bewaffneten Kampfes und ihrer Organisationsstruktur beschlossen.
https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/-47344 https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/-46386 https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/-47349 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/kurdischer-politiker-yuksel-koc-in-bremen-festgenommen-46365
Tausende beteiligen sich an Trauerfeiern für Gefallene
In mehreren Städten Nordkurdistans dauern die Trauerfeiern für die Gefallenen der kurdischen Freiheitsbewegung an. In Cizîr, Nisêbîn und Bismîl kamen am Donnerstag Tausende Menschen zusammen. In Gever endete unterdessen eine dreitägige Trauerfeier mit einer gemeinsamen Gedenkveranstaltung.
Die von MEBYA-DER organisierten Trauerfeiern stehen im Zusammenhang mit der Bekanntgabe der Identitäten zahlreicher Guerillakämpfer:innen, deren Tod aufgrund der schweren Kriegsbedingungen über längere Zeit nicht öffentlich gemacht worden war. Seitdem finden in verschiedenen Städten Kurdistans und der Türkei Trauerfeiern und Gedenkveranstaltungen statt.
Nisêbîn
Massenandrang in Cizîr
In Cizîr (tr. Cizre) in der Provinz Şirnex (Şırnak) wurde die vor dem Bezirksbüro der DEM-Partei eingerichtete Trauerstätte auch am zweiten Tag von Tausenden Menschen besucht. Frauen und Jugendliche zogen in größeren Gruppen zum Gelände und wurden dort von den Familien der Gefallenen empfangen. Viele Besucher:innen legten Rosen an den aufgestellten Bildern nieder und sprachen den Angehörigen ihr Beileid aus. Unter den Besucher:innen waren auch die DBP-Vorsitzenden Çiğdem Kılıçgün Uçar und Keskin Bayındır. Angehörige erklärten gegenüber der Delegation, die Gefallenen seien „nicht nur unsere, sondern die Gefallenen von uns allen“.
Der DEM-Abgeordnete Zeki Irmez stellte die Gedenkveranstaltungen in den Zusammenhang mit dem Prozess für Frieden und eine demokratische Gesellschaft. „Wir werden diesen Prozess durch unsere Unterstützung zum Erfolg führen“, sagte Irmez. Die Trauerfeier in Cizîr wird unterdessen am Freitag fortgesetzt und soll mit einer größeren Gedenkveranstaltung abgeschlossen werden.
Tausende ziehen durch Nisêbîn
Auch in Nisêbîn (Nusaybin) bei Mêrdîn (Mardin) kamen seit den Morgenstunden Tausende Menschen zusammen. Aus verschiedenen Stadtteilen führten gemeinsame Märsche zur Trauerstätte am Hacılar-Friedhof. Dort gedachten die Teilnehmer:innen der Gefallenen mit einer Schweigeminute und dem Lied „Çerxa Şoreşê“. Die DEM-Abgeordnete Beritan Güneş Altın erklärte bei der Veranstaltung: „Die Gefallenen des Freiheitskampfes zu verteidigen bedeutet, ihren Weg und den Frieden zu verteidigen.“ Die Trauerfeier in Nisêbîn dauert mehrere Tage und soll am 29. August mit einer Gedenkveranstaltung enden.
Trauerfeier auch in Bismîl
In Bismîl bei Amed (Diyarbakır) beteiligten sich neben zahlreichen Einwohner:innen auch Friedensmütter sowie Vertreter:innen politischer Parteien und zivilgesellschaftlicher Organisationen an der Trauerfeier. MEBYA-DER-Vorsitzender Ramazan Dengiz sagte, die große Beteiligung erinnere ihn an die Mobilisierungen der 1990er Jahre. Die Gefallenen hätten mit ihrer Haltung und ihren Opfern ein Vermächtnis hinterlassen. Dieses zu bewahren und die Gesellschaft zu organisieren, sei auch für den Erfolg des gegenwärtigen Prozesses von Bedeutung.
Dreitägige Trauerfeier in Gever beendet
In Gever (Yüksekova) ging die dreitägige Trauerfeier am Donnerstag zu Ende. Tausende Menschen aus der Provinzhauptstadt Colemêrg (Hakkari) und den umliegenden Bezirken hatten sie im Verlauf der drei Tage besucht. Nach Angaben der Veranstalter:innen waren insbesondere Frauen und Jugendliche stark vertreten. Zum Abschluss kamen erneut Tausende zu einer Gedenkveranstaltung zusammen. Nach einer Schweigeminute wurden in einer Videovorführung Bilder aus dem Leben und Kampf der Gefallenen gezeigt. Die Trauerfeier endete mit der Parole „Şehîd namirin“ – „Die Gefallenen sind unsterblich“.
https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/amed-die-gefallenen-durfen-nicht-vergessen-werden-52529 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/nach-neun-jahren-besuchen-familien-zerstorten-guerillafriedhof-in-besta-52527 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/trauerfeiern-fur-gefallene-in-wan-und-colemerg-52514
Dersim-Genozid: Neues Dokument führt zu deutscher Firma in Kiel
Ein neu veröffentlichtes Dokument aus dem türkischen Diplomatenarchiv liefert weitere Erkenntnisse über die Beschaffung von Technik für chemische Kampfstoffe während des Dersim-Genozids 1937/38. Aus dem Dokument vom 20. August 1938 geht hervor, dass die Türkei eine „Gasabfüllanlage“ bei der Firma Hagenuk in Kiel erwerben wollte. Die Anlage steht im Zusammenhang mit dem bereits dokumentierten Beschluss von 1937, rund 20 Tonnen chemischer Kampfstoffe aus Deutschland zu beschaffen und diese in Fliegerbomben abzufüllen.
Das Dokument wurde von Mahsuni Gül und Nesimi Aday ausgewertet und erstmals in der Dersim Gazetesi veröffentlicht. Es war im November 2020 freigegeben worden und befindet sich im Diplomatenarchiv des türkischen Außenministeriums. Der Fund ergänzt bereits bekannte Unterlagen über die Beschaffung von chemischen Kampfstoffen aus Deutschland. Während in früheren Dokumenten hinsichtlich der Abfüllanlage lediglich von „deutschen Firmen“ die Rede war, lässt sich das Vorhaben nun erstmals einem konkreten Unternehmen zuordnen: Hagenuk (Hanseatische Apparatebau-Gesellschaft - ehemals Neufeldt und Kuhnke) in Kiel.
Beschaffung von 20 Tonnen chemischer Kampfstoffe beschlossen
Bereits 2019 hatte die Dersim Gazetesi Dokumente veröffentlicht, die Aufschluss über die Vorbereitungen zum Einsatz von Brand- und Giftgasbomben geben. Demnach hatte Abdullah Alpdoğan, Generalinspekteur der für Dersim zuständigen Vierten Generalinspektion, bei der Regierung Brandbomben sowie Brand- und Erstickungsgasbomben angefordert. Nach entsprechenden Vorgängen im Verteidigungs- und Finanzministerium fasste der türkische Ministerrat am 7. August 1937 einen Beschluss über die Beschaffung aus Deutschland. Vorgesehen waren rund 20 Tonnen Chloracetophenon, Senfgas und ähnliche Stoffe für verschiedene Fliegerbomben sowie eine komplette automatische Anlage, mit der die Kampfstoffe in die Bomben gefüllt werden konnten. Unter dem Beschluss befindet sich nach den veröffentlichten Archivunterlagen auch die Unterschrift des damaligen Staatspräsidenten Mustafa Kemal Atatürk.
Das nun bekannt gewordene Dokument entstand rund ein Jahr später. In einem Schreiben an das Verteidigungsministerium wird unter Berufung auf Informationen der türkischen Botschaft in Berlin die Firma Hagenuk genannt. Der Preis für die dort zu beschaffende Abfüllanlage sollte über ein Clearingverfahren beglichen und Kontakt mit dem Unternehmen aufgenommen werden. Das Dokument belegt damit die geplante Beschaffung bei Hagenuk. Ob und wann die Anlage tatsächlich geliefert wurde, lässt sich allein daraus nicht ableiten.
Zeugnisse über Giftgaseinsatz in Dersim
Dass während der Dersim-Massaker chemische Kampfstoffe eingesetzt wurden, wird seit Jahrzehnten durch Zeugnisse von Überlebenden und historische Quellen gestützt. Gül und Aday verweisen unter anderem auf Nuri Dersimis 1952 erschienenes Werk sowie auf Aussagen des früheren türkischen Außenministers Ihsan Sabri Çağlayangil. Letzterer hatte 1986 in einem Gespräch mit dem CHP-Vorsitzenden Kemal Kılıçdaroğlu vom Einsatz von Gas gegen Menschen berichtet, die während der Operationen der türkischen Armee in Höhlen Zuflucht gesucht hatten.
Auch Leyla, eine Tochter von Seyîd Riza, berichtete über die Gewalt im Laçinan-Tal am 17. August 1937. Nach ihrer Schilderung kamen unterschiedliche Waffen zum Einsatz; nach dem Einsatz einer zuletzt verwendeten Waffe seien die Körper getöteter Kinder „tiefblau“ gewesen. Die neuen Archivfunde sind auch deshalb von Bedeutung, weil sie solche Zeugnisse mit den dokumentierten Beschaffungsvorgängen des türkischen Staates zusammenführen.
Bundestag untersuchte deutsche Rolle
Die deutsche Beteiligung an den Vorgängen wurde 2019 auch im Bundestag thematisiert. Auf eine parlamentarische Anfrage von Abgeordneten der Linken verwies die damalige Bundesregierung unter Angela Merkel darauf, dass die Frage wissenschaftlich untersucht werden müsse. Im Juni 2026 legten die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages schließlich eine Untersuchung zu Dersim 1937/38 vor. Darin wird festgehalten, dass deutsche Rüstungslieferungen an die Türkei auch Waffen und militärtechnische Ausrüstung für den Einsatz von Giftgas umfassten. Gleichzeitig verwiesen die Wissenschaftlichen Dienste auf den eingeschränkten Zugang zu einschlägigen Militärarchiven, weshalb die deutsche Rolle weiterhin nicht umfassend erforscht sei.
Der Bericht setzte sich darüber hinaus mit der völkerrechtlichen Bewertung des Dersim-Massakers auseinander. Wegen des Rückwirkungsverbots ist umstritten, inwieweit die erst 1948 verabschiedete UN-Völkermordkonvention auf die Ereignisse von 1937/38 angewandt werden kann. Für den Fall ihrer Anwendbarkeit sahen die Wissenschaftlichen Dienste jedoch Anhaltspunkte für das Vorliegen objektiver und subjektiver Voraussetzungen. Zugleich wurden gewichtige Gründe dafür gesehen, die Bevölkerung Dersims aufgrund ihrer kurdischen ethnischen Zugehörigkeit und ihres alevitischen Glaubens als geschützte Gruppe im Sinne der Konvention zu betrachten.
Aus „deutschen Firmen“ wird Hagenuk in Kiel
Das jetzt veröffentlichte Dokument beantwortet noch nicht die offenen Fragen über Umfang und Ablauf der deutschen Beteiligung am Dersim-Genozid. Es konkretisiert jedoch einen bislang nur allgemein bekannten Teil der Beschaffung. Für die automatische Anlage, mit der die aus Deutschland beschafften chemischen Kampfstoffe in Bomben gefüllt werden sollten, steht damit erstmals ein konkreter Firmenname in den bekannten türkischen Archivunterlagen: Hagenuk in Kiel.
Tertele von Dersim
Der 4. Mai markiert den Beginn der Massaker an der alevitisch-kurdischen Bevölkerung in Dersim in den Jahren 1937 und 1938. Überlebende und Nachfahren bezeichnen diesen Tag als „Tertele“ – den Tag, an dem „die Welt unterging“ – oder als „Roza Şaye“, den schwarzen Tag. Schätzungen zufolge wurden zwischen 70.000 und 80.000 Menschen getötet, Zehntausende weitere in andere Landesteile deportiert. Es handelt sich um eines der größten Gewaltverbrechen in der Geschichte der Türkei nach dem Genozid an den Armenier:innen. Ermöglicht wurden diese Verbrechen auch durch das Schweigen der internationalen Öffentlichkeit. Hintergrund der Ereignisse war die Politik der Regierung unter dem türkischen Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk, die auf die Schaffung eines homogenen Staatsvolks abzielte. Die damit verbundene Türkisierungs- und Islamisierungspolitik richtete sich gezielt gegen nichttürkische und nichtsunnitische Bevölkerungsgruppen.
https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/-51444 https://deutsch.anf-news.com/hintergrund/-51978 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/-52174
PAJK und KJK: Die Träume der Gefallenen weiterleben lassen
Die Koordinationen der Partei der freien Frauen Kurdistans (PAJK) und der Gemeinschaft der Frauen Kurdistans (KJK) haben der Familien der zuletzt bekanntgegebenen Gefallenen gedacht und ihnen sowie der kurdischen Bevölkerung ihr Beileid ausgesprochen. In ihrer gemeinsamen Erklärung erinnern PAJK und KJK zugleich an die im August gefallenen Persönlichkeiten der kurdischen Freiheitsbewegung.
Die Frauenorganisationen verbinden das Gedenken mit dem gegenwärtigen Prozess für Frieden und eine demokratische Gesellschaft. Die Ziele der Gefallenen weiterzutragen bedeute, sich am Aufbau einer demokratischen Gesellschaft zu beteiligen und den Kampf für die physische Freiheit des kurdischen Repräsentanten Abdullah Öcalan zu verstärken. Die Erklärung unter dem Titel „An alle unsere wertvollen Familien, unsere patriotische Bevölkerung und die demokratische Öffentlichkeit“ lautet:
„Der größte Wert des kurdischen Volkes sind die Gefallenen, die für ein freies Land und ein würdevolles Leben gekämpft und dafür ihr Leben gegeben haben. Im Verlauf unseres Kampfes haben wir in jedem Monat Hunderte wertvolle Weggefährt:innen verloren. Anlässlich des Monats August gedenken wir in den Persönlichkeiten unserer Weggefährt:innen Jiyan (Yıldız Durmuş), Ekin Van, Deniz Fırat, Erdal, Kasım Engin, Atakan Mahir und Mustafa Yöndem aller im August Gefallenen mit Liebe, Respekt und Dankbarkeit.
Sie stellten sich gegen das Unrecht und das dem kurdischen Volk aufgezwungene unwürdige Leben und wandten sich den Bergen Kurdistans zu. Wir wissen, dass die eigentlichen Schöpfer:innen aller Errungenschaften, die wir heute erreicht haben, unsere aufopferungsvollen Gefallenen sind. Als Frauen und als Volk sind wir auf der Grundlage ihres Vermächtnisses bis hierher gelangt, und auch unsere Zukunft werden wir darauf aufbauen. Wir wissen, dass jede Arbeit, deren Fundament unsere unvergleichlichen Gefallenen bilden, uns zum Erfolg führen wird.
Rêber Apo [Abdullah Öcalan] sagte: ‚Begrabt die Gefallenen nicht in der Erde, sondern in euren Herzen.‘ Damit brachte er zum Ausdruck, wie wir mit unseren Gefallenen leben sollen. Denn jeder Mensch, der einen Platz in unserem Herzen gefunden hat, ist für uns sowohl ein Grund zu kämpfen als auch ein Licht, das unseren Weg erhellt.
Sie kämpften für ein freies Leben und dafür, eine freie kurdische Persönlichkeit zu schaffen, und hinterließen uns damit ein großes Vermächtnis. Mit ihrem Leben, ihrem Kampf und ihrem Einsatz für den Aufbau eines freien Lebens beantworteten sie für uns die Frage: ‚Wie sollen wir leben?‘ Sie waren diejenigen, die sich dem freien Leben verschrieben. Ohne eine Gegenleistung zu erwarten, lebten sie als die bescheidensten und schönsten Menschen dieser Welt und gaben immer von sich selbst. Sie wurden zu Nachfolger:innen von Hayri Durmuş, der darum bat, auf seinen Grabstein zu schreiben: ‚Er ging, seinem Volk noch etwas schuldig geblieben zu sein‘, und von Zîlan, die sagte: ‚Wenn wir doch außer unserem Leben noch etwas hätten, das wir geben könnten.‘
Werte patriotische Bevölkerung,
wie ihr wisst, gehörte zu den Beschlüssen des 12. Kongresses der PKK auch die Bekanntgabe jener Gefallenen, deren Tod aufgrund der schweren Kriegsbedingungen bislang nicht öffentlich gemacht werden konnte. In diesem Zusammenhang wird derzeit in Amed, Istanbul, Wan, Gever und Cizîra Botan der Tod zahlreicher Weggefährt:innen bekanntgegeben; zugleich finden Gedenkveranstaltungen für bereits früher bekanntgegebene Gefallene statt.
Wir sprechen insbesondere den Familien unserer Gefallenen und unserer gesamten Bevölkerung unser Beileid aus. Wir erneuern unser Versprechen gegenüber unseren Gefallenen, ein freies Land und ein würdevolles Leben zu schaffen. Unsere Bevölkerung gedenkt ihrer Kinder mit großer Würde und Entschlossenheit und verspricht, ihrer Erinnerung treu zu bleiben. Die massenhafte Teilnahme an den Trauerfeiern und Gedenkveranstaltungen ist eine Antwort auf den Aufruf Rêber Apos und unserer Gefallenen. Insbesondere die Haltung, Überzeugung und Verbundenheit der Mütter bei diesen Gedenkfeiern ruft uns dazu auf, uns noch entschlossener dem Kampf zuzuwenden und ihn zum Erfolg zu führen.
Der schwerste Preis unseres mehr als ein halbes Jahrhundert andauernden Kampfes war zweifellos der Tod dieser wertvollen Weggefährt:innen. Ihre Bekanntgabe schafft in unserer Bevölkerung und bei uns eine tief emotionale Atmosphäre, verstärkt zugleich aber auch unsere Entschlossenheit zum Kampf.
Unsere ersten Versprechen haben wir ihnen gegeben. Wir haben versprochen, ihre Hoffnungen, Träume und Ziele zu verwirklichen. Wir haben gesagt, dass nichts, was sie begonnen haben, unvollendet bleiben wird. Denn wir wissen, dass keine:r unserer Weggefährt:innen sagte: ‚Wir sterben, und alles ist vorbei.‘ Im Gegenteil: Sie erkannten in diesem Kampf das Leben, das es anzunehmen gilt. Als unvergleichliche Verteidiger:innen und Erbauer:innen des Kampfes und der Linie des freien Lebens haben sie uns Frauen die Türen zu einem sinnvollen und freien Leben geöffnet. Wenn es notwendig war, beseitigten sie die Hindernisse auf unserem Weg; wenn es notwendig war, wurden sie selbst zum Weg.
Rêber Apo antwortete auf den Tod unseres Weggefährten Haki Karer, eines unserer ersten Gefallenen, mit dem Aufbau der Freiheitsbewegung. Diese Antwort zeigte uns während unseres mehr als ein halbes Jahrhundert währenden Kampfes, wie die Gefallenen unsterblich gemacht werden können. Sie weiterleben zu lassen bedeutet, ihre Träume zu verwirklichen. Sie weiterleben zu lassen bedeutet, die Werte, für die sie ihr Leben gegeben haben, nicht nur zu bewahren, sondern zu vergrößern.
Deshalb rufen wir insbesondere Frauen und Jugendliche, unsere gesamte Bevölkerung und unsere Freund:innen dazu auf, die Erinnerung und die Träume der Gefallenen des freien Lebens weiterzutragen. Wir wissen, dass wir jede:n unserer Gefallenen in den Kommunen Kurdistans weiterleben lassen können. Für jeden verbrannten Ort Kurdistans können wir in ihrem Namen Bäume pflanzen und jeden Bereich unseres Lebens mit dem Vermächtnis dieser aufopferungsvollen Weggefährt:innen gestalten.
Eine Gesellschaft entsteht durch die gemeinsame Arbeit ihrer Menschen. Die Arbeit eines einzelnen Menschen allein kann nicht viel hervorbringen. Arbeit gewinnt ihren Wert, wenn sie gemeinsam geleistet wird. Unsere Gefallenen sind die größten Arbeiter:innen für ein freies Leben und einer der bedeutendsten gemeinsamen Werte, die uns als Gesellschaft zusammenhalten.
Rêber Apo sagte: ‚Ich werde nicht davon abweichen, dem Vermächtnis der Gefallenen treu zu bleiben.‘ Mit dem gegenwärtigen Prozess für Frieden und eine demokratische Gesellschaft hat er den größten Schritt unternommen, diesem Vermächtnis gerecht zu werden. Sich an dem von Rêber Apo initiierten Prozess für Frieden und eine demokratische Gesellschaft zu beteiligen, demokratisches Leben aufzubauen, Kommunen zu schaffen und in ihnen zu leben, ist deshalb der Weg, unsere Gefallenen unsterblich zu machen. Ihrer Erinnerung treu zu bleiben bedeutet vor allem, die physische Freiheit Rêber Apos zu erreichen. Zugleich ist der Erfolg dieses Prozesses mit seiner physischen Freiheit verbunden.
Auf dieser Grundlage rufen wir unsere gesamte patriotische Bevölkerung dazu auf, sich mit der Kraft einer Mobilisierung am Einsatz für die physische Freiheit Rêber Apos zu beteiligen, den Kampf überall zu verstärken und diesen Prozess gesellschaftlich zu verankern. Aus diesem Anlass sprechen wir unserer gesamten patriotischen Bevölkerung und unseren Freund:innen erneut unser Beileid aus. Wir grüßen mit Respekt und Liebe alle, die unserer Gefallenen mit Verbundenheit und Entschlossenheit gedenken, insbesondere die Familien der Gefallenen und Gefangenen, unsere Mütter und unsere gesamte Bevölkerung, die auf die Straßen und Plätze strömt, um ihrer Verbundenheit mit ihrem Andenken Ausdruck zu verleihen.“
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Was der Krieg zurücklässt: Die Massengräber müssen geöffnet werden
Während in der Türkei über das Ende des bewaffneten Konflikts und den Prozess für Frieden und eine demokratische Gesellschaft diskutiert wird, rückt auch das Schicksal Tausender Menschen wieder in den Vordergrund, deren Verbleib bis heute ungeklärt ist. Zwar hat die kurdische Freiheitsbewegung zuletzt die Identitäten zahlreicher in Gefechten gefallener Guerillakämpfer:innen bekanntgegeben. Doch bei vielen ist weiterhin nicht bekannt, wo sich ihre sterblichen Überreste befinden oder wo sie bestattet wurden.
Seit den 1990er Jahren kämpfen Angehörige von Verschwundenen dafür, die Toten zu finden, zu identifizieren und ihren Familien zu übergeben. Auch die Samstagsmütter fordern seit Jahrzehnten Aufklärung über das Schicksal der Verschwundenen. Diese offenen Fragen gehören auf die Tagesordnung eines Friedensprozesses.
Nach Angaben des Menschenrechtsvereins IHD befinden sich in der Türkei in 348 bekannten, geöffneten oder noch ungeöffneten Massengräbern die sterblichen Überreste von 4.201 Menschen. Besonders viele dieser Grabstätten werden in Amed (tr. Diyarbakır), Sêrt (Siirt), Bedlîs (Bitlis), Şirnex (Şırnak), Wan (Van), Colemêrg (Hakkari) und Çewlîg (Bingöl) verzeichnet – Regionen, in denen der Krieg insbesondere seit den 1990er Jahren mit großer Härte geführt wurde.
Gräber in den Bergen Kurdistans
Auch in den Bergregionen Kurdistans befinden sich zahlreiche Gräber von Menschen, die bei Gefechten ums Leben kamen. Genannt werden insbesondere Besta, Gabar, Herekol, Garzan, Cûdî und Mava-Faraşîn sowie Gebiete zwischen Sêrt, Êlih (Batman), Bedlîs, Şirnex und Colemêrg. Ein Teil dieser Grabstätten wurde von Angehörigen oder Menschen aus der Region angelegt. Auch für die kurdische Freiheitsbewegung symbolisch bedeutende Persönlichkeiten wie Azime, Mehmet Goyi und Kendal sollen dort bestattet sein.
Die Frage ist nicht allein eine der Vergangenheit. Mit den jüngsten Bekanntgaben gefallener Guerillakämpfer:innen erfahren Familien nach Jahren vom Tod ihrer Angehörigen, ohne damit zwangsläufig zu wissen, wo diese begraben liegen. Manche warten weiterhin darauf, ihre sterblichen Überreste zurückzuerhalten.
Eine lange Geschichte der Eingriffe in Gräber und Tote
Der Umgang mit den Toten hat in der Türkei eine lange politische Geschichte. Von 1915 über Zîlan und Dersim bis nach Newala Qesaba, von den 1990er Jahren bis in die Gegenwart sind Fälle dokumentiert, in denen Leichname nicht an Angehörige übergeben, über lange Zeit in Leichenhallen festgehalten, anonym bestattet oder Friedhöfe zerstört wurden.
Auch die unbekannten Grabstätten von Seyit Rıza, Şêx Seîd und weiteren historischen Persönlichkeiten sind Teil dieser bis heute nicht aufgearbeiteten Geschichte. Für die Familien geht es dabei um ein elementares Recht: zu erfahren, wo ihre Angehörigen liegen, sie bestatten und um sie trauern zu können.
Menschenrechtsorganisationen und Angehörige fordern deshalb, mutmaßliche Massengräber zu schützen. Bauarbeiten, Straßenprojekte oder andere Eingriffe dürfen mögliche Grabstätten und die dort vorhandenen Beweise nicht zerstören.
Massengräber wissenschaftlich untersuchen
Die Öffnung eines Massengrabes ist keine gewöhnliche Ausgrabung. Sie muss nach rechtsmedizinischen und archäologischen Standards erfolgen. Unsachgemäße Arbeiten mit Baggern oder anderen schweren Maschinen können sterbliche Überreste und entscheidende forensische Spuren unwiederbringlich zerstören.
Gefordert wird daher die Beteiligung von Rechtsmediziner:innen, Anthropolog:innen, Archäolog:innen und weiteren Fachleuten. Die Bergung und Untersuchung der Toten muss nach internationalen Standards erfolgen und die vorhandenen Beweise sichern.
Angesichts der großen Zahl nicht identifizierter Toter braucht es zugleich eine systematische Erfassung von DNA-Proben der Angehörigen. Diese müssen mit Proben aus nicht identifizierten sterblichen Überresten abgeglichen werden. Die Familien haben ein Recht darauf, über die Ergebnisse dieser Untersuchungen informiert zu werden.
Doch die Aufarbeitung darf nicht bei der Identifizierung enden. Wo immer dies möglich ist, muss auch geklärt werden, unter welchen Umständen die Menschen starben, wie ihre Leichname an die jeweiligen Orte gelangten und ob Menschenrechtsverletzungen oder andere Verbrechen vorliegen.
Die Verschwundenen gehören zum Friedensprozess
Ein dauerhafter Frieden lässt sich nicht allein dadurch schaffen, dass der bewaffnete Konflikt beendet wird. Auch die Folgen des jahrzehntelangen Krieges und staatlicher Gewalt müssen aufgearbeitet werden.
Dazu gehören die Menschen, die gewaltsam verschwinden gelassen wurden, die Opfer ungeklärter und außergerichtlicher Tötungen ebenso wie Guerillakämpfer:innen, deren sterbliche Überreste ihren Familien bis heute nicht übergeben wurden. Die Verantwortlichen für gewaltsames Verschwindenlassen und andere schwere Menschenrechtsverletzungen müssen ermittelt und die vorhandenen Beweise unabhängig untersucht werden.
Die Samstagsmütter bringen diese Forderung seit Jahrzehnten auf die Straße: Das Schicksal der Verschwundenen muss aufgeklärt, ihre Gräber müssen gefunden, die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen und den Familien ihr Recht auf Trauer zurückgegeben werden.
Wenn der gegenwärtige Prozess tatsächlich einen dauerhaften Frieden schaffen soll, muss auch diese Vergangenheit Teil davon sein. Die Massengräber müssen geschützt und nach wissenschaftlichen Standards geöffnet, die Toten identifiziert und ihren Angehörigen übergeben werden.
Familien, die seit Jahrzehnten nach ihren Kindern, Geschwistern und Eltern suchen, brauchen endlich Gewissheit und einen Ort, an dem sie trauern können.
Wer von einem dauerhaften Frieden spricht, kann diese Gräber nicht unter der Erde lassen.
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Rheinmetall Entwaffnen zu Gast im Çira Report
Steigende Rüstungsausgaben, die Debatte über eine neue Wehrpflicht und eine wachsende Präsenz des Militärs im öffentlichen Raum: Die Militarisierung Europas ist Thema der neuen Ausgabe des „Çira Report“. Im Mittelpunkt steht zugleich der Widerstand gegen Aufrüstung und Kriegsindustrie.
Zu Gast ist Camille, Pressesprecherin des Bündnisses Rheinmetall Entwaffnen. Anlass ist das Anfang September erneut in Köln stattfindende Camp des antimilitaristischen Bündnisses. Unter dem Motto „Kampf den Kriegstreibern für unsere Zukunft“ kommen dort Aktivist:innen zusammen, um gegen die deutsche Rüstungsindustrie und die zunehmende Militarisierung zu protestieren.
Internationalistisch und feministisch gegen den Krieg
Im Gespräch geht es um die politischen Ziele des Camps und die internationalistische und feministische Ausrichtung von Rheinmetall Entwaffnen. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Frage, weshalb sich gerade junge Menschen zunehmend gegen Militarisierung und Kriegsindustrie organisieren.
Dabei richtet sich der Blick auch darauf, wie Kriegspolitik längst über unmittelbare Kriegsschauplätze hinausreicht. Milliardeninvestitionen in Rüstung, die gesellschaftliche Debatte über Wehrdienst und „Kriegstüchtigkeit“ sowie die zunehmende Verankerung militärischer Logik in Politik und Alltag machen die Auseinandersetzung auch in Deutschland unmittelbar.
Der „Çira Report“ beginnt heute um 20 Uhr und wird live über die Plattformen von Çira TV ausgestrahlt. Anschließend wird die Sendung auf dem YouTube-Kanal von Çira TV sowie als Podcast veröffentlicht.
Sonderstatus für YPJ innerhalb des syrischen Innenministeriums im Gespräch
Für die Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) zeichnet sich im Zuge der Neuordnung der militärischen und sicherheitspolitischen Strukturen Syriens eine gesonderte Regelung ab. Nach einem Treffen zwischen der YPJ-Führung und dem Innenministerium der syrischen Übergangsregierung in Damaskus wird darüber verhandelt, die eigenständige Frauenstruktur als spezielle Einheit innerhalb des Ministeriums fortzuführen.
Nach Angaben der Nachrichtenagentur ANHA kamen am Mittwochabend YPJ-Kommandantinnen und Vertreter des Innenministeriums zusammen. An dem etwa anderthalbstündigen Treffen nahmen vonseiten der YPJ Newroz Ehmed, Sozdar Hacî und Xalsa Ayêd sowie die Pressesprecherin Rûken Cemal teil. Die Übergangsregierung war durch Innenminister Anas Khattab vertreten.
Besonderer Status der YPJ Gegenstand der Verhandlungen
Im Mittelpunkt stand die künftige Stellung der YPJ innerhalb der neuen Sicherheitsstrukturen. Nach Angaben von ANHA soll ihr Status aufgrund der besonderen Verhältnisse in den kurdischen Gebieten als Ausnahmefall behandelt werden. Konkret wird demnach darüber verhandelt, die YPJ als spezielle Antiterroreinheit innerhalb des Innenministeriums zu verankern. Damit würde die Frauenverteidigungsstruktur nicht einfach in reguläre Einheiten eingegliedert, sondern innerhalb der neuen staatlichen Struktur einen gesonderten Status erhalten. Eine endgültige Vereinbarung wurde bei dem Treffen jedoch noch nicht erzielt. Die Gespräche über die konkrete Ausgestaltung, Zuständigkeiten und Stellung der YPJ dauern an.
Frauenverteidigungsstruktur soll erhalten bleiben
Die Verhandlungen sind insbesondere vor dem Hintergrund der Neuordnung der bisherigen QSD-Strukturen von Bedeutung. Während die Integration der Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) in die syrische Armee inzwischen vollzogen wurde, war die künftige Stellung der YPJ als eigenständige Frauenverteidigungsstruktur bislang eine der zentralen offenen Fragen. Die nun bekannt gewordenen Gespräche weisen darauf hin, dass für die YPJ eine gesonderte Lösung gesucht wird. Ob und in welcher Form ihre bisherige organisatorische Eigenständigkeit innerhalb des Innenministeriums abgesichert wird, ist jedoch noch Gegenstand der Verhandlungen.
https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/mazlum-abdi-verkundet-auflosung-der-qsd-als-eigenstandige-militarstruktur-52526 https://deutsch.anf-news.com/frauen/-52358 https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/-51848
Sancar, Kışanak und Arkaş: Friedensprozess tritt in institutionelle Phase
Der Prozess für Frieden und eine demokratische Gesellschaft tritt nach der Verabschiedung des Rahmengesetzes in eine neue Phase. Bei einem Treffen mit Journalist:innen in Ankara haben der DEM-Abgeordnete und Mitglied der Imrali-Delegation Mithat Sancar, die kurdische Politikerin Gültan Kışanak und Çetin Arkaş aus dem Imrali-Sekretariat über die anstehenden Schritte, die Rolle Abdullah Öcalans und die gesellschaftlichen Erwartungen an den weiteren Prozess gesprochen. Nach Einschätzung der drei Politiker:innen geht es nun vor allem darum, den bisherigen politischen Prozess in eine rechtliche und institutionelle Struktur zu überführen. Zugleich machten sie deutlich, dass zahlreiche Fragen zur konkreten Umsetzung des Rahmengesetzes noch offen sind.
Kein neuer Aufruf Öcalans geplant
Sancar erklärte, für die praktische Umsetzung des Gesetzes werde zunächst die entsprechende Entscheidung des Nationalen Sicherheitsrats erwartet. Ein neuer Aufruf Öcalans zur Niederlegung der Waffen stehe derzeit nicht auf der Tagesordnung. Sollte sich im weiteren Verlauf ein entsprechender Bedarf ergeben, könne dies jedoch Gegenstand der Gespräche werden. Die Begleitung des Entwaffnungsprozesses soll nach seinen Angaben über den neu geschaffenen Begleit- und Evaluierungsrat und dessen Untergremien erfolgen. Ein detaillierter Fahrplan sei bislang nicht öffentlich gemacht worden. „Die Kontakte mit Abdullah Öcalan und der kurdischen Bewegung werden auf verschiedenen Ebenen fortgesetzt. Ein detaillierter Plan ist uns hierzu noch nicht mitgeteilt worden. Die Arbeiten laufen jedoch intensiv. Wir erwarten, dass hierzu in kurzer Zeit offizielle Erklärungen erfolgen“, sagte Sancar.
Sancar: Öcalan braucht eine definierte und aktive Rolle
Besondere Bedeutung misst Sancar dem Unterausschuss für Entwaffnung und strategische Koordination bei. Wie dieser konkret arbeiten und welche Rolle Öcalan darin übernehmen wird, sei noch nicht abschließend entschieden. Nach Sancars Angaben besteht jedoch grundsätzlich Einigkeit darüber, dass der kurdische Repräsentant innerhalb der neuen institutionellen Struktur eine Funktion erhalten soll. Die endgültige Entscheidung liege beim übergeordneten Rat. „Wir sind der Auffassung, dass er eine wirksame, aktive und klar definierte Rolle spielen muss“, sagte Sancar. Angesichts der schwierigen und kritischen Phasen, die noch bevorstünden, müsse Öcalan eine „regulierende und richtungsweisende Funktion“ erhalten. Solange dies nicht formell beschlossen sei, könne allerdings nicht von einer bereits festgelegten Position gesprochen werden.
Sancar widersprach zugleich Berichten, wonach Öcalan auf Imrali in neu errichtete Räumlichkeiten verlegt worden sei. Er halte sich weiterhin an seinem bisherigen Aufenthaltsort auf. Anders als früher fänden Gespräche inzwischen jedoch in einem größeren Raum statt. Mit einer Erweiterung seiner Arbeitsmöglichkeiten könnten weitere Veränderungen notwendig werden, darunter ein Sekretariat oder zusätzliche Mitarbeiter:innen.
Direkte Kommunikation mit der Öffentlichkeit gefordert
Auch die in den vergangenen Tagen verbreiteten angeblichen „Imrali-Protokolle“ waren Thema des Treffens. Sancar bekräftigte, dass es kein persönliches Treffen zwischen Öcalan und führenden Vertreter:innen der PKK gegeben habe. Sowohl Öcalan und die kurdische Freiheitsbewegung als auch staatliche Stellen hätten entsprechende Behauptungen zurückgewiesen. Die Verbreitung gefälschter Gesprächsaufzeichnungen bezeichnete Sancar als mehr als einen beiläufigen Vorgang. Ein wirksamer Schutz gegen solche Manipulationen bestehe darin, Öcalan selbst die direkte Kommunikation mit der Öffentlichkeit zu ermöglichen.
„Wenn Journalist:innen, Akademiker:innen und Vertreter:innen der Zivilgesellschaft direkt zu ihm gehen könnten, würde er seine Position selbst darlegen“, sagte Sancar. Absolute Transparenz bedeute jedoch nicht, jedes Detail laufender Verhandlungen öffentlich zu machen. Auch bei vergleichbaren Friedensprozessen weltweit seien nicht sämtliche Gespräche öffentlich geführt worden. Einen konkreten Plan für entsprechende Besuche gebe es derzeit nicht. Sancar hält einen direkten Zugang zu Öcalan dennoch für notwendig: „In der nächsten Phase muss Herr Öcalan direkt mit der Öffentlichkeit kommunizieren können.“
Kışanak fordert Öffnung der Gremien
Gültan Kışanak kritisierte unterdessen die bisher stark staatlich und bürokratisch geprägte Zusammensetzung der neuen Gremien. Ein Prozess zur demokratischen Lösung der kurdischen Frage könne nicht allein durch staatliche Institutionen getragen werden. Insbesondere Anwaltskammern, Berufsverbände, Gewerkschaften, Zivilgesellschaft und Intellektuelle müssten in die Arbeit einbezogen werden. Kışanak forderte zudem eine stärkere Beteiligung von Frauen. „Wenn wir eine friedliche und demokratische Gesellschaft und eine gemeinsame demokratische Zukunft aufbauen wollen, werden es auf jeden Fall die Frauen sein, die den Mörtel dafür anrühren“, sagte sie.
Rahmengesetz soll innerhalb von zwei Monaten praktisch greifen
Kışanak wandte sich zugleich gegen eine zu enge Betrachtung des verabschiedeten Rahmengesetzes. Seine Bedeutung beschränke sich nicht auf einzelne Personen, sondern betreffe eine große Zahl von Verfahren, die im Zusammenhang mit der PKK geführt wurden. Nach ihrer Einschätzung sollen innerhalb von etwa zwei Monaten die Voraussetzungen geschaffen werden, damit das Gesetz praktisch angewendet werden kann. Die betreffenden Verfahren würden anschließend schrittweise bearbeitet. Unabhängig davon dürfe bei schwer kranken politischen Gefangenen nicht auf die vollständige Umsetzung des Gesetzes gewartet werden. „Diese Frage muss dringend behandelt werden“, sagte Kışanak. Es dürfe nicht zu weiteren Todesfällen kommen, während die notwendigen institutionellen Mechanismen erst aufgebaut würden.
Sancar: Friedensrecht muss umfassender gedacht werden
Für Sancar reicht das Rahmengesetz ebenfalls nicht aus. Der Übergang von der bewaffneten zur politischen Auseinandersetzung müsse durch weitere gesetzliche Reformen abgesichert werden. Dazu zählt er Änderungen am sogenannten Antiterrorgesetz ebenso wie am Versammlungs- und Demonstrationsrecht. „Wir verstehen das Friedensrecht als ein umfassendes Programm. Die Entwaffnung ist ein Teil davon“, sagte Sancar. Während die mit dem Rahmengesetz geschaffenen Mechanismen umgesetzt würden, müssten deshalb bereits weitere gesetzliche Änderungen vorbereitet werden.
Auch eine neue Verfassung müsse Teil einer umfassenden Demokratisierung sein. Sancar wandte sich dagegen, die Verfassungsdebatte auf eine mögliche erneute Präsidentschaftskandidatur Recep Tayyip Erdoğans zu reduzieren. Die Lösung der kurdischen Frage könne nicht von Demokratie, Freiheitsrechten und Rechtsstaatlichkeit getrennt werden. Kışanak bezeichnete eine neue Verfassung ebenfalls als grundsätzlich notwendig, erwartet jedoch keine kurzfristige Verfassungsreform. Auch sie kritisierte die Reduzierung der Debatte auf die Präsidentschaftsfrage als „oberflächlich“.
Entwicklungen in Syrien und Iran
Zur Auflösung der Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) als eigenständige militärische Struktur und ihrer Eingliederung in die syrische Armee sagte Sancar, die Entwicklungen in Syrien könnten nicht losgelöst vom Prozess in der Türkei betrachtet werden. Die dortigen Vereinbarungen seien aus seiner Sicht Ausdruck eines Modells demokratischer Integration. „Demokratische Integration bedeutet nicht, die eigene Struktur aufzugeben und sich aufzulösen“, sagte Sancar. Ähnliche Entwicklungen seien langfristig auch im Iran denkbar, sofern dort ein Weg über Demokratisierung, Dialog und politische Integration eröffnet werde.
Kışanak stellte vor allem die politische Beteiligung der Kurd:innen in Syrien heraus. Entscheidend sei, Möglichkeiten für eine gleichberechtigte Beteiligung an der politischen Ordnung in Damaskus zu schaffen. „Die wirkliche Lösung besteht darin, Kurd:innen zu ermöglichen, sich in Sicherheit, auf Grundlage der Gleichberechtigung und mit ihrer eigenen Sprache an der Verwaltung zu beteiligen“, sagte sie. Dies gelte letztlich für Damaskus ebenso wie für Ankara und Teheran.
Rückkehr aus Mexmûr nur unter sicheren Bedingungen
Zur Zukunft des Geflüchtetencamps Mexmûr im Südkurdistan erklärte Kışanak, eine mögliche Rückkehr dürfe nicht über die dort lebenden Menschen hinweg geplant werden. Viele Bewohner:innen sind in den 1990er Jahren infolge von Krieg, staatlicher Gewalt und Dorfzerstörungen aus Nordkurdistan vertrieben worden. Inzwischen leben dort zweite und dritte Generationen. Eine Rückkehr setze daher konkrete Garantien voraus. Die Menschen müssten sicher sein können, in ihren Herkunftsorten, auf ihren Feldern und Weideflächen leben zu können. Auch Eigentumsfragen, die nach mehr als drei Jahrzehnten entstanden seien, müssten geklärt werden.
„Unsere Geschichte ist im Westen kaum bekannt“
Çetin Arkaş schilderte die Arbeit des Imrali-Sekretariats vor allem als gesellschaftliche Vermittlungsarbeit. Seit seiner Haftentlassung vor etwas mehr als einem Jahr habe er nach eigener Schätzung rund 100.000 Kilometer zurückgelegt. Bei Versammlungen und Gesprächen versuche das Sekretariat, Fragen zum Friedensprozess zu beantworten, Sorgen aufzugreifen und die gesellschaftliche Unterstützung zu stärken.
Besonders eindringlich äußerte sich Arkaş zu den derzeit in zahlreichen Städten stattfindenden Trauerfeiern für Guerillakämpfer:innen, deren Tod aufgrund der schweren Kriegsbedingungen erst mit großer Verzögerung bekanntgegeben werden konnte. Die Zahl der noch mitzuteilenden Todesfälle liege nach seinen Angaben im dreistelligen Bereich. Für manche Familien sei die Situation besonders schwer: Nach der Verabschiedung des Gesetzes hätten sie gehofft, ihre Kinder würden aus den Bergen zurückkehren. Wenn Vertreter:innen der Bewegung sie nun besuchten, glaubten manche zunächst, ihnen werde die bevorstehende Rückkehr angekündigt. Stattdessen erhielten sie die Nachricht vom Tod ihrer Angehörigen.
Arkaş verband diese Erfahrung mit einer grundsätzlichen Kritik an der jahrzehntelangen Darstellung des Krieges in der türkischen Öffentlichkeit. „Unsere Geschichte ist auf der anderen Seite kaum bekannt. Es ging immer nur um Zahlen: ‚40 Terroristen getötet, 50 Terroristen getötet.‘ Keine Namen, keine Menschen. Aber auch wir sind Kinder von Müttern und Vätern. Auch wir haben Menschen, die wir lieben, Wünsche, Sehnsüchte und unsere eigenen Lebensgeschichten. Wir sind nicht aus einem Baumloch gekommen.“ Er selbst sei mit der Geschichte des Gefängnisses von Amed aufgewachsen. Die Gewalt habe inzwischen drei Generationen geprägt und zehntausende Menschen das Leben gekostet. Ein dauerhafter Frieden könne deshalb nicht auf einer Erzählung von Sieg, Niederlage oder Unterwerfung aufgebaut werden.
„Wir müssen eine Sprache und eine Zukunft schaffen, in der wir gemeinsam gewinnen“, sagte Arkaş. Noch immer gebe es Familien, die kein Grab hätten und nicht einmal die sterblichen Überreste ihrer Angehörigen finden könnten. Statt das Leid gegeneinander aufzurechnen, müsse die Gesellschaft versuchen, die Erfahrungen der jeweils anderen Seite zu verstehen. „Wir müssen uns damit auseinandersetzen und ein Verständnis entwickeln, das den Boden dafür beseitigt, dass sich ein solcher Konflikt jemals wiederholt.“
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Neue Spur im Fall Rojin Kabaiş: Anwalt verweist auf Medikamentenbefunde
Im Fall der 2024 tot aufgefundenen Studentin Rojin Kabaiş sind neue Fragen zu den rechtsmedizinischen Befunden aufgekommen. Der Anwalt der Familie, Abdurrahman Karabulut, hat die Unterlagen einer kurz vor ihrem Verschwinden erfolgten Operation mit den Obduktions- und rechtsmedizinischen Berichten abgeglichen. Dabei rücken zwei im Körper der 21-Jährigen nachgewiesene Wirkstoffe in den Mittelpunkt. Nach Angaben Karabuluts wurden bei der Obduktion Rocuronium in Magen und inneren Organen sowie Ornidazol im Mageninhalt festgestellt. Die Befunde selbst sind bereits in den rechtsmedizinischen Unterlagen dokumentiert. Der Familienanwalt stellt nun jedoch die bisherige Erklärung für deren Herkunft infrage und sieht darin einen möglichen Hinweis auf ein Tötungsdelikt.
Starkes Muskelrelaxans nachgewiesen
Rocuronium ist ein starkes Muskelrelaxans, das bei Operationen und in der Notfallmedizin insbesondere zur Intubation eingesetzt wird. Es blockiert vorübergehend die Übertragung von Nervenimpulsen auf die Muskulatur und betrifft dabei auch die Atemmuskulatur. Entsprechend wird der Wirkstoff unter medizinischer Überwachung eingesetzt. Ornidazol ist ein Wirkstoff gegen bestimmte bakterielle Infektionen und Parasiten und kann unter anderem im Zusammenhang mit chirurgischen Eingriffen verwendet werden. Kabaiş hatte sich am 11. September 2024 einer Operation unterzogen. Sie verschwand am 27. September vom Campus der Yüzüncü-Yıl-Universität in Wan (tr. Van); ihre Leiche wurde am 15. Oktober am Ufer des Wansees gefunden.
Karabulut hält es für ausgeschlossen, dass der später festgestellte Rocuronium-Befund noch auf die Wochen zurückliegende Operation zurückzuführen ist. Er verweist dabei unter anderem auf die kurze Halbwertszeit des Wirkstoffs und fordert eine Neubewertung der toxikologischen Ergebnisse. Seiner Auffassung nach weisen die Befunde darauf hin, dass Kabaiş die Substanzen zeitnah zu ihrem Tod erhalten haben könnte. Er vertritt die These, dass ihr Ornidazol und insbesondere Rocuronium verabreicht worden seien und ihre Atmung durch die Wirkung des Muskelrelaxans gelähmt worden sei. Eine neue rechtsmedizinische Begutachtung, die diese Schlussfolgerung bestätigt, liegt bislang nicht vor. Auch aus der Halbwertszeit eines Wirkstoffs allein lässt sich nicht unmittelbar ableiten, wie lange er oder seine Abbauprodukte unter postmortalen Bedingungen toxikologisch nachgewiesen werden können.
Zweifel an bisherigen rechtsmedizinischen Untersuchungen
Die Medikamentenbefunde kommen zu einer Reihe bereits bestehender Fragen im Fall Kabaiş hinzu. Familie und Rechtsbeistand widersprechen seit Beginn der von den Ermittlungsbehörden früh in den Raum gestellten Suizidthese und gehen von einem ungeklärten, mutmaßlichen Feminizid aus. Umstritten ist auch die bisher angenommene Todesursache. Familie und Anwalt kritisieren seit längerem, dass bei der Obduktion kein Diatomeen-Test vorgenommen wurde, der in der Rechtsmedizin zur Untersuchung von Verdachtsfällen auf Ertrinken eingesetzt wird. Sie verlangen deshalb eine erneute rechtsmedizinische Begutachtung. Sollte das noch vorhandene Probenmaterial dafür nicht ausreichen, ziehen sie auch eine Exhumierung in Betracht.
Zwei männliche DNA-Spuren bis heute ungeklärt
Bereits zuvor hatten zwei unterschiedliche männliche DNA-Spuren an Kabaiş‘ Körper erhebliche Zweifel an der ursprünglichen Ermittlungsrichtung hervorgerufen. Zudem enthält das Gutachten Hinweise, die Fragen nach möglicher sexualisierter Gewalt aufwerfen. Familie und Rechtsbeistand kritisieren insbesondere den Umgang der Behörden mit diesen Erkenntnissen. Der Zugang zu wesentlichen rechtsmedizinischen Unterlagen wurde dem Anwalt erst lange nach dem Tod der jungen Frau ermöglicht. Die Familie wirft den Ermittlungsbehörden vor, entscheidende Spuren nicht konsequent verfolgt und Informationen verzögert zugänglich gemacht zu haben. Fast zwei Jahre nach dem Tod von Rojin Kabaiş sind damit zentrale Fragen weiterhin ungeklärt. Mit den nun in den Fokus gerückten Medikamentenbefunden kommt eine weitere hinzu: Wann, auf welchem Weg und unter welchen Umständen gelangten Rocuronium und Ornidazol in ihren Körper?
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YJA Star: Das Vermächtnis der Gefallenen im freien Leben verwirklichen
Die Verbände freier Frauen (YJA Star) haben der Guerillakämpfer:innen gedacht, deren Tod aufgrund der schweren Kriegsbedingungen erst in jüngster Zeit bekanntgegeben werden konnte. In einer Erklärung spricht die Kommandantur des zentralen Hauptquartiers der kurdischen Frauenguerilla den Familien ihr Beileid aus und würdigt die Gefallenen als Grundlage des jahrzehntelangen Befreiungskampfes in Kurdistan.
Die YJA Star verbinden das Gedenken zugleich mit der gegenwärtigen politischen Phase. Es sei nun an der Zeit, das Vermächtnis der Gefallenen aufzunehmen und sich aktiv am Prozess für Frieden und eine demokratische Gesellschaft sowie am Aufbau eines freien und demokratischen Lebens zu beteiligen.
Die Erklärung der YJA-Star im Wortlaut:
„Unsere Gefallenen sind unsere Quelle des Lebens und des Kampfes, unsere Lebensadern. Sie bilden das Fundament des Befreiungskampfes Kurdistans. Unsere Freiheitsbewegung, die eine Bewegung der Gefallenen ist, hat sich aus der Verbundenheit mit ihrer Erinnerung und dem Anspruch heraus entwickelt, ihre Ziele zu verwirklichen. In einer Zeit, in der dem Leben Bedeutungslosigkeit aufgezwungen wird, haben unsere Gefallenen durch den Sinn, den sie dem Leben verliehen haben, den Kampf um das Menschsein lebendig gehalten. Gegen die Bedeutungslosigkeit, die den Völkern und den Frauen aufgezwungen wird, sind sie zum Ausdruck des Beharrens auf dem Menschsein geworden.
Es sind unsere Gefallenen, die unseren Freiheitskampf von seinen Anfängen bis heute getragen und unserem Volk einen würdevollen Platz unter den Völkern der Welt verschafft haben. Seit den ersten Keimen unseres Widerstands sind wir gemeinsam mit unseren Gefallenen diesen Weg gegangen. Vom ersten Tag unserer Bewegung bis heute haben sie unsere Existenz ermöglicht. Dass wir Frauen Kurdistans die Freiheit kennenlernen, ihr begegnen und uns auf den Weg zu ihr machen konnten, war kein einfacher Prozess. Dieser Weg wurde durch grenzenlose Anstrengungen, Arbeit und Kämpfe geschaffen. Unsere Gefallenen sind für jeden Menschen, jedes Geschlecht und jede Klasse, die in Kurdistan um Freiheit kämpfen, zu einem Atemzug des Lebens geworden. Sie haben die Wahrheit sichtbar gemacht, dass ein freies Leben nur durch großen Widerstand verwirklicht werden kann.
Die Stimme des freien Lebens und der freien Frau
Der Widerstand unserer Gefallenen bildet in diesem Sinne eine Grundlage der Revolution Kurdistans und der in Kurdistan entstandenen Ethik der Freiheit. Gegen alles, was den Menschen seiner Würde beraubt, wurden sie zur Stimme und zur Tat des würdevollen Menschen, des freien Lebens und der freien Frau. Der Aufstand gegen Versklavung und Herrschaft auf dem Weg zur Freiheit hat große Opfer gefordert. An vielen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten hat sich Freiheit durch diese Opfer immer wieder neu bestimmt und mit Bedeutung erfüllt. In der Geschichte jedes Volkes, jeder Klasse und jedes Geschlechts finden sich dafür einzigartige Beispiele. Auch unsere Freiheitsgeschichte verfügt über ein großes und eindrucksvolles Erbe des Widerstands. In den vergangenen zehn Jahren wurde dieses Erbe in besonders intensiver Weise fortgeführt. In den schweren Auseinandersetzungen mit dem türkischen Staat haben wir viele wertvolle Kinder unseres Volkes als Gefallene verloren. Aufgrund der Intensität und Härte des Krieges konnten wir den Tod unserer Genoss:innen nicht rechtzeitig bekanntgeben. Wir betrachten es als unsere Pflicht, dies nun, wenn auch verspätet, nachzuholen. Deshalb gedenken wir jetzt unserer Weggefährt:innen, die zu unterschiedlichen Zeiten und in verschiedenen Teilen Kurdistans gefallen sind.
Beileid an die Familien
Zunächst sprechen wir den Familien unserer Gefallenen, deren Namen in den vergangenen Tagen in Amed, Istanbul, Wan, Gever, Cizîr und Mêrdîn bekanntgegeben und deren gedacht wurde, sowie unserem patriotischen Volk unser tief empfundenes Beileid aus. Wir gedenken der Gefallenen des Freiheitskampfes mit Liebe und Dankbarkeit, verneigen uns respektvoll vor ihrer Erinnerung und erneuern unser Versprechen, ihre Ziele der Freiheit zu verwirklichen. Wir sind überzeugt, dass unser Volk insbesondere an den Orten, an denen bereits Gedenkveranstaltungen stattgefunden haben, aber auch in allen Städten Kurdistans und im Ausland, unsere Gefallenen in würdiger und kraftvoller Weise ehren wird. Eine unserer grundlegendsten Pflichten ihnen gegenüber besteht darin, ihrer auf eine Weise zu gedenken, die ihnen gerecht wird, und die Fahne ihres Kampfes weiterzutragen. Unsere Gefallenen sind diejenigen, die den Spuren der Wahrheit unseres Repräsentanten gefolgt sind, die von seiner Idee geschaffene Aufklärung in Kurdistan verbreitet und den Boden für ein freies Leben bereitet haben. Sie haben den Weg für den Aufbau eines freien und demokratischen Lebens in Kurdistan geöffnet.
Sie werden leben und weiterleben
Jetzt ist die Zeit, die Fahne dort aufzunehmen, wo sie sie hinterlassen haben, und ihre Träume zu verwirklichen, indem wir uns aktiv und schöpferisch am Prozess für Frieden und eine demokratische Gesellschaft sowie am Aufbau eines freien und demokratischen Kurdistans beteiligen. Solange eine freie und demokratische Gesellschaft verwirklicht wird und unser Volk seine Freiheit erlangt, werden auch unsere Gefallenen weiterleben und in Erinnerung gehalten werden. Auf dieser Grundlage versprechen wir als Kommandantur des zentralen Hauptquartiers der YJA Star gemeinsam mit allen unseren Kommandantinnen und Kämpferinnen erneut, dass unsere Antwort auf den Tod unserer Gefallenen der Aufbau des freien Lebens sein wird und dass wir uns auf dieser Grundlage ihrer Erinnerung würdig erweisen werden.
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