Meinungsfreiheit ist nicht nur das Recht, zu Allem seinen Senf dazu zu geben wie an einer Würstelbude. Es ist das Recht, Behauptungen der Mächtigen in Frage zu stellen, Erklärungen und Fakten einzuklagen und Alternativen einzufordern. Das mag unbequem sein, lästig, nerven, bremsen. Aber es ist der Motor des Fortschritts. Ohne Nörgler, Zweifler und Besserwisser kein Fortschritt. Zweifel ist eine gesellschaftliche Produktivkraft. Seine Diffamierung durch angeblich alternativlose Politik ist Rückschritt in vormoderne Zeiten. Deutschland braucht wieder einen Grundkurs in Debatte und Wiederbelebung der Streitkultur.» (- Roland Tichy, Journalist und Publizist)
ANF NEWS (Firatnews Agency) - kurdische Nachrichtenagentur
Kulturzentrum Dêrik: „Wir wollen das im Widerstand geschaffene kulturelle Erbe bewahren“
Mehr als vierzehn Jahre nach Beginn der Rojava-Revolution verstehen die Kulturschaffenden im nordostsyrischen Dêrik ihre Arbeit weiterhin als Teil des gesellschaftlichen Aufbaus. Vertreter:innen des Kultur- und Kunstzentrums der Stadt betonen, dass Sprach-, Kunst- und Kulturarbeit trotz Krieg, Angriffen und schwieriger Bedingungen kontinuierlich fortgesetzt wurde. Nun gehe es darum, das im Widerstand entstandene kulturelle Erbe zu bewahren und weiterzuentwickeln.
Kultur als Teil des Widerstands
Für die Verantwortlichen der Einrichtung war die kulturelle Organisierung von Beginn an ein wesentlicher Bestandteil der Revolution. Sie diente nicht nur dem Erhalt der kurdischen Sprache und Kultur, sondern auch dem Aufbau neuer gesellschaftlicher Strukturen. Der Ko-Vorsitzende des Kultur- und Kunstzentrums Dêrik, Xalid Cûdî, erinnert daran, dass die Kulturarbeit seit den ersten Tagen der Revolution unter schwierigen Bedingungen fortgeführt wurde.
„Weil wir unsere Kultur entschlossen verteidigt haben, richteten sich die Angriffe des Feindes besonders gegen sie. Diejenigen, die die Kulturarbeit des kurdischen Volkes trugen, hielten in einer Hand die Waffe und setzten mit der anderen ihre kulturelle Arbeit fort.“ Die heutige Generation sehe sich deshalb in der Verantwortung, das Vermächtnis jener weiterzutragen, die während des Widerstands ihr Leben verloren haben. „Wir versuchen, dieses Erbe weiterzuentwickeln. Es ist ein Vermächtnis, das uns unsere Gefallenen hinterlassen haben.“
Von Dengbêj bis zur kulturellen Bildung
Auch die Ko-Vorsitzende Şemal Reşîd bezeichnet die kulturelle Organisierung als einen grundlegenden Bestandteil der Rojava-Revolution. Mit dem Beginn des gesellschaftlichen Umbruchs hätten sich auch Kulturschaffende neu organisiert und ihre Arbeit ausgeweitet. Nach ihren Angaben reicht das Angebot heute von der Förderung der Dengbêj-Tradition über Musik- und Sprachkurse bis hin zu kulturellen Angeboten für Kinder und Jugendliche. „Uns ist bewusst, welche Verantwortung wir tragen. Deshalb werden wir unsere Arbeit fortsetzen, um dem geleisteten Widerstand gerecht zu werden.“
Kulturelle Brücken zwischen den vier Teilen Kurdistans
Für das Vorstandsmitglied Delîl Mîrsaz besteht die nächste Aufgabe darin, die kulturellen Traditionen der verschiedenen Teile Kurdistans stärker miteinander zu verbinden. Kultur spiele eine entscheidende Rolle für die Entwicklung einer Gesellschaft und dürfe sich nicht auf lokale oder regionale Perspektiven beschränken. „In Rojhilat gibt es viele unterschiedliche kulturelle Traditionen. Doch wir kennen sie oft selbst nicht. Wir möchten daran arbeiten, die Kulturen aller Teile Kurdistans zusammenzuführen.“
Die jahrzehntelange Trennung habe dazu geführt, dass sich viele Menschen zunehmend voneinander entfremdet hätten. Umso wichtiger sei es, die unterschiedlichen kulturellen Traditionen wieder sichtbar zu machen und miteinander in Austausch zu bringen. „Wir müssen uns selbst und unsere Kultur besser kennenlernen“, sagt Mîrsaz. Nach Auffassung der Verantwortlichen des Kultur- und Kunstzentrums Dêrik soll die Kulturarbeit deshalb künftig nicht nur zum Erhalt des kulturellen Erbes beitragen, sondern auch den Austausch zwischen den verschiedenen Regionen Kurdistans stärken und so das gemeinsame kulturelle Gedächtnis weiterentwickeln.
https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/14-jahre-rojava-revolution-vom-widerstand-zu-einem-gesellschaftsmodell-52238 https://deutsch.anf-news.com/kultur/tev-Cand-diskutiert-kommunalistische-perspektiven-der-kunst-52209 https://deutsch.anf-news.com/kultur/hozan-comerd-nach-28-jahren-in-rojava-vor-ort-erschliesst-sich-die-ganze-dimension-52296
Menschenrechtsgruppen fordern Freilassung schwerkranker Gefangener
Mit Kundgebungen in Ankara und Istanbul haben Menschenrechtsaktivist:innen auf die Lage schwerkranker politischer Gefangener in der Türkei aufmerksam gemacht. Im Mittelpunkt der wöchentlichen Aktionen standen die Gefangenen Fatma Tokmak und Mehmet Şirin Çelik. Nach Angaben des Menschenrechtsvereins IHD verschlechtert sich ihr Gesundheitszustand weiter, während notwendige medizinische Maßnahmen ausbleiben.
IHD: Fatma Tokmak ist akut gefährdet
Bei der 621. Mahnwache der Initiative „Freiheit für kranke Gefangene“ in Ankara erklärte die Ko-Vorsitzende der IHD-Zweigstelle, Sevil Turgut, dass sich der Gesundheitszustand der im Istanbuler Frauengefängnis Bakırköy inhaftierten Fatma Tokmak im vergangenen Jahr erheblich verschlechtert habe. „Bei einer Untersuchung im April 2025 wurde festgestellt, dass ihre Herzklappe dringend ersetzt werden muss. Dennoch wurde über lange Zeit kein Operationstermin festgelegt. Bis heute liegen uns keine bestätigten Informationen darüber vor, dass der Eingriff durchgeführt und die Lebensgefahr beseitigt wurde.“
Tokmak leidet den Angaben zufolge unter einer schweren Herzerkrankung sowie an Bluthochdruck, Asthma, Krampfadern und Magenbeschwerden. Der Herzklappenfehler führe zu Herzinsuffizienz, Atemnot, Ohnmachtsanfällen sowie Schwellungen und stelle ein erhebliches Risiko dar. „Dieser Gesundheitszustand erfordert eine kontinuierliche Behandlung und regelmäßige Krankenhauskontrollen. Ihn unter Haftbedingungen lediglich zu beobachten, kann irreversible Folgen haben“, so Turgut.
Der IHD verweist darauf, dass die Menschenrechtsstiftung TIHV Tokmak bereits 2022 als haftunfähig eingestuft habe. Das Institut für Rechtsmedizin sei dieser Einschätzung jedoch nicht gefolgt. Ein im vergangenen Jahr gestellter Antrag auf Strafaufschub sei bislang unbeantwortet geblieben. Die Initiative „Freiheit für kranke Gefangene“ fordert die sofortige Aussetzung der Haft, eine umgehende Herzoperation sowie eine umfassende medizinische Behandlung außerhalb des Strafvollzugs.
Der Fall Mehmet Şirin Çelik
Auch bei der 749. „F-Sitzung“ der Istanbuler Zweigstelle des IHD wurde die sofortige Freilassung eines schwerkranken Gefangenen gefordert. Konkret ging es um den Fall des 70-jährigen politischen Gefangenen Mehmet Şirin Çelik, der seit 27 Jahren inhaftiert ist und Ende Juli vom Hochsicherheitsgefängnis Nr. 2 in Xarpêt (tr. Elazığ) in das R-Typ-Gefängnis der Provinz verlegt wurde.
Nach Angaben des IHD leidet Çelik unter schweren Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck, Krampfadern, Prostata- und Bandscheibenerkrankungen. Hinzu kommen Gefäßverschlüsse im Gehirn, zwei erlittene Schlaganfälle sowie Seh- und Magenprobleme. Erst am 3. Juli erlitt Çelik eine Hirnblutung. Trotz seines kritischen Gesundheitszustands sei er nach einer Notfallbehandlung wieder ins Gefängnis zurückgebracht worden.
„Er bekam stundenlang nicht einmal Wasser“
Der IHD zitierte während der Kundgebung Aussagen des Sohnes von Mehmet Şirin Çelik. „Als wir ihn am 27. Juli besuchten, sagte unser Vater, dass sich sein Gesundheitszustand weiter verschlechtert habe. Wir konnten selbst sehen, dass er infolge des Schlaganfalls Schwierigkeiten beim Sprechen, Gehen und Verstehen hat.“
Am folgenden Tag sei die Familie über seine Verlegung in das R-Typ-Gefängnis informiert worden. „Dort brachte man meinen Vater zunächst in einen leeren Raum. Wir erfuhren später, dass man ihm stundenlang nicht einmal Wasser gegeben hatte. Dabei nimmt er mehr als zehn Medikamente ein und muss wegen einer Infektion ständig trinken.“
Die Familie habe beim Institut für Rechtsmedizin einen Antrag auf Strafaufschub gestellt. Eine Entscheidung stehe jedoch weiterhin aus. Nach Auffassung des IHD ist eine angemessene medizinische Versorgung unter Haftbedingungen nicht mehr möglich. Die Organisation fordert deshalb, dass Mehmet Şirin Çelik seine verbleibende Haftzeit außerhalb des Gefängnisses verbringen und unter menschenwürdigen Bedingungen behandelt werden kann.
https://deutsch.anf-news.com/menschenrechte/turkei-bericht-dokumentiert-anhaltende-menschenrechtsverletzungen-in-112-gefangnissen-52331 https://deutsch.anf-news.com/menschenrechte/ngos-zwolf-schwerkranke-gefangene-erhalten-keine-angemessene-behandlung-52031 https://deutsch.anf-news.com/menschenrechte/ngos-fordern-freilassung-kranker-gefangener-51889
Bündnis warnt vor drohenden Hinrichtungen von acht Frauen in Iran
Die iranische Oppositionsplattform „Guruh-e Eghdam-e Moshtarak“ (auch Joint Action Group, JAG) hat vor einer neuen Eskalation der Hinrichtungspolitik in Iran gewarnt. Nach Angaben des in Montreal ansässigen Bündnisses sind derzeit acht weibliche politische Gefangene von der Vollstreckung oder einer erneuten Verhängung der Todesstrafe bedroht. Unter ihnen befinden sich auch die kurdischen politischen Gefangenen Pakhshan Azizi und Varisheh Moradi, deren Fälle international seit Langem Aufmerksamkeit erregen. Neben ihnen nennt die JAG die politischen Gefangenen Zahra Shahbaz Tabari, Nasimeh Eslamzehi, Maryam Hodavand, Arghavan Fallahi, Mahnaz Chardouli und Bita Hemmati.
Sechs Frauen unmittelbar von Hinrichtung bedroht
Nach Angaben der Organisation droht sechs der Frauen derzeit unmittelbar die Vollstreckung ihrer Todesurteile. Bei Moradi und Hemmati seien frühere Todesurteile zwar vom Obersten Gerichtshof aufgehoben worden, nun bestehe jedoch die Gefahr, dass sie erneut zum Tode verurteilt werden. Die Frauen werden im berüchtigten Teheraner Evin-Gefängnis sowie im Zentralgefängnis der Stadt Rascht im Nordwesten des Landes festgehalten.
Vorwürfe gegen die Regimejustiz
Die betroffenen Gefangenen sitzen wegen politischer Verfahren in den Gefängnissen Evin in Teheran und im Zentralgefängnis von Rascht im Nordwesten des Landes. Das iranische Regime verfolgt sie unter anderem mit den Anklagepunkten „Baghi“ („bewaffneter Aufstand gegen den Staat“) und „Moharebeh“ („Feindschaft gegen Gott“) vor – Vorwürfe, die seit Jahren systematisch genutzt werden, um politische Oppositionelle, kurdische Aktivist:innen und Protestierende mit der Todesstrafe zu bedrohen.
Drei der Frauen wurden im Zusammenhang mit den landesweiten Protesten im letzten Winter festgenommen. Nach Angaben der JAG waren ihre Verfahren von schweren Rechtsverletzungen geprägt. Demnach wurde den Betroffenen der Zugang zu selbst gewählten Verteidiger:innen verweigert. Zudem sei das Vorgehen der Justiz von Intransparenz geprägt gewesen, während gleichzeitig Vorwürfe im Raum stehen, dass Geständnisse unter Folter oder anderem Zwang erzwungen wurden.
Appell gegen die Todesstrafe
Die JAG sieht die aktuellen Verfahren als Teil einer anhaltenden Welle von Todesurteilen gegen politische Gefangene im Iran und fordert die internationale Öffentlichkeit auf, den Druck auf die iranischen Behörden zu erhöhen. Unter dem Motto „Nein zur Todesstrafe – Solidarität ist der einzige Weg zum Erfolg“ ruft das Bündnis dazu auf, sich für die bedrohten Gefangenen einzusetzen.
https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/der-innere-krieg-der-islamischen-republik-52176 https://deutsch.anf-news.com/frauen/rojhelat-info-warnt-vor-drohender-hinrichtung-von-pakhshan-azizi-51694 https://deutsch.anf-news.com/frauen/varisheh-moradi-wird-notwendige-medizinische-behandlung-verweigert-52322 https://deutsch.anf-news.com/menschenrechte/iran-richtet-zwei-manner-im-zusammenhang-mit-protesten-hin-52304
Kulturschaffende schließen sich „Rabin“-Kampagne in Amed an
Kultur- und Kunstinstitutionen in der nordkurdischen Metropole Amed (tr. Diyarbakır) haben ihre Unterstützung für die Kampagne „Rabin“ erklärt. Bei einer Pressekonferenz im Kulturverein Dicle im Altstadtbezirk Sûr kündigten sie an, sich mit den Mitteln der Kunst gegen Drogen, Prostitution und Glücksspiel einzusetzen und insbesondere junge Menschen zu stärken.
Die Kampagne „Rabin“ (ku. „Erhebt euch“) wurde im Juli von der Antidrogenplattform „Şiyar Be!“ ins Leben gerufen, einem Zusammenschluss demokratischer Organisationen in Amed. Sie versteht den Kampf gegen Drogen, Prostitution, Glücksspiel und andere Formen gesellschaftlicher Zersetzung als gemeinsame gesellschaftliche Aufgabe und ruft zu einer breiten Mobilisierung insbesondere zum Schutz von Jugendlichen und Frauen auf.
„Wir werden die Stimme der Gesellschaft sein“
Für die Kulturschaffenden erklärte die Theaterkünstlerin Elvan Koçer, Drogen, Prostitution und Glücksspiel breiteten sich „wie ein Virus“ in der Gesellschaft aus. Unter Hinweis auf Studien sagte sie, das Einstiegsalter beim Drogenkonsum sei inzwischen auf neun Jahre gesunken. „Dass bereits neunjährige Kinder Drogen konsumieren, ist für eine Gesellschaft nicht hinnehmbar. Als Künstler:innen aus Amed akzeptieren wir das nicht. Wir entschuldigen uns bei diesen Kindern“, sagte Koçer.
Die Antwort darauf könne nicht allein in repressiven Maßnahmen bestehen. Kulturschaffende müssten selbst Verantwortung übernehmen und jungen Menschen neue Perspektiven eröffnen. „Mit unseren Stiften und Notizbüchern, mit unseren Instrumenten und unserer Stimme, mit Farben und Pinseln, mit Theater, Film und Fotografie werden wir die Stimme der Gesellschaft sein. Wir werden die Stimme unserer Jugendlichen sein.“
Mehr Kultur statt Perspektivlosigkeit
Koçer forderte den Ausbau kultureller und sozialer Angebote für junge Menschen. Jugend dürfe nicht Perspektivlosigkeit, Einsamkeit und der Straße überlassen werden. „Schafft mehr Kultur- und Kunstzentren, Sporteinrichtungen und Orte für junge Menschen. Stadtviertel werden nicht allein durch Asphalt gestärkt, sondern durch Kultur, Kunst, Solidarität und Leben. Die wichtigste Aufgabe für die Zukunft ist es, die Jugend und damit die Gesellschaft zu schützen.“
Vorwürfe gegen staatliche Stellen
Zugleich erhob Koçer schwere Vorwürfe gegen staatliche Stellen. Sie warf dem türkischen Staat vor, Drogen als Mittel des Spezialkriegs gegen die kurdische Gesellschaft einzusetzen, und forderte ein konsequentes Vorgehen gegen Drogennetzwerke. „Erfüllen Sie Ihre Verantwortung. Zerschlagen Sie diese Banden und Drogennetzwerke. Immer wieder lesen wir Berichte, wonach auch Angehörige der Sicherheitsbehörden in diese Geschäfte verwickelt sind. Ziehen Sie alle Verantwortlichen zur Rechenschaft.“
„Mit Kunst werden wir neues Leben schaffen“
Abschließend bekräftigte Koçer die Unterstützung der Kulturschaffenden für die „Rabin“-Kampagne. „Wir sind Filmschaffende, Theaterkünstler:innen, Musiker:innen, Tänzer:innen und Maler:innen dieses Landes. Mit unserer Kunst werden wir nicht zulassen, dass sich Drogen und Prostitution in den Straßen, Stadtvierteln sowie Dörfern und Städten Kurdistans ausbreiten. Durch die Kunst werden wir neues Leben schaffen.“
https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/yuksel-genc-drogen-sind-langst-zu-einer-gesellschaftlichen-krise-geworden-52284 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/studie-drogenkonsum-unter-kindern-und-jugendlichen-in-erxeni-nimmt-zu-51994 https://deutsch.anf-news.com/menschenrechte/anti-drogen-aktivist-in-rojhilat-festgenommen-und-misshandelt-52288 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/selbstorganisierte-nachtwachen-gegen-drogenhandel-in-wan-52255 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/amed-plant-beratungszentren-in-allen-bezirken-und-rehabilitationsdorf-fur-suchterkrankte-52013
Emine Ocak: Vom Dersim-Genozid zur Symbolfigur der Samstagsmütter
Fast drei Jahrzehnte lang saß Emine Ocak auf dem Galatasaray-Platz in Istanbul. Als erste „Samstagsmutter“ wurde sie zu einer Symbolfigur des Kampfes gegen das gewaltsame Verschwindenlassen. Nach der Ermordung ihres Sohnes Hasan Ocak im Jahr 1995 verlangte sie unermüdlich Wahrheit und Gerechtigkeit – für ihn und für alle Menschen, die in staatlichem Gewahrsam verschwanden. Bis zu ihrem Tod blieb sie eine der prägenden Stimmen der Menschenrechtsbewegung in der Türkei.
Doch Emine Ocaks Geschichte begann lange vor dem Galatasaray-Platz. Noch bevor sie sprechen konnte, entkam sie als Kleinkind nur knapp dem Dersim-Genozid 1937/38. Später überlebte sie Vertreibung, politische Verfolgung und den Militärputsch vom 12. September 1980. Anlässlich ihres ersten Todestages erinnerte die Familie gemeinsam mit Weggefährt:innen in der Istanbuler Vertretung des Menschenrechtsvereins IHD an ihren Lebensweg. Im Gespräch mit ANF zeichnet ihr Sohn Hüseyin Ocak die Geschichte seiner Mutter nach – von den Massakern in Dersim über die Suche nach Hasan Ocak bis zu den Mahnwachen auf dem Galatasaray-Platz.
‚Noch als Kleinkind sollte sie sterben‘
Emine Ocak wurde im Dorf Xaltan im Landkreis Qisle (tr. Nazimiye) in der nordkurdischen Provinz Dersim (Tunceli) geboren. Als 1937 die Vernichtungsoperationen gegen die Bevölkerung Dersims begannen, war sie noch ein Sprössling. Gemeinsam mit ihrer Familie floh sie vor den anrückenden Soldaten in die Wälder. „Meine Mutter und ihre Zwillingsschwester Sevgi waren damals erst eineinhalb Jahre alt“, erzählt Hüseyin Ocak. „Die Familie hatte Angst, dass die Soldaten ihr Versteck entdecken könnten, wenn die beiden zu weinen begannen. Deshalb wurde sogar darüber gesprochen, die Kinder zu töten. Sie sagten: ‚Wenn sie uns finden, werden sie uns alle umbringen. Bevor wir alle sterben, töten wir lieber die beiden Babys.‘“
Emine Ocak im Jahr 2017 bei einer Mahnwache der Samstagsmütter
Doch Emine Ocaks Mutter widersetzte sich diesem Plan. „Meine Großmutter sagte: ‚Ich nehme die beiden Kinder und gehe an einen anderen Ort. Wenn sie jemanden finden und töten, dann sollen sie uns finden. Ihr sollt überleben.‘ Sie nahm meine Mutter und ihre Zwillingsschwester und ging mit ihnen in die entgegengesetzte Richtung.“ Währenddessen brannten Soldaten die Dörfer nieder und erschossen zahlreiche Bewohner:innen. Als Emine Ocaks Mutter später in ihr Dorf zurückkehrte, fand sie nur noch Zerstörung vor. Der Ort war niedergebrannt, zwei ihrer Schwager waren getötet worden. „Danach versuchte sie, das Leben neu aufzubauen“, sagt Hüseyin Ocak. „Ich will damit sagen: Meine Mutter war vom ersten Tag ihres Lebens an mit der Gefahr konfrontiert, getötet zu werden.“
In Xarpêt im Visier von Faschisten
Nach dem Tertele begann Emine Ocaks Familie unter schwierigsten Bedingungen ein neues Leben. 1943 zog sie aus Xaltan in das Dorf Çuxur im Zentrum Dersims. Dort wuchs Emine Ocak auf. Als Jugendliche wurde sie im Alter von 15 oder 16 Jahren mit ihrem späteren Ehemann verheiratet, der ebenfalls aus Qisle stammte und mit seiner Familie nach Çuxur gezogen war. Jahre später verließ das Ehepaar Dersim. 1973 zog die Familie in der Hoffnung auf ein sichereres Leben nach Xarpêt (Elazığ). Doch auch dort wurden sie erneut mit Gewalt und Verfolgung konfrontiert. „Meine Eltern gerieten ins Visier der Faschisten“, erzählt Hüseyin Ocak. „Ich war damals zehn Jahre alt. Es war die Zeit der heftigsten politischen Auseinandersetzungen. Wir lebten ständig mit der Angst, dass unser Haus angegriffen oder eine Bombe gelegt werden könnte.“
Immer wieder sei die Familie auf der Straße angegriffen worden. Mehrfach seien Angehörige festgenommen worden. „Mein ältester Bruder Ali verlor infolge der Folter, die er während der Haft erlitt, sein Gehör. Unser Leben war von Repression geprägt. Auch mein Bruder Hasan wuchs unter diesen Bedingungen auf.“ Hasan Ocak besuchte in Xarpêt die Grund- und Mittelschule sowie das Gymnasium. Anschließend studierte er am Pädagogischen Institut in Sêrt (Siirt). Nach seinem Abschluss zog er 1985 nach Istanbul.
Für die Familie selbst verschärfte sich die Lage nach dem Militärputsch von 1980 weiter. „Wir waren als Familie bekannt und jederzeit gefährdet“, sagt Hüseyin Ocak. „Zuerst kam ich als Student nach Istanbul. Danach folgten mein Bruder Ali und Hasan. 1987 zogen schließlich auch unsere Eltern nach. Aber auch in Istanbul fanden wir keinen Frieden. Zehn Jahre nachdem Hasan dorthin gekommen war, wurde er Opfer des gewaltsamen Verschwindenlassens.“
Hüseyin Ocak
„Hasan wollte am Abend nach Hause kommen“
Als Hasan Ocak am 21. März 1995 verschwand, ahnte die Familie zunächst nicht, dass sie ihn nie wieder lebend sehen würde. An diesem Tag hatte Hasan seine Mutter noch angerufen. Anschließend besuchte er seinen Bruder Hüseyin in dessen Geschäft im Istanbuler Stadtteil Laleli. „Hasan kam noch in meinen Laden. Wir verabredeten uns für den Abend zu Hause“, erinnert sich Hüseyin Ocak. „Doch dazu kam es nicht.“
Als Hasan nicht nach Hause zurückkehrte, ging die Familie zunächst davon aus, dass er wie viele andere in jenen Tagen im Zusammenhang mit den Newroz-Feierlichkeiten festgenommen worden war. „Damals gab es rund um das Neujahrsfest zahlreiche Festnahmen. Wir dachten, wir würden ihn finden.“ Nach den Erkenntnissen der Familie wurde Hasan Ocak auf dem Weg zwischen Aksaray und Topkapı festgenommen. Ein Anwalt habe damals mitgehört, wie Polizisten über Funk meldeten: „Wir haben Hasan Ocak festgenommen, wir bringen ihn.“ Für Hüseyin Ocak war dies nicht das erste Mal, dass sein Bruder in Polizeigewahrsam verschwand.
Bereits 1986 war Hasan Ocak in der berüchtigten Ersten Abteilung der Polizei in Gayrettepe festgenommen und schwer gefoltert worden. Vier Monate verbrachte er anschließend im Gefängnis, bevor er in dem Verfahren freigesprochen wurde. Doch die Repressionen gingen weiter. 1987 wurden Hasan, Hüseyin Ocak, ihr älterer Bruder Ali und ihr Schwager erneut festgenommen. „Hasan wurde damals am schwersten gefoltert“, sagt Hüseyin Ocak. „Die Polizisten sagten zu ihm: ‚Wenn du noch einmal hierherkommst, wirst du diesen Ort nicht mehr lebend verlassen.‘“
Jahre später sollte sich diese Drohung bewahrheiten. Nach dem Gazi-Massaker leitete die Polizei unter der Bezeichnung „Gazi-Provokateure“ eine groß angelegte Festnahmeaktion gegen 26 Menschen ein. Während die Behörden die meisten Festnahmen registrierten, bestritten sie ausgerechnet im Fall von Hasan Ocak und Hasan Polat, beide jemals in Gewahrsam genommen zu haben. „Wir wussten jedoch, dass Hasan festgenommen worden war“, sagt Hüseyin Ocak. „Der damalige Istanbuler Polizeipräsident Necdet Menzir behauptete öffentlich, Hasan Ocak und Hasan Polat seien nie festgenommen worden. Wenig später tauchte Hasan Polat jedoch in Fernsehaufnahmen unter den Festgenommenen auf. Damit war klar, dass die Polizei die Öffentlichkeit belogen hatte.“
„Ich kann nichts für Sie tun“
Auf der Suche nach Hasan wandte sich die Familie schließlich auch an den damaligen Staatsminister für Menschenrechte, Algan Hacaloğlu. „Wir sagten ihm: ‚Die Polizei hat behauptet, Hasan Polat sei nicht festgenommen worden. Jetzt läuft er im Fernsehen als Festgenommener über den Bildschirm. Genauso verhält es sich mit Hasan Ocak.‘“ Die Antwort des Ministers habe sie tief erschüttert. „Er sagte zu uns: ‚Ich kann diesen Leuten nichts erklären. Als ich im Osten war, haben mich Polizisten bedroht und mir den Drei-Halbmonde-Gruß gezeigt. Ich kann nichts für Sie tun.‘“ Für die Familie bestätigte diese Reaktion den Eindruck, dass selbst der zuständige Minister den Sicherheitsapparat nicht kontrollieren konnte.
Die Hoffnung, Hasan lebend zu finden
Dennoch gab die Familie die Suche nicht auf. Hüseyin Ocak erinnert daran, dass Hasan bereits Jahre zuvor nach einer Festnahme zunächst ebenfalls verschwunden gewesen war. „1986 hatte die Polizei seine Festnahme ebenfalls abgestritten. Erst sechzehn Tage später erfuhren wir, dass er im Gefängnis saß. Deshalb dachten wir diesmal wieder: Sie leugnen seine Festnahme jetzt, aber irgendwann werden sie zugeben müssen, dass er in Gewahrsam ist.“ Aus diesem Grund versuchte die Familie zunächst, Emine Ocak vor der ganzen Wahrheit zu schützen. „1986 lebte meine Mutter noch in Xarpêt. Damals sagten wir ihr zunächst nichts, um sie nicht zu beunruhigen. Auch 1987, als mehrere von uns festgenommen wurden, erfuhr sie erst später davon. Mein Vater wusste Bescheid, wollte sie aber ebenfalls schützen.“
Hüseyin und Maside Ocak besuchen die Gräber von Hasan Ocak und Rıdvan Karakoç, 2023
„Meine Mutter wurde verhaftet, weil sie nach Hasan fragte“
Als Emine Ocak schließlich erfuhr, dass ihr Sohn verschwunden war, begann für sie ein Kampf, den sie bis zu ihrem Tod nicht mehr aufgeben sollte. „An dem Tag hatte Hasan meiner Mutter gesagt, dass er am Abend nach Hause kommen würde“, erzählt Hüseyin Ocak. „Als er nicht erschien, machten wir uns zunächst Sorgen. Wir dachten noch, er sei wie viele andere rund um Newroz festgenommen worden und würde bald wieder freikommen. Doch als wir Hinweise erhielten, dass er sich in Gewahrsam befand und dort schwer gefoltert wurde, begriffen wir, wie ernst die Situation war.“
Fünf Tage lang habe die Familie versucht, Emine Ocak zu schonen. Schließlich blieb ihnen nichts anderes übrig, als ihr die Wahrheit zu sagen. Von diesem Moment an habe seine Mutter nicht mehr aufgehört, nach Hasan zu suchen. Sie fuhr zur Istanbuler Gouverneursbehörde und kettete sich dort aus Protest an. Wenig später reiste sie nach Ankara, um den Verbleib ihres Sohnes öffentlich einzufordern. Dort blieb ihr Protest nicht ohne Folgen.
„Während eines Gerichtsverfahrens gegen Akın Birdal sagte meine Mutter zum Staatsanwalt: ‚Mein Sohn Hasan wurde festgenommen, aber niemand sagt mir, wo er ist.‘ Allein wegen dieser Worte wurde sie festgenommen.“ Unter dem Vorwurf, die Ordnung im Gerichtssaal gestört zu haben, wurde Emine Ocak zu einem Monat Haft im Gefängnis Ulucanlar verurteilt. Nach ihrer Entlassung kehrte sie nach Istanbul zurück. Die Suche nach Hasan und der Kampf gegen das gewaltsame Verschwindenlassen wurden fortan zum Mittelpunkt ihres Lebens.
„Meine Mutter sagte später oft: ‚Früher war ich Hausfrau. Ich wusste nichts von Politik. Erst für Hasan bin ich auf die Straße gegangen. Und nachdem ich einmal hinausgegangen war, bin ich nie wieder nach Hause zurückgekehrt. Ich habe bis zum Schluss gekämpft.‘“ Für Hüseyin Ocak beschreibt dieser Satz das Leben seiner Mutter besser als jeder andere. „Genau so war es“, sagt er. „Von diesem Tag an hat sie den Kampf niemals wieder aufgegeben.“
‚Ich fand Hasan im Institut für Rechtsmedizin‘
Wochenlang suchte die Familie weiter nach Hasan Ocak. Während die Behörden jede Verantwortung von sich wiesen, verfolgte Hüseyin Ocak jede Spur, die sich auftat. Schließlich führte ihn seine Suche zum Institut für Rechtsmedizin in Istanbul. „Dort bin ich Hasan zum ersten Mal wieder begegnet.“ Nach und nach habe er herausgefunden, dass die Akte seines Bruders von der Staatsanwaltschaft in Beykoz stammte und sein Leichnam dort gefunden worden war.
„Als ich zur Staatsanwaltschaft in Beykoz ging, zeigten sie mir einige persönliche Gegenstände. Von dort brachte ich die Fingerabdrücke zur Polizeidirektion. Am 12. Mai hatte ich seine Spur gefunden, aber ich sprach zunächst mit niemandem darüber. Damals verschwanden nicht nur Menschen, sondern manchmal auch ihre Akten. Ich wollte kein Risiko eingehen.“
Den entscheidenden Hinweis erhielt Hüseyin Ocak schließlich im Institut für Rechtsmedizin. Über einen Bekannten gelang es ihm, mit dem damaligen Leiter der Einrichtung, Hasan Çankaya, zu sprechen. „Ich erzählte ihm, dass mein Bruder seit 52 Tagen verschwunden war und bat darum, die Unterlagen der seit dem 21. März anonym bestatteten Menschen einsehen zu dürfen.“
Die Mitarbeitenden brachten mehrere Akten. „In jeder Akte standen Größe, Gewicht, Alter und weitere Merkmale der Toten. Ich sah mir etwa zehn Akten an. Bei einer von ihnen hatte ich das Gefühl, dass es Hasan sein könnte.“ Dann öffnete er die Akte. „Als ich die Fotos sah, wusste ich sofort, dass es mein Bruder war.“
Auf den Bildern seien auch die Folterspuren an Hasan Ocaks Körper deutlich zu erkennen gewesen. „Ich bat den Leiter des Instituts, mir die Fotos mitgeben zu dürfen, damit auch meine Geschwister sie ansehen konnten. Er erlaubte es mir unter der Bedingung, dass ich sie zurückbringe. Ich ließ Kopien anfertigen. Gemeinsam mit meinen Geschwistern stellten wir fest, dass es tatsächlich Hasan war.“ Anschließend verwies ihn der Leiter des Instituts an die Staatsanwaltschaft, die wiederum die Ermittlungsakte in Beykoz öffnete.
Dreimal Fingerabdrücke abgenommen
Dort erfuhr Hüseyin Ocak weitere Details, die für ihn bis heute belegen, dass die Behörden wussten, wen sie vor sich hatten. „Der Staatsanwalt fragte mich zunächst, ob Hasan bei der Polizei registriert gewesen sei. Als ich das bestätigte, sagte er: ‚Ich habe bereits vor mehr als fünfzig Tagen bei der Istanbuler Polizeidirektion angefragt. Bis heute habe ich keine Antwort erhalten.‘“
Vom Innenministerium angeordneter Polizeiangriff auf die 700. Mahnwache der Samstagsmütter im August 2018
Nach den Ermittlungsunterlagen war Hasan Ocaks Leichnam von Dorfbewohner:innen am Straßenrand in einem Waldgebiet bei Beykoz gefunden worden. Die Gendarmerie brachte den Leichnam zunächst in das staatliche Krankenhaus von Beykoz. „Dort stellten sie fest, dass Hasan bereits Fingerabdrücke abgenommen worden waren. An seinen Fingern befand sich noch die Tinte.“ Dennoch wurden erneut Fingerabdrücke genommen und an die Istanbuler Polizeidirektion geschickt.
Nach der Überführung ins Institut für Rechtsmedizin ordnete auch dort ein Staatsanwalt ein weiteres Mal die Abnahme von Fingerabdrücken an. Auch diese wurden an die Polizei übermittelt. „Insgesamt wurden Hasans Fingerabdrücke dreimal an die Istanbuler Polizeidirektion geschickt“, sagt Hüseyin Ocak. „Trotzdem erklärte niemand, dass sie zu Hasan Ocak gehörten.“ Erst durch seine eigenen Nachforschungen sei die Identität seines Bruders offiziell bestätigt worden. Nach der Obduktion wurde Hasan Ocak auf dem Gräberfeld Altınşehir im Istanbuler Bezirk Küçükçekmece für „anonyme Tote“ beigesetzt. Später wurde er exhumiert und in Würde bestattet.
„Meine Mutter hat niemals aufgegeben. Und wir geben ebenfalls nicht auf“
Nachdem die Familie Gewissheit über Hasan Ocaks Schicksal erlangt hatte, musste Hüseyin Ocak seiner Mutter sagen, wo sich der Leichnam ihres Sohnes befand. „Als wir meiner Mutter erklärten, dass wir Hasan gefunden hatten, war ihr Schmerz unbeschreiblich“, sagt er. „Doch trotz dieser tiefen Trauer hat sie nie aufgehört zu kämpfen.“
Aus der Mutter, die zunächst nur nach ihrem Sohn gesucht hatte, wurde eine der bekanntesten Stimmen im Kampf gegen das gewaltsame Verschwindenlassen in der Türkei. „Meine Mutter war nicht mehr nur Hasans Mutter“, sagt Hüseyin Ocak. „Sie wurde zur Mutter aller Verschwundenen. Gemeinsam mit den Samstagsmüttern gehörte sie zu den ersten Frauen, die sich auf den Galatasaray-Platz setzten und Wahrheit und Gerechtigkeit einforderten.“
Mit ihrem Protest hätten die Angehörigen nicht nur das Andenken ihrer Kinder bewahrt. „Sie haben ihre Kinder durch ihren Kampf wieder sichtbar gemacht. Sie haben verhindert, dass sie vergessen werden. Gleichzeitig haben sie auch diejenigen, die für ihr Verschwinden verantwortlich sind, vor der Geschichte angeklagt.“ Über Jahrzehnte blieb Emine Ocak eine der prägenden Stimmen der Samstagsmütter. Trotz ihres hohen Alters nahm sie immer wieder an den Mahnwachen auf dem Galatasaray-Platz teil und wurde dort mehrfach von der Polizei festgenommen.
„Meine Mutter sagte immer: ‚Wenn wir diesen Kampf aufgeben, wird dieses Land zur Hölle für die Angehörigen der Verschwundenen und zum Paradies für diejenigen, die Menschen verschwinden lassen. Deshalb dürfen wir niemals aufgeben. Galatasaray gehört uns. Es ist unser Ort des Gedenkens. Ganz gleich, wie viele Jahre vergehen – ich werde hier sitzen bleiben.‘“
Auch sein Vater habe diesen Kampf bis zuletzt mitgetragen. „Er sagte immer: ‚Was uns widerfahren ist, soll niemand anderes erleben müssen. Deshalb sitze ich hier.‘“ Selbst im hohen Alter ließ sich Emine Ocak nicht einschüchtern. Noch mit 83 Jahren wurde sie während der 700. Mahnwache der Samstagsmütter auf dem Galatasaray-Platz festgenommen. Später untersagten die Behörden die Versammlungen auf dem Platz über Jahre hinweg.
Bis zu ihrem Tod im Alter von 90 Jahren hielt Emine Ocak an ihrer Forderung nach Wahrheit und Gerechtigkeit fest. Für Hüseyin Ocak lebt dieser Kampf bis heute weiter. „Meine Mutter hat niemals aufgegeben. Und wir geben ebenfalls nicht auf.“ Diese Worte ließ die Familie auch auf ihren Grabstein schreiben – als Vermächtnis einer Frau, deren Leben vom Dersim-Genozid bis zu den Mahnwachen auf dem Galatasaray-Platz vom unermüdlichen Einsatz gegen das Vergessen geprägt war.
https://deutsch.anf-news.com/menschenrechte/gedenken-an-hasan-ocak-und-ridvan-karakoc-in-istanbul-51660 https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/samstagsmutter-emine-ocak-verstorben-47223 https://deutsch.anf-news.com/menschenrechte/samstagsmutter-erinnern-an-hasan-ocak-45682 https://deutsch.anf-news.com/menschenrechte/anklage-gegen-teilnehmer-von-700-mahnwache-der-samstagsmutter-22931 https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/ocak-ein-tag-den-wir-ihnen-niemals-vergeben-werden-koennen-6314