«Und während Sie über Ungarn mal dies hören und mal das, sollten Sie besser schleunigst nach Brüssel sehen, wo von der Leyen das Projekt der Zweckentfremdung der EU, der Vergewaltigung der europäischen Verträge und der finalen Entmachtung der Nationalstaaten vorantreibt, als gäb’s kein Morgen. Ein Projekt, das nie etwas anderes als Ihre eigene Entmachtung, werter Bürger, war, die unter dieser Kommissionspräsidentin natürlich verlässlich aufs Hässlichste verschleiert ist.» (– Martin Sonneborn)
ANF NEWS (Firatnews Agency) - kurdische Nachrichtenagentur
Tausende feiern Newroz in Frankfurt
Mit der Teilnahme von mehreren tausend Menschen findet in Frankfurt eine der größten Newroz-Feierlichkeiten in Deutschland statt. Kurd:innen aus zahlreichen Städten reisten am Samstag in die Mainmetropole an und zogen mit Symbolen der kurdischen Befreiungsbewegung sowie Fahnen der YPG und YPJ auf das Veranstaltungsgelände im Rebstockpark.
Bereits vor Beginn des offiziellen Programms prägten Parolen wie „Bijî Serok Apo“, „Jin, Jiyan, Azadî“ und „Yekîtiya Gelê Kurd“ die Atmosphäre. Begleitet von Musik und traditionellen Tänzen entwickelte sich das Gelände zu einem lebendigen Versammlungsort, an dem insbesondere die farbenfrohe traditionelle Kleidung von Frauen und die Teilnahme zahlreicher Familien sichtbar waren.
Politische Botschaften prägen Auftakt der Feierlichkeiten
Neben kulturellen Darbietungen steht die politische Dimension von Newroz im Zentrum. Die Feierlichkeiten begannen mit dem Singen der kurdischen Hymne „Ey Reqîp“ und einer Schweigeminute für die Gefallenen des Befreiungskampfes. In Redebeiträgen wurde die historische Kontinuität des Widerstands hervorgehoben und auf die aktuellen politischen Entwicklungen Bezug genommen.
Für die Konföderation der Gemeinschaften Kurdistans in Deutschland (KON-MED) erklärte deren Ko-Vorsitzender Kerem Gök, der von Abdullah Öcalan angestoßene Prozess für Frieden und eine demokratische Gesellschaft stelle einen „historischen Schritt“ dar. Die Bundesregierung müsse diesen Prozess unterstützen und Druck auf die Türkei ausüben, um eine politische Lösung der kurdischen Frage zu ermöglichen.
Für die Kurdische Frauenbewegung in Europa (TJK-E) betonte Ayten Kaplan, dass Newroz das Ergebnis jahrzehntelangen Widerstands sei. Sie verwies auf die Rolle der Gefallenen und erklärte, die diesjährigen Feierlichkeiten stünden im Zeichen der von Öcalan eingeleiteten Friedensinitiative. Zugleich forderte sie Deutschland auf, gegenüber der Türkei Verantwortung zu übernehmen und eine Lösung aktiv zu unterstützen.
Festivalartige Atmosphäre
Das Rahmenprogramm wird durch musikalische Beiträge ergänzt. Unter anderem trat bereits die Kindergruppe Koroya Zarokan auf. Im weiteren Verlauf setzte die Sängerin Jala das Programm fort, während die Teilnehmenden mit Tänzen und Gesängen die Feierlichkeiten fortführen. Auch abseits der Bühne bietet das Gelände ein breites Programm. Stände, Ausstellungen und symbolische Darstellungen kurdischer Geschichte tragen zur festivalartigen Atmosphäre bei.
https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/Ocalan-es-liegt-in-unserer-hand-dieses-jahr-zu-einem-jahr-der-freiheit-zu-machen-50801 https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/kon-med-ruft-zu-newroz-der-einheit-in-frankfurt-auf-50407 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/ehmed-fortschritte-in-bakur-sichern-zukunft-aller-kurd-innen-50800
Tagebuch von Gurbetelli Ersöz erstmals auf Deutsch erschienen
Das Tagebuch der kurdischen Journalistin und Revolutionärin Gurbetelli Ersöz ist erstmals in deutscher Sprache erschienen. Das Werk trägt den Titel „Gurbets Tagebuch – Ich habe mein Herz in die Berge graviert“ und basiert auf Aufzeichnungen aus den Jahren 1995 bis 1997.
Die Übersetzung sowie die editorischen Anmerkungen wurden von Agnes Alvensleben und Anja Flach erarbeitet. Das Buch ist mit Unterstützung der monatlichen Frauenzeitung Newaya Jin im Verlag Weşanên Meyman erschienen. Das Cover stammt vom Künstler Sinan Hezer.
Erste Chefredakteurin einer Zeitung in der Türkei
Gurbetelli Ersöz wurde 1965 in Xarpêt (tr. Elazığ) geboren und war ausgebildete Chemikerin. Sie gilt als erste Chefredakteurin einer Zeitung in der Türkei. Während ihrer Tätigkeit bei der kurdischen Tageszeitung „Özgür Gündem“ wurde sie aufgrund ihrer journalistischen Arbeit mehrfach inhaftiert und gefoltert. 1995 ging sie in die Berge und schloss sich der kurdischen Guerilla an. Dort führte sie bis zu ihrem Tod am 8. Oktober 1997 im „Südkrieg“ ein Tagebuch, in dem sie persönliche Erfahrungen, politische Reflexionen und poetische Texte festhielt.
Scharfe Kritik an patriarchalen Strukturen – auch innerhalb der kurdischen Bewegung
Das nun auf Deutsch vorliegende Werk verbindet autobiografische Notizen mit ideologischen und gesellschaftlichen Überlegungen. Ersöz beschreibt darin den revolutionären Prozess als eine umfassende Transformation – nicht nur der politischen Verhältnisse, sondern auch des Menschen selbst. „Zur wichtigsten Arbeit in der Revolution gehört, den toten Geistern Leben einzuhauchen […] und den Menschen das Gefühl zu geben, dass es sich zu kämpfen lohnt“, heißt es in einem Eintrag aus dem Jahr 1996.
Zugleich thematisiert Ersöz die Rolle von Frauen innerhalb des revolutionären Prozesses und kritisiert patriarchale Strukturen, die auch innerhalb politischer Bewegungen fortbestehen. Befreiung sei nur möglich, wenn Frauen eigenständig handeln und ihre Organisierung selbst bestimmen, schreibt sie in ihren Aufzeichnungen.
Türkische Ausgabe in Deutschland verboten
Das Tagebuch zeichnet damit ein vielschichtiges Bild eines Lebens zwischen Journalismus, politischer Überzeugung und bewaffnetem Widerstand. Es wurde 1998 erstmals im Mezopotamien-Verlag in Neuss mit dem türkischen Titel „Yüreğimi dağlara nakşettim“ und 2014 erneut im Aram-Verlag in Amed (tr. Diyarbakır) publiziert. In der Türkei ist das Werk verboten. In Deutschland wurde die türkische Ausgabe 2019 im Zuge des Verbots des Mezopotamien-Verlags durch das Bundesinnenministerium beschlagnahmt.
Die deutsche Ausgabe wird erstmals im Rahmen der Newroz-Veranstaltung heute in Frankfurt am Main vorgestellt und ist auf den dortigen Büchertischen verfügbar. Darüber hinaus ist es online auf der Webseite https://meyman.org/ erhältlich.
https://deutsch.anf-news.com/kultur/gurbetelli-ersoz-tagebuch-auf-griechisch-erschienen-46312 https://deutsch.anf-news.com/hintergrund/der-kampf-von-gurbetelli-ersoez-14863 https://deutsch.anf-news.com/kultur/gurbet-s-diary-im-lausanner-kunstmuseum-30864 https://deutsch.anf-news.com/kultur/wurttembergischer-kunstverein-zeigt-gurbet-s-diary-28935
Newroz-Feiern in der Schweiz
In zahlreichen Städten der Schweiz haben Kurd:innen sowie solidarische Menschen am Freitagabend das Newroz-Fest mit breiter Beteiligung begangen. Unter anderem in Lausanne, Biel, Chur, Basel, Genf, Luzern, St. Gallen, Winterthur und Rapperswil-Jona wurden Newroz-Feuer entzündet und bis in die Nacht gefeiert.
Zentrales Motiv der Veranstaltungen war die gemeinsame Perspektive der kurdischen Bevölkerung in allen Teilen Kurdistans. In Redebeiträgen wurden Forderungen nach Freiheit, einer demokratischen Lösung der Kurdistan-Frage und kurdischer Einheit hervorgehoben. Die Newroz-Feuer wurden vielerorts von Angehörigen Gefallener sowie den Friedensmüttern entzündet.
Lausanne
In Lausanne versammelten sich Hunderte Menschen am Montbenon-Park und zogen mit Fackeln zum Place des Pionnières. Neben kurdischen Vertreter:innen beteiligten sich auch Schweizer Politiker:innen an der Kundgebung. Das Newroz-Feuer wurde gemeinsam entzündet, begleitet von Redebeiträgen und musikalischem Programm.
Chur
In Chur führte ein Demonstrationszug vom Bahnhof zum Veranstaltungsort. Das Newroz-Feuer wurde von kurdischen Müttern entzündet. In Redebeiträgen wurde die historische Bedeutung von Newroz als Symbol des Widerstands betont.
Luzern
In Luzern zog ein Fackelmarsch vom Helvetiaplatz zum Kurplatz. In den Ansprachen wurde auf die Kämpfe in Rojava, Nord- und Ostkurdistan verwiesen und zur kurdischen Einheit aufgerufen.
St. Gallen
In St. Gallen zog eine Demonstration vom St. Leonhardpark durch die Innenstadt. Parolen wie „Jin, Jiyan, Azadî“ begleiteten den Marsch. Im Anschluss wurde das Newroz-Feuer entzündet.
Basel
In Basel begann das Programm im Dreirosen-Areal und führte mit einem Fackelzug zum Kasernenpark. Dort wurde das Newroz-Feuer entzündet und die Feierlichkeiten mit traditionellen Tänzen fortgesetzt.
Genf
In Genf fand die zentrale Feier auf der Plaine de Plainpalais statt. Teilnehmende aus allen Teilen Kurdistans betonten die Bedeutung von Einheit, Freiheit und demokratischen Perspektiven.
Winterthur
In Winterthur kamen zahlreiche Menschen vor dem Kiwi-Kino zusammen. In einer Rede wurde Newroz als Ausdruck von Widerstand und kollektiver Zukunftsperspektive hervorgehoben. Zudem wurde zur Teilnahme an weiteren Großveranstaltungen aufgerufen.
Biel
In Biel versammelten sich zahlreiche Menschen auf dem Kongresshausplatz. In Redebeiträgen wurde die gemeinsame kurdische Perspektive sowie die Rolle der Diaspora betont. Nach dem Entzünden des Newroz-Feuers prägten traditionelle Tänze das Bild der Feier.
Rapperswil-Jona
In Rapperswil organisierte das Demokratische Kurdische Kulturzentrum eine Kombination aus Empfang und öffentlicher Feier. Neben kurdischen Vertreter:innen nahmen auch lokale Politiker:innen und zivilgesellschaftliche Akteure teil. In den Beiträgen wurde insbesondere das Modell des Zusammenlebens in Rojava hervorgehoben und zu Solidarität aufgerufen.
Tausende bei Fackelmarsch in Wien
Tausende Kurd:innen sowie Unterstützer:innen haben in der österreichischen Hauptstadt an einem Fackelmarsch zum Newroz-Fest teilgenommen. Die Aktion wurde vom Verband der Studierenden aus Kurdistan und der Jugendbewegung TCŞ organisiert und von mehreren kurdischen Organisationen unterstützt. Auftakt der Demonstration war am Karlsplatz, wo die Teilnehmenden mit einer Schweigeminute der Gefallenen der kurdischen Befreiungsbewegung gedachten. Anschließend setzte sich der Demonstrationszug mit entzündeten Fackeln in Richtung Heldenplatz in Bewegung.
Dort wurde im Rahmen einer zentralen Kundgebung das erste Newroz-Feuer in Österreich entzündet. In den Redebeiträgen wurde die politische Bedeutung von Newroz hervorgehoben. Das Fest stehe nicht nur für den Beginn des Frühlings, sondern auch für Hoffnung, Widerstand und den fortdauernden Kampf um Freiheit. Bezug genommen wurde dabei auch auf die Newroz-Legende um Kawa den Schmied, deren Symbolik bis heute für den Widerstand gegen Unterdrückung stehe.
Zugleich wurde an politische Gefangene sowie an von Gewalt und Verfolgung betroffene Gemeinschaften erinnert, darunter insbesondere an die ezidische Bevölkerung. Die Redner:innen betonten die Notwendigkeit internationaler Solidarität und gemeinsamer politischer Organisierung. Ein Vertreter der Jugendbewegung TCŞ rief dazu auf, den Kampf für die Freiheit von Abdullah Öcalan zu intensivieren. Ziel sei es, kommende Newroz-Feiern gemeinsam mit ihm zu begehen.
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Weitere Newroz-Termine für Österreich
Das Programm wurde von musikalischen Beiträgen mehrerer Künstler:innen begleitet. Die Teilnehmenden beendeten die Veranstaltung mit traditionellen Tänzen und kündigten weitere Newroz-Veranstaltungen in Österreich an. Die nächste findet heute ab 14 Uhr in Graz statt, Treffpunkt ist die Strauchergasse 32. Am Sonntag wird in Wien (15 Uhr; Gasometer), Bregenz (14 Uhr, Hofsteigsaal) und Innsbruck (14 Uhr, Olympiastrasse 10) gefeiert. Für Sonntag in einer Woche ist eine weitere Veranstaltung in Linz (14:00 - Neues Rathaus) angekündigt.
https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/traditioneller-newroz-empfang-in-wien-50787
Öcalan: „Es liegt in unserer Hand, dieses Jahr zu einem Jahr der Freiheit zu machen“
Bei den Newroz-Feierlichkeiten in Amed (tr. Diyarbakır) ist die mit Spannung erwartete Botschaft von Abdullah Öcalan verlesen worden. Darin erklärte der kurdische Repräsentant: „Es liegt in unserer Hand, dieses Jahr für alle Völker des Nahen Ostens zu einem wirklichen Jahr der Freiheit zu machen.“ Zugleich rief er dazu auf, nicht zuzulassen, dass der Nahe Osten von hegemonialen Mächten in ein Kriegsgebiet verwandelt wird.
Die Botschaft wurde auf Kurdisch von Veysi Aktaş, der über viele Jahre gemeinsam mit Öcalan auf der türkischen Gefängnisinsel Imrali inhaftiert war, und auf Türkisch von Medya Aslan von der Bewegung Freier Frauen (TJA) verlesen. Begleitet von Sprechchören wurde die Botschaft von der Versammlungsmenge aufgenommen.
Das Klima von Krieg und Chaos in einen Frühling der Völker verwandeln
„Das Newroz-Epos wird seit Jahrtausenden als Fest der Erneuerung, des Widerstands und des Frühlings von den Völkern des Nahen Ostens begangen. Newroz hat den Geist des Widerstands und der Wiedergeburt unserer Völker immer wieder neu belebt.
Die in Newroz verkörperten Symbole und Figuren spiegeln den Geist dieser Region wider. Dehaq steht als Sinnbild für das System der staatlichen Zivilisation; die Schlangen auf seinen Schultern, die täglich die Gehirne zweier junger Menschen verzehren, symbolisieren die Grausamkeit des assyrischen Staates, während Kawa der Schmied die Verkörperung des Widerstands gegen Unterdrückung darstellt.
Die seit Jahrhunderten im Nahen Osten geführten Religions-, Konfessions- und Kulturkriege stellen den schwersten Schlag gegen die Kultur des Zusammenlebens der Völker dar. Solange jede Identität und jeder Glaube versucht, sich durch Rückzug in sich selbst und durch die Feindbildkonstruktion des Anderen zu behaupten, vertieft sich die Kluft zwischen unseren Völkern weiter. Unsere gemeinsamen Werte und unsere gemeinsame Kultur werden negiert, während unsere Unterschiede zu Ursachen von Konflikten und Kriegen gemacht werden.
Das Festhalten an überholten politischen Strategien in der Gegenwart hat in der Region verheerende Folgen nach sich gezogen. Die im Nahen Osten praktizierten Politiken der Unterdrückung, Negation und Feindmarkierung haben Spaltungen hervorgebracht, die heute leider auch als Vorwand für imperiale Interventionen dienen.
Während die über drei Jahrhunderte andauernden Religions- und Konfessionskriege Europas 1648 mit dem Westfälischen Frieden überwunden wurden, hat das Fortbestehen solcher Konflikte im Nahen Osten bis in die Gegenwart unseren Völkern tiefe Tragödien zugefügt. Heute jedoch verfügen wir über die Möglichkeit, ein erneutes Zusammenleben von Kulturen und Glaubensgemeinschaften zu verwirklichen. Es liegt in unserer Hand, das im Nahen Osten geschaffene Klima von Krieg und Chaos in einen Frühling der Völker zu verwandeln. Wir können die uns auferlegten Tragödien umkehren und in einen Raum der Freiheit für die Völker transformieren.
Der Weg zu einem gemeinsamen Zusammenleben ist eröffnet
Gegenwärtig werden die verborgenen Seiten der Geschichte sichtbar, und die Möglichkeiten für Frieden zwischen den Völkern sowie für eine demokratische Nationsbildung nehmen zu. In dem Maße, in dem die staatlich geprägten Traditionen des Sunnitentums und Schiitentums sowie nationalistische Denkmuster überwunden werden, rückt auch ein freies Zusammenleben der Völker in den Bereich des Möglichen.
Heute ist eine neue Seite aufgeschlagen worden. Der Weg für ein freies Zusammenleben der Völker in dieser Region ist eröffnet. Der am 27. Februar 2025 eingeleitete Prozess zielt darauf ab, die Grundlagen einer dem Geist von Newroz entsprechenden Gemeinschaftlichkeit neu zu beleben.
Dafür ist es notwendig, daran zu glauben, dass Kulturen und Glaubensgemeinschaften zusammenleben können, dass wir enge nationalistische Vorstellungen überwinden und uns auf der Grundlage einer demokratischen Integration vereinen sowie gemeinsam existieren können. Wie in unserer Geschichte liegt es auch heute in unserer Hand, uns bewusst zu machen, dass wir jegliche Formen von Kriegspolitik, Armut und Barbarei zurückdrängen können.
Newroz steht für ein kommunales Leben
Das Newroz des Jahres 2026 stellt eine Aktualisierung dieser Geschichte in ihrer ganzen historischen Größe und Bedeutung dar. Geschichte wird gegenwärtig, und auf der Grundlage einer authentischen kulturellen Vielfalt eröffnet sich eine große Möglichkeit, ein neues Bewusstsein zu entwickeln. Die Bedeutung und Kraft von Newroz treten als ein „Jetzt“ auf die Bühne der Geschichte. Darin liegt die historische Bedeutung der Newroz-Feste dieses Jahres wie auch der kommenden Jahre.
Das Newroz 2026 erfährt eine Wiederbelebung aus seinen eigenen Wurzeln heraus und wird im Zuge eines kraftvollen Vorstoßes in Richtung Demokratisierung und demokratischer Integration vergegenwärtigt – es wird selbst zu Newroz. Wie bereits in der Geschichte entfaltet Newroz erneut seine zentrale Bedeutung im Nahen Osten, tritt gewissermaßen in eine neue Phase der Wiederbelebung ein und übernimmt als Ausdruck demokratischer Integration erneut eine prägende Rolle in der gesamten Region. Eine derart umfassende Vergegenwärtigung findet statt und wird sich weiter fortsetzen.
Bislang wurde Newroz vor allem mit symbolischen Bedeutungen begangen. Heute jedoch steht Newroz nicht mehr für eine bloße Vorstellung oder Utopie, sondern für ein sich realisierendes und entwickelndes kommunales Leben. Newroz ist der Tag, an dem wir uns sowohl in sinnhafter als auch in materieller Hinsicht verwirklichen können.
Wenden wir uns einer neuen Ethik der Freiheit zu
Lasst uns anlässlich von Newroz jene unzureichenden Beziehungsweisen und Bedeutungsformen, die uns hartnäckig begleiten, hinter uns lassen und uns mit einer qualifizierten Form des Miteinanders sowie einer vertieften Sinnperspektive einer neuen Ethik der Freiheit und einem neuen ästhetischen Verständnis des Lebens zuwenden.
Verwirklichen wir die Philosophie von „Jin, Jiyan, Azadî“ – Frau, Leben, Freiheit – in all unseren Beziehungen und gelangen wir so zu einem freien Leben. Machen wir uns bewusst, dass Newroz nicht länger eine Hoffnung, ein Traum oder eine Theorie ist, sondern ein Moment der praktischen Verwirklichung. Begegnen wir diesem Moment mit einem reflektierten Bewusstsein und einer entsprechenden tiefen Sinnorientierung.
Es liegt in unserer Hand, dieses Jahr anlässlich von Newroz für alle Völker des Nahen Ostens zu einem wirklichen Jahr der Freiheit zu machen und die Tradition von Freundschaft und Solidarität zwischen den Völkern zur Geltung zu bringen. Dies kann erreicht werden, indem wir die ethnisch sowie religiös-konfessionell begründete Zersplitterung und den Bruderkrieg überwinden und die Einheit aller Kulturen sowie religiösen und konfessionellen Gemeinschaften auf der Grundlage von Freiheit und Geschwisterlichkeit verwirklichen.
Gegenüber dem von der kapitalistischen Moderne hervorgebrachten tiefgreifenden gesellschaftlichen und ökologischen Zusammenbruch haben wir im Einklang mit dem Freiheitsgeist von Newroz die demokratische Politik sowie eine ökologische und frauenbefreiende Lösungsperspektive der demokratischen Moderne entwickelt.
Geben wir hegemonialen Mächten keine Gelegenheit
Lassen wir nicht zu, dass der Nahostraum, eine Region, die Kulturen hervorgebracht hat, in den Händen hegemonialer Mächte zu einem Schauplatz von Kriegen gemacht wird. Wie in der Geschichte können wir auch heute die Hindernisse gemeinsam überwinden, die der freien Entfaltung und Vereinigung dieser großen Kultur auf der Grundlage ihrer tatsächlichen Identitäten im Wege stehen. Wenn wir den Nationalismus und den Konfessionalismus als gesellschaftliche Krankheit hinter uns lassen und uns auf die jahrtausendealte Kultur der Solidarität unserer Völker besinnen, gibt es kein Hindernis, das wir nicht überwinden könnten.
In einem solchen Geist der Gemeinsamkeit ist es auch möglich, eine demokratische Politik hervorzubringen. Wenn wir den jahrtausendelangen Kampf der Unterdrückten krönen wollen, so liegt dessen Ort weder im Osten noch im Westen innerhalb der kapitalistischen Kulturordnung, sondern im wirklichen Raum der Freiheit des Nahen Ostens. Indem wir die demokratische Integration auf diesen Grundlagen als eine tatsächliche Begegnung und im Sinne einer neuen Menschlichkeit, von Geschwisterlichkeit, Solidarität und Freundschaft verwirklichen, können wir sie weiterentwickeln und aktualisieren.
Ich gratuliere unseren Völkern zum Ramadanfest und wünsche, dass dieses Fest dem Frieden und der Geschwisterlichkeit dienlich sein möge.
Das Newroz 2026 wird erstmals im Geist einer sich verwirklichenden demokratischen Integration, des Friedens und der Geschwisterlichkeit unserer Völker begangen. Ich schließe mich diesem Geist und diesem Willen mit ganzer Kraft an und wünsche, dass Newroz, das in diesem Jahr im wahrsten Sinne des Wortes zu einem „Neuen Tag“ geworden ist, den Auftakt für einen glanzvollen Weg der kommenden Jahre bildet.
Ich grüße euch alle mit herzlicher Verbundenheit und wünsche all unseren Völkern Frieden.“
https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/ehmed-fortschritte-in-bakur-sichern-zukunft-aller-kurd-innen-50800 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/hunderttausende-feiern-in-amed-newroz-50799 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/amed-zehntausende-stromen-zur-zentralen-newroz-feier-50797
Ehmed: Fortschritte in Bakur sichern Zukunft aller Kurd:innen
Mit einer Videobotschaft an die Hunderttausenden Teilnehmenden der Newroz-Feierlichkeiten in Amed (tr. Diyarbakır) hat die Ko-Außenbeauftragte der nordostsyrischen Selbstverwaltung, Ilham Ehmed, die zentrale Bedeutung der politischen Entwicklungen in Nordkurdistan für die gesamte kurdische Bevölkerung hervorgehoben.
Ehmed erklärte, dass ein Fortschreiten des politischen Prozesses in der Türkei nicht nur die Rechte der Kurd:innen dort stärken könne, sondern zugleich die Zukunft in allen Teilen Kurdistans beeinflusse und absichere. „Je weiter sich der politische Prozess in Bakur entwickelt, desto mehr wird auch die Zukunft der Kurd:innen in den anderen Teilen Kurdistans garantiert“, so Ehmed.
Newroz als Symbol für einen neuen Abschnitt
In ihrer Botschaft verband Ehmed die diesjährigen Feierlichkeiten mit einer politischen Perspektive. Newroz habe historisch für Aufbruch und Befreiung gestanden – auch das Jahr 2026 könne zu einem Wendepunkt für die kurdische Bevölkerung werden. Mit Blick auf die Entwicklungen in der Türkei verwies sie auf den von Abdullah Öcalan initiierten Prozess für „Frieden und eine demokratische Gesellschaft“, der eine politische Lösung der kurdischen Frage ermöglichen könne. Gleichzeitig zeichnete sie ein Bild regionaler Umbrüche: Auch in Ostkurdistan (Rojhilat) stehe ein neuer Abschnitt bevor, während die Errungenschaften in Südkurdistan (Başûr) verteidigt werden müssten.
Einheit und Mobilisierung als zentrale Faktoren
Ehmed stellte die Bedeutung kurdischer Einheit und gegenseitiger Unterstützung heraus. Die kurdische Bevölkerung habe in schwierigen Phasen immer wieder gezeigt, dass sie trotz Repression, Entrechtung und politischer Ausgrenzung handlungsfähig bleibe. Diese kollektive Stärke müsse nun gezielt eingesetzt werden, um politische und gesellschaftliche Veränderungen voranzutreiben. „Nordkurdistan kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. Dort liegt das größte politische Potenzial. Wenn sich diese Kraft entfaltet, kann sie wie ein Strom in Bewegung geraten“, sagte Ehmed und rief zu umfassender Mobilisierung auf.
Aufbauphase und Rolle von Frauen und Jugend
Zugleich betonte Ehmed, dass sich viele Regionen Kurdistans in einer Phase des Wiederaufbaus befänden – insbesondere in Rojava. Diese Phase sei eine der schwierigsten innerhalb revolutionärer Prozesse. „Eine zentrale Rolle kommt dabei Frauen und Jugendlichen zu, die bereits jetzt maßgeblich Verantwortung übernehmen und den gesellschaftlichen Wandel tragen“, so die Politikerin.
Bezug auf Abdullah Öcalan und Forderungen
Ehmed würdigte zudem die Rolle von Abdullah Öcalan und dessen Einfluss auf den aktuellen Prozess. Sie forderte, alle verfügbaren Mittel einzusetzen, um eine politische Lösung zu erreichen und diese auch rechtlich abzusichern. Abschließend verlangte sie die Freilassung aller politischen Gefangenen und betonte die Hoffnung, dass die kommenden Jahre von der Anerkennung der kurdischen Existenz sowie der Sicherung grundlegender Rechte geprägt sein werden.
https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/hunderttausende-feiern-in-amed-newroz-50799 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/newroz-deklaration-in-amed-aufruf-zu-kurdischer-einheit-und-ausbau-des-kampfes-50633 https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/ilham-ehmed-begrusst-ruckkehr-erster-kurdischer-familien-nach-efrin-50647
Hunderttausende feiern in Amed Newroz
In der nordkurdischen Widerstandshochburg Amed (tr. Diyarbakır) haben die diesjährigen Newroz-Feierlichkeiten mit der Beteiligung hunderttausender Menschen begonnen. Seit den frühen Morgenstunden strömen Menschen in den Newroz-Park im Stadtteil Rezan (Bağlar). Trotz anhaltenden Regens reißt der Zustrom nicht ab.
Schon beim Einlass prägen Trommeln, Zurna und kurdische Lieder die Atmosphäre. Auf dem gesamten Gelände tanzen Gruppen Govend, während sich insbesondere viele junge Menschen und Frauen beteiligen. Immer wieder werden Fahnen von Abdullah Öcalan gehisst, begleitet von der Parole „Bijî Serok Apo“.
Gedenken an Salih Muslim und Kemal Kurkut
Die Feierlichkeiten begannen mit Begrüßungen in mehreren Sprachen. Anschließend gratulierte die versammelte Menge geschlossen Abdullah Öcalan zum Newroz-Fest. Im weiteren Verlauf wurde mit einer Schweigeminute an die Gefallenen der kurdischen Freiheitsbewegung erinnert, darunter auch an den kürzlich verstorbenen PYD-Politiker Salih Muslim sowie den Studenten Kemal Kurkut, der an Newroz 2017 von der Polizei in Amed erschossen wurde. Aus der Menge erklang der Ruf „Şehîd namirin“.
Politische Botschaften
Es folgte eine Botschaft politischer Gefangener, die im Namen von Deniz Kaya verlesen wurde. Dabei wurde an die Bedeutung von Newroz als Symbol des Widerstands erinnert – von der Legende des Schmied Kawa bis zum Widerstand von Mazlum Doğan im Gefängnis von Diyarbakır. In der Erklärung wurde hervorgehoben, dass der Widerstand in Kurdistan über Jahrzehnte hinweg von Gefallenen weitergetragen wurde – von Zekiye Alkan bis zu Rahşan Demirel. Newroz erscheine darin nicht nur als Fest, sondern als fortlaufender Ausdruck kollektiver Selbstbehauptung.
„Amed ist heute ganz Kurdistan“
Auf der Bühne richteten sich Persönlichkeiten aus der Politik und Zivilgesellschaft an die Menge. Der Ko-Bürgermeister Doğan Hatun (DEM) betonte die überregionale Bedeutung der Feier. „Ihr seid heute nicht nur Amed – ihr seid Silêmanî, Hewlêr, Efrîn und Mahabad“, erklärte er. „Von hier erhebt sich heute die Stimme der Freiheit.“ Die TJA-Aktivistin Ayla Akat Ata stellte die Verbindung zwischen den Kämpfen in Kurdistan und internationalen Frauenbewegungen her. Newroz sei nicht nur ein Fest, sondern ein Moment gemeinsamer politischer Verortung – von Kurdistan bis in andere Teile der Welt.
Die Forderung nach der Freiheit von Abdullah Öcalan zog sich dabei durch zahlreiche Beiträge. Seine Freiheit sei untrennbar mit der Freiheit der Kurd:innen sowie anderer Völker im Nahen Osten verbunden, wurde betont.
Trotz Regen setzen die Teilnehmenden die Feier unvermindert fort. Mit Regenschirmen und improvisiertem Schutz bleiben sie auf dem Gelände, tanzen weiter und verfolgen das Programm. Auf der Bühne sorgten die Künstler:innen Dilan und Erkan Top sowie eine Kemençe-Gruppe für die bisherige musikalische Begleitung, während sich die Menschen in großen Kreisen um die Newroz-Feuer versammeln. Immer wieder branden Parolen auf, die die kämpferische Dimension der Feier unterstreichen.
https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/amed-zehntausende-stromen-zur-zentralen-newroz-feier-50797
Der vergessene Konflikt: Wie internationale Medien über Rojava berichten
Die Idee zu diesem Artikel entstand während einer internationalen Zoomkonferenz zu den Angriffen auf Rojava. Teilnehmende aus verschiedenen Ländern waren sich in einem Punkt weitgehend einig: Eine breite, ausgewogene und kritische Berichterstattung über Angriffe auf die Region findet international kaum statt.
Das wirft eine naheliegende Frage auf: Warum ist das so?
Die vergleichsweise geringe mediale Aufmerksamkeit für die Angriffe auf ein politisches Projekt, das lange als mögliches Gegenmodell zu autoritären und patriarchalen Strukturen im Nahen Osten beschrieben wurde, wirkt auffällig. Für viele Beobachter:innen ist diese mediale Zurückhaltung schwer nachvollziehbar.
Sicherheitslage in Rojava behindert Berichterstattung
Schon vor den Angriffen auf Rojava im Januar 2026 durch das Regime in Damaskus hatte es das kurdisch geprägte Autonomieprojekt schwer, mit seiner Erzählung eines progressiven Gesellschaftsmodells international durchzudringen. Resonanz fand es vor allem in kleinen, eher akademisch geprägten Milieus in Europa – insbesondere bei Gruppen, die sich für feministische Politik interessierten.
Journalist:innen großer Agenturen reisten selten in die Region, und Politiker:innen nur jene, die dem Projekt ohnehin positiv gegenüberstanden.
Heidi Sequenz
Ein Grund dafür war die reale Sicherheitslage. Zwischen 2011 und 2017 herrschte in Syrien Krieg. Zwischen 2016 und 2024 führte die Türkei entweder Militäroperationen gegen Rojava durch, oder griff mit Drohnen regelmäßig zivile Infrastruktur an. Erst mit der Machtergreifung der HTS im Dezember 2024 stellte die Türkei ihre Angriffe ein. Ankara gilt als ein zentraler Unterstützer Jolanis. Seit Jahren war es wieder möglich, sicher nach Rojava zu reisen.
Nach den Angriffen des Regimes auf Rojava Mitte Januar 2026 wagten sich einige Journalist:innen in die Region. Das Regime in Damaskus reagierte prompt. Es warnte öffentlich, die Einreise über den syrisch-irakischen Grenzübergang bei Sêmalka wäre für alle Journalist:innen illegal. Unmissverständlich: potenzielle Besucher:innen sollten abgeschreckt werden.
Bemerkenswert ist der doppelte Standard: Als Jolani noch auf sein Mini-Kalifat in Idlib beschränkt war, wurden sehr wohl internationale Journalist:innen ohne Skrupel dorthin einladen, obwohl das Assad-Regime die Provinz Idlib zum Sperrgebiet erklärt hatte. Also reisten die Reporter über die Türkei ein – formal ebenfalls illegal. Die damaligen Machthaber in Idlib, störte das nicht – wollten sie doch ihre Version der Geschichte verbreiten.
Geopolitik, Narrative und Berichterstattung
Die Türkei ist ein enger Verbündeter des neuen syrischen Regimes. Ankara stellt Militärberater und unterstützt protürkische Milizen finanziell. Einige Mitglieder der neuen syrischen Regierung besitzen zudem die türkische Staatsbürgerschaft.
Die symbolische Nähe wurde bereits im Dezember 2024 sichtbar: Auf der Zitadelle von Aleppo wehte damals eine türkische Fahne, während auf den Uniformen jener Kämpfer, die das Assad-Regime in der Stadt verdrängten, türkische Abzeichen zu sehen waren.
Die Türkei ist zugleich NATO-Mitglied und ein zentraler geopolitischer Akteur der Region, damit haben türkische Perspektiven internationales Gewicht. In der türkischen politischen Rhetorik werden kurdische Akteure rasch mit Terrorismus in Verbindung gebracht. Hinzu kommt, dass viele internationale Korrespondent:innen aus Istanbul berichten – ein Umstand, der unweigerlich auch die Perspektiven prägt.
Auch Katar spielte und spielt eine wichtige Rolle. Während des syrischen Krieges unterstützte das Emirat islamistische Gruppen mit erheblichen finanziellen Mitteln. Bis heute investiert Katar gezielt in Medien und Öffentlichkeitsarbeit, um Einfluss auf die internationale Wahrnehmung der Region zu nehmen.
Viele Informationen, die in Europa verbreitet wurden, stammen aus der syrischen Diaspora. Zahlreiche Menschen hatten das Land aus unterschiedlichen Gründen verlassen – wegen politischer Repression, wegen des Krieges oder auch, um dem Wehrdienst zu entgehen. Ihre Perspektiven prägten die öffentliche Debatte.
Es setzen sich die Narrative durch, die institutionell und finanziell Unterstützung genießen. Ebenso prägt der sprachliche Zugang die Berichterstattung – etwa die Frage, welche arabischsprachigen Journalistinnen und Journalisten mit welchem politischen oder gesellschaftlichen Hintergrund über Regionen wie Rojava berichten.
Komplexität und Erschöpfung in der Krisenberichterstattung
Selbst eine politisch interessierte Öffentlichkeit in Europa ist mit der Komplexität vieler Konflikte überfordert. Rojava ist zudem aktuell nur eine von vielen Krisenregionen: Gaza, die Ukraine, Jemen oder der Sudan dominieren regelmäßig die Schlagzeilen. Syrien gilt längst als Dauerkrise – und verliert dadurch an Aufmerksamkeit, ist in den Redaktionen kein Topthema mehr.
Mit der Zeit setzt eine Art Erschöpfung ein, selbst bei jenen Medienkonsumenten, die internationale Politik aufmerksam verfolgen. Die Vielzahl an Akteuren, wechselnden Allianzen und schwer zugänglichen Begriffen macht es schwierig, den Überblick zu behalten.
Diese Erfahrung ist nicht ungewöhnlich. Als ich einmal versuchte, ein Buch über den Aufstieg der Taliban zu lesen, gab ich bald auf. Die ständig wechselnden Bündnisse und die Vielzahl von Namen und Begriffen in einer mir fremden Sprache machten es nahezu unmöglich, der Entwicklung zu folgen.
Ähnlich dürfte es vielen Menschen gehen, die sich mit Syrien beschäftigen. Abkürzungen und Gruppennamen prasseln auf die Leserinnen und Leser ein: SDF, SFA, ISIS, al-Nusra, al-Qaida, Freie Syrische Armee oder Hayat Tahrir al-Sham. Wer ist wer? Wer steht wofür?
Die Folge ist Verwirrung – und häufig auch Resignation. Beobachter:innen beginnen zu vergleichen: Ist der „Islamische Staat“ (IS) schlimmer als al-Nusra? Ist diese Gruppe radikaler als jene? Tatsächlich handelt es sich in vielen Fällen um islamistische Milizen, die Machtkämpfe untereinander austragen, während sich ihre Ideologien oft nur in Nuancen unterscheiden.
Welche Botschaft bei Medienkonsumenten ankommt entscheidet auch, welchen Ausdruck das jeweilige Medium wählt: Rebellen oder dschihadistische Milizen, islamistische Regime oder die neue syrische Regierung.
Die Kurd:innen – immer wieder allein
Die Schlagzeile wiederholt sich seit Jahrzehnten: Die Kurd:innen werden im Stich gelassen. Der Satz „Die USA haben die Kurden schon immer verraten“ gehört inzwischen fast zum festen Repertoire geopolitischer Kommentare.
Die Erinnerung reicht bis in die 1990er Jahre zurück, als Washington kurdische Gruppen ermutigte, gegen Saddam Hussein aufzustehen – und sie anschließend ihrem Schicksal überließ. Solche Erfahrungen haben sich tief in das politische Gedächtnis der Region eingebrannt.
Und doch stellt sich die Frage immer wieder neu: Warum setzen kurdische Akteure weiterhin auf westliche Unterstützung? Die Antwort ist oft schlicht. In bestimmten Situationen gibt es kaum Alternativen. Als der IS 2014 Kobane angriff, waren die USA die einzige Macht, die militärisch eingriff und den Vormarsch stoppte.
Mit jedem neuen Konflikt flammt die Debatte erneut auf. Auch im Zuge des völkerrechtswidrigen US-Angriffs auf den Iran kursieren wieder zahlreiche Spekulationen und Falschmeldungen – etwa die Behauptung, die iranischen Kurd:innen hätten eingewilligt, aufgerüstet durch die USA einen Aufstand gegen das Mullah-Regime zu entfachen.
Für viele kurdische Beobachter:innen wäre ein solches Szenario eine gefährliche Wiederholung der Geschichte. Die Sorge: erneut als geopolitisches Instrument benutzt zu werden.
Die Tragik liegt darin, dass internationale Politik selten dem Prinzip der Loyalität folgt. Sie orientiert sich an Interessen. Großmächte handeln nicht aus moralischer Verpflichtung, sondern aus strategischem Kalkül.
Das Weißwaschen von HTS und Jolani
Mit erstaunlicher Geschwindigkeit hat sich das öffentliche Bild von Abu Mohammad al-Jolani verändert. Noch vor wenigen Jahren galt er als gesuchter Dschihadist, auf den die USA ein Kopfgeld von zehn Millionen Dollar ausgesetzt hatten. Er saß im Irak in US-Gefängnissen, seine Organisation ging aus dem Umfeld von al-Qaida hervor. Heute tritt er im Anzug auf und wird auf internationaler Bühne als politischer Akteur empfangen.
Diese Wandlung wirkt weniger wie eine ideologische Kehrtwende als wie eine pragmatische Strategie um internationale Legitimität zu gewinnen. Westliche Spitzenpolitiker:innen tragen dazu bei: US-Präsident Donald Trump traf ihn persönlich, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron empfing ihn wie einen König. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen reiste mit einem 620-Millionen-Scheck an und grinste beim Zusammentreffen wie ein glücklicher Teenager.
Wenn politische Führungspersonen einen ehemaligen Dschihadisten diplomatisch aufwerten und Medien diesem politischen Kurswechsel folgen, ändert das die internationale Wahrnehmung, es entsteht schnell der Eindruck einer Normalisierung, eine symbolische Rehabilitierung.
Für viele Menschen in Europa stellt sich dann eine einfache Frage: Wenn Regierungschefs ihn empfangen und internationale Unterstützung in Aussicht stellen – wie problematisch kann er noch sein? Der frühere Dschihadist erscheint dort zunehmend als „pragmatische syrische Kraft“ oder möglicher Stabilitätsfaktor in einem zerrütteten Land.
Europäisches Interesse an einem „stabilen“ Syrien
Für viele europäische Regierungen steht im Umgang mit Syrien vor allem ein Ziel im Vordergrund: Migration begrenzen. Möglichst wenige Menschen sollen aus Syrien nach Europa fliehen und idealerweise sollen einige der hier lebenden Syrer:innen zurückkehren.
Die diplomatische Aufwertung von Jolani soll Syrien als sicher und stabil darstellen. Dabei ist eine kritische Berichterstattung hinderlich, wie der dschihadistische Background dieser Regierung. Auch die alltägliche Realität im Land findet in den internationalen Medien wenig Beachtung: In vielen Regionen steht Strom nur wenige Stunden am Tag zur Verfügung, die wirtschaftliche Lage ist für große Teile der Bevölkerung katastrophal.
Unter solchen Bedingungen ist kaum zu erwarten, dass größere Teile der syrischen Diaspora kurzfristig zurückkehren. Wenn überhaupt, reisen derzeit vor allem Menschen mit europäischem Pass vorübergehend ins Land – häufig, um Familie zu besuchen oder sich selbst ein Bild von der Lage zu machen.
Öffentlich verbreitete Kriegsverbrechen ohne Konsequenzen
Während meiner Reisen nach Syrien seit 2024 hörte ich immer wieder denselben Satz: „Ich habe Hunderte Videos auf meinem Handy, die systematische Kriegsverbrechen islamistischer Gruppen belegen – auch von HTS.“
Tatsächlich filmten sich viele dieser Gruppen – in einer Praxis, die an die Propagandastrategien des sogenannten IS erinnert – lange Zeit selbst beim Töten und Foltern. Die Aufnahmen wurden anschließend über Telegram-Kanäle, X oder TikTok verbreitet. Diese öffentliche Zurschaustellung von Gewalt gehört seit 2011 zur Kriegsstrategie verschiedener jihadistischer Akteure im syrischen Konflikt.
Auch mir wurde ein Video zugespielt, in dem zum Mord an Alawit:innen aufgerufen wird. Es stammt von Syrern in Europa, die zugleich dazu aufrufen, solche Taten künftig nicht mehr zu filmen. Erst im Zuge der Massaker an Alawit:innen wurde offenbar vielen dschihadistischen Gruppen bewusst, dass diese Bilder in Europa kaum Sympathien erzeugen.
Solche Videos tauchen in den etablierten Medien praktisch nie auf. Seriöse Redaktionen würden derart brutale Aufnahmen nicht veröffentlichen. Zudem besteht die Sorge, unbeabsichtigt Falschinformationen oder Propagandamaterial extremistischer Gruppen weiterzuverbreiten.
Die geringe internationale Berichterstattung über Rojava ist kein Zufall, sondern das Ergebnis mehrerer Faktoren. Sicherheitsrisiken erschweren journalistische Recherchen vor Ort, geopolitische Interessen beeinflussen politische Narrative, und redaktionelle Prioritäten verschieben den Fokus auf andere Krisen. Gleichzeitig führt die Komplexität des syrischen Konflikts dazu, dass selbst politisch interessierte Beobachter:innen schnell den Überblick verlieren.
Anmerkung: Heidi Sequenz ist Abgeordnete der Grünen im Wiener Landtag. Sie reiste nach April 2025 ein zweites Mal, vom 1. bis 3. Februar 2026, als Teil einer Delegation, der unter anderem Politiker:innen aus der Schweiz und Österreich angehörten, nach Rojava. Der Text erschien zuerst exklusiv bei der Tageszeitung Yeni Özgür Politika.
https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/von-wien-nach-rojava-50259
Amed: Zehntausende strömen zur zentralen Newroz-Feier
In Amed (tr. Diyarbakır) strömen seit den frühen Morgenstunden zehntausende Menschen zum Newroz-Park im Stadtteil Rezan (Bağlar), wo die diesjährige zentrale Feier unter dem Motto „Newroza Azadî û Yekîtiya Demokratîk“ (Newroz der Freiheit und demokratischen Einheit)“ stattfindet.
Bereits auf den Zufahrtswegen zum Gelände prägen Musik, Tänze und Govend-Gruppen das Bild. Viele Teilnehmende ziehen begleitet von Trommeln und Zurna-Instrumenten in Richtung Festplatz. Die Atmosphäre ist von großer Beteiligung und sichtbarer Mobilisierung geprägt.
Zu den Feierlichkeiten sind neben Teilnehmenden aus der Region auch zahlreiche politische Vertreter:innen sowie Delegationen aus Europa und dem Nahen Osten angereist. Auch internationale Gäste und Beobachter:innen sind vor Ort. Rund 400 Journalist:innen begleiten die Veranstaltung.
Im gesamten Gelände sind Banner und Fahnen mit kurdischen und türkischen Parolen zu sehen. Besonders präsent sind Losungen wie „Jin, Jiyan, Azadî“, die die Rolle von Frauen im Zentrum der kurdischen Bewegung hervorheben. Zudem werden Fahnen von Abdullah Öcalan getragen, begleitet von Rufen wie „Bijî Serok Apo“.
Im Rahmen der Feier wird an Persönlichkeiten der kurdischen Bewegung erinnert. Neben Salih Muslim werden auch die Newroz-Gefallenen gewürdigt. Besonders sichtbar ist das Gedenken an Kemal Kurkut, dessen Foto auf dem Gelände präsent ist.
Im weiteren Verlauf des Tages sind Redebeiträge sowie kulturelle Programmpunkte vorgesehen. Zu den angekündigten Redner:innen zählen unter anderem der DEM-Partei-Vorsitzende Tuncer Bakırhan, die TJA-Aktivistin Ayla Akat Ata sowie die Politikerin Leyla Zana. Auch Botschaften von Politikern aus Südkurdistan, darunter Nêçîrvan Barzanî und Bafel Talabanî, sollen verlesen werden.
Zudem wird eine Botschaft von Abdullah Öcalan erwartet. Für den verstorbenen Politiker Sırrı Süreyya Önder ist eine filmische Würdigung angekündigt.
https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/newroz-deklaration-in-amed-aufruf-zu-kurdischer-einheit-und-ausbau-des-kampfes-50633
Newroz-Feiern in verschiedenen Städten
In zahlreichen Städten Deutschlands haben zahlreiche Menschen am Freitag das Newroz-Fest mit Demonstrationen, Fackelzügen und kulturellen Veranstaltungen begangen. In Saarbrücken beteiligten sich mehr als tausend Menschen an einem Fackelzug, der vom Landwehrplatz bis in den Bürgerpark führte. Begleitet von Parolen wie „Bijî Newroz“, „Bijî berxwedana gelê Kurd“ und „Jin, Jiyan, Azadî“ zogen die Teilnehmenden durch die Stadt. Im Bürgerpark wurde das Newroz-Feuer entzündet, anschließend wurde mit Musik und Tänzen weitergefeiert.
Freiburg
In Freiburg im Breisgau versammelten sich zahlreiche Menschen zu einer Open-Air-Veranstaltung. Nach einer Schweigeminute wurde die historische Bedeutung von Newroz hervorgehoben. Redebeiträge betonten die Kontinuität des kurdischen Kampfes, während Musik und Govend-Tänze die Feier prägten.
Hamburg
In Hamburg fand ein Empfang in der Bürgerschaft statt. Neben Mitgliedern der kurdischen Community nahmen auch Menschen aus verschiedenen anderen Ländern des Nahen Ostens teil. In den Reden, die es unter anderem von den Hamburger Linke-Vorsitzenden Heike Sudmann und David Stoop gab, wurde Newroz als Symbol für den Übergang von Unterdrückung zu Freiheit beschrieben, zugleich wurde die Bedeutung des kurdischen Widerstands hervorgehoben.
In Duisburg, Mannheim sowie in Heilbronn und Aachen standen Kundgebungen und Fackelaktionen im Mittelpunkt.
Hunderte Teilnehmende versammelten sich auf zentralen Plätzen, entzündeten die Newroz-Feuer und brachten in Reden und Parolen ihre politischen Forderungen zum Ausdruck.
In Mannheim verband sich die Feier mit einer Demonstration durch die Innenstadt, während in Duisburg und Heilbronn insbesondere die Rolle von Newroz als Symbol für Widerstand, Demokratie und kollektive Erinnerung betont wurde.
In Aachen prägte ein Fackelzug das Bild der Feierlichkeiten.
Auch in Kiel wurde Newroz mit großer Beteiligung begangen. Neben Redebeiträgen, die die Bedeutung von Einheit und politischer Organisierung hervorhoben, standen gemeinsames Gedenken, Musik und Tanz im Mittelpunkt.
Fackelzug in Binarê Qendîl: Tausende stimmen sich auf Newroz ein
In der südkurdischen Berggemeinde Binarê Qendîl haben sich Tausende Menschen zu einem Fackelzug versammelt und damit den Auftakt der diesjährigen Newroz-Feierlichkeiten markiert. Teilnehmende aus allen vier Teilen Kurdistans kamen zusammen, um sich auf die zentralen Feiern am folgenden Tag einzustimmen.
Der nächtliche Zug führte durch die Umgebung des Dorfes Enzê und wurde insbesondere von Jugendlichen geprägt. Mit Fackeln formten sie eine Choreografie, die die Umrisse Kurdistans nachzeichnete.
Im Anschluss an den Fackelzug gingen die Feierlichkeiten in ein gemeinsames Beisammensein über. Rund um die entzündeten Newroz-Feuer wurde gesungen und Govend getanzt. Die Atmosphäre war von sichtbarer Begeisterung geprägt.
Die Veranstaltungen in Binarê Qendîl werden am Samstag mit einer zentralen Newroz-Feier fortgesetzt, zu der erneut eine breite Teilnahme erwartet wird.
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https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/newroz-feier-am-fusse-der-zagros-berge-50783 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/amed-bereitet-fur-newroz-botschaft-von-abdullah-Ocalan-erwartet-50785 https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/kon-med-ruft-zu-newroz-der-einheit-in-frankfurt-auf-50407
Weitere Newroz-Feier der kurdischen Guerilla
In den Bergen Kurdistans werden die Feierlichkeiten anlässlich des Newroz-Festes fortgesetzt. In einer Region in den Medya-Verteidigungsgebieten versammelten sich Kämpferinnen und Kämpfer der Verbände Freier Frauen (YJA Star) und der Volksverteidigungskräfte (HPG), um das Fest gemeinsam zu feiern.
Im Zentrum der Feierlichkeiten stand das Entzünden des Newroz-Feuers als Symbol für Widerstand, Erneuerung und den Anspruch auf ein freies Leben. Rund um die Flammen wurde getanzt, gesungen und gemeinsam Govend getanzt. Die Feier verband traditionelle Elemente mit aktuellen politischen Botschaften.
Die diesjährigen Newroz-Feiern bei der Guerilla stehen unter dem Motto „Freiheit und Würde“. Dabei wurde immer wieder besonders die Forderung nach der physischen Freiheit des kurdischen Repräsentanten Abdullah Öcalan hervorgehoben.
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An dem Fest beteiligt waren auch Kommandant:innen der YJA Star und HPG, darunter Bawer Dersim, Zozan Çewlîk, Gulistan Gulhat, Devrim Palo, Adar Dersim, Şafak Aryen, Cuma Bilikî, Zinar Korkmaz und Fırat Çelê. Insgesamt versammelten sich Hunderte Menschen, die ihre Botschaften und Emotionen in gemeinschaftlichen Tänzen und Parolen zum Ausdruck brachten.
https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/newroz-feier-am-fusse-der-zagros-berge-50783 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/erstes-newroz-feuer-in-qendil-entzundet-50774 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/guerilla-bereitet-sich-in-den-medya-verteidigungsgebieten-auf-newroz-vor-50762
Gedenken an Gefallene in Qendîl
Zum Newroz-Fest haben Menschen aus allen vier Teilen Kurdistans den Şehîd-Mehmet-Karasungur-Friedhof in Qendîl aufgesucht. Im Zentrum der Besuche stand das Gedenken an Gefallene der kurdischen Freiheitsbewegung.
Besucht wurden unter anderem die Gräber führender Persönlichkeiten der Bewegung wie Ali Haydar Kaytan, Rıza Altun und Kasım Engin sowie die Ruhestätten zahlreicher Gefallener aus unterschiedlichen Phasen des Kampfes.
Die Gedenkveranstaltung begann mit einer Schweigeminute. Anschließend wurden an den Gräbern Kerzen entzündet. Immer wieder ertönte der Ruf „Şehîd namirin“ („Die Gefallenen sind unsterblich“).
Eine Teilnehmerin aus dem Geflüchtetencamp Mexmûr, Emîne Ana, richtete sich mit einer Botschaft an die Anwesenden. Sie gratulierte zum Newroz- und zum Zuckerfest und widmete ihre Worte Abdullah Öcalan, den Gefallenen Kurdistans, den Guerillakräften sowie den Müttern der Gefallenen.
https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/pkk-exekutivkomitee-gedenkt-kasim-engin-32359 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/ein-unermudlicher-kampfer-fur-die-wahrheit-ali-haydar-kaytan-46253 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/die-berge-waren-sein-kompass-nachruf-auf-riza-altun-46254
Erstes Urteil in Frankreich zum Völkermord an Ezid:innen gefällt
Ein Gericht in Paris hat erstmals ein Urteil im Zusammenhang mit dem von der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) verübten Völkermord an der ezidischen Gemeinschaft in Şengal gefällt. Der französische Dschihadist Sabri Essid wurde in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Gericht sprach ihn des Völkermords, der Verbrechen gegen die Menschlichkeit sowie der Beteiligung an diesen Taten schuldig. Der Vorsitzende Richter Marc Sommerer erklärte, Essid habe sich aktiv am Völkermord beteiligt und sei Teil eines Systems gewesen, das ezidische Frauen und Kinder gezielt verschleppte, verkaufte und ausbeutete. Die Angriffe hätten sich ausdrücklich gegen die ezidische Gemeinschaft aufgrund ihres Glaubens gerichtet.
Überlebende schildert Martyrium
Zentrale Bedeutung in dem Prozess hatte die Aussage einer ezidischen Überlebenden, die vor Gericht die systematische Gewalt schilderte, der sie durch IS-Mitglieder ausgesetzt war. Die Frau berichtete, dass sie nach dem Überfall auf die Şengal-Region im August 2014 gemeinsam mit ihrem Ehemann und ihrer Tochter verschleppt wurde. Die Frau, die als Nebenklägerin auftrat, schilderte, wie sie in der Folge mehrfach weiterverkauft und über Jahre hinweg als Sklavin in Regionen wie Raqqa und Deir ez-Zor gehalten wurde. Auch Essid gehörte zu den Männern, die sie gefangen hielten. Während dieser Zeit sei sie wiederholt vergewaltigt worden. Insgesamt habe sie acht verschiedene „Besitzer“ gehabt. Der letzte Peiniger sei ein Saudi gewesen, der sein Auto und seine Waffe verkauft habe, um die Ezidin als Sklavin halten zu können.
Ehemann verschollen
Besonders eindrücklich beschrieb die Überlebende die öffentlichen „Verkäufe“ ezidischer Frauen: Sie seien gezwungen worden, sich zu schmücken und vor Männern aufzustellen, um als Sexsklavinnen verkauft zu werden. Auch ihre kleine Tochter sei Teil dieser Gefangenschaft gewesen. Versuche der Täter, sie von ihrem Kind zu trennen, habe sie mit Selbstverletzung verhindert. Erst nach Jahren gelang ihr gemeinsam mit einer anderen ezidischen Frau die Flucht in die Demokratische Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien (DAANES). Von dort aus konnte sie zurück in die Şengal-Region zu ihren Eltern zurückkehren. Ihren Ehemann hat sie seit der Verschleppung nach Syrien nicht wiedergesehen. Sie selbst lebt mit ihrer Tochter inzwischen außerhalb des Irak.
Richter zeigt sich erschüttert
Der Vorsitzende Richter Sommerer zeigte sich angesichts der Aussagen der ezidischen Frau tief erschüttert. Zwar habe er bereits mehrere Prozesse wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit geleitet, erklärte er. „Doch die geschilderten Taten übertreffen alles, was ich bislang gehört habe.“
Verurteilter Täter vermutlich tot
Der IS hatte 2014 große Teile Syriens und des Irak unter seine Kontrolle gebracht und in der Region ein Terrorregime errichtet. In Şengal wurden tausende ezidische Männer ermordet, während Frauen und Kinder systematisch verschleppt, versklavt und sexualisierter Gewalt ausgesetzt wurden. Internationale Organisationen, darunter die Vereinten Nationen, stufen diese Verbrechen als Völkermord ein. Der verurteilte Dschihadist Sabri Essid gilt seit 2018 als mutmaßlich tot, ein eindeutiger Nachweis liegt jedoch nicht vor. Das Urteil wurde daher in Abwesenheit gefällt.
https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/paris-erster-prozess-wegen-genozids-an-ezidischer-gemeinschaft-50733 https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/franzosin-kommt-wegen-Sengal-genozid-vor-sondergericht-47017 https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/zehn-jahre-haft-fur-niederlanderin-wegen-versklavung-von-ezidin-44619
Grabbesuche bei Gefallenen zum Zuckerfest
In Nordkurdistan sind viele Menschen nach dem Feiertagsgebet zum Abschluss des Fastenmonats Ramadan zu den vielen Friedhöfen aufgebrochen, um die Gräber ihrer im kurdischen Befreiungskampf gefallenen Angehörigen zu besuchen. An den Grabstätten wurden im Gedenken an die Toten Blumen niedergelegt und Kerzen angezündet.
Die kollektiven Grabbesuche wurden von der Hilfsorganisation MEBYA-DER organisiert, die Angehörige von Gefallenen und Kriegsopfern unterstützt, und fanden unter anderem in Agirî (tr. Ağrı), Amed (Diyarbakır), Şirnex (Şırnak) und Colemêrg (Hakkâri) statt. Unter den Teilnehmenden waren auch Mitglieder politischer Parteien und weiterer zivilgesellschaftlicher Organisationen. Auch in der westtürkischen Metropole Istanbul gab es Grabbesuche.
Die Besuche waren zugleich von politischen Botschaften geprägt. In Redebeiträgen wurde die Bedeutung der Gefallenen für den kurdischen Freiheitskampf hervorgehoben und ihre Rolle für die heutigen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen betont.
Agirî
Der DEM-Abgeordnete Vezir Parlak etwa verwies darauf, dass die Errungenschaften der Gegenwart auf dem Einsatz derjenigen beruhen, die ihr Leben im Kampf um Freiheit verloren haben. Er rief dazu auf, dieses Erbe zu bewahren und weiterzuführen. Zugleich nahm er Bezug auf den Aufruf von Abdullah Öcalan zu Frieden und einer demokratischen Gesellschaft.
Auch Parolen wie „Şehîd namirin“ („Die Gefallenen sind unsterblich“) und „Jin, Jiyan, Azadî“ („Frau, Leben, Freiheit“) wurden bei den Gedenkbesuchen gerufen und unterstrichen den Charakter der Zusammenkünfte. Die Teilnehmenden betonten ihre Verbundenheit mit den Gefallenen und bekräftigten, deren Kampf für Freiheit, Würde und Selbstbestimmung fortzuführen.
https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/grabstatten-kurdischer-gefallener-am-herekol-dem-erdboden-gleichgemacht-47831 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/grabbesuch-und-gefallenengedenken-in-amed-49419 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/grabbesuch-bei-vedat-aydin-die-tater-sind-bekannt-45764 https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/tausende-bei-beisetzung-von-ziyad-heleb-49687
Iranische Angriffe in Südkurdistan: Rojhilat-Parteien fordern internationales Eingreifen
Die Allianz der politischen Kräfte Ostkurdistans hat die anhaltenden Angriffe des iranischen Regimes auf kurdische Geflüchtete und politische Organisationen in Südkurdistan scharf verurteilt. In einer dringenden Erklärung, die an den Generalsekretär und den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, die Regierung der Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten, die irakische Zentralregierung sowie internationale Menschenrechtsorganisationen adressiert ist, erklärt die Koalition:
„In den vergangenen 21 Tagen hat die Islamische Republik Iran ihre systematischen Maßnahmen fortgesetzt, indem sie wiederholt die nationale Souveränität des Irak sowie internationales Recht verletzt hat. Das Regime hat zahlreiche Raketen- und Drohnenangriffe durchgeführt und dabei fortgesetzt Geflüchtetenlager sowie Einrichtungen kurdischer Parteien ins Visier genommen.
Diese organisierten Angriffe erfolgen, obwohl die kurdischen Parteien seit Jahren ihre Aktivitäten auf politische Arbeit beschränkt haben und keine militärische Bedrohung für die Region darstellen. Daher erscheinen diese Angriffe als Vorwand, um Gewalt, Repression und Einschüchterung fortzusetzen.
Diese aggressiven Handlungen haben das Leben von Hunderten Zivilist:innen, darunter viele Kinder, ernsthaft gefährdet und neue Vertreibungen schutzloser Familien unter äußerst schwierigen humanitären Bedingungen ausgelöst. Wir rufen die internationale Gemeinschaft, insbesondere die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten, auf:
Diplomatischer und politischer Druck: Nutzen Sie alle verfügbaren Mittel, um den Druck auf den Iran zu erhöhen, damit diese Angriffe unverzüglich beendet und die Sicherheit der Geflüchteten gewährleistet wird.
Schutzsysteme: Ergreifen Sie die notwendigen Maßnahmen, um die betroffenen Gebiete mit Luftabwehrsystemen auszustatten und Familien sowie Zivilist:innen vor Drohnenangriffen zu schützen.
Untersuchungskommission: Entsenden Sie ein unabhängiges Untersuchungsteam, um diese Vorfälle zu untersuchen und das Ausmaß der Schäden für die Geflüchteten festzustellen.
Wir rufen zudem die Regierung des Irak als Aufnahmeland auf: Gemäß internationalem Recht trägt der Irak die unmittelbare Verantwortung für den Schutz des Lebens von Geflüchteten und kurdischen politischen Aktivist:innen auf seinem Territorium. Die irakische Regierung muss über formale Erklärungen hinausgehen, ihre Sicherheit gewährleisten, entschieden gegen die Verletzungen ihrer Souveränität durch den Iran vorgehen und diese Frage auf höchster internationaler Ebene zur Sprache bringen.
Die Zeit zu handeln ist jetzt. Schweigen gegenüber diesen Handlungen wird lediglich die Fortsetzung staatlicher Gewalt begünstigen.“
https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/rojhilat-parteien-warnen-im-bundestag-vor-folgen-von-krieg-und-militarisierung-50769 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/rojhilat-bundnis-ruft-zu-gemeinsamer-demokratischer-bewegung-in-iran-auf-50714 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/drohnen-und-raketenangriffe-auf-gebiete-in-sudkurdistan-50786
Newroz-Feiern in Rojava nach Überschwemmungen verschoben
Heftige Regenfälle und daraus resultierende Überschwemmungen haben in mehreren Städten Nordostsyriens zur Verschiebung der Newroz-Feiern geführt. Das teilte das Vorbereitungskomitee für die Feierlichkeiten in der Region Cizîrê mit.
Betroffen sind die Städte Qamişlo, Hesekê, Dirbêsiyê und Tirbespiyê. Dort sollen die Feierlichkeiten nun am 24. März um 11.00 Uhr an zuvor festgelegten Orten stattfinden.
Die Entscheidung wurde im Rahmen einer öffentlichen Erklärung vor dem Mohammed-Şêxo-Kultur- und Kunstzentrum in Qamişlo bekanntgegeben. Eine Vertreterin des Organisationskomitees informierte über die Anpassungen im Ablauf.
In anderen Städten der Region sollen die Feierlichkeiten hingegen wie geplant stattfinden. Für den 21. März sind Veranstaltungen in Dêrik, Amûdê und Girgê Legê vorgesehen.
Die Überschwemmungen haben in Teilen der Region zuletzt zu erheblichen Beeinträchtigungen geführt und machten eine sichere Durchführung der Großveranstaltungen vorerst unmöglich.
https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/Uberschwemmungen-in-heseke-rund-200-hauser-beschadigt-50739 https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/zwei-kinder-sterben-bei-Uberschwemmungen-in-efrin-und-qamislo-50735
Israel greift syrische Regierungstruppen in Suweida an
Nach einer erneuten Eskalation der Gewalt in Südsyrien hat Israel in der Nacht auf Freitag Ziele der syrischen Übergangsregierung angegriffen. Nach Angaben der israelischen Armee richteten sich die Angriffe gegen militärische Infrastruktur in der Region Suweida. Israel begründete das Vorgehen mit dem Schutz der drusischen Bevölkerung.
Laut der in Großbritannien ansässigen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte sind in der Provinz erneut Kämpfe zwischen drusischen Gruppen und sunnitischen Stammesmilizen aufgeflammt, die von der syrischen Führung unterstützt werden. Die Zahl der Opfer ist bislang unklar. In der Stadt Suweida wurde zudem ein Wohnhaus getroffen, zwei Menschen wurden verletzt.
Bereits im Juli 2025 war es in der Region zu schweren Auseinandersetzungen gekommen. Damaskus entsandte damals seine Truppen und sprach von einer „Stabilisierung“ der Lage. Menschenrechtsorganisationen berichteten hingegen von brutalen Übergriffen auf die drusische Bevölkerung, darunter gezielte Tötungen durch Regierungstruppen und Stammesmilizen. Eine seither geltende Waffenruhe wurde wiederholt verletzt. Die Angriffe richten sich gegen die Zivilbevölkerung sowie den Militärrat von Suweida, der für die Autonomie der Drus:innen eintritt.
Der israelische Verteidigungsminister Israel Katz bezeichnete die Angriffe als Warnung an die syrische Führung. Israel werde nicht zulassen, dass die Drus:innen im Windschatten des Iran-Krieges weiter angegriffen würden, und drohte mit einer Verschärfung der militärischen Reaktion. Die Armee erklärte, ein Kommandozentrum sowie Waffenlager der syrischen Truppen ins Visier genommen zu haben. Man werde weiterhin eingreifen, um die drusische Bevölkerung zu schützen. Israel inszeniert sich als Schutzmacht der Drus:innen in Syrien.
https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/un-untersuchungsmechanismus-zu-syrien-soll-verlangert-werden-50768 https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/drei-verletzte-bei-beschuss-von-suweida-49524 https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/drei-massengraber-in-suweida-gefunden-49198 https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/eu-internationaler-schutz-fur-syrer-innen-bleibt-notwendig-49105
Traditioneller Newroz-Empfang in Wien
In Wien hat im Rathaus ein breit besuchter Newroz-Empfang stattgefunden, organisiert vom kurdischen Dachverband Feykom gemeinsam mit der Stadt Wien. Die Veranstaltung vereinte Menschen aus Politik, Diplomatie und Zivilgesellschaft sowie zahlreiche Gäste aus der kurdischen Community. Zu den Teilnehmenden gehörten unter anderem Österreichs Vizekanzler Andreas Babler, der ehemalige Bundespräsident Heinz Fischer, der australische Botschafter Ian Biggs sowie Vertreter:innen des Innenministeriums und mehrerer europäischer Vertretungen.
Auch Nationalratsabgeordnete wie Pia Maria Wieninger, Olga Voglauer, Alma Zadić, Kai Jan Krainer und Paul Stich, die Direktorin der Arbeiterkammer Wien, Silvia Hruska-Frank, der Generalsekretär der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Raimund Fastenbauer sowie Razmik Beransch Hartunian von der österreichisch-armenischen Kulturgesellschaft und Ralph Schallmeier Günel aus der syrisch-orthodoxen Gemeinde von Antakya nahmen teil, ebenso politische Kräfte aus allen vier Teilen Kurdistans.
Newroz als Symbol von Widerstand und historischer Kontinuität
Die Eröffnungsrede hielt die Feykom-Vertreterin Zilan E., die die historische und symbolische Bedeutung von Newroz hervorhob. Mit Bezug auf die Legende des Schmieds Kawa wurde Newroz als Ausdruck des Widerstands gegen Unterdrückung und als Hoffnung auf eine gerechtere Zukunft beschrieben. Gleichzeitig wurde betont, dass Newroz für die kurdische Bevölkerung weit über ein kulturelles Fest hinausgeht. Es sei eng mit dem politischen Kampf um Anerkennung, Freiheit und Selbstbestimmung verbunden. Es folgten Dankesworte an die zahlreichen diplomatischen Vertreter:innen unter den Gästen, darunter Repräsentant:innen aus Estland, Finnland, Andorra und Katalonien.
Repression, Krieg und politische Gefangene im Fokus
In den anschließenden Redebeiträgen wurden die politischen Realitäten in Kurdistan und im Nahen Osten deutlich benannt. Mehrere Sprecher:innen verwiesen auf anhaltende Repressionen, autoritäre Strukturen und militärische Konflikte in der Region. Die Wiener Landtagsabgeordnete Marina Hanke betonte, dass Newroz ein Symbol für Freiheit und Widerstand sei. Sie verwies auf die jahrzehntelange Unterdrückung der kurdischen Bevölkerung und hob die Rolle kurdischer Kräfte im Kampf gegen den sogenannten „Islamischen Staat“ hervor. Die Losung „Jin, Jiyan, Azadî“ (Frau, Leben, Freiheit) habe sich zu einem internationalen Symbol des Widerstands entwickelt.
Auch Pia Maria Wieninger unterstrich die politische Dimension des Festes. Newroz stehe für den Gegensatz von Unterdrückung und Freiheit sowie für die Hoffnung auf eine gerechtere Zukunft. Die Wiener Grünen-Vorsitzende Judith Pühringer bezeichnete Newroz als Fest der gesellschaftlichen Erneuerung und Solidarität. Angesichts von Krieg und Unterdrückung sei es besonders wichtig, die Kämpfe von Frauen für ihre Rechte konsequent zu unterstützen.
Der kurdische Politiker und Akademiker Hişyar Özsoy verwies auf die anhaltenden Krisen im Nahen Osten und die Situation der Kurd:innen in allen vier Teilen Kurdistans. Er erinnerte an inhaftierte politische Persönlichkeiten wie Abdullah Öcalan, Selahattin Demirtaş und Figen Yüksekdağ und rief zu internationaler Solidarität auf. Zugleich hob Özsoy die zentrale Rolle kurdischer Frauen hervor. Diese würden nicht nur Widerstand leisten, sondern aktiv an neuen gesellschaftlichen und politischen Modellen arbeiten, die auf Gleichheit, Würde und Freiheit basieren.
Andres Babler
Erinnerung, Solidarität und politische Perspektiven
Ein weiterer Feykom-Vertreter erinnerte in seiner Rede an verstorbene Persönlichkeiten der kurdischen Bewegung, darunter den Feykom-Mitbegründer Hüseyin Akmaz sowie den kurdischen Politiker Salih Muslim. Beide hätten ihr Leben dem Einsatz für Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit gewidmet. Zugleich wurde auf die Situation in verschiedenen Teilen Kurdistans eingegangen.
Während in Rojava trotz schwieriger Bedingungen weiterhin Versuche eines demokratischen Zusammenlebens unternommen würden, seien insbesondere in Iran und Rojhilat grundlegende Rechte weiterhin massiv eingeschränkt. Für die Türkei wurde betont, dass ein nachhaltiger Frieden nur durch politischen Dialog, gegenseitigen Respekt und demokratische Lösungen erreicht werden könne.
Auch humanitäre Aspekte wurden thematisiert. Die Expertin Alicia Allgäuer von der Volkshilfe Österreich schilderte die schwierige Lage in Syrien und Rojava, wo Krieg und Zerstörung die Lebensbedingungen massiv beeinträchtigen. Trotz Angriffen auf Infrastruktur und Hilfsprojekte solle die Unterstützung fortgesetzt werden.
Wien als Ort der Vielfalt und kurdischer Präsenz
Heinz Fischer hob in seiner Rede die Rolle der kurdischen Community für das gesellschaftliche Leben in Wien hervor. Seit Jahrzehnten sei diese ein fester Bestandteil der Stadt und trage in unterschiedlichen Bereichen aktiv zum Gemeinwesen bei. Fischer verwies zugleich auf die historische Erfahrung Österreichs als Vielvölkerstaat und betonte, dass gesellschaftliche Vielfalt eine Stärke darstelle. Unterschiede sollten verbinden und nicht trennen.
Heinz Fischer
Mit Blick auf die politische Lage ging Fischer auch auf die zentrale Bedeutung von Frieden ein. Dabei erinnerte er an ein bekanntes Zitat von Willy Brandt: „Frieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts.“ Vor diesem Hintergrund betonte er die Notwendigkeit, sich mit dem Streben der Kurdinnen und Kurden nach einem würdevollen, sicheren und friedlichen Leben solidarisch zu zeigen. Abschließend übermittelte Fischer den Anwesenden anlässlich von Newroz seine Wünsche für Frieden, Gesundheit und ein gutes Zusammenleben. Zugleich unterstrich er, dass die Veranstaltung die Bedeutung von kultureller Vielfalt und solidarischem Miteinander in Wien erneut sichtbar gemacht habe.
Begleitend wurde die Ausstellung „Sınırın Ötesinden“ („Von jenseits der Grenze“) des Künstlers Sinan Hezer gezeigt, die sich mit Migration, Freiheit und Widerstand auseinandersetzt.
Weitere Newroz-Veranstaltungen in Wien
Die Veranstaltung endete mit einem musikalischen Beitrag des Künstlers Rızgar Akan sowie einem gemeinsamen Austausch der Teilnehmenden. Zudem wurden weitere Newroz-Veranstaltungen in Wien angekündigt. Am heutigen Freitag organisieren kurdische Jugendliche und Studierende eine öffentliche Feier auf dem Heldenplatz. Ein Fackelzug startet um 17.00 Uhr am Karlsplatz und führt zu einem zentralen Programm. Am Sonntag (22. März) findet im Gasometer eine Großveranstaltung mit zahlreichen Künstlerinnen und Künstlern statt, darunter Erol Berxwedan, Gönül Dilan, Hasan Ali, Hamit Urmiye sowie die Gruppen Koma Bezar, Koma Dem und Hozan Arian. Als Redner wird auch der DEM-Abgeordnete Ömer Öcalan erwartet.
https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/kon-med-ruft-zu-newroz-der-einheit-in-frankfurt-auf-50407 https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/tausende-demonstrieren-in-wien-fur-rojava-und-die-frauenrevolution-50103 https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/von-wien-nach-rojava-50259
Drohnen- und Raketenangriffe auf Gebiete in Südkurdistan
Mit Drohnen und Raketen haben mit dem iranischen Regime verbundene Gruppen in der Nacht auf Freitag mehrere Ziele in Südkurdistan angegriffen, darunter ein Camp nahe Silêmanî und Bergregionen bei Hewlêr.
Nach vorliegenden Informationen griffen pro-iranische Milizen ein Lager der Komala-Partei des iranischen Kurdistan im Grenzdorf Zirguêz südöstlich von Silêmanî mit vier Drohnen an. Personen kamen dabei nicht zu Schaden, es entstand jedoch Sachschaden.
Zirguêz
Zeitgleich wurden auch die Bergregionen Korek und Benî Herîr in der Region Soran mit Raketen beschossen. Aus dem Gebiet Benî Herîr wurden Brände gemeldet, die infolge der Angriffe ausgebrochen sind.
Benî Herîr
Weitere Angaben zum Ausmaß der Schäden liegen bislang nicht vor. Offizielle Stellen der Kurdistan-Region des Irak haben sich zu den Angriffen bisher nicht geäußert.
https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/iran-setzt-angriffe-auf-lager-ostkurdischer-parteien-fort-50778 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/mehrere-explosionen-in-hewler-50757 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/cpt-Uber-300-iranische-angriffe-seit-kriegsbeginn-auf-sudkurdistan-50737