«Und während Sie über Ungarn mal dies hören und mal das, sollten Sie besser schleunigst nach Brüssel sehen, wo von der Leyen das Projekt der Zweckentfremdung der EU, der Vergewaltigung der europäischen Verträge und der finalen Entmachtung der Nationalstaaten vorantreibt, als gäb’s kein Morgen. Ein Projekt, das nie etwas anderes als Ihre eigene Entmachtung, werter Bürger, war, die unter dieser Kommissionspräsidentin natürlich verlässlich aufs Hässlichste verschleiert ist.» (– Martin Sonneborn)
ANF NEWS (Firatnews Agency) - kurdische Nachrichtenagentur
Französischer Soldat bei Angriff in Hewlêr getötet
Bei einem Angriff in der Kurdistan-Region des Irak (KRI) ist ein französischer Soldat getötet worden. Weitere Armeeangehörige wurden bei der Attacke in Hewlêr (Erbil) verletzt, teilte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron am Freitag mit. Der Soldat „starb für Frankreich bei einem Angriff in der Region Erbil im Irak“, schrieb Macron auf X. Er machte keine Angaben dazu, wer hinter dem Angriff stecke.
Das französische Militär teilte zuvor mit, dass Drohnen eine Basis getroffen hätten, in der Truppen gemeinsam mit lokalen Kräften an einer Anti-Terror-Übung teilnahmen. Der Gouverneur von Hewlêr sagte, dass zwei Drohnen an dem Angriff beteiligt waren und die Basis in Mala Qara, etwa 40 Kilometer südwestlich von Hewlêr entfernt, getroffen wurde.
Zuvor hatte eine pro-iranische Gruppe gewarnt, dass französische Interessen in der Region nun Ziele seien, nachdem ein französischer Flugzeugträger in „dem Einsatzgebiet des amerikanischen Zentralkommandos“ eingetroffen sei. In der Erklärung auf dem Telegram-Kanal der schiitischen Miliz Ashab Al-Kahf wurden auch „unsere Brüder in den Sicherheitskräften“ gewarnt, sich von einer Basis fernzuhalten, in der sich angeblich französische Truppen befänden. Die Gruppe übernahm keine direkte Verantwortung für den Angriff.
Der Tod des französischen Soldaten folgt auf einen separaten Drohnenangriff auf eine italienische Basis in Hewlêr, die sich in einem Militärgelände befand, in dem auch andere ausländische Truppen stationiert sind. Bei diesem Angriff wurden keine Verletzten gemeldet, aber Italien erklärte, es werde sein Militärpersonal vorübergehend aus der Basis abziehen.
Seit die US-israelischen Angriffe auf Iran Ende Februar den Nahen Osten in einen Krieg gestürzt haben, gab es zahlreiche Drohnen- und Raketenangriffe, die Iran-treuen Gruppierungen im Irak und in Südkurdistan zugeschrieben werden und sich gegen die Region richteten, in der ausländische Truppen als Teil der internationalen Anti-IS-Koalition stationiert sind.
https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/italienische-militarbasis-in-hewler-von-rakete-getroffen-50683 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/drohnenangriff-auf-irakische-basis-in-mexmur-50687 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/drohne-geht-in-wohngebiet-von-silemani-nieder-kind-verletzt-50680
Çira Report: Sendung zur aktuellen Lage in Rojava
Die Lage in Rojava bleibt angespannt. Nach militärischen Angriffen und der Belagerung von Städten wie Kobanê durch die syrische Übergangsregierung sowie Berichten über zahlreiche zivile Opfer wurde zuletzt ein Waffenstillstand zwischen den Demokratischen Kräften Syriens (QSD) und Damaskus vereinbart. Wie stabil diese Vereinbarung ist und welche Folgen sie für die Bevölkerung hat, steht im Mittelpunkt einer neuen Ausgabe der Online-Sendung „Çira Report“.
In der Sendung soll die aktuelle Situation in Rojava ebenso thematisiert werden wie die humanitären Folgen der Angriffe und die politischen Entwicklungen in der Region. Diskutiert wird unter anderem, wie sich die Lebensbedingungen der Menschen vor Ort entwickelt haben und welche Perspektiven es für Rückkehrer:innen gibt, die nach Jahren der Vertreibung in ihre Heimatorte zurückkehren wollen – etwa in die Region Efrîn (Afrin).
Zu Gast sind der Aktivist Raman Bilal sowie Faruk Akalan, Projektleiter beim Kurdischen Roten Halbmond (Heyva Sor a Kurdistanê e.V.). Gemeinsam wollen sie die jüngsten Ereignisse einordnen und über politische sowie humanitäre Herausforderungen sprechen, die sich für die Region ergeben. Dabei wird auch die Rolle regionaler Akteure wie der Türkei sowie die Entwicklung in anderen Teilen Kurdistans in den Blick genommen.
Live-Sendung um 20 Uhr
Die Sendung „Çira Report“ beginnt am Freitagabend (13. März) um 20 Uhr und kann live über die Plattformen von Çira TV verfolgt werden. Nach der Ausstrahlung wird die Sendung auch auf dem YouTube-Kanal von Çira TV verfügbar sein. Darüber hinaus ist das Format als Podcast auf verschiedenen Plattformen abrufbar. Interessierte, die selbst Projekte vorstellen oder an der Sendung teilnehmen möchten, können über die Redaktion Kontakt aufnehmen.
https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/raman-bilal-die-revolution-von-rojava-ist-gelebte-hoffnung-50131
Öcalan würdigt Salih Muslim: „Er ist nun unsterblich“
Der kurdische Repräsentant Abdullah Öcalan hat zum Tod des kurdischen Politikers Salih Muslim eine Kondolenzbotschaft veröffentlicht. Muslim, Mitglied des Präsidialrates der Partei der Demokratischen Einheit (PYD), war am Mittwoch im Alter von 75 Jahren an Nierenversagen gestorben.
In seiner auf der Gefängnisinsel Imrali verfassten Botschaft erklärte Öcalan, er habe die Nachricht vom Tod seines langjährigen Weggefährten am Abend erhalten und die Nacht damit verbracht, an ihn und seinen politischen Kampf zu denken. Für seine Familie, seine Angehörigen und seine politischen Weggefährt:innen sei Muslim nun „unsterblich“, schrieb Öcalan.
„Er hat für sein Volk und sein Land so gelebt, wie es notwendig war, und ist dadurch unsterblich geworden“, heißt es in der Erklärung.
Öcalan bezeichnete Muslim als überzeugten Patrioten Syriens, der Brücken zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen schlagen konnte. Er habe es verstanden, sowohl mit Kurd:innen als auch mit Araber:innen, Türk:innen sowie mit Angehörigen anderer ethnischer und religiöser Gemeinschaften wie Assyrer:innen, Armenier:innen oder Tscherkess:innen solidarische Beziehungen aufzubauen.
„Ein Grundpfeiler Rojavas“
Öcalan würdigte Muslim zudem als eine zentrale Persönlichkeit der politischen Entwicklungen in Rojava. „Er war ein Eckpfeiler der Region und wird dies auch künftig bleiben.“ In diesem Zusammenhang zog Öcalan einen Vergleich zum 2025 verstorbenen Politiker Sırrı Süreyya Önder, den er als eine wichtige Figur im Prozess für Frieden und eine demokratische Gesellschaft bezeichnete. Salih Muslim sehe er als dessen „Zwillingsbruder“ im politischen Kampf.
Abschließend erklärte Öcalan, der Tod von Salih Muslim sei kein Verlust im eigentlichen Sinne. Vielmehr werde sein Vermächtnis als Kraft weiterwirken. „Der Tod von Salih Muslim ist kein Verlust. Im Gegenteil – als eine reale Kraft wird sie unser Volk, die Völker, seine Freund:innen sowie seine Weggefährt:innen weiterhin stärken“, schrieb Öcalan.
https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/pyd-politiker-salih-muslim-im-alter-von-75-jahren-gestorben-50673 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/kck-zum-tod-von-salih-muslim-sein-kampf-wird-weitergefuhrt-50681 https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/pyd-wurdigt-salih-muslim-wir-werden-seinen-weg-fortsetzen-50675
Familie von verschlepptem Jugendlichen fordert Freilassung der Geiseln
Die Familie des Kurden Hozan Ebdullah hat die Freilassung von Gefangenen aus Rojava gefordert. Der Jugendaktivist war nach Angaben seiner Angehörigen während der Kämpfe bei Dair Hafir von bewaffneten Gruppen der syrischen Übergangsregierung verschleppt worden.
Die Gefangennahme steht im Zusammenhang mit der Offensive der syrischen Übergangsregierung, die am 6. Januar mit Angriffen auf die kurdischen Stadtteile Şêxmeqsûd und Eşrefiyê in Aleppo begann. Das kriegerische Vorgehen der Führung in Damaskus weitete sich später auf weitere Gebiete in Nordostsyrien aus. Als Reaktion darauf rief die Selbstverwaltung eine Mobilisierung zur Verteidigung der Region aus.
In Dair Hafir gefangen genommen und verschleppt
Im Zuge dieser Mobilmachung beteiligten sich zahlreiche Menschen aus Rojava, darunter Jugendliche, Frauen und ältere Menschen, an der Unterstützung der Verteidigungskräfte. Auch Hozan Ebdullah folgte dem Aufruf zur Mobilisierung. Er schloss sich denjenigen an, die zur Verteidigung der Region aufbrachen. Nach Angaben seiner Familie wurde er jedoch in der Kleinstadt Dair Hafir von Truppen der Übergangsregierung gefangen genommen.
Bei der Offensive gegen die Selbstverwaltung waren nach Angaben des Zentrums für strategische Studien Rojava (NRLS) mindestens 1.200 Zivilist:innen getötet worden. Die meisten Opfer waren Frauen und Kinder. Zusätzlich zu den Todesopfern wurden mehr als 2.000 Zivilist:innen als Geiseln entführt. Rund die Hälfte von ihnen befindet sich in syrischen Haftanstalten in Aleppo, etwa 150 kamen bisher frei. In über 500 weiteren Fällen ist der Verbleib der Verschleppten bis heute unbekannt. Unter den Vermissten befinden sich auch die Kölner Journalistin Eva Maria Michelmann und ihr kurdischer Kollege Ahmed Polad.
Seine Mutter Selîme Mihemed berichtete im Gespräch mit ANF, ihr Sohn habe sich unmittelbar nach der Mobilisierung zur Teilnahme entschieden. „Als die Angriffe auf Rojava zunahmen und die Mbilmachung ausgerufen wurde, sagte Hozan zu mir: ‚Bereitet meine Tasche vor, ich werde mich ebenfalls beteiligen‘“, erzählte sie. Am Donnerstag habe er das Haus verlassen, um nach Dair Hafir zu gehen. Einen Tag später habe er noch mit der Familie gesprochen.
Hoffnung auf Rückkehr
„Am Samstag konnten wir ihn nicht mehr erreichen. Später erfuhren wir, dass Hozan am 17. Januar gefangen genommen wurde“, sagte sie. Die Mutter forderte die Freilassung ihres Sohnes und der anderen Gefangenen. Besonders mit Blick auf das bevorstehende Zuckerfest äußerte sie die Hoffnung, ihren Sohn bald wiederzusehen. „Ich wünsche mir, dass Hozan und alle seine Freunde nach Hause zurückkehren. Wir befinden uns im Fastenmonat. Mein Wunsch ist, dass mein Sohn noch vor dem Fest zurückkommt. Dann hätten wir zwei Feste zugleich“, sagte sie.
„Unser einziger Wunsch ist ihre Rückkehr“
Auch Hozans Vater Feysel Tewfiq Ebdullah berichtete, dass sein Sohn nach Beginn der Mobilisierung nach Dair Hafir gegangen sei. Bei seinem ersten Einsatz habe er Verletzte aus den Kämpfen in Şêxmeqsûd transportiert. Als er ein zweites Mal in die Region ging, habe er noch zwei Tage lang Kontakt zur Familie gehabt. Danach sei die Verbindung abgebrochen. „Am dritten Tag hörten wir nichts mehr von ihm und konnten ihn nicht erreichen“, sagte der Vater. „Unser einziger Wunsch ist, dass diese Gefangenen zu ihren Familien zurückkehren.“
Zum Abschluss betonte er die Bedeutung der jungen Generation für die Zukunft der Region. „Ein Land kann ohne seine Jugend nicht existieren. Rojava ist unser aller Heimat, und wir würden alles für sie tun. Hozan verließ das Haus voller Freude. Wenn er gefallen ist, dann sei er tausendfach gesegnet. Aber wenn er gefangen ist, dann soll er freigelassen werden und zu seiner Familie zurückkehren.“
https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/familie-fordert-aufklarung-uber-verschwinden-der-journalistin-eva-maria-michelmann-50658 https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/kobane-familien-fordern-freilassung-von-gefangenen-50668 https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/100-verschleppte-aus-syrischer-haft-freigelassen-50659
Frauenorganisationen ziehen Bericht zum Tod von Dilan Karaman zurück
Fünf Frauenorganisationen aus Amed (tr. Diyarbakır) haben ihren Bericht zum Tod der Journalistin Dilan Karaman zurückgezogen. In einer gemeinsamen Erklärung teilten die Organisationen mit, sie hätten beschlossen, das Dokument nicht weiter öffentlich zu verbreiten. An der Erstellung des Berichts beteiligt waren die Bewegung TJA, das Frauenrechtszentrum der Anwaltskammer Amed, der Verein DAKAH-DER, die Frauenkommission des Juristenverbands ÖHD sowie der Verein Rosa. Die Organisationen hatten den Bericht nach dem Tod von Dilan Karaman erstellt. Die Journalistin und Mitarbeiterin der DEM-Abgeordneten Saliha Aydeniz war am 27. November nach einem Suizidversuch gestorben.
Ziel des Berichts
In der gemeinsamen Erklärung erklärten die Initiativen, ihr Ziel sei es gewesen, den Weg zu Karamans Tod aus der Perspektive der Frauenbewegung zu untersuchen und gesellschaftlich zu diskutieren. Dabei habe man den Fall nicht nur als individuelles Ereignis, sondern als Teil eines größeren sozialen und institutionellen Zusammenhangs betrachten wollen.
Der Bericht habe dazu beitragen sollen, die Mechanismen zu analysieren, die zum Suizid einer Frau führen können, und damit eine Grundlage für gesellschaftliche und institutionelle Veränderungen zu schaffen. Fälle, in denen der Tod von Frauen als Selbstmord registriert werde, könnten selten auf eine einzelne Ursache oder eine einzelne verantwortliche Person reduziert werden, erklärten die Organisationen. Oft seien solche Fälle das Ergebnis komplexer Prozesse, in denen geschlechtsspezifische Gewalt, gesellschaftlicher Druck und institutionelle Versäumnisse zusammenwirkten.
Rückzug nach Kritik
Nach Veröffentlichung des Berichts war in sozialen Netzwerken eine breite Debatte entstanden. „Ein Teil der Kritik hat wichtige Fragen zur Methode und zum Inhalt des Berichts aufgeworfen“, erklärten die Organisationen. „Gleichzeitig hat sich ein Teil der Diskussion von sachlicher Kritik entfernt und ist in persönliche Angriffe gegen die beteiligten Frauenorganisationen und ihre Mitarbeiterinnen übergegangen.“ Solche Angriffe schadeten der Frauenbewegung, betonten die Initiativen.
Vor diesem Hintergrund und aus Respekt vor der Trauer der Familie hätten die beteiligten Organisationen beschlossen, den Bericht aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. In ihrer Erklärung betonten die Gruppen, dass sie weiterhin Verantwortung für die Aufarbeitung des Falls sehen.
„Wir werden den Fall weiter verfolgen“
Der Rückzug des Berichts bedeute nicht, dass die Diskussion über Gewalt gegen Frauen beendet sei. Vielmehr werde man den Fall weiterhin verfolgen und sich weiterhin für den Schutz des Lebens von Frauen einsetzen. Zugleich erklärten die Initiativen, sie würden weiterhin gegen Angriffe auf Frauenorganisationen und die Frauenbewegung Stellung beziehen. Abschließend erklärten die Organisationen, sie wollten im Sinne des Andenkens an Dilan Karaman weiterhin dazu beitragen, Gewalt gegen Frauen sichtbar zu machen und Wege zu ihrer Überwindung zu entwickeln.
https://deutsch.anf-news.com/frauen/dem-frauenrat-fordert-rucknahme-des-berichts-zum-tod-von-dilan-karaman-50676 https://deutsch.anf-news.com/frauen/freund-innen-kritisieren-kommissionsbericht-zu-tod-von-dilan-karaman-50662 https://deutsch.anf-news.com/frauen/tod-von-dilan-karaman-hinweise-auf-gewalt-mobbing-und-strukturelles-versagen-50638
Gedenken an die Toten des Serhildan von Qamişlo
Anlässlich des 22. Jahrestages des Aufstands von Qamişlo fanden in mehreren Städten der Cizîrê-Region Gedenkveranstaltungen statt. Die zentrale Veranstaltung in Qamişlo organisierte der Stadtrat im „Stadion der Gefallenen des 12. März“. Hunderte Menschen nahmen an der Gedenkfeier teil, darunter Vertreter:innen der Selbstverwaltung, Frauenorganisationen, der Rat der Familien der Gefallenen, zivilgesellschaftliche Organisationen, politische Parteien sowie Sportvereine.
Nach einer Schweigeminute wurde eine gemeinsame Erklärung verlesen. Den kurdischen Teil der Erklärung trug die Lehrerin Henan Bekir vor, während der arabische Text vom stellvertretenden Ko-Vorsitzenden des Stadtrats von Qamişlo, Ahmed Abusi, verlesen wurde.
Einschnitt in der Geschichte der kurdischen Bevölkerung
In der Erklärung wurde daran erinnert, dass der 12. März 2004 einen tiefen Einschnitt in der Geschichte der kurdischen Bevölkerung in Syrien darstellt. Das Ereignis sei nicht nur eine einzelne Gewalttat gewesen, sondern Ausdruck der jahrzehntelangen Politik der Ausgrenzung und Unterdrückung des Baath-Regimes gegenüber der kurdischen Bevölkerung. Dazu hätten unter anderem die Leugnung der kurdischen Identität, die Einschränkung grundlegender Rechte sowie Versuche gehört, die demografische Struktur der Region zu verändern.
In der Erklärung wurde außerdem betont, dass Syrien nach dem Ende der Herrschaft des Baath-Regimes an einem historischen Wendepunkt stehe. Nun gehe es darum, gemeinsam mit allen Bevölkerungsgruppen – darunter Kurd:innen, Araber:innen, Assyrer:innen und andere Gemeinschaften – an einem demokratischen Syrien zu arbeiten, das auf Gleichberechtigung und Anerkennung der Rechte aller beruht.
Zugleich wurde bekräftigt, dass der politische und demokratische Kampf fortgesetzt werden solle. Ein demokratisches und dezentral organisiertes politisches System könne die Rechte aller Bevölkerungsgruppen schützen, hieß es. Der Jahrestag des 12. März stehe daher nicht nur für die Erinnerung an das Leid der Vergangenheit, sondern auch für den Willen zum Widerstand und für die Entschlossenheit, die eigene Zukunft selbst zu gestalten.
Das Massaker
Am 12. März 2004 sollte in Qamişlo eigentlich nur ein Fußballspiel zwischen der kurdischen Mannschaft Jihad und der arabischen Mannschaft Fatwa aus Deir ez-Zor stattfinden. Doch es folgte ein blutiges Massaker, das vom syrischen Geheimdienst gezielt geplant und initiiert worden war. Bereits im Vorfeld der Partie kam es zu Provokationen seitens arabisch-nationalistischer Fans, die antikurdische und pro-irakische Parolen skandierten, ohne dass die Polizei eingriff. Beim Betreten des Fußballstadions wurden die Jihad-Fans dann auf Waffen durchsucht, nicht aber die Anhänger von Fatwa. Im Stadion selbst fuhren die Gästefans aus Deir ez-Zor fort, Parolen wie „Lang lebe Saddam Hussein” und „Wir geben unser Blut für Saddam Hussein” zu rufen und die Kurd:innen als „Verräter” zu beschimpfen. Darüber hinaus wurden Bilder von Saddam Hussein gezeigt. Die Kurd:innen reagierten mit „Lang lebe Kurdistan”.
34 Tote und mehr als tausend Verletzte
Als die Stimmung kippte und es schließlich zu Ausschreitungen kam, griffen die Sicherheitskräfte des Regimes gemeinsam mit den arabischen Fans die Kurd:innen im Stadion an. Die Anhänger von Fatwa hatten Steine und Eisenketten mitgebracht, versteckt in ihren Teekannen. Die Bilanz dieses ersten Angriffs: Vier Tote und zahlreiche Verletzte. Die Ausschreitungen weiteten sich auf die gesamte Stadt aus und trotz einer am Abend über Qamişlo verhängten Ausgangssperre gingen zehntausende Menschen auf die Straße. Die Demonstrierenden verbrannten syrische Fahnen, zerstörten Statuen des verstorbenen syrischen Präsidenten Hafiz al-Assad und setzten die Sicherheitszentrale der Polizei, das Gebäude des syrischen Geheimdienstes sowie den Sitz des Landrates in Brand. Bei diesen Demonstrationen wurden mindestens 30 weitere kurdische Zivilist:innen getötet, mehr als 1.000 wurden verletzt und über 2.500 verhaftet.
Geplantes Pogrom
Unter den syrischen Regimesoldaten, die mit scharfer Munition in die Menschenmenge schossen, war auch der damalige Gouverneur von Hesekê. Damaskus verbreitete die These, bei den pogromartigen Gewaltakten habe es sich um eine „spontane Aktion“ der arabischen Fans gehandelt. Dagegen sprach Einiges – unter anderem die massive Bewaffnung der arabischen Fans sowie das Vorhandensein von Saddam-Bildern. Auch die ab Ende 2002 angesichts des sich abzeichnenden Regimewechsels im Irak aufkommenden kurdischen Proteste – beispielsweise eine Demonstration vor dem syrischen Parlament in Damaskus im Dezember 2002 und eine große Aktion am 25. Juni 2003 vor dem Hauptgebäude von UNICEF ebenfalls in Damaskus – sprachen für die Annahme, dass es sich bei dem Massaker von Qamişlo um eine gezielte Provokation des syrischen Geheimdienstes gehandelt hat.
Erster Massenaufstand in Rojava
Der „Serhildan von Qamişlo“ gilt als erster Massenaufstand in Rojava und fiel in eine Zeit, in der sich der Sturz des irakischen Diktators Saddam Hussein zum ersten Mal jährte. In jenen Tagen nach dem Massaker fasste die Bevölkerung den Beschluss, sich fortan umfassend klandestin zu organisieren, um jeden weiteren Angriff des Regimes abwehren zu können. Diese Selbstorganisierung legte den Grundstein für die Revolution von Rojava, die knapp acht Jahre später losbrechen sollte. Als erste große Bewegung zur Organisierung der Gesellschaft gilt der Frauendachverband Kongra Star, der am 15. Januar 2005 unter dem Namen „Yekîtiya Star“ gegründet wurde. Viele seiner späteren Aktivistinnen und Gründungsmitglieder waren im Schatten des Massakers in Qamişlo vom Baath-Regime verfolgt worden, zahlreiche kurdische Frauen verschwanden in den Folterzentren des syrischen Geheimdienstes.
https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/12-marz-2004-aufstand-von-qamislo-45559 https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/selbstverwaltung-ruft-zum-schutz-der-errungenschaften-der-rojava-revolution-auf-47150 https://deutsch.anf-news.com/hintergrund/die-lehre-aus-aleppo-die-schonungslose-realitat-einer-neuen-epoche-49678
Kobanê-Verwaltung wirft Übergangsregierung Verletzung des Abkommens vor
Die Selbstverwaltung von Kobanê hat der syrischen Übergangsregierung vorgeworfen, zentrale Verpflichtungen aus dem am 29. Januar geschlossenen Abkommen bislang nicht umzusetzen. In einer Erklärung teilte die Verwaltung mit, dass die Stadt und ihre Umgebung weiterhin unter blockadeähnlichen Bedingungen stünden und es in mehreren Dörfern zu Übergriffen auf Zivilpersonen gekommen sei.
In der Mitteilung wird daran erinnert, dass seit Beginn der syrischen Offensive gegen Rojava mehr als 50 Tage vergangen sind. Doch trotz der Vereinbarung zwischen den Demokratischen Kräften Syriens (QSD) und der syrischen Übergangsregierung seien die im Abkommen vorgesehenen Schritte bislang nicht umgesetzt worden. Nach Angaben der Verwaltung dauern Maßnahmen wie Internetabschaltungen, Einschränkungen der Bewegungsfreiheit sowie die Blockade von Treibstofflieferungen weiterhin an. Gleichzeitig verübten Einheiten der Übergangsregierung im Südosten von Kobanê in mehreren kurdischen Dörfern wiederholt Entführungen und andere Übergriffe auf die Zivilbevölkerung.
Forderung nach Aufhebung der Blockade
Die Verwaltung erklärte, sie halte weiterhin an der Umsetzung sämtlicher Punkte des Abkommens fest. „Zugleich muss die Übergangsregierung ihre Verpflichtungen ohne Verzögerung erfüllen. Dazu gehört insbesondere die Aufhebung aller Blockaden gegen die Stadt Kobanê und ihre umliegenden Dörfer sowie die Beendigung sämtlicher Hindernisse für die zivile Versorgung der Region.“ Ebenso müsse Damaskus die administrativen, kulturellen und rechtlichen Besonderheiten Kobanês respektieren. Nach Angaben der Verwaltung würde eine Umsetzung dieser Maßnahmen zur Stabilisierung der Region beitragen und zugleich Voraussetzungen für den Wiederaufbau Syriens schaffen. Zudem könne sie helfen, die Folgen von mehr als 15 Jahren Krieg und Chaos zu überwinden.
Kritik an Ernennung eines externen Verantwortlichen
Kritik äußerte die Verwaltung auch an der Entscheidung der Übergangsregierung, eine Person von außerhalb Kobanês als Distriktleiter einzusetzen. Dieser Schritt widerspreche sowohl den Vereinbarungen des Abkommens als auch dem Willen der lokalen Bevölkerung. „Solche Entscheidungen ignorieren die besonderen politischen und gesellschaftlichen Strukturen der Region sowie die großen Opfer, die im Verlauf der Revolution und des Krieges gebracht worden sind“, heißt es in der Erklärung. „Die kurdische Bevölkerung hat über viele Jahre hinweg für ihre Rechte gekämpft und ihr Gebiet verteidigt. Tausende Menschen sind in diesem Kampf gefallen oder verwundet worden. Diese Opfer verpflichten die Regierung dazu, die besonderen Bedingungen der Region zu respektieren.“
Warnung vor Rückkehr zu Baath-Politik
Die Kobanê-Verwaltung warnte zudem davor, politische Praktiken des früheren Regimes der Baath-Partei wiederzubeleben oder eine neue politische Ordnung ohne Beteiligung der Bevölkerung der Region durchzusetzen. Eine solche Politik könne die bestehenden Probleme nicht lösen und würde die Umsetzung des Abkommens weiter erschweren, heißt es in der Erklärung. Abschließend bekräftigte die Selbstverwaltung von Kobanê ihre Bereitschaft, das Abkommen umzusetzen und den vorgesehenen Integrationsprozess entsprechend den vereinbarten Bedingungen fortzuführen. Gleichzeitig rief sie die Staaten, die als Garanten des Abkommens gelten, dazu auf, Druck auf die Übergangsregierung auszuüben, damit diese ihre Verpflichtungen erfüllt und die Vereinbarung ohne weitere Verzögerung umgesetzt wird.
https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/kobane-familien-fordern-freilassung-von-gefangenen-50668 https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/parteien-in-kobane-fordern-rucknahme-der-ernennung-eines-distriktleiters-50575 https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/regimemilizen-ziehen-sich-aus-dorfern-bei-kobane-zuruck-50568
Drohnenangriff auf irakische Basis in Mexmûr
Im Distrikt Mexmûr südwestlich von Hewlêr (Erbil) ist ein Stützpunkt der irakischen Armee Ziel eines Drohnenangriffs geworden. Nach vorliegenden Informationen wurden bei der Attacke sogenannte Kamikaze-Drohnen eingesetzt.
Der angegriffene Punkt befindet sich an der Zufahrtsstraße zum Flüchtlingslager Rustem Cûdî, das auch als Camp Mexmûr bekannt ist. In dem Lager leben rund 12.000 kurdische Geflüchtete.
Zum Zeitpunkt des Angriffs sollen sich zahlreiche Soldaten auf dem Gelände des Stützpunkts aufgehalten haben. Offizielle Angaben über mögliche Opfer oder Schäden wurden bislang nicht veröffentlicht.
ANF-Direktor Osman Kılıç nach schwerer Krankheit gestorben
Der Journalist und ANF-Direktor Osman Kılıç ist gestorben. Er erlag am Donnerstag in einem Krankenhaus in der niederländischen Gemeinde Tiel einer schweren Erkrankung. Kılıç befand sich seit mehr als zwei Jahren wegen Lungenkrebs in medizinischer Behandlung. Trotz seiner schweren Erkrankung setzte er seine journalistische Arbeit in dieser Zeit fort. Er wurde 56 Jahre alt.
Osman Kılıç wurde 1968 in der Stadt Misirc (tr. Kurtalan) in der nordkurdischen Provinz Sêrt (Siirt) geboren und wuchs in einer politisch engagierten Familie auf. In jungen Jahren musste er nach Europa emigrieren und ließ sich schließlich in den Niederlanden nieder. Dort kam er mit kurdischen politischen und kulturellen Kreisen in Kontakt und beteiligte sich an deren Aktivitäten.
Seit Mitte der 1990er Jahre engagierte sich Kılıç in der freien kurdischen Presse. In den folgenden Jahrzehnten arbeitete er in verschiedenen Bereichen der Medienarbeit und war am Aufbau mehrerer kurdischer Medienprojekte beteiligt. Dabei spielte er auch eine wichtige Rolle bei der Gründung und Entwicklung der Fernsehsender MED TV und Medya TV, die in den 1990er und frühen 2000er Jahren zu den zentralen Medienplattformen der kurdischen Bewegung gehörten. Später übernahm er die Leitung der Nachrichtenagentur ANF.
Angaben zum Termin und Ort der Beisetzung wurden zunächst nicht bekannt. Seine Angehörigen teilten mit, dass entsprechende Informationen zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht werden.
QSD geben Namen von sechs Gefallenen bekannt
Die Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) haben den Verlust von sechs ihrer Kämpfer bekannt gegeben. In einem am Donnerstag über das Pressezentrum der QSD veröffentlichen Nachruf heißt es. „Mit großem Schmerz, zugleich aber mit Stolz, geben unsere Kräfte den Tod von sechs Kämpfern bekannt, die ein Epos des Heldentums geschrieben haben. Sie stellten sich den Angriffen von Milizen aus Damaskus entgegen und verteidigten ihr Volk sowie dessen Recht auf ein Leben in Würde. Ihr Opfer wird im Gedächtnis unseres Volkes und seiner Geschichte fortleben.“
Die Gefallenen, die in verschiedenen Orten zu unterschiedlichen Zeiten ums Leben kamen, hätten Mut und Standhaftigkeit gezeigt und an vorderster Front gegen die Angriffe gekämpft, die sich gegen die Rechte ihres Volkes auf Freiheit, Sicherheit und Stabilität richteten. „Sie blieben ihren Überzeugungen bis zuletzt treu und haben ihr Leben im Kampf gegeben.“
Die QSD erklärten, die Opfer der Gefallenen würden weiterhin als Orientierung im weiteren Widerstand in Rojava dienen. Zugleich sprach das Bündnis den Familien der Kämpfer ihr Beileid aus. „Wir werden den eingeschlagenen Weg der Gefallenen fortzusetzen, um die Ziele zu verwirklichen, für die unsere Genossen ihr Leben gaben.“
Zu den persönlichen Daten der Gefallenen machten die QSD folgende Angaben:
Codename: Berxwedan Welat
Vor- und Nachname: Mihemed Xazî
Name der Mutter: Wefa
Name des Vaters: Emar
Geburtsort: Hesekê
Todesort und -tag: Sirîn, 20. Januar 2026
Codename: Dilşêr Serêkaniyê
Vor- und Nachname: Ehmed Hisên
Name der Mutter: Seediye
Name des Vaters: Zehredîn
Geburtsort: Serêkaniyê
Todesort und -tag: Sabah al-Khair / Raqqa, 18. Januar 2026
Codename: Bahoz Hesekê
Vor- und Nachname: Silêman Izo
Name der Mutter: Yusra
Name des Vaters: Ehmed
Geburtsort: Xirbet Jamus
Todesort und -tag: Til Temir, 5. März 2026
Codename: Rodî Hesekê
Vor- und Nachname: Mehmûd El Hemed
Name der Mutter: Wedha
Name des Vaters: Şihab
Geburtsort: Hesekê
Todesort und -tag: Hesekê, 17. Januar 2026
Codename: Hemo Hesekê
Vor- und Nachname: Mahmoud Al-Nayef
Name der Mutter: Abeer
Name des Vaters: Abdullah
Geburtsort: Deir ez-Zor
Todesort und -tag: Hesekê, 17. Januar 2026
Codename: Basil
Vor- und Nachname: Murhef Xelef
Name der Mutter: Cewhera
Name des Vaters: Hamîd
Geburtsort: Şedadê
Todesort und -tag: Deir ez-Zor, Januar 2026
https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/qsd-geben-tod-von-drei-kampfern-bekannt-50654 https://deutsch.anf-news.com/frauen/ypj-hezil-arjin-bei-gefechten-in-raqqa-gefallen-50667 https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/qsd-veroffentlichen-namen-von-sechs-gefallenen-50547
Internationalistische Perspektiven: Diskussion über Rojava in der Roten Flora
Die Gruppe für den organisierten Widerspruch (Grow) veranstaltete gemeinsam mit der Initiative „Hamburg für Kurdistan“ am Mittwoch einen Gesprächsabend über die jüngsten Angriffe auf die kurdischen Selbstverwaltungsstrukturen und ihre Bedeutung für die kurdische Bewegung. Unter dem Titel „Rojava Reloaded – über die aktuelle Lage in Kurdistan“ sprachen die Aktivistin und Ethnologin Anja Flach sowie der Politikwissenschaftsstudent Shiraz Hami vor rund 40 Besucher:innen in der Roten Flora.
Im Mittelpunkt der Diskussion standen die aktuelle politische Entwicklung in Rojava sowie ein Abkommen zwischen der Demokratischen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien (DAANES) und der syrischen Übergangsregierung. Dieses sieht vor, militärische und zivile Strukturen perspektivisch in einen gesamtsyrischen Rahmen zu integrieren, während gleichzeitig politische Rechte und Teilhabe der kurdischen Bevölkerung anerkannt werden sollen.
Lösung der kurdischen Frage als Schlüsselfrage der Region
Die Referent:innen erläuterten, welche Bedeutung dieses Abkommen für die Bevölkerung vor Ort hat und wie es innerhalb der kurdischen Bewegung diskutiert wird. Dabei wurde deutlich, dass viele Menschen darin eine Chance sehen, die bisherigen Errungenschaften der Selbstverwaltung zu sichern und zugleich langfristige Stabilität in der Region zu ermöglichen. Zugleich werde sowohl in Rojava selbst als auch in der Diaspora intensiv um den politischen Kurs gerungen.
Shiraz Hami ordnete die Entwicklungen in einen größeren politischen Zusammenhang ein. Insbesondere verwies er auf die aktuellen Gespräche über eine mögliche politische Lösung der kurdischen Frage in der Türkei und die Rolle des kurdischen Repräsentanten Abdullah Öcalan. Eine Demokratisierung der Türkei könne auch Auswirkungen auf die gesamte Region haben, erklärte Hami.
Rojava nicht nur für Kurd:innen ein Hoffnungsschimmer
Dabei wurde deutlich, dass Rojava von vielen nicht nur als Hoffnung für Kurd:innen gesehen wird. Das politische Projekt der Selbstverwaltung erhebt den Anspruch, eine demokratische Ordnung aufzubauen, die allen Bevölkerungsgruppen offensteht. In den Strukturen der Selbstverwaltung arbeiten Kurd:innen, Araber:innen, Assyrer:innen und andere Gemeinschaften zusammen. Ziel sei eine Gesellschaft, die auf demokratischer Selbstverwaltung, Gleichberechtigung und kollektiver Organisierung basiert, und die sich bewusst gegen autoritäre Staatsmodelle, ethnische Dominanz und kapitalistische Ausbeutung richtet.
Rolle der Frauenrevolution
Ein zentrales Thema des Abends war auch die Frauenrevolution in Rojava. Beide Referent:innen betonten die Bedeutung der politischen Organisierung von Frauen innerhalb der Selbstverwaltungsstrukturen. In den vergangenen Jahren seien vielfältige Strukturen entstanden, in denen Frauen eigenständig organisiert sind und politische Verantwortung übernehmen – von lokalen Räten bis hin zu eigenen militärischen Einheiten. Diese Errungenschaften seien jedoch zunehmend unter Druck geraten. Unklar sei etwa, welche Rolle die Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) künftig in möglichen neuen Sicherheitsstrukturen spielen werden.
Besonders Frauen aus überwiegend arabischen Regionen, die sich in den Strukturen der Selbstverwaltung organisiert haben, seien derzeit verstärkt Bedrohungen und Repressionen ausgesetzt, erklärten die Referent:innen.
Internationalistische Perspektive
Trotz der schwierigen politischen Lage betonten Flach und Hami immer wieder, dass die kurdische Bewegung historisch von Widerstand und der Fähigkeit geprägt sei, auch unter schwierigen Bedingungen neue Perspektiven zu entwickeln. Rückschläge gehörten zur Geschichte dieser Bewegung, gleichzeitig habe sie immer wieder Wege gefunden, ihre politischen Ziele weiterzuverfolgen.
In diesem Zusammenhang hoben die Referent:innen die Bedeutung internationaler Solidarität hervor. Politische Kämpfe für Demokratie, soziale Gerechtigkeit und Befreiung seien miteinander verbunden – unabhängig davon, ob sie in Kurdistan, in Europa oder in anderen Teilen der Welt geführt werden.
Die Erfahrungen der kurdischen Bewegung könnten deshalb auch für andere soziale Bewegungen von Bedeutung sein. Sie zeigten, wie wichtig langfristige politische Organisierung, Basisarbeit und politische Bildung seien. Gesellschaftliche Veränderungen entstünden nicht plötzlich, sondern entwickelten sich aus jahrelanger kollektiver Arbeit, aus solidarischen Beziehungen und aus dem Mut, auch unter schwierigen Bedingungen an Alternativen zu bestehenden Verhältnissen zu arbeiten.
https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/veranstaltung-in-hamburg-rojava-was-ist-da-los-50190 https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/ilham-ehmed-begrusst-ruckkehr-erster-kurdischer-familien-nach-efrin-50647 https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/abdi-wir-wollen-internationale-garantien-fur-die-umsetzung-der-vereinbarungen-50319
Italienische Militärbasis in Hewlêr von Rakete getroffen
Ein italienischer Militärstützpunkt in der Kurdistan-Region des Irak (KRI) ist in der Nacht auf Donnerstag von einer Rakete getroffen worden. Das teilte der italienische Außenminister Antonio Tajani in einem Beitrag auf der Plattform X mit und verurteilte den Angriff in Hewlêr (Erbil) scharf.
Verletzt worden sei niemand, so Tajani. Die Soldaten haben sich demnach in einem Bunker in Sicherheit gebracht. Italien hat in Hewlêr, der Hauptstadt der KRI, rund 300 Soldaten stationiert. Sie bilden dort kurdische Sicherheitskräfte aus.
Seit Beginn des US-israelischen Iran-Krieges wird auch das südliche Kurdistan immer wieder mit Drohnen attackiert. Die Angriffe werden der iranischen Revolutionsgarde sowie Proxytruppen des Regimes in Teheran zugeschrieben.
Der Gouverneur von Hewlêr, Omed Khoshnaw, sprach am Morgen von mindestens 17 Drohnenangriffen innerhalb von 24 Stunden in der KRI. Die meisten seien von Truppen der internationalen Koalition in Hewlêr abgefangen worden. Einige von ihnen seien außerhalb der Stadt in freiem Gelände niedergegangen.
https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/drohne-geht-in-wohngebiet-von-silemani-nieder-kind-verletzt-50680 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/drohnenangriff-auf-komala-stutzpunkt-ein-peschmerga-getotet-50665 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/bericht-rund-200-angriffe-auf-kurdistan-region-des-irak-50641
Newroz in Landshut: Kurdische Diaspora verbindet Tradition und lokales Engagement
Während Kurd:innen weltweit das Frühlings- und Neujahrsfest Newroz begehen, wird das Fest auch in der niederbayerischen Stadt Landshut zunehmend zu einem festen Bestandteil des kulturellen Lebens. Der Internationale Kurdische Freundschaftsverein Landshut lädt in diesem Jahr erneut zu einer Newroz-Veranstaltung ein, die kurdische Traditionen mit dem lokalen gesellschaftlichen Engagement der Diaspora verbindet.
Die Feier richtet sich nicht nur an die kurdische Community, sondern ausdrücklich auch an die Stadtgesellschaft. Musik, Tanz, gemeinsames Essen und Gespräche sollen einen Raum schaffen, in dem Menschen aus unterschiedlichen kulturellen Hintergründen zusammenkommen.
Kurdische Diaspora in Niederbayern
Die kurdische Community in Landshut hat sich in den vergangenen Jahren zu einem wichtigen Teil der lokalen Zivilgesellschaft entwickelt. Der Internationale Kurdische Freundschaftsverein Landshut versteht sich als kultureller und sozialer Treffpunkt für Kurdinnen und Kurden in der Region. Neben kulturellen Veranstaltungen organisiert der Verein regelmäßig Bildungsangebote, Diskussionsabende und Begegnungsformate. Ziel ist es, kurdische Kultur und Geschichte sichtbar zu machen und gleichzeitig den Austausch mit der lokalen Bevölkerung zu fördern.
In diesem Kontext hat sich auch die jährliche Newroz-Feier zu einem zentralen Moment für die Community entwickelt. Sie bietet vielen Menschen der Diaspora die Möglichkeit, Traditionen aus Kurdistan zu bewahren und gleichzeitig neue Formen des Zusammenlebens in Deutschland zu gestalten.
Newroz als Fest der Begegnung
Die Newroz-Veranstaltung in Landshut steht deshalb nicht nur für den Beginn des Frühlings, sondern auch für Begegnung und kulturelle Vielfalt. Besucherinnen und Besucher erleben traditionelle kurdische Tänze, Musik und gemeinschaftliche Rituale, die in vielen Teilen Kurdistans seit Generationen Teil des Festes sind.
Ein besonderer Bestandteil der diesjährigen Veranstaltung ist eine begleitende Ausstellung zur Bedeutung von Newroz. Sie zeigt Fotografien aus Kurdistan ebenso wie Eindrücke aus der kurdischen Diaspora und dokumentiert auch frühere Newroz-Feiern in Landshut. Die Bilder zeigen unter anderem gemeinsames Tanzen, traditionelle Kleidung und das symbolische Feuer – Elemente, die Newroz weltweit verbinden und zugleich die kulturelle Identität vieler Kurdinnen und Kurden widerspiegeln.
Zwischen Kurdistan und Bayern
Für viele Mitglieder der kurdischen Diaspora hat Newroz eine besondere emotionale Bedeutung. Das Fest erinnert an Herkunft, Geschichte und kulturelle Wurzeln – zugleich wird es im Alltag der Diaspora neu gestaltet. Gerade Städte wie Landshut zeigen, wie kurdische Traditionen Teil des lokalen kulturellen Lebens werden können. Veranstaltungen wie die Newroz-Feier schaffen Räume, in denen Kultur geteilt, Erinnerungen weitergegeben und neue Gemeinschaften aufgebaut werden. Der Internationale Kurdische Freundschaftsverein Landshut versteht die Feier daher auch als Einladung an die gesamte Stadtgesellschaft: Newroz soll ein Fest sein, das Menschen zusammenbringt und die kulturelle Vielfalt der Region sichtbar macht.
Mit Musik, Tanz und Gesprächen will die kurdische Community in Landshut den Beginn des Frühlings feiern – und zugleich zeigen, wie lebendig kurdische Kultur auch in der Diaspora ist. Die Feier findet statt am 22. März ab 15 Uhr in der Alten Kaserne. Tickets können über die Webseite des Vereins erworben werden: https://kurdischervereinlandshut.de/ticket-newroz-220326
https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/kon-med-ruft-zu-newroz-der-einheit-in-frankfurt-auf-50407 https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/knk-ruft-zu-newroz-der-freiheit-und-einheit-auf-50534 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/newroz-deklaration-in-amed-aufruf-zu-kurdischer-einheit-und-ausbau-des-kampfes-50633 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/frauen-entzunden-newroz-feuer-auf-den-stadtmauern-von-amed-50674
KCK zum Tod von Salih Muslim: Sein Kampf wird weitergeführt
Der Exekutivrat der Gemeinschaft der Gesellschaften Kurdistans (KCK) hat den verstorbenen kurdischen Politiker Salih Muslim gewürdigt und seiner Familie sowie der Bevölkerung Kurdistans ihr Beileid ausgesprochen. In einer Erklärung bezeichnete die Organisation ihn als „revolutionären Demokraten“, der sein Leben dem Kampf für Freiheit und Demokratie gewidmet habe.
Salih Muslim engagierte sich mehr als vier Jahrzehnte in der kurdischen Freiheitsbewegung. Nach seiner Begegnung mit dem PKK-Begründer Abdullah Öcalan im Jahr 1983 hat er sich aktiv an der politischen und organisatorischen Arbeit der Bewegung beteiligt und deren Entwicklung maßgeblich mitgeprägt. „Den Schwerpunkt seines politischen Wirkens hat er in Rojava und in Syrien gehabt“, betonte die KCK. Zugleich habe er stets die Freiheitsbewegung in allen vier Teilen Kurdistans im Blick behalten und sich für deren Entwicklung eingesetzt.
Politische Arbeit und Engagement in der Medienarbeit
Salih Muslim wurde 1951 in Kobanê geboren. Seine Schulzeit absolvierte er in Rojava und anderen Teilen Syriens, 1977 schloss er sein Studium der Chemietechnik an der Technischen Universität Istanbul ab. Seine berufliche Laufbahn begann er später als Chemieingenieur in Saudi-Arabien. Auch dort beteiligte er sich an Aktivitäten der kurdischen Freiheitsbewegung innerhalb der Diaspora. Die KCK hob hervor, dass Muslim sein gesamtes Leben dem politischen Kampf gewidmet habe und auch seine Familie in diesem Engagement aktiv gewesen sei. Sein jüngster Sohn Şervan Muslim etwa fiel 2013 in Girê Spî (Tall Abyad) im Kampf gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS).
Rolle in der Rojava-Revolution
Neben seiner politischen Arbeit engagierte sich Muslim auch im Bereich der Medienarbeit der kurdischen Bewegung. So übersetzte er unter anderem die Verteidigungsschriften und Analysen Öcalans ins Arabische und trug damit zur Verbreitung des Paradigmas der kurdischen Befreiungsbewegung im arabischen Raum bei. Die KCK hob zudem Muslims Beitrag zur politischen Entwicklung in Rojava hervor. Er habe wichtige Arbeit beim Aufbau der dortigen politischen Strukturen geleistet und sei während des Widerstands von Kobanê gegen den sogenannten IS eine wichtige moralische Stimme gewesen.
„Salih Muslim betrachtete die Revolution in Rojava stets im Zusammenhang mit der Demokratisierung Syriens. Auch für eine Demokratisierung des Nahen Ostens im Sinne der Linie der demokratischen Nation setzte er sich intensiv ein. In diesem Zusammenhang arbeitete er mit großem Engagement daran, die von Abdullah Öcalan entwickelte politische Linie in die Praxis umzusetzen“, so die KCK. Trotz gesundheitlicher Probleme habe er seine Arbeiten bis zuletzt fortgesetzt.
Volksnaher Revolutionär
Abschließend erklärte die KCK: „Salih Muslim wird als bescheidener und volksnaher revolutionärer Demokrat in Erinnerung bleiben. Sein Wirken wird sowohl in der Revolution von Rojava als auch im Freiheitskampf in allen vier Teilen Kurdistans weiterleben und auch künftig dazu beitragen, den Maßstab des patriotischen Engagements hochzuhalten.“ Die Organisation rief dazu auf, sich zahlreich an der Beisetzung Muslims zu beteiligen.
https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/pyd-politiker-salih-muslim-im-alter-von-75-jahren-gestorben-50673 https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/pyd-wurdigt-salih-muslim-wir-werden-seinen-weg-fortsetzen-50675 https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/salih-muslim-ziel-ist-uns-zur-aufgabe-unseres-systems-zu-zwingen-48285
Drohne geht in Wohngebiet von Silêmanî nieder – Kind verletzt
In der südkurdischen Stadt Silêmanî ist am Donnerstagmorgen eine Drohne in ein Wohngebiet gestürzt. Nach ersten Angaben wurde dabei ein Kind verletzt, zudem entstanden erhebliche Schäden an mehreren Häusern. Der Vorfall ereignete sich im Stadtteil Qalaw, wo die Drohne in einem dicht besiedelten Gebiet niederging.
Auf von der Nachrichtenagentur Roj News veröffentlichten Videoaufnahmen ist eine starke Explosion unmittelbar nach dem Absturz zu hören. Ersten Informationen zufolge wurde ein Kind bei dem Vorfall verletzt. Zudem wurden mindestens sechs Wohnhäuser schwer beschädigt.
Angriffe in mehreren Regionen
Seit der vergangenen Nacht werden aus verschiedenen Regionen Südkurdistans Drohnenangriffe gemeldet, die auf das Konto von Irans Proxymilizen gehen dürften. In Silêmanî wurde neben dem Viertel Qalaw auch eine Einrichtung der 70. Einheit der Peschmerga der Patriotischen Union Kurdistans (YNK) getroffen. In Hewlêr ist das Hotel Divan Ziel eines Drohnenschlags gewesen.
https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/drohnenangriff-auf-komala-stutzpunkt-ein-peschmerga-getotet-50665 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/drohnenangriffe-auf-kurdische-parteien-bei-xelifan-50657 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/bericht-rund-200-angriffe-auf-kurdistan-region-des-irak-50641
Brand im Gebäude von Ronahî TV in Qamişlo
Im Hauptgebäude des kurdischen Fernsehsenders Ronahî TV in der Stadt Qamişlo ist am Morgen ein Brand ausgebrochen. Nach Angaben der Nachrichtenagentur ANHA entstand das Feuer im Hauptstudio des Senders, in dem ein Teil der laufenden Programmarbeit stattfindet.
Von dort aus breitete sich der Brand rasch auf den Regieraum sowie auf Bereiche mit technischer Ausrüstung aus. In beiden Räumen entstand erheblicher Sachschaden. Aufgrund des Feuers musste der Live-Sendebetrieb des Fernsehsenders vorübergehend unterbrochen werden.
Feuerwehrkräfte rückten zum Gebäude aus und konnten den Brand nach kurzer Zeit unter Kontrolle bringen. Anschließend nahmen zuständige Stellen vor Ort Ermittlungen zum Vorfall auf. Menschen wurden nach Angaben der Behörden durch das Feuer nicht verletzt.
Fattorini: Voraussetzungen für Beteiligung Öcalans am Friedensprozess schaffen
Der Vertreter der Bewegung gegen Rassismus und für Völkerfreundschaft (MRAP), Gianfranco Fattorini, sieht im derzeitigen Lösungsprozess in der Türkei eine mögliche Chance für gesellschaftlichen Frieden. Voraussetzung sei jedoch, dass die Ursachen der kurdischen Frage ernsthaft aufgearbeitet werden.
Im Gespräch mit ANF erklärte Fattorini, der von Abdullah Öcalan angestoßene Prozess für Frieden und eine demokratische Gesellschaft könne eine wichtige Grundlage für eine friedliche Lösung der kurdischen Frage schaffen. Gleichzeitig kritisierte er, dass weiterhin ein sicherheitspolitischer Ansatz dominiere. Ein Blick auf den Bericht der im türkischen Parlament eingerichteten Kommission zeige, dass der Fokus nach wie vor stark auf der Terrorismusbekämpfung liege.
Nach Ansicht Fattorinis hängen die Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte eng mit dem Umgang des türkischen Staates mit Minderheiten zusammen. Insbesondere die fehlende Anerkennung der Rechte des kurdischen Volkes habe zur Vertiefung des Konflikts beigetragen. „Wir wissen sehr gut, dass vieles von dem, was in den vergangenen fünfzig Jahren und darüber hinaus geschehen ist, eine Folge mangelnden Respekts gegenüber den Minderheiten in diesem Land ist“, sagte Fattorini. Die Missachtung der Rechte, der Kultur und der Sprache der Kurd:innen habe die Spannungen weiter verschärft.
Zweifel an der politischen Bereitschaft
Der Menschenrechtler, der mit seiner Antirassismus-Bewegung Delegierter bei den Vereinten Nationen (UN) ist, verwies auch auf die schweren humanitären Folgen des Krieges in Kurdistan. „Zehntausende Zivilpersonen sind in den vergangenen Jahrzehnten getötet worden. Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass es Reaktionen gegeben hat“, sagte er. Der aktuelle Friedensprozess sei daher zu begrüßen. Gleichzeitig sehe er bislang keinen klaren politischen Willen des türkischen Staates, die eigene Verantwortung für die entstandene Situation anzuerkennen.
Öcalan muss direkt beteiligt werden
Für einen erfolgreichen Friedensprozess müsse auch Abdullah Öcalan als Repräsentant des kurdischen Volkes direkt einbezogen werden, erklärte Fattorini. Als Beispiel verwies er auf internationale Erfahrungen. So habe etwa Nelson Mandela aktiv am Friedensprozess in Südafrika teilgenommen. Auch wenn Mandela damals noch nicht vollständig frei gewesen sei, habe er direkt an Verhandlungen mitgewirkt. „Es wäre daher wünschenswert, dass die türkischen Behörden Öcalan unter Bedingungen arbeiten lassen, die eine respektvollere Behandlung ermöglichen und seine Beteiligung am politischen Prozess erleichtern“, erklärte Fattorini.
Internationale Aufmerksamkeit schaffen
Nach Angaben Fattorinis bemüht sich die MRAP auch auf internationaler Ebene, die Situation in der Region stärker sichtbar zu machen. Die Organisation veranstaltet dazu im Umfeld des UN-Menschenrechtsrats Konferenzen und Diskussionsveranstaltungen. „Unser Ziel ist es, die internationale Öffentlichkeit über die Lage in der Türkei zu informieren und Staaten sowie internationale Institutionen dazu aufzurufen, sich stärker mit der Situation des kurdischen Volkes zu befassen.“
https://deutsch.anf-news.com/frauen/das-wirklich-freie-leben-der-gesellschaft-hangt-von-der-konstruktiven-rolle-der-frau-ab-50622 https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/juristin-scala-Ocalan-spielt-schlusselrolle-im-entwaffnungsprozess-50602 https://deutsch.anf-news.com/hintergrund/rolf-gossner-uber-die-kurdische-frage-50636
Polizeirazzien gegen Antifaschist:innen in mehreren deutschen Städten
Am frühen Morgen des 11. März erhielten viele Antifaschist:innen ungebetenen Hausbesuch. Bei einer von der Staatsschutzabteilung der Nürnberger Polizei koordinierten Aktion durchsuchten Beamte in Begleitung von martialisch auftretenden Einheiten des USK (Unterstützungskommando) insgesamt 22 Wohnungen in Nürnberg und mehreren Gemeinden der Umgebung, sowie in Leipzig und Münster.
Laut Durchsuchungsbeschlüssen geht es um den Verdacht eines Landfriedensbruchs vor einem Jahr in Nürnberg anlässlich einer antifaschistischen Demonstration gegen den Aufmarsch des sogenannten „Team Menschenrechte“ (TMR). Unter diesem Namen formierte sich noch zu Coronazeiten ein Konglomerat aus Querdenker:innen, Verschwörungstheoretiker:innen, rechtsextremen Aktivist:innen und AfD-Mitgliedern, das regelmäßig die fränkische Metropole unsicher macht und mittlerweile vom Verfassungsschutz beobachtet wird.
Polizeigewalt zugunsten faschistischer Gruppe?
Dagegen formierte sich in den letzten Jahren ein breiter antifaschistischer Widerstand, unter anderem vom Nürnberger Bündnis Nazistopp, der Gewerkschaft ver.di und den „Omas gegen rechts". Das gemeinsame Ziel ist, durch friedliche Sitzblockaden den Aufmarsch der Faschist:innen in Nürnberg zu verhindern.
Auch am 26. April 2025 fanden im gesamten Innenstadtgebiet Gegenproteste und Blockadeaktionen gegen einen Auflauf des TMR statt. Obwohl es zu keinerlei Gewalt gegen die Polizeikräfte kam, reagierten diese mit übertriebener Härte auf die Aktionen des zivilen Ungehorsams gegen die rechten Umtriebe. Auf die Überwindung einer Polizeikette folgten Schläge und Tritte der Einsatzkräfte gegen Demonstrant:innen. Etliche Aktivist:innen erlitten teils schwere Verletzungen.
Ermittlungsverfahren gegen Antifaschist:innen
Dieses brutale Vorgehen der Polizei wurde im Nachgang von verschiedenen Seiten als unverhältnismäßig kritisiert. Sara Bayer, Sprecherin des neu gegründeten Bündnisses „Solidarität 11. März“ erinnert sich: „An diesem Tag wurde dem Team Menschenrechte der Weg durch die Stadt regelrecht von der Polizei frei geprügelt.“
Es folgten zahlreiche Ermittlungsverfahren gegen Antifaschist:innen. Wegen Nichtigkeiten wie zum Beispiel Verstößen gegen das Versammlungsrecht wurden Hunderte von Strafbefehlen erlassen. Bisheriger Höhepunkt der Kriminalisierungskampagne ist die gestrige Razzia der Nürnberger Verfolgungsbehörden.
Das Solidaritätsbündnis zeigt sich alarmiert, „Mithilfe des Konstrukts des Landfriedensbruchs soll die bloße Anwesenheit auf der Demonstration für eine Strafbarkeit ausreichen. Mit einer solchen Handhabe würde die Versammlungsfreiheit und damit das wichtigste Mittel zur politischen Auseinandersetzung im öffentlichen Raum massiv eingeschränkt werden.“
Politische Handlungsräume werden eingeengt
Der Rechtsruck von Politik und Gesellschaft zeigt Wirkung. Der staatliche Druck gegen antifaschistisches Engagement wächst (nicht nur) in Deutschland. Mal geht es um Debanking als Instrument gegen linke Organisationen. Mal steht die Meinungsfreiheit auf der Kippe, wie auf der Berlinale, wo man diskutiert, ob Äußerungen von Künstler:innen zum israelischen Völkermord in Gaza zensiert werden sollten. Und Kulturstaatsminister Wolfram Weimer schließt linke Buchhandlungen von der Nominierung zum Deutschen Buchhandlungspreis aus. Mehr und mehr versucht der Staat ihm missliebige politische Handlungsräume einzuengen.
„Ziviler Ungehorsam ist legitim und nicht kriminell“
Indes geben die Nürnberger Antifaschist:innen nicht auf. Sie sagen: „Protest wirkt! Polizeigewalt auf der Straße hat nicht ausgereicht, um unseren Widerstand gegen die Faschisten in Nürnberg zu stoppen. Gerade deshalb sind solidarische Strukturen entscheidend. Wir fordern eine Aufklärung dieses absurden Polizeieinsatzes heute sowie ein klares Bekenntnis der Stadt Nürnberg zu Antifaschismus und die Demonstrationsfreiheit.“ Betroffene und Unterstützer:innen fordern: Schluss mit der Kriminalisierung – ziviler Ungehorsam ist legitim und nicht kriminell!
Foto: Polizei bei der PKK-Verbot-Aufheben-Demonstration 2022 in Berlin, Symbolbild © ANF
https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/angriff-auf-linke-infrastrukturen-in-deutschland-mittels-debanking-49409 https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/kriminalisierung-der-antifa-warum-antifaschistischer-widerstand-unverzichtbar-bleibt-48860 https://deutsch.anf-news.com/hintergrund/rechtsruck-verhindern-demokratie-starken-der-freiheitsbewegung-zuhoren-40615
DEM-Frauenrat fordert Rücknahme des Berichts zum Tod von Dilan Karaman
Der Frauenrat der Partei der Völker für Gleichheit und Demokratie (DEM) hat die Rücknahme eines umstrittenen Berichts zum Tod der kurdischen Journalistin Dilan Karaman verlangt. Das Dokument war von einer Kommission aus fünf Frauenorganisationen erstellt worden und hatte in den vergangenen Tagen eine breite Debatte ausgelöst.
„Der tiefe Schmerz über den Verlust unserer lieben Genossin Dilan Karaman ist noch immer frisch“, erklärte der Frauenrat am Vortag. Aus Respekt vor ihrem Andenken sowie unter Berücksichtigung der Prinzipien des Frauenbefreiungskampfes, der gemeinsamen Werte und der politischen Erfahrungen der Bewegung fordere man die Rücknahme des Berichts.
Zugleich bekräftigte das Gremium, seine Verantwortung in diesem Prozess wahrzunehmen und mögliche Versäumnisse aufzuarbeiten. Man werde den Fall aufmerksam verfolgen, bis alle Umstände von Karamans Tod vollständig aufgeklärt seien. Darüber hinaus dauerten innerhalb der zuständigen Parteigremien die Diskussionen und umfassenden Bewertungen zu dem Fall an. Die Ergebnisse dieser Beratungen sollen in Kürze öffentlich gemacht werden.
Zum Abschluss der Erklärung würdigte der Frauenrat der DEM Karaman als Weggefährtin, die mit ihrer Solidarität und ihrem Engagement die gemeinsame Arbeit gestärkt habe. Man gedenke ihrer „mit Liebe, Respekt und Sehnsucht“, hieß es.
Hintergrund
Dilan Karaman kam im November 2025 unter umstrittenen Umständen in der nordkurdischen Metropole Amed (tr. Diyarbakır) ums Leben. Die Journalistin arbeitete als Beraterin der DEM-Abgeordneten Saliha Aydeniz. In der öffentlichen Debatte wurden Vorwürfe laut, Karaman sei Mobbing sowie physischem und psychischem Druck ausgesetzt gewesen und möglicherweise systematisch in den Suizid getrieben worden.
Der Bericht der Frauenorganisationen – die Bewegung TJA, das Frauenrechtszentrum der Anwaltskammer Amed, der Verein DAKAH-DER, die Frauenkommission des Juristenverbands ÖHD sowie der Verein Rosa – geriet jedoch in die Kritik, weil darin mögliche Verantwortlichkeiten nicht benannt würden. So wird Aydeniz darin nicht erwähnt, während auch ein möglicher parteipolitischer Zusammenhang im Fall von Karamans Ex-Partner Mazlum Toprak, Neffe der früheren Ko-Bürgermeisterin von Farqîn (Silvan) Naşide Toprak, nicht thematisiert wird.
https://deutsch.anf-news.com/frauen/freund-innen-kritisieren-kommissionsbericht-zu-tod-von-dilan-karaman-50662 https://deutsch.anf-news.com/frauen/tod-von-dilan-karaman-hinweise-auf-gewalt-mobbing-und-strukturelles-versagen-50638
PYD würdigt Salih Muslim: „Wir werden seinen Weg fortsetzen“
Die Partei der Demokratischen Einheit (PYD) hat in einer Erklärung dem verstorbenen kurdischen Politiker Salih Muslim gedacht und seiner Familie sowie der kurdischen Bevölkerung ihr Beileid ausgesprochen. Die Mitteilung wurde über die offizielle Internetseite der Partei veröffentlicht. In der Erklärung würdigte die PYD das langjährige politische Engagement Muslims für die kurdische Bewegung. Darin heißt es, Bavê Welat habe sein Leben dem Einsatz für die Rechte seines Volkes gewidmet und sich über viele Jahre in politischen und organisatorischen Strukturen engagiert. Zugleich erklärte die PYD, sein Tod sei ein großer Verlust für Rojava.
Die Partei betonte, Muslim habe in der Geschichte der PYD und der kurdischen Freiheitsbewegung deutliche Spuren hinterlassen. Sein Einsatz, seine Opferbereitschaft und seine Verbundenheit mit der Sache der kurdischen Bevölkerung würden im Gedächtnis von Freunden und Weggefährten weiterleben. „Während wir uns von dieser bedeutenden Persönlichkeit des Kampfes verabschieden, versprechen wir unserem Volk und unseren Freunden, auf dem von ihm eröffneten Weg weiterzugehen und seinen Kampf fortzuführen, bis die Ziele erreicht sind, an die er geglaubt hat“, hieß es in der Erklärung.
Salih Muslim und sein jüngster Sohn Şervan, 1992
„Bavê Welat“
Muslim war am Mittwoch in einem Krankenhaus im südkurdischen Hewlêr (Erbil) einem Nierenversagen erlegen. In den vergangenen Wochen war er in Kliniken in Silêmanî regelmäßig dialysiert worden. Nachdem sich sein Gesundheitszustand verschlechtert hatte, wurde er vor einigen Tagen in das Maryamana-Krankenhaus verlegt, wo er schließlich verstarb. Sein Leichnam soll heute von Hewlêr nach Rojava überführt werden.
In der kurdischen Öffentlichkeit wurde Salih Muslim häufig liebevoll „Bavê Welat“ („Vater von Welat“) genannt. Der Beiname bezog sich auf seinen Sohn Şervan Muslim, dessen Nom de Guerre „Welat“ lautete. Şervan fiel 2013 im Kampf gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) in Girê Spî. Salih Muslim wird laut Angaben seiner Familie in Kobanê beerdigt.
https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/pyd-politiker-salih-muslim-im-alter-von-75-jahren-gestorben-50673 https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/muslim-das-abkommen-ist-ein-anfang-aber-die-bevolkerung-muss-wachsam-bleiben-50074 https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/salih-muslim-ziel-ist-uns-zur-aufgabe-unseres-systems-zu-zwingen-48285