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Aktualisiert: vor 1 Stunde 7 Minuten

Samstagsmütter erinnern an Ilyas Eren

28. März 2026 - 14:00

Auf dem Galatasaray-Platz in Istanbul haben die Samstagsmütter erneut Aufklärung über das Schicksal von Verschwundenen in staatlichem Gewahrsam gefordert. Im Mittelpunkt der dieswöchigen Mahnwache stand das Schicksal des Kurden Ilyas Eren, der vor 29 Jahren in der Provinz Amed (tr. Diyarbakır) verschleppt wurde und seither verschwunden ist.

Ilyas Eren stammte ursprünglich aus dem Landkreis Pasûr (Kulp) und war Landwirt. Er war Vater von acht Kindern und lebte mit seiner Familie im Weiler Rindik, das zur Ortschaft Dêlit (Yeşilköy) gehörte. Anfang der 1990er Jahre wurde er mehrmals festgenommen und gefoltert, in einem Fall über mehrere Wochen. Der Grund war, dass er sich weigerte, als Dorfschützer für den türkischen Staat zu arbeiten.

Nachdem Dêlit 1993 von der türkischen Armee zerstört wurde, migrierte Eren mit seiner Familie in das Zentrum von Pasûr. Am 11. März 1997 wartete er im Bahnhof von Amed auf den Bus, als er von Männern verschleppt wurde, die sich als Polizisten ausgaben. Zeug:innen berichteten, dass er gewaltsam in ein Fahrzeug gezwungen wurde. Das war das letzte Mal, dass Eren lebend gesehen wurde.

Nach Angaben von Jiyan Tosun, Vorsitzende der Istanbuler Zweigstelle des Menschenrechtsvereins IHD, wurde das Fahrzeug, in das Eren gewaltsam gezerrt wurde, von Zeug:innen als eines identifiziert, das mit dem Chef des größten Dorfschützerverbands in Pasûr in Verbindung stand. Die Familie wandte sich unmittelbar an die Justiz, doch eine effektive Untersuchung blieb aus. Hinweise wurden nicht verfolgt, Verantwortliche nicht belangt. Ilyas Eren wurde nicht gefunden.

Anerkennung durch den EGMR

„Es wurde keine wirksame Untersuchung geführt. Die Wahrheit wurde nicht aufgeklärt, die Verantwortlichen nicht vor Gericht gestellt“, erklärte Jiyan Tosun. Der Fall wurde schließlich ohne Ergebnis zu den Akten gelegt. Nachdem innerstaatliche Rechtswege ausgeschöpft waren, wandte sich die Familie an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte EGMR). Die türkische Regierung räumte dort ein, dass keine wirksamen Maßnahmen zur Aufklärung des Verbleibs von Ilyas Eren ergriffen worden waren und dass das Recht auf Leben verletzt wurde.

Kritik an Straflosigkeit

„Konsequenzen hatte dies jedoch nicht“, betonte Tosun. Die Akte Eren wurde wegen Verjährung geschlossen. Die Menschenrechtlerin warf dem Staat und der Justiz vor, systematisch zur Straflosigkeit in Fällen von Verschwindenlassen beizutragen. „Doch wir werden nicht aufhören, Gerechtigkeit zu fordern.“ Die Mahnwache endete mit dem Niederlegen von roten Nelken.

https://deutsch.anf-news.com/menschenrechte/samstagsmutter-fordern-aufklarung-uber-das-verschwinden-von-yusuf-eristi-50706 https://deutsch.anf-news.com/menschenrechte/samstagsmutter-erinnern-an-verschwundene-frauen-50609 https://deutsch.anf-news.com/menschenrechte/samstagsmutter-wir-werden-unsere-forderung-nach-wahrheit-nicht-aufgeben-50495

 

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HPG: „Woche des Heldentums“ im Zeichen von Mazlum Doğan und Egîd

28. März 2026 - 14:00

Die Volksverteidigungskräfte (HPG) haben anlässlich der „Woche des Heldentums“ die zentrale Rolle von Mazlum Doğan und Mahsum Korkmaz hervorgehoben. In einer ausführlichen Erklärung betonen sie die historische Kontinuität des Widerstands von den Gefängnissen bis in die Berge Kurdistans.

Die Heldenwoche zwischen dem 21. und 28. März erinnert an den Todestag Mazlum Doğans im türkischen Militärgefängnis von Diyarbakır (ku. Amed) sowie an den Tod Mahsum Korkmaz’ im Jahr 1986.

Mazlum Doğan und der Funke des Widerstands

Die HPG würdigen Mazlum Doğan als Symbol des Widerstands gegen die Folter im Gefängnis der Junta. Seine Aktion am 21. März 1982 habe eine neue Phase des Kampfes eingeleitet. „Die von Mazlum Doğan mit drei Streichhölzern entzündete Flamme hat sich heute zu einem Freiheitsfeuer entwickelt, das von Millionen getragen wird“, heißt es in der Erklärung. Sein Handeln habe der kurdischen Gesellschaft „Bewusstsein, Identität und Entschlossenheit“ verliehen und präge die Bewegung bis heute.

Mahsum Korkmaz und der bewaffnete Aufbruch

Mahsum Korkmaz, bekannt als Egîd, wird als jener Kommandant beschrieben, der die Linie des Widerstands in die Berge getragen habe. Mit dem von ihm am 15. August 1984 abgegebenen „ersten Schuss“ gegen die türkische Besatzung habe er den Beginn der bewaffneten Phase markiert. „Kommandant Egîd hat den Versuch der Auslöschung durchbrochen und den Übergang vom drohenden Untergang zur Wiedergeburt verkörpert.“

Widerstand als fortdauernde Linie

Die Erklärung stellt die historischen Ereignisse in einen direkten Zusammenhang mit der Gegenwart. Der Widerstand, der in den 1980er Jahren begann, werde bis heute fortgeführt. „Wir führen unseren Kampf im Geiste von Mazlum und Egîd weiter“, erklären die HPG und betonen zugleich ihre Ausrichtung an der Linie von Abdullah Öcalan. Ziel bleibe es, für seine physische Freiheit einzutreten.

Newroz und politischer Wille

Zugleich verweisen die HPG auf die diesjährigen Newroz-Feiern, die als Ausdruck von Widerstand und Einheit gewertet werden. Die breite Beteiligung habe gezeigt, dass der politische Wille der Bevölkerung ungebrochen sei. Die „Woche des Heldentums“ sei daher nicht nur ein Gedenken, sondern auch ein Aufruf, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen.

https://deutsch.anf-news.com/hintergrund/mazlum-war-bewusstsein-egid-war-das-schwert-50890 https://deutsch.anf-news.com/hintergrund/egid-der-mutige-revolutionar-31432 https://deutsch.anf-news.com/hintergrund/14-juli-1982-der-beginn-des-grossen-widerstands-20370

 

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Kundgebung für Zübeyde Akmese vor der JVA München

28. März 2026 - 12:00

Vor der Frauenabteilung der JVA München-Stadelheim haben rund 100 Menschen am Freitagnachmittag gegen die Inhaftierung der kurdischen Aktivistin Zübeyde Akmese protestiert. Zu der Kundgebung hatten das Kurdische Gesellschaftszentrum, die Aktion gegen Krieg und Militarisierung (AKM) und das Münchner Solidaritätsbündnis Kurdistan aufgerufen.

Die 71-Jährige war Mitte März bei einer morgendlichen Polizeirazzia in ihrer Wohnung festgenommen worden. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr eine Mitgliedschaft in der PKK vor. Die Demonstrierenden kritisierten das Vorgehen der Behörden scharf. Es sei nicht hinnehmbar, dass eine ältere Frau, die sich seit Jahrzehnten gesellschaftlich engagiere, auf diese Weise kriminalisiert werde.

Freiheit für Zübeyde Akmese!

Eindrücke von der heutigen Gefängniskundgebung für die politische Gefangene Zübeyde Akmese, die seit dem 17. März in München-Stadelheim in Untersuchungshaft ist, weil sie sich für die Rechte der Kurd:innen eingesetzt hat. pic.twitter.com/ZSWBqyvwD0

— Kerem Schamberger (@KeremSchamberg) March 27, 2026

Langjähriges Engagement hervorgehoben

In Redebeiträgen wurde Akmese als eine in der kurdischen Community fest verankerte und respektierte Persönlichkeit beschrieben. Unter dem Namen „Mutter Zübeyde“ habe sie über viele Jahre hinweg insbesondere junge Geflüchtete unterstützt, etwa bei der Suche nach anwaltlicher Hilfe und im Umgang mit Behörden. Zudem habe sie sich für den Erhalt der kurdischen Sprache und kulturelle Arbeit eingesetzt sowie politische Entwicklungen in Kurdistan begleitet und entsprechende Veranstaltungen organisiert.

Solidarität und politische Forderungen

Während der Protestaktion wurden Parolen wie „Freiheit für Zübeyde“, „Freiheit für alle politischen Gefangenen“ und „Jin, Jiyan, Azadî“ (Frau, Leben, Freiheit) gerufen. Die Teilnehmenden forderten die sofortige Freilassung der Aktivistin und kritisierten die strafrechtliche Verfolgung politisch engagierter Kurd:innen in Deutschland.

https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/azadI-festnahme-von-aktivistin-in-munchen-ist-fatales-signal-50773 https://deutsch.anf-news.com/frauen/yjk-e-verurteilt-inhaftierung-von-zubeyde-akmese-50758 https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/kurdische-aktivistin-in-munchen-verhaftet-50745

 

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Tod von Rojin Kabaiş: Proteste gegen Vertuschung und Straflosigkeit

28. März 2026 - 10:00

In mehreren Städten der Türkei haben Frauen am Freitagabend Aufklärung im Fall der kurdischen Studentin Rojin Kabaiş gefordert. 18 Monate nach ihrem verdächtigen Tod in Wan (tr. Van) seien die Umstände weiterhin ungeklärt, erklärten Ortsgruppen der „Kommission Gerechtigkeit für Rojin“ bei zeitgleichen Aktionen in Izmir, Istanbul und Ankara. In einer gemeinsamen Erklärung warfen sie den zuständigen Behörden vor, keine wirksame und transparente Untersuchung zu führen.

„Stattdessen werden Beweise zurückgehalten und das Verfahren gezielt in die Länge gezogen. Seit 18 Monaten wird unsere Forderung nach Aufklärung ignoriert“, so die Initiativen. Besonders kritisiert wird, dass zentrale Ermittlungsschritte weiterhin ausstehen. So sei das Mobiltelefon von Rojin Kabaiş noch immer nicht ausgewertet worden. „Das ist kein technisches Problem, sondern Teil einer Praxis, die Täter schützt“, hieß es.

Izmir

Zudem fordern die Aktivistinnen Aufklärung über zwei männliche DNA-Spuren, die an Rojins Körper festgestellt wurden. Darüber hinaus erhoben sie den Vorwurf, dass die Familie der Studentin von verschiedenen Kreisen bedroht worden sei, sich nicht öffentlich über den Tod Kabaiş‘ zu äußern, während engagierte Frauen von Behörden mit dem Vorwurf der „Desinformation“ konfrontiert würden.

Zweifel an offizieller Darstellung

Die Aktivistinnen widersprachen auch mit Nachdruck der Darstellung, es könne sich um einen Suizid handeln. Sie sehen stattdessen Hinweise auf einen Feminizid und werfen staatlichen Stellen vor, Gewalt gegen Frauen systematisch zu verharmlosen oder zu verdecken. „Rojins Fall ist kein Einzelfall, sondern steht exemplarisch für den Umgang mit Feminiziden. Immer wieder werden Todesfälle von Frauen als Unfall oder Suizid dargestellt, während tatsächliche Gewaltverbrechen nicht konsequent verfolgt werden“, die die Initiativen.

Kritik an staatlichen Institutionen

In der Erklärung wurde auch die Rolle verschiedener Institutionen kritisiert, darunter Justizbehörden, das Institut für Rechtsmedizin sowie staatliche Einrichtungen. Diese würden durch ihr Vorgehen dazu beitragen, dass Verantwortliche nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Die Initiativen sprechen in diesem Zusammenhang von einer „Politik der Straflosigkeit, die Gewalt gegen Frauen begünstigt“.

Forderung nach unabhängiger Aufklärung

Die Demonstrierenden forderten unter anderem die vollständige Offenlegung der Ermittlungsakte, die Auswertung aller Beweismittel sowie eine Ausweitung der Untersuchungen. Verantwortliche für Verzögerungen und mögliche Vertuschung müssten zur Rechenschaft gezogen werden. Zugleich betonen sie: „Gerechtigkeit kann nur durch anhaltenden gesellschaftlichen Druck erreicht werden. Der Tod von Rojin Kabaiş steht stellvertretend für zahlreiche ungeklärte Morde an Frauen.“

Familie: Umgang mit Fall erhärtet Feminizid-These

Rojin Kabaiş war Studentin an der Universität Yüzüncü Yıl in Wan. Im Oktober 2024 wurde die 21-Jährige 18 Tage nach ihrem Verschwinden aus einem Wohnheim für Studentinnen am Ufer des Wan-Sees tot aufgefunden. Die Ermittlungsbehörden stellten frühzeitig die These eines Suizids in den Raum – eine Deutung, die von ihrer Familie und deren Rechtsbeistand von Beginn an entschieden in Zweifel gezogen wurde. Auf das erste forensische Gutachten, das Hinweise auf mögliche sexualisierte Gewalt enthält, erhielt der Rechtsbeistand der Familie erst fast ein Jahr nach dem Tod der Frau Zugriff. Die Angehörigen und ihre Anwält:innen gehen davon aus, dass die Studentin ermordet wurde.

https://deutsch.anf-news.com/menschenrechte/handy-von-rojin-kabais-kann-nicht-entschlusselt-werden-50652 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/tod-von-rojin-kabais-familie-kritisiert-ermittlungen-und-berichtet-von-drohungen-48837 https://deutsch.anf-news.com/frauen/dna-funde-kontamination-im-fall-rojin-kabais-ausgeschlossen-48827

 

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DEM-Vorsitzender fordert Klärung des Status von Abdullah Öcalan

28. März 2026 - 8:00

Der Ko-Vorsitzende der DEM-Partei, Tuncer Bakırhan, hat eine Klärung des Status des kurdischen Repräsentanten Abdullah Öcalan auf der türkischen Gefängnisinsel Imrali gefordert. Anlass sind die laufenden Gespräche im Rahmen des Prozesses für Frieden und eine demokratische Gesellschaft, zuletzt ein mehrstündiges Treffen zwischen der Imrali-Delegation der DEM-Partei, staatlichen Stellen und Öcalan.

Bakırhan erklärte in einer Sendung bei Medya Haber TV, das am Freitag geführte Gespräch habe mehr als fünf Stunden gedauert und sei in einer Phase intensiver Diskussionen über den Fortgang des Dialogprozesses geführt worden. „Es war ein wichtiges Treffen in einer kritischen Phase“, sagte er. Die Inhalte würden derzeit ausgewertet und sollen in den nächsten Tagen der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Positives Treffen in „kritischer Phase“

Das Treffen bewertete Bakırhan insgesamt als positiv, sprach jedoch zugleich von einem langsamen Fortschritt. „Es gab keine negative Situation“, sagte er. Beide Seiten hätten ihren Willen bekräftigt, den Prozess weiterzuführen. Zugleich machte der Politiker deutlich, dass der Dialog nicht einseitig vorangebracht werden könne. „Während die kurdische Seite bereits zahlreiche Schritte unternommen hat, sind nun konkrete Maßnahmen der Regierung erforderlich, um die nächste Phase einzuleiten.“

Tuncer Bakırhan | Archivbild / DEM

Status und Bedingungen auf Imrali

In diesem Zusammenhang rückte Bakırhan die Bedingungen auf Imrali in den Mittelpunkt. Für den weiteren Verlauf des Prozesses sei entscheidend, unter welchen Voraussetzungen die Gespräche geführt werden. Der Politiker stellte dabei die Frage nach dem Status der Einrichtung selbst: „Es gibt eine neue Anlage auf der Insel, aber was ist ihr Status?“ Bakırhan betonte, eine so grundlegende politische Frage wie die kurdische könne nicht unter den bestehenden Bedingungen weitergeführt werden. „Diese 100-jährige Frage lässt sich nicht in einer zwölf Quadratmeter großen Zelle lösen“, sagte er.

Forderung nach Zugang auf die Insel

Bakırhan forderte, dass Öcalan unter Bedingungen arbeiten könne, die dem politischen Charakter des Prozesses entsprechen. Dazu gehörten verbesserte Kommunikationsmöglichkeiten sowie ein erleichterter Zugang für Anwält:innen, politische Vertreter:innen und Gesprächspartner:innen. Der DEM-Vorsitzende betonte, dass für eine Verbesserung der Kommunikationsbedingungen keine neuen Gesetze erforderlich seien. Bestehende Einschränkungen könnten kurzfristig aufgehoben werden.

„Dass die Beteiligten dieses Prozesses miteinander sprechen, Fragen stellen und Antworten geben können, würde einen großen Beitrag leisten“, sagte Bakırhan. Auch kündigte er an, dass Vertreter:innen seiner Partei in naher Zukunft erneut Gespräche auf Imrali führen könnten. Mit Blick auf die aktuelle politische Lage in der Region unterstrich Bakırhan die Dringlichkeit weiterer Schritte. „Die kurdische Frage ist kein Thema, das man je nach politischer Lage aufschieben kann, sie ist dringlich“, sagte er. Der Prozess müsse schrittweise vorangebracht werden, dürfe aber nicht weiter ins Stocken geraten.

https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/Ocalan-es-liegt-in-unserer-hand-dieses-jahr-zu-einem-jahr-der-freiheit-zu-machen-50801 https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/dem-partei-kundigt-besuch-auf-imrali-an-50875 https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/dem-sprecherin-dogan-drangt-auf-tempo-im-friedensprozess-50882

 

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UN sehen mögliche Kriegsverbrechen bei Massakern in drusischen Gebieten

28. März 2026 - 8:00

Ein neuer Bericht der Vereinten Nationen erhebt schwere Vorwürfe zu den Gewalteskalationen im südsyrischen Suweida im Juli. Demnach wurden mehr als 1.700 Menschen getötet und rund 200.000 weitere vertrieben. Die UN-Untersuchungskommission spricht von möglichen Kriegsverbrechen und sieht Anhaltspunkte dafür, dass auch Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorliegen könnten. Der Bericht basiert auf mehr als 400 Zeugenaussagen sowie Untersuchungen vor Ort. Die Ermittler:innen dokumentierten großflächige Zerstörungen, insbesondere in drusischen Siedlungsgebieten, wo zahlreiche Häuser, Geschäfte und religiöse Stätten niedergebrannt wurden.

Drei Wellen der Gewalt

Nach Darstellung der Kommission entwickelte sich die Eskalation in drei Phasen. In der ersten und tödlichsten Phase zwischen dem 14. und 16. Juli gingen syrische Regierungstruppen gemeinsam mit verbündeten sunnitischen Stammesmilizen gezielt gegen die drusische Zivilbevölkerung vor. Dabei kam es zu Tötungen, Folter, willkürlichen Festnahmen und Plünderungen. Männer wurden demnach gezielt von ihren Familien getrennt und hingerichtet.

In der zweiten Phase griffen drusische bewaffnete Gruppen ihrerseits Beduin:innen an. Auch hier dokumentiert der Bericht schwere Menschenrechtsverletzungen, darunter Tötungen, Vertreibungen und Misshandlungen. Große Teile der Beduinenbevölkerung wurden aus ihren Siedlungsgebieten vertrieben.

Die dritte Phase war von Vergeltungsangriffen geprägt. Bewaffnete Stammesmilizen griffen erneut drusische Gemeinden an, zerstörten Dörfer und verübten weitere Übergriffe auf die Zivilbevölkerung. Berichten zufolge beteiligten sich auch einzelne Angehörige staatlicher Truppen an diesen Angriffen.

Systematische Gewalt gegen Zivilbevölkerung

Die UN-Kommission dokumentierte in allen Phasen schwerste Menschenrechtsverletzungen, darunter außergerichtliche Hinrichtungen, Folter und sexualisierte Gewalt. Besonders Männer und Jungen seien gezielt angegriffen worden, während Frauen und Mädchen von sexualisierter Gewalt betroffen waren. Die Angriffe folgten laut Bericht klaren Mustern entlang religiöser und ethnischer Zugehörigkeit. Sowohl Drus:innen als auch Beduin:innen wurden gezielt aufgrund ihrer Identität angegriffen. Krankenhäuser waren zeitweise überlastet, während sich die Zahl der Toten weiter erhöhte.

Besonders schwer betroffen von der Gewalt war die drusische Bevölkerung. Nach Angaben der UN wurden 1.190 Männer, 99 Frauen sowie zahlreiche Kinder getötet, darunter 22 Jungen und 31 Mädchen. Die Opfer auf Seiten der Beduinengemeinschaft: 53 Männer, neun Frauen, fünf Jungen und drei Mädchen, die getötet wurden.

Massive Vertreibungen und anhaltende Instabilität

Die Gewalt führte zu einer der größten Vertreibungswellen der Region. Von den rund 200.000 Vertriebenen könnten etwa 155.000 – hauptsächlich aus niedergebrannten drusischen Dörfern – bis heute nicht in ihre Heimat zurückkehren. Fast die gesamte Beduinenbevölkerung sei ebenfalls weiterhin vertrieben. Und auch heute bleibe die Region weiterhin gespalten. Kämpfe dauerten an, und politische Lösungsansätze kämen kaum voran. Auch andere Bevölkerungsgruppen berichteten von anhaltender Unsicherheit und wachsender Angst vor neuer Gewalt. Die seit dem 20. Juli geltende Waffenruhe ist äußerst fragil.

Rolle externer Akteure

Der Bericht verweist zudem auf die Rolle externer Akteure. Militärische Eingriffe Israels hätten zur weiteren Destabilisierung beigetragen und Spannungen zusätzlich verschärft. Zugleich habe gezielte Desinformation in sozialen Medien die Eskalation weiter angeheizt. Die UN fordern umfassende und unabhängige Untersuchungen aller Beteiligten – unabhängig von Rang oder Zugehörigkeit. Nur durch konsequente Aufarbeitung könne Vertrauen wiederhergestellt und eine weitere Eskalation verhindert werden. Zugleich ruft die Kommission die internationale Gemeinschaft auf, die Bemühungen zur Sicherung von Rechtsstaatlichkeit und Rechenschaftspflicht in Syrien zu unterstützen. Ohne konkrete Schritte drohe eine Fortsetzung der Gewalt.

https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/drei-massengraber-in-suweida-gefunden-49198 https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/drusischer-fuhrer-fordert-internationale-untersuchung-zu-verbrechen-in-suweida-47468 https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/berlin-gesellschaftliche-gruppen-warnen-vor-radikalisierung-in-syrien-47245 https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/suweida-kampfverbande-schliessen-sich-zur-nationalgarde-zusammen-47654 https://deutsch.anf-news.com/frauen/hts-gebiete-751-frauen-getotet-oder-entfuhrt-48935

 

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Vor Iran-Kongress in London: PJAK erhebt Vorwürfe der politischen Ausgrenzung

28. März 2026 - 3:00

Kurz vor Beginn des sogenannten „Iran Freedom Congress“ in London hat die Partei für ein freies Leben in Kurdistan (PJAK) scharfe Kritik an den Organisatoren geübt. Sie wirft ihnen vor, sie trotz vorheriger Einladung gezielt aus dem Prozess ausgeschlossen zu haben.

Nach Angaben des Diplomatie-Komitees der PJAK hatte die Partei zunächst an Gesprächen mit den Veranstalter:innen teilgenommen und ihre Teilnahme zugesagt. „Wir haben uns in gutem Glauben eingebracht, unsere Positionen dargelegt und eine offizielle Einladung erhalten“, erklärte das Komitee. Später seien ihre Vertreter:innen jedoch ohne nachvollziehbare Begründung von der Teilnehmerliste gestrichen worden.

Vorwurf intransparenter Entscheidungen

Die PJAK sieht in dem Vorgehen einen Bruch mit den eigenen Ansprüchen des Kongresses. Besonders kritisch bewertet die Partei die Einrichtung eines sogenannten Koordinierungsrats, der Entscheidungen im Hintergrund getroffen habe. „Uns wurde gesagt, es gehe lediglich um Koordination. Tatsächlich wurde dieses Gremium jedoch zu einem Instrument, um Entscheidungen hinter verschlossenen Türen zu treffen und bestimmte Akteure auszuschließen“, erklärte das Komitee. Die Struktur erinnere eher an „autoritäre Kontrollmechanismen“ als an ein demokratisches Verfahren.

Hinweise auf Einflussnahme

Zudem äußerte die PJAK den Verdacht, dass externe Einflussfaktoren eine Rolle gespielt haben könnten. Mitglieder des Organisationsteams hätten selbst von „verborgenen Kräften“ gesprochen, die den Ausschluss beeinflusst hätten. In diesem Zusammenhang verweist die Partei auch auf Berichte über mögliche Einflussnahmen anderer kurdischer Parteien. Eine direkte Verantwortung weist sie jedoch vor allem den Organisator:innen des Kongresses zu, die angeführt werden vom Londoner Unternehmer Majid Zamani.

Kritik an Oppositionsverständnis

Über den konkreten Vorfall hinaus formuliert die PJAK grundsätzliche Kritik an Teilen der iranischen Opposition. Der Anspruch, für Demokratie einzutreten, werde durch solche Praktiken untergraben. „Die Opposition gegen die Islamische Republik bedeutet nicht automatisch, demokratisch zu handeln“, erklärte das Komitee. Ohne grundlegende Veränderungen drohe die Reproduktion autoritärer Muster innerhalb oppositioneller Strukturen.

Offene Fragen und Forderungen

Die PJAK fordert eine transparente Aufklärung der Entscheidung und klare Antworten der Organisator:innen. Unter anderem stellt sie die Frage, ob politischer Druck von außen zu ihrem Ausschluss geführt habe und ob weitere Gruppen betroffen sein könnten. Eine Stellungnahme der Organisatoren lag zunächst nicht vor.

Der „Iran Freedom Congress“, der in London stattfinden soll, wird von Teilen der iranischen Opposition als Versuch dargestellt, unterschiedliche Kräfte zu bündeln. Die jüngsten Vorwürfe werfen jedoch Fragen nach inneren Spannungen und der tatsächlichen Offenheit des Prozesses auf.

https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/pjak-unterstutzt-initiative-fur-kurdische-einheit-und-ruft-zu-nationalkongress-auf-50889 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/pjak-weist-spekulationen-um-zusammenarbeit-mit-den-usa-zuruck-50854 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/rojhilat-pjak-sieht-einheit-als-schlussel-fur-neue-politische-phase-50836

 

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Berlin und Damaskus schließen Vereinbarung zum Katastrophenschutz

27. März 2026 - 23:00

Deutschland und Syrien wollen künftig enger im Katastrophenschutz zusammenarbeiten. Eine entsprechende Vereinbarung unterzeichneten Bundesinnenminister Alexander Dobrindt und der syrische Minister für Notfall- und Katastrophenmanagement, Raed al-Saleh, am Freitag in Berlin. Im Rahmen der Kooperation soll das Technische Hilfswerk (THW) den Aufbau von Strukturen in Syrien unterstützen. Geplant sind unter anderem die bessere Ausstattung von Einsatzkräften sowie der Wiederaufbau von Einsatzzentren, hieß es aus dem Innenministerium.

Ziel ist es nach Angaben des Ressorts, die Reaktionsfähigkeit auf Krisen und Katastrophen zu verbessern. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Ausbildung von Einsatzkräften sowie auf der Entwicklung langfristig tragfähiger Strukturen im Bevölkerungsschutz. Darüber hinaus soll die Einbindung von Freiwilligen gestärkt werden. Das THW will seine Erfahrungen beim Aufbau ehrenamtlicher Strukturen einbringen und dabei helfen, klare organisatorische Rahmenbedingungen zu schaffen.

Innenminister Dobrindt erklärte, ein funktionierender Katastrophenschutz sei ein wichtiger Faktor für Stabilität. Deutschland wolle Syrien beim Wiederaufbau unterstützen und dabei insbesondere seine Expertise im Bevölkerungsschutz einbringen. Das THW ist die zentrale Einsatzorganisation des Bundes im Katastrophenschutz und wird überwiegend von Ehrenamtlichen getragen. Nach Angaben des Ministeriums engagieren sich rund 88.000 Freiwillige in der Organisation, die sowohl im Inland als auch international im Einsatz ist.

Die Vereinbarung fällt in eine Phase intensiverer Kontakte zwischen Berlin und Damaskus. Für Montag wird der Besuch des selbsternannten syrischen Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa alias Abu Muhammad al-Jolani in Berlin erwartet. Bei Gesprächen mit Bundeskanzler Friedrich Merz soll es unter anderem um den Wiederaufbau Syriens gehen. Zahlreiche Gruppen und Organisationen haben Proteste gegen den Empfang angekündigt.

https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/gfbv-kein-roter-teppich-fur-kriegsverbrecher-und-islamisten-50901 https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/syriens-Ubergangsprasident-kommt-am-montag-nach-berlin-50872 https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/nrls-bericht-1-200-zivilist-innen-bei-angriffen-auf-kurd-innen-getotet-50434

 

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GfbV: Kein roter Teppich für Kriegsverbrecher und Islamisten!

27. März 2026 - 17:00

Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) kritisiert den geplanten Empfang des syrischen Machthabers Ahmed al-Scharaa in Berlin scharf und fordert seine Ausladung. „Die Bundesregierung hofiert bewusst einen Top-Islamisten, Terroristen und Kriegsverbrecher. Das ist nicht nur ignorant, sondern verantwortungslos“, betonte der GfbV-Nahostreferent Dr. Kamal Sido am Freitag in Göttingen. „Wir fordern Bundeskanzler Merz ausdrücklich dazu auf, al-Scharaa wieder auszuladen. Sein Empfang sendet ein verheerendes Signal an alle, die sich für Demokratie, Frauenrechte und Glaubensfreiheit in Syrien einsetzen. Al-Scharaa muss verhaftet und vor Gericht gestellt werden, nicht den roten Teppich ausgerollt bekommen.“

Nach der Absage seines Besuchs im Januar soll al-Scharaa am kommenden Montag nach Berlin kommen und von Bundeskanzler Friedrich Merz empfangen werden. Bereits im Januar forderten die GfbV und zahlreiche Verbände ethnischer und religiöser Minderheiten aus Syrien, die deutsche Bundesregierung auf, al-Scharaa auszuladen. In diesem Zusammenhang fanden zahlreiche Kundgebungen und Mahnwachen statt, die den Umgang der Bundesregierung mit der islamistischen Regierung in Damaskus scharf kritisierten.

„Die Lage in Syrien ist alles andere als sicher“

„Aufgrund des brutalen Vorgehens des Regimes gegen Minderheiten, Frauen und Oppositionelle droht in Syrien ein neuer Bürgerkrieg und eine dauerhafte Zersplitterung des Landes“, sagte Sido. „Es ist absurd, dass die Bundesregierung den Mann hofiert und einlädt, der dafür verantwortlich ist, um Abschiebungen zu erleichtern. Die Lage in Syrien ist alles andere als sicher. Das zeigt sich auch daran, dass seit dem Sturz des Assad-Regimes kaum Syrer freiwillig in ihre Heimat zurückgekehrt sind“, so der Menschenrechtler.

Mit ihrer Syrien-Politik gefährde die Bundesregierung nicht nur die Sicherheit und das Leben der ethnischen und religiösen Minderheiten in Syrien, sondern auch das friedliche Zusammenleben in Deutschland. „Al-Scharaa und sein Regime verbreiten auch unter den Syrern in Deutschland ihre menschenverachtende Ideologie. Sie schüren Hass gegen Drusen, Alawiten und Kurden sowie gegen Juden und Israel“, betonte der GfbV-Nahostreferent.

Vorwürfe gegen al-Scharaa

Nach Angaben der GfbV ist die Liste der Verbrechen, für die Ahmed al-Scharaa verantwortlich gemacht wird, lang. Bereits 2003 wurde er unter dem damaligen syrischen Präsidenten Baschar al-Assad aus der Haft entlassen und schloss sich im Irak radikal-islamistischen Milizen wie al-Qaida an. Dort war er an Anschlägen beteiligt, die sich nicht nur gegen US-Truppen, sondern auch gegen religiöse Minderheiten richteten und zur Vertreibung zehntausender Menschen führten.

Nach seiner Festnahme durch die USA und seiner Freilassung im Jahr 2011 kehrte al-Scharaa nach Syrien zurück. Dort gründete er im Umfeld dscihadistischer Netzwerke mehrere Terrororganisationen und war an Angriffen auf Zivilist:innen beteiligt, darunter auch auf Angehörige religiöser Minderheiten sowie oppositionelle Kräfte. Die USA stuften ihn als einen der meistgesuchten Terroristen ein und setzten ein Kopfgeld auf ihn aus.

Massaker an Alawit:innen, Drus:innen und Kurd:innen

Seit seiner Machtübernahme Ende 2024 werden seinem Umfeld weiterhin schwere Menschenrechtsverbrechen vorgeworfen. Laut der GfbV ließ er im März 2025 in Syriens Küstenregionen 30.000 bis 60.000 Alawit:innen ermorden, verletzen oder vertreiben. Zahlreiche Frauen wurden verschleppt und vergewaltigt. Im Juli 2025 ließ er die drusische Minderheit im Süden Syriens angreifen. Auch hier verschleppten und vergewaltigten die Angreifer viele Frauen und setzten zahlreiche drusische Dörfer in Brand.

Ende 2025 und Anfang 2026 begann sein Regime, systematisch die Kurd:innen in Rojava sowie im Nordosten Syriens anzugreifen und zu vertreiben. Die Selbstverwaltung wurde dabei weitgehend zerstört und Zehntausende IS-Anhänger aus den Gefängnissen entlassen, die unter anderem am Genozid an den Ezid:innen 2014 beteiligt waren. Zudem wird seiner Übergangsregierung vorgeworfen, eine zunehmend islamistisch geprägte Ordnung durchzusetzen, die insbesondere religiöse Minderheiten weiter unter Druck setzt.

https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/syriens-Ubergangsprasident-kommt-am-montag-nach-berlin-50872 https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/nrls-bericht-1-200-zivilist-innen-bei-angriffen-auf-kurd-innen-getotet-50434 https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/al-scharaa-kommt-vorerst-nicht-nach-deutschland-49788 https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/maf-dad-empfang-von-al-scharaa-wirft-volkerrechtliche-fragen-fur-deutschland-auf-49771

 

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Nach Tod von Efe Tektekin: Verfahren gegen Polizisten wird neu aufgerollt

27. März 2026 - 17:00

Im Fall des 2019 durch den Lenker eines Wasserwerfers der türkischen Polizei in Amed (tr. Diyarbakır) getöteten fünfjährigen Efe Tektekin wird das Verfahren gegen den verantwortlichen Polizisten Idris Aksoy neu aufgerollt. Nach einem Freispruch und jahrelangen juristischen Auseinandersetzungen hat die Staatsanwaltschaft erneut Anklage wegen fahrlässiger Tötung erhoben.

Die neue Anklageschrift wurde am 5. März erstellt und vom zuständigen Gericht angenommen. Die erste Verhandlung ist für den 28. September angesetzt. Grundlage der Anklage ist weiterhin die Einschätzung, dass dem angeklagten Beamten zumindest eine Mitschuld an dem tödlichen Vorfall anzulasten ist.

Freispruch trotz tödlichen Vorfalls

Bereits im ersten Verfahren war der Polizist wegen fahrlässiger Tötung angeklagt worden. Die Staatsanwaltschaft hatte eine Haftstrafe von zwei bis sechs Jahren gefordert. Die 9. Strafkammer des Landgerichts Diyarbakır sprach den Beamten jedoch im März 2022 in erster Instanz frei. Zentrale Grundlage für den Freispruch waren Gutachten, die die Verantwortung des Fahrers relativierten.

In einem verkehrstechnischen Gutachten wurde dem Polizisten lediglich eine untergeordnete Mitschuld zugeschrieben, während dem Vater des Kindes vorgeworfen wurde, seine Aufsichtspflicht verletzt zu haben. Ein weiteres Gutachten des Instituts für Rechtsmedizin ging noch weiter und erklärte, dem Fahrer könne überhaupt kein Verschulden nachgewiesen werden. Stattdessen seien altersbedingte Verhaltensweisen des Kindes ausschlaggebend für den Unfall gewesen.

Berufungsgericht hebt Urteil auf

Gegen den Freispruch legten die Anwält:innen der Familie Rechtsmittel ein. Das regionale Berufungsgericht hob das Urteil schließlich auf, jedoch nicht inhaltlich, sondern aus verfahrensrechtlichen Gründen. Das Gericht stellte fest, dass für die strafrechtliche Verfolgung eines Beamten im Dienst eine behördliche Genehmigung erforderlich gewesen wäre. Da diese im ursprünglichen Verfahren nicht eingeholt worden war, sei das Verfahren rechtswidrig geführt worden.

Jahrelange Blockade der Strafverfolgung

In der Folge wurde das Verfahren ausgesetzt und ein Verwaltungsprozess zur Einholung der notwendigen Genehmigung eingeleitet. Zunächst verweigerten die zuständigen Behörden die Erlaubnis, gegen den Polizisten zu ermitteln. Erst nach weiteren Einsprüchen wurde diese Entscheidung aufgehoben. Das zuständige Verwaltungsgericht gab der Beschwerde statt und machte damit den Weg für eine erneute Strafverfolgung frei. Die erneute Anklage erfolgte schließlich im März und damit mehr als sechs Jahre nach dem Tod des Kindes.

Der Vorfall von 2019

Efe Tektekin war am 11. September 2019 in Ameds Stadtteil Rezan (Bağlar) von einem gepanzerten Wasserwerferfahrzeug – kurz TOMA – erfasst worden, als er die Straße überquerte. Zwei Tage später erlag er in einem Krankenhaus seinen schweren Verletzungen. Der verantwortliche Polizist Idris Aksoy erklärte nach dem Tod des Fünfjährigen, er habe das Kind aufgrund der Höhe des Fahrzeugs, des eingeschränkten Sichtfelds und der Körpergröße des Kindes nicht sehen können.

Zweiter Todesfall an gleicher Stelle

Besonders gravierend ist, dass sich bereits ein Jahr zuvor ein ähnlicher Vorfall an derselben Stelle ereignet hatte. Im Juni 2018 wurde Efes Großvater Mehmet Tektekin ebenfalls von einem TOMA-Wagen erfasst und tödlich verletzt. Dass innerhalb kurzer Zeit zwei Familienmitglieder am selben Ort unter vergleichbaren Umständen ums Leben kamen, verleiht dem Fall zusätzliche Brisanz.

Mit der nun erhobenen Anklage beginnt das Verfahren erneut. Obwohl dem Polizisten weiterhin lediglich eine „untergeordnete Mitschuld“ zugeschrieben wird, sieht die Staatsanwaltschaft genügend Anhaltspunkte für eine strafrechtliche Verantwortlichkeit.

Der Fall Efe Tektekin steht exemplarisch für langwierige Verfahren, in denen die strafrechtliche Verfolgung von Staatsbediensteten in den kurdischen Provinzen durch administrative Hürden verzögert wird. Erst nach mehreren gerichtlichen Entscheidungen konnte das Verfahren nun erneut eröffnet werden.

https://deutsch.anf-news.com/menschenrechte/milde-strafe-fur-polizisten-im-fall-Sahin-Oner-50729 https://deutsch.anf-news.com/menschenrechte/jurist-gerichte-begunstigen-straflosigkeit-bei-todlicher-polizeigewalt-50404 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/panzerunfall-keine-anklage-nach-tod-eines-siebenjahrigen-47314 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/auswirkungen-von-militarisierung-und-krieg-auf-kinder-31052 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/riha-kind-von-panzerwagen-uberrollt-und-schwer-verletzt-28917

 

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IHD-Bericht dokumentiert tausende Menschenrechtsverletzungen in Kurdistan

27. März 2026 - 17:00

Der Menschenrechtsverein IHD hat für das Jahr 2025 mindestens 2.671 Menschenrechtsverletzungen in den kurdischen Provinzen der Türkei dokumentiert. Der am Freitag in Amed (tr. Diyarbakır) vorgestellte Bericht spricht von einer anhaltenden und systematischen Verschärfung der Lage. Rechtsanwalt Ercan Yılmaz, der zugleich Vorsitzender der IHD-Zweigstelle in Amed ist, betonte bei der Vorstellung, dass die Verstöße nicht als Einzelfälle zu bewerten seien, sondern eine klare Struktur aufweisen. „Sicherheitsorientierte Politik, repressive Maßnahmen und diskriminierende Rhetorik haben den Druck auf die Bevölkerung weiter erhöht. Eine zentrale Ursache sehen wir in der weiterhin ungelösten kurdischen Frage“, so der Jurist.

Politische Festnahmen, Todesfälle in Haft, extralegale Hinrichtungen

Besonders deutlich zeige sich dies bei Eingriffen in grundlegende Freiheitsrechte. Versammlungen würden häufig durch administrative Entscheidungen eingeschränkt, während gegen oppositionelle Politiker:innen, Aktivist:innen sowie Menschenrechtsverteidiger:innen ermittelt und Haftstrafen verhängt würden. Allein 2025 wurden dem Bericht zufolge mindestens 588 Menschen in den kurdischen Provinzen aus politischen Gründen festgenommen, mindestens 83 von ihnen inhaftiert. Auch schwere Eingriffe in das Recht auf Leben werden dokumentiert. Dazu zählen Todesfälle in Haft, mutmaßliche außergerichtliche Tötungen sowie Todesfälle infolge behördlicher Fahrlässigkeit. Hinzu kommen zahlreiche ungeklärte Todesfälle und steigende Suizidzahlen, die laut dem IHD dringend unabhängiger Aufklärung bedürfen.

Kategorie Fälle Gesamtzahl der Verstöße 2.671 Festnahmen mind. 588 Inhaftierungen mind. 83 Todesfälle gesamt mind. 73 Verletzte mind. 338 Todesfälle in Haft 12 Verdächtige Todesfälle / Angebliche Suizide 85 Folter (gesamt) über 300 Fälle Frauen getötet (Gewalt) mind. 40 Kinder von Missbrauch betroffen über 30 Verstöße gegen Meinungsfreiheit 24 Ermittlungsverfahren 54 Strafverfahren 13


Folter und Misshandlungen in Gefängnissen

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Folter und Misshandlung. Der Bericht dokumentiert entsprechende Vorfälle sowohl in Gewahrsam und in Gefängnissen als auch außerhalb staatlicher Einrichtungen. Zudem werden Fälle geschildert, in denen Personen bedroht oder zur Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen gezwungen worden sein sollen. Auch die Situation in den Gefängnissen hat sich laut Bericht weiter verschärft. Zwangsverlegungen, eingeschränkter Zugang zu medizinischer Versorgung sowie Isolation und Kommunikationsbeschränkungen prägen demnach den Haftalltag. Willkürliche Disziplinarstrafen und verschobene Entlassungen führten zu zusätzlichen Belastungen für die Gefangenen. Darüber hinaus verweist der IHD auf anhaltende Gewalt gegen Frauen und Kinder. Mehrere Frauen wurden Opfer eines Feminizids oder im Kontext häuslicher oder gesellschaftlicher Gewalt verletzt, während auch Fälle von Missbrauch und Gewalt gegen Kinder dokumentiert wurden.

Verbesserung der Menschenrechtslage durch Frieden möglich

Der Bericht stellt zudem einen Zusammenhang zwischen den Menschenrechtsverletzungen und der politischen Gesamtlage her. „Zwar gibt es Ansätze für einen Dialog im Rahmen des Prozesses für Frieden und eine demokratische Gesellschaft“, so Yılmaz. „Konkrete Verbesserungen für die Bevölkerung sind bislang jedoch ausgeblieben.“ Mangelnde Transparenz und fehlende Beteiligung breiter gesellschaftlicher Gruppen hätten das Vertrauen in diesen Prozess geschwächt. Der IHD fordert in diesem Zusammenhang konkrete Maßnahmen zur Beendigung der systematischen Menschenrechtsverletzungen. Dazu zählen die Umsetzung internationaler Gerichtsurteile, die Einhaltung rechtsstaatlicher Standards sowie eine politische Lösung der kurdischen Frage. „Ohne solche Schritte ist weder eine nachhaltige Verbesserung der Menschenrechtslage noch ein stabiler gesellschaftlicher Frieden möglich“, so die Organisation.

https://deutsch.anf-news.com/menschenrechte/rechtsorganisationen-dokumentieren-systematische-misshandlungen-in-merdin-50034 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/kurdischer-demonstrant-an-der-grenze-schwer-misshandelt-49859 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/tranengas-gegen-demonstrierende-in-amed-49803 https://deutsch.anf-news.com/menschenrechte/ihd-jahresbericht-anhaltende-menschenrechtsverletzungen-in-colemerg-50509 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/unteroffizier-wegen-gewalt-gegen-kind-in-colemerg-angeklagt-48659 https://deutsch.anf-news.com/menschenrechte/ihd-chronische-missstande-in-turkischen-gefangnissen-48655

 

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Steinbrüche und Bergbau zerstören Ökosystem in Semsûr

27. März 2026 - 17:00

In der nordkurdischen Provinz Semsûr (tr. Adıyaman), die durch das Erdbeben von 2023 schwer verwüstet wurde, verschärft sich die ökologische Zerstörung durch den Ausbau von Bergbau- und Steinbruchprojekten. In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Anlagen deutlich gestiegen. Besonders sichtbar wird dies auf der rund 27 Kilometer langen Strecke zwischen dem Stadtzentrum und dem Landkreis Çêlîk (Çelikhan): Entlang dieser Route befinden sich inzwischen sieben Steinbrüche sowie eine Mine des Unternehmens Eti Bakır.

Die Abbauprojekte liegen zudem in unmittelbarer Nähe bedeutender historischer Stätten wie Perrhe, einer antiken Stadt im Königreich Kommagene, der römischen Brunnenanlage und archäologischer Fundorte. Trotz dieses kulturellen Erbes schreitet die Zerstörung der Landschaft weiter voran.

Nach Angaben aus der Region führt insbesondere der intensive Abbau von Gestein und Erz zu massiven Eingriffen in das Ökosystem. Regierungsnahe Unternehmen wie Derviş Çalı, Giba, Akdaş Madencilik und Eti Bakır betreiben mehrere Anlagen. Allein die Kupferproduktion von Eti Bakır liegt demnach bei jährlich rund 159.000 Tonnen Konzentrat – ein Ausmaß, das sich auch in der zunehmenden Umweltzerstörung widerspiegelt.

Die Folgen sind vielfältig: Dichte Staubwolken aus den Steinbrüchen legen sich über landwirtschaftliche Flächen, beeinträchtigen die Photosynthese und senken die Erträge, insbesondere beim Tabakanbau. Weideflächen werden verschmutzt, während Sprengungen für den Abbau die Struktur von Böden und Wasseradern verändern. Wasserquellen trocknen aus oder verändern ihren Verlauf. Auch Gewässer sind betroffen. Im Kanîya-Mîr-Bach ist die Verschmutzung sichtbar, während sich gleichzeitig gesundheitliche Probleme unter der Bevölkerung häufen. Anwohnende klagen über Atemwegserkrankungen wie chronischen Husten, Augen- und Nasenreizungen sowie ein Engegefühl in der Brust.

Zudem führen Explosionen in den Minen zu spürbaren Erschütterungen in den umliegenden Siedlungen und erhöhen das Risiko von Erdrutschen. Besonders für viele Menschen, die noch immer unter den Folgen des Erdbebens leiden, stellen diese Erschütterungen eine zusätzliche Belastung dar. Bewohner:innen der umliegenden Dörfer berichten darüber hinaus von zunehmendem Schwerlastverkehr, anhaltender Staubbelastung, verschmutzten Wasserquellen und dem Verlust von Weideflächen für ihre Tiere. Die Kritik an den Bergbauaktivitäten wächst entsprechend.

https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/statt-wiederaufbau-verdrangung-isolation-und-stadtebauliche-ignoranz-50179 https://deutsch.anf-news.com/Oekologie/umweltverein-warnt-vor-staatlich-vorangetriebener-naturzerstorung-in-dersim-50517 https://deutsch.anf-news.com/Oekologie/Sirnex-zahl-okologisch-umstrittener-projekte-stark-gestiegen-49549 https://deutsch.anf-news.com/Oekologie/tantan-2026-muss-ein-jahr-des-widerstands-gegen-den-Okozid-werden-49572

 

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Einheitsinitiative sagt aktive Beteiligung an Projekt „Yek netewe, yek çarenûs“ zu

27. März 2026 - 17:00

Die Initiative für Demokratische Einheit hat ihre Unterstützung für das Projekt „Yek netewe, yek çarenûs“ (Eine Nation, ein Schicksal) bekräftigt und eine aktive Beteiligung angekündigt. Die Initiative äußerte sich am Freitag bei einer Kundgebung vor dem Gebäude des Vereins für gesellschaftlichen Frieden und Dialog (TOD-DER) in Amed (tr. Diyarbakır), an der zahlreiche Persönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft teilnahmen.

Das Projekt war zuvor von mehr als 200 Intellektuellen aus Südkurdistan ins Leben gerufen worden. Ziel ist es, eine breitere Verständigung innerhalb der kurdischen Gesellschaft zu fördern.

Für die Einheitsinitiative erklärte Sekretariatsmitglied Hasan Özgüneş, die Entwicklungen im Nahen Osten hätten eine Phase tiefgreifender Krisen ausgelöst, eröffneten zugleich jedoch neue politische Handlungsspielräume. „Kurdistan steht im Zentrum dieser Umbrüche. Frühere historische Chancen sind nicht ausreichend genutzt worden“, sagte er.

Vor diesem Hintergrund betonte Özgüneş die Notwendigkeit, auf die aktuellen Entwicklungen vorbereitet zu sein. Die Sicherung und Weiterentwicklung der politischen Errungenschaften der Kurd:innen sei nur durch Einheit möglich. Er verwies zudem auf die Forderungen nach Einheit, die bei den Mobilisierungen zum Internationalen Frauentag und zum Newroz-Fest deutlich zum Ausdruck gekommen seien.

„Die Entwicklungen in allen Teilen Kurdistans erlegen politischen Parteien, gesellschaftlichen Kräften und Persönlichkeiten eine historische Verantwortung auf“, so Özgüneş weiter. Die in der föderalen Kurdistan-Region des Irak gestartete Initiative für nationale Einheit bewertete er daher als wichtigen und historischen Schritt. Seine Organisation werde diesen Prozess aktiv unterstützen.

Auch der Ko-Sprecher der Initiative, Mehmet Kamaç, hob die Bedeutung kurdischer Einheit hervor. Angesichts der anhaltenden Kriege im Nahen Osten sei ein gemeinsames politisches Handeln entscheidend.

https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/Uber-200-personlichkeiten-starten-initiative-fur-kurdische-einheit-50780 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/pjak-unterstutzt-initiative-fur-kurdische-einheit-und-ruft-zu-nationalkongress-auf-50889 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/knk-begrusst-initiative-yek-netewe-yek-carenus-50863

 

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TEV-ÇAND und Hunera Mizgîn betonen Rolle des Theaters im Widerstand

27. März 2026 - 15:00

Die kurdischen Kulturorganisationen TEV-ÇAND und Hunera Mizgîn haben anlässlich des Welttheatertags am 27. März die Rolle des Theaters im gesellschaftlichen und politischen Widerstand hervorgehoben. In einer gemeinsamen Erklärung erinnerten sie zugleich an die Pionier:innen des kurdischen Theaters sowie an gefallene Kulturschaffende:

„Gegen die Dunkelheit ist unsere stärkste Kraft, das Licht unseres Bewusstseins und unseres Geistes sichtbar zu machen, es zu teilen und so das Helle zu vermehren. Wir wissen, dass der Weg dorthin darin liegt, Arbeit, Solidarität, gemeinsames Teilen und Hoffnung stärker zu organisieren. Angesichts der Vereinnahmung durch die kapitalistische Moderne, die unser Leben in einen Abgrund der Sinnentleerung zu ziehen versucht, sehen wir es als unsere grundlegende Verantwortung, die Grundlagen der demokratischen Moderne in allen Bereichen des Lebens zu stärken. Nur so können die Völker ihre kulturelle Existenz bewahren und weiterentwickeln.

Die Kunst hat sich im Laufe ihrer Geschichte stets gegen Zerstörung und Verleugnung gestellt und ist gemeinsam mit allem Gesellschaftlichen bis in die Gegenwart vorgedrungen. Das Theater etwa hat es verstanden, sein Licht durch Rituale von den Bergen in die Ebenen und durch seine Stimmen von den Straßen auf die Bühnen zu tragen, und so das Streben nach einem freien und gleichberechtigten Leben bis heute lebendig zu halten. Als Teil dieser Tradition werden auch wir unseren Stücken den Geist des Widerstands verleihen und das Feuer der Freiheit weiter entfachen. Solange wir uns das Unsrige nicht vollständig zurückgeholt haben, werden wir unsere Berge, Ebenen, Straßen und Bühnen nicht leer lassen.

In diesem Sinne bekräftigen wir unsere Verbundenheit mit dem Vermächtnis der Pionier:innen des kurdischen Theaters: mit Evdirehîm Rehmî Hekarî, der als erster Autor eines kurdischsprachigen Theatertextes gilt; mit Hevî Şanoger, der an einem 27. März geboren wurde und das freie und eigenständige Theater in den Bergen Kurdistans mitgeprägt hat; sowie mit Yekta Herekol, der dieses Erbe ebenfalls an einem 27. März mit künstlerischer Konsequenz und kritischem Anspruch weitergeführt und geprägt hat. Ebenso erinnern wir an Bavê Teyar, der die Theaterkultur der Rojava-Revolution verkörpert hat. Wir verneigen uns in Liebe und Respekt vor ihrem Andenken.

Im Licht von Sophokles, Carlo Goldoni, Rehmî Hekarî, Dario Fo, Bertolt Brecht, Hêvî, Yekta, Bavê Teyar sowie all jener, die die Theaterkunst geprägt und weitergetragen haben, gratulieren wir allen Theaterschaffenden und allen Zuschauerinnen und Zuschauern, deren Herzen für diese Kunst schlagen, herzlich zum 27. März, dem Welttheatertag.“

https://deutsch.anf-news.com/kultur/theaterkollektiv-der-guerilla-widmet-neue-arbeit-dem-andenken-an-yekta-herekol-50895 https://deutsch.anf-news.com/kultur/keypa-12500-theaterstuck-erinnert-an-das-versunkene-heskif-48520 https://deutsch.anf-news.com/kultur/kollektive-kunst-als-praxis-von-widerstand-und-hoffnung-46559

 

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Theaterkollektiv der Guerilla widmet neue Arbeit dem Andenken an Yekta Herekol

27. März 2026 - 15:00

Die Şehîd-Sefkan-Akademie und die Theaterkommune Dağ haben anlässlich des 27. März, dem Welttheatertag, sowie des 22. Todestages des revolutionären Theaterkünstlers Yekta Herekol ein neues Projekt vorgestellt. Die Ankündigung erfolgte im Rahmen eines vor Ort aufgezeichneten Videobeitags. Darin erinnerten die Mitglieder der Initiativen zunächst an die Gefallenen der kurdischen Freiheitsbewegung und würdigten deren Rolle als prägende Kraft des anhaltenden Widerstands. Die Errungenschaften der Bewegung seien untrennbar mit ihrem Einsatz verbunden, betonten sie.

Im Mittelpunkt der Erklärung steht Yekta Herekol (Erdoğan Kahraman), der von der Guerilla als „Künstler der Berge“ bezeichnet wird. Der Aktivist und Freiheitskämpfer war Anfang des 21. Jahrhundert prägend für das kurdische Theater und die Filmkunst. Im März 2004 setzte er sich am Welttheatertag im nordsyrischen Aleppo aus Protest gegen das internationale Komplott gegen Abdullah Öcalan und die Unterdrückung der kurdischen Bevölkerung durch das syrische Regime mit dem Aufruf, den revolutionären Kampf zu verstärken, selbst in Brand.

 


„Mit dieser Tat hat Yekta Herekol ein Signal gesetzt, das bis heute nachwirkt“, betonten die Mitglieder der Akademie und des Theaterkollektivs Dağ. Sie bewerten diese Aktion nicht nur als Protest, sondern auch als Ausdruck revolutionärer Kunst. Yekta Herekol habe mit seiner letzten Handlung „sein letztes Stück der Welt präsentiert“ und dem Welttheatertag eine besondere Bedeutung verliehen, hieß es.

Yekta Herekol hatte bereits vor seinem Anschluss an die kurdische Bewegung Theater gemacht, seine Kunst jedoch konsequent in den Dienst der Freiheitsidee gestellt. Nach seinem Beitritt führte er seine Arbeit in den Bergen Kurdistans fort, bildete zahlreiche Theaterakteur:innen aus und prägte die Entwicklung eines eigenständigen revolutionären Theaters. „Er war nicht nur Schauspieler, sondern auch Lehrer und Wegbereiter. Seine Arbeit hat zur Wiederbelebung der Theaterpraxis innerhalb der kurdischen Bewegung beigetragen“, so die Initiativen.

Unter Bezug auf die Aussage des kurdischen Repräsentanten Abdullah Öcalan – „Die Künstler:innen des Volkes sind seine Kämpfer:innen – und seine Kämpfer:innen sind seine Künstler:innen“ – betonten die Initiativen, Yekta Herekol habe das Verständnis verkörpert, dass Kunst und politischer Kampf untrennbar miteinander verbunden sind. Die neu erarbeitete Theaterproduktion sei deshalb ihm und allen anderen Gefallenen der Freiheitsbewegung gewidmet. Zugleich werde sie als Beitrag zum Welttheatertag verstanden. Zum Abschluss erklärten die Initiativen, das Vermächtnis Herekols lebe in der Arbeit seiner Weggefährt:innen weiter.

https://deutsch.anf-news.com/kultur/internationalistische-inszenierung-von-prometheus-in-rojava-41427 https://deutsch.anf-news.com/kultur/erbe-von-yilmaz-gueney-und-yekta-herekol-die-filmkommune-rojava-18061 https://deutsch.anf-news.com/kultur/theater-im-mikrokosmos-mexmur-16860

 

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Çiya Kobanê tritt neuen Posten als Vize-Kommandeur der 60. Division an

27. März 2026 - 13:00

Der Kommandant der Demokratischen Kräfte Syriens (QSD), Çiya Kobanê (auch bekannt als Çiya Firat, bürgerlich Hecî Mihemed Nebo), hat offiziell seine neue Funktion als stellvertretender Kommandeur der 60. Division der syrischen Armee aufgenommen. Dies teilte das Pressezentrum der QSD am Freitag in Hesekê mit.

Die bereits am Sonntag bekanntgewordene Ernennung erfolgt im Rahmen der Umsetzung des Abkommens vom 29. Januar zwischen der Selbstverwaltung und der Übergangsregierung in Damaskus, das auf eine Neuordnung der militärischen und administrativen Strukturen abzielt. In diesem Zusammenhang wird auch die Integration der QSD in die syrische Verteidigungsstruktur vorangetrieben.

Nach Angaben der QSD soll dieser Schritt die Koordination im Verteidigungsbereich stärken und die militärische Handlungsfähigkeit angesichts anhaltender Sicherheitsbedrohungen erhöhen. Gleichzeitig betonte das Bündnis, dass der Schutz der Zivilbevölkerung sowie die Stabilität in der Region weiterhin im Zentrum seiner Politik stehen.

https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/qsd-kommandant-Ciya-kobane-wird-vize-divisionschef-50821 https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/sipan-hemo-wird-stellvertretender-verteidigungsminister-syriens-50653 https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/unser-ziel-war-es-ein-massaker-an-unserer-bevolkerung-zu-verhindern-50085

 

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Razzien in Istanbul und Şirnex: Dutzende Festnahmen nach Newroz

27. März 2026 - 13:00

In der Türkei sind in mehreren Städten am Morgen zeitgleich Hausdurchsuchungen durchgeführt worden. Dabei wurden nach bisherigen Informationen mindestens 46 Menschen festgenommen, darunter auch Minderjährige.

In Istanbul drangen Einsatzkräfte in den frühen Morgenstunden in zahlreiche Wohnungen ein. Die Razzien stehen im Zusammenhang mit den diesjährigen Newroz-Feiern. Mindestens 26 Personen wurden festgenommen und auf das Polizeipräsidium gebracht.

Weitere Festnahmen in Şirnex

Auch in der kurdischen Provinz Şirnex (tr. Şırnak) kam es zu Hausdurchsuchungen. In den Landkreisen Hezex (Idil) und Cizîr (Cizre) wurden mindestens 20 hauptsächlich Menschen festgenommen, hieß es aus Anwaltskreisen. Die Maßnahmen erfolgten demnach im Rahmen eines von der Staatsanwaltschaft geführten Ermittlungsverfahrens wegen angeblicher „Terrorpropaganda“.

Berichte über Gewalt bei Festnahmen

Die Festgenommenen wurden in das Präsidium in der Provinzhauptstadt Şirnex gebracht. Nach Angaben aus dem Umfeld der Betroffenen sollen mehrere der Festgenommenen bei den Razzien misshandelt worden sein. Nähere Angaben dazu liegen bislang nicht vor. Es wird zudem damit gerechnet, dass die Zahl der Festnahmen weiter steigen könnte.

Breite Repressionswelle gegen kurdische Neujahrsfeiern

Die aktuellen Razzien stehen im Kontext einer breiteren Repressionswelle im Zusammenhang mit den Newroz-Feiern in Nordkurdistan und der Türkei. In den vergangenen Tagen waren landesweit bereits mehr als 200 Menschen festgenommen worden. Ein Teil der Betroffenen wurde inzwischen wieder freigelassen, jedoch befinden sich über zwei Dutzend Personen in Istanbul und Amed (Diyarbakır) in Untersuchungshaft.

Foto: Newroz-Fackelmarsch in Elkê (Beytüşşebap) am 25. März

https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/zehn-personen-in-istanbul-wegen-terrorpropaganda-inhaftiert-50860 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/nach-newroz-25-festnahmen-bei-razzien-in-bedlis-50859 https://deutsch.anf-news.com/menschenrechte/newroz-razzien-misshandlungsvorwurfe-gegen-istanbuler-polizei-50857 https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/polizeirazzien-nach-newroz-dutzende-festnahmen-in-mehreren-stadten-50842

 

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Bakırhan: Newroz bestätigt Unterstützung für Prozess

27. März 2026 - 13:00

Der Ko-Vorsitzende der Partei der Völker für Gleichheit und Demokratie (DEM), Tuncer Bakırhan, hat die diesjährigen Newroz-Feiern als deutliches politisches Signal für den laufenden Prozess für Frieden und demokratische Gesellschaft gewertet und die türkische Regierung zu konkreten Schritten aufgefordert. In einer Sendung bei Ilke TV erklärte Bakırhan am Donerstagabend, die breite Beteiligung und die geäußerten Forderungen hätten gezeigt, dass große Teile der Bevölkerung hinter dem Prozess stehen. „Die Botschaft war klar: Wir stehen hinter diesem Prozess und unterstützen ihn“, sagte er. Besonders die Unterstützung für Abdullah Öcalan sei in diesem Jahr so deutlich gewesen wie lange nicht.

Newroz als politisches Mandat

Bakırhan wertete die Feierlichkeiten als Ausdruck eines gesellschaftlichen Konsenses für eine politische Lösung der kurdischen Frage. Die gleichzeitige Verlesung von Botschaften politischer Akteur:innen aus verschiedenen Teilen Kurdistans sowie die breite Unterstützung durch das Publikum sei ein Hinweis auf eine wachsende überparteiliche Annäherung. Diese Entwicklung stehe auch im Zusammenhang mit den aktuellen Konflikten in der Region, etwa dem Iran-Krieg, die den Druck auf eine politische Lösung erhöhten. Scharf kritisierte Bakırhan zugleich das Vorgehen der Behörden bei einzelnen Feierlichkeiten, insbesondere in Wan (tr. Van) und Kocaeli. Die dortigen Vorfälle seien kein Zufall gewesen: „Ich glaube nicht, dass die Sicherheitskräfte eigenständig gehandelt haben. Dahinter stehen Anweisungen.“ Solche Eingriffe stünden im Widerspruch zu einem politischen Prozess und untergrüben das Vertrauen.

Klare Haltung zu regionalen Konflikten

Mit Blick auf die Rolle der Kurd:innen in Konflikten wies Bakırhan Vorwürfe zurück, sie seien ein sicherheitspolitisches Risiko. „Kurd:innen sind keine Bedrohung“, sagte er. Vielmehr verteidigten sie sich in allen Teilen Kurdistans gegen Angriffe. Zugleich betonte er, dass kurdische Kräfte unabhängig handeln: „Kurd:innen sind niemandes Söldner.“ Er verwies darauf, dass selbst in angespannten Situationen – etwa in Syrien, im Irak oder im Iran – kurdische Akteur:innen nicht offensiv agierten, sondern auf Selbstverteidigung und politische Lösungen setzten.

Forderung nach gesetzlichem Rahmen

Im Zentrum seiner Kritik stand die Haltung der Regierung zum weiteren Verlauf des Prozesses. Aussagen, wonach gesetzliche Regelungen erst nach einer vollständigen Entwaffnung der PKK erfolgen sollen, wies Bakırhan zurück: „Das ist keine Sprache eines Lösungsprozesses, sondern ein Ausweichen vor Verantwortung.“ Ein politischer Prozess brauche einen klaren rechtlichen Rahmen und konkrete Schritte, nicht Verzögerung. Bakırhan forderte daher eine aktive Rolle der Politik: „Was hindert das Parlament daran, Gesetze zu verabschieden, die die Gesellschaft wirklich betreffen?“ Dazu gehöre auch die Rückkehr abgesetzter kommunaler Vertreter in ihre Ämter sowie umfassende Demokratisierungsschritte. Die DEM-Partei arbeite eigenen Angaben zufolge an entsprechenden Vorschlägen. Details nannte Bakırhan jedoch nicht.

https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/bakirhan-dieses-newroz-markiert-Ubergang-zur-politischen-gestaltung-50820 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/bakirhan-kurd-innen-wollen-mit-dem-staat-verhandeln-50807 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/kck-wurdigt-millionenfache-newroz-beteiligung-50840 https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/istanbul-newroz-als-willensbekundung-50825

 

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Gedenken an die internationalistischen Gefallenen in Qamişlo

27. März 2026 - 11:00

Am 24. März jährte sich der Tag, an dem die 23-jährige Eleftheria Fortulaki in Athen ihren Körper in Brand setzte – aus Protest gegen die Politik der Auslöschung, der das kurdische Volk ausgesetzt ist, und gegen die Verschleppung von Abdullah Öcalan. Eine Tat nicht aus Verzweiflung, sondern aus Überzeugung und dem Glauben an ein friedliches Zusammenleben aller Völker.

Nicht nur zur Erinnerung an Eleftheria, sondern auch zur Weiterführung ihres Traums einer freien Gesellschaft kommen jedes Jahr um dieses Datum Internationalist:innen, Revolutionär:innen und Familien in Rojava zusammen. In diesem Jahr fand das Gedenken am Donnerstag auf dem Friedhof der Gefallenen in Qamişlo statt. Hier ist auch Sîdar Efrîn begraben, Mitglied der YPJ-Kommandantur, die im Januar in Tabqa im Widerstand gegen islamistische Gruppen gefallen ist. Auch Emine Erciyes, eine Guerillakommandantin turkmenischer Herkunft, die 2020 in den Bergen Kurdistans gefallen ist, wurde als Symbol des Internationalismus der Völker geehrt.

 


Das diesjährige Gedenken war insbesondere diesen Kommandantinnen gewidmet, die eine große Verantwortung für die Internationalisierung des Kampfes getragen haben. In ihren Namen sowie im Namen von Tîjda Zagros (bürgerlich Kelly Freigang), die im Sommer 2025 im Widerstand gegen die Besatzung Südkurdistans gefallen ist, wurde allen internationalistischen Gefallenen gedacht.

Ein Ort der Mitmenschlichkeit

Ein Vater einer YPJ-Kämpferin, die bei Angriffen islamistischer Gruppen auf Raqqa gefallen ist, sagte: „Gerade in einer Zeit, in der internationale Mächte und ihre Kriegstreiberei tausende Menschen opfern, um geopolitische Projekte umzusetzen, bedeutet eine Zusammenkunft wie diese sehr viel. Die Menschen suchen Orte der Mitmenschlichkeit und der Gemeinsamkeit, weil sie daran glauben, dass nur so an eine Zukunft für die Region zu denken ist.“

Eröffnet wurde das Gedenken mit Grußworten des Rates der Familien der Gefallenen sowie von Sprecher:innen der Frauenbewegung und der PYD. In den Reden wurde betont, dass Internationalismus in Rojava nicht nur Solidarität mit den Völkern der Region im Widerstand gegen den Krieg bedeutet, sondern zugleich ein gemeinsamer Kampf für eine kommunale, demokratische und ökologische Gesellschaft sowie für die Freiheit der Frau ist.

Eine Internationalistin aus Spanien sagte: „Mit der Phase für Frieden und demokratische Gesellschaft wurde durch Abdullah Öcalan ein neuer Schritt gemacht, um die Spirale der Gewalt zu durchbrechen und ein Projekt von Frieden und Gleichheit zu eröffnen.“

Schattentheater von Frauenorganisationen

Dieses gemeinsame Zukunftsprojekt, das in Rojava und auch in vielen anderen Teilen der Welt aufgebaut und verteidigt wird, wurde auch in einem Schattentheater aufgegriffen, das von der feministischen Organisierung „Gemeinsam Kämpfen“, der Kampagne „Women Defend Rojava“ und dem Frauenkunstzentrum „Astare Art“ vorbereitet wurde.

Besonders bewegend waren die Videobotschaften der Mütter zweier internationalistischer Gefallener: Azad Şergeş, der in den Bergen Kurdistans gefallen ist, sowie Baran Sason aus den Niederlanden, der bei der Befreiung Deir ez-Zors vom „Islamischen Staat“ (IS) ums Leben kam. Ihre Worte machten deutlich, dass Trauer, Verlust und Stolz die Familien über Grenzen hinweg verbinden. Ein weiterer kreativer Beitrag kam von Aktivist:innen von Têkoşîna Anarşist, die ein Wandbild zu Ehren der Gefallenen im Widerstand von Aleppo gestaltet hatten.

Mitglieder des Andrea-Wolf-Instituts führten zudem ein Theaterstück über Şahmaran auf – die Königin der Schlangen, die für die Weisheit der Frau steht und den Verrat an ihr durch männliche Herrschaft thematisiert. Eine Darstellerin sagte: „Der Kampf der Frauen zieht sich durch die gesamte Geschichte – von Mythen bis heute. Diese Kämpfe finden heute in Kurdistan zusammen. Şehîd Tîjda aus Hamburg, Şehîd Sîdar aus Efrîn und Şehîd Eleftheria aus Athen – sie alle sind Töchter dieser Tradition.“

Beisetzung des YPG-Kämpfers Karker Qamişlo

Abgeschlossen wurde das Gedenken mit einem kulturellen Programm. Eine Gruppe von Internationalist:innen spielte ein Lied für Azad Şergeş, begleitet von Geige und Klarinette. Anschließend verband die Internationalistische Kommune einen traditionellen kurdischen Tanz aus der Region Botan mit einer Performance zu Ehren der Gefallenen.

Das Gedenken war zugleich ein Ausdruck der Suche nach Frieden und Gleichheit – gegen Krieg und Zerstörung im Mittleren Osten. Eine Mutter eines gefallenen YPG-Kämpfers sagte: „Der Wunsch nach Frieden verbindet Menschen über Kontinente hinweg. Die jungen Menschen, die von überall hierher kommen, zeigen uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind – auch wenn er schwer ist.“

Im Anschluss nahmen die Teilnehmer:innen gemeinsam an der Beisetzung des YPG-Kämpfers Karker Qamişlo auf dem Friedhof der Gefallenen teil.

https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/gedenken-an-eleftheria-fortulaki-in-athen-50852 https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/tag-der-internationalistischen-gefallenen-in-rojava-45707 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/hpg-die-grosse-internationalistin-tijda-zagros-ist-gefallen-46527 https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/erinnern-heisst-kampfen-internationales-gedenken-in-frankfurt-46957

 

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Mazlum war Bewusstsein, Egîd war das Schwert

27. März 2026 - 9:00

Die dunklen und hellen Epochen der Menschheitsgeschichte sind untrennbar miteinander verbunden; doch hat die Menschheit die Dunkelheit niemals als normale Lebensform akzeptiert, sondern stets gegen sie angekämpft. Jene Übergangsphasen, in denen Zeiten der Finsternis durchlebt werden, auf die jedoch das Licht der Freiheit zu scheinen beginnt, werden zugleich als Perioden des „Heldentums“ bezeichnet. Sowohl in der Geschichte als auch in der Gegenwart hat nahezu jedes Volk solche Phasen erlebt.

Bei der Entstehung der Menschheit sowie beim Hervortreten von Stammes- und Sippenordnungen haben Widerstand und Heldentum eine maßgebliche Rolle gespielt; als zwei Werte, die ihre Wirksamkeit bis in die Gegenwart bewahren konnten, sind sie im Leben der Völker stets hoch geschätzt worden. Wenn ein Volk über einen langen Zeitraum in Dunkelheit gehalten, seines freien Lebens vollständig beraubt und gleichsam in Lethargie versetzt worden ist, bedarf es zur Erhebung zum Widerstand unabdingbar heroischer Persönlichkeiten. Das Heldentum ist keineswegs zufällig ein Phänomen, das bis heute geachtet und zum Gegenstand von Romanen, Gedichten und Liedern gemacht worden ist. Vielmehr handelt es sich um eine notwendige Erscheinung, die unmittelbar aus dem Fortschritt der Menschheit hervorgegangen ist.

Es gilt, heroisch zu handeln

Unter gewöhnlichen Entwicklungsbedingungen wird nicht nach Heldentum verlangt. Im lexikalischen Sinne bezeichnet Heldentum vielmehr die Opferbereitschaft, den Mut, die aufgewandte Anstrengung sowie das auf dieser Grundlage hervorgebrachte Werk, die in außergewöhnlichen Situationen von Individuen, Völkern oder Nationen bei der Übernahme einer politischen Rolle zum Ausdruck kommen. Darin liegt der Grund, weshalb in Kurdistan, wo sich alles in einem derart kritischen Moment befindet, die Schritte, die von den ersten Keimen eines fortschrittlichen Bewusstseins bis hin zu den ersten maßgeblichen Handlungsfeldern unternommen wurden, mit dem Prädikat des Heldentums bewertet werden.

Folglich ist das Leben im heutigen Kurdistan im Denken, in der Organisation und im Handeln notwendigerweise von heroischem Charakter. Das Heldentum bildet gleichsam das Alphabet der revolutionären Umgestaltung der Realität Kurdistans. Die historischen wie auch die gegenwärtigen weltpolitischen Bedingungen erzwingen dies mit Nachdruck. Derartige Schritte werden unter großen Entbehrungen vollzogen. Zumal unter Bedingungen, in denen die Feinde eines Volkes von äußerster Barbarei sind, seine Verbündeten sich als höchst unzuverlässig erweisen und seine Individuen sich in einem Zustand der Entfremdung gegenüber sich selbst befinden, erreicht die Brutalität ein außerordentliches Ausmaß. Heldentum bedeutet daher, unter solchen Schwierigkeiten den Sieg zu erringen; es macht eine Form des Kampfes erforderlich, die sich von gewöhnlichen Zeiten unterscheidet und ein gesteigertes Maß an Opferbereitschaft, Mut und Einsatz verlangt. Als notwendiges Gesetz der Dialektik gilt, dass vom ersten Schritt der Bewusstwerdung des Heldentums bis hin zum Moment des Sieges eine derart harte Auseinandersetzung unvermeidlich ist. Sämtliche hiervon abweichenden Ansätze und Handlungen bleiben oberflächlich und werden in keiner Weise zu einer tatsächlichen Entwicklung führen.

Der Aufbruch in unserem Land ist kein Zufall

Es zeigt sich, dass Völker in solchen Kontexten in dem Maße, in dem sie den Repräsentanten unterdrückerischer Klassen und den Angriffen gewaltsamer Gemeinschaften Widerstand leisten und diesen Widerstand in einen Sieg zu überführen vermögen, eine ausgeprägte Denkfähigkeit sowie eine hohe moralische Stärke entwickeln; infolgedessen gelangen sie auch in ihrer kulturellen und geistigen Entwicklung zu einer überlegenen Position. Demgegenüber ist zu beobachten, dass Völker, denen dieses Bewusstsein fehlt, selbst unter den schwersten Formen der Unterdrückung ihre Befreiung in dieser oder jener imaginären Macht suchen, dadurch in Rückständigkeit verharren und nicht in der Lage sind, mit einer normalen Entwicklung Schritt zu halten.

In der Geschichte der Gesellschaften gilt als objektives Gesetz: Je tiefer der Verfall, desto größer muss auch das Heldentum sein. In Kurdistan ist das Anwachsen von Persönlichkeit und Avantgarde vollständig das Produkt einer Ideologie und Politik, die aus eben dieser Notwendigkeit hervorgeht und sich aus den Erfordernissen der Befreiungsbewegung des Volkes sowie aus dessen grundlegenden Interessen speist. Das Auftreten jener großen Führungspersönlichkeiten, die in unserem Land sowohl durch die Lebenden als auch durch die Gefallenen monumentalen Charakter angenommen haben, ist daher keineswegs zufällig. Wenn die Grausamkeit der objektiven Realität, ein tief verwurzelter Negationismus, reaktionäre Kräfte sowie das inakzeptable Urteil der Epoche über dieses Volk und dieses Land überwunden, ein solches Leben geführt und ein würdiger Platz in der modernen Welt errungen werden sollen, so bedarf es hierfür einer Avantgarde, die über ihre Zeit hinauszugreifen und auf sie gestaltend einzuwirken vermag. In einer Gesellschaft, über die das Urteil der Geschichte und der Gegenwart derart unerbittlich ausfällt, ist es offenkundig, dass für eine Wiederbelebung große heroische Persönlichkeiten erforderlich sind.

Mazlum war der Teig des Bewusstseins des Widerstands

Die Stellung des Genossen Mazlum innerhalb unseres Widerstandskampfes ist bekannt. Er war gleichsam der formende Kern des Bewusstseins des Widerstands. Er verkörperte eine Haltung, die durch das tägliche Studium von über 500 Seiten Literatur im Bereich des Marxismus nahezu rekordhafte Dimensionen erreichte. Er war ein Beispiel für den revolutionären Militanten, der sich nicht scheute, unter schwierigen Bedingungen zu leben. Auch im Bereich der Organisation gehörte er zu den herausragendsten Vertretern eines disziplinierten und den organisatorischen Prinzipien entsprechenden Arbeitens. Der Genosse Mazlum war eine Persönlichkeit, die ihren Mitstreitern mit Respekt und Zuneigung begegnete, ihnen gegenüber niemals unangemessen auftrat und keinerlei Zögern kannte, jede nur mögliche Unterstützung zu leisten. Dabei vermittelte er nicht nur das Gefühl von Führung, sondern zugleich auch von verlässlicher Kameradschaft und Unterstützung – und vermochte dies trotz aller Schwierigkeiten zu verwirklichen. Er hat sich in die Reihe der großen Helden und Gefallenen des Freiheitskampfes eingegliedert und dies durch seinen Einsatz, sein Bewusstsein, seinen Mut und seine Standhaftigkeit erreicht. In seiner Persönlichkeit scheint die Gestalt des Schmieds Kawa in einer unserer Epoche entsprechenden Form an der Spitze seines Kampfes zu stehen.

Egîd war ein scharfes Schwert der Freiheit

Den Genossen Egîd zu würdigen und seinen Kampf darzustellen, bedeutet in Wahrheit, einen der führenden Helden unseres Befreiungskampfes zu ehren und dieses Epos zu erzählen. Er war das scharfe Schwert der Freiheit unserer Partei und unseres Volkes. Genosse Egîd war von liebenswürdigem Wesen, mutig und von aufopfernder Hingabe! Als einer, der die Bezeichnung des Heldentums in höchstem Maße verdient, hat Genosse Egîd das wie ein Schicksal am Horizont unseres Volkes erschienene Leben in Knechtschaft in seiner eigenen Persönlichkeit zerschlagen. Die im Zuge revolutionärer Vorstöße geformte kraftvolle, freie und anziehende Persönlichkeit verwandelte er in einen Aufruf an Millionen zu Unabhängigkeit, Freiheit und Sozialismus. Als Genosse ist er mit unvergänglicher Lebendigkeit in unseren Herzen und unserem Bewusstsein verankert und hat an der Spitze unseres Volkes und unserer Partei den ihm gebührenden Platz eingenommen. Wir geben dem Genossen Egîd, der sich von dem Treueschwur leiten ließ, den wir im Newroz des Jahres 1982 im Gedenken an den Genossen Mazlum abgelegt haben, der darauf mit einer eindrucksvollen Praxis des Widerstands antwortete und dies im Newroz des Jahres 1986 zu einem Höhepunkt führte, das Versprechen, den Anforderungen seines Vermächtnisses unbedingt gerecht zu werden. Er wird stets als Symbol der heroischen Epoche unseres nationalen Widerstandskampfes in Erinnerung bleiben.

Die PKK ist als ein Produkt des Bedürfnisses nach Heldentum entstanden. Wo es an Hoffnung mangelt, ist es unvermeidlich, große Widerstände hervorzubringen und heroische Persönlichkeiten hervortreten zu lassen, um die Hoffnung auf Leben neu zu beleben. Die bis heute geschaffenen Werte haben gezeigt, dass in Kurdistan die Hoffnung auf ein positives Leben nicht länger aufgegeben werden wird. Die Schöpfer dieser Hoffnung, die den Grundstein für die Verwirklichung des Sieges gelegt haben, sind die Avantgarde und die Gefallenen der PKK. Ihr Andenken ist im Sinne der Entstehung und des Fortbestehens einer neuen Nation und Gesellschaft unvergänglich.

* Zusammengestellt von der Abdullah-Öcalan-Akademie für Sozialwissenschaft

Zwischen dem 21. und dem 28. März wird in der kurdischen Bewegung die „Woche des Heldentums“ begangen. Sie beginnt am Todestag von Mazlum Doğan, Mitbegründer der PKK, und endet am Todestag von Mahsum Korkmaz, einen zentralen Kommandanten der kurdischen Guerilla. Mazlum Doğan starb am 21. März 1982 im Gefängnis von Diyarbakır (kurdisch: Amed), nachdem er aus Protest gegen die Folterpraktiken der türkischen Militärdiktatur Suizid beging. Sein Vermächtnis verdichtet sich in dem Satz: „Aufgeben ist Verrat, der Widerstand bringt den Sieg“. Mahsum „Egîd“ Korkmaz führte am 15. August 1984 eine Guerillaeinheit an, die in Dih (Eruh) den ersten bewaffneten Angriff der PKK gegen den türkischen Staat durchführte. Diese Aktion gilt als Beginn des bewaffneten Widerstands der kurdischen Befreiungsbewegung. Am 28. März 1986 geriet Egîd in Gabar in einen Hinterhalt und kam ums Leben. 

https://deutsch.anf-news.com/hintergrund/egid-der-mutige-revolutionar-31432 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/die-socken-von-mahsum-korkmaz-21013 https://deutsch.anf-news.com/hintergrund/14-juli-1982-der-beginn-des-grossen-widerstands-20370

 

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