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Aktualisiert: vor 42 Minuten 31 Sekunden

Rojhilat: Aufruf zum Generalstreik am Todestag von Jina Mahsa Amini

13. September 2026 - 17:00

Zum vierten Jahrestag der Ermordung von Jina Mahsa Amini ist in Rojhilat ein Generalstreik angekündigt worden. Die Allianz der politischen Parteien Ostkurdistans rief die Bevölkerung dazu auf, sich am Mittwoch, 16. September, an dem Protest zu beteiligen. Geschäftsleute sollen ihre Läden schließen, auch die Märkte sollen an diesem Tag geschlossen bleiben. Die Bevölkerung wurde aufgerufen, zu Hause zu bleiben und auf diese Weise am Streik teilzunehmen. Die Allianz appellierte zugleich an politische Parteien, zivilgesellschaftliche Organisationen und unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen, den Generalstreik zu unterstützen.

Der Generalstreik sei nicht allein ein Gedenken an Jina Mahsa Amini sowie die Menschen, die während der Revolution „Jin, Jiyan, Azadî“ (Frau, Leben, Freiheit) getötet wurden, erklärte das Bündnis. Er solle zugleich den anhaltenden Widerstand der kurdischen Bevölkerung sowie ihre politischen und nationalen Forderungen sichtbar machen. Die Allianz bezeichnete den Streik als „friedliche zivile Protestaktion“ und rief zu einer breiten Beteiligung in ganz Rojhilat auf.

Jina Mahsa Amini war am 13. September 2022 während eines Besuchs in Teheran von der sogenannten Sittenpolizei wegen eines angeblichen Verstoßes gegen die staatlichen Verschleierungsvorschriften festgenommen worden. Im Gewahrsam fiel sie infolge schwerer körperlicher Gewalt ins Koma und starb am 16. September 2022 im Alter von 22 Jahren. Ihre Ermordung löste in Rojhilat und ganz Iran einen landesweiten Aufstand aus. Die aus der kurdischen Frauenbewegung stammende Parole „Jin, Jiyan, Azadî“ wurde dabei über die Grenzen Irans hinaus zu einem weltweiten Symbol des Widerstands.

https://deutsch.anf-news.com/menschenrechte/jina-mahsa-amini-un-bericht-macht-iran-verantwortlich-fur-tod-41327 https://deutsch.anf-news.com/frauen/-52687 https://deutsch.anf-news.com/frauen/-52649 https://deutsch.anf-news.com/frauen/-52574 https://deutsch.anf-news.com/frauen/-52711

 

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Asayîş melden Zerschlagung von zwei IS-Zellen in Helebce

13. September 2026 - 15:00

Die Sicherheitskräfte in der Kurdistan-Region des Irak (KRI) haben in Helebce (Halabdscha) zwei Zellen der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) zerschlagen. Bei mehreren Operationen innerhalb der vergangenen 96 Stunden seien insgesamt 22 Mitglieder verdeckter IS-Strukturen festgenommen worden, teilte die Generaldirektion für Operationen der Asayîş in Silêmanî am Sonntag mit.

Die Einsätze wurden gemeinsam von der Generaldirektion und der Asayîş-Direktion von Helebce durchgeführt. Dabei seien zahlreiche schwere, mittlere und leichte Waffen, Handgranaten, militärische Ferngläser und Munition beschlagnahmt worden. Nach Angaben der Asayîş war das Material für Anschläge vorgesehen, die der IS noch im September verüben wollte.

Die Ermittlungen dauern an. Sämtliche bislang gesicherten Informationen und Unterlagen zu den festgenommenen Personen befänden sich bei der Generaldirektion für Operationen und dem zuständigen Ermittlungsrichter.

Hochrangiges IS-Mitglied in Xurmal festgenommen

Parallel zu den Operationen in Helebce führten die Sicherheitskräfte in der Nacht zum 12. September einen Einsatz gegen ein mutmaßlich hochrangiges IS-Mitglied in Xurmal durch. Dabei kam es nach Angaben der Asayîş zu einem bewaffneten Zusammenstoß. Der Gesuchte wurde festgenommen, Todesopfer habe es bei dem Einsatz nicht gegeben. Die Asayîş kündigten an, die Aussagen der Festgenommenen und weitere Dokumente zu den IS-Strukturen in Kürze öffentlich zu machen.

https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/irakische-luftwaffe-greift-is-stellung-sudlich-von-kerkuk-an-52690 https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/-52662 https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/-52597

 

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Zweitägige Trauer in Kobanê

13. September 2026 - 15:00

Nach dem Tod von neun Menschen bei einem Brand im Gefängnis von Kobanê ist in der Stadt eine zweitägige Trauer ausgerufen worden. Seit den frühen Morgenstunden blieben Geschäfte und Betriebe geschlossen. Besonders im zentralen Basar ruhte das öffentliche Leben, zahlreiche Straßen waren weitgehend menschenleer.

Mit der Schließung der Geschäfte gedenkt die Bevölkerung der neun Menschen, die in der Nacht zum Samstag bei dem Gefängnisbrand ums Leben kamen.

 


Dem Feuer waren Proteste gegen die Ermordung des 26-jährigen Sîpan Hiznî und das gewaltsame Vorgehen der syrischen Regierungstruppen gegen Demonstrierende vorausgegangen. Zahlreiche Menschen waren festgenommen und in das Gefängnis gebracht worden. Dort eskalierte die Situation, nachdem Gefangene von einer geplanten Verlegung in Haftanstalten der Provinz Aleppo erfahren hatten. Bei dem anschließenden Brand kamen neun Menschen ums Leben, 17 weitere wurden verletzt.

Die Beisetzung der neun Toten war zunächst für Sonntag vorgesehen. Wegen der zweitägigen Trauer wurde die Zeremonie jedoch auf Montag verschoben. Sie soll um 17 Uhr auf dem Şehîd-Dîcle-Friedhof in Kobanê stattfinden.

https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/nach-gewaltsamem-vorgehen-gegen-proteste-neun-tote-in-gefangnis-von-kobane-52699 https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/mazlum-abdi-in-kobane-regierungstruppen-ziehen-sich-aus-stadtzentrum-zuruck-52707 https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/tausende-nehmen-abschied-von-sipan-hizni-52710

 

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KNK ruft zur Unterstützung des Widerstands in Rojava auf

13. September 2026 - 11:00

Der Nationalkongress Kurdistans (KNK) hat zur Unterstützung der Proteste in Rojava für muttersprachliche Bildung aufgerufen. Das Komitee für Sprache, Bildung, Kultur und Kunst des KNK erklärte, täglich gingen tausende Menschen auf die Straße, um ihre Rechte einzufordern. Der KNK unterstütze diesen legitimen Widerstand.

„Das Recht auf Bildung in der eigenen Muttersprache ist ein universelles und unveräußerliches Recht“, betonte das Gremium. Der KNK forderte die syrische Übergangsregierung auf, ihre „antidemokratischen Angriffe“ auf die muttersprachliche Bildung unverzüglich einzustellen und dieses grundlegende Recht anzuerkennen.

Zugleich rief der KNK Kurd:innen in allen vier Teilen Kurdistans, Menschen aus Kurdistan im Ausland sowie internationale und humanitäre Organisationen dazu auf, den Kampf der Bevölkerung Rojavas zu unterstützen. „Das Recht auf Bildung in der Muttersprache ist unveräußerlich, und die Bevölkerung Rojavas wird ihren Kampf fortsetzen, bis diese Forderung zum Erfolg geführt worden ist“, heißt es in der Erklärung.

Der KNK fordert, das Recht auf muttersprachliche Bildung gesetzlich zu verankern und dauerhaft zu garantieren.

Proteste gegen Herabstufung des Kurdischen zur Unterrichtsstunde

Hintergrund der Proteste sind Vorgaben des syrischen Bildungsministeriums für das neue Schuljahr, nach denen Kurdisch in den kurdischen Gebieten künftig auf drei Unterrichtsstunden pro Woche beschränkt werden soll. Dagegen gehen seit Tagen in zahlreichen Städten Rojavas Schüler:innen, Lehrer:innen und weitere Teile der Bevölkerung auf die Straße. Sie fordern die Anerkennung des Kurdischen als Unterrichtssprache und lehnen eine Herabstufung zur bloßen Unterrichtsstunde ab. Auch Bildungseinrichtungen und gesellschaftliche Organisationen in Rojava haben die Entscheidung zurückgewiesen.

https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/tev-Cand-und-hilala-zerin-unsere-sprache-ist-unsere-existenz-52701 https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/proteste-fur-kurdischsprachigen-unterricht-weiten-sich-in-rojava-aus-52677 https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/kobane-schuler-innen-boykottieren-unterricht-fur-bildung-auf-kurdisch-52636

 

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Großbrand von Izmir: Die Täter sind umstritten, die Verantwortung nicht

13. September 2026 - 11:00

Als der Große Brand von Izmir (Smyrna), der am 13. September 1922 begonnen hatte, fünf Tage später endlich erlosch, lagen bereits zwei Drittel der Stadt in Trümmern. Rund 25.000 Gebäude, darunter Wohnhäuser, Kirchen, Krankenhäuser, Schulen und Hotels, wurden vollständig zerstört. Die historischen griechischen und armenischen Viertel verschwanden von der Landkarte.

Der Brand vernichtete ein Gebiet von rund 2,6 Millionen Quadratmetern, das sich vom heutigen Messegelände von Izmir, das heute für Konzerte, Veranstaltungen und Jahrmärkte bekannt ist, bis zum Kordon erstreckte. Wer für den Brand verantwortlich war, ist auch mehr als ein Jahrhundert später Gegenstand kontroverser Debatten.

Die offizielle Geschichtsschreibung behauptet, Griech:innen auf der Flucht vor der türkischen Armee hätten das Feuer gelegt. Tatsächlich brach der Brand jedoch am 13. September aus – vier Tage nachdem die unter dem Kommando von Mustafa Kemal stehende türkische Armee am 9. September in Izmir einmarschiert war.

Räumliche und demografische Zerstörung

Die Historikerin und Autorin Ayşe Hür beschreibt das Ausmaß der Zerstörung der städtischen und gesellschaftlichen Struktur:

„Bei dem Brand wurden auf einer Fläche von rund 2,6 Millionen Quadratmetern 25.000 Wohnhäuser, Geschäfte, Kirchen, Krankenhäuser, Fabriken, Lagerhäuser, Hotels und Restaurants zerstört. Quellen zufolge belief sich die Zahl der Griechen und Armenier, die vor den türkischen Armeen nach Izmir getrieben worden waren, zusammen mit den dort bereits lebenden Menschen auf annähernd 500.000. Nur 320.000 von ihnen konnten mit Schiffen evakuiert werden, während die übrigen 180.000 während des Brandes auf unterschiedliche Weise ums Leben gekommen sein sollen. In gewisser Weise hatte sich die Stadt damit wie von selbst ihrer nichtmuslimischen Bevölkerung ‚entledigt‘.“

Garnik Stepanyan schilderte Verjine Svazlian den Brand, den er 1922 selbst miterlebt hatte, mit folgenden Worten:

„Als sie Izmir 1922 in Brand setzten, übergossen sie die Kirchen mit Benzin und Petroleum und verbrannten die Armenier und Griechen, die dort Schutz gesucht hatten, bei lebendigem Leib. Zuerst brannten sie das armenische Viertel nieder. Sie setzten die Sankt-Stepanos-Kirche in Brand, weil sich dort alle Armenier in Sicherheit gebracht hatten. Danach flohen wir Armenier und gingen ans Meer. Dort lagen viele Boote, doch ihre Böden waren zuvor durchlöchert worden, damit sie Wasser aufnahmen und die Armenier sich nicht retten konnten. Die armen Menschen stiegen in die Boote, doch nachdem diese ein Stück gefahren waren, liefen sie voll Wasser und die Menschen gerieten ins Meer. Auf der Wasseroberfläche trieben zahlreiche aufgedunsene Leichen.“

Mit dem Brand veränderte sich die über Jahrhunderte gewachsene multikulturelle Bevölkerungsstruktur Izmirs grundlegend. Neben den Menschen, die verbrannten oder ertranken, war auch die überlebende nichtmuslimische Bevölkerung gezwungen, die Stadt zu verlassen. Die zerstörten historischen Gebäude und Siedlungsgebiete wurden nicht wiederaufgebaut. Die Auslöschung dieses räumlichen Gedächtnisses wird als Bestandteil der damaligen Politik zur Schaffung eines homogenen Nationalstaats und einer nationalen Identität betrachtet.

Auch das nach dem Brand zurückgebliebene Eigentum der nichtmuslimischen Bevölkerung wurde vom Staat auf Grundlage der Regelungen über die sogenannten „verlassenen Güter“ (Emval-i Metruke) beschlagnahmt, die etwa einen Monat nach dem 24. April 1915 in Kraft getreten waren. Ab 1923 wurden die Namen von Straßen, Vierteln, Alleen und Gewerbebetrieben in der Stadt in raschem Tempo türkisiert. Auf diese Weise wurden die Identität Izmirs und das städtische Gedächtnis neu geformt.

„Das ist nichts anderes als reine Zerstörungswut“

Der Journalist Falih Rıfkı Atay, ein Zeitzeuge der damaligen Ereignisse, schrieb in seinem Buch Çankaya über den Brand von Izmir und verwies auf die Rolle von Sakallı Nurettin Pascha:

„Das ungläubige Izmir ging zugrunde, nachts lichterloh brennend, tagsüber qualmend. Waren für den Brand, wie man uns damals sagte, wirklich nur armenische Brandstifter verantwortlich? Viele sagten auch, dass Armeekommandeur Nurettin Pascha dabei beträchtlich seine Hand im Spiel hatte … Warum brannten wir Izmir nieder? Fürchteten wir, dass wir die Minderheiten nicht loswerden würden, wenn die Herrenhäuser am Kordon, die Hotels und Vergnügungslokale bestehen blieben? Als die Armenier im Ersten Weltkrieg deportiert wurden, hatten wir aus derselben Angst heraus alle bewohnbaren Viertel und Stadtteile der anatolischen Städte und Ortschaften niedergebrannt. Das ist nichts anderes als reine Zerstörungswut. Dabei spielt auch ein Minderwertigkeitsgefühl eine Rolle. Jeder Winkel, der einem Stück Europa ähnelte, schien dazu verdammt, christlich und fremd und damit zwangsläufig nicht unser zu sein. Wenn es einen weiteren Krieg gegeben und wir ihn verloren hätten – hätte es dann ausgereicht, Izmir als eine Ansammlung leerer Grundstücke zurückzulassen, um den türkischen Charakter der Stadt zu bewahren?“

Auch Generalstabschef Fevzi Çakmak erklärte zur Ausbreitung des Feuers und zur Zerstörung der Stadt, die Katastrophe habe aufgrund der mangelnden Umsicht, Kurzsichtigkeit und Disziplinlosigkeit Nurettin Paschas nicht verhindert werden können.

Von Izmir bis Kurdistan: Sich der Wahrheit stellen

Der Große Brand von Izmir war weder der Anfang noch das Ende dieser Politik zur Schaffung eines homogenen Nationalstaats und einer nationalen Identität. Der Genozid an den Armenier:innen, die Vermögenssteuer (Varlık Vergisi), das Pogrom vom 6. und 7. September, das Dersim-Massaker, die Vertreibung der Griech:innen 1964, die in den 1990er Jahren in Kurdistan niedergebrannten Dörfer und die nicht aufgeklärten politischen Morde bildeten zu unterschiedlichen Zeiten Glieder einer Politik, die auf die Schaffung einer Gesellschaft mit einer Sprache, einer Nation und einer Religion zielte.

Diese historischen Zäsuren tragen die Spuren einer gemeinsamen Staatsräson, die durch Straflosigkeit und eine Politik des Vergessenmachens miteinander verbunden sind. Solange keine Auseinandersetzung mit dem Geschehenen stattfindet, bleibt die Vergangenheit nicht einfach Vergangenheit; auch die Wunden im gesellschaftlichen Gedächtnis werden von Generation zu Generation weitergegeben.

In einer gesellschaftlichen Ordnung, deren Gedächtnis ausgelöscht, deren Räume verödet und die auf der Vernichtung der eigenen Nachbarn errichtet wurde, bleibt jeder Diskurs über Gleichheit unvollständig, solange keine Auseinandersetzung mit dieser Vergangenheit stattfindet. Sich der von den Völkern erlebten Wahrheit zu stellen, ihren Forderungen nach Gerechtigkeit zu entsprechen und die Wiederholung ähnlichen Leids zu verhindern, gehört zu den grundlegenden Voraussetzungen für Frieden und eine demokratische Gesellschaft.

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KJK: Mit der Revolution „Jin, Jiyan, Azadî“ den Sozialismus der demokratischen Gesellschaft aufbauen

13. September 2026 - 9:00

Die Gemeinschaft der Frauen Kurdistans (KJK) hat zum vierten Jahrestag der Revolution „Jin, Jiyan, Azadî“ eine Erklärung veröffentlicht. Darin erinnert der Dachverband der kurdischen Frauenbewegung an die während des Aufstands getöteten und hingerichteten Menschen und ruft insbesondere Frauen in Iran und Rojhilat dazu auf, ihre Selbstorganisierung auszubauen. Das iranische Regime könne mit seiner repressiven Politik keine Antwort auf die gesellschaftlichen Probleme geben, heißt es. Ohne eine Demokratisierung Irans sei auch kein Ausweg aus der tiefen Krise des Landes möglich.

Wir dokumentieren die Erklärung im Wortlaut:

„Am vierten Jahrestag der Revolution ‚Jin, Jiyan, Azadî‘ gedenken wir in der Person von Jina Amini und Shiler Rasouli mit Respekt und Dankbarkeit all jener Gefallenen der Revolution, die auf den Straßen Irans und Rojhilats bei Protesten gegen das Massaker getötet oder hingerichtet wurden. Am vierten Jahrestag der Ermordung Jina Aminis erinnern wir zugleich an Niloufar Mojaver, die brutal gefoltert und ermordet wurde. Wir versprechen, nicht zu schweigen und die Täter durch Kampf und Organisierung zur Rechenschaft zu ziehen. Die systematische und organisierte Gewalt gegen Frauen hat sich in der Person Niloufar Mojaver erneut gezeigt. Gegen dieses organisierte und vorsätzlich mörderische System auf einem freien und sinnvollen Leben zu beharren, ist für uns Frauen der einzige Weg zu einer Lösung.

„Ohne Demokratisierung gibt es keinen Ausweg aus der Krise“

Im 21. Jahrhundert haben sich zweifellos sehr schnelle Veränderungen vollzogen, und sie dauern weiter an. Der Prozess der Wiederauferstehung der Kurd:innen unter der Führung von Rêber Apo [Abdullah Öcalan] hat nicht nur in der Türkei und Nordkurdistan, sondern in allen vier Teilen Kurdistans und in Europa tiefgreifende Resonanz hervorgerufen. Er hat das Projekt einer demokratischen Integration mit den vier Staaten der Region auf der Grundlage ihrer Demokratisierung auf die internationale Tagesordnung gebracht.

Auf dieser Grundlage gehört Rojhilat-Iran angesichts des immer wieder andauernden Krieges zu den Gebieten, die unbedingt demokratisiert werden müssen. Denn das repressive iranische Regime ist nicht in der Lage, Antworten und Lösungen für die Probleme der Bevölkerung Irans hervorzubringen. Solange sich Iran nicht demokratisiert, wird es daher weder eine Lösung noch einen Ausweg aus dieser tiefen Krise geben. Wenn die Völker Irans auf der Grundlage des Prozesses, der am 13. September 2022 mit der Festnahme Jina Aminis und drei Tage später ihrer Ermordung wegen eines Kopftuchs begann und auf der Philosophie ‚Jin, Jiyan, Azadî‘ beruht, am vierten Jahrestag ihres Aufstands für die Alternative eines demokratischen Irans kämpfen, wird zweifellos auch die Demokratisierung Irans möglich sein.

Obwohl der Krieg zwischen Iran, Israel und den USA in unterschiedlichen Formen weitergeht, greift das iranische Regime die Bevölkerung weiterhin an und setzt Festnahmen und Hinrichtungen fort. Insbesondere den Frauen in Iran wird sowohl durch den schweren Krieg zwischen Iran, Israel und den USA als auch durch die Angriffe des Regimes regelrecht die Luft zum Atmen genommen. Frauen und insbesondere kurdischen Frauen wird ein Zustand aufgezwungen, der schlimmer ist als der Tod. Deshalb ist es von existenzieller Bedeutung, diese Situation zu hinterfragen.

„Jin, Jiyan, Azadî“ als Suche nach einem freien Leben

Suche und Hinterfragen führen den Menschen zu den richtigen Antworten. Dass Frauen bei den Protesten in Iran die Führung übernahmen, begann mit der Infragestellung dieses Systems. Kurd:innen, Aseris, Belutsch:innen und Perser:innen und insbesondere Frauen wurde in Iran ein Leben in Knechtschaft aufgezwungen. In der Person Jina Aminis haben die Frauen Irans diese Zumutung zurückgewiesen und sich auf die Suche nach einem freien Leben begeben. Diese Suche erreichte mit der Losung ‚Jin, Jiyan, Azadî‘ ihren Höhepunkt, die der Philosophie Rêber Apos und dem seit mehr als 30 Jahren geführten Kampf der kurdischen Frauenbewegung zugrunde liegt. Erneut hat sich gezeigt, dass die Suche, das Hinterfragen und der Kampf für Freiheit und Gleichheit unter der Führung von Frauen zu Ergebnissen führen.

Ein sinnentleertes Leben ohne die Führung von Frauen kann weder dauerhaft noch nachhaltig sein. Ebenso wenig ist ein Leben fern von Freiheit lebbar. Als die Bevölkerung unter Führung der Frauen auf die Straße ging, folgten auch Männer, die mit diesem Regime und System unzufrieden sind, den widerständigen Frauen auf die Straßen. Auch diese Realität der Männer zeigt, dass in Iran Veränderungen auf der Grundlage von Demokratisierung möglich sind.

Tatsächlich gingen Männer nicht nur gegen die Unterdrückung von Frauen, sondern auch gegen die gegen sie selbst gerichtete Unterdrückung auf die Straße und schlossen sich der Revolution ‚Jin, Jiyan, Azadî‘ an. Auf der einen Seite trat die Realität herrschender und rigider Männlichkeit, auf der anderen die Realität von Männern, die frei und gleichberechtigt leben wollen, im Aufstand der Revolution ‚Jin, Jiyan, Azadî‘ deutlich hervor.

In der Person des Widerstands von Jina Amini, Shiler Rasouli und Niloufar Mojaver sowie aller widerständigen Frauen zeigen uns die in den Städten Irans und Rojhilats getöteten Frauen und jungen Menschen den Weg, die Philosophie ‚Jin, Jiyan, Azadî‘ zu schützen und fortzuführen. Zugleich zeigen die Haltung und der Widerstand in den Gefängnissen des iranischen Regimes, angeführt von  Zeynab Jalalian, Varisheh Moradi, Pakhshan Azizi, dass der Kampf der Revolution ‚Jin, Jiyan, Azadî‘ ohne Unterbrechung fortgeführt werden muss.

Organisierung als Voraussetzung der Selbstverteidigung

Wenn wir den Spuren der widerständigen Frauen folgen, können wir organisiert gegen das mörderische System kämpfen. Denn eine unorganisierte Frau ohne Kommune bleibt innerhalb eines mörderischen Systems, das der Frau feindlich gegenübersteht, schutzlos. Um uns selbst verteidigen zu können, müssen wir am vierten Jahrestag des Aufstands ‚Jin, Jiyan, Azadî‘ unser Bewusstsein schärfen und unseren Kampf ausweiten und vertiefen.

Rêber Apo hat die Kurd:innen vom Hinrichtungstisch an den Verhandlungstisch gebracht. Insbesondere kurdische, persische, belutschische und aserbaidschanische Frauen können in Solidarität und Einheit ihre Kommunen, Organisationen und Akademien sowie Räume der Bildung, Bewusstseinsbildung und des Austauschs entwickeln. Frauen wachsen, indem sie miteinander teilen, und erreichen dadurch alle Frauen. Deshalb wurde die Revolution ‚Jin, Jiyan, Azadî‘ von Frauen überall aufgegriffen. Denn die Vergewaltigungskultur richtet sich überall auf der Welt in gleicher Weise gegen Frauen und Gesellschaft.

Kommunen und Akademien statt Statistiken über ermordete Frauen

Diese Vergewaltigungskultur breitet sich organisiert aus, während das mörderische System die Führung und Organisierung von Frauen fürchtet. Doch je stärker die Angriffe werden, desto stärker werden zweifellos auch die Einheit, Solidarität und der Austausch unter Frauen.

Am vierten Jahrestag der Revolution ‚Jin, Jiyan, Azadî‘ hoffen wir, dass anstelle von Statistiken über die Ermordung von Frauen die Kommunen, Akademien und freien Lernräume von Frauen auf die internationale Tagesordnung gelangen. Am vierten Jahrestag der Ermordung Jina Aminis müssen alle Menschen, allen voran die Frauen, auf die Straße gehen und ihre Reaktion zeigen.

Auf dieser Grundlage sind wir überzeugt, dass alle Frauen, jungen Menschen und unsere Völker den Kampf für die Freiheit der Frauen in einen Kampf für den Aufbau eines demokratischen und gemeinsamen Lebens verwandeln werden.“

https://deutsch.anf-news.com/frauen/-52649 https://deutsch.anf-news.com/frauen/-52574 https://deutsch.anf-news.com/frauen/mindestens-23-frauen-und-madchen-im-august-in-iran-und-in-rojhilat-getotet-52573 https://deutsch.anf-news.com/frauen/-51834 https://deutsch.anf-news.com/menschenrechte/jina-mahsa-amini-un-bericht-macht-iran-verantwortlich-fur-tod-41327

 

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Derya Aydın: Friedensaufbau und Trauer gehen Hand in Hand

13. September 2026 - 8:00

Die kollektiven Trauerfeiern für Gefallene der kurdischen Freiheitsbewegung sind für die Anthropologin Derya Aydın ein sichtbares Zeichen dafür, dass sich die Türkei in einer Übergangsphase der Konfliktlösung befindet. Im Vergleich zu den vergangenen zehn Jahren hätten Versuche, kurdische Trauer zu kriminalisieren, abgenommen. Zugleich sieht Aydın weiterhin klare Grenzen: Der Staat wolle verhindern, dass sich die Trauer im öffentlichen Raum institutionalisiert und zu einer gesellschaftlich legitimierten, dauerhaften Form des Gedenkens entwickelt.

Im zweiten Teil unseres Interviews spricht Aydın über die symbolische Macht politischer Toter, die gesellschaftliche Konkurrenz um legitime Formen des Gedenkens und die Voraussetzungen für einen Übergang vom negativen zum positiven Frieden. Dabei verweist sie auf Erfahrungen von Südkurdistan und Şengal über Spanien und Palästina bis nach Lateinamerika. Friedensprozesse, so Aydın, müssten sich auch der Wahrheit des politischen Todes stellen, Tote identifizieren und ihnen ihre Würde zurückgeben.

„Der Prozess bewegt sich stärker auf Messers Schneide als 2013“

Aus regierungsnahen Kreisen und von faschistischen Parteien kamen provokative Äußerungen gegen die Trauerfeiern. Warum wird auf das Recht zu trauern mit Ablehnung reagiert, während zugleich von Frieden gesprochen wird?

Zunächst einmal muss man, wenn man sich die Missachtung und die entwürdigende Behandlung von Toten in den vergangenen zehn Jahren sowie den Diskurs ansieht, der diese Praktiken legitimiert hat, feststellen, dass die heutigen Versuche der Kriminalisierung zurückgegangen sind. Ja, es gab Festnahmen, doch die Betroffenen wurden wieder freigelassen. Auch aus Regierungskreisen habe ich Äußerungen wahrgenommen, in denen Trauer als etwas Selbstverständliches bezeichnet wurde. Natürlich sollte all das längst selbstverständlich sein. Und ja, man kann sagen, dass wir nach zwei Jahren an einem weiter fortgeschrittenen Punkt stehen müssten. Ich verstehe solche Einschätzungen, doch der Charakter dieser Phase muss genau analysiert werden.

Die einzelnen Schritte werden langsamer vollzogen. Auch wenn es bislang noch nicht zur Anwendung gekommen ist, stellt das Rahmengesetz mit Blick auf die Kurdistanfrage einen ersten Text dieser Art dar und ist von Bedeutung. Wenn Sie mich fragen, bewegt sich dieser Prozess noch stärker auf Messers Schneide als der Prozess von 2013. Sowohl angesichts der weltpolitischen Konjunktur als auch mit Blick auf die Lösung eines inzwischen fast ein halbes Jahrhundert andauernden Konflikts ist bei beiden Seiten, die – wenn man so will – zutiefst erschöpft sind, eine realistischere Herangehensweise zu beobachten.

Von zwei homogenen Seiten kann natürlich kaum die Rede sein. Insbesondere wenn man die Fragmentierung innerhalb des türkischen Staates und die heterogene Struktur der kurdischen Bewegung berücksichtigt, gehen die Seiten insgesamt wesentlich vorsichtiger und behutsamer vor. Vielleicht werden die Gespräche auch deshalb derart abgeschirmt geführt. Es wäre wohl auch nicht falsch zu sagen, dass auf beiden Seiten das Trauma des Konfliktgeschehens der vergangenen zehn Jahre und seiner Folgen nachwirkt.

Ich denke, dass dieses Trauma in der Gesellschaft noch wesentlich tiefer sitzt. Natürlich gibt es auch andere Gründe, doch auch deshalb begleitet die Gesellschaft den Prozess deutlich stiller als 2013/2014. Ich halte den Prozess nicht für fragiler als damals. Doch insbesondere seit zwei Jahren wirken die Seiten darauf bedacht, keine schwerwiegenden Fehler zu machen. Wie bei einem Tauziehen halten sie das Seil auf ihrer jeweiligen Seite fest umklammert, ziehen es zu sich und versuchen dabei, ihre – wenn man so will – „Errungenschaften“ zu bewahren. Denn in diesem seit Jahren andauernden Konflikt gibt es weder Sieger noch Besiegte.

„Der Staat will nicht, dass Trauer zu legitimiertem Gedenken wird“

Wie die Festnahmen zeigen, will der Staat nicht, dass sich diese Trauer im öffentlichen Raum institutionalisiert und zu einer gesellschaftlich legitimierten, dauerhaften Form des Gedenkens wird. Auch wenn zwischen 2013 und 2015 Friedhöfe angelegt, Tote geborgen und kollektive Beisetzungszeremonien abgehalten wurden, zeigten sowohl die Kriminalisierung in den Medien als auch Vorgehensweisen wie die Zerstörung des Denkmals für Mahsum Korkmaz, dass der Staat verhindern wollte, dass dieser Prozess in ein dauerhaftes öffentliches Gedenken mündet, und Trauer nur innerhalb bestimmter Grenzen zuließ.

In meiner Forschung habe ich versucht, die damalige Haltung des Staates gegenüber diesen Friedhöfen zu verstehen, und mich intensiv mit der Frage beschäftigt, wo die Grenzen des staatlich Zugelassenen begannen und wo sie endeten. Die komplexen politischen Strategien und Praktiken des Staates können mitunter den Eindruck erwecken, er handle widersprüchlich. Rückblickend wird jedoch deutlicher, dass er damals im Rahmen einer äußerst konsequenten Politik vorging. Heute verhält es sich ähnlich.

Dass die Trauerfeiern ins Visier genommen werden, hat darüber hinaus unterschiedliche sichtbare und unsichtbare Gründe. Im Kern steht der Wille, die im Bereich der Trauer in der Türkei geschaffene und institutionalisierte Diskriminierung aufrechtzuerhalten. Nach dieser Logik dürfen kurdische politische Tote und die Toten des Staates nicht in gleicher Weise öffentlich erinnert werden. Sie dürfen nicht einmal in derselben Weise betrauert werden wie Tote im Rahmen traditioneller Trauerpraktiken. Denn auch ihrem Leben wird nicht derselbe Wert zugeschrieben. Achten Sie darauf: Diejenigen, die diese Trauer zu kriminalisieren versuchen, stören sich vor allem an dem auch von Kurd:innen verwendeten Begriff „Şehîd“. Denn indem dieser Begriff in einen kurdischen Kontext gestellt wird, dekonstruiert er den im öffentlichen Raum der Türkei geschaffenen „Märtyrermythos“. Für die große Mehrheit der Gesellschaft in der Türkei ist es schwer, dies anzuerkennen.

Das Bemühen der Angehörigen, die Würde des vom Staat und seinen ideologischen Apparaten seit Jahren entmenschlichten „PKK-Lebens“ und parallel dazu auch des entmenschlichten toten Körpers zu schützen – und darüber hinaus der Versuch, diesen mit der Bezeichnung „Şehîd“ zu sakralisieren –, kann die politischen und emotionalen Welten erschüttern, die sich um den „Vertrag der Türkischkeit“ herausgebildet haben. Das ist eine Realität. Diese gesellschaftlichen Verhältnisse muss man genau lesen. Ich denke jedoch, dass sich viele Kurd:innen, die Verluste erlitten haben, dieser Realität bewusst sind. Gerade deshalb erzählen sie trotz all des erlittenen Schmerzes unermüdlich und beharrlich von der Wahrheit dessen, was geschehen ist, versuchen, Kontakte herzustellen, und weisen auf die Bedeutung des Friedens hin.

Die symbolische Macht des politischen toten Körpers

Ein weiterer Grund für die Reaktionen, vielleicht sogar der wichtigste, ist die symbolische Kraft, die von diesen politischen Toten ausgeht, selbst wenn ihre sterblichen Überreste nicht anwesend sind. Das ist die Macht des Todes. Mehr noch: die Macht des politischen toten Körpers. Dieser Körper ist tot und doch lebendig. Der tote Körper tritt uns mit einem politischen Leben gegenüber. Selbst wenn der Körper selbst nicht da ist…

Diese Kraft reicht inzwischen über die kurdische Geografie hinaus bis nach Istanbul, Großbritannien und in die Schweiz. Sie vermag Kurd:innen, die an unterschiedlichen Orten der Welt durch ein gemeinsames Gefühl miteinander verbunden sind, zu mobilisieren. Politisches Leben und politischer Tod besitzen eine solche Kraft, dass sie den gesellschaftlichen und politischen Raum der Kurd:innen seit Jahren prägen. Diejenigen, die mit diesen Reaktionen auftreten, sind sich dieser Kraft bewusst. Ich denke, dass auch der Staat gerade deshalb versucht, sie heute auszubalancieren.

„Wir befinden uns eindeutig in einer Übergangsphase der Konfliktlösung“

Entspricht das, was heute geschieht, tatsächlich den Prozessen der Übergangsjustiz innerhalb einer Konfliktlösung? Unternimmt der Staat einen Schritt im Rahmen dieses Prozesses, indem er Trauerfeiern zulässt und sogar ermöglicht, dass die sterblichen Überreste von Guerillakämpfer:innen vom Friedhof der Namenlosen übergeben und bestattet werden?

Ich weiß nicht, ob es weltweit einen allgemeingültigen Prozess der Übergangsjustiz in dem von Ihnen beschriebenen Sinne gibt. Schließlich ist es normal, dass jede Erfahrung innerhalb ihres eigenen spezifischen Kontextes verläuft. Insofern ist jedoch klar, dass wir uns mit Blick auf die Lösung des Konflikts in einer Übergangsphase befinden, auch wenn diese sehr langsam voranschreitet. Noch vor anderthalb oder zwei Jahren konnten Beisetzungszeremonien unmittelbar zum Ziel von Angriffen werden. Sie wissen selbst am besten, wie viele Trauer- und Beisetzungszeremonien mit Wasserwerfern angegriffen wurden. Bemerkenswerterweise kam es in den vergangenen zehn Jahren auch zu verschiedenen Angriffen von Zivilpersonen auf die Friedhöfe unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen. Wobei das eigentlich gar nicht bemerkenswert ist – schließlich kann sich eine solche Gewalt leider auf die gesamte Gesellschaft ausbreiten.

Als 2015 der PKK-Friedhof in Dersim zerstört wurde, fuhr Aysel Doğan dorthin und bezeichnete das Geschehen als Barbarei. Doch als Doğan 2022, sieben Jahre später, starb, wurde auch ihre Beisetzung angegriffen. Die Bilder der Gewalt gegen tote Körper im Jahr 2016 möchte ich nicht einmal wiederholen; die meisten davon sind der Öffentlichkeit ohnehin bekannt. Insbesondere aus Cizîr, Nisêbîn und Sûr… In Sûr hielten Familien im Dicle-Fırat-Kulturzentrum beinahe drei Monate lang Sitzwachen ab, um die sterblichen Überreste ihrer Angehörigen entgegennehmen zu können. Menschenrechtsorganisationen haben dazu Berichte veröffentlicht, die man einsehen kann. Eine Mutter, die beim MEBYA-DER in Amed tätig ist und damals 66 Jahre alt war, heute 77, erzählte mir, wie sie zu den Friedhöfen gingen, dort Wache hielten, um Angriffe auf die Grabstätten zu verhindern, und dabei selbst angegriffen wurden.

Selbst während der Corona-Pandemie wurden Grabsteine wegen kurdischer Buchstaben beschädigt. Deshalb sind auf den Grabsteinen einiger PKK-Mitglieder, die auf öffentlichen Friedhöfen bestattet wurden, ihre zweiten Namen nicht verzeichnet. Natürlich ist der gegenwärtige Prozess daher auch unter diesem Gesichtspunkt ein Prozess der Konfliktlösung. Die Namen der Verstorbenen werden bekannt gegeben, und es wird kollektiv getrauert. Dass diese Trauerfeiern nicht verhindert werden und Tote aus Friedhöfen der Namenlosen an ihre Angehörigen übergeben werden können, ist wichtig, reicht für sich genommen jedoch nicht aus.

Vom negativen zum positiven Frieden

Es ist wichtig, sich der Wahrheit des politischen Todes zu stellen, die begangenen Verbrechen zu dokumentieren und durch eine gerechte strafrechtliche Aufarbeitung dafür zu sorgen, dass sich das Geschehene – mit den bekannten Worten – ‚nie wieder‘ wiederholt. Ebenso wichtig ist es, den Toten ihre Würde zurückzugeben und die Forderung nach Respekt vor den Toten und nach Gerechtigkeit in das Zentrum des Kampfes für Frieden zu stellen. Ich denke, dass deshalb bereits jetzt die Voraussetzungen für die Suche nach den Toten und ihre Identifizierung geschaffen werden müssen. Das ist ein langfristiger Weg. Doch wenn wir uns die sichtbar werdende Demografie des politischen Todes und die Forderungen der Familien ansehen, muss damit so bald wie möglich begonnen werden.

Es braucht entsprechende Arbeiten unter Beteiligung insbesondere der Familien, aber auch von Rechtsmediziner:innen, forensischen Anthropolog:innen, forensischen Archäolog:innen, Jurist:innen und Menschenrechtsorganisationen. Die erste Voraussetzung dafür ist politische Verantwortung. Zugleich müssen Mechanismen geschaffen werden, in denen Staat und kurdische Bewegung in dieser Frage zusammenarbeiten können. Diese müssen gesetzlich abgesichert werden. Beide Seiten müssen den Weg für diese Arbeit freimachen und zugleich ihren Beitrag dazu leisten. Auch für den Übergang vom negativen zum positiven Frieden ist dies ein entscheidender Schritt.

„In Konfliktlösungsprozessen gibt es immer Trauer“

Gibt es dafür Beispiele aus anderen Teilen der Welt, und wenn ja, welche Erfahrungen wurden dort gemacht?

Natürlich gibt es sie! Manchmal unterliegen wir dem Irrtum, die Gewalt, die wir in unserem Land erleben, sei einzigartig. Doch in allen Konflikten werden tote Körper auf unterschiedliche Weise zum Ziel von Gewalt. Sterbliche Überreste können verschwinden. In all diesen Konflikten bleiben leider Tote zurück, die nicht angemessen bestattet werden können. Deshalb steht Trauer immer im Zentrum von Konfliktlösungsprozessen. Friedensaufbau und Trauer gehen Hand in Hand. Denn überall dort, wo sich Regime der Feindschaft herausbilden, werden im Grunde nicht nur die Lebenden, sondern leider auch die Toten zum Ziel von Gewalt. Schauen wir auf die nächstliegenden Beispiele. Von den Menschen, die bei den Massakern von Helebce und Anfal in Südkurdistan und im Irak getötet wurden, ist bislang nur ein sehr kleiner Teil identifiziert worden. Das hängt auch damit zusammen, dass die Konflikte in der Region in gewisser Weise bis heute andauern.

Noch bevor diese Fragen geklärt werden konnten, wurden dort Ezid:innen vom IS massenhaft ermordet, und bis heute werden immer wieder neue Massengräber von Ezid:innen entdeckt. Die irakische Behörde für Massengräber nimmt bei diesen Arbeiten eine zentrale Rolle ein. Zugleich versuchen internationale Einrichtungen – vom UN-Ausschuss gegen das Verschwindenlassen bis zur Guatemaltekischen Stiftung für Forensische Anthropologie (FAFG) – sowie Universitäten und Menschenrechtsorganisationen vor Ort, Untersuchungen zu den Massengräbern durchzuführen.

Der Nahe Osten und Kurdistan sind in dieser Hinsicht leider eine Geografie der Friedhöfe. Im vergangenen Jahrhundert wiederum war Europa eines der Zentren solcher inneren Konflikte. Von Spanien bis Bosnien wurden an vielen Orten Massengräber geöffnet und Tote identifiziert. Insbesondere der Balkan mit Jugoslawien, Bosnien und Kosovo gehört zu den Regionen, die von schweren inneren Konflikten geprägt wurden.

Wenn ich über Identifizierung und die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit nachdenke, beschäftigt mich immer wieder das Beispiel Spanien. Nach dem Krieg vermieden es die Menschen dort lange Zeit, sich der Frage zuzuwenden, was mit den Toten geschehen war. Erst zwei Generationen später begannen sie, die Gräber zu öffnen. Das hatte auch mit der Härte des Krieges und der großen Zahl der Verluste zu tun. Dass die Menschen zunächst in ihr Leben zurückkehren wollten, war eine Form, mit dem Trauma umzugehen. Doch Tote, die nicht würdig bestattet wurden, hören niemals auf, die Lebenden heimzusuchen. Schließlich waren es die Enkel:innen, die zurückkehrten und fragten: „Was ist mit unseren Vorfahren geschehen?“ Bis heute wird in Spanien zu Massengräbern geforscht.

Auf der anderen Seite ist Palästina das gegenwärtig brennendste Beispiel. Auch die Toten waren nach der Nakba der vielschichtigen Gewalt ausgesetzt, der die palästinensische Bevölkerung unterworfen wurde. Selbst palästinensische Friedhöfe sollten von den Landkarten und aus dem Gedächtnis getilgt werden. Über den Friedhöfen wurden ausgedehnte Wälder angelegt, um die Verbindung Palästinas zu seiner Vergangenheit zu kappen. Was mit den Toten in Gaza geschehen ist, konnte bis heute nicht vollständig aufgeklärt werden, denn die Lebenden kämpfen dort noch immer ums Überleben.

„Aus diesen Erfahrungen können wir viel lernen“

Auch die inneren Konflikte in Asien, etwa der Bürgerkrieg in Sri Lanka, verliefen äußerst blutig, und die sterblichen Überreste Tausender Menschen, die dabei ums Leben kamen, werden bis heute vermisst. Die Beispiele aus Süd- und Mittelamerika sind ohnehin bekannt und äußerst erschütternd. In Chile, Argentinien, Kolumbien und Guatemala waren das gewaltsame Verschwindenlassen von Menschen und konfliktbedingte Todesfälle weit verbreitet. In diesen Ländern dauert der Kampf darum, die Toten zu würdigen und ihre Würde zu schützen, bis heute an. Die FAFG etwa nutzt seit 28 Jahren sämtliche Möglichkeiten der forensischen Wissenschaften im Dienst des Lebens und der Wahrheit, um Tote zu identifizieren.

Durch die Arbeit zahlreicher Rechtsmediziner:innen, Anthropolog:innen, Archäolog:innen, Jurist:innen und Familien hat die Stiftung bislang 20.323 DNA-Proben gesammelt. Im Rahmen von Exhumierungen und Untersuchungen wurden die sterblichen Überreste von 12.666 Opfern geborgen, 3.994 Menschen identifiziert und 993 Zeugenaussagen dokumentiert. Die FAFG hat zudem forensische Untersuchungen in Mexiko, Kolumbien, Bangladesch und Syrien durchgeführt. Mit ihren Ausbildungsprogrammen im Rahmen der Global Academy of Forensic and Physical Anthropology bildet sie weiterhin in einem weiten geografischen Raum – von den Philippinen über den Libanon und Syrien bis nach Südkorea – qualifizierte Fachkräfte aus und leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Wahrheitssuche und zu forensischen Untersuchungen im Rahmen von Friedensprozessen.

Auch wenn Kontext und Ergebnisse all dieser Konflikte und Lösungsprozesse unterschiedlich sind, sind wir letztlich Teil dieser Welt, und vieles von dem, was wir erleben, ist nicht einzigartig. In dieser Hinsicht sind all diese Beispiele lehrreich. Auch in unserem Land können wir aus diesen Erfahrungen viel lernen – bei der Aufarbeitung vergangener Verbrechen, ihrer gerechten gerichtlichen Ahndung und der Identifizierung der infolge des Konflikts Getöteten, um ihre Würde zu schützen. Zugleich bieten sich Möglichkeiten, in diesen Fragen zusammenzuarbeiten.

https://deutsch.anf-news.com/hintergrund/derya-aydin-trotz-all-dieser-verluste-halten-die-menschen-am-frieden-fest-52696 https://deutsch.anf-news.com/hintergrund/-50874 https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/tausende-erinnern-in-zahlreichen-stadten-an-gefallene-kampfer-innen-52708

 

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Tausende nehmen Abschied von Sîpan Hiznî

13. September 2026 - 8:00

Tausende Menschen aus der Region Cizîrê haben den ermordeten Kämpfer der Hesekê-Brigade Sîpan Hiznî (Samî Şêxmûs Hiso) zu Grabe getragen. Die Beisetzung fand am Sonnabend auf dem Şehîd-Dijwar-Friedhof im Dorf Dawudiyê bei Hesekê statt. Hiznî war am Donnerstag in Hesekê von einer bewaffneten Gruppe verschleppt und ermordet worden. Die Täter filmten die Tat und verbreiteten die Aufnahmen zusammen mit antikurdischen Drohungen in sozialen Netzwerken. Der Mord löste in mehreren Städten Rojavas Proteste aus. In Kobanê gingen Truppen der Allgemeinen Sicherheit gegen Demonstrierende vor und nahmen zahlreiche Menschen fest.

„Symbol für Menschlichkeit und Freiheit“

Die Trauerfeier begann mit einer Schweigeminute für die Gefallenen des kurdischen Freiheitskampfes. Welîda Botî vom Angehörigenrat von Gefallenen sprach der Familie ihr Beileid aus und rief dazu auf, die unter großen Opfern errungenen Errungenschaften der Rojava-Revolution zu verteidigen. Der Ko-Vorsitzende der Partei PYD, Xerîb Hiso, bezeichnete den Mord an Sîpan Hiznî anschließend als „barbarischen und unmenschlichen Akt“. Hiznî habe gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) gekämpft und dabei nicht allein sein eigenes Volk, sondern Menschen unterschiedlicher ethnischer und religiöser Zugehörigkeit verteidigt.

 


„Sîpan war ein Symbol für Menschlichkeit und die Freiheit der Völker“, so Hiso. Schließlich sei er selbst auf brutale Weise ermordet worden. Der Politiker wandte sich entschieden dagegen, den Mord als individuelle Tat oder als Stammeskonflikt darzustellen. Er ordnete ihn in politische Entwicklungen und äußere Einflussnahmen ein, die darauf abzielten, den Willen der Bevölkerung der Region zu brechen. Kurd:innen und Araber:innen hätten über Jahre zusammengelebt, Syrien gemeinsam verteidigt und gemeinsam Menschen im Kampf verloren, erklärte der PYD-Vorsitzende.

Hiso macht Übergangsregierung für Kobanê verantwortlich

Hiso ging bei der Trauerfeier auch auf die tödlichen Ereignisse in Kobanê ein. Er machte die syrische Übergangsregierung für die Eskalation und den Brand im Gefängnis verantwortlich. Das Feuer sei ausgebrochen, nachdem die Allgemeine Sicherheit die Kontrolle über die Sicherheit des Gefängnisses übernahm. Die PYD hatte bereits zuvor schwere Vorwürfe gegen Damaskus erhoben. Nach dem gewaltsamen Vorgehen gegen die Proteste waren Festgenommene in das Gefängnis von Kobanê gebracht worden. Dort kam es zu Unruhen, als Insassen erfuhren, dass sie gegen ihren Willen in Gefängnisse der Provinz Aleppo verlegt werden sollten. In Teilen des Gefängnisses wurde daraufhin Feuer gelegt. Hiso rief die Bevölkerung dazu auf, Versuchen entgegenzutreten, Feindschaft zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen der Region zu schüren.

„Nicht in die Falle eines neuen Krieges geraten“

Auch Sîpan Hiznîs Onkel Ehmed Hiso wandte sich an die Trauergemeinde. Sein Neffe habe die verschiedenen Bevölkerungsgruppen der Region verteidigt, sagte er und rief die Menschen in Rojava dazu auf, angesichts der angespannten Situation besonnen und mit politischem Bewusstsein zu handeln. „Die Bevölkerung darf nicht in das Spiel der Banden geraten, die die Region in einen neuen Krieg treiben wollen“, betinte Hiso.

Nach den Redebeiträgen wurden die Personalien Sîpan Hiznîs verlesen und seiner Familie übergeben. Anschließend wurde er unter „Şehîd namirin“-Rufen beigesetzt.

Opferzahl nach Gefängnisbrand auf acht korrigiert

Unterdessen wurde die Zahl der Todesopfer des Gefängnisbrands in Kobanê nach unten korrigiert. Nachdem zunächst von neun Toten die Rede gewesen war, werden inzwischen acht Gefangene als Todesopfer genannt: Xalid Mihemed, Ezîz Reşîd, Mehmûd Mistefa, Bozan Dalî, Elî Îsa, Delîl Şêx Elî, Elî Eqîlî und Şerwan Şevxan. Die acht Toten sollen am Montag, 14. September, nach Abschluss der Trauerbesuche gemeinsam beigesetzt werden. Die Trauerfeier findet auf dem Şehîd-Dîcle-Friedhof in Kobanê statt.

https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/mazlum-abdi-in-kobane-regierungstruppen-ziehen-sich-aus-stadtzentrum-zuruck-52707 https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/kampfer-der-heseke-brigade-nach-entfuhrung-ermordet-52683 https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/pyd-macht-Ubergangsregierung-fur-eskalation-in-kobane-verantwortlich-52706 https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/msd-warnt-nach-mord-an-sipan-hizni-vor-antikurdischer-gewalt-52700 https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/nach-gewaltsamem-vorgehen-gegen-proteste-neun-tote-in-gefangnis-von-kobane-52699

 

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Tausende erinnern in zahlreichen Städten an gefallene Kämpfer:innen

12. September 2026 - 21:00

In zahlreichen Städten Kurdistans und der Türkei dauern die Trauerfeiern für gefallene Mitglieder der HPG und YJA Star an. Tausende Menschen kamen seit Tagen mit den Familien zusammen, gedachten der Gefallenen und erinnerten an ihren Kampf. Besonders große Gedenkveranstaltungen fanden unter anderem in Amed (tr. Diyarbakır) und Istanbul statt.

Die Trauerfeiern werden überwiegend von Vereinen der Angehörigen von Gefallenen organisiert. In den Sälen und Trauerhäusern wurden die Bilder der Gefallenen auf mit grünen, roten und gelben Tüchern geschmückten Tischen aufgestellt. Transparente mit Aufschriften wie „Şehîdên me rûmeta me ne“ (Unsere Gefallenen sind unsere Würde), „Em şehîdên azadiyê bi bîr tînin“ (Wir erinnern an die Gefallenen der Freiheit) und „Şehîd namirin“ (Die Gefallenen sind unsterblich) prägten die Veranstaltungen.

Tausende kommen in Amed mit den Familien zusammen

In Rezan (Bağlar) in Amed wurde die von MEBYA-DER organisierte Trauerfeier am dritten Tag von Tausenden Menschen besucht. Bereits seit den frühen Morgenstunden kamen Vertreter:innen politischer Parteien und zivilgesellschaftlicher Organisationen sowie zahlreiche Einwohner:innen in den Saal und sprachen den Familien ihr Beileid aus.

Neben den Fotografien der Gefallenen und des kurdischen Repräsentanten Abdullah Öcalan waren Transparente mit Botschaften wie „Wir erinnern an die Gefallenen der Freiheit“ und „Wer die Führung und die Gefallenen als Kompass hat, verliert seine Richtung nicht“ angebracht. Im Verlauf des Tages wurde ein Mevlit abgehalten. Ein Film erinnerte mit Bildern und Aufnahmen an das Leben und den Kampf der Gefallenen.

 


Ramazan Dengiz, Ko-Vorsitzender des Ortsverbands von MEBYA-DER in Amed, erinnerte an Mehmet Hayri Durmuş, der am 12. September 1982 infolge des Todesfastens im Gefängnis Nr. 5 von Diyarbakır starb, und gedachte in seiner Person der Gefallenen des kurdischen Freiheitskampfes.

Durmuş’ Schwester Zekiye Ayık wandte sich an die Familien: „Ich danke vor allem Abdullah Öcalan sowie den Familien der Gefallenen und der Guerilla. Ich habe großen Respekt vor euch, weil ihr solche Kinder großgezogen habt. Ihre Mühen haben eine ganz besondere Bedeutung. Vergessen wir sie nicht, niemals.“ Die Kinder dieses Volkes hätten großes Leid erfahren, sagte Ayık. Gerade deshalb müsse man füreinander einstehen: „Unser Kampf ist noch nicht zu Ende. Das Volk, die Mütter, die Väter – wir alle müssen aufrecht bleiben.“

„Durch sie sind wir aufrecht geblieben“

Auch der frühere politische Gefangene Ali Haydar Elyakut, der 2025 nach 32 Jahren aus türkischer Haft entlassen wurde, sprach bei der Trauerfeier. Es sei schwer, über Gefallene zu sprechen und noch schwerer, vor ihren Müttern das Wort zu ergreifen. „Wenn wir unsere Sprache und unsere Identität der Welt bekannt gemacht haben, dann ist das diesen Gefallenen zu verdanken“, sagte Elyakut. Immer wieder werde er gefragt, wie er mehr als drei Jahrzehnte im Gefängnis habe überstehen können. „Durch diese Gefallenen sind wir aufrecht geblieben. Sie haben ihr Leben für unsere Existenz gegeben.“ Man werde ihr Vermächtnis nicht vergessen und ihren Weg weitergehen, erklärte Elyakut. Auch im gegenwärtigen Prozess müsse jede und jeder seinen Beitrag leisten. Mit einer Filmvorführung über Abdullah Öcalan und die Gefallenen ging das dreitägige Gedenken in Amed zu Ende.

 


Gedenken in Istanbul

Auch in Istanbul kamen zahlreiche Menschen zu einer von MEBYA-DER organisierten Trauerfeier für Guerillakämpfer:innen zusammen, deren Tod in den vergangenen Tagen bekannt gegeben worden war. An der Veranstaltung in Okmeydanı nahmen neben den Angehörigen unter anderem auch zahlreiche Politiker:innen und Aktive der Zivilgesellschaft teil. Die Fotografien der Gefallenen standen im Mittelpunkt des Gedenkens. Im Saal waren Bilder Abdullah Öcalans und Transparente mit den Aufschriften „Unsere Gefallenen sind unsere Würde“, „Die Gefallenen sind unsterblich“ und „Wir erinnern an die Gefallenen der Freiheit“ angebracht. Immer wieder kamen Gruppen von Besucher:innen hinzu, um den Angehörigen ihr Beileid auszusprechen und gemeinsam der Gefallenen zu gedenken.

Trauerfeiern von Adana bis Qers

Auch in zahlreichen weiteren Städten wurden die mehrtägigen Gedenkveranstaltungen fortgesetzt. In Adana und Mersin kamen die Menschen am dritten Tag in den Trauerhäusern von Ova und Güneş mit den Familien zusammen. In Qoser (Kızıltepe) bei Mêrdîn (Mardin) begann eine mehrtägige Trauerfeier mit einer Schweigeminute und „Şehîd namirin“-Rufen.

In Bismîl, Farqîn (Silvan) und Karaz (Kocaköy) im Raum Amed sowie in Sêrt (Siirt) beteiligten sich ebenfalls zahlreiche Menschen an den Gedenkveranstaltungen. Neben gemeinsamen Gebeten wurden Filme über das Leben und den Kampf der Gefallenen gezeigt. In Riha (Urfa) finden Trauerfeiern in Wêranşar (Viranşehir), Pirsûs (Suruç) und Eyûbî (Eyyübiye) statt. In Wêranşar nahm auch der DBP-Vorsitzende Keskin Bayındır teil und sprach den Familien sein Beileid aus. Weitere Veranstaltungen wurden in Bursa und Dilovası bei Kocaeli organisiert.

Mûş

In Wan (Van) kamen am dritten Tag erneut Tausende Menschen zusammen. MEBYA-DER-Aktivist Yusuf Dündar erklärte, die Gefallenen hätten für die Freiheit der Bevölkerung und ihrer Sprache gekämpft. Ihr Vermächtnis werde weitergetragen. In Erdîş (Erciş) endete das dreitägige Gedenken mit einem gemeinsamen Marsch junger Menschen, die Fotografien der Gefallenen trugen und von den Familien mit Trillerrufen und Parolen empfangen wurden.

Auch in Milazgir (Malazgirt) bei Mûş fand eine von MEBYA-DER organisierte Trauerfeier statt. Die DBP-Vorsitzende Çiğdem Kılıçgün Uçar erklärte dort, kurdische Jugendliche hätten gegen die Politik der Leugnung gekämpft und die kurdische Bevölkerung weltweit sichtbar gemacht. Nun liege es an der Gesellschaft, ihr Vermächtnis zu bewahren und Sprache, Kultur und Identität zu verteidigen.

In Qers (Kars) wurde gesondert der YJA-Star-Kämpferin Yaprak Yıldırım (Gurbeteli Serhildan) und des HPG-Kämpfers Yusuf Güneşyüz (Azad Dîgor) gedacht. Die Trauerfeiern fanden in ihren Herkunftsorten Pifika Taloya bei Qaxizman und Yemençayır bei Dîgor statt. In Cizîr (Cizre) in Şirnex (Şırnak) zogen zahlreiche Menschen mit „Şehîd namirin“-Rufen gemeinsam zum Ort der Trauerfeier. Dort endete das Gedenken nach gemeinsamen Gebeten.

https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/gedenken-an-gefallene-des-kurdischen-freiheitskampfes-in-istanbul-52695 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/amed-wir-wollen-keine-rache-unsere-einzige-forderung-ist-frieden-52692 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/gedenken-an-gefallene-des-freiheitskampfes-in-mexmur-52688

 

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Mazlum Abdi in Kobanê – Regierungstruppen ziehen sich aus Stadtzentrum zurück

12. September 2026 - 21:00

Nach den schweren Ereignissen der vergangenen beiden Tage ist Mazlum Abdi nach Kobanê gekommen. Der Berater des syrischen Präsidenten berät dort mit den Verantwortlichen der Stadt über die Lage. Unterdessen haben sich die Truppen der syrischen Übergangsregierung aus dem Stadtzentrum zurückgezogen.

An der Zusammenkunft nehmen unter anderem der Verantwortliche der Allgemeinen Sicherheit in Kobanê, die Leitung der Stadtverwaltung, der Kommandeur der Kobanê-Brigade und weitere Verantwortliche teil. Die Beratungen dauerten zunächst an. Nach vorliegenden Informationen befinden sich die aus dem Stadtzentrum abgezogenen Regierungstruppen derzeit etwa zwei Kilometer außerhalb von Kobanê.

 

Video: ANHA

Gemeinsam mit einer Delegation besuchte Abdi anschließend Gefangene, die bei dem Brand im Gefängnis von Kobanê verletzt worden waren und im Krankenhaus der Stadt behandelt werden. Er erkundigte sich nach ihrem Gesundheitszustand und wünschte ihnen eine schnelle Genesung. Bei dem Brand waren neun Gefangene ums Leben gekommen und 17 weitere verletzt worden. Dem Feuer waren Massenproteste gegen die Verschleppung und Ermordung des 26-jährigen Sîpan Hiznî (Samî Şêxmûs Hiso) vorausgegangen. Hiznî gehörte der Hesekê-Brigade an. In Kobanê gingen Truppen der Allgemeinen Sicherheit gegen die Demonstration vor und nahmen zahlreiche Menschen fest.

Ein Teil der Festgenommenen wurde in das Gefängnis der Stadt gebracht. Dort eskalierte die Situation in der Nacht, nachdem bekannt geworden war, dass Gefangene in Haftanstalten der Provinz Aleppo verlegt werden sollten. Bei den anschließenden Unruhen brach in Teilen des Gefängnisses ein Feuer aus. Verletzte Gefangene berichteten später aus dem Krankenhaus, dass die angekündigte Verlegung nach Aleppo Widerstand unter ihnen ausgelöst habe. Die PYD erklärte am Samstag, Regierungstruppen hätten versucht, Gefangene gewaltsam aus Kobanê zu bringen, und machte die syrische Führung für die Eskalation verantwortlich.

https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/nach-gewaltsamem-vorgehen-gegen-proteste-neun-tote-in-gefangnis-von-kobane-52699 https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/pyd-macht-Ubergangsregierung-fur-eskalation-in-kobane-verantwortlich-52706 https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/msd-warnt-nach-mord-an-sipan-hizni-vor-antikurdischer-gewalt-52700

 

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PYD macht Übergangsregierung für Eskalation in Kobanê verantwortlich

12. September 2026 - 21:00

Nach dem gewaltsamen Vorgehen gegen Protestierende und dem Tod von neun Gefangenen in Kobanê macht die Partei der Demokratischen Einheit (PYD) die syrische Übergangsregierung für die Eskalation verantwortlich. Die Partei fordert eine öffentliche und transparente Untersuchung der Übergriffe auf Zivilist:innen, des Gefängnisbrands und des Mordes an Sîpan Hiznî. Sie erklärte, sie verfolge die gefährliche Entwicklung in Kobanê seit Donnerstag mit großer Sorge. Ein von außerhalb kommender Konvoi der Allgemeinen Sicherheitskräfte der syrischen Übergangsregierung sei in die Stadt eingefahren und durch die Straßen gezogen.

Deren Truppen nahmen Zivilpersonen fest, schüchterten die Bevölkerung ein und äußerten rassistische Beleidigungen gegen Kurd:innen und ihre ethnische Identität. Zudem wurden provozierende Parolen gerufen, die in der Bevölkerung Empörung auslösten. Bereits bei den Protesten gegen die Verschleppung und Ermordung Sîpan Hiznîs waren die Angehörigen des Damaszener Sicherheitsapparats gewaltsam gegen Demonstrierende vorgegangen und hatten zahlreiche Menschen festgenommen.

Gefangene widersetzten sich Verlegung nach Aleppo

In der Nacht eskalierte die Situation im Gefängnis von Kobanê. Dort hatten Gefangene erfahren, dass sie gegen ihren Willen aus der Stadt in Gefängnisse der Provinz Aleppo gebracht werden sollten. Verletzte Gefangene berichteten später aus dem Krankenhaus, dass die Ankündigung der Verlegung Widerstand unter den Insassen ausgelöst habe. Nach Angaben der PYD versuchte die Allgemeine Sicherheit, Gefangene gewaltsam aus Kobanê zu bringen. Daraufhin setzten einige Inhaftierte ihre Zellen in Brand. Neun Menschen kamen bei dem Feuer ums Leben, 17 weitere wurden verletzt, einige von ihnen schwer.

Die PYD fordert eine öffentliche Untersuchung der Ereignisse und die Identifizierung der Verantwortlichen. Alle, die an Übergriffen gegen Zivilpersonen und Gefangene beteiligt gewesen seien, müssten zur Rechenschaft gezogen werden.

Angriffe inmitten wachsender Proteste für kurdische Rechte

Die Partei stellt die Ereignisse in Kobanê in den Zusammenhang einer Reihe von Entwicklungen, die sich in den vergangenen Tagen zugespitzt haben. Dazu gehören der Mord an Sîpan Hiznî sowie die Proteste gegen die Beschränkung des Kurdischunterrichts und für den Schutz der sprachlichen und kulturellen Identität der kurdischen Bevölkerung. „Die Häufung dieser Ereignisse weckt ernsthafte Befürchtungen, dass Angst und Chaos verbreitet und die demokratische Mobilisierung der Bevölkerung zurückgedrängt werden sollen.“

Die PYD wies zugleich Versuche zurück, die Entwicklung als Auseinandersetzung zwischen ethnischen oder tribalen Gruppen darzustellen. Die Bevölkerungsgruppen Nord- und Ostsyriens hätten seit mehr als 15 Jahren gemeinsam gegen den IS und die Auswirkungen des Krieges gekämpft und dafür hohe Opfer gebracht. Konflikte zwischen den gesellschaftlichen Gruppen zu schüren, diene der Destabilisierung der Region und der Schwächung ihres gesellschaftlichen Zusammenhalts.

PYD: Übergangsregierung trägt die Verantwortung

„Wirkliche Sicherheit gründet nicht auf Einschüchterung, Ausgrenzung oder dem Versuch, die Menschen zum Schweigen zu bringen, sondern auf Gerechtigkeit, Rechtsstaatlichkeit und der Anerkennung der Rechte aller Bevölkerungsgruppen“, erklärte die PYD. Die Partei macht die syrische Übergangsregierung „vollständig verantwortlich“ für die Ereignisse in Kobanê. Gleichzeitig warnte sie vor Bestrebungen, die Region erneut in Chaos und Krieg zu treiben.

Die PYD fordert eine unverzügliche und transparente Untersuchung sowohl des Mordes an Sîpan Hiznî als auch der Ereignisse im Gefängnis. Die Verantwortlichen müssten zur Rechenschaft gezogen werden. Zugleich dürften die Vorgänge nicht instrumentalisiert werden, um den inneren Frieden zu untergraben und die demokratische Bewegung der Bevölkerung anzugreifen.

Die Partei rief die Bevölkerung und alle gesellschaftlichen Gruppen der Region dazu auf, Versuche zurückzuweisen, Feindschaft und Gewalt zwischen den Bevölkerungsgruppen zu schüren. Das gemeinsame gesellschaftliche Leben müsse geschützt und der friedliche Kampf für legitime Rechte fortgesetzt werden. Die PYD bekräftigte abschließend ihr Ziel eines demokratischen Syriens, das auf Gleichheit, Gerechtigkeit und Rechtsstaatlichkeit beruht und die sprachliche, kulturelle und gesellschaftliche Vielfalt des Landes anerkennt.

https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/msd-warnt-nach-mord-an-sipan-hizni-vor-antikurdischer-gewalt-52700 https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/nach-gewaltsamem-vorgehen-gegen-proteste-neun-tote-in-gefangnis-von-kobane-52699 https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/tev-Cand-und-hilala-zerin-unsere-sprache-ist-unsere-existenz-52701 https://deutsch.anf-news.com/rojava-syrien/nach-mord-an-sipan-hizni-proteste-in-rojava-weiten-sich-aus-52693

 

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Feminizid an Rojda Yakışıklı: Okay Gür gesteht Tötung

12. September 2026 - 19:00

Im Prozess um den Feminizid an Rojda Yakışıklı hat der Hauptangeklagte Okay Gür die Tötung der 28-Jährigen eingeräumt. Bei der ersten Verhandlung vor der 8. Großen Strafkammer in Amed (tr. Diyarbakır) wurde zugleich bekannt, dass Yakışıklı sich bereits etwa ein Jahr vor ihrer Ermordung von Gür trennen wollte. Gür sowie Barış Dorğun und Ömer Dorğun müssen sich wegen gemeinschaftlich begangenen Mordes verantworten. Alle drei befinden sich in Untersuchungshaft. An der Verhandlung nahmen neben Yakışıklıs Familie und ihren Anwält:innen zahlreiche Frauen als Prozessbeobachterinnen teil.

Okay Gür räumte vor Gericht ein, Rojda Yakışıklı getötet zu haben, versuchte in seiner anschließenden Aussage jedoch, sein Handeln zu rechtfertigen und sich zu entlasten. Auch Barış und Ömer Dorğun wiesen Verantwortung von sich. Sie wurden während der Verhandlung mit Widersprüchen in ihren bisherigen Aussagen konfrontiert. Yakışıklıs Familie erklärte vor Gericht, die junge Frau sei systematischer Gewalt ausgesetzt und mit dem Tod bedroht worden. Die Angehörigen verlangten die Bestrafung der Angeklagten mit der höchstmöglichen Strafe.

Einen Tag vor Feminizid aus Haft entlassen

Rojda Yakışıklı war am 27. Dezember 2025 in Amed ermordet worden. Okay Gür, mit dem sie nach islamischem Ritus verheiratet war, war erst einen Tag zuvor im Zuge des 11. Justizpakets aus dem Gefängnis entlassen worden. Bereits während seiner Haft hatte er Yakışıklı bedroht. Nach seiner Freilassung soll er sie erneut angerufen und mit dem Tod bedroht haben. Yakışıklı wandte sich daraufhin an die Polizei und beantragte Schutzmaßnahmen.

Die Staatsanwaltschaft beantragte bei der Verhandlung die Fortdauer der Untersuchungshaft aller drei Angeklagten.

Anwältin fordert Aufklärung der Vorgeschichte

Rechtsanwältin Cansel Talay machte erneut deutlich, dass sich der Prozess nicht auf den unmittelbaren Tatablauf beschränken dürfe. „Es geht nicht nur um ihre Tötung. Es gibt eine Vorgeschichte, und auch diese muss aufgeklärt werden“, sagte sie. Talay beantragte, Yakışıklıs Kinder unter Begleitung einer pädagogischen Fachkraft anzuhören. Außerdem forderte sie die Fortdauer der Untersuchungshaft.

Bereits vor Prozessbeginn hatte die Anwältin darauf hingewiesen, dass zentrale Fragen zum Umgang staatlicher Stellen mit den bekannten Morddrohungen und Yakışıklıs Schutzgesuch ungeklärt sind. Insbesondere soll geklärt werden, welche Schutzmaßnahmen nach ihrem Antrag ergriffen wurden und ob vor Gürs Haftentlassung eine ausreichende Gefährdungsanalyse vorgenommen wurde.

Die Anwaltskammer Amed hatte darauf hingewiesen, dass angesichts der bekannten Drohungen ein hohes Risiko hätte erkannt werden müssen. Zu den möglichen Maßnahmen hätten die Unterbringung in einem Frauenhaus, Personenschutz oder verstärkte Sicherheitsvorkehrungen gehört.

Fortsetzung im Dezember

Das Frauenrechtszentrum der Anwaltskammer Amed und Anwält:innen des Familien- und Sozialministeriums beantragten, sich als Nebenkläger an dem Verfahren zu beteiligen. Das Gericht ordnete die Fortdauer der Untersuchungshaft gegen Okay Gür, Barış Dorğun und Ömer Dorğun an. Der Prozess wird am 7. Dezember fortgesetzt.

https://deutsch.anf-news.com/frauen/-52684 https://deutsch.anf-news.com/frauen/-51849 https://deutsch.anf-news.com/frauen/kcdp-mindestens-22-feminizide-im-august-52666

 

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Samstagsmütter fordern Aufklärung über Verschwindenlassen von Kenan Bilgin

12. September 2026 - 19:00

Die Samstagsmütter haben bei ihrer 1120. Mahnwache in Istanbul an Kenan Bilgin erinnert, der vor 32 Jahren in Ankara in Polizeigewahrsam genommen und anschließend gewaltsam verschwunden gelassen wurde. Auf dem Galatasaray-Platz forderten Angehörige und Menschenrechtsverteidiger:innen Aufklärung über sein Schicksal und die strafrechtliche Verfolgung der Verantwortlichen.

Bilgin war 35 Jahre alt, als er am 12. September 1994 an einer Bushaltestelle im Stadtteil Dikmen festgenommen und zur Antiterrorabteilung der Polizeidirektion gebracht wurde. Die Polizei bestritt anschließend, ihn in Gewahrsam genommen zu haben. Elf Zeug:innen erklärten dagegen öffentlich, Bilgin in der Polizeidirektion gesehen zu haben. Einige berichteten, dort Zeug:innen seiner Folter geworden zu sein. Bei der Mahnwache trugen die Teilnehmer:innen wie jede Woche die Fotografien gewaltsam Verschwundener und Nelken. Die gemeinsame Erklärung wurde von Ümit Efe, Vertreterin der Menschenrechtsstiftung der Türkei (TIHV), verlesen.

Ermittlungen verhindert, Zeug:innen ignoriert

Bilgins Familie, seine Anwält:innen und der Menschenrechtsverein IHD versuchten unmittelbar nach seinem Verschwinden herauszufinden, wo er festgehalten wurde. Die Familie wandte sich auch an die Staatsanwaltschaft Ankara. Der damalige Generalstaatsanwalt Selahattin Kemaloğlu leitete Schritte ein, um Bilgin zu finden, Verantwortliche zu ermitteln und den Fall zu untersuchen. Nach Angaben der Samstagsmütter wurde er jedoch daran gehindert, die Ermittlungen fortzuführen, und aus Ankara versetzt.

Sein Nachfolger Özden Tönük ging den Aussagen der Familie und der Zeug:innen nicht entsprechend nach. Zwei Zeug:innen erklärten ausdrücklich, sie könnten die Polizisten identifizieren, die Bilgin aus seiner Zelle abgeholt hätten. Eine Gegenüberstellung oder andere entsprechende Ermittlungsmaßnahme fand jedoch nicht statt. Stattdessen wurde ein dreiseitiger Bericht angefertigt, in dem den Zeug:innen vorgeworfen wurde, mit unwahren Behauptungen Polizei und Staat diskreditieren zu wollen. Die Akte wurde geschlossen.

EGMR stellte Polizeigewahrsam fest

Nachdem die Familie mit ihren Bemühungen in der Türkei keinen Erfolg hatte, wandte sie sich an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR). Richter:innen des Gerichtshofs reisten im Zuge des Verfahrens nach Ankara, hörten Zeug:innen, Staatsanwält:innen und Polizeiverantwortliche an und untersuchten auch den Ort, an dem Bilgin nach den Zeugenaussagen festgehalten worden war.

Der EGMR kam zu dem Ergebnis, dass Bilgin am 12. September 1994 von Sicherheitskräften festgenommen worden war und sich bis zum 3. Oktober in deren Gewahrsam befand. Zugleich stellte das Gericht fest, dass seine Inhaftierung während dieses gesamten Zeitraums in keinem offiziellen Register vermerkt worden war. Die Türkei wurde einstimmig verurteilt.

Trotz des Urteils wurde keine wirksame Untersuchung zur Aufklärung von Bilgins Schicksal geführt. Die Staatsanwaltschaft Ankara erklärte später, es gebe keine Erkenntnisse darüber, dass Bilgin in einer Haftzelle der Polizeidirektion festgehalten worden sei, und stellte das Verfahren wegen Verjährung ein. Rechtsmittel gegen die Entscheidung blieben erfolglos.

„Ohne Aufarbeitung gibt es keinen Frieden“

Bilgins Bruder Irfan Bilgin stellte bei der Mahnwache einen direkten Zusammenhang zwischen der jahrzehntelang verweigerten Aufklärung und dem gegenwärtigen Prozess für Frieden und eine demokratische Gesellschaft her. „Wenn der Staat es mit dem Friedensprozess ernst meint, muss er sich den Opfern dieser Verbrechen gegen die Menschlichkeit stellen“, sagte Bilgin. „Solange diese Auseinandersetzung nicht stattfindet, wird es in diesem Land keinen Frieden geben.“

Die Samstagsmütter erinnerten bei der Kundgebung auch an den Militärputsch vom 12. September 1980 und die damit verbundenen schweren Menschenrechtsverletzungen. Zum Abschluss legten die Teilnehmer:innen Nelken auf dem Galatasaray-Platz nieder.

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1001 Unterschriften für demokratische Republik und Frieden

12. September 2026 - 19:00

Mit einer gemeinsamen Deklaration haben sich 1001 Menschen aus unterschiedlichen Teilen der Gesellschaft für eine demokratische Lösung der kurdischen Frage und einen dauerhaften Frieden in der Türkei ausgesprochen. Die Initiative „1001 Unterschriften für eine demokratische Republik und Frieden“ fordert unter anderem die verfassungsrechtliche Absicherung gleichberechtigter Staatsbürgerschaft, das Recht auf muttersprachliche Bildung und die vollständige Umsetzung der Urteile des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR).

Die Deklaration wurde am Samstag im Kultur- und Kunstzentrum Eyüpsultan in Istanbul vorgestellt. An der Veranstaltung beteiligten sich zahlreiche Akademiker:innen, Politiker:innen, Journalist:innen, Künstler:innen sowie Vertreter:innen gesellschaftlicher Organisationen. Verlesen wurde der gemeinsame Text von der Journalistin Nezahat Doğan. Die Zahl 1001 verstehen die Initiator:innen in Anlehnung an Erzähltraditionen des Ostens und Westens als Symbol einer Hoffnung, die nicht versiegt und Dunkelheit beharrlich in Licht verwandelt. Der gesellschaftlichen Polarisierung und der Fortsetzung von Konflikten wollen sie eine breite Bewegung für Frieden entgegensetzen.

„Die Ursache liegt in der Leugnung der kurdischen Existenz“

Die Unterzeichner:innen unterstützen zunächst die Entwaffnung im Rahmen des laufenden Prozesses für Frieden und eine demokratische Gesellschaft sowie das Ziel, Gewalt vollständig aus dem politischen und gesellschaftlichen Leben zu verbannen. Dabei definiert die Deklaration Frieden ausdrücklich nicht allein als Ende des bewaffneten Konflikts. „Ausgehend von der Erkenntnis, dass die Leugnung der kurdischen Existenz die eigentliche Ursache des Problems ist“, unterstützen die Unterzeichner:innen die verfassungsrechtliche Garantie gleichberechtigter Staatsbürgerschaft und die Anerkennung des Rechts auf Bildung in der Muttersprache. Damit müssten zugleich historische Ungerechtigkeiten aufgearbeitet werden.


Gefordert wird außerdem eine Demokratisierung der Republik auf Grundlage von Freiheit und Rechtsstaatlichkeit. Dazu gehöre die vollständige Umsetzung der Entscheidungen des EGMR. Ein weiterer Punkt betrifft unmittelbar die Bedingungen einer politischen Lösung. Den Akteur:innen, die an der Beilegung des seit der Gründung der Republik bestehenden Konflikts beteiligt sind, müsse ermöglicht werden, „unter freien und gleichen Bedingungen“ zu verhandeln. Zugleich fordert die Initiative die Verwirklichung des Rechts auf Hoffnung entsprechend der Rechtsprechung des EGMR und den Forderungen des Ministerkomitees des Europarats.

Ahmet Türk: Prozess darf nicht verschleppt werden

Der kurdische Politiker Ahmet Türk sprach von einem wichtigen politischen Willen, der im zweiten Jahrhundert der Republik zur Lösung der Kurdistanfrage entstanden sei. Nach einem Jahrhundert der Leugnung und des damit verbundenen Leids sei eine Lösung inzwischen unumgänglich. „Wenn wir nicht wollen, dass weiterhin Leid entsteht, und wenn wir wollen, dass die Völker auf der Grundlage gemeinsamer demokratischer Werte zusammenkommen, dann ist das für uns alle eine historische Aufgabe und Verantwortung“, sagte Türk. Er äußerte die Erwartung, dass auch die politischen Verantwortlichen die mit den 1001 Unterschriften erhobene Stimme aufnehmen.

Zugleich übte Türk konkrete Kritik an der bisherigen Umsetzung des Prozesses. Die PKK habe auf den Aufruf des kurdischen Repräsentanten Abdullah Öcalan hin die Waffen niedergelegt und ihre Organisationsstruktur aufgelöst. Gleichzeitig befänden sich weiterhin Tausende Kurd:innen allein aufgrund ihrer politischen Überzeugungen in Haft. Türk kritisierte insbesondere, dass trotz des mit 467 Stimmen im Parlament verabschiedeten Rahmengesetzes ein Kontrollmechanismus unter Beteiligung des Verteidigungsministeriums, des Geheimdienstes MIT und einer von Vizepräsident Cevdet Yılmaz geleiteten Kommission vorgesehen ist.

Bei Menschen, die im Zuge der Entwaffnung zurückkehrten, könne eine solche Überprüfung noch nachvollziehbar erscheinen, erklärte Türk. „Welchen Sinn es haben soll, Menschen durch diesen Ausschuss überprüfen zu lassen, die allein wegen ihrer Gedanken im Gefängnis sitzen und in ihrem ganzen Leben keine Waffe in der Hand hatten, können wir nur schwer verstehen.“ Diese Menschen hätten weder eine Waffe getragen noch seien sie in die Berge gegangen, sondern befänden sich wegen ihrer politischen Ansichten in Haft.

Türk begrüßte zugleich Äußerungen des türkischen Präsidenten, wonach der Prozess beschleunigt werden müsse. Auch er halte ein rasches Vorgehen für notwendig, um Provokationen keinen Raum zu geben. „Wenn dieser Prozess in die Länge gezogen und dazu benutzt wird, einem bestimmten Zweck zu dienen, wäre es wirklich schade darum. Dann hätten wir ihn vergeudet.“ Der Appell richte sich deshalb nicht allein an die Regierung. Auch die Gesellschaft müsse die bestehende Möglichkeit nutzen, um das Zusammenleben der Völker auf gemeinsamen demokratischen Werten aufzubauen.

Frieden ist mehr als das Ende der Kämpfe

Der kürzlich nach knapp sieben Jahren im Gefängnis entlassene frühere Ko-Oberbürger von Amed (tr. Diyarbakır), Adnan Selçuk Mızraklı, erklärte in einer schriftlichen Botschaft, dass die Hoffnungen auf Frieden in den vergangenen zwei Jahren gewachsen seien. Der Aufruf Abdullah Öcalans vom 27. Februar 2025 und die darauf folgenden Entwicklungen könnten einer friedlichen Lösung der Kurdistanfrage und einer Demokratisierung der Republik dienen. Ein dauerhafter Frieden sei jedoch nicht allein durch das Ende bewaffneter Auseinandersetzungen zu erreichen. „Die Folgen der Leugnung der Kurd:innen und der Gewalt müssen in ihrer Gesamtheit beseitigt werden“, erklärte Mızraklı.

Dazu müssten gesellschaftliche, wirtschaftliche und kulturelle Ungleichheiten überwunden und Mechanismen der Aufarbeitung und Wiedergutmachung geschaffen werden. Demokratische Institutionen müssten von der lokalen bis zur zentralen Ebene gestärkt werden. Alle Identitäten, Glaubensgemeinschaften und politischen Überzeugungen müssten mit ihren Rechten, Freiheiten und kulturellen Ausdrucksformen leben können.

„Die Mütter wollen einen Frieden in Würde“

Bedia Gökyüz von den kurdischen Friedensmüttern erinnerte an die jahrzehntelangen Folgen des Krieges in Kurdistan für die Familien. „Wir haben sehr viel Leid erfahren, besonders die Mütter. Jetzt wollen sie Frieden, aber einen Frieden in Würde“, sagte sie. Gökyüz wandte sich auch an die Familien von Angehörigen der türkischen Polizei und Armee: „Auch die Mütter von Soldaten und Polizisten sollen unsere Hände ergreifen.“ Gemeinsam müsse danach gefragt werden, wo sich die sterblichen Überreste der Kinder befänden. „Was wir erlebt haben, war nicht leicht. Unsere Kinder sind das Wertvollste, was wir haben. Wir haben sie nicht auf der Straße gefunden.“

Die Menschenrechtsanwältin Eren Keskin verwies in einer Videobotschaft auf die schweren Menschenrechtsverletzungen während des Krieges. Trotz jahrzehntelanger Repression habe sie in Kurdistan kaum einen Moment erlebt, in dem das Wort Frieden keine Hoffnung ausgelöst habe. Mit dem gegenwärtigen Prozess entstehe eine neue Verantwortung für die gesamte Gesellschaft. Diese bestehe auch gegenüber den gewaltsam Verschwundenen, den Gefolterten und den Menschen, deren Dörfer zerstört wurden. Damit Frieden gesellschaftlich verankert werden könne, müsse jede und jeder Verantwortung übernehmen.

„Warum brauchen wir 1001 Unterschriften, damit unsere Kinder nicht sterben?“

Die Forensikerin und Menschenrechtsverteidigerin Şebnem Korur Fincancı griff in ihrer Rede die Symbolik der 1001 Unterschriften auf. Sie erinnerte an die Erzählungen aus „Tausendundeiner Nacht“ und fragte, weshalb eine Frau 1001 Geschichten erzählen müsse, um am Leben zu bleiben. „Warum müssen wir in diesem Land 1001 Unterschriften sammeln, damit unsere jungen Menschen, unsere Kinder nicht sterben?“, fragte Fincancı.

Genau diese Logik müsse zurückgewiesen werden. Fincancı erinnerte an die Zehntausenden Menschen, die während des jahrzehntelangen Konflikts ihr Leben verloren. Viele von ihnen seien nicht als bewaffnete Beteiligte gestorben, sondern an dessen mittelbaren Folgen. Dass seit längerer Zeit keine Menschen mehr in bewaffneten Auseinandersetzungen sterben, sei deshalb bereits von großer Bedeutung. Nun müsse darauf bestanden werden, aus dieser Situation tatsächlichen Frieden entstehen zu lassen.

Fincancı verband diesen Frieden unmittelbar mit Gleichberechtigung: „Wenn auch nur ein einziger Mensch in diesem Land nicht als gleichberechtigter Bürger anerkannt wird, dann habe auch ich meine Gleichheit, meine Freiheit und mein Dasein als Trägerin von Rechten verloren.“ Es gehe darum, gemeinsam eine Gesellschaft aufzubauen, in der alle Menschen Träger gleicher Rechte seien und unter anderem Bildung und Gesundheitsversorgung in ihrer Muttersprache erhalten könnten. Dafür brauche es am Ende nicht 1001 Menschen, so Fincancı, sondern Millionen.

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Ayata: Das Vermächtnis von Hayri Durmuş hat uns aufrecht gehalten

12. September 2026 - 17:00

Mehmet Hayri Durmuş gehört zu den prägenden Persönlichkeiten des Widerstands im Gefängnis von Diyarbakır (ku. Amed) nach dem Militärputsch vom 12. September 1980 in der Türkei. Gemeinsam mit Kemal Pir, Akif Yılmaz und Ali Çiçek begann er am 14. Juli 1982 ein Todesfasten gegen Folter, politische Vernichtung und die erzwungene Aufgabe ihrer Identität. Durmuş starb am 12. September 1982, Kemal Pir, Akif Yılmaz und Ali Çiçek folgten ihm.

Der Revolutionär Muzaffer Ayata kannte Durmuş bereits aus der Zeit der entstehenden kurdischen Freiheitsbewegung in den 1970er Jahren. Beide begegneten sich in Ankara und arbeiteten später in Kurdistan. Nach ihrer Festnahme waren sie auch gemeinsam im Gefängnis in Amed inhaftiert. Ayata nahm selbst an den frühen Hungerstreiks und Widerstandsaktionen gegen das türkische Folterregime teil.

Im Interview spricht das Mitglied der Abdullah-Öcalan-Akademie für Sozialwissenschaft über seine persönlichen Erinnerungen an Mehmet Hayri Durmuş, die Organisierung im Gefängnis und die Bedingungen, unter denen der Widerstand vom 14. Juli entstand. „Wir haben uns immer mit ihrem Vermächtnis aufrecht gehalten“, sagt Ayata.

 


Vom Militärputsch zum Folterregime in Amed

Wie war die Situation der Apoistischen Bewegung vor dem 12. September 1980, und wie veränderten sich die Verhältnisse in den Gefängnissen nach dem Militärputsch?

Mit der Mobilisierung der Bevölkerung in Kurdistan durch die Apoistische Bewegung wurde auch der Putschprozess beschleunigt. Zum Zeitpunkt des 12. September befand sich ein Großteil der PKK-Kader bereits im Gefängnis. Die meisten waren noch vor dem Putsch festgenommen worden. Unsere Aktivitäten fanden im Untergrund statt und waren illegal. Unsere Arbeitsweise, unsere Nähe zur Bevölkerung und auch die Tatsache, dass wir nicht genügend Vorsichtsmaßnahmen trafen, führten dazu, dass wir an verschiedenen Orten festgenommen wurden. Die Festgenommenen wurden gefoltert.

Hayri, Mazlum Doğan und Mustafa Karasu wurden bereits 1979, also vor dem Putsch, festgenommen. Rıza Altun kam einen Monat vor mir in Haft, ich selbst wurde am 17. März 1980 festgenommen. Kemal Pir folgte im August. Mazlum und Hayri befanden sich im Gefängnis Nr. 1 in Amed. Es war ein kleines Gefängnis, das nach dem Militärputsch vom 12. März 1971 errichtet worden war. Später wurden auch Rıza und ich zu Hayri gebracht.

Hayri hatte im Gefängnis bereits eine gewisse Ordnung aufgebaut. Wir führten ein kommunales Leben und kümmerten uns umeinander. Es herrschte eine Atmosphäre, die einem Sicherheit gab und half, sich auf die Bedingungen im Gefängnis einzustellen. Ich war mit Hayri in derselben Zelle. Bücher oder andere Materialien von draußen durften nicht hineingebracht werden, deshalb hatten wir selbst eine Bildungsgruppe organisiert.

Nach dem Militärputsch veränderte sich das Vorgehen der Soldaten. Die Angriffe und der Druck nahmen zu, zugleich wurden immer mehr Gefängnisabteilungen eingerichtet. Inzwischen wurden nicht mehr nur Kader festgenommen, sondern auch Menschen, die die Organisation unterstützt oder beispielsweise jemandem ein Stück Brot gegeben hatten. Die linken und sozialistischen Gruppen waren weitgehend zerschlagen worden. In Kurdistan fanden Operationen und Massaker statt, Menschen wurden gefoltert und die Repression massiv ausgeweitet.

Mit dem Putsch verließ ein Teil unserer Genoss:innen das Land, während wir bereits in Haft waren. Es war ein NATO-Putsch.

Erste Begegnungen in Ankara

Es heißt, dass Sie Mehmet Hayri Durmuş durch Abdullah Öcalan kennengelernt haben. Stimmt das?

Als ich 1975 nach Ankara ging, hatte ich einen Studienplatz an der Hacettepe-Universität bekommen. Hayri und Mazlum studierten ebenfalls dort und hatten sich bereits ein Jahr vor mir eingeschrieben. Als ich nach Ankara kam, hatte ich schon von Abdullah Öcalan gehört. Damals hieß es: „Da ist jemand namens Apo, er kommt aus Urfa.“

Wir gingen zur Fakultät für Politikwissenschaften. Dort kannte ich jemanden aus meiner Heimatregion und fragte ihn: „Kennst du Apo?“ Er sagte ja, und über ihn lernte ich den Repräsentanten kennen. So begegnete ich ihm im Kreis der Freund:innen. Wir saßen im Garten zusammen und unterhielten uns. Es ging dabei nicht besonders viel um ideologische oder theoretische Fragen, sondern es war ein ganz normales, ungezwungenes Gespräch.

Bei einer Gelegenheit nahm Abdullah Öcalan uns mit in die Wohnung von Hayri und Mazlum. Auf diese Weise lernte ich die beiden kennen. Unsere Fakultäten lagen ohnehin nahe beieinander.

Wie eng war Ihr Verhältnis zu Mehmet Hayri Durmuş vor Ihrer Inhaftierung? Welche seiner Eigenschaften sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Hayri war für Riha [tr. Urfa] und Semsûr [Adıyaman] verantwortlich, während ich in Hilvan [ku. Curnê Reş] tätig war. Von Zeit zu Zeit kam er zu uns. Damals führten wir in Hilvan einen Kampf gegen die Süleymans. Sie waren bereits weitgehend isoliert und hatten kaum noch Handlungsmöglichkeiten. Später waren Hayri und ich auch im Gefängnis in derselben Zelle.

Von allen Genoss:innen hatte ich mit Hayri wohl die meisten Gemeinsamkeiten. Er war ein sehr ruhiger Mensch und verfügte über eine außergewöhnliche praktische Intelligenz. Zugleich hatte er eine enorme Fähigkeit, sich auf unterschiedliche Bedingungen einzustellen. Ganz gleich, in welche Region er kam, fand er sich dort innerhalb kurzer Zeit zurecht.

Einige unserer Freund:innen hatten beispielsweise Schwierigkeiten, Zazakî beziehungsweise Dimilkî zu lernen. Hayri hatte damit überhaupt keine Probleme. Seine Beziehungen zu den Genoss:innen beruhten auf Vertrauen. Wenn er in eine Region kam, sahen unsere Mitarbeiter:innen, Kader und Genoss:innen in ihm einen Berg, an den sie sich anlehnen konnten. Sie wussten: Wenn Hayri mit einem Problem konfrontiert wird, wird er sich damit auseinandersetzen und eine Lösung finden.

Er konnte den Menschen gut zuhören und war geduldig. Neben seiner praktischen Intelligenz verfügte er über theoretisches Wissen und arbeitete bei Fragen der Organisierung sehr umsichtig.

Der Weg zum Widerstand vom 14. Juli

Können Sie von dieser Zeit im Gefängnis in Amed erzählen? Wie war die Situation der Widerstandsgruppe, welche Haltung nahm sie ein und wie entwickelte sich der Kampf?

Anfang 1981 wurden die Gefängnisabteilungen angegriffen. Wir befanden uns damals im Hungerstreik. Ende Februar 1981 kam Esat Oktay Yıldıran. Mit ihm kamen Spezialeinheiten und eigens für Folter ausgebildete Teams. Wir leisteten Widerstand und kämpften dagegen an. Schließlich beschlossen wir, in den Hungerstreik zu treten.

Unser Prozess hatte zu diesem Zeitpunkt noch nicht begonnen. Hayri beschäftigte sich sehr intensiv mit der Frage, wie wir uns verhalten sollten, und diskutierte viel mit Mazlum. Er sagte, wir müssten auch im Gefängnis unsere eigene Haltung unter Beweis stellen. Besonders großen Wert legte er auf unsere Verteidigung vor Gericht. Währenddessen ging die Folter weiter.

Schließlich diskutierten Kemal und Hayri miteinander und beschlossen, ein Todesfasten zu beginnen. Sie fragten auch mich: „Wir wollen das machen. Machst du mit?“ Ich sagte: „Ja.“ Wir waren insgesamt 15 Genossen. Unter äußerst schweren Bedingungen dauerte unsere Aktion 43 Tage. Währenddessen begannen die Gerichtsverhandlungen und die Anklageschriften wurden vorgelegt. Im Mai endete dieser aktive Widerstand.

Gegen Ende 1981 wurde der Druck noch einmal erheblich verschärft. Die Gefangenen wurden einzeln aus den Zellen geholt und unter Druck gesetzt, Aussagen zu machen und mit den Behörden zusammenzuarbeiten. Dabei gab es keine Grenzen. Nach und nach gelang es ihnen, einzelne Gefangene zu brechen. Einige konnten dem Druck nicht standhalten.

Am 14. Juli gingen wir gemeinsam zur Gerichtsverhandlung. Hayri hob die Hand. Er hatte eine Eigenschaft, die sich nur schwer beschreiben lässt. Er sprach sehr ruhig und klar und konnte sich außergewöhnlich gut ausdrücken. Er stand auf und sagte: „Von nun an werden Leichen aus diesem Gefängnis getragen werden. Sie lassen uns unsere Sache nicht verteidigen. Unter diesen Bedingungen hat unser Leben keinen Sinn mehr. Wir treten in das Todesfasten.“

Der Richter sagte: „Tun Sie das nicht, wir werden Ihre Bedingungen verbessern.“ Darauf antwortete Hayri: „Wenn das so ist, freue ich mich für die Genossen. Aber wir haben kein Vertrauen mehr in Sie. Dies ist meine letzte Gerichtsverhandlung. Vielleicht werde ich nicht mehr hierherkommen.“ Das waren seine letzten Worte vor Gericht. Dann äußerte er noch einen Wunsch, der einem Vermächtnis gleichkam: Auf seinem Grabstein sollte stehen: „Er steht seinem Volk gegenüber in der Schuld.“

Es ist sehr schwer, darüber zu sprechen und das in Worte zu fassen. Wenn von Hayri die Rede ist, versagt einem die Stimme, die Worte bleiben einem im Hals stecken. Er litt sehr unter dem, was den Genoss:innen angetan wurde. Er sagte: „Vor unseren Augen foltern sie diese aufrechten Menschen, und wir können nichts dagegen tun.“ Das Leid seiner Weggefährt:innen zehrte an ihm.

Vor Gericht schlossen sich insgesamt sechs Genossen Hayri an. Ihm war wichtig, dass nicht viele unserer Freunde ihr Leben verlieren. Selbst als sie dem Tod entgegengingen, dachten sie daran, wie der Widerstand organisiert und die Organisierung bewahrt werden konnte.

Der Kampf wird sein Ziel erreichen. Abdullah Öcalan hat nicht zugelassen, dass die Gefallenen in Vergessenheit geraten. Wir haben uns immer mit ihrem Vermächtnis aufrecht gehalten. Unser Kampf hat die Existenz des kurdischen Volkes sichtbar gemacht. Die Gefallenen leben weiter, indem ihr Kampf weitergeführt und vergrößert wird. Wir werden immer in ihrer Schuld stehen. Bis zuletzt müssen wir uns ihres Vermächtnisses würdig erweisen.

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TEV-ÇAND und Hîlala Zêrîn: „Unsere Sprache ist unsere Existenz“

12. September 2026 - 17:00

Die Kulturbewegungen TEV-ÇAND und Hîlala Zêrîn haben die Entscheidung der syrischen Übergangsregierung in Damaskus kritisiert, den Kurdischunterricht auf drei Wochenstunden zu begrenzen. Bei einer gemeinsamen Erklärung in Qamişlo forderten sie am Samstag die Rücknahme der Kürzung und eine Stärkung des muttersprachlichen Unterrichts. „Unsere Sprache ist unsere Existenz“, erklärten die beiden Bewegungen. Sprache dürfe nicht auf ein einzelnes Unterrichtsfach reduziert werden. Sie sei Grundlage von Kultur und kollektivem Gedächtnis und damit untrennbar mit der Existenz und dem gesellschaftlichen Kampf eines Volkes verbunden.

Die Erklärung wurde von der TEV-ÇAND-Ko-Vorsitzenden Summeye Mihemed verlesen. Eine wirkliche Integration Syriens könne nicht erreicht werden, indem die Sprache eines Volkes eingeschränkt werde, betonte sie. Voraussetzung sei vielmehr ein gleichberechtigtes Zusammenleben der verschiedenen Bevölkerungsgruppen. TEV-ÇAND und Hîlala Zêrîn forderten daher, die Reduzierung der kurdischen Unterrichtsstunden zurückzunehmen.

Zugleich müssten der Unterricht ausgebaut, der Mangel an Lehrkräften und Unterrichtsmaterialien behoben und das bestehende zweisprachige Bildungsmodell erhalten werden. Die Bewegungen riefen dazu auf, sich für das Recht der kommenden Generationen auf ihre Muttersprache einzusetzen: „Damit unsere Kinder morgen ohne Angst in ihrer Muttersprache lesen und schreiben können, müssen wir heute unsere Stimme erheben.“

Die Erklärung endete mit dem Ruf „Bê ziman jiyan nabe“ – Ohne Sprache gibt es kein Leben.

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MSD warnt nach Mord an Sîpan Hiznî vor antikurdischer Gewalt

12. September 2026 - 15:00

Der Demokratische Syrienrat (MSD) hat nach der Ermordung des 26-jährigen Sîpan Hiznî eine umfassende Untersuchung eines möglichen antikurdischen Tatmotivs gefordert. Der Mord dürfe nicht als isoliertes Verbrechen behandelt werden, erklärte der MSD und warnte die syrische Übergangsregierung in Damaskus davor, über Angriffe dieser Art hinwegzusehen.

Hiznî, dessen vollständiger Name Samî Şêxmûs Hiso lautet, war am Donnerstag im Raum Hesekê von einer bewaffneten Gruppe entführt und getötet worden. Die Täter filmten die Tat und verbreiteten die Aufnahmen zusammen mit antikurdischen Drohungen in sozialen Netzwerken. In Verbindung mit dem Mord werden Angehörige des arabischen Al-Baggara-Stammes genannt.

„Kein isolierter Vorfall“

Der MSD erklärte, der gezielte Mord müsse vor dem Hintergrund wiederholter Angriffe auf Angehörige der kurdischen Bevölkerung betrachtet werden. Die Umstände sprächen dafür, bei den Ermittlungen ausdrücklich einem möglichen ethnischen Motiv nachzugehen. Der Rat forderte eine „ernsthafte und transparente Untersuchung“. Den Fall losgelöst von seinem gesellschaftlichen und politischen Kontext zu behandeln, würde nach Auffassung des MSD der Dimension des Verbrechens nicht gerecht. Dabei verwies der Rat auf die jahrzehntelange staatliche Diskriminierung und Ausgrenzung der kurdischen Bevölkerung in Syrien. „Wenn Verantwortliche für derartige Angriffe auch heute nicht ermittelt und zur Rechenschaft gezogen werden, bedeutet dies eine Fortsetzung dieser Politik statt eines Bruchs mit ihr.“

Warnung an die Übergangsregierung

Direkt wandte sich der MSD an die Übergangsregierung in Damaskus. Sie dürfe gegenüber solchen Verbrechen „nicht die Augen verschließen“. Andernfalls drohten Kurd:innen erneut in die Isolation gedrängt und das Gefühl fortgesetzten Unrechts vertieft zu werden. „Gerechtigkeit und gesellschaftliche Versöhnung sind nicht möglich, wenn die Identität der Opfer ausgeblendet oder verschleiert wird. Voraussetzung ist die Anerkennung der Tatsachen und eine grundlegende Auseinandersetzung mit der historischen Politik der Marginalisierung“, erklärte der Rat.

Der MSD sprach der Familie und den Weggefährt:innen Hiznîs sein Beileid aus und würdigte dessen langjährigen Einsatz für die Sicherheit der Region. Hiznî hatte zunächst in den Reihen der Demokratischen Kräften Syriens (QSD) gekämpft und gehörte zuletzt der Hesekê-Brigade an, die im Zuge des Integrationsprozesses und der Auflösung der QSD als eigenständige militärische Struktur in die syrische Armee übernommen worden war.

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Nach gewaltsamem Vorgehen gegen Proteste: Neun Tote in Gefängnis von Kobanê

12. September 2026 - 14:00

Bei einem Brand im Gefängnis von Kobanê sind neun Gefangene ums Leben gekommen und mehr als ein Dutzend weitere verletzt worden. Vorausgegangen waren am Freitagabend Massenproteste gegen die Entführung und brutale Ermordung des Kurden Sîpan Hiznî im Raum Hesekê. Truppen der syrischen Übergangsregierung gingen gegen die Demonstration vor und nahmen zahlreiche Menschen fest.

Videoaufnahmen von den Protesten zeigen Übergriffe der Sicherheitskräfte auf Demonstrierende und Festnahmen. Im Verlauf der Auseinandersetzungen wurden Steine geworfen, die Regierungstruppen reagierten mit Schüssen. Ein Teil der Festgenommenen wurde in das Gefängnis von Kobanê gebracht. Dort spitzte sich die Situation in der Nacht zu, nachdem unter den Betroffenen die Nachricht aufgekommen war, sie sollten in Gefängnisse der Provinz Aleppo verlegt werden. Bei den anschließenden Unruhen brach ein Feuer aus.

Nach den bislang vorliegenden Angaben kamen neun Gefangene ums Leben. 16 weitere wurden verletzt, einige von ihnen schwer.

 


Verletzte Gefangene schildern den Brand

Zwei Gefangene, die den Brand verletzt überlebten und im Krankenhaus behandelt werden, haben gegenüber ANHA den Ablauf der Ereignisse geschildert. Videoaufnahmen zeigen die beiden Männer mit sichtbaren Verletzungen im Krankenhaus. Mehmûd Cemîl berichtete, in der Nacht zunächst Schüsse gehört zu haben. Danach hätten die Gefangenen Stimmen von Angehörigen der Damaszener Regimetruppen gehört. „Sie sagten, dass alle Gefangenen aus Kobanê in die Provinz Aleppo gebracht werden sollen.“ Die Gefangenen hätten sich gegen eine solche Verlegung gestellt. „Wir sagten, dass wir eher den Tod akzeptieren als eine Übergabe an die Regierung“, erklärte Cemîl. Daraufhin habe sich einer der Gefangenen selbst angezündet. Das Feuer habe sich ausgebreitet und schließlich zum Tod von mehreren Menschen geführt. Viele weitere seien verletzt worden, einige von ihnen schwer.

 


Auch der verletzte Gefangene Ezîz Elseîd Xad Ûbeyîd schilderte einen ähnlichen Ablauf. Er selbst befinde sich seit sieben Monaten im Gefängnis von Kobanê. Am Freitag seien weitere junge Männer eingeliefert worden, die bei der Demonstration für eine Aufklärung der Entführung und Ermordung von Sîpan Hiznî festgenommen worden seien. Den Gefangenen sei gesagt worden, dass sie in die Provinz Aleppo verlegt werden sollten. Einer der Inhaftierten habe daraufhin die Entscheidung getroffen, Feuer zu legen. „Obwohl wir große Anstrengungen unternommen haben, den Brand zu löschen, breitete sich das Feuer immer weiter aus“, sagte Ûbeyîd. Von welcher Stelle eine Verlegung der Gefangenen nach Aleppo angeordnet wurde, ist bislang nicht geklärt.

Proteste nach brutalem Mord an Sîpan Hiznî

Auslöser der Proteste war der Mord an Sîpan Hiznî (Samî Şêxmûs Hiso). Der 26-jährige Kurde war vor zwei Tagen in Hesekê von einer bewaffneten Gruppe entführt und getötet worden. Die Täter filmten die Tat und verbreiteten die Aufnahmen zusammen mit antikurdischen Drohungen in sozialen Netzwerken. In Verbindung mit dem Mord werden Angehörige des arabischen Al-Baggara-Stammes genannt. Die Demonstrierenden in Kobanê forderten eine Aufklärung und die Verfolgung der Verantwortlichen.

Hiznî lebte im Stadtteil Muftî von Hesekê und hatte zunächst in den Reihen der Demokratischen Kräften Syriens (QSD) gekämpft. Zuletzt gehörte er der Hesekê-Brigade an, die im Zuge des Integrationsprozesses gebildet und in die syrische Armee übernommen worden war. Nach den tödlichen Ereignissen im Gefängnis ist die Lage in Kobanê derzeit ruhig. Eine Stellungnahme der zuständigen Stellen zum Vorgehen gegen die Demonstration, den Festnahmen und den Todesfällen im Gefängnis steht bislang aus.

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In Raqqa verschleppter Journalist Ahmet Polad in die Türkei überstellt

12. September 2026 - 14:00

Der seit Januar in Syrien festgehaltene Journalist Ahmet Polad ist an die Türkei überstellt und dort inhaftiert worden. Nach seiner Überstellung am 9. September wurde Polad einem Gericht vorgeführt und anschließend in das Metris-Gefängnis in Istanbul gebracht. Seinem Vater, der ihn bei der Einlieferung kurz sehen konnte, berichtete er von acht Monaten Folter und einem seit Monaten andauernden Hungerstreik.

Polad, der mit bürgerlichem Namen Mehmet Nizam Aslan heißt, war am 19. Januar gemeinsam mit der deutschen Journalistin Eva Maria Michelmann bei der Berichterstattung in Raqqa von Truppen der syrischen Übergangsregierung verschleppt worden. Er arbeitet als Moderator für Özgür TV und schreibt für die Nachrichtenagentur ETHA.

„Stark abgemagert und erschöpft“

Die Initiative „Freiheit für Eva und Ahmet“ teilte unter Berufung auf Polads Familie mit, sein Vater habe ihn nur für kurze Zeit sehen können. Dabei habe Polad erklärt, während seiner gesamten achtmonatigen Gefangenschaft gefoltert worden zu sein und sich seit fünf Monaten im Hungerstreik zu befinden. Nach Angaben der Initiative war bei der kurzen Begegnung deutlich zu erkennen, dass Polad infolge der Misshandlungen und des langen Hungerstreiks stark abgemagert und erschöpft ist. Die Initiative verurteilte die achtmonatige Isolation und Folter des Journalisten durch die syrische Übergangsregierung. Sie kündigte an, sich weiterhin dafür einzusetzen, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.

Sorge um Gesundheit und Leben

Angesichts seines Zustands fordert die Initiative die sofortige Einweisung Polads in ein Krankenhaus. „Wir sind um seine Gesundheit und sein Leben besorgt“, heißt es in der Erklärung. Der türkische Staat müsse unverzüglich eine medizinische Behandlung gewährleisten und den Journalisten freilassen. Für jede weitere Verschlechterung seines Gesundheitszustands trage von nun an der türkische Staat die Verantwortung, erklärte die Initiative. Sie werde ihre Aktivitäten fortsetzen, bis Polad auf freiem Fuß sei. Anwält:innen der Istanbuler Kanzlei EHB (Rechtsbüro der Unterdrückten) wollen Polad im Metris-Gefängnis aufsuchen und mit ihm sprechen.

Michelmann nach fünf Monaten freigelassen

Polad und Michelmann waren am 18. Januar während ihrer journalistischen Arbeit in Raqqa gemeinsam verschleppt worden. Über Monate gab es kaum gesicherte Informationen über ihren Aufenthaltsort und ihre Situation. Michelmann kam nach fünf Monaten Gefangenschaft und einer internationalen Kampagne für die Freilassung der beiden Journalist:innen frei und ist seit dem 19. Juni wieder in Deutschland. Polad wurde dagegen weitere Monate festgehalten.

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Veysi Aktaş spricht in Köln über den Friedensprozess

12. September 2026 - 9:00

In Köln findet am Sonntag, 13. September, eine öffentliche Versammlung zum Prozess für Frieden und eine demokratische Gesellschaft statt. Als Referent nimmt Veysi Aktaş aus dem Imrali-Sekretariat an der Veranstaltung teil.

Aktaş war im Juli 2025 nach mehr als 31 Jahren politischer Gefangenschaft freigelassen worden. Der 1994 inhaftierte Aktivist wurde 2015 im Rahmen des damaligen Dialogprozesses auf Wunsch von Abdullah Öcalan nach Imrali verlegt. Dort gehörte er dem Sekretariat an, das zur Unterstützung der Gespräche zwischen dem kurdischen Repräsentanten Öcalan und staatlichen Delegationen eingerichtet worden war. Bis zu seiner Freilassung verbrachte Aktaş zehn Jahre auf der Gefängnisinsel.

Bei der Versammlung in Köln wird Aktaş über den aktuellen Stand des Prozesses um eine Lösung der kurdischen Frage sowie die bisherige Praxis und die Aufgaben der kurdischen Bewegung sprechen. Auch die gesellschaftlichen Beziehungen und Entwicklungen im Zuge des Prozesses sollen zur Sprache kommen. Im Anschluss an seine Ausführungen ist eine offene Frage-und-Antwort-Runde mit den Teilnehmer:innen vorgesehen.

Die Veranstaltung beginnt am Sonntag um 13 Uhr im Eurosaal, Vitalisstraße 308, 50829 Köln.

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