«Mit Brigitte Bardot verschied eine starke und unabhängige Frau, die es nicht nötig hatte, sich dem Zeitgeist unterzuordnen oder sich gar – wie leider viele deutsche Prominente – zur Systemnutte machen zu lassen, und die solches auch in der Not nicht getan hätte. Die einfach zu sich stand und standhaft war. Ein schönes Zitat von ihr als Abschluss: ‹Früher habe ich mit meinem Hintern schockiert, jetzt schockiere ich mit meinen Büchern (Meinungen). Das ist das Gleiche!›» (– Nachruf der Seite https://publikum.net/).
Transition News
Deutschlandfunk: Selenskyj zu Ukraine-Gesprächen in der Türkei eingetroffen
«Wahnsinn»: Selenskyj in 100-Millionen-Dollar-Korruptionsskandal verwickelt – dennoch will EU der Ukraine 135 Milliarden geben
Als wäre nichts gewesen, wird Spanien die Ukraine im Krieg gegen Russland mit neuen Hilfen im Gesamtwert von 817 Millionen Euro unterstützen. Das sicherte jetzt der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez bei einem Treffen mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in Madrid zu, wie etwa Stern.de gestern Abend vermeldete.
Am 13. November hatte die EU bereits 5,9 Milliarden € ausgezahlt. Und damit nicht genug: Die skandinavischen und baltischen Staaten (die «Nordic-Baltic 8», also Dänemark, Estland, Finnland, Island, Lettland, Litauen, Norwegen, Schweden) haben zuletzt mehrere Hilfspakete für die Ukraine angekündigt und bereits ein gemeinsames Paket in Höhe von 500 Millionen Dollar zugesagt für Militärausrüstung und Munition.
Das sind allerdings regelrecht Peanuts im Vergleich zu dem, was EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen am Montag forderte. So drängt sie auf eine rasche Einigung über die Finanzierung des enormen Haushaltslochs der Ukraine in Höhe von 135 Milliarden Euro bis 2027.
Doch da war beziehungsweise ist doch was! So ist die ukrainische Regierung von einem Geldwäsche- und Korruptionsskandal in Höhe von 100 Millionen US-Dollar erschüttert worden, just als die EU über weitere Milliardenhilfen für Kiew nachdachte. Das bewog Stern.de gestern Nachmittag zu fragen:
«Kann man Selenskyj noch trauen? In einer der heikelsten Phasen des Krieges erschüttert ein Korruptionsskandal die Ukraine. Präsident Selenskyj muss sein Volk und seine Partner beschwichtigen. Ist es zu spät?»
Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán wirft Brüssel sogar offen vor, eine «Kriegsmafia» in der Ukraine zu finanzieren. Hungary Today zitierte ihn gestern mit folgenden Worten:
«Es ist schockierend, dass, während eine Kriegsmafia in der Ukraine das Geld der europäischen Steuerzahler in die eigene Tasche steckt, Ursula von der Leyen, Präsidentin der Europäischen Kommission, vorschlägt, dass wir noch mehr Geld schicken, anstatt eine Prüfung anzuordnen oder möglicherweise weitere Zahlungen auszusetzen.»
Auch The Exposé brachte gestern einen Artikel zum Thema und nimmt darin Bezug auf einen Beitrag von The Spectator mit der Headline «Der Skandal, der Wolodymyr Selenskyj zu Fall bringen könnte». Grund: Einige seiner engsten Verbündeten seien unter den Beschuldigten. The Exposé zu den zentralen Korruptionsvorwürfen:
«Das Nationale Antikorruptionsbüro der Ukraine (NABU) vermutet ein Schmiergeldnetzwerk im Zusammenhang mit Verträgen, die eigentlich dazu dienen sollen, die Energieinfrastruktur des Landes zu stärken – in Wirklichkeit aber möglicherweise Geld in die Schattenwirtschaft fließen lassen. Reuters berichtet, dass sieben Personen angeklagt wurden, von denen fünf bereits in Haft sind.
Unter den von den Ermittlern genannten Personen befinden sich ein ehemaliger stellvertretender Ministerpräsident, Ministerialberater, der Sicherheitschef von Energoatom und Timur Mindich, ein enger Vertrauter von Selenskyj. Mindich ist ein prominenter Geschäftsmann und ehemaliger Miteigentümer von Selenskyjs Fernsehgesellschaft Kvartal 95. Das NABU behauptet, dass Zahlungen von Auftragnehmern an Insider flossen, die die Verträge aushandelten.»
The Exposé geht auch näher auf Timur Mindich ein und zitiert dazu aus dem Spectator-Beitrag. Demnach ist der 46-Jährige «am bekanntesten als langjähriger Miteigentümer von Wolodymyr Selenskyjs Kvartal 95». Kvartal 95 ist der Name eines ukrainischen Produktionsunternehmens, das 2003 von Wolodymyr Selenskyj mitgegründet wurde und eng mit seiner Karriere als Komiker und Schauspieler verbunden ist. Das Studio ist bekannt für die Produktion von Filmen und Fernsehsendungen wie der politischen Comedy-Serie «Diener des Volkes», in der Selenskyj die Hauptrolle spielte: Einen Lehrer, der ausgerechnet zum Präsidenten gewählt wird und gegen Korruption vorgeht.
Durch die Verbindung Mindichs mit Selenkyj würde ein Korruptionsfall in eine politische Krise für den Präsidenten verwandelt. Laut The Spectator «gehören eine Toilette aus massivem Gold und Schränke voller Säcke mit 200-Euro-Scheinen zu den Schätzen, die mit dem prominenten ukrainischen Geschäftsmann Timur Mindich in Verbindung gebracht werden». Mindich sei «groß im Immobilien-, Düngemittel-, Bank- und Diamantenhandel» tätig, und die 15-monatigen Ermittlungen des NABU dürften «weitreichende Konsequenzen» für Selenskyjs politische Zukunft haben.
Mindich sei derweil zusammen mit mehreren anderen Hauptverdächtigen nur wenige Stunden vor den Razzien aus der Ukraine geflohen. So soll er die Grenze nach Polen in der Nacht zum 10. November 2025 mit einem Luxus-Taxi (Mercedes-Benz S 350) um 2:09 Uhr überquert haben, nur Stunden vor den Razzien des NABU.
Mehrere Quellen deuten jedoch darauf hin, dass Polen lediglich ein Transitpunkt war und Mindich sich mittlerweile in Israel aufhält – wo er bereits im September seinen Geburtstag gefeiert habe.
Aktuelle Meldungen bestätigen, dass er dort «versteckt» ist und dass die Ukraine ihm die ukrainische Staatsbürgerschaft entzogen hat, was eine Auslieferung erschweren könnte. Denn Israel weigert sich typischerweise, eigene Staatsbürger auszuliefern, was Mindichs Schutz dort verstärkt, denn er ist jüdischer Herkunft und besitzt die israelische Staatsbürgerschaft.
Orbán legte hier den Finger in die Wunde und trug vor, dass die aufkommenden Korruptionsberichte ein «Kriegsmafia-Netzwerk mit unzähligen Verbindungen zu Präsident Wolodymyr Selenskyj aufgedeckt» hätten, wie etwa Newsweek berichtete. «Es ist höchste Zeit, dass Brüssel endlich versteht, wohin ihr Geld wirklich fließt», so der 62-Jährige. Und weiter:
«Die goldene Illusion der Ukraine zerbricht. Ein Netzwerk der Kriegsmafia mit unzähligen Verbindungen zu Präsident Selenskyj wurde entlarvt. Der Energieminister ist bereits zurückgetreten, und der Hauptverdächtige ist aus dem Land geflohen.
In dieses Chaos will die Brüsseler Elite das Geld der europäischen Steuerzahler pumpen, wo alles, was nicht an der Front verschossen wird, in den Taschen der Kriegsmafia landet. Wahnsinn.»
Multipolar-Interview mit dem russischen Strategene Sergey Karaganov: „Sollte es zu einem großen Krieg kommen, wird Europa einfach aufhören zu existieren“
Christoph Pfluger: Der Economist und ich. Was die Chaoten planen und eine Antwort auf die Frage: Was wollen eigentlich wir?
Studie: Tanzen und andere kreative Tätigkeiten lassen Gehirne langsamer altern
Kürzlich erschien in Nature Medicine eine Arbeit, die aufzeigt, dass Menschen, auch wenn sie bereits frühe Anzeichen einer Alzheimer-Krankheit im Gehirn aufweisen, bereits von mäßiger körperlicher Aktivität profitieren können (siehe TN-Artikel).
Eine in Nature Communications publizierte Studie weist in eine ähnliche Richtung, beschränkt sich aber nicht nur auf Bewegung. Demnach verzögern diejenigen, die viel tanzen, Kunstmalerei betreiben und musizieren, das biologische Altern ihres Gehirns um etliche Jahre. So sollen beispielsweise die Gehirne von professionellen Tangotänzerinnen und -tänzern im Durchschnitt sieben Jahre jünger als diejenigen von Personen sein, die vergleichbar alt und aktiv, aber nicht kreativ sind.
Kunstmalen und Zeichnen verjüngen das neuronale Zentralorgan laut der Studie fast genauso gut. Ähnlich hilfreich sei es auch, zu musizieren. Sogar mit kreativem Gaming lasse sich die biologische Uhr des Gehirns zurückstellen.
Diese Ergebnisse wurden von Teams aus 13 Ländern zutage gefördert. Die Federführung hatte dabei der argentinische Neurowissenschaftler Agustín Ibáñez von der Universität Universidad Adolfo Ibáñez in Santiago de Chile inne und es bestand eine Zusammenarbeit mit dem Global Brain Health Institute (GBHI). Die Autoren führen aus:
«In dieser Studie untersuchten wir die potenziell schützenden Effekte kreativer Erfahrungen auf die innere Uhr in einer großen Stichprobe von 1.472 Teilnehmenden. Wir entwickelten kreativitätssensitive Messverfahren zur Erfassung beschleunigter und verzögerter Hirnalterung mithilfe von Hirnuhren, Graphentheorie und biophysikalischer Modellierung. Zunächst schätzten wir robuste Hirnuhrmodelle mithilfe von maschinellem Lernen und EEG-Daten von 1.240 Teilnehmenden. Anschließend berechneten wir die Unterschiede im Hirnalter ... bei Personen mit unterschiedlichen Ausprägungen kreativer Erfahrungen.
Diese umfassten nach Alter , Geschlecht, Bildung und geografischer Lage vergleichbare Gruppen von erfahrenen und unerfahrenen Tangotänzern, Musikern, bildenden Künstlern und Videospielern. In einer separaten Gruppe untersuchten wir die Vorher-nachher-Effekte von Kurzzeitlernen im Rahmen eines Videospieltrainings. Dieses Studiendesign ermöglichte es uns, die Effekte gefestigter beruflicher Expertise mit denen von Kurzzeitlernen zu vergleichen.»
Als Folge davon habe man zeigen können, dass domänenübergreifende kreative Erfahrungen mit einer verzögerten Hirnalterung, gemessen anhand von BAGs (Brain Aging Aggregation), einhergehen. Der Effekt ist domänenübergreifend (= domänenfrei), weil das Gehirn offenbar nicht danach fragt, «ist das jetzt Kunst, Musik oder Gaming?». Es reagiert auf etwas Gemeinsames, das allen diesen Tätigkeiten innewohnt, zum Beispiel:
- Hohe kognitive Flexibilität
- Ständiges Lernen und Anpassen
- Kreatives Problemlösen unter Unsicherheit
- Flow-Zustände (Zustand völliger Vertiefung und höchster Konzentration) und intensive Konzentration
- Belohnung durch selbstgeschaffene Ergebnisse
Dabei stellten die Forscher fest, dass niedrigere negative BAGs bei Personen mit mehr kreativen Erfahrungen hauptsächlich in frontoparietalen Hirnregionen zu beobachten sind, da diese Regionen anfällig für Alterungsprozesse sind. Ein Zusammenhang zwischen verzögerter Hirnalterung und dem Grad kreativer Expertise wurde sowohl bei Experten als auch bei Lernenden beobachtet. Diese Effekte waren in der Expertenstudie mit Langzeittraining stärker ausgeprägt als die Vorher-Nachher-Effekte bei Nicht-Experten mit Kurzzeittraining.
Venezuela im Visier: Das Narrativ, das die USA freispricht
Dieser Beitrag wurde mit freundlicher Genehmigung von l'AntiDiplomatico übersetzt und übernommen.
***
Es gibt ein Wort, das plötzlich aus dem Wortschatz der westlichen Medien verschwunden ist: Aggression. Von 2022 bis 2024 wiederholten die russophobe euro-atlantische Presse und Diplomatie täglich das binäre Schema «Ukraine angegriffen, Russland Angreifer». Es war die einzige, absolute, obligatorische Sichtweise. Es gab keine Nuancen, nur ein obsessiv wiederholtes Mantra: Es gibt einen Angreifer und einen Angegriffenen.
Und doch, wenn die Vereinigten Staaten B-1-Bomber, Atomflugzeugträger, Angriffs-U-Boote und Flotten im Karibischen Meer nur wenige Kilometer von den venezolanischen Hoheitsgewässern entfernt stationieren, und wenn sie – nach Angaben der US-Behörden selbst – fast zwanzig Angriffe auf kleine Boote durchführen und dabei mehr als siebzig Zivilisten töten, dann verschwindet das moralische Schema plötzlich. Es gibt keinen Angreifer und keinen Angegriffenen mehr, sondern nur noch eine vage, beruhigende Aufforderung zur «Entspannung der Lage», als wären Caracas und Washington zwei symmetrische Akteure, zwei gleichwertige Hälften eines konstruierten Konflikts, zwei gleichermaßen verantwortliche Parteien.
Genau das ist die Kritik, die die bolivarische Regierung in den harten und klaren Worten des venezolanischen Vertreters bei der UNO, Samuel Moncada, geäußert hat, der die Aussagen der UN-Sprecherin Stéphane Dujarric als «unmoralische Gleichsetzung» bezeichnet hat. Laut Moncada ist die Darstellung, die ein Land, das seine Souveränität verteidigt, mit einer Supermacht mit dem größten Militärkomplex der Welt gleichsetzt, nicht nur eine Verzerrung, sondern diplomatische Komplizenschaft.
Die Frage, die sich daraus ergibt, ist daher unvermeidlich: Warum spricht man, wenn die russische Armee in der Ukraine einmarschiert, obsessiv von «Aggression», während man, wenn die Vereinigten Staaten ein Offensivarsenal vor den Toren Venezuelas positionieren, von «Gleichgewicht», «Eindämmung» und «Sicherheitsoperationen» spricht?
Der Fall Venezuela ist keine Ausnahme, sondern das Paradigma. Die westlichen Mainstream-Medien wenden zweierlei Maß an, ohne dies jemals zuzugeben. Der Westen behauptet, eine «regelbasierte Ordnung» zu verteidigen, aber diese Regeln werden je nach geopolitischem Blickwinkel flexibel gehandhabt. António Guterres selbst hätte, wie Moncada erinnert, die Äußerungen seiner Sprecherin als «standardmäßige diplomatische Antwort» gerechtfertigt. Wenn Standardisierung jedoch darin besteht, die Supermacht von ihrer Verantwortung zu entbinden und das Opfer dem Aggressor gleichzusetzen, dann wird das Konzept der Diplomatie selbst ausgehöhlt.
Bis heute ist es nicht Venezuela, das strategische Bomber im Golf von Mexiko einsetzt. Es ist nicht Venezuela, das extraterritoriale Operationen mit zivilen Opfern durchführt. Es ist nicht Venezuela, das eine lähmende einseitige Wirtschaftsblockade gegen Washington verhängt. Im Gegenteil, es ist die arrogante imperialistische Macht der Vereinigten Staaten, die die Karibik mit Offensivmitteln militarisiert, auch zivile Schiffe zu «legitimen Zielen» erklärt und ein Sanktionsregime aufrechterhält, das von verschiedenen internationalen Organisationen als wirtschaftlich verheerend und zweifellos gegen das humanitäre Recht verstoßend anerkannt wird.
Die Unverhältnismäßigkeit ist offensichtlich, und Moncada erinnert in seinem Brief an Guterres daran, wenn er feststellt, dass es nicht die Bolivarische Republik Venezuela ist, die ein Atom-U-Boot vor der Küste der Vereinigten Staaten stationiert. Dennoch weigert sich die westliche Berichterstattung, die wesentliche Tatsache zu benennen: Die Machtprojektion der USA wird niemals als Aggression eingestuft.
Das Problem reicht tiefer als nur die Beziehungen zwischen den USA und Venezuela. Die moralische Geografie der westlichen Medien ist hierarchisch: Die Handlungen geostrategischer Gegner sind immer «Aggressionen», während die der westlichen Mächte zu «Operationen», «Missionen», «Druck» und «Abschreckung» werden. Die Sprache ist eine strategische Waffe, die die Realität selektiert, den narrativen Rahmen schafft und entscheidet, wer Anspruch auf Legitimität hat und wer nicht. Und sobald der Rahmen festgelegt ist, folgt die Politik gehorsam.
So ist Moskau per Definition ein «Aggressor», während Washington dies niemals sein kann; höchstens kann es «übertreiben», «reagieren» oder «vorbeugen». Venezuela wird, wie viele andere Länder des Globalen Südens, von vornherein dämonisiert. Gegenüber dem bolivarischen Präsidenten Maduro wird die klassische reductio ad Hitlerum angewendet, um Gewaltmaßnahmen zu rechtfertigen, die darauf abzielen, den brutalen «Tyrannen» zu stürzen.
Die Episode zwischen der UNO, den USA und Venezuela ist nicht nur eine Frage der Diplomatie: Sie ist ein Symptom für das Ende der unipolaren Weltordnung. Heute mehr denn je fordern die Länder des Globalen Südens narrative Gleichberechtigung, nicht nur rechtliche Gleichberechtigung. Venezuela bekräftigt seine «Diplomacia Bolivariana de Paz» (bolivarische Friedensdiplomatie), prangert jedoch zu Recht an, dass Frieden unmöglich ist, wenn die Medien und internationalen Institutionen als automatische Verstärker der dominierenden Macht fungieren. Die sich entwickelnde multipolare Welt verlangt eine radikale Überarbeitung des Paradigmas: Wer die Souveränität anderer verletzt, ist ein Aggressor, unabhängig davon, welche Flagge auf dem Ruder eines Flugzeugträgers weht.
Die Neutralität, die die UNO zu zeigen versucht, ist keine Neutralität: Es ist eine Normalisierung der Macht in den internationalen Beziehungen. Venezuela und die Vereinigten Staaten auf die gleiche Stufe zu stellen, bedeutet nicht, unparteiisch zu sein: Es bedeutet, die Realität der Machtverhältnisse zu verschleiern. Der westliche Mainstream, derselbe, der in der Ukraine «Angegriffener gegen Angreifer» rief, schweigt heute angesichts einer schwerwiegenden objektiven militärischen Bedrohung gegen ein souveränes Land Lateinamerikas.
***
Fabrizio Verde ist Direktor von l'AntiDiplomatico
Kessler-Zwillinge wählen mit 89 Jahren den Weg des «begleiteten Suizids»
Eine Nachricht macht in Deutschland aktuell Schlagzeilen: Der Tod der «Kessler-Zwillinge». Sie sind laut Berichten im Alter von 89 Jahren «gemeinsam verstorben».
Alice und Ellen Kessler waren ein international bekanntes Bühnen-Duo. Mit gerade einmal 18 Jahren bekamen sie ein Engagement am weltberühmten Varieté-Kabarett Lido in Paris, später tanzten sie auf den Bühnen dieser Welt: New York, Caracas, Monte Carlo oder Sydney.
Wie auf Wikipedia über sie auch zu lesen ist, ließen sie sich noch im Alter von 40 Jahren für die italienische Ausgabe des Playboy ablichten. Die Ausgabe sei innerhalb kürzester Zeit ausverkauft gewesen. In Italien hätten sie auch von 1962 bis 1986 ihren festen Wohnsitz gehabt und lange Zeit als Ikonen des Unterhaltungsfernsehens gegolten.
Und auch in den USA seien sie weiterhin gefragt gewesen. So hätten sich viele bekannte Hollywood-Persönlichkeiten gern an der Seite der «deutschen Mädchen» gezeigt, etwa Frank Sinatra, Burt Lancaster und sogar Elvis Presley.
Doch auch «Le gemelle Kessler» waren rein biologisch natürlich nicht unsterblich. Als sie das Alter von 80 Jahren überschritten hatten, zogen sie sich verstärkt aus dem Showgeschäft zurück. Und nun sollen sie «begleitete Sterbehilfe» – auch «begleiteter Suizid» genannt – in Anspruch genommen haben, wie etwa Focus.de schreibt. Damit haben sie selbst darüber bestimmt, dass sie sterben.
Wie bei der aktiven Sterbehilfe wird es hier einem schwer leidenden oder unheilbar kranken Menschen ermöglicht, sein Leben bewusst und selbstbestimmt zu beenden. Der Unterschied: Bei begleiteter Sterbehilfe führt die sterbewillige Person den letzten, tödlichen Schritt selbst aus – bei aktiver Sterbehilfe verabreicht eine andere Person, etwa ein Arzt, ein Mittel, das den Tod herbeiführt.
Beides wird sehr kontrovers diskutiert. So fürchten Gegner der aktiven Sterbehilfe, dass deren Legalisierung den grundsätzlichen Schutz des Lebens schwächt. Auch ist es moralisch für viele schwierig, zu akzeptieren, dass jemand aktiv das Leben eines anderen beendet – selbst mit dessen Einwilligung.
Paul Sagar, Dozent für Politische Theorie am King's College London, hingegen gehört zu denjenigen, die für «das Recht auf freie Wahl zum Selbstmord – innerhalb eines strukturierten Rahmens» plädieren. Zu dieser Auffassung kam er, nachdem ein Unfall ihn von den Schlüsselbeinen abwärts gelähmt hatte (siehe TN-Artikel).
Ähnlich ist die Gemengelage bei der begleiteten Sterbehilfe. Da fürchten Kritiker, dass auf alte, kranke oder vereinsamte Menschen Druck ausgeübt werden könnte. Sie warnen vor Missbrauch, subtilen Erwartungen und einem schleichenden gesellschaftlichen Wandel, in dem der Tod als «Lösung» normalisiert wird.
Zudem besteht die Angst vor einer «Rutschbahn» (Slippery Slope). Das heißt: Wenn assistierter Suizid legal ist, weitet sich die Praxis möglicherweise aus, etwa auf Menschen ohne körperliche Krankheit, Menschen mit psychischen Leiden oder Jugendliche.
Was das Ableben der «Kessler-Zwillinge» angeht, so führt Focus.de Folgendes aus:
«Nach Informationen der Agentur AFP begingen die beiden Schwestern Suizid. Die Bild berichtete, dass die Kriminalpolizei mittlerweile darüber in Kenntnis gesetzt wurde, dass die Zwillinge ‹begleitete Sterbehilfe› in Anspruch genommen hätten. Dabei handelt es sich um einen assistierten Suizid.
Betroffene, häufig chronisch kranke Patientinnen und Patienten, nehmen dabei ärztliche Hilfe in Anspruch, um möglichst schmerzfrei aus dem Leben zu scheiden – etwa indem diese Ihnen Medikamente dafür bereitstellen.»
Die Bild positioniert sich dazu klar und bringt folgenden Kommentar als Aufmacherbeitrag (heute 15 Uhr):
Quelle: Bild.de
Focus.de verweist in diesem Zusammenhang auf ein 2020er Urteil des Bundesverfassungsgerichts, dem zufolge «das allgemeine Persönlichkeitsrecht ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben umfasst. Dieses Recht schließt die Freiheit ein, sich das Leben zu nehmen und hierbei auf die freiwillige Hilfe Dritter zurückzugreifen.» Assistierter Suizid sei in Deutschland seitdem unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt. Dabei sei zu beachten:
- Die wichtigste Grundbedingung liegt darin, dass die Person weiß und versteht, was sie tut, wenn sie sich so das Leben nehmen will.
- Die Person muss über Alternativen, um Schmerzen zu vermeiden, aufgeklärt sein.
- Außerdem muss der Sterbewunsch schon eine längere Zeit bestehen und darf nicht aus dem Affekt geschehen.
- Die Entscheidung muss von innen heraus getroffen werden und darf nicht von außen beeinflusst werden.
- Die Person muss den Suizid eigenhändig ausführen, also beispielsweise das Medikament selbst einnehmen.
Diese Möglichkeit, dem eigenen Leid ein Ende zu setzen, würden in Deutschland jährlich mehrere 100 Menschen in Anspruch nehmen, so Focus.de. Und weiter:
«Laut der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS) seien 2024 allein durch die Vermittlung der DGHS 623 Personen beim Suizid begleitet worden. Das waren 205 mehr als 2023 und rund 400 mehr als noch 2022. Bundesweit schätzte DGHS-Präsident Robert Roßbruch die Fälle auf insgesamt 1200 Menschen.»
Das Medium verweist zudem darauf, dass der assistierte Suizid klar von der aktiven Sterbehilfe abzugrenzen sei, zumindest in einem Land wie Deutschland, da er dort verboten sei. In Luxemburg, Spanien, den Niederlanden und Belgien sei dieser hingegen legal.
Telepolis: Chinesische Open-Source-Modelle setzen neue Standards in der KI
Weltwoche: Fall «BBC»: Das Schweizer Fernsehen «SRF» schnitt sich Trumps «kämpferische» Rede ebenfalls zurecht. Der zwangsfinanzierte Sender nennt es «angemessen und sachgerecht»
Achgut.com: Merz und Lauterbach wie Team-Ahnungslos – und pure Planwirtschaft in Berlin wie Brüssel
Welt: Der MAGA-Frust reicht weit über die Epstein-Affäre hinaus – und wird für Trump zur Bedrohung
TKP: Schweizer Gemeinde lehnt Windpark ab – Windlobby „Pro Wind“ will nach Abstimmungsniederlage Referenden über Windparks generell verbieten lassen
«Eine reine Vernichtung» – Bericht einer Medizinerin aus dem Gaza-Streifen
Nach 25 Monaten Völkermord und unter anhaltender Belagerung und Blockade ist der Gaza-Streifen eine «lebende Nekropole». Das sagt die Ärztin Dorotea Gucciardo von der kanadischen medizinischen Solidaritätsorganisation Glia in einem Podcast-Beitrag der Online-Plattform The Electronic Intifada (TEI).
Nach Informationen des Medienbüros der Regierung in Gaza sind seit dem «Waffenstillstand» vom 10. Oktober nur 28 Prozent der erwarteten und benötigten Hilfsgüter in Gaza angekommen. Das bestätigt für die Ärztin, dass «die Besatzungsmacht ihre Politik der Strangulierung, Aushungerung, humanitären Druckausübung und politischen Erpressung gegenüber mehr als 2,4 Millionen Palästinensern im Gaza-Streifen fortsetzt». Israel blockiert Berichten nach weiterhin die Einfuhr von Baumaterialien, Bauteilen und schweren Maschinen, um die Millionen Tonnen Trümmer zu beseitigen.
Gucciardo berichtet in dem Podcast-Beitrag, dass sie von den israelischen Behörden zweimal abgelehnt wurde, bevor sie im September wieder in den Gaza-Streifen einreisen durfte. Das sei «symbolisch für die Erfahrung vieler Gesundheitsfachkräfte, die versuchen, Hilfe zu leisten, wobei die Israelis zu jedem Zeitpunkt etwa 50 Prozent der Antragsteller ablehnen.»
Sie habe mit Hilfe eines Anwaltes Berufung eingelegt, um einen Grund für ihre Ablehnung zu erfahren. Das Vorgehen der israelischen Behörden sei «ein Mikrokosmos der Straflosigkeit, mit der Israel gegen das humanitäre Völkerrecht verstößt». Danach dürfen weder Hilfsmaßnahmen noch Helfer behindert werden.
Gucciardo reiste nach eigenen Angaben über den Grenzübergang Karem Abu Salem (Kerem Shalom) im Süden, durch den Philadelphi-Korridor und nach Rafah ein. «Als ich ankam, bekam ich einen Eindruck von Rafah, oder zumindest von dem, was Rafah einmal war», so die Ärztin. Rafah war eine Stadt im Süden, in der Nähe der Grenze zu Ägypten, und hatte einst mehr als 170.000 Einwohner.
«Rafah ist verschwunden. Es ist komplett ausgelöscht. Es ist von der Landkarte verschwunden. Und so war das meine Wiederbegegnung mit dem Gazastreifen, sowohl mit der Schwere der Besatzung in Bezug auf die Behandlung der internationalen Helfer als auch mit den Beweisen für die Zerstörung, die sie im Gazastreifen anrichtet.»
Gucciardo beschreibt die weitgehende Auslöschung aller Wahrzeichen und Skylines der Stadt, die durch Trümmer oder weggeräumte Trümmer ersetzt wurden. Sie berichtet außerdem davon, dass vor vielen Jahren und über einen langen Zeitraum hinweg Gaza eine bedeutende ökologische Landwirtschaft hatte.
Ebenso habe es eine sich selbst tragende Industrie gegeben, die die Wirtschaft angekurbelt und die Lücken der 17-jährigen Belagerung durch Israel gefüllt habe. Israel habe in den letzten zwei Jahren die fruchtbaren Böden im Süden Gazas systematisch zerstört.
Die Ärztin berichtet auch von ihren Reisen in die zentralen und nördlichen Gebiete des Gaza-Streifens, um das Ausmaß der von Israel verursachten Zerstörung zu verstehen und Wege zu finden, dies mit angemessenen Worten zu beschreiben. «Es ist reine Vernichtung», sagt sie.
«Das ist das Wort, das mir immer wieder in den Sinn kommt. Es ist ein Streifen Land, der von den Israelis vollständig vernichtet wurde. Und eine der Arten, wie ich das in meinem Kopf verarbeite, ist, dass es für mich sehr stark wie eine lebende Nekropole wirkt.»
Sie fügt hinzu:
«Die Israelis haben versucht, den Gazastreifen in einen Ort des Todes zu verwandeln. Jedes einzelne Gebäude ist zerstört – Häuser, Bäckereien, Supermärkte, Wohnviertel, Schulen, alles ist komplett verschwunden.»
Nichts sei unversehrt geblieben, so Gucciardo, «und doch bleibt es auch ein Ort der Lebenden, nicht wahr? Wir haben Palästinenser, die versuchen, sich und ihr Leben unter diesen absolut schrecklichen und grauenhaften Bedingungen aufrechtzuerhalten».
Ein Teil ihrer Arbeit bei Glia besteht nach ihren Angaben darin, Gesundheitspersonal und medizinische Mitarbeiter zu unterstützen. Sie versuche trotz der anhaltenden Blockade Israels, die den Zugang zu wichtigen Medikamenten, Geräten und Grundversorgungsgütern verhindert, das palästinensische Gesundheitssystem am Laufen zu halten.
«Der Grund, warum dieses System existiert, ist die schiere Beharrlichkeit des Gesundheitspersonals in Gaza, das trotz gezielter Angriffe auf Krankenhäuser, trotz der Entführung, Folter und Ermordung ihrer Kollegen weiterhin jeden Tag zur Arbeit erscheint, um die Bevölkerung medizinisch zu versorgen», stellt die Ärztin fest.
In mehreren Krankenhäusern gibt es einem Bericht von ihr auf der Plattform Instagram zufolge Bemühungen, Kliniken wiederaufzubauen, die bei israelischen Angriffen gezielt zerstört wurden. Ein Beispiel sei ein Dialysezentrum im Nasser Medical Complex in Khan Younis. Aber die Belagerung durch Israel dauere an, und medizinische Hilfsgüter würden weiterhin blockiert – oder kämen bereits abgelaufen und unbrauchbar in Gaza an.
Gucciardo berichtet, dass sie und ihre Kollegen bei Glia mit palästinensischen Chirurgen vor Ort zusammenarbeiten, um gemeinsam medizinische Geräte zu entwickeln, die den spezifischen Bedürfnissen der Palästinenser in Gaza entsprechen. Dazu gehörten 3D-gedruckte externe Fixatoren, die gebrochene Knochen und Gelenke stabilisieren und von palästinensischen Experten entwickelt wurden.
«Sie haben es bei unserem ersten Patienten eingesetzt, der sich prächtig erholt», sagt sie. «Wir werden es nun an fünf weiteren Patienten testen und hoffen, das Gerät weiter zu perfektionieren, damit wir nicht mehr auf Israel angewiesen sind, um zu entscheiden, ob lebensrettende medizinische Geräte ins Land kommen dürfen.»
Gucciardo arbeitet laut TEI an einem Buch darüber, wie Gaza zu einem Ort geworden ist, an dem Leben und Tod nebeneinander existieren.
EU statt Russland der «wahre Feind» – Finanzanalytiker Martin Armstrong über Ukraine-Krieg
Der US-Finanzanalyst Martin Armstrong warnt erneut davor, dass es zu einem Dritten Weltkrieg komme. Zugleich sieht er positive Zeichen, dass ein Friedensabkommen für die Ukraine möglich ist, mit dem der Krieg in dem Land beendet werden könnte.
Darüber hat er in einem Interview mit dem ehemaligen CNN-Journalisten Greg Hunter gesprochen, das am Sonntag veröffentlicht wurde. Hunter erwähnt unter anderem, dass Armstrong vom Weißen Haus unter Donald Trump gebeten wurde, einen Friedensplan für die Ukraine auszuarbeiten, den Wladimir Putin und Russland in Betracht ziehen würden.
Armstrong habe daraufhin einen fast 200 Seiten starken Plan mit dem Titel «Friedensvorschlag zur Verhinderung des Dritten Weltkriegs» vorgelegt. Darin warnt er unter anderem vor den Folgen der fortgesetzten US-Sanktionen gegen Russland, die Trump nun auf andere Länder ausweiten will. Hochrangige Trump-Beamte trafen sich laut Hunter am Freitag (14.11.25) mit Armstrong, um darüber zu diskutieren. In seinem Plan schreibt er unter anderem:
«Präsident Trump mag glauben, dass er wirtschaftlich am längeren Hebel sitzt, um Putin zu zwingen, seinen Forderungen nachzugeben, aber auch die US-Wirtschaft ist nicht in der Lage, einen weiteren endlosen Krieg zu finanzieren, der weitaus kostspieliger und riskanter sein wird und den der Westen dieses Mal verlieren wird.»
Der Finanzanalyst erklärt im Interview, er wisse, dass sein Plan im Kreml zur Kenntnis genommen wurde. Davon zeugt aus seiner Sicht, dass der russische Außenminister Sergej Lawrow Ende Oktober angeboten hatte, dass Russland vertraglich zusichere, die NATO nicht anzugreifen.
Armstrong berichtet, er habe seine Gesprächspartner in der Trump-Administration unter anderem darauf aufmerksam gemacht, «dass der wahre Feind die EU ist, nicht Russland». Er habe dargelegt, dass Russland kein Interesse daran habe, in die NATO einzumarschieren, weil es nichts davon habe.
«Europa muss seine Energie von Russland kaufen. Sie haben kein Gold. Es gibt da nichts Positives.»
Krieg und Invasionen dieser Art seien wirtschaftlich motiviert, erinnert er an eine geschichtliche Grundkenntnis. Doch für das rohstoffreiche Russland gebe es im westlichen Europa nichts zu holen, macht er klar.
Zugleich macht er darauf aufmerksam, dass es in der Trump-Administration weiterhin Neokonservative (Neocons) gebe, die nie aufgegeben hätten, Russland besiegen und in die Knie zwingen zu wollen. Zu denen gehöre der derzeitige US-Finanzminister, der Milliardär Scott Bessent – «ich glaube, die meisten Leute wissen das nicht», fügt Armstrong hinzu.
Es sei zwar bekannt, dass Bessent für den Spekulanten George Soros gearbeitet habe, aber nicht, dass er der «Kopf» hinter den Milliarden-Spekulationen von Soros gewesen sei. Der heutige US-Finanzminister sei daran beteiligt gewesen, als die US-Neocons Ende der 1990er Jahre versuchten, Russland aufzukaufen.
Der Finanzanalyst spricht in dem Interview mit Hunter über Details, die er auch in seinem Buch «The Plot to Seize Russia» aufgedeckt hat. Dabei sei geplant gewesen, den russischen Präsidenten Boris Jelzin durch den Oligarchen Boris Beresowski zu ersetzen – und mit Hilfe einer Milliarden-Falle einen Korruptionsskandal anzuhängen, um ihn zu stürzen und Russlands Reichtum unter Kontrolle zu bekommen.
«Das gesamte Gold, die Diamanten, das Öl, das Holz, was auch immer, würden über die Handelsabteilungen der New Yorker Banken laufen.»
Als Jelzin gemerkt habe, dass er von US-Bankern hereingelegt wurde, und in der Folge von russischen Kommunisten unter Druck gesetzt wurde, habe er sich an Wladimir Putin gewandt, so Armstrong. Dieser sei kein Kommunist und kein Oligarch gewesen und deshalb von Jelzin zu seinem Nachfolger ernannt worden, der dann die Pläne, Russland aufzukaufen, vereitelt habe.
«Deshalb hassen sie Putin so sehr, weil er sie daran gehindert hat, Russland zu übernehmen. Die letzten Worte Jelzins an Putin: Schütze Russland.»
Armstrong betont, dass US-Finanzminister Bessent gegen ein Friedensabkommen mit Russland ist: «Er ist gegen den Frieden.» Und fügt mit Blick auf die heutigen Ereignisse und Konflikte hinzu:
«Das geht alles auf die Zeit zurück, als die Banker und Hedgefonds alle darauf aus waren, sich alle Vermögenswerte Russlands unter den Nagel zu reißen.»
Dennoch sehen die beiden Gesprächspartner weiterhin die Möglichkeit, dass die USA ein Friedensabkommen für die Ukraine mit Russland erzielen könnten. Hunter verweist darauf, dass Trump Ungarn eine Ausnahmegenehmigung für den Kauf von sanktioniertem russischem Öl gewährte.
Armstrong bezeichnet das im Interview als «ein positives Zeichen». Die russische Führung habe zudem signalisiert, dass sie auch weiterhin an «von Trump unterstützten Friedensgesprächen mit der Ukraine» interessiert sei.
Für den Fall, dass Europa, die NATO und die Ukraine nicht mitziehen, rät der US-Finanzanalyst Präsident Trump, «aus der NATO auszusteigen». Armstrong erklärt gegenüber Hunter, er habe die Trump-Administration gewarnt, «dass wir Europa drohen sollten, entweder das Minsker Abkommen einzuhalten oder aus der NATO auszutreten.»
«Zumindest sagten die Leute, mit denen ich gesprochen habe: ‹Wir sind uns einig, dass wir aus der NATO austreten sollten.› Sie ist ein Altersheim für Neokonservative. Ihr einziger Lebenszweck ist Krieg.»
Wenn Frieden herrsche, würden die Regierungen ihre Budgets kürzen und die Waffen nicht einsetzen, so Armstrong. Solange sie sagen können, dass Putin in Europa einmarschieren werde, würden sie behaupten, dass fünf Prozent des Bruttoinlandsproduktes für Militär gebraucht würden.
«Sie werden wie Selenskyj sein, der Milliarden von Dollar irgendwo beiseiteschiebt. Das ist wirklich ziemlich widerlich.»
Armstrong sagt außerdem: Wenn die USA sich aus dem NATO-, Ukraine- und Russland-Krieg raushalten, werde es trotzdem fast überall Krieg geben. Das von ihm entwickelte Computer-Prognose-Programm sage im Grunde genommen den Dritten Weltkrieg voraus.
Der Finanzanalyst macht in dem Zusammenhang auf die zahlreichen kriegerischen Konflikte in der Welt aufmerksam: «Da ist der Iran gegen Israel, und Pakistan wird Israel mit Atomwaffen angreifen, wenn Israel den Iran angreift. Da ist Pakistan gegen Indien (...) Taiwan und China, Südkorea gegen Nordkorea und Japan (auf der Seite Südkoreas).»
Neben dem Krieg in der Ukraine drohten auch anderswo in Europa militärische Konflikte. So hätten die USA Kampfjets an Griechenland verkauft, mit denen die Türkei angegriffen werden könne, wobei beide Länder zur NATO gehören.
«Krieg kommt überall dort, wo ein Land einen Groll gegen ein anderes hegt.»
Armstrong habe schon lange vorhergesagt, dass Europa in einen Krieg mit Russland geraten und schwer verlieren werde, so Hunter. Die europäischen Politiker, einschließlich der Großbritanniens, das sich in einem Stellvertreterkrieg gegen Russland befinde, würden glauben, sie könnten Russland besiegen, sagt der Finanzanalyst.
Er bezeichnet die Aussage von Trump im September dieses Jahres, Russland sei ein «Papiertiger», den die Ukraine besiegen könne, als «sarkastisch». Das sei nicht ernst gemeint gewesen und nur eine Reaktion auf die wiederholten Behauptungen von NATO und westlichen Politikern, dass das westliche Bündnis mit seiner konventionellen Überlegenheit, Russland schlagen und Putin besiegen könne.
Er habe von europäischen Politikern «wahnsinnige Geschichten» gehört, was sie erreichen könnten, berichtet der US-Finanzanalyst mit weltweiten Kontakten. Er ist sich sicher: «Sie werden verlieren.» Und fügt hinzu: «Ich glaube nicht, dass die EU viel länger als bis 2030 bestehen wird.»
Im Interview mit Hunter sagt der Finanzanalyst, die Europäische Union (EU) steuere auf eine Depression zu, während den USA eine Rezession und Stagflation bis 2028 drohe. Er habe wichtige Kunden in Europa vor der Entwicklung gewarnt, woraufhin diese begonnen hätten, ihr Gold von London und Zürich in die Vereinigten Staaten zu verlagern.
«Warum? Weil Europa Kapitalkontrollen einführen wird. Sie werden Bitcoin wahrscheinlich verbieten. Sie werden höchstwahrscheinlich die Menschen daran hindern, Gold zu kaufen.»
Das Kapital werde im Grunde genommen in die USA fließen. Es gebe eine globale Staatsschuldenkrise, «und die USA sind der beste Ort, um sich aufzuhalten», meint Armstrong. Er behauptet, wenn Trump den Krieg zwischen Russland, der Ukraine und der NATO umgehe, werde es den USA «viel besser gehen als Europa und besser als den meisten, wenn nicht sogar allen anderen Ländern der Welt».
Der Finanzanalyst sieht weiterhin einen starken Trend zu zivilen Unruhen in den USA, während der Rest der Welt in den Krieg zieht. Die Entwicklung werde sich im nächsten Jahr zuspitzen. Mit Blick auf die USA sagt er: «New York City und Kalifornien sind beide am Ende (...) und die neue Finanzhauptstadt Amerikas verlagert sich bereits nach Florida.»
Er wirft der US-Politik und der anderer westlicher Staaten vor, gegen die Interessen des eigenen Landes zu handeln, von der Migration bis zur Aufrüstung und Kriegsvorbereitung. Aufgrund der gesellschaftlichen Polarisierung würden sich die USA «irgendwann spalten», was aber auch der EU drohe. Gegen Ende des Interviews hebt Armstrong noch einmal hervor:
«Russland ist nicht daran interessiert, Europa zu besetzen. Ich meine, genauso wenig wie wir daran interessiert sind, Russland oder China zu besetzen, oder wie die Chinesen daran interessiert sind, ganz Amerika zu besetzen.»
Kriege würden «von der Elite verursacht, nicht vom Durchschnittsbürger». Der Durchschnittsbürger in Russland, Europa, den Vereinigten Staaten und China sei überall derselbe: «Wir wollen einfach nur Tag für Tag unser Leben leben und für unsere Familien sorgen. Wir haben kein Interesse an diesem ganzen Unsinn.»
Armstrong warnt vor eine «False flag»-Operation, mit der versucht werde, die NATO direkt in den Krieg gegen Russland zu ziehen. Die angeblichen russischen Drohnen in Polen und Westeuropa seien ein gescheiterter Versuch dazu gewesen, dem weitere folgen würden. Die EU befinde sich finanz- und wirtschaftspolitisch in «einer verzweifelten Lage», die zu einer «völligen Katastrophe» führe.
«Deshalb wollen sie Krieg. Entweder sie bekommen Krieg mit Putin oder die Menschen werden die Parlamente mit Mistgabeln stürmen, sobald diese Zahlungsausfälle beginnen.»
«Ich unterstütze das Recht auf freie Wahl zum Selbstmord – innerhalb eines strukturierten Rahmens»
Das Thema Sterbehilfe ist ein sehr sensibles. Auf der einen Seite gibt es Menschen, die das Schicksal extrem hart getroffen hat und die, obwohl physisch noch lebensfähig, den unbedingten Wunsch hegen, nicht mehr unter den Lebenden zu weilen, und dass jemand ihnen dabei hilft, zu sterben.
Auf der anderen Seite gibt es Bedenken verschiedener Art:
- Viele befürchten, dass die Legalisierung aktiver Sterbehilfe den grundsätzlichen Schutz des Lebens schwächt.
- Ärztliches Handeln ist traditionell auf Heilung und Linderung ausgerichtet; aktive Sterbehilfe widerspricht für manche dem medizinischen Ethos.
- Moralisch ist es für viele schwierig zu akzeptieren, dass jemand aktiv das Leben eines anderen beendet – selbst mit dessen Einwilligung.
- Und dann gibt es da vor allem auch die Gefahr von Missbrauch, sprich: Es besteht die Sorge, dass vulnerable Gruppen – ältere Menschen, Menschen mit Behinderung, psychisch Erkrankte oder auch Minderjährige – unter Druck geraten könnten, Sterbehilfe zuzustimmen.
So berichteten wir kürzlich über einen zunächst nicht todkranken Mann namens Druse Neumann in den USA, der sich zusammen mit seiner todkranken Ehefrau «einschläfern» ließ. Dabei hatte sich Neumann von seiner Tochter dazu überreden lassen, mit seiner Frau ärztlich begleitet in den Tod zu gehen – und erst danach erhielt er die dafür notwendige Diagnose. Dies nährt den Verdacht einer ärztlichen Manipulation.
Und nicht nur das. Auch ist offenkundig bereits dieser gesellschaftliche Bereich von finanziellen Interessen durchdrungen. Dazu haben wir zuletzt diesen Beitrag veröffentlicht. Demnach drängt vor allem in Kanada und Europa eine mächtige und profitorientierte Lobby darauf, Minderjährigen einen assistierten Tod durch Euthanasie zu ermöglichen. Kritiker betiteln diese Lobby mit «Assisted Suicide Inc.». Am Ende dieses Artikels schreiben wir:
«Experten würden entsprechend warnen, dass sich aus einer anfänglichen ‹Entscheidung aus Mitgefühl› eine profitorientierte Industrie entwickelt habe. Nomanis Ergebnisse zeigten, dass Sterbehilfedienste mittlerweile zusammen mit Bestattungsplanungen und ‹Todestourismus›-Paketen vermarktet würden, wodurch man Entscheidungen über Leben und Tod aus finanziellen Gründen kommerzialisiere.»
Wie also soll man mit dem Thema umgehen? Diese Frage hat Paul Sagar, Dozent für Politische Theorie am King's College London, in einem Substack-Beitrag, der auch auf Unherd veröffentlicht wurde, in den Mittelpunkt gerückt. Sagar schildert darin sein eigenes Schicksal und wie er damit umgeht.
«Nach meinem Kletterunfall war mein Lebenssinn dahin»So hatte der inzwischen 37-Jährige, wie er schreibt, im August 2023 einen Kletterunfall, der ihn von den Schlüsselbeinen abwärts gelähmt hat. Die darauffolgenden zwei Jahre habe er dann damit verbracht, «das Werk zu vollenden, das der Berg begonnen hatte». Und weiter:
«Von einem Moment auf den anderen war mein Leben, wie ich es kannte, zerstört. Mit meiner Beweglichkeit verschwanden auch mein Identitätsgefühl, mein Lebenssinn, meine Bestimmung – einfach alles. Stattdessen bekam ich doppelte Harninkontinenz, den Verlust der sexuellen Funktion, den Verlust der Fähigkeit, Sport zu treiben, mich selbst anzuziehen, zu ernähren, mich zu waschen; den Verlust so ziemlich all dessen, was ein Mann in seinen Dreißigern normalerweise für selbstverständlich hält.»
Aufhänger für seinen Beitrag ist der Gesetzentwurf zur Sterbehilfe für unheilbar kranke Erwachsene*, der jetzt im britischen Oberhaus die Ausschussphase erreicht und der, so Sagar, «mit ziemlicher Sicherheit die Sterbehilfe in Großbritannien unter bestimmten strengen Voraussetzungen legalisieren wird». Während der Gesetzentwurf im Parlament nur langsam und stockend vorankomme, habe er leidenschaftliche Debatten von Befürwortern, Gegnern und unentschlossenen Menschen gleichermaßen ausgelöst.
Worin sich alle Seiten – zumindest offiziell – einig seien, sei derweil die Ablehnung dessen, was man Sterbehilfe nennen könnte. Ein solches Szenario werde in der Fernsehserie «Futurama» karikiert. Sie spielt im Jahr 3000, und es gibt an jeder Ecke «Selbstmordkabinen» der Marke Stop'n'Drop. Kunden können für nur 25 Cent aus dem Leben scheiden und zwischen «Schnell und schmerzlos» oder «Langsam und qualvoll» wählen. Sagar dazu:
«Futurama persifliert natürlich eine übertrieben liberale Haltung gegenüber Sterbehilfe, in der Selbstmord zu einer bloßen Konsumentscheidung wird, nicht anders als der Kauf eines Sandwiches auf der Straße. Und das will niemand. Oder? Nun ja, ein paar Jahre lang schon.»
Tatsächlich nämlich wollte er nach seinem Kletterunfall einfach nur aus dem Leben scheiden. Sagar schreibt:
«Wenn wir in einer Welt des Sterbens auf Abruf lebten, könnte ich diese Zeilen nicht schreiben.»
Doch in einer solchen Welt leben wir ja (noch) nicht. Und so sei er in eine Lebensweise geraten, in der bloßes Überleben bedeute, völlig von anderen abhängig zu sein. Meistens seien das schlecht bezahlte, ausländische Pflegekräfte gewesen, denen er nichts zu sagen gehabt hätte – selbst wenn sie Englisch gesprochen hätten, was aber seltener vorgekommen sei, als man erwarten würde. Er schreibt:
«Ich ging vom Bergsteigen mit Freunden dazu über, allein Wände anzustarren. Und zwei Jahre lang wünschte ich mir jeden Tag den Tod. Vielleicht nicht den ganzen Tag, jeden Tag. Aber wenigstens einmal am Tag.
Ich wünschte mir einfach, der Unfall hätte mich verdammt noch mal umgebracht. Nichts, dachte ich, könnte es wert sein, alles zu verlieren, was ich verloren hatte – und schon gar nicht, wenn der Preis fürs Leben bedeutete, so zu leben.»
Sein Todeswunsch sei dabei fast mehr als nur ein Gedanke gewesen. In der Anfangszeit seiner Rückenrehabilitation sei er auf die Idee gekommen, sich einfach zu Tode zu erfrieren, indem er nachts in den Garten gehe und den Rollstuhl vom Stromnetz trenne. «Glauben Sie mir, es hätte funktioniert», versichert Sagar. Doch als die vernünftigere Option sei ihm der Beitritt zu Dignitas erschienen. Und da er in Großbritannien keinen Zugang zu einem solchen Angebot gehabt hätte, habe er schließlich Sterbehilfe in der Schweiz beantragt.
Dignitas helfe jedoch nicht jedem beim Sterben. Und da er nicht unheilbar krank gewesen sei und seine Krankenakte eine schwere Depression ausgewiesen habe, habe Dignitas seinen Antrag erst bearbeitet, nachdem ein Psychiater seine Geschäftsfähigkeit bestätigt hätte. Nach britischem Recht habe jedoch kein in Großbritannien ansässiger Psychiater ein solches Schreiben rechtsgültig unterzeichnen können.
Es habe dann eine weitere Schweizer Klinik mit weniger strengen Auflagen gegeben – diese habe jedoch nach Problemen mit den Schweizer Behörden keine Anträge mehr aus dem Ausland angenommen. Sterbehilfe sei zwar auch in Belgien und den Niederlanden legal, aber die Anreise dorthin sei deutlich schwieriger als in die Schweiz, schildert Sagar seine verzweifelte Suche nach einer Lösung für die Erfüllung seines Sterbenswunsches.
Also habe er dann beschlossen, es selbst in die Hand zu nehmen. Er wollte sich in seinem Rollstuhl sitzend vor einen Zug kippen. Doch als er auf der Fußgängerbrücke am Bahnhof auf die Gleise schaute und ein paar Züge vorbeirauschen sah, sah er von seinem Vorhaben ab. Er erklärt:
«Ich wollte nicht so sterben – schon gar nicht wegen der Menschen, die mit dem Chaos, das ich hinterlassen würde, zu kämpfen hätten, im wahrsten Sinne des Wortes und im übertragenen. Aber wenn man von der Brust abwärts gelähmt ist und die Hände nur minimal bewegen kann, bleiben einem nicht viele Möglichkeiten.
Ich war es nicht. Ganz klar. Und ich freue mich, berichten zu können, dass sich die Dinge schließlich zum Besseren gewendet haben. Ich habe den Wendepunkt erreicht.»
Dabei habe ihm sehr geholfen, dass er wieder eine Stelle habe – als Dozent für politische Theorie am King's College London – und dass er ein Netzwerk aus Familie und Freunden habe, das ihn während der ganzen schwierigen Zeit unterstützt habe. Doch hier gibt er zu bedenken:
«Wahrscheinlich erwarten Sie jetzt, dass ich so etwas sage wie: ‹Gott sei Dank konnte ich in meinen dunkelsten Stunden keine Sterbehilfe in Anspruch nehmen, sonst wäre ich jetzt nicht hier!› Doch so einfach ist es nicht.
Als ich am Tiefpunkt war, gab es keinerlei Garantie, dass ich es jemals aus dieser Dunkelheit schaffen würde. Es ist kein Zufall, dass Suizid eine der häufigsten Todesursachen bei Menschen mit Rückenmarksverletzungen ist. Manche können sich damit einfach nicht abfinden und entscheiden sich stattdessen dafür, dem Leid ein Ende zu setzen.»
Damals sei er auch ziemlich sicher gewesen, dass er zu diesen Menschen gehörte – «und ehrlich gesagt, könnte ich es in Zukunft wieder tun», fügt Sagar hinzu. «Momentan verspüre ich zwar nicht den Drang, allem ein Ende zu setzen, aber das heißt nicht, dass es ein offensichtlicher Fehler gewesen wäre, wenn ich mich aus dem Leben gerissen hätte.» Es bestehe durchaus die Möglichkeit, dass er eines Tages seine Meinung ändere und beschließe, dass er doch nicht mehr will. Und weiter:
«Und wenn ich es so sehe, wäre es gut, wenn ich das ohne Umwege und ohne die Täuschung verschiedener Behörden im Inland tun könnte. Natürlich ohne mich vor einen Zug zu werfen oder mich im Kanal zu ertränken, was meine andere naheliegende Option darstellt, obwohl ich panische Angst davor habe, wie sich diese letzten Momente anfühlen würden.
Ich würde es vorziehen, geordnet und rechtlich abgesichert, an einem hygienischen und vorher festgelegten Ort, mit professioneller Unterstützung mein Leben zu beenden.»
Dabei wolle er sich im Voraus von ausgewählten Personen verabschieden können – oder auch nicht –, ohne Geheimnisse bewahren zu müssen, um Angehörige vor Strafverfolgung zu schützen. Er wolle anderen so wenig Ärger wie möglich bereiten – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne.
«Ich wollte sterben, weil ich anderen Menschen zur Last fiel»Sagar betont zudem, dass seine besondere Sichtweise auf die Dinge dazu geführt habe, dass er einige der häufigsten Argumente gegen die aktive Sterbehilfe nicht nachvollziehen könne. Das erste Argument sei die Sorge, dass schutzbedürftige Menschen, insbesondere ältere, sich unter Druck gesetzt fühlen könnten, Suizid zu begehen, um ihren Angehörigen nicht zur Last zu fallen. Er schreibt:
«Ja, tatsächlich. Lange Zeit wollte ich sterben, gerade weil ich anderen zur Last gefallen war. Um es klarzustellen: Alle versicherten mir, dass ich keine Last sei, dass sie sich um mich sorgten, und dass sie nicht wollten, dass ich mich so fühlte. Und ich bin sicher, sie meinten es ernst. Aber die Tatsachen lagen auf der Hand, zumindest schienen sie mir so. Anstatt ein unabhängiger Mann in meinen Dreißigern zu sein und meinen eigenen Weg zu gehen, zwang ich meine Eltern erneut dazu, mein Leben zu lenken.»
Er habe sich wie ein kleines Kind gefühlt – und sich der Aussicht gegenübergesehen, niemals erwachsen zu werden. «Und ich konnte es nicht ertragen», betont Sagar. «Diese erzwungene Abhängigkeit war ein Hauptgrund dafür, warum ich wollte, dass alles aufhörte.» Dass er nach und nach etwas weniger zur Last geworden sei, sei ein wesentlicher Grund für seinen Entschluss gewesen, weiterzumachen. «Doch was Menschen angeht, die keine Aussicht auf Besserung haben, ist es entscheidend zu verstehen, dass diese völlige Abhängigkeit von anderen – neben all den anderen Schrecken – genau das ist, wovon sie sich befreien wollen.»
«Sterbehilfe ist kein Sandwich – und Sterbewillige müssen daran nicht erinnert werden»Ein zweites Argument laute, dass Sterbehilfe das Leben «entwertet». Indem sie zu einer Option gemacht wird, die Menschen frei wählen können, ähnele sie, so Sagar, einer Konsumentscheidung und untergrabe somit die Heiligkeit des Lebens – was wir unbedingt verhindern müssten. Dies gehe mitunter mit dem Misstrauen gegenüber einer übermäßig permissiven liberalen Haltung einher – der fälschlichen Annahme, wir würden die vermeintlich rationale Autonomie des Einzelnen über die Bindungen der Gemeinschaft stellen.
«Das mag zwar gutes Material für eine ‹Futurama›-Karikatur sein», ist Sagar überzeugt, «aber es ist eine unrealistische Darstellung davon, wie Menschen mit ihrem Tod umgehen». Der Dozent meint:
«Glaubt mir, ich habe selbst schon tief in den Abgrund geblickt. Unser komplexes Affengehirn, das durch Jahrmillionen der Evolution auf Überleben ausgerichtet ist, zerstört sich nicht aus einer Laune heraus. Um alle Hürden der rechtlichen und medizinischen Aufsicht zu überwinden, die für den Zugang zu staatlich genehmigter Sterbehilfe erforderlich sind, muss man es wirklich wollen.
Es wird weder billig noch entwertend sein, wenn Menschen diese Option in einem entsprechend strukturierten institutionellen Rahmen nutzen, wie es die Gesetzesänderung in Großbritannien vorsieht. Sterbehilfe ist kein Sandwich – und die Letzten, die daran erinnert werden müssen, sind diejenigen, die sie in Anspruch nehmen.»
Sagar erwähnt auch ein gewichtiges Argument der Gegner der Sterbehilfe. Dieses laute, dass große Institutionen zwangsläufig Fehler machten. Der National Health Service (NHS), das öffentlich finanzierte Gesundheitssystem des Vereinigten Königreichs, sei bereits unterfinanziert und überlastet. «Ärzte machen Fehler», so Sagar, und «die Häufigkeit dieser Fehler wird durch die hohen Stressbelastungen, die in einem ohnehin schon angeschlagenen Gesundheitssystem zur Normalität geworden sind, noch verschärft». Und weiter:
«Gleichzeitig erhöht die alternde Bevölkerung den Druck, Ressourcen im NHS freizusetzen. Ist jetzt wirklich der richtige Zeitpunkt, Ärzte mit Entscheidungen über Leben und Tod zu betrauen? Sollten wir nicht versuchen, das Leiden der Menschen zu lindern, anstatt es einfach zu beenden?
Das sind wichtige Argumente, aber insgesamt finde ich sie nicht überzeugend. Schließlich treffen Ärzte in Krankenhäusern bereits täglich Entscheidungen über Leben und Tod. Wir würden im Grunde nur einen Prozess formalisieren, der ohnehin schon abläuft, nur eben unstrukturiert und verzögert.»
Im Übrigen sei es in einer so riesigen Bürokratie wie dem NHS praktisch unvermeidlich, dass nicht alles reibungslos funktioniert. Es werde tragische Fälle geben, in denen das System versagt. Es werde herzzerreißende Geschichten geben, und wir können davon ausgehen, dass die Medien darüber berichten werden. «Natürlich werden Sie nichts über die Hunderte von Fällen lesen, in denen alles wie geplant ablief – aber so funktionieren die Medien nun mal», gibt Sagar zu bedenken.
«Der Status quo ist nicht moralisch neutral»Zugleich ist er überzeugt, dass es ein Irrtum sei, anzunehmen, dass es angesichts unvermeidlicher Fehler am angemessensten sei, den Status quo beizubehalten. Dieser Gedankengang beruhe auf dem Trugschluss, der Status quo sei moralisch neutral – und wir würden ihn gegen etwas moralisch Schlechtes eintauschen, wenn wir Sterbehilfe befürworten. Sagar meint:
«Tatsächlich stehen wir vor der Wahl zwischen zwei zutiefst unvollkommenen Szenarien. Das erste ist das, in dem wir uns jetzt befinden: Menschen leiden unter qualvollen Schmerzen, ohne Aussicht auf körperliche Genesung, ertragen psychische Qualen in einer persönlichen Hölle, die sich täglich verschlimmert, und ihnen wird gesagt, sie müssten so lange weitermachen, bis die Natur ihren Lauf nimmt.
Eine Welt, in der selbst die beste Palliativversorgung die Schmerzen kaum lindern könnte. Eine Welt, in der wir die Macht des Staates nutzen, um ihnen und ihren Angehörigen die Möglichkeit zu verweigern, dem Grauen ein früheres Ende zu setzen.»
Das zweite Szenario sei dasjenige, das der Gesetzentwurf zur Sterbehilfe anzustreben versucht. Er soll den Menschen, die sich derzeit in der oben beschriebenen Situation befinden, Erleichterung verschaffen. Seine Befürworter würden einräumen müssen, dass es in der Praxis zu Problemen kommen, und dass die Umstrukturierung des staatlichen Gesundheitssystems unbeabsichtigt einigen zukünftigen Generationen schaden werde – wie vielen genau, wüssten wir allerdings noch nicht.
«Und wir müssen anerkennen, dass dies vor dem Hintergrund einer alternden Bevölkerung, eines maroden Gesundheitssystems, erstarrter öffentlicher Finanzen und unvorhergesehener zukünftiger Herausforderungen geschieht», ergänzt Sagar. Sein Fazit lautet daher:
«Der Versuch, das erste Szenario gegen das zweite einzutauschen, ist meiner Einschätzung nach ein lohnendes Wagnis. Doch es ist ein Wagnis, kein einfacher Tausch von moralisch Schlechtem gegen moralisch Gutes. Es geht darum, abzuwägen, welche negativen Folgen wir tolerieren wollen, in der Hoffnung, andere zu verringern; welchen Preis wir bereit sind, zu zahlen.
Es geht darum, wie viel Leid und Qual wir als Gesellschaft ehrlich in Kauf nehmen wollen, indem wir öffentlich anerkennen, was für Tausende von Menschen bereits Realität ist. Mit ehrlicher Selbstreflexion und Dialog haben wir die Chance, die Dinge, wenn nicht endgültig richtig zu machen, so doch ein wenig besser zu machen, als sie derzeit sind.»
* Die wesentlichen Punkte des Gesetzesentwurfs sind:
- Er zielt ab auf Erwachsene (ab 18 Jahren) in England und Wales.
- Die Person muss «vernünftigerweise erwartet» haben, in weniger als sechs Monaten zu sterben («prognosis of less than six months»).
- Man muss klar und freiwillig den Wunsch haben, das eigene Leben zu beenden, ohne unzulässigen Druck.
- Zwei Ärzte müssen den Antrag prüfen und bestätigen, dass die Kriterien erfüllt sind.
- Der Entwurf sieht vor, dass ein sogenanntes «Assisted Dying Review Panel» den Antrag prüfen könnte; das Panel soll aus einem Psychiater, einem Sozialarbeiter und einer juristischen Person (Richter/Barrister) bestehen. Details zur konkreten Umsetzung könnten sich im weiteren Gesetzgebungsverfahren ändern.
- Es soll einen «freiwilligen Sterbehilfe-Kommissar» («voluntary assisted dying commissioner») geben, der das System beaufsichtigt.
- Kein medizinisches Personal ist verpflichtet, bei der Sterbehilfe mitzumachen.
- Wenn alle Voraussetzungen erfüllt sind, kann eine terminal kranke Person von Ärzten einen zugelassenen Wirkstoff verschrieben bekommen, den sie selbst einnehmen muss. Die Einnahme muss von der Person selbst erfolgen; Ärzte verabreichen den Stoff nicht aktiv (keine aktive Sterbehilfe).
- Das Gesetz ist ein «Private Member's Bill» – also nicht direkt ein Regierungsgesetzentwurf, sondern wurde von Kim Leadbeater von der Labour-Partei ins Unterhaus eingebracht; der Entwurf wurde dann von Lord Falconer of Thoroton (ebenfalls Labour) übernommen und weiterverfolgt.
- Der Entwurf hat das Unterhaus (House of Commons) bereits passiert: Bei der dritten Lesung stimmten 314 zu 291 dafür.
- Jetzt ist der Entwurf im House of Lords (Oberhaus) in der «Committee Stage» (Ausschussphase), in der einzelne Passagen im Detail geprüft, diskutiert und potenziell geändert werden.
- Ein spezieller Ausschuss, das «Lords Select Committee» zum Terminally Ill Adults (End of Life) Bill, wurde eingesetzt, um Beweise von eingeladenen Experten zu sammeln. Der Ausschuss veröffentlichte seinen Bericht am 11. November 2025. Der Bericht enthält keine Empfehlungen und nimmt keine Stellung zum Gesetzesentwurf; er dokumentiert lediglich die eingereichten Beweise und zieht die Aufmerksamkeit des Oberhauses auf sie.
Der Erfinder der modernen Massenmanipulation – Edward Bernays
In seiner neuesten History-Folge beschäftigt sich der Politologe und Autor Hermann Ploppa mit dem Der Erfinder der modernen Massenmanipulation, Edward Bernays. Er war der Neffe des großen Begründers der Psychoanalyse, Sigmund Freud. Und tatsächlich hat der junge Bernays viel vom Nektar seines berühmten Onkels «Sigi» gesaugt.
Die Entdeckung des Unbewussten inspirierte Edward Bernays. Er verdiente viel Geld als Werbe-Berater großer Firmen, aber auch als Berater von Geheimdiensten. Bernays hat nicht geflunkert, wenn er für sich in Anspruch nahm, der Erfinder der modernen Public Relations zu sein. Denn das Wort «Propaganda» war schon nach dem Ersten Weltkrieg in Verruf geraten. Wir werden noch sehen warum. Bernays erblickte im Jahre 1891 in Wien das Licht der Welt und verstarb im gesegneten Alter von 104 Jahren 1995 in New York.