Das Motiv oder wenn das Mittel zum Zweck wird

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Helmut S. - ADMIN
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Das Motiv oder wenn das Mittel zum Zweck wird
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Das Motiv oder wenn das Mittel zum Zweck wird

by Gerhard Mersmann | NEUE DEBATTE

Mit welchem Motiv gehen Menschen durch die Welt, wenn es ihnen vergönnt ist, über Macht zu verfügen? Was treibt sie an, das zu tun, was sie tun? Die Antworten auf diese Fragen sind vielfältig.

► Visionäre und ihre Motive

Da gibt es, um mit einer positiven Konnotation [1] zu beginnen, diejenigen, die eine Vision haben und dieser folgen. Sie wollen die Verhältnisse, in denen sie leben, verändern, hin zu einer von ihnen vermuteten besseren Welt. Sie nutzen die Möglichkeiten, die ihnen zur Verfügung stehen, um positiv auf die Lebensumstände, die Arbeitsbedingungen, die sozialen Beziehungen einzuwirken.

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Dabei haben sie darauf zu achten, dass die Mittel, die sie dabei anwenden, mit den Zielen korrespondieren. Denn die Zeiten, in denen der Zweck die Mittel heiligte, liegen hinter den meisten Zivilisationen.

Wer vorgibt, etwas Gutes erreichen zu wollen, darf sich nicht der Illusion hingeben, dass brachiale Gewalt, die uneingeschränkte Ausübung von Macht vom betroffenen Publikum mehrheitlich toleriert wird. Vielleicht ist es ein letztes Residuum der europäischen Aufklärung, dass die Glaubwürdigkeit derer, die diesen Umstand ignorieren, passé ist. Auch wenn, auch das gehört zur Wahrheit, von interessierter Seite kräftig an der Demontage dieses Zusammenhangs gearbeitet wird.

► There is no alternative

Buergerbekaempfung-Unterdrueckung-Eurokratie-Nutzmenschhaltung-Entdemokratisierung-Entmuendigung-Entrechtung-Kritisches-Netzwerk-Antipolitik-Pseudodemokratie-AusbeutungDas Gift, das dazu aus dem Schrank geholt wird, trägt die Aufschrift “moralische Legitimation”. Was sich zunächst ganz und gar nicht danach anhört, trägt dazu bei, den Grundsatz von einer Entsprechung von Zweck und Mittel zu pervertieren. Es wird der Schein erzeugt, dass ein guter Zweck gar nicht anders erreicht werden kann, als zu Mitteln zu greifen, die weit außerhalb des Tolerablen liegen und die alle anderen Möglichkeiten eines anderen Handelns ausblenden.

Der Slogan, unter dem das stattfindet, lässt sich unter dem Motto “There is no alternative” [2] am besten zusammenfassen. Mit dieser Maxime werden drastische Maßnahmen gegen die eigene Bevölkerung wie auch Kriege legitimiert.

Ideen, die andere Möglichkeiten auftäten, werden durch Kampagnen diskreditiert. Wir leben in einem Zeitalter, in der eine ganze Industrie von Meinungsschmieden existiert, die nicht anderes machen, als die Optionen eines moralisch, ethisch oder auch politisch anderen Szenarios als abseitige Anwandlungen Irregeleiteter darzustellen.

Sie arbeiten im Auftrag von Interessengruppen, ob aus Wirtschaft oder Politik und erzeugen eine Atmosphäre, die den Gesellschaftsvertrag, so wie er in den Sternstunden der [sog.] bürgerlichen Demokratie formuliert wurde, zerstören.

► “Weiter so!” im ideologisierten Echoraum

Die Erkenntnis, die sich aufdrängt und durch keine auch noch so wohlwollende Form der Toleranz mehr akzeptiert werden kann, ist, dass das Abdriften in die martialische Konfrontation ein Faktum geschaffen hat, das den gesellschaftlichen Konsens ausschließt.

Dogmatismus, ideologisches Gebell, Angst, Zorn und Hass sind die Folgen. Die Zustände, die in den Gesellschaften der bürgerlichen Demokratien momentan zu beobachten sind, sprechen diese Sprache. Die Vision ist verloren, der Konsens dahin, ein Diskurs über die Zukunft wird nicht mehr geführt. Denn, und da sollten keine Illusionen entstehen, mit einem “Weiter so!” ist nichts mehr zu gewinnen.

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Die bestehenden Strukturen, die Institutionen und die Bürokratien sind sich selbst genug und folgen ihrer eigenen Rationalität. Sie sind nicht mehr Mittel, um politisch zu gestalten, sondern sie sind Zweck geworden. Das merken weder die Handelnden noch ihr ideologisierter Echoraum. Und darin liegt ihr Dilemma. Die unmittelbare gesellschaftliche Erfahrung aller, die nicht dieser Nomenklatura angehören, und der Begriff ist bewusst gewählt, sieht anders aus. Für sie existieren Alternativen, eine einfache Erkenntnis, auch wenn das eine ungewohnte Formulierung ist.

Gerhard Mersmann
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[1] Konnotation vs. Assoziation: (Fußnote von H.S. gesetzt!)

Beides sind neutrale Begriffe und nicht irgendwie auf negativ oder positiv festgelegt. Assoziationen können von Betrachter zu Betrachter variieren. Konnotationen sind mehr allgemeingültig.

Konnotation ist ein Begriff, der in der Philosophie vorkommt und ist eigentlich ein rein sprachwissenschaftlicher Begriff. Er bezeichnet alle mit einem Wort verbundenen assoziativen Nebendeutungen oder 'Beibedeutung', ob kulturellen oder subjektiven Ursprungs. Als Nebenbedeutung gilt jede Bedeutung oder Bedeutungsnuance, die von der neutralen Kernaussage des Wortes, Satzes oder Textes abweicht.

Ein paar Beispiele:

Der "Bauer" hat neben der Bezeichnung für einen Landwirt heute auch oft eine negative, abwertende Konnotation.

Mit "Esel" kann neutral das Haustier gemeint sein, Konnotation = dummer Mensch.

"Herdentrieb" ist kontextabhängig, Konnotation neutral (in Bezug auf Tiere): triebhafter Instinkt, in Herden zusammenzuleben; negativ konnotiert (in Bezug auf Menschen): Neigung, sich sozialen Gruppen (und deren Führern) anzuschließen und deren Verhalten nachzuahmen.

"Rattenfänger" kontextabhängige Konnotation; neutral: jemand, der Ratten fängt, negativ konnotiert: Volksverführer. (z.B. Spahn, Lauterbach, Wieler . . )

"Sauklaue": Klaue eines Schweins, negativ konnotiert: schlecht lesbare Handschrift.

Assoziation ist ein allgemeiner Begriff, der bezeichnet, welche Bilder, Gedanken ein vorgelegtes Bild beim Betrachter auslöst. So wird bei psychologischen Tests der Testperson oft ein Tintenklecks auf Papier vorgelegt und der Psychologe fragt, welche Assoziationen die Testperson hat, einfach gesagt, an was die Testperson beim Betrachten des Tintenkleckses denkt oder was ihm/ihr in den Sinn kommt.

Assoziation bedeutet in der Psychologie ein automatischer Denkvorgang; eine gelernte Beziehung zwischen zwei kognitiven Elementen, meist einem Reiz und einer belohnten (oder bestraften) Reaktion (Behaviorismus). In der Soziologie handelt es sich zumeist um eine freiwillige Verbindung von einzelnen Personen oder Gruppen, u.a. sozialen Gebilden (z.B. Organisationen) zu Gruppen-, Zweck-, Interessenverbänden (wie Gewerkschaften, Genossenschaften, Sportverbänden).
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[2] Der Slogan “There is no alternative” (deut.: Es gibt keine Alternative), auch bekannt als TINA, wurde von der konservativen britischen Premierministerin Margaret Thatcher verwendet. Sie wollte damit ihre Behauptung betonen, dass die Marktwirtschaft das einzige System wäre, das funktionieren würde, und dass die Debatte darüber beendet sei.

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Thatchers Ideologie [Thatcherismus; H.S.] und somit das Verständnis von Alternativlosigkeit, letztlich eine Verpackung der neoliberalen Strategie, drückte sich aus in konservativen Gesellschaftsvorstellungen, dem Abbau des Sozialstaats, wirtschaftsliberaler Reformen und der Niederhaltung sozialer und ökologischer Forderungen. [ebenso eine tiefgreifende Deregulierung spez. im Finanzwesen, etc.; H.S.]

Diese Einstellung, die der Privatisierung und dem Marktfundamentalismus die Türen öffnet, gleichzeitig radikale, weil notwendige ökologische und soziale Maßnahmen unterbindet, also destruktiv wirkt, ist mittlerweile in den meisten führenden Industrienationen bestimmend.

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Quelle: Dieser Artikel wurde am 5. April 2021 erstveröffentlicht auf der Webseite NEUE DEBATTE - "Journalismus und Wissenschaft von unten" >> Artikel. Alle auf NEUE DEBATTE veröffentlichten Werke (Beiträge, Interviews, Reportagen usw.) sind – sofern nicht anders angegeben oder ohne entsprechenden Hinweis versehen – unter einer Creative Commons Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International; CC BY-NC-ND 4.0) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen dürfen diese von Dritten verbreitet und vervielfältigt werden.

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Gerhard Mersmann, Dr. phil., (Jahrgang 1956), gebürtiger Westfale, studierte Literaturwissenschaften, Politologie und Philosophie. Beruflich durchlief er die Existenzen als Lehrer, Trainer, Berater und Leiter kleiner und großer Organisationen. So war und ist er Leiter verschiedener Bildungsinstitutionen, arbeitete als Regierungsberater in Indonesien, reformierte die kommunale Steuerung von schulischer Bildung in Deutschland, leitete diverse Change-Projekte und war Personalchef einer deutschen Großstadt. Publizistische Aktivitäten durchziehen seine gesamte Biographie. Mersmanns persönliches Blog >> https://form7.wordpress.com/ .


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1. Visionäre und ihre Motive: Visionäre haben eine Vision und dieser folgen. Sie wollen die Verhältnisse, in denen sie leben, verändern, hin zu einer von ihnen vermuteten besseren Welt. Sie nutzen die Möglichkeiten, die ihnen zur Verfügung stehen, um positiv auf die Lebensumstände, die Arbeitsbedingungen, die sozialen Beziehungen einzuwirken. Illustration: Inactive account – user ID 8385. Quelle: Pixabay. Alle Pixabay-Inhalte dürfen kostenlos für kommerzielle und nicht-kommerzielle Anwendungen, genutzt werden - gedruckt und digital. Eine Genehmigung muß weder vom Bildautor noch von Pixabay eingeholt werden. Auch eine Quellenangabe ist nicht erforderlich. Pixabay-Inhalte dürfen verändert werden. Pixabay Lizenz. >> Illustration.

2. Bürgerbekämpfung, Spaltung der Gesellschaft: Selbsternannte Eliten und Hater wollen bestimmen, wer in der Öffentlichkeit eine Stimme haben darf und wer unsichtbar bleiben soll. Neben physischer Gewalt sind Hass- und Drohmails Methoden, sich über andere zu erheben und Mitmenschen zu diskreditieren, zu verunglimpfen, einzuschüchtern und 'mundtot' zu machen. Vektorgrafik: OpenClipart-Vectors. Quelle: Pixabay. Alle Pixabay-Inhalte dürfen kostenlos für kommerzielle und nicht-kommerzielle Anwendungen, genutzt werden - gedruckt und digital. Eine Genehmigung muß weder vom Bildautor noch von Pixabay eingeholt werden. Auch eine Quellenangabe ist nicht erforderlich. Pixabay-Inhalte dürfen verändert werden. Pixabay Lizenz. >> Grafik.

3. HATE - HASS. Illustration/Grafik: dinokfwong / Dino KF Wong, Singapore. Quelle: Pixabay. Alle Pixabay-Inhalte dürfen kostenlos für kommerzielle und nicht-kommerzielle Anwendungen, genutzt werden - gedruckt und digital. Eine Genehmigung muß weder vom Bildautor noch von Pixabay eingeholt werden. Auch eine Quellenangabe ist nicht erforderlich. Pixabay-Inhalte dürfen verändert werden. Pixabay Lizenz. >> Illustration.

4. MARGARET THATCHER, dargestellt als Puppe, wurde 1975 die erste Frau an der Spitze der konservativen Tories. Thatcher gilt als eine der umstrittensten politischen Persönlichkeiten der Nachkriegszeit. Von Ihren konservativen Anhängern der Oberschicht verehrt und ikonisiert, wird sie von ihren Gegnern, also der Mehrheit der Briten die unter ihrem menschenverachtenden Regime und dem damit einhergehenden Sozialabbau, gleichermaßen verachtet und geschmäht. Sie wurde namensgebend für den Thatcherismus und wird in vielen Songs, Filmen, Büchern und Theaterstücken dargestellt. Foto: Matt Buck. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 Generic (CC BY-SA 2.0).

5. Prof. Dr. Butterwegge

«Mittlerweile ist der Neoliberalismus eine Weltanschauung, ja eine politische Zivilreligion geworden, welche die Hegemonie, das heißt die öffentliche Meinungsführerschaft, erobert hat. Globalisierung fungiert als Schlüsselkategorie und darüber hinaus – neben dem demografischen Wandel und der Digitalisierung – als dritte große Erzählung unserer Zeit, die Neoliberale benutzen, um ihre marktradikale Ideologie zu verbreiten und den Um- bzw. Abbau des Sozialstaates zu legitimieren.» (Prof. Dr. Christoph Butterwegge)

Foto: © Butterwegge. Quelle: www.christophbutterwegge.de/ . >> Originalfoto. Bildbearbeitung d. Wilfried Kahrs nach einer Idee von KN-ADMIN Helmut Schnug.