Jeder zehnte Erwachsene in Deutschland ist überschuldet

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Jeder zehnte Erwachsene in Deutschland ist überschuldet
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Jeder zehnte Erwachsene in Deutschland ist überschuldet

Von Elisabeth Zimmermann

Die Zahl der überschuldeten Menschen in Deutschland ist zum vierten Mal in Folge angestiegen. Sie nahm in diesem Jahr um 65.000 auf 6,9 Millionen Menschen zu. Jeder zehnte Erwachsene hat damit dauerhaft höhere Gesamtausgaben als Einnahmen. Das geht aus dem jährlich erscheinenden „Schuldneratlas Deutschland“ der Wirtschaftsauskunftei Creditreform hervor, der am 9. November veröffentlicht wurde.

Hauptursache der Überschuldung sind Arbeitslosigkeit und zeitlich befristete, unsichere und schlecht bezahlte Arbeitsplätze. Dazu kommen schwere und langfristige Erkrankungen, Unfälle, Tod eines Partners, Trennung und Suchtprobleme.

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Besonders stark stieg die Überschuldung bei Solo-Selbständigen. Dazu gehören LKW-Fahrer, die formal selbständig sind, aber oft nur für eine Firma fahren, die dadurch Sozialversicherungsbeiträge spart. Auch Selbständige, deren Geschäftsmodell nicht aufgeht und die nicht in der Lage sind, die vollen Sozialversicherungsbeiträge und den Lebensunterhalt für sich und ihre Familie zu zahlen, gehören in diese Kategorie.

spd_waehlerverachtung_sozialdumping_lohndumping_sozialdarwinismus_sozialdemokraten_martin_schulz_neoliberalismus_niedriglohnbereich_niedrigloehner_prekarisierung_rentenpolitik.jpg Überdurchschnittlich stark hat auch die Alters-Überschuldung zugenommen. Vier von fünf Menschen, die in diesem Jahr erstmals überschuldet waren, sind älter als 50 Jahre. Bei den über 70-Jährigen stieg die Zahl der Überschuldeten um 12 Prozent.

Immer häufiger kommt es vor, dass armen Rentnern der Strom abgestellt wird oder dass sie in die Schuldenfalle stürzen, weil sie ihre Rechnungen, die Kosten für eine neue Brille oder die Zuzahlungen für teure Medikamente nicht mehr bezahlen können.

Während die Medien die „gute Wirtschaftslage“ und die „niedrigste Arbeitslosenzahlen seit 1991“ feiern, geben der dramatische Anstieg der Wohnungsnot und die Zunahme der Überschuldung ein ganz anderes Bild der sozialen Lage in Deutschland. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander.

Laut dem Schuldneratlas von Creditreform kamen in diesem Jahr fast alle neuen Überschuldungsfälle aus der Mittelschicht. Damit sind Menschen gemeint, die normal oder etwas besser verdienen.

spd_ausbeuter_billigloehne_hartz_iv_agenda_2010_jobwunder_leiharbeit_massenarmut_andrea_nahles_arbeitsarmut_jobwunder_sozialabbau_sozialdumping_martin_schulz_neoliberalismus.jpgDies ist ein neues Phänomen. Ihnen fällt es laut einer Studie der Universität Duisburg-Essen besonders schwer, mit den persönlichen und sozialen Auswirkungen der Überschuldung umzugehen, weil diese als soziales Stigma gilt. Die Folge ist oft Scham und selbst gewählte soziale Isolation der Betroffenen.

Soziale Isolation tritt allein schon deshalb ein, weil sich Arme und Überschuldete die Teilnahme am sozialen und kulturellem Leben nicht mehr leisten können. Viele Alleinerziehende, Hartz-IV-Empfänger und arme Rentner können sich keine Tickets für den Nahverkehr, keine Kino-, Theater- oder Konzertbesuche und keine Teilnahme von Kindern an Klassenfahrten leisten. Auch die Gesundheit leidet, da das Geld für nicht verschreibungspflichtige Medikamente, bspw. gegen Erkältungskrankheiten, fehlt.

Die Hauptverantwortung für das dramatische Ansteigen der Armut tragen die SPD und die Grünen, die vor 15 Jahren die Hartz-Gesetze verabschiedet haben. Deren angebliches Ziel war die Senkung der Arbeitslosigkeit – nicht durch neue, vernünftig bezahlte Arbeitsplätze, sondern durch einen massiven Sozialabbau, der Arbeitslose zwang, selbst die miesesten und schlecht bezahltesten Jobs anzunehmen.

Die Folge war ein starkes Anwachsen des Niedriglohnsektors, in dem mittlerweile jeder vierte Beschäftigte arbeitet, darunter auch eine Million Leiharbeiter und sieben Millionen Minijobber. Diese prekär-beschäftigten Menschen tauchen in der Arbeitslosenstatistik nicht mehr auf.

Der Geschäftsführer des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbands (Der Paritätische), Dr. Ulrich Schneider, sagte in einem Radiobeitrag zum 15. Jahrestag der Verabschiedung der Hartz-Gesetze: „Die Einführung von Hartz IV hat in Deutschland Armut erzeugt.“ Quasi über Nacht sei 2002 die Zahl derer, die von Sozialhilfe leben mussten, von rund drei auf sieben Millionen Menschen gestiegen. „Und das Schlimme ist: Daran hat sich bis heute nichts geändert. Wir haben nach wie vor über sieben Millionen Menschen, die von Fürsorgeleistungen leben, und davon befinden sich rund sechs Millionen in Hartz IV.

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Viele dieser Menschen sind arm, wohnungslos und überschuldet. In Regionen und Städten mit stark verbreiteter Armut und Niedriglohnarbeit ist auch die Überschuldung hoch. Das gilt für Teile von Nordrhein-Westfalen, des Saarlands, Sachsen-Anhalts, Sachsens, Mecklenburg-Vorpommerns, Bremens und Berlins. In Duisburg beträgt die Überschuldungsquote 17,1%, in Dortmund 14,4%, in Essen 13,8%, in Leipzig 13,4% und in Berlin und Bremen 12,6 Prozent.

In Bayern liegt die Überschuldungsquote zwar niedriger, stiegt aber besonders rasch an. „Auffällig: Die Anstiege der Überschuldungsfälle liegen in Bayern seit 2015 über denen in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg“, heißt es in der Studie von Creditreform. Besonders ausgeprägt ist der Gegensatz von Arm und Reich in der Landeshauptstadt München mit ihren hohen Mieten und Lebenshaltungskosten. Diese sind für viele Normalverdiener und erst recht für Menschen, die im Niedriglohnbereich arbeiten, unbezahlbar.

Dazu kommt überall der Anstieg der Mieten und Mietnebenkosten, vor allem der Energiekosten. Sie haben einen starken Anteil daran, dass die Zahl der Überschuldeten und Wohnungslosen stark ansteigt.

Elisabeth Zimmermann

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Das Team der Creditreform Wirtschaftsforschung steht Ihnen bei Fragen gerne zur Verfügung: Tel.: 0 21 31 / 109-171 / analysen@creditreform.de



Quelle:  WSWS.org > WSWS.org/de > Erstveröffentlicht am 05. Dezember 2017 >> Artikel. Die Bilder im Artikel sind nicht Bestandteil des Originalartikels und wurden von KN-ADMIN Helmut Schnug eingefügt. Für sie gelten ggf. andere Lizenzen, s.u..

Dank an Redakteur Ludwig Niethammer für die Freigabe zur Veröffentlichung.

► Bild- und Grafikquellen:

1. Die Zahl der überschuldeten Menschen in Deutschland ist zum vierten Mal in Folge angestiegen. Sie nahm in diesem Jahr um 65.000 auf 6,9 Millionen Menschen zu. Hauptursache der Überschuldung sind Arbeitslosigkeit und zeitlich befristete, unsichere und schlecht bezahlte Arbeitsplätze. Dazu kommen schwere und langfristige Erkrankungen, Unfälle, Tod eines Partners, Trennung und Suchtprobleme. Foto: whoismargot / Małgorzata Tomczak, Bielsko-Biała. Quelle: Pixabay. Alle bereitgestellten Bilder und Videos auf Pixabay sind gemeinfrei (Public Domain) entsprechend der Verzichtserklärung Creative Commons CC0. Das Bild unterliegt damit keinem Kopierrecht und kann - verändert oder unverändert - kostenlos für kommerzielle und nicht kommerzielle Anwendungen in digitaler oder gedruckter Form ohne Bildnachweis oder Quellenangabe verwendet werden. >> Bild.

2.  Satire-Plakat der SPD: "Wir kleben Plakate mit Forderungen, als ob wir nicht seit 8 Jahren mitregierten". - Zeit für mehr Wählerverachtung. Tschüss SPD. Grafik: Elias Schwerdtfeger. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz CC0 1.0 Universell (CC0 1.0) Public Domain Dedication - Kein Urheberrechtsschutz.

3. Satire-Plakat der SPD: "Ausbeuter fordern Billiglöhne. Wir fordern Billiglöhne". - Zeit für mehr Hartz IV, Hartz V, Hartz VI und Hartz VII. Tschüss SPD. Grafik: Elias Schwerdtfeger. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz CC0 1.0 Universell (CC0 1.0) Public Domain Dedication - Kein Urheberrechtsschutz.

ulrich_schneider_kein_wohlstand_fuer_alle_wie_sich_deutschland_selber_zerlegt_kritisches_netzwerk_armut_neoliberalismus_paritaetischer_wohlfahrtsverband_soziale_gerechtigkeit.jpg4. Dr. Ulrich Schneider (* 14. August 1958 in Oberhausen) ist ein deutscher Sozialfunktionär und seit 1999 Hauptgeschäftsführer des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Foto: SPD Schleswig-Holstein, 19.09.2015. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung 2.0 Generic (CC BY 2.0). Buchveröffentlichungen:

Schneider Ulrich 2017: Kein Wohlstand für alle!? Wie sich Deutschland selber zerlegt und was wir dagegen tun können, Frankfurt am Main.

Schneider Ulrich (Hg.) 2015: Kampf um die Armut – von echten Nöten und neoliberalen Mythen, Frankfurt am Main.

Schneider Ulrich 2014: Mehr Mensch! Gegen die Ökonomisierung des Sozialen, Frankfurt am Main.

Schneider Ulrich 2010: Armes Deutschland. Neue Perspektiven für einen anderen Wohlstand. Westend Verlag, Frankfurt am Main.

Schneider Ulrich 1994 (zusammen mit Hanesch u.a.): Armut in Deutschland. Der Armutsbericht des DGB und des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Reinbek.

Schneider Ulrich 1993: Solidarpakt gegen die Schwachen - Der Rückzug des Staates aus der Sozialpolitik, München.

5. "Kein Wohlstand für alle!? Wie sich Deutschland selber zerlegt und was wir dagegen tun können" von Ulrich Schneider. ISBN 978-3-86489-161-8. Westend Verlag. VK 18,00 €. Erscheinungstermin: 01.02.2017. Auch als eBook erhältlich.

Deutschland fällt auseinander

„Wohlstand für alle“ lautet seit Ludwig Erhard das zentrale Versprechen aller Regierungen. Tatsächlich jedoch werden seit Jahrzehnten die Reichen immer reicher, während immer größere Teile der Mittelschicht abgehängt werden und von der Hand in den Mund leben müssen. Deutschland fällt auseinander – sozial, regional und politisch. Von gleichwertigen Lebensverhältnissen für alle kann längst keine Rede mehr sein. Das ist weder Zufall noch Schicksal, sondern das Ergebnis einer Politik, die sich immer stärker einem modernen Neoliberalismus verpflichtet sieht.

Als Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes weiß Ulrich Schneider genau wovon er spricht. Schonungslos dokumentiert er, wie es um die soziale Gerechtigkeit und den gesellschaftlichen Konsens in Deutschland wirklich bestellt ist. Und er stellt die wesentlichen Fragen: Wie es möglich ist, dass in einer Demokratie eine Politik Mehrheiten finden konnte, die wenige Reiche privilegiert, aber breite Bevölkerungsschichten benachteiligt, und die damit für immer größere Ungleichheit und Ungerechtigkeit sorgt? Schneider ist überzeugt: Es geht auch anders. Er zeigt, wo Sozial- und Steuerreformen ansetzen müssen, um den Wohlstand gerecht zu verteilen und die soziale Einheit dieses Land wieder herzustellen. (Klappentext).