Zumutungen sollen nicht Abwehr, sondern Neugier erzeugen.

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Zumutungen sollen nicht Abwehr, sondern Neugier erzeugen.
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Zumutungen sollen nicht Abwehr, sondern Neugier erzeugen.

Auf der Isolierstation (III)

Vorbem. Manova-Red.: Im Literatur-Salon von Manova (vormals Rubikon) soll ab und zu auch Platz für Texte sein, welche Erkenntnisse über den Menschen und das Menschenmögliche, über Kommunikation und Isolation, über die „Condition humaine“ (Bedingungen oder Umstände des Menschseins) experimentell aus der Sprache herausdestilliert. Platz für Texte, die verstören. Hier ist ein solcher Text. Viel wird über Spirituelles und Seele und Selbstfindungen theoretisiert ― dieser Text kommt von der anderen Seite her.

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Er ist eine gelebte, in Sprache gesetzte Vision in verschiedenen Teilen, die wohl besser als Impressionen zu bezeichnen sind. Aus dem Innern, aus einem Konzert, aus einem Restaurant. Gedanken schießen durch den Kopf. Ungehindert, auch politisch, eine kurze klare Reflexion inbegriffen. Am besten laut lesen, langsam ― ein Tropfen Rotwein kann förderlich sein. Das Licht nicht zu grell.

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Von Thomas Eblen | Beitrag für MANOVA (vormals RUBIKON)

► Dicke Wand

Liege da, schwimme auf meinem eigenen Horizont. Die Nase, um das Atmen zu gewährleisten, versucht sich durch das eigene Medium zu drücken, damit sie Luft bekommt. Die Arme winden sich, sie halten den Körper in der Waagrechten. Der Blick geht nach oben und sieht nichts. Als ob ich in einem Gewässer läge. Früher schon war mein Blick liegend am sehnsüchtigsten.

Ist er es jetzt auch? . . Zumindest bin ich unauffindbar oder auch unauflösbar.

Es gibt Menschen, die mich begreifen, aber die Unzahl derer, die vor mir eine dicke Wand bilden, scheint übermächtig. Sie lieben keine Geheimnisse. Man hat sie niemals aufgeklärt. In der Klarheit der Argumentation, oder der Prosa erinnerter Schulaufsätze, ist alles so einfach. Führt zu nichts, bleibt eine Kreisbewegung, hat keinen Zug in die Tiefe. Diese Tiefe ist mein Schatz, den ich zugleich heben und küssen will. Ich begehre ihn. . . Wäre er nur weiblich.

► Die Fremde

Immer weit Hergeholtes. Fremdes, das mir einmal begegnet war. Nicht so, dass ich sie träumend empfing, eher hing ich an ihren Lippen. Denn die Fremde hatte Menschengestalt. Meistens kam sie fraulich daher, hell in ihrer Erwartung, mit strahlenden Augen und gelassenem Mund. Ich wollte ihr Eigenschaften zuweisen, die sie gewiss nicht hatte, und es hätte mich geärgert, wenn sie diese ablehnte. Doch sie bemerkte es gar nicht. Sie war seltsam isoliert. Betonte zu sehr den Körper und die Bewegung. Wollte sich schnell wieder abwenden, weil ich nicht hielt, was sie sich von mir versprach.

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Dabei behauptete ich nicht einmal, ein Mann zu sein, eher ein Dazwischen, was sie sicherlich angezogen hätte, wenn da nicht diese unausgesprochene Eile zwischen uns gewesen wäre.

Sie stellte sich aus. Sie war Prunk und Armut zugleich. Dann verschwand sie als Schimäre. War Luftzug und Erinnern. Sie verlor ihre Körperlichkeit und gerann zu einer Wellenbewegung, weg von mir, hin zu einem sich verlierenden Strom, der in einem Rinnsal erstickt. Ich derweil geriet zu einer Statue, halb seitwärts gedreht, halb im Fallen begriffen. Wie unmöglich es mir war, der Fremden zu folgen.

► Meine Welt

Es ist ein seltsames Spiel. Ich sitze da und starre herüber und erkenne in Worten allmählich meine mir eigene Welt. Es ist eine Jenseitige, eine, die weg will, eine die über den Dingen schwebt und zugleich einer ungeheuren Kraft bedarf, um schwebend zu bleiben. Sie hat sich mir entfremdet. Ich bin ihr Gewicht und ihre Feder.

Versuche ich mir, diese Ambivalenz zu erklären, so bleibt ein Bild, in dem ich als Wanderer einen Schatten hinter mir her zerre. Schaue ich mich um, erkalte ich, strebe ich nach vorne, natürlich in einem mir gemäßen Rhythmus, so bin ich wie in Händen aufgehoben. Mein Atem, mein Leben, hat mich auserkoren.

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► Wellengänge des Mittelmaßes

Immer diese Abneigung hin zu künstlerischer Arbeit. Überdruss und Freude zugleich. Es ist nicht leicht, sich der eigenen Trägheit zu entziehen. Dann die Banalitäten, die mir begegnen, öffnen den Reigen. Ich erkenne keinen Wert. Der Weg in die Öffentlichkeit ist mir zu schwierig. Diese Öffentlichkeit würde mir einzelne Teile herausreißen und mit geiferndem Mund verschlingen.

Die Hermetik, die meine Kunst ausmacht, ist ihre Ausgeschlossenheit. Vielleicht möchte ich auch nur nicht von meiner Gottesposition gestoßen werden. Ins Mittelmaß gezerrt, werden wir von den Scheinwerfern der Gleichgültigkeit angestrahlt, unter denen wir alle verbrennen. Daraus resultiert der Angestelltengleichmut. Es ist zum Verzweifeln und zugleich liege ich auf dem Rücken, in den leichten Wellengängen des Mittelmaßes.

► Ein Konzert

Wenn sie nebeneinandersitzen. Männer und Frauen. Gealtert die einen und die anderen: Kinder in einem gallertigen Erwachsensein gefällig ausgestellt. Scharfe Mienen in einem fordernden Allgemeinen. Alle haben sie Augen füreinander, heben das gerundete, in seiner Ebenmäßigkeit anmaßende Kinn, säumen ein Lächeln mit einem leichten, luftigen Gruß, um sich dann bedächtig einer Musik zu widmen. Alle, die Jungen wie die Alten sind Gäste eines Konzertes. Von der Empore herunter neugieriges Räuspern, unten auf der Bühne, symphonisches Gepränge.

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Lässige Alte in feinem Gewand lehnen aneinander, als müssten sie sich sprachlich stützen. Jede Silbe ist ein Enterhaken. Versponnene Fäden in den Anfängen, dicke Taue in den Augen gebrochener Träume. Dann auch Willkommensgesten der einfachen Art. Wiedererkennung aus den Spalten geöffneter Türen oder den Winkeln aufgeräumter Kellerzellen. Geruch der Fülle, gepaart mit der Einsamkeit der Sterbenden. Über den Schultern hängen schwere Stoffe der Gleichgültigkeit, meist schwarz mit grau melierten alten Anfängen, die sich im Dickicht des Wohlstands verliert. Sie möchten Töne hören, die sie glänzend machen.

Sie sitzen verknöchert neben ihrer Erwartungshaltung und umarmen sie als ihren besten Freund. Seltsam, dass Frauen wie Männer nur als Gerüst erscheinen. Als bestünden sie aus Stahl und Bretterwand. Was sie flüstern, wabert über den Köpfen jener, die aufhorchten, als der Saal geöffnet wurde und die satte Menschheit in die Jungfräulichkeit eines Anfangs im leeren Raum floss. Es sind nur wenige, die Witterung aufgenommen haben.

Sie stehen noch zwischen den Sitzreihen und glauben, Säulen der Überlegenheit zu sein. Verhalten rümpfen sie die Nase über diese scharf geschnittene Bürgerlichkeit.

Vielleicht irgendwo, zwischen den Schultern der sitzenden Menge, ein Gedanke an ein Zimmer, darin ein Flügel, Bücherwände und farbige in sich verschlossene Farbknoten und sich lösendes Blattweiß, das wie geflüchtet scheint, umrahmt von einer alternden wässrigen Weisheit. Energie könnte man herauslesen, aber auch einen eitlen, nackten Selbstbezug, der Respekt einfordert und Distanz.

Miteinander balgend, höhere Töchter und höhere Söhne. In ein gläsernes Schwarz getaucht, reißen sie unaufhörlich Sprachfetzen voneinander ab, als wäre an ihnen eine Tapete der Zugehörigkeit gekleistert, die sie wütend macht. Es ist ein sanfter Mut. Kaum ausgeholte Arme, die zuschlagen wollen. Kaum ein verzerrtes Gesicht, das einen hässlichen Gedanken ausdrückt. Irgendwie eine gemütliche Zurschaustellung des Zwiespalts zwischen Jugend und überlegenem Alter. Ihre Münder sind vorwiegend geschlossen, ein herablassendes Lächeln für jene, die es freut. Ein entschuldigendes Schulterzucken, bevor man sich durch die Türe drängt. Eine zu Gesten verkommene Wirklichkeit.

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Als die Musik beginnt, spürt man ein erhabenes Köpfeheben. Man bettet sich in seine Herkunft ein und wälzt sich in ihr. Körpergeruch entsteht, leicht lässt es sich zueinanderfinden. Ein seitliches Lächeln, ein dankendes Verstehen, ein zurückhaltendes Räuspern. Männer, noch im Geschenkpapier ihres Berufes gehüllt, warten auf einen Beschenkten. Frauen, mit ihrem Banner der Eitelkeit, erzeugen Winde und ergötzen sich in den Brisen der Leichtigkeit. Ihre Arroganz stürzt in sich zusammen, sie wähnen sich unbeobachtet. Alle gemeinsam fallen sie irgendwann in den Schlaf der Gemeinsamkeit. Wellenberge und Wellentäler entstehen, Schwingungen erreichen Ohren, verwandeln sich in heimelige Bilder, diese beschwören Vergangenes herauf.

Als die Musik endet, ein Requiem, erstarrt die Geste des Dirigenten. Stille entsteht, alle denken an sein Greisenalter. So etwas wie der Tod drängt sich in die Stille wie ein Keil und weitet sie. Der Atem, in seiner Höhe angehalten, staut sich vor einer unausgesprochenen Angst. Als der Applaus anhebt, zuerst zögernd, dann tosend, ist es so, als hielten sie sich alle die Hände, weil sie Menschen sind.

► Im Restaurant

Geräuschvolle Frauen an langen Theken verteilt. Schirmmütze und fremder Akzent. Im Aufrichten ein falsches Grinsen im Gesicht, in der Erwartung eines einfachen klugen Satzes. Die einen schleppen sich, die andern federn durch den Gang. Dritte mit schwerem Gewicht huldigen dem Stillstand. Reste von Waren hängen in den Mundwinkeln oder stecken als Schmuck in den oft wirren, bisweilen aber auch streng geordneten Haaren. Die Zähne, die einen ansprechen, sind bunt. Schwarz bis braun, gelockert bis fest und weiß. Glänzend sind vor allem die Brüste.

Nicht, dass sie andere Körper sinnlich berührten, nein, dadurch, dass sie sich empor und zugleich nach vorne drücken, entsteht eine fordernde Geste, welcher nur Kunden nicht widerstehen können. Liebende bleiben winterlich kahl zurück. [>> Franz Schuberts Winterreise; H.S.]

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Er resigniert und zugleich gerät er in eine besonnene Euphorie. Sich nur nicht zu erkennen geben. Selbst im Zwiegespräch eine fast schon lächerliche Zurückhaltung. Die Grammatik wird bemüht. Fremde Zeiten, die man sonst nicht in Betracht zieht, werden bemüht, als befände man sich auf einer Lustrutschbahn hinein (hinab?) in ein kühlendes Nass. Wenn sie lachen, die da drüben, könnte man weinen, ob ihrer verwegenen Leichtigkeit. Manchmal sind sie auch bieder, aber selten. Meistens erheben sie sich und ihre Ware in ein, wie soll man sagen, künstlerisches Selbst.

Sie tauschen sich aus, verformen sich, indem sie die Ware preisen, und verbiegen diese dadurch, dass sie eine Art schaukelnde Unschuld zur Schau stellen, die, würden sie dies so daheim vor ihrem Mann oder der Familie zelebrieren, eine nutzlose Lächerlichkeit erzeugten, in der sie dann jämmerlich ertränken. Aber so verwegen sind sie nicht. Sie sind einfach und zugleich in ein höllisches Rot getaucht. Sie sind Rachen und breit gespreizte Wonne zugleich. Man möchte ihnen hörig sein und sie in den Grund der Hölle wünschen, wo sie zerstückelt den Geist des ewig Verpassten kennenlernen, dem sie, als Mund oder als Auge oder als ledernes Schenkelstück, nur noch Verachtung schenken.

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Es ist spät. Das Gelächter des inneren Kreises versiegt allmählich. Die Dunkelheit des immer Gleichen entsteht. Der rumpelnde Verkehr verschmutzter Münder, in denen Sorge und Rache, Lust und innere Leere die Männer zu Idioten, Herrscher zu dümpelnden Frachtkähnen der Zwänge und Demokraten in die Welt der ungesagten Wahrheiten verweben. Ausgetrocknet flüstern sie Bürgerbeteiligung, bevor sie kraftlos und verängstigt in die Arme federnder Sprunggänse fallen, die sie hopsend in den Horizont der Bedeutung heben, wo sie zappelnd zuckend verenden.

► Stillstand

Der Trost des Traumwandelns. Eine passive, stoische Lebensführung. Vermeiden von Schmerz. Lust als gestalterische Kraft. Ein Anheben, um wieder zusammenzufallen. Wellenform. Schwingend weil poetisch, fallend weil ohne Kraft, emporhebend weil gewollt.

An deren Ende: Stillstand!

► Eine Idee

Den Zeitpunkt finden, um eine Idee, ein Gefühl, Sprache werden zu lassen. Das ist die Kunst. Ein Zögern und Stolpern, ein Vorauseilen und Innehalten. Rhythmen der Seele, aufnehmende Ströme von vormals Gedachtem, bündelnde Wellenlinien der in der Zeit gefangenen Anfänge.

Abgebrochen haben sie Wunden gerissen, angebunden finden sie Sprache, Bilder und Raumverhältnisse, in die sie stürzen wie klettern. Wirbelnde, blinde Gesichte der Ahnungen bilden Geschichten, in denen sich Augen öffnen, Münder bewegen, Gedanken verbinden, als gäbe es einen Trost über den Alltag hinweg.

► Reflexion

Thomas_Eblen_Kuenstler_Heimerdingen_Dichterseele_Spiralen_im_Luftgespraech_Isolierstation_Rueckzug_aus_der_Gesellschaft_Sehnsuchtsort_Kritisches-NetzwerkDas Hermetische meiner Arbeiten, die völlige Abgrenzung gegenüber der herrschenden Kunst und vor allem Kunstrezeption, ist ein unbewusster Schutz vor Vereinnahmung. Natürlich muss ich allmählich beginnen mich nach „Draußen“ zu begeben.

Doch in welcher Form ist mir noch schleierhaft. Meine Verachtung für die da draußen ist eine unheimliche. Ich verstehe sie nicht. Es ist wahrscheinlich ein Gemenge aus Neid und Verachtung. Bloß, worauf soll ich neidisch sein. Ich verbinde mit einer Veröffentlichung eine innere Ruhe und die Gewissheit, Abstand zu haben gegen die Menschen.

Ich möchte nicht Teil einer Unterhaltungskultur sein.

Literatur als Sediment, das gefällt mir. Anschauung mit gesellschaftlicher und politischer Relevanz. Doch sagt man Politik, so meint man Macht. Die Gestaltung ist nur eine Krücke der Macht, damit sie überhaupt beweglich ist, ansonsten wäre sie doch starr und versteinert. Heute scheint Gestaltung nur noch Machterhalt zu sein, sie transportiert keine Dynamik mehr. Ein Volk im Herbst seiner Existenz, so würde Nietzsche sagen. Sich ihr auszusetzen, bedarf es an Kraft.

Nicht umsonst sagt die jüdische deutsch-US-amerikanische politische Theoretikerin und Publizistin Hannah Arendt (* 14. Oktober 1906 als Johanna Arendt in Linden, heutiger Stadtteil von Hannover; † am 4. Dezember 1975 in New York City), dass das „sich Aussetzen“ eine gewisse Immunität voraussetzt.

Können das Künstler haben? Diese Immunität?

Ihre Sensibilität und Aufnahmefähigkeit spricht dagegen, ihr Drang sich zu entäußern, spricht dafür. Sie sollten sich vereinen, eine politische Kraft werden, sie sollten einen Weltbezug und eine Gegenkraft gegen das Herkömmliche bilden.

► Das Kommende

Das Leid immer wieder vor Augen und der Mut, es anzusehen, schwinden von Jahr zu Jahr. Es zieht mich wie ein Gewicht auf die Ebene einer ausgetrockneten Landschaft. Rinnsale der Gleichgültigkeit enden an meinem zitternden Gesicht. Diese Gleichgültigkeit will meine Augen, und meine Zunge lechzt nach ihr, um sie zu liebkosen.

Doch über meinem Körper tobt ein Sturm, Elendsgestalten wirbeln durch die Zeit, Mörderaugen und Angstgesichter gleiten an verzweifelten Gesichtern herab. Die Schwäche der Mächtigen mit ihren Engelskleidern hängt wie ein schweres Gewitter in den kahlen Gebirgen der vergangenen Zeit. Geschichte nennen sie es und doch ist es nur ein unendliches Wiederholen des Gleichen. Verbrämt durch Königtum, Tyrannei, Diktatur oder wissenschaftlich technischem Fortschritt. Der Körper ist immer noch Ausdruck einer Zerstörung des Gleichgewichts. Der Tod ist Hoffnung für die Mächtigen und Grund genug, um ihre Macht an Gleichgesinnte weiterzugeben. . . Nie war es anders.

Im Kleinen wie im Großen sind wir diesen Mechanismen ausgeliefert.

Heute sind es wissenschaftlich ausgebildete Nacktschnecken, die, auf Regen angewiesen, über ausgetrocknete Straßen gleiten oder an hohen Glasgebäuden kleben. Es gilt zu überleben und nur der Zufall kann es richten. Diese Leerstudierten haben kein Organ für die Umsicht. Ausgebildet an Universitäten, werden ihre Sinne abgerichtet, als ob man ihnen die Gliedmaßen abschnitte. Stolpernde Körper, die in Täler rollen, um auf Berge zu gelangen. Stumm in ihrer Sprache, benetzen sie mit ihrem glänzenden Schleim nur schmutzige verglaste Obelisken der Macht in der Hoffnung, aufgesaugt zu werden.

Denn im Inneren herrscht ein knisterndes Vakuum, das die Wände nach innen zieht und es ist immer nur eine Frage der Zeit, bis das Gebäude implodiert und alle, die an ihm kleben, mitreißt. Daraus entstehen seltsam stolze, aufrechte Männer und Frauen, in modisch gekleidete Körper und glänzend zuversichtliche Gesichter gehüllt. Nun haben sich die Mauern in ihnen selbst errichtet, sodass sie, selbst wenn sie es wollten, nicht mehr aus sich selber heraustreten können, was ein Naturgesetz ist. Sie wurden durch ihre Gier gehemmt und sind nun eine Schraube, die auf einem Band liegt. Sie warten darauf, dass ein Gott kommt, sie aufnimmt und in die Mutter der Vergleichbarkeit schraubt. Was bleibt, ist eine lose Verbindung, deren Zweck nur eine Möglichkeit zulässt.

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Tage der Hoffnung werden wieder entstehen. Sie sind nicht voraussehbar. Sie kommen einfach und stellen Räume bereit. Doch wer erahnt sie, findet sie, sucht sie? Sie sind nicht sichtbar. Auch riechen kann man sie nicht oder gar hören. Sie entgehen unseren fünf Sinnen und doch sind sie da. Vielleicht ist die Ahnung, jenes Gebilde, das aus den Gefilden des Lebendigen in uns Breschen des Gleichgewichts schlägt, ein Vorbote oder ein Raumöffner, sodass wir gleichzeitig in sie hinein gehen und hinein gezogen werden.

Sind wir einmal darin enthalten, beginnen wir zu summen, zu singen, zu musizieren. Dabei sieht es von außen betrachtet aus, als stünden wir still, als hielten wir inne, um zu horchen, als hätte etwas unsere Sinne gereizt. Denn auf einmal entstehen Sturzbäche von Bildern, Zusammenhänge, Stimmen, die sich zu einer ― auf einmal ― lebbar sinnreichen Zukunft verbinden.

Thomas Eblen, Ditzingen-Heimerdingen >> info@thom-eblen.de

P.S.: Ich freue mich auf neue Kontakte, ziert Euch nicht und schreibt mir. Lest bitte auch meine weiteren Artikel, die Ihr hier weiter unten aufgelistet findet.
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Thomas Eblen, Jahrgang 1962, ist Handwerksmeister und hat 30 Jahre mit psychisch kranken Menschen gearbeitet. Jetzt ist er freischaffender Künstler, Dichter, Musiker und Maler, arbeitet aktuell wieder Teilzeit in seinem letzten Beruf. Er betreibt den Podcast „Dichterseele“ auf Spotify, wo man seine Musik und Texte hören kann. Er hat eine CD mit eigener Klaviermusik herausgebracht. Sie heißt „Spiralen im Luftgespräch“. Man kann sie auf den meisten Streamingdiensten hören und beim Künstler erwerben.

Weitere Informationen unter thom-eblen.de.

  »Zumutungen sollen nicht Abwehr, sondern Neugier erzeugen. Auf der Isolierstation (III).

Vorbem. Manova-Red.: "Im Literatur-Salon von Manova (vormals Rubikon) soll ab und zu auch Platz für Texte sein, welche Erkenntnisse über den Menschen und das Menschenmögliche, über Kommunikation und Isolation, über die „Condition humaine“ (Bedingungen oder Umstände des Menschseins) experimentell aus der Sprache herausdestilliert. Platz für Texte, die verstören. Hier ist ein solcher Text. Viel wird über Spirituelles und Seele und Selbstfindungen theoretisiert ― dieser Text kommt von der anderen Seite her.

Er ist eine gelebte, in Sprache gesetzte Vision in verschiedenen Teilen, die wohl besser als Impressionen zu bezeichnen sind. Aus dem Innern, aus einem Konzert, aus einem Restaurant. Gedanken schießen durch den Kopf. Ungehindert, auch politisch, eine kurze klare Reflexion inbegriffen. Am besten laut lesen, langsam ― ein Tropfen Rotwein kann förderlich sein. Das Licht nicht zu grell."

T. Eblen: Dicke Wand: Liege da, schwimme auf meinem eigenen Horizont. Die Nase, um das Atmen zu gewährleisten, versucht sich durch das eigene Medium zu drücken, damit sie Luft bekommt. Die Arme winden sich, sie halten den Körper in der Waagrechten. Der Blick geht nach oben und sieht nichts. Als ob ich in einem Gewässer läge. Früher schon war mein Blick liegend am sehnsüchtigsten.

Ist er es jetzt auch? . . Zumindest bin ich unauffindbar oder auch unauflösbar.

Es gibt Menschen, die mich begreifen, aber die Unzahl derer, die vor mir eine dicke Wand bilden, scheint übermächtig. Sie lieben keine Geheimnisse. Man hat sie niemals aufgeklärt. In der Klarheit der Argumentation, oder der Prosa erinnerter Schulaufsätze, ist alles so einfach. Führt zu nichts, bleibt eine Kreisbewegung, hat keinen Zug in die Tiefe. Diese Tiefe ist mein Schatz, den ich zugleich heben und küssen will. Ich begehre ihn. . . Wäre er nur weiblich.« Von Thomas Eblen, im KN am 22. Juni 2023 >> weiter.

  »Facetten des Verhältnisses zwischen Arbeitern und Gesellschaft. Die Möchtegern-Proletarier. Vorbemerkung der Manova-Red.: Versuche, Intellektuelle und Arbeiter zusammenzubringen, gibt es schon lange ― meist scheitern sie, weil sich beide Milieus zutiefst fremd geblieben sind. Thomas Eblen, ein Arbeiterkind zeit seines Lebens, beleuchtet in einem essayistischen Streifzug Facetten des Verhältnisses zwischen Arbeitern und Gesellschaft. Er zeigt insbesondere, dass das „Proletariat“ überwiegend für akademische Theorien instrumentalisiert wird, selbst aber keine eigene Stimme bekommt. Intellektuelle linker Ausrichtung sprechen mit Vorliebe über, selten aber mit Arbeitern. In der Widerstandsbewegung, die mit Corona aufgekommen ist, droht sich dieses Muster zu wiederholen.

Thomas Eblen: Ich stamme aus dem Milieu der Arbeiter und bin dortgeblieben. Doch wer sind eigentlich die Arbeiter. Sie werden von der Intelligenz, so nenne ich die Deutungsmacht, definiert und instrumentalisiert für ihre Theorien. Mit ihnen wird kaum gesprochen, geschweige denn, dass sie Platz bekämen im Debattenraum. Besonders enttäuschend für mich ist, dass auch die freien Medien nicht in der Lage sind, mit ihnen wirklich in einen Dialog zu treten beziehungsweise ihnen eine Stimme zu geben.

Es scheint mir, kritische Kreise würden die Arbeiter lediglich brauchen für den Fall, dass es eskaliert, da die Arbeiter bei weitem die größte gesellschaftliche Gruppe ausmachen, also den Gesellschaftskörper bilden, während die Intellektuellen meist nur Einflüsterer sind. Aber zu Macht sollen Arbeiter nicht kommen, das soll in der Hand der sogenannten Eliten bleiben. Oder interpretiere ich das falsch? Dazu einige Anmerkungen. « Von Thomas Eblen, im KN am 16. Juni 2023 >> weiter.

  »Drei Menschen und die Auswege aus ihren Miseren. Verwandlung als Rettungsversuch. Die Poetik-Ecke XVI skizziert am Beispiel von Franz Kafka, Peter Handke und Gertrud Kolmar, wie Menschen Auswege aus ihren Miseren suchen, indem sie eine Gegenwelt auffächern.

„Der du dies liest, gib acht; denn sieh, du blätterst einen Menschen um.“ Dieses Zitat stammt von der deutschen Lyrikerin und Schriftstellerin Gertrud Kolmar. Thomas Eblen beleuchtet in der Poetik-Ecke XVI drei Künstler, die ihr Schicksal und ihr Leben in unaufgeregte, aber betörende Bilder, Räume, ja Welten verwandelt haben. Die Möglichkeit der Verwandlung ist einer der großen Vorzüge des Menschen.« Von Thomas Eblen, im KN am 16. März 2023 >> weiter.

»Massenverkasperungen durch Politik, Wirtschaft und Medien. Irgendwo lauert der Irrsinn! Nachrichten aus Gagaland Teil 2 - ein ironisch grotesker Seitenblick. Politik: Der neue Verteidigungsminister hat ein innovatives Waffensystem in Auftrag gegeben. Schon seine Vorgängerin war darüber informiert, zögerte allerdings zu lange, was, so aus gemieteten Kreisen, ein Grund für den Rücktritt in voller Länge war. Der Arbeitstitel heißt 'Wespe Maya'. Ein Zwitter zwischen Angriff und Verharmlosung, Scharfschütze und Badewanne, zu Fuß gehen oder Fahrrad fahren.« von Thomas Eblen, im KN am 08. März 2023 >> weiter.

»Eine verrückt gewordene Gesellschaft. Nachrichten aus Gagaland - ein ironisch grotesker Seitenblick. Wenn das Unerträgliche unerträglich wird, müssen wir die Wahrnehmung brechen, um ein wenig Distanz zu gewinnen. Dazu gehört die Ironie, der Sarkasmus oder die Absurdität. Ansonsten bleibt einem nur noch die Depression, so dass wir im Weltschmerz gleichzeitig erfrieren und verglühen.

Somit ist das Lachen, wenn es einem nicht im Hals stecken bleibt, befreiend in dem Sinn das man Abstand gewinnt. Eine beliebte Art die Menschen auf Distanz zu halten, oder ihnen verblümt die Meinung zu sagen. Da wir in einer verrückten Welt leben, muss man mit einer noch verrückteren antworten, neben der viel wichtigeren Wahrhaftigkeit und die damit verbundene Aufklärung.

Die Wissenschaft und die Politik versucht Ordnung in die Sphäre zu bringen, indem sie Gesetze formuliert oder deduktive Ketten der Vernunft beschreibt. Das ist „voll witzig“ denn wer jemals einen Menschen kennengelernt hat, weiß dass sein innerer Haushalt aus Gefühlen und daraus resultierenden Irrationalitäten besteht, wir alle der unheimlichen Kontingenz unterliegen, und versuchen mit unseren eingeschränkten Sinnen, eine Wahrnehmung in eine Festung zu verwandeln, wo der Feind keinen Weg findet uns zu erobern.

Da ist alles möglich. Darum die jetzt noch ironisch überhöhte Sicht die in der Zukunft wirklich werden könnte. Ohne Spaß!« von Thomas Eblen, im KN am 09. Februar 2023 >> weiter.

»Gedanken zu Art und Weise über Kunst und Künstler: Die Kunst, die wieder vonnöten wäre, beginnt bei Selbsterkenntnis und endet in Bewegung. Im Geiste des Hölderlin-Zitats „Komm! ins Offene, Freund!“ Heutzutage wird ja immer zuerst gefragt. Darf ich noch Kinder in die Welt setzen, darf ich noch ein Mann, eine Frau sein, muss ich mich einschränken, darf ich über meine körperlichen Verhältnisse leben, darf ich noch reisen, lieben, schwimmen, anders sein, gleich sein und so weiter und so weiter.

Wenn man Fragen stellt, glaubt man, sie nicht selber beantworten zu können. Deshalb gibt es Experten, die genau dies tun. Doch dies zeugt von einer fast schon degenerierten Eigenwahrnehmung. Thomas Eblen denkt im Geiste des Hölderlin-Zitats „Komm! ins Offene, Freund!“ auf originelle Art und Weise über Kunst und Künstler nach und zeigt dadurch die Leerstellen dieser Zeit.« von Thomas Eblen | RUBIKON, im KN am 08. Februar 2023 >> weiter.

»Unsere Wahrnehmung von Geschwindigkeit, Zeit, Mitmenschen. Der Mensch ist ein Betrüger seiner selbst und betrügt auch die anderen. Die Wiedergewinnung der Langsamkeit.

Wenn wir unseren allzu hektischen und zerrissenen Alltag erfolgreich entschleunigen wollen, brauchen wir vor allem wieder mehr Mut zur Selbstbegegnung. Ja, die Langsamkeit ist ein Phänomen, das wir meistens an anderen wahrnehmen, und zwar wenn wir in Eile sind. Sie ist also dynamisch und von unserer Wahrnehmung abhängig. Dadurch dass wir, zumindest heutzutage, nur die Langsamkeit der anderen wahrnehmen — und zwar als Last, als Ärgernis — merken wir selber nicht, wie schmerzlich wir sie vermissen. Denn jeder Langsamkeit geht ein Grundgefühl voraus, nämlich Zeit zu haben. Also frei über sie verfügen zu können.

Hier nun einige Beispiele, wie sehr uns das heutige Leben unsere verfügbare Zeit raubt. Wir können auf diese Weise gar nicht mehr zu uns selbst kommen. Vielleicht wollen wir es auch gar nicht, denn um uns selbst kennenzulernen, braucht es Zeit. Und Mut!« von Thomas Eblen, im KN am 22.01.2023 >> weiter.

»Unser Wahrnehmungsvermögen und seine Tücken. Paranoia, Unsicherheit, Gruppengefüge, Kontrollzwang und der unsichtbare Feind. Die Angst vor einer nicht greifbaren Gefahr bewirkt, dass sich Menschen nur noch mit einer bedrohlichen Außenwelt beschäftigen, statt sich selbst zu vertrauen.

Da unser Wahrnehmungsvermögen eingeschränkt ist, sehen wir immer nur einen Bruchteil der Wirklichkeit. Hätten wir das Sehvermögen eines Adlers oder den Geruchssinn eines Hundes, würden wir die Welt völlig anders wahrnehmen. Eben weil wir ahnen, dass da mehr ist, als wir überblicken können, macht uns dies unsicher. Deshalb bilden wir uns manchmal vorschnell ein Urteil oder sind angewiesen auf die Einschätzung anderer.« von Thomas Eblen | RUBIKON, im KN am 15. Januar 2023 >> weiter.

»Der Akademikeranteil in der Bevölkerung ist zu hoch. Er lässt eine Gesellschaft in eine destruktive Eigendynamik abgleiten. Das akademische Übergewicht bringt die Gesellschaft ins Ungleichgewicht. In den letzten Jahrzehnten hat sich der Anteil akademisch ausgebildeter Menschen in der Gesellschaft drastisch erhöht. Man kann es an der deutlich gestiegenen Anzahl Studierender sehen, die sich in Universitäten und Fachhochschulen um einen Abschluss bemühen, um für die höhere Laufbahn in Institutionen und Ministerien oder der Wirtschaft und den Medien bereit zu sein. Manche bleiben auf der Universität, um zu lehren oder Wissenschaft zu treiben; andere gehen in Unternehmen oder in staatliche Institutionen, um dort Karriere zu machen.

Durch das hohe Angebot und die relativ geringe Nachfrage entsteht einerseits ein hoher Leistungsdruck, aber ebenso ein starker Anpassungswille. Hinzu kommt noch die mediale Ehrgeizpropaganda, nach der jeder seines Glückes Schmied sein soll. Man fragt sich: Wozu werden so viele Akademiker gebraucht?« von Thomas Eblen | RUBIKON, im KN am 12. Januar 2023 >> weiter.

»Das Du im Widerstreit mit dem Ich. Das Du in mir. Auseinandersetzungen in der Außenwelt sind oft nur ein Spiegel der Dialoge, die wir mit Instanzen in uns selbst führen. Unser inneres Geschehen ist überbordend, irrational, emotional und vor allem weltgestaltend. Wir projizieren es auf unser Umfeld. Um uns selbst zu rechtfertigen, verfallen wir in Monologe oder treten mit uns selbst in einen Dialog, um uns entweder zu bestätigen, zu verteidigen oder gar zu zerstören.

Diesem Dialog, in dem das Ich mit dem Du konferiert, geht der Dichter Thomas Eblen nach, indem er Situationen beschreibt, in denen sich dieses Du im Widerstreit mit dem Ich artikuliert. Dabei wird das Ich empfänglich, auch für das, was uns anfällig macht: Angst. Auch politische Verletzungen und Wünsche können auf jenen Kampf zurückgeführt werden, den wir mit dem Gegenüber in uns selbst führen. Eine unpolitische-politische Meditation.« von Thomas Eblen | RUBIKON, im KN am 11. Januar 2023 >> weiter.

»Die echten Gefühle bleiben heute auf der Strecke. Sie werden zum großen Teil künstlich geschaffen. Als Fiatgeld bezeichnet man ein Zahlungsmittel, das aus dem Nichts geschaffen wird. An diesem Prinzip gab es viel Kritik. Doch wie steht es mit den Gefühlen, die über Kino, Fernsehen, die Zeitung und andere Medien auf uns einströmen? Sind diese Gefühle nicht auch aus dem Nichts geschaffen, um uns, die Empfänger, zu manipulieren?

Für eine genauere Betrachtung muss man zwei Sphären unterscheiden, jene der persönlichen Begegnung und die der virtuellen Sphäre. Der Bildschirm ist es, von dem all die Gefühle in unsere Herzen strömen, ohne dass wir uns bewusst sind, was diese mit uns machen.

Echte Gefühle sind keine Wissenschaft, die man lehren oder erlernen kann. Schon gar nicht kann man sie standardisieren, weil sie unmittelbar wirken. Sie haben ihren Nährboden in der unmittelbaren Nähe anderer Menschen. Die Gefühle aus der virtuellen Welt zerstören dagegen diese Nähe. Dazu nachfolgend einige meiner Gedanken.« von Thomas Eblen | RUBIKON, im KN am 7. Januar 2023 >> weiter.

»Szenen sanfter Ausgewogenheit: Bewahren und Festhalten, Veränderung und innere Leere. Ein stiller Beobachter nähert sich in der nötigen Distanz den Menschen. Thomas Eblen, der Dichter aus der Isolierstation, zeigt hier Situationen, denen Menschen ausgesetzt sind und denen sie manchmal berechnend, oft aber nur hilflos gegenüber stehen. Es geht um das Bewahren und Festhalten, um Veränderung und die innere Leere, die dazu führt, dass sich Menschen in unserer Angestelltengesellschaft nur noch verhalten. Sie werden nie zur Person. Am Ende steht noch ein sehr dichter Text — zugegeben eine Zumutung — als Ausklang gedacht.« von Thomas Eblen | RUBIKON, im KN am 5. Januar 2023 >> weiter.

»Die Menschen haben sich in eine Schläfrigkeit begeben. Die Schönheit des Lebendigen scheint vergessen. Der freischaffende Künstler, Dichter, Musiker und Maler Thomas Eblen hat auf die Dichter-Kollegen gewartet, auf ihr Wort zu dieser Zeit. Dieses Wort blieb aus. Und so hat er selber nach diesen Worten gesucht, nach Worten, die vor Augen führen, was in dieser Zeit geschieht. Herausgekommen ist ein essayistischer, mit Bildern durchsetzter Text eines „Außenseiters“, der bei aller Beklemmnis einen Weg aufzeichnet. Wie werden wir mit der Macht, die über uns und in uns ist, fertig? In dem Sinn, dass wir mit ihr leben können?« von Thomas Eblen | RUBIKON, im KN am 29. Dezember 2022 >> weiter.

»Rückzug aus der Gesellschaft, auf Isolierstation. Zeugnis eines Verzweifelten und zugleich Hoffenden. Hier geht es um einen Menschen, der sich vollkommen aus der Gesellschaft zurückgezogen hat — er ist nur noch Beobachter, der Wahnsinn des Normalen macht ihn ohnmächtig. Er hat viele Möglichkeiten. Er kann sich ausdrücken in Musik, Bild und Sprache. Doch er ist anachronistisch, wie es so schön heißt. Er kann nicht an die heutige Welt andocken, zu hermetisch sind seine Aussagen. Deshalb verharrt er in einem seltsamen Inneren.

Das Äußere überwältigt ihn, ohne ihn zu berühren. Er ist fassungslos. Er ist nicht fähig, Widerstand zu leisten, zu weich ist sein innerer Kern. Er kann nur seine Welt, seinen Sehnsuchtsort, nach außen tragen. Ja, es ist die Reise eines Abenteurers ohne Mut, eines Feiglings, der trotzdem genug Kraft aufbringt, um etwas aus sich selbst heraus zu schaffen, um es der Öffentlichkeit preis zu geben. Hier nun Teile seiner Aufzeichnungen.« von Thomas Eblen | RUBIKON, im KN am 27. Dezember 2022 >> weiter.


Quelle: Dieser Text von Thomas Eblen erschien als Erstveröffentlichung am 21. Juni 2023 bei MANOVA (vormals RUBIKON) >> manova.news/ >> Artikel. MANOVA versteht sich als Magazin für neue Perspektiven und lebendige Debatten, vertreten durch die Geschäftsführerin Jana Pfligersdorffer. Herausgeber & Chefredakteur ist Roland Rottenfußer.

Die vierte Gewalt ist vom Wachhund zum Schmusekätzchen der Politik und Wirtschaft mutiert. Wir, das Team von MANOVA, haben Biss – bieten schonungslose Kritik, lebendige Debatten und beleuchten neue Wege für eine menschen- und mitweltfreundliche Gesellschaft.

MANOVA vereint ein kleines Team aus idealistischen Redakteuren, Lektorinnen und Programmierern mit einer Vielzahl engagierter Autorinnen und Autoren verschiedenster Couleur: vom Profijournalisten über Schüler bis hin zu Krankenpflegern und Anwältinnen. Wir setzen auf Vielfalt statt auf Machtkonzentration, auf Kooperation statt auf Konkurrenz.

MANOVA will inspirieren und zum eigenen Handeln ermutigen. Glück und Lebensfreude sind politisch, daraus schöpfen wir Kraft für unser Engagement. Menschen, die für etwas brennen, hält niemand auf! Die politische Gesamtlage ist so brisant, die Angriffe der Gegner einer humaneren Gesellschaft sind so zerstörerisch, dass MANOVA (vormals RUBIKON) weiter gebraucht werden. Wer MANOVA unterstützen möchte >> HIER.
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1. Spirituelles, Seele und Selbstfindung. Foto: KELLEPICS / Stefan Keller ANIMATED COMPOSING ART >> https://www.kellerwelten.com/ . Quelle: Pixabay. Alle Pixabay-Inhalte dürfen kostenlos für kommerzielle und nicht-kommerzielle Anwendungen, genutzt werden - gedruckt und digital. Eine Genehmigung muß weder vom Bildautor noch von Pixabay eingeholt werden. Eine Quellenangabe ist nicht erforderlich. Pixabay-Inhalte dürfen verändert werden. Pixabay Lizenz. >> Foto.

2. Die Fremde hatte Menschengestalt. Meistens kam sie fraulich daher, hell in ihrer Erwartung, mit strahlenden Augen und gelassenem Mund. Ich wollte ihr Eigenschaften zuweisen, die sie gewiss nicht hatte, und es hätte mich geärgert, wenn sie diese ablehnte. Doch sie bemerkte es gar nicht. Sie war seltsam isoliert. Betonte zu sehr den Körper und die Bewegung. Wollte sich schnell wieder abwenden, weil ich nicht hielt, was sie sich von mir versprach.

Sie war Prunk und Armut zugleich. Dann verschwand sie als Schimäre. War Luftzug und Erinnern. Sie verlor ihre Körperlichkeit und gerann zu einer Wellenbewegung, weg von mir, hin zu einem sich verlierenden Strom, der in einem Rinnsal erstickt.

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3. Schatten: Als Wanderer zerre ich einen Schatten hinter mir her. Schaue ich mich um, erkalte ich, strebe ich nach vorne, natürlich in einem mir gemäßen Rhythmus, so bin ich wie in Händen aufgehoben. Mein Atem, mein Leben, hat mich auserkoren. Foto: Heine Christiansen. Quelle: Flickr. Die Datei ist unter der CC-Lizenz Namensnennung - Nicht-kommerziell - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 Generic (CC BY-NC-SA 2.0) lizenziert.

4. Konzertsaal mit vollbesetzten Emporen. Das ehemalige Metropolitan Opera House (39. Straße) in New York City. Ein volles Haus, von der Rückseite der Bühne aus gesehen, im Metropolitan Opera House bei einem Konzert des Pianisten Josef Hofmann, 28. November 1937. Foto/Urheber: unbekannt. Quelle: Wikimedia Commons. Diese Datei wurde Wikimedia Commons von der National Archives and Records Administration im Zuge eines Kooperationsprojektes zur Verfügung gestellt. Die National Archives and Records Administration hat gemeinfreie und freilizenzierte Bilder der amerikanischen Geschichte und der Weltgeschichte bereitgestellt. Dieses Werk ist in den Vereinigten Staaten gemeinfrei, da es von Mitarbeitern der US-amerikanischen Bundesregierung oder einem ihrer Organe in Ausübung ihrer dienstlichen Pflichten erstellt wurde und deshalb nach Titel 17, Kapitel 1, Sektion 105 des US Code ein Werk der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika ist.

5. Die Elbphilharmonie (kurz auch Elphi genannt) ist ein im November 2016 fertiggestelltes Konzerthaus in Hamburg. Sie wurde mit dem Ziel geplant, ein neues Wahrzeichen der Stadt und ein „Kulturdenkmal für alle“ zu schaffen. Das 110 Meter hohe Gebäude im Stadtteil HafenCity liegt am rechten Ufer der Norderelbe an der Spitze des Großen Grasbrooks zwischen den Mündungen der Hafenbecken Sandtorhafen und Grasbrookhafen. Es gibt den großen Konzertsaal mit 2100 Sitzplätzen, einen Kleinen Saal mit 550 Plätzen sowie einen dritten Saal, das Kaistudio 1, mit 170 Sitzplätzen. Das Foyer um den großen Saal ist mit Eichenparkett ausgelegt. Foto/Urheber: Coufeyrac. Quelle: Wikimedia Commons. Diese Datei ist lizenziert unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international“ (CC BY-SA 4.0).

6. Lachende Frauen während eines Restaurantbesuchs. Foto: qpointstudio. Quelle: freepik >> https://de.freepik.com/ . Freepik-Lizenz: Die Lizenz erlaubt es Ihnen, die als kostenlos markierten Inhalte für persönliche Projekte und auch den kommerziellen Gebrauch in digitalen oder gedruckten Medien zu nutzen. Erlaubt ist eine unbegrenzte Zahl von Nutzungen, unbefristet von überall auf der Welt. Modifizierungen und abgeleitete Werke sind erlaubt. Eine Namensnennung des Urhebers (qpointstudio) und der Quelle (Freepik.com) ist erforderlich. >> Foto.

7. Geselliges Beisammensein in einem Restaurant. Foto: Freepik (kein detaillierter Name genannt). Quelle: freepik >> https://de.freepik.com/ . Freepik-Lizenz: Die Lizenz erlaubt es Ihnen, die als kostenlos markierten Inhalte für persönliche Projekte und auch den kommerziellen Gebrauch in digitalen oder gedruckten Medien zu nutzen. Erlaubt ist eine unbegrenzte Zahl von Nutzungen, unbefristet von überall auf der Welt. Modifizierungen und abgeleitete Werke sind erlaubt. Eine Namensnennung des Urhebers (Freepik) und der Quelle (Freepik.com) ist erforderlich. >> Foto.

8. Thomas Eblen bei Aufnahmen in den Bauerstudios Ludwigsburg >> https://www.bauerstudios.de/. Aus diesen Aufnahmen entstand die CD: Spiralen im Luftgespräch. Die CD kann man auf fast allen Streamingdiensten anhören oder direkt beim Künstler erwerben. Foto: Copyright ©️ Thomas Eblen. Das Foto bitte nur mit ausdrücklicher Genehmigung von Thomas Eblen zur redaktionellen Nutzung veröffentlichen. >> info@thom-eblen.de.

9. Gedicht von Hermann Hesse (1919). Bild-Text-Zusammenstellung: Helmut Schnug.

Gestutzte Eiche

Wie haben sie dich, Baum, verschnitten,
Wie stehst du fremd und sonderbar!
Wie hast du hundertmal gelitten,
Bis nichts in dir als Trotz und Wille war!

Ich bin wie du, mit dem verschnittnen,
Gequälten Leben brach ich nicht
Und tauche täglich aus durchlittnen
Roheiten neu die Stirn ins Licht.

Was in mir weich und zart gewesen,
Hat mir die Welt zu Tod gehöhnt,
Doch unzerstörbar ist mein Wesen,
Ich bin zufrieden, bin versöhnt,

Geduldig neue Blätter treib ich
Aus Ästen hundertmal zerspellt,
Und allem Weh zu Trotze bleib ich
Verliebt in die verrückte Welt.